GietzenerZamilienblAter Unterhaltungrheilage zum Eretzener Anzeiger Samstag, -en 25. Zebruar Z rhrgaug <928 Nummer |6 Ab chied. Bon Eduard M ö r i k e. Unangeklopft ein Herr tritt abends bei mir ein: „Ich habe die Ehr', Ihr Rezensent zu sein." Sofort nimmt er das Licht in die Hand, Besieht lang meinen Schatten an der Wand, Rückt nah und fern: „Nun, lieber junger Mann, Sehn Sie doch gefälligst mal Ihre Ras' so von der Seite an! Sie geben zu, caß das ein Auswuchs is." — Das? Alle Wetter — gewiß! Ei Hasen! ich dachte nicht, All mein Lebtage nicht, Daß ich so eine Weltsnase führt' im Gesicht!! Der Mann sprach noch verschiednes hin und her, Ich weiß, auf meine Ehre, nicht mehr; Meinte vielleicht, ich sollt' ihm beichten. Zuletzt stand er auf; ich tat ihm leuchten. Wie wir nun an der Treppe sind, Da geb' ich ihm, ganz froh gesinnt. Einen kleinen Tritt Nur so von hinten aufs Gefäße mit — Alle Hagel! ward das ein Gerumpel, Ein Gepurzel, ein Gehumpel! Dergleichen hab' ich nie gefehn, All mein Lebtage lucht gefehn, Einen Menschen so rasch die Trepp' hinabgehn! „Ts waren zwei Königskinder". Novelle von Theodor Storm. Es ist ein Erlebnis, das ich heute erzählen will; nicht mein eigenes; es ist mir selbst erzählt woroen, aber von so lebendiger Erinnerung getragen, daß ich nur hätte nachzuschreiben brauchen. Mckte Juli war es, eine taue Sommernacht; mir sahen mit unseren Gästen auf der Terrasse unseres Landhauses, und so weit die Hellen nordischen Sommernächte es gestatteten, lag um uns her der Garten schon in Duft und Dämmer; nur am Himmel über uns strahlte im Sternbilde des Perfeus der prächtige Algol. Wir hatten lebhaft geplaudert, etwas philosophisch sogar, über kleine Ursachen und große Wirkungen. „Soll es doch geschehen sein," sagte der alte Doktor, „daß nachts eine Maus über die Nase einer königlichen Geliebten gesprungen ist, und der König hat darüber eine große Schlacht verloren!" Wir lachten; aber das steigende Dunkel löschte das Gespräch allmählich aus. Mein Vetter, der Musiker, der sich die Erlaubnis zu einer langen Pfeife ausgebeten hatte, hielt feine Augen auf den funkelnden Stern gerichtet und blies schon lange schweigend seine Rauchwolken gen Himmel. „Ja," sagte er jetzt, wie zu sich selber, „wenn man nicht näher zusah, so war es auch nur ein Rausch — ein Räuschlein! — Meine nächsten Freunde vom heiligen Konservatorium, wo sind sie? Man soll sich in acht nehmen; es liegt uns überall im Wege!" „Was faseln Sie da, Fritz?" frug unser Doktor leise. „Ich fasele, nicht, lieber Doktor, aber es ist so wunderbar um uns; man machte den Toten einmal Gehör geben; ich habe es Ihnen vor Jahren, da es m ch eben stark geschüttelt hatte, auch wohl schon erzählt!" Der Doktor schwieg einen Augenblick: „Das mit dem jungen Marx?" sagte er bann. Mein Vetter nickte. „Sie haben recht, Fritz, und wenn die Erinnerung Sie drängt, so erzählen Sie es jetzt auch den andern; ich mein’, es ist jetzt eine rechte Stunde, und ein gutes Gedenken könnte, wenn man so sagen dürfte, auch denen wohltun, welche nicht mehr sind." „Wollen mir das annehmen!" erwiderte Fritz, und da auch mir andern in ihn drangen, so begann er: „Schon fast zwei Jahre war ich auf dem Konservatorium in *** gewesen, da wurde es mir eines Tages klar, daß für hochbegabte Musiker dort vielleicht sehr viel, für Leute meines Schlages aber trotz der besten Musik, die dort gemacht wurde, verzweifelt wenig zu holen sei; denn eine feste, das Ganze beherrschende Methode der Technik fehlte bem Klavierunterricht dort zu jener Zeit — das ist auch heute noch meine Ansicht, und die Anstalt war feit mehreren Dezennien unter der Direktion eines alten Herrn geblieben, der als Klavierlehrer nur die anstellte, die ihm von den besten Sachkundigen nicht empfohlen waren. Jetzt mag das alles ja ganz anders fein. . „Damals aber — nach Beratung mit Gleichgestimmten und nach emgeholter väterlicher Erlaubnis — ging ich Ostern 187* nach Stutt- gart, wo die Hochschule der Musik unter Faißts Direktion und mit der Lebert-Starkschen Methode viele Schüler hinzog; zumal auch Liszt — so hieß es — wesentlich nur der dort Gebildeten sich musikalisch annahm. Bald war ich geprüft und aufgenommen und hatte Silberburgftr. Nr. 21 bei einem nachdenklichen Schneider meine Wohnung eingerichtet; die Möbelausstattung war etwas dürst g, aber das Zimmer recht groß, und das Pianino, das ich rasch gemietet hatte, klang in dem leeren Raume prächt.g. „Noch entsinne ich mich des Morgens, da die erste Stunde für Harmonielehre bevorstand; ein grimmiges Gewitter entlud sich über der Stadt; mir war, als hätte ich solche Donner zuvor noch nie gehört. Ich stand in Zweifel, ob ich gehen sollte; denn ich besaß keinen Regenschirm. Endlich ließ es nach, und ich machte mich auf den Weg. Ein etwas unzufriedener Blick des Lehrers empf.ng mich bei meinem Eintritt: an ein Zufpätkornmen schien man hier nicht gewöhnt zu sein. „In derselben Reihe mit mir saß ein junger Mann, dessen schönes Antlitz während des Vortrages unwillkürlich meine Aufmerksamkeit auf sich zog; unter dunkel gelocktem Haar wandten zwei milde braune Augen sich ein paarmal zu mir. Als wir nach dem Ende des Unterrichts auf die Straße getreten waren, regnete es wieder. „Sie haben keinen Schirm", sagte er freundlich, indem er auf mich zukam; „wo wohnen Sie? Ich werde Sie nach Hause bringen!" Ich dankte ihm, und mir gingen unter seinem Schirm meiner Wohnung zu; unterwegs erfuhr ich, daß er der Sohn eines Musikdirektors aus Basel sei, dessen Namen ich später mehrfach in Werken über Musik getroffen habe. Aus feinem Antlitz wie aus feinen Worten sprachen Güte und Verstand; ich