GietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang ^928 Montag, den 24. Dezember Nummer lv2 Weihnacht. Von Edmund Finke. Ueberm See die fernen Berge ragen wie Gebete in die Nacht empor, und in ihren weißen Händen tragen sie die Worte, die die Menschen sagen, an das diamantne Himmelstor. Kinder, die mit reinen Augen schauen, wie die Erde leise schwankt im Wind, sehen auch die Engel in dem blauen Firmament die Marmorbrücken bauen, die aus lauter weißen Wolken find. lieber eine dieser Brücken steigen Jahr um Jahr ins dunkle Tal der Welt Gottes Mutter, und die Sterne neigen vor dem Kinde sich in tiefem Schweigen, das sie selig in den Armen hält. Liebste, komm! Wir wandern durch die Tannen, Schnee liegt schwer und still auf jedem Baum. Mit dem Leid, aus dem wir Gott ersannen, ist es, daß wir diese Welt umspannen und den ganzen süßen Weihnachtstraum. Allen Menscben ein Wohlgefallen? Eine Weihnachtsbetrachtung. Von Walter o. Molo. Das Christkind kommt in einer traurigen und kranken Zeit. Die Menschen halten noch immer nicht Frieden, und der Satz: allen Menschen ein Wohlgefallen lebt sehr arg verzerrt und häßlich falsch erfüllt. Was ist denn ein Mensch? Ist das ein Geschöpf, das auf zwei Beinen geht und redet, oder ist er ein solches Wesen, das außerdem eine Seele in sich trägt und daher von Weltgesetzlichkeit weiß und nach dieser handelt? Nur das sind Menschen, nur mit solchen darf und kann man Frieden halten, nur diesen ist die Weihnachtsbotschaft ein Wohlgefallen. Es ist unserer Tage Fluch, daß die Menschen alles falsch ausheben. Dian darf nicht Frieden halten um jeden Preis, wenn dieser Preis die Aufgabe der menschlichen Existenz umschließt. Das ist Wahnsinn. Man darf mit dem Schlechten, seelisch Verwesenden nicht Frieden halten, man darf nicht! Unsere Zeit bemüht sich, mit den Schlechten Frieden zu halten und führt Krieg mit dem Guten, dem Geist, der Seele, mit der Innerlichkeit, der menschlichen Existenz. Allen Menschen ein Wohlgefallen? Jawohl, allen Menschen! Nicht aber darf man Wohlgefallen suchen bei denen, die keine Menschen mehr oder noch nicht sind. Friede aus Erden und allen Menschen ein Wohlgefallen? Diese Botschaft gilt nur dem Wertvollen, dem, dem der Mut eignet, offen seine Meinung zu bekennen, danach zu leben, gilt nur, wenn diese Meinung gut, wenn sie ethisch für sein Volk und damit für die Gesamtmenschheit gerichtet ist. Mit den anderen ist Kampf Pflicht, nicht Kampf des Hasses, der Verleumdung, der Bosheit, der Lüge, solches- vermag ein reiner Kämpfer nicht als Waffen zu tragen, Kampf der Art: ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Unsere Zeit ist eine Zeit kläglicher Lauheit, klügelnder Schwäche, der Kompromisse. Ein Kompromißler um egoistischer Ziele willen, dazu gehört auch die innere Scheinruhe, ist kein wertiger Mensch. Man verstehe mich recht: Nicht dem rede ich das Wort, der überall mit dem Kopf durch die Wand fahren will, der nur sich und seine Anschauung besitzt, ich rede dem das Wort, welcher, nach seiner Weltanschauung, Gott oder den Kosmos nicht tierisch materiell, sondern im Geiste und in der Wahrheit anbetet. Der nicht an sich denkt und nur kämpft, um die Werte. der Seele durchzusetzen, um sie wieder blank zu putzen, der um des Guten und Wahren willen allein kämpft, der die ewigen Gesetze des Alls wieder allen erkennbar zu machen strebt, um die anderen zu beffern, ehe sie das Ewige als unrein vernichten muß. Der Mensch von heute hat vieles, fast alles zerschlagen. Darum hetzt er vor sich davon, darum ist er verzweifelt, daher sucht er, statt diese Verzweiflung einzugestehen, Ausreden, die ihn selbst beschämen, darum hat er zum Zynismus gefunden. Die Zersetzung wird immer ärger, sie greift wie eine tödliche Seuche immer rascher um sich. Die Menschheit von heute ist zum großen Teile schon so verirrt, daß sie auf ihre uneingestandene Verzweiflung anmaßend stolz wird! Wir waren früher vielleicht zu absolut in unserem Urteil, wir waren auch ungerecht und achteten zu wenig die Gefühle derer, die anders dachten und fühlten als wir. Gewiß, darum ist vieles, fast alles, zusammengefallen. Nicht ober zusammengefollen ist die Gesetzlichkeit des Alls, die die Menschen und Völker werden und vergehen läßt, die über allen einzelnen und irdischen Regierungen herrscht, nicht zusammengestürzt ist das, was letztlich über unser Schicksal entscheidet, was diesem