fühlte, ich fei bei einem Ueberlegenen, der gleichwohl diese Eigenschaft mir gegenüber nur gebrauchen werde, mir zu helfen, mich zurechtzuweifen. Und so geschah es auch; obwohl ihm später viel Fertigere zur Wahl standen, er spielte am liebsten doch mit mir; ich sah es bald, wie alle, die ihm näherstanden, ihn verehrten. „Aber" -- unterbrach sich der Erzähler — „ich muß um Nachsicht bitten, daß ich bei ihm verweile, denn von einem andern wollte ich erzählen; es ist nur — er ist nach einem kurzen Glücke jung gestorben, und die Leere, die mir sein Tod gelassen, empfinde ich noch immer. „Da wir schon meiner Wohnung nahe waren, kam aus einer Nebengasse mit nervöser Hastigkeit, mit stapfigen Schritten ein junger Mann auf uns zu, von gelblicher Gesichtsfarbe und schlichtem, schwarzen Haar; seine dunklen Augen, die er forschend auf mich richtete, schienen fast zu zittern. „Auch ein Konservatorist!" flüsterte mein neuer Freund mir zu; „der Vater ist ein Schwabe, der als angesehener Gelehrter in Metz lebt; daß wenigstens seine Mutter eine Französin ist, sehen Sie wohl selbst". Indessen stand er vor uns. „Ah, Walter!" rief er, „wen schleppst denn du da mit dir durch die Stadt?" Er zog seinen kleinen Hut, der, wie seine übrige Kleidung, recht durchnäßt war'; denn auch er trug keinen Schirm. „Kommen Sie, bis der Regen nachläßt, mit in meine Wohnung," sagte ich, ihn begrüßend, „da können wir Bekanntschaft machen, denn auch ich gehöre zu Ihrem Orden." „Er warf flüchtig den Kopf zu mir herum: „Haben Sie denn auch die Nerven zu dem alleinseligmachenden Anschlag mitgebracht? Es kommt hier auf ein Menschenleben nicht groß an!" „Ich hoffe", sagte ich lachend; dann fliegen wir die drei Treppen zu meinem Zimmer hinauf. Der Halbfranzofe beguckte, lebhaft mit feinen Fingern spielend, d>e Bilder vom verlorenen Sohn, die nebst König und Königin an der Wand hingen, sah dann durch seine Brille aus dem Fenster in den tröpfelnden Regen, dabei unterteilen den Kopf nach mir zurückwendend; bann trat er plötzlich zu mir, musterte meine lange Figur von den Fußspitzen bis zu meinem blonden, nordischen Haupte und sagte lebhaft: „Sacre nom de Dien, Walter! Wo hast du diesen Senfkerl eingefangen?" „Was bin ich?" Ich wollte schon aufbrausen, aber Walter trat dazwischen: „Wir haben ein gelindes Rotwelsch unter uns: Senfkerl, Senfmädchen ist bei uns der Superlativ vom Allerbesten, und Marx ober alias Lavendel — denn er kann nicht ohne Wohlgerüche leben — redet gern in diesem Idiom. Darüber dürfen Sie ihm nicht zürnen, er ist mein guter Freund!" „Sans doute! Sans doute!" rief der Halbfranzofe; „aber siehst du, Walter — kennen Sie den schon?" unterbrach er sich und wandte sich zu mir. „Nun, Sie werden Ihre Freude an ihm haben! Aber ich meine, Sie sind unser vierter Mann; abends für unsere Versammlungen, wenn bei einer Pfeif' Tobak Kopf ud Hände wieder zur Ruhe kommen sollen! Der Franz, unser Dritter, das ist der Humorist, man sieht es kaum bem Blonbkopf an — Sie werben ihn schon kennenlernen! Aber jetzt, sinceres amis, gebt euch bic Hänbe, unb hier ist bie meine! Smollis! Um Entschuldigung, wie ist Ihr Name?" „Aber, lieber Herr," sagte ich etwas verlegen, nachdem ich mich genannt hatte, „geht das bei Ihnen in Frankreich so geschwinde? Wir haben uns ja erst in diesem Augenblick gesehen." „Ach, Frankreich!" sagte er; „mein Vater ist ein Deutscher, aus dem gesegneten Lande Schwaben!" und seine nicht großen Augen leuchteten vor Zärtlichkeit. Es half eben nichts; ihm war nicht zu wwerstehen, Walter und Marx waren meine Duzbrüder. * So war der Anfang unserer Bekanntschaft. Ich hatte bald empfunden, daß hier ein ernster Geist regiere, der jeden nicht gar zu Trägen mit sich reißen mußte; nur die Hebung am Klavier beschäftigte uns je drei, ja wohl gar vier Stunden am Vormittage und ebenso am Nachmittag. Abends waren dann unsere „Versammlungen", die wir wechselweise auf unseren Stuben abhielten; da wurde geraucht und über das, was uns in den theoretischen Stunden vorgekommen war, ein Quantum hingeredet; auch gesungen wurde bisweilen: unser Hauptstück war ein Terzett a cappella, das von Franz, mit dem ich bald zusammsngesührt war, aus seinem Zimmer vorgelegt wurde. „Tropfen von Tau", den milden Anfang hatte es, Melodie "und Komponisten habe ich vergessen, ich meine, es war für Frauenstimmen, und wir stiegen dabei eine Oktave tiefer; aber wir sangen es, wie Franz, unser Dirigent, bemerkte, umstandsverhältnis- mütz.g schon; auch Marx war einer von den toiingern. Eines Mittsommerabends waren wir bei Franz; die Pfeifen brannten, die schlecht geputzte Lampe hatten wir des Qualms wegen tief hinabgeschraubt; Walter war nicht da, er wohnte bei einer alten Tante und war dadurch mitunter abgehalten. Marx und ich rauchten schon unsere zweite Pfeife, da — klatsch! ging es, und Franz hatte seinen Morgenschuh ausgezogen und ihn über sich gegen die niedrige Decke geworfen. „Hol' der Teufel den Bäcker und seine schwarzen Teufelsdinger!" rief er. „Was rasest du?" sagte ich und blickte mich in der dämmerigen Stube um; aber Scharen von jenen häßlichen großen Küchenschaben, wie sie bei Bäckern — der Hauswirt war ein solcher — ihren liebsten Heimsitz haben, huschten mit ihrer spukhaften Hastigkeit blitzschnell über Deck' und Wände. „Potz Himmeltausendsakramenter!" rief ich; wir waren alle aufgesprungen; der eine nahm den Stiefelknecht, der andere riß den Handleiter vom Klavier, Franz zog auch den zweiten Schuh vom Fuß, und nun begann eine Jagd: klitsch, klatsch! und die Schaben, die ihr Loch nicht finden konnten, waren unsere sichere Beute; auf Tisch und Stühlen lagen ihre zerquetschten Leiber, das Bett war völlig übersät. Das Jagdfieber ergriff uns immer mehr; wir sprangen vor- und rückwärts, gegeneinander und um uns selber; das Nachtgezücht rannte an uns empor, über unsere Kleider, auf unser Gesicht, und wir schlugen es auf uns selber tot. Aber schon genügte uns der enge Schauplatz nicht mehr; wir rannten zur Stube auf den Flur hinaus, die Mordinstrumente in den Händen; überall waren Schaben; dann die Treppe hinab; Marx trug die Lampe, der Qualm flog aus dem Glaszylinder — da plötzlich im unteren Hausflur eine Wand, es mag wohl eine Tür gewesen sein, und die dicke Gestalt des Hauswirtes stand im baren Hemde vor uns; das bärbeißige Gesicht mit den buschigen Brauen über den kleinen Augen betrachtete uns voll Grimm und Staunen: „Hoho, ihr Herre, was geit's denn? Qe alarmieret jo 's ganz Haus! Lasset Se das Zinselwerk und ganget Se hoim!" Aber Franz legte feierlich die Hand auf seine Schulter: „Mann!" sagte er, „ein Dankgebet wäre Ihrem Munde ziemlicher gewesen als so nichtsnutzige Reden; kommen Sie mit in mein Gemach und inspizieren Sie dort die Leichen; wir haben Ihnen zum mindesten fünfhundert Schaben totgeschlagen!" „Totg'schlage?" wiederholte der Mann und lachte grimmig. „Die hättet Se kenne lebe laun!" „Den Teufel auch!" rief Franz. „Ich inag nicht mit ihnen leben." „Ach, Herr Franz, d' Schwobe hänt mer no nia nex vo meim kurze Schlof abisse!" Damit schlug er verdrießlich seine Tür wieder zu und verschwand dahinter, Gott weiß, wohin. „Der Mann hat keinen Sinn für Höheres!" sagte Franz, und wir gingen etwas abgekühlt nach seinem Zimmer zurück. „Aber was nun, meine Lieben?" begann er wieder. „Schlafen kann ich nicht unter diesen Toten, und wie mir deucht — sie stinken auch ganz erklecklich! Aber — mich erleuchtet der Geist: die Nacht ist schön, Schaben gibt es draußen nicht — machen wir einen Männerspaziergang!" „Einen Spaziergang?" wiederholte Marx zögernd, der nach dieser Aufregung recht jämmerlich dreinsah. „Ich bin müde, Franz, und habe morgen vormittag um zehn Uhr Klavierstunde; komm mit mir, du kannst auf meinem Sofa schlafen!" „Nein, nein, edler Lavendel, gute Gedanken dürfen nicht auf Sofas verschlafen werden. Kommt nur! Durch Kannstatt nach Waiblingen, wo die Wachtturmtreppe so eng ist, daß die Witwe des alten Turmwarts sich anstandshalber mit dem neuen Wachter verheiraten mußte, da sie wegen ihrer Dicke nicht mehr hinunter tonnte1)! Unser nordischer Freund muß nebenbei auch Schwaben kennenlernen!" Mit einem Wort, er drängte so, daß wir beiden anderen uns endlich bereit erklärten und die Treppe mit ihm hinabstiegen. Als wir unten waren, stürmte er noch einmal hinauf, kam aber sogleich mit einer Notenrolle wieder herab. „Was hast du denn geholt?" frug ich. „Das Ällernotwendigste," sagte er und hob die Rolle in die Höhe, „unser Terzett"! ' Run gingen wir auf die Gaste; es mochte nach elf Uhr sein; die Juninacht war schön, einige Sterne funkelten über uns; aber auf Erden roar’s doch dunkel. So marschierten wir zur Stadt hinaus; die Nachtkühle brachte ihrs erfrischende Wirkung, und schon auf der Chaussee rief Franz: „Was meint ihr, mir ist, als müßten wir einmal fingen!" „Ja, aber was denn?" H Diese Geschichte erzählt Achim v. Arnim zu Anfang seines Romans „Die Kronenwächter". weiter leises Sie mögens wecken!" ftabt!" Und und ein leises L.,.u—r----------- „ „ , , ... - ........ Wanderung scholl ein dumpfer Glockenton zu uns herüber. „Hort ihrs! rief Franz. „Die Glocke von Waiblingen schlägt drei Uhr, nun sind die Wecken fertig!" _, „Da halte ich auch mit," sagte Marx; „euer Schwatzen hat mich engen Waiblingen." Der Wächter sah verächtlich nach unseren Stiefeln: „Fahre? Und da hent Se's Schusters Rappe dazue eing’fpannt?“ „Ganz recht, Liebwertester, aber" — und Franz konnte, wenn es ihm nötig schien, ein gar fürnehmes Wesen vortun — „Er kennet uns wohl nicht? Wir sind fahrende Sänger, falls Er von solchen jemals etwas sollte gehört haben; Er aber ist ein ZuberklausH, und wir wünschen Ihm Verstand und gute Wacht!" Damit schritten wir rüstig weiter und dem anderen Tore zu, aber noch lange hörten wir den Wächter schelten. Draußen malte jetzt der Mondschein die Schatten der Bäume quer über die Chaussee; hinten aus der Stadt schlug es von ben Türmen eins. Als wir etwa eine Stunbe wacker zugeschritten waren, regte sich etwas in mir, das ich alsbald und zweifellos für Hunger anerkennen mußte, denn seit acht Uhr hatten wir wohl alle nichts gegessen. Aber in Waiblingen! Die Wecken mußten bei unserer Ankunft gerade fertig fein. Ich griff in meine Tasche, fand aber nur vier lose Kreuzer. „Halt! rief ich, „ich spüre einen Männerhunger." Alle standen still. „Warum redst du nur davon!" sagte Franz. „Der Teufel hol', nun fühl' ich auch dergleichen." „Aber du hast doch Geld zu dir gesteckt?" „Versteht sich!" rief er und fuhr zuversichtlich in seine Tasche; aber das geöffnete Portemonnaie ergab nur sieben Kreuzer. „Hm!" sagte er, daß ich bei der Ausfahrt nicht an das schändliche Metall gedacht habe! ÜTber" — und er sah uns lachend an — „im Grunde mär’ es auch egal gewesen, ich führe doch allzeit mein Vermögen in der Tasche." „Ich- seid auch ewig hungrig!" murmelte Marx Franz nickte ihm zu: „Das verstehst du nicht, Lavendel, du nähr dich nötigenfalls von Schnecken und Knoblauch, wir mögen das nicht! Sieh lieber einmal nach dem Wesentlichen in deinen Taschen!" wurden umgekehrt, und als Summe unseres (Sefamtuer- ergaben sich dreizehn Kreuzer. „Das reicht für die Morgen- rief Franz. „Und nun vorwärts auf die alte Hohenstaufen- zusammen!" Noch mehrmals sahen wir zurück nach unseren Lichtern, bis die schwache Helle nicht mehr zu uns reichte; bann marschierten wir durch Kannstatt; es muß nach Mitternacht gewesen sein, die Stadt war totenstill. So suchten wir denn einiges Leben hineinzubringen; unsere Stöcke schwingend, tralate jeder von uns seine eigene Melodie. Da schlurfte es heran: „He, Sie! Was machet Se denn für en Heidespektakel? Des sicht hie net der Brauch!" scholl eine rauhe Stimme, und eine Gestalt mit Speer und Tuthorn hatte sich vor uns hingepflanzt. „Mann der Nacht", sagte Franz. „Lassen Sie uns, mir fahren jetzt „Was anders als unser Terzett!" „Aber dazu brauchen wir Licht, mir können's ja nicht auswendig." „Alles vorgesehen", erwiderte Franz, zog sein Schimpftuch hervor und entwickelte daraus ein Kästchen mit Zündhölzern und einige Stümpfchen Stearinlichts. Wir warfen uns auf einen Haufen von Chaufseesteineii, der am Wege lag; die Lichter wurden angezündet und daraufgeklebt, Franz hatte die Stimmen verteilt und taktierte mit der Hand: „Eins, zwei!" und: „Tropfen von Tau!" — unser Terzett strahlte wie ein Stern durch die einsame Juninacht. „Schön!" sagte Franz, indem er die Stimmen wieder einsammelte. „Doch nun vorwärts!" Marx wollte die beiden Lichter ausblasen, aber er wehrte ihm: „Laß!" sagte er. „Zur Freude der Nachtwanderer, die nach uns kommen!" So ließen wir sie brennen und marschierten weiter. Da stieg zu Osten unten über den Ehlinger Bergen ein gelber Mond empor; zugleich schlug eine Nachtigall, und ein Schauer zog durch die Obstbäume. De la niet j’aime le silence: Doux rossignols, chantez pour moi! fang Marx mit Halder Stimme; dann faßte er mich unter ben Arm, drückte ihn und sagte zitternd: „Nord und Süd! Wir kommen doch gesteckt!" Franz klopfte ihm auf die Schulter: „Siehst du, Halbfranzöschen, nun wird dein Vaterteil lebendig." Bald hatten wir die alte Stabt erreicht; bte finsteren Giebel sähe» auf uns herab, und die engen Gassen führten uns bergauf, bergat Aus einem geöffneten Fenster wehte der lockende Duft von frifchge- backenern Brote auf uns zu, und da ich aufblickte, sah ich zwei Enga eine goldene Brezel uns entgegenhalten; aus dem Fenster drang ein schwacher Lichtstrahl auf die Gasse. „Soin Schritt gang i weiter! sagte ich schwäbelnd und klopfte an die Scheiben des geschlossenen Fen fters. Auch die anderen stützten sich auf ihre Wcmberstabe, des Erfolges gewärtig. Und nach einer Weile fuhr der Kopf eines Mannes durch die Fensteröffnung mit weißer Linnenmütze und gutmütigen, m etwas verschlafenen Augen und sah uns der Reihe nach voll Verwunderung an. „Ah, meine Herre," sagte er bann, „Se fenb ja W’ stüeh auf!" (Fortsetzung folgt) ging es, unb allmählich begann der Mond zu blassen, Morgendämmern zog durch die Welt. Nach zweistündiger ........ * ' — „Hört ihrs! Die Goldinseln. Bon Professor Dr. Walter Bombe. Abseits der großen Heerstraße, nicht leicht zu erreichen, liegen blauen provencalischen Meer, als di« südlichsten Ausläufer des (rani fischen Festlandes, wenig besucht, und doch in höchstem Grade besuchen» s) Ein Mensch mit wunderlichen Einfällen. tueri, die Inseln von Hybres, von altersher die Goldinscln genannt. ? Porquerolles, das Eturium der Alten, ist die dem Lande nächstliegende j Insel. Daran reiht sich Port-Cros, das Phoinike der Griechen, die Insel Levant oder Titan, bei den Griechen Phila genannt, und zwei winzige Felseninseln, Bagaut bei Port-Cros und Roubaud bei Giens, bilden den Abschluß der bei den Griechen Sioechades heißenden Inselgruppe. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß eine gewaltige Erdrevolution in vorgeschichtlicher Zeit die Goldinseln vom Festlande lorgerissen hat. Geologisch gehören sie zu dem bis nach Cap Sicie reichenden Gebirgs- stock der Maures, der wie sie aus Granit, Gneis und Schiefer von goldig glanzendem Glimmer besteht. Von dem goldenen Glanze dieses Schieferglimmers stammt der bis in frühe provencalifche Zeit zurückreichende Name der Goldinseln. Porquerolles, in alten Zeiten Port-Olles, Töpferhafen nach dem hier früher blühenden Töpfergswcrbe benannt, ist 8 Kilometer lang und 2 Kilometer breit und zeichnet sich durch malerische Strandklippen, vorzüglichen Wein, prächtige Korkeichen und Kastanien ' aus, während der Oelbaum weniger gut gedeiht. Man hat hier Münzen ! der Phokäer von Marseille, rönnsche Münzen von Hadrian und seinen Nachfolgern und Reste alten Geschirres aus der Römerzeit gefunden, das hier entstanden ist. Wenn auch der Boden reich an Töpfererde ist, so sind doch die alten Töpfereien nicht mehr vorhanden. Aber der Fischfang und der Ackerbau nähren auch ihren Mann. Felsenriffe erstrecken sich weit in das Meer hinaus und schaffen Buchten, in denen es sich prächtig fischen läßt. Vielfach zerklüftet, ragen die Granitklippsn aus - dem Meere empor, hier als massige Wände, dort als freistehende, seltsam \ geformte Felsen und Türme. Farrenkräuter und Ginster wachsen zwi- s scheu den Felsentrümmern und zwängen ihre Wurzeln in die Spalten ; und Risse des zerklüfteten Gesteins. Eine alte Burg überragt das Militär-Sanatorium von Porquerolles. Der Pflanzenwuchs ist sehr üppig. An einer wilden Schlucht liegen tief unten die Ruinen des Klosters von Lerins. Im Süden der Insel ragt ein Lenchtturm empor, der sieben Seemeilen weit seine Strahlen aussendet und fast 80 Meter hoch ist. Ganz im Süden stößt das Cap de Medes weit in das Meer hinaus, von den wilden Wogen umbrandet. Kaum 300 Einwohner bevölkern die Insel. Eine kurze Ueberfahrt bringt uns nach der zweiten Goldinsel, nach Port-Cros. Der Name bedeutet eigentlich Port-Creux, der tiefe Hafen. Sie ist die wildeste der drei Inseln. Fast ebenso groß wie Porquerolles, beherbergt sie kaum 230 Einwohner. Die wenigen Häuser führen meist hochklingende Namen: Chateau, Villa, Bastide, Bastidon, Bastidette und Metairie. An dem klippenreichen Strands gibt es eine - prachtvolle Brandung. Die Berge, bis zu 200 Meter hoch, sind mit \ spärlicher Macchia bewachsen. Vom offenen Meer aus ist die Insel fast i unzugänglich. Im äußersten Osten liegt der Hafen Maye, auf Deutsch der große Hafen, aber sein Schiffsverkehr ist begreiflicherweise nur sehr unbedeutend. Eine Festungsanlage neben dem Hafen reicht noch in die Zeiten Ludwigs XIII. zurück. Vielfach zerklüftet, ragen Felsblöcke weit in das Meer hinaus, und über die schaumgekrönten Wellenberge fliegen Scharen von Möven mit unheimlichem Kreischen dahin. Noch einsamer als Port-Cros ist die dritte der Inseln, die Ti- | tanen - Insel oder Ile du Levant, nach den Resten eines gewaltigen Turmes aus alter Zeit, des Titanenturmes, benannt. Am weitesten nach Osten vorgelagert und die größte der drei, ist sie nur von etwa ! dreißig Menschen bewohnt. Der Boden trägt reiche Schütze an wert- j vollen und seltenen Mineralien, Turmalin, Magneteisen, Eisentitaniat und Actinat. Wie von Titanenhänden mit Zauberkraft aufgebaut, er- * heben sich die steilen Granitwände der Küste. Es ist feierlich still hier • draußen, und mühsam wandert man auf ungebahnten Wegen durch die bis zu etwa 130 Meter ansteigenden Berge. 2tn die sanft geschwungene Rheede von Hyeres reihen sich in einem großen Halbkreis von 18 Kilometer Länge die anderen Goldinseln. In dem Binnen- wasser zwischen den drei Inseln und der Halbinsel Giens kräuselt kaum eine Welle die klare, tiefblaue Flut, aber draußen, wo die Seewinde unqehinderten Zutritt haben, nagt die wilde See an dem festen Granitgestein, ruhelos mit gewaltigem Donnern und Tosen aufprallend, um in Wolken schimmernden Schaumes aufgelöst zu werden. Golden leuchtet hier und da der Glimmerschiefer auf, der den Inseln ihren Namen gab. Im Süden erhebt sich die kleine Felseninsel Roubaus, deren Besitzer Känguruhs züchtet, mit einem Leuchtturm. Die letzte der Inseln, Baqaud, ist nur von wilden Kaninchen bewohnt. Es gibt viele Gemüse- und Obstgärten auf den Goldinseln. Da alles früh reif wird, so verschicken die fleißigen Bewohner ihre Früchte als hochgeschätzte und entsprechend hochbezahlte Primizien (Primeurs) nach Toulon. Marseille und selbst nach Paris. Die Gastlichkeit der Bauern ist ein besonders ansprechender Zug. Alle Gärten und alle Häuser stehen offen. Man darf ruhig einen Garten betreten und sich Früchte pflücken. Ein anderer sehr erfreulicher Zug der Volksseele der Hyörischen Inseln ist die große Mäßigkeit. Ich glaube nicht, daß diese Insulaner einem fröhlichen Männertrunk ihres trefflichen Jnselweines abgeneigt sind, aber ich habe nie einen Betrunkenen unter ihnen gesunden. Weit berühmt sind die Gärten der Stadt Hyeres selbst, die am Abhangs eines steilen Hügels eine Wegstunde vom Meere entfernt sich geräumig und gastlich ausdehnt. Hyeres des Palmiers wird sie wegen ihrer stattlichen Dattelpalmen genannt, mit denen ihre Straßen und Plätze bepflanzt sind. Die schönsten und stattlichsten Palmen stehen auf der Place des Palmiers. Hier erhebt sich ein Obelisk, den die Stadt zu Ehren eines ihrer Wohltäter, des Schneiders S t u l z aus Baden, hat errichten lassen. Dieser zu Reichtum gelangte deutsche Landsmann i’i später sogar zum Baron ernannt worden und hat der Stadt Hyeres viele Stiftungen vermacht. Von da hat man den schönsten Blick auf das weite, fruchtbare Tal mit seinen zahllosen Bastiden und auf die Goldinseln. Hunderte von Fischerbooten beleben die Wasserfläche. Mit den großen Netzen, die nm Ufer zum Trocknen aufgehängt sind, wird der Thunfisch gefangen. Hyeres ist der älteste Winterkurort an der französischen Riviera. Die einheimische Bevölkerung ist überaus arbeitsam und tüchtig. Die Männer tragen weite Hosen und einen niedrigen Filzhut mit breitem Rande Alle hängen mit großer Liebe an ihrer Heimat. Kft habe ich sie sagen hören: „Nur auf Hyeres kann man leben, überall fühlt man sich als ein Verbannter!" — Hier hatte Ambroise Thomas, der auch Hyeres über alles liebte, seine Villa. Hier hat er Goethes Verse. „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?" in Musik gesetzt. Lamartine hat Hyeres besungen, und der greise Paul B o u r g e t wohnt dort noch heute. Hier im Hotel du Pare, hat der große Napoleon während der Belagerung von Toulon gewohnt, und hier lieh er Josephine Beauharnais zurück, als er nach Aegypten zog. Das Klima von Hyeres ist noch günst ger als das der anderen Badeorte an der französischen Riviera. Es gibt dort nur 36 Regentage im Jahre. Die Brandung rauscht ihr uraltes Lied. Zwischen die wirr durcheinander gc-sch chteten Felstrümmer zwängen Pinien und Korkeichen ihre Wurzeln und zertrümmern so- allmählich selbst das harte Gestein. Alles ist so schön wie am Golf von Neapel; hier gibt es ein zweites Kap Mifenum, ein anderes Kapri mit Ischia in Gestalt der Goldinseln und einen zweiten Posilipp in dem Bergzuge von Costebelle; sogar ein Gegenstück zu der blauen Grotte nennt das Tal von Hyeres sein eigen. Die Feengrotte (le Traou deis Fadas), nicht leicht zugänglich, aber sehr sehenswert. Stalaktiten und Stalagmiten steigen von der Decke herab oder erheben sich aus dem Boden. Ein großer Saal und zwei Nebengrotten bilden die Feengrotte. Der Posilipp von Hyeres aber ist eine Hügelkette, so schön, daß man sie Costebelle genannt hat. Die Aussicht von diesem zweiten Posilipp ist hinreißend schön. Ringsum dehnt sich wie ein weicher grüner Teppich das üppig bebaute Land mit seinen Wein- und Obstgärten, waldigen Ufern und Wiesenrändern. Weiße Bastiden ziehen sich bis hoch oben in die Berge hinauf. Ueber das von bläulichem Duft umwobene Tal hinausschauend, erblicken wir das im tiefsten Blau erglänzende Meer und die Goldinseln. Cs ist feierlich still hier oben; der Wind aber, der vom Meer herüber weht, läßt die Wipfel der hundertsährigen Bäume sich langsam hin und her- bcwegen, wie im Traum, und mit den Zweigen herüber und hinübergreifen, wie mit tausend tastenden Menschenhänden. Der Maler als Molls der Malerei. Von Walther Appell. Muß es nicht für einen Maler besonders reizvoll erfcheinen, seinesgleichen zu malen? Also in seinen Werken die Tätigkeit festzuhalten, oder frei zu gestalten, der er selber dient, und die sein« Schöpfungen werden läßt. Man sollte meinen, daß öfter einmal ein Künstler den Drang gehabt hätte, gleichsam sich und sein Tun aus der eng-personellen Festlegung des Porträts ins Allgemeine und allgemein Gültige zu erweitern: zu erhöhen und verherrlichen in dem, worin es opfer-stark und schöpferisch, erlebens- groh und weiterweisend ist, — oder auch überlegen zu glossieren da, wo es klein-menschlich und launen-tückisch, gegenstand-gehemmt und material- behindert ist. Wir müssen jedoch feststellen, daß dieses Motto „Maler malen ihresgleichen" beinahe mit zu den allerseltenste» gehört, wenigstens in der angcdeuteten Verbreiterung (oder auch: Konzentration!) ins Typische. Malerselbstbildnisse sind so häufig wie Bilder, daraus ein Maler einen, aber eben einen bestimmten, andern darstellt. Aber schlechthin „einen" Maler, irgendeinen, oder „den" Maler Überhaupt (als Begriff), finden wir Überraschend selten gestaltet. Allenfalls für die zweite Gruppe ironischer Glossierung von Schwächen, die nur Kurzsichtigkeit oder hochmütiger Dünkel übersehen kann, I)»ben wir ein Beispiel, das erschöpfend einen ganzen Typ einfach erledigt. Da es auf ernstem Gebiet kaum ein Gegenstück hat, sei ausnahmsweise seine ganze Gattung vorweggenommen. Wilhelm Buschs „Maler Kleckse!" ist in seiner Art als klassisch, an treffendem Spott und übermütiger Satire kaum überbietbar zu bezeichnen. In Einzel-Episoden hatte schon Spitz weg ein paar Malersleute ihres Nimbus von eigenen Gnaden entkleidet, zumal einen amüsanten „Porträtmaler", dessen selbstbewußte, von der nicht bezweifelten Bedeutung des werdenden Werkes sichtlich erfüllte Pose in dem rührend dummen, „repräsentativ" hingesetzten Porträtbesteller einen wirksamen Gegenpol hat. Ob diese Künstler bewußt davon beeinflußt wovden sind, kann dahingestellt bleiben, — aber irgendwie will uns der Kupferstich des A. von O st a d e („Der Maler") als Anreger ihrer gemütlich ironisierenden Werke erscheinen. Auch 21. von Keller hat ein hier einzureihendes Bild gemalt, und es hängt sogar, wohl wegen seiner rein malerischen Qualitäten, in der Nationalgalerie. Doch ist es im Gegensatz zu den bisher genannten durchaus ernst gemeint, und die Komik, mit der wir den romantischen Samtjoppenmaler empfinden, der sein Porträtmodell kokett zurechtbaut, ist vom Künstler bestimmt nicht beabsichtigt. Dadurch aber, daß sie sich uns eben doch ausdrängt, bekommt das Bild etwas Peinliches, Unbefriedigendes. Eher überwindet das der „Landschaftsmaler" des gleichen Künstlers, der ahnungslos mit (einem Malgerät des Weges kommt und ein halbes Dutzend Badende ausschreckt. x . „Der Maler" des v a n Gogh (Magdeburger Museum) ist em gutes, sachliches Bild, wenn auch gerade keiner der stärksten van Goghs. Er zeigt einen mit seiner Mappe auf Motive ausgehenden Maler, zu dem im übrigen so wenig zu sagen ist, wie uns das Bild, über das angedeutete Thematische hinaus, zu sagen hat. Aehnlich sind Werke anderer Künstler zu bewerten. — Auf harmlose oder auch auf derbe Atelierscherze sowie mehr oder weniger heitere Szenen zwischen Maler und Modell wollen wir, da sie kaum mit unferm Thema viel zu tun haben, nicht näher ein« gehen. Dem Gedanklichen weichen sie ohnehin durchweg aus. — Betrachten wir nun die — wenigen Bilder, die den Stoss von der ernsten, problematischen Seite her anfasfen, so muß es auffallen, daß sie namentlich in älteren Kunstperioden meist eine Einkleidung wählten. Dadurch kommt, wo schon das Personelle zunächst überwunden schien, eben doch wieder die Darstellung eines Einzelfalles zustande. Mit besonderer Vorliebe gaben ältere Künstler die Szene wieder, da St. Lukas die Ma- tzonna malt. Das bemerkenswerteste dieser Bilder ist das des Roger van dec Weiden (gestorben 1464). Es hängt jetzt in der Alten Pinakothek in München. Aber seine Bedeutung liegt auch mcty im Kunst- entwicklungs-Geschichtlichen als in dem, was sein Thema ist. Der „Maler" ist eigentlich weiter nichts als ein von der Schönheit des lieblichen Macien- Jdylls Ergriffener, fromm Gläubiger und auch lediglich als solcher (meisterlich) gemalt. Einen weiteren, die Madonna malenden St. Lukas hat der Hamburger Spätgotiker Heinrich Bornemann geschaffen. Er läßt ihn, Palette und Pinsel in der Hand, vor der Staffelei mit dem fast vollendeten Madonnenbildnis stehen. Das Vorbild sehen wir nicht. Doch auch dieses Werk ist recht nüchtern und läßt uns dementsprechend kühl. Aehnlich zeigt am Lübecker Lukasaltar der Schnitzschvein den „Malerpatron" Lukas — während das eingefügte Bild des Hermann Rode (ebenfalls 18. Jahrhundert) nicht den malenden, sondern den van der Ma- donna beim Schreiben inspirierten Heiligen darstellt. Ohne religiöse Einkleidung malte später Jan Vermeer einen Maler „Im Atelier" (Galerie Czernin, Wien). Das Bild ist prächtig in der vollendeten Meisterung von Beleuchtungs- und Farbeeffekten, sein thematischer Vorwurf aber kann uns nicht sonderlich fesseln. Dadurch wird es zum Vorläufer für viele Werke, die bis in unsere Zeit: H. von H a b e r m a n n , Anders Zorn ufw. — mehr im Formalen als im Gedanklichen gläirzen. Rach all dem scheint die Frage berechtigt, ob wir denn überhaupt kein Werk haben, das ernsthaft in die Tiefen des malerischen Problems „Maler" dringt. Und es scheint sogar, als müßten wir diese Frage verneinen. Wir kennen kein Werk, das uns erlaubte, sie einschränkungslos zu bejahen. Allegorien wie B ö ck l i n s „Dichtung und Malerei" helfen uns erst recht nicht weiter. Und Alfred K u b i n s Blatt „Der Maler" (der Tod malt ein Bild zu Ende, während der Künstler als fein Opfer nm Boden liegt) ist eine grausige Abwandlung des uralten Totentanz- Stoffes, aber nicht mehr. Gründe für diese — auffallende — Erscheinung zu suchen und zu erörtern, mühte wohl zu weit ins Gebiet der Kunst- und noch mehr der Künstler-Psycholoote führen. So reizvoll es sein könnte, möchten wir dennoch darauf verzichten, da bloße Kunst b e t r a ch tu n g die Absicht dieser Zellen war. falsche ‘Automaten. Von Graf Karl von K l i n ck o w st r o e m , München. Automaten sind Gegenstände, die wir in unserer Zeit der Unrast gar nicht mehr zu sehen bekommen, die aber früher mit Recht als Wunderwerke angestaunt wurden. Darunter sind freilich nicht die Warenautomaten zu verstehen, die für ein eingeworfenes Geldstück Pralinen oder eine Bahnsteigkarte verabfolgen, sondern mit großer Erfindungskunst und in jahrelanger Präzisionsarbeit hergestellte Figuren, die mit est erstaunlich naturgetreuen Bewegungen Leben vortäufchten. Im 18. Jahrhundert konnte man viele derartige Kunstwerke bewundern: Der Franzose de Vaucanson, der Schweizer I. Droz, der Münchener Joseph Gallmayr, die Wiener F.v.Knauß und W.v.Kempelen waren weithin berühmt. Baucanfons Flötenspieler, der zwölf Stücke spielte, und seine lebensgroße Ente, di« ihre Flügel bewegte, Körner fraß und sie anscheinend verdaute; Droz' Androiden, Gallmayrs Mops mit feinen Hundeunarten waren hervorragende Leistungen der Mechanik, und es ist kein Wunder, wenn ein unkritisches Publikum solchen Hexenmeistern alles zutraute. Davon den Nutzen hatten dann allerhand weniger kunstfertige, aber um so gerissenere Scharlatan«, die es besser verstanden, ihren Beutel zu füllen als beispielsweise Vaucanson, der 1752 in Nürnberg seine Automaten verpfänden mußte, weil er es nicht verstand, die Sensationslust und den zu allen Zeiten blühenden Hang des Menschen zum Geheimnisvollen und Wunderbaren sich zunutze zu machen. Die geschäftstüchtigeren Abenteurer leisteten als gute Menschenkenner in dieser Hinsicht weit mehr. Ein solcher falscher Automat war z. B. die „kleine Engländer! n", die gegen Ende des 18. Jahrhunderts von einem geschickten Windbeutel in Deutschland vorgeführt wurde. Das war die Figur eines zweijährigen Kindes, die auf einem Sessel saß, der auf einem teppichbedeckten Tisch stand. Man konnte an die Figur Fragen stellen, die sofort von ihr beantwortet wurden. Jeder Verdacht einer Täuschung schien aus- gefchloffen, denn der Fragesteller nahm die Figur auf den Arm und ging mit ihr sogar nach Belieben im Zimmer umher. Um die Antwort zu vernehmen, hielt man das Ohr an dm Mund 6er Figur. Und das Verblüffendste war, daß diese Antworten oft ein« ganz genaue Kenntnis der Verhältnisse des Fragestellers verrieten. Während der Vorführung beschäftigte sich der Schausteller angelegentlich mit allerhand Blasinstrumenten, die an den Wänden hingen. Währmd einer Vorführung in Mannheim mischte sich die Ortspolizei hinein, und der Künstler mußte sein Geheimnis preisgeben. Die Blasinstrumente verdeckten den Trick: es waren bloße Schallhörner, die mit einem System von Sprachrohren in Verbindung standen, die in einen Raum im darüber- oder daruntergelegenen Stockwerk mündeten. Hier befand sich die Gehilfin des Zauberkünstlers, die di« Antworten gab. Um aber auch zutreffende Antworten erteilen zu können, war ein Mannheimer Bürger engagiert worden, der mit dem ganzen Stadtklatsch wohlvertraut war und deshalb den Spitznamen „die Stadtpofaune" hatte. Sie kleine Figur selbst bestand aus Holz, Oberkörper und Kopf warm hohl. Am Rücken waren fünf Schallöcher angebracht, der Kopf war mit dünnem Messing ausgelegt, „welches den Klang der Sprachtön« vermehrte". Mit ähnlichen Mitteln arbeiteten auch andere Vexierfprachmaschiaen, so der „Bramine oder das weissagende' Orakel", mit dem ein geschäftstüchtiger Schweizer zu derselben Zeit umherreiste, oder die Chinesenfigur Avanoto, di« der englische Mechaniker Wadon hergestellt hatte. Handelte es sich darum, daß die Figur Gegenstände bezeichnen sollte, di« der geheime Helfershelfer nicht unmittelbar sehen konnte, wie etwa von Spielkartm oder das Raten von Rätseln, di« auf Karten geschrieben den Verantwortlich: Dr. Hans Thhrtot. — Druck und Verlag: Vrüh ' Besuchern zur Verfügung gestellt wurden, so kann ein sorgsam ausgsar- beitetes Signalsystem als Verständigungsmittel zwischen den Vorführenden und der versteckten Hilfsperson in Anwendung, wie es heute noch die Varietetelepathen in verschiedensten Formen benutzen. Allgemein gilt der bekannte Taschenspieler Robert Houdin (1846) als der Erfinder dieser Art von „Code". Doch hat schon 1798 H. M. Brunner in feiner anonymen „Ausführlichen Beschreibung der Sprachmaschinm" das Geheimnis gelüftet, das er „Maschinentechnologie" nennt. Der Trick besteht, ganz allgemein gesprochen, darin, daß durch die Art der Fragestellung schon die Antwort, die erteilt werden soll, verraten wird, ohne daß die Besucher es argwöhnen. I Besonderes Aufsehen erregte gegen Ende des 18. Jahrhunderts und noch bis in das erste Jahrzehnt des 19.Jahrhunderts hinein die „unficht. bar« Frau". Hier war das Bestreben, eine Verbindung mit Fußboden und Wänden zu vermeiden, um jeden Verdacht einer Täuschung zu begegnen, besonders geschickt durchgeführt. In einem hell erleuchteten Saale hing in einer Fensternische an vier Metallketten «in länglich viereckiger Kasten, der zwei Glasscheibm hatte, um zu zeigen, daß er völlig leer war. Darüber hing ein« brennende Lampe. Man konnte den Kasten, der an . einer Längsseite ein Sprachrohr trug, hin und her schwingen lassen, doch I verwehrte ein Gitter ein ganz nahes Herantreten. Immerhin ließ es sich ohne weiteres feststellen, daß «ine Verbindung zwischen dem Kasten und der Wand, Decke oder Fußboden — abgesehen von den vier Ketten — nicht bestand. Hielt nun ein Besucher ein Geldstück oder irgend etwas anderes an die Mündung des Sprachrohrs oder stellte er eine Frage, so ertönte aus dem Sprachrohr sogleich eine deutliche Antwort. Lange zerbrach man sich die Köpfe, um hinter das Geheimnis zu kommen. Endlich klärte 1800 E. I. Jngennato in einer kleinen Broschüre den Sach- verhalt auf. Die in einem oberen Gemach untergebrachte „unsichtbare Dame" konnte durch ein schmales Fensterchen, das durch di« brennend! Lampe gewissermaßen unsichtbar gemacht wurde, genau beobachten, was in der Nähe des Kastens vorging. Die Leitung des Sprachrohrs war in der Wand verborgen und endet« dem Kasten gegenüber. Der Ton übersprang also den freien Raum zwischen Wand und Kasten, ähnlich wie es auch bei der „kleinen Engländerin" der Fall mar. Die Aufklärung Jurifj den Engländer scheint aber keine weite Verbreitung gefunden zrfthabeii, denn das Rätsel der unsichtbaren Frau beschäftigte noch lange sogar ernsthafte Männer der Wissenschaft. So hat z. B. Ehr. H. Pfaff 1807 in den Annalen der Physik sie beschrieben und mit Abbildungen erklärt. Auch Schriftsteller ließen sich dadurch anregegn: Kotzebue hat sie zum Gegenstand einer Posse gemacht und in E. T. A. Hoffmanns „Kater Murr' (1820'1822) [vielt das „unsichtbare Mädchen in der Glaskugel" eine bedeutende Rolle. In dieselbe Gruppe der Vexierautomaten, wenngleich man hier nicht eigentlich von Schwindel reden kann, gehört auch der berühmte Schachautomat von Wolgang v. K e m p e l e n , der unter verschiedenen Besitzern fast ein Jahrhundert lang gezeigt wurde. 1769 trat Kempelen mit seinem mechanischen Schachspieler zuerst an die Oeffentlichkeit. Es war die Figur eines Türken, der hinter einem Kasten mit drei Türen sah, auf welchem sich das Schachbrett befand. Unter leise schnurrendem Geräusch setzte der Türke die Figuren mit dem linken Arm, und zwar ganz unabhängig vom Schausteller. Die Türen, die von Kempelen nacheinander geöffnet und miedet geschlossen wurden, gaben Einblick in drei schrankartige Abteilungen und zeigten ein« Fülle von Maschinenwerk. Mittels eines dahinter gestellten Lichtes lieh der Schausteller sogar durch das Getriebe hindurchsehen, um erkennen zu lassen, daß sich dann kein Mensch verborgen halten könne. Dies war natürlich die zunächst liegende Erklärung, und Kempelen führte seine Befudjer noch dadurch besonders irr«, daß et offen sagte, das ganze beruhe auf Täuschung. Der Augenschein schien des . Gegenteil zu beweisen. So wurde denn Kempelens Schachautomat bald zu ! einer Streitfrage, über die eine recht ansehnliche Literatur vorliegt. Sern eine Maschine, die Schach spielt, also eine hochstehende geistige Leistung entfaltet, da ja die einzelnen Züge von dem freien Willen des Gegenspielers abhingen, di« sogar die Figur zurückstellte, wenn der Gegner einen falschen Zug gemacht hatte — das war eine offenbare Unmöglichkeit, eo haben denn G. Ehr. Lichte nberg , Fr. Nicolai und viele ändert schon mit guten Gründen vermutet, daß in dem Apparat ein Mensch steck« müsse, während andererseits der Mathematiker Hindenburg 1784 mit großem Aufwand an Gelehrsamkeit ihn als echten Automaten zu erklär« versuchte. Den zwingenden Nachweis, das dem nicht so sein könne, hat aui j induktivem Wege mit großem Scharfsinn zuerst Edgar Allan Poe, der ! bekanntlich ein glänzender Analytiker war, erbracht (1836), nachdem 1819 Robert Willis in London schon die Möglichkeit erwiesen hatte. Poe!« den Schachaiitomaten lange nach Kempelens Tod. Denn der Appa"! büßte dadurch nicht an Zugkraft ein. Er ging 1804 in den ^Besitz des Wiener Mechanikers Joh. Nep. M ä l z e l über, der damit bis zu [einem. Tode (1838) reiste und ihn Überall vorführte. Der nächst« Besitzer war Freund Mälzsls, der Kapitän Ohl, von dem ihn Dr. John K. M i t chel< erwarb, der das Geheimnis lüftete. 1854 ging der Apparat im Chinefifh« Mufeu-m zu Philadelphia bei einem Brande zugrunde. i Der „Schachautomat" wurde in der Tat stets von meisterhaften Schach' | fpielern bedient. Mälze! hatte als solchen einen gewissen W. Schlunv : berg er als Gehilfen. Vor diesem leitete I. F. Touret, ein $ani* den Apparat. Dies« Gehilfen steckten in der Tat im Innern der MasaM l und vermochten sich, da die drei Düren nacheinander geöffnet wurden, d« ! Blicken 'her Besucher zu entziehen. Die durchsichtige Draperie auf der SW ' der Türkenfigur ermöglichte ihnen -den Ueberblick über das Spielfeld, OF selbst gesehen zu werden. I Kempelens Schachautomat hat manche Nachfolger gefunden, so die von A. Gümbel konstruierte Schachmaschine „Mephisto", die * den Schachmeistern (Bunsberg, Mo « hle und Taubenhaus fit' leitet wurde. Ob dies von einem Nebenzimmer aus oder aus dem Inne«। der Figur heraus geschah, ist nicht festgestellt worden.f l'sche Untverfitäts-Duch- und Stetndruckerei, R. Lange, Gießen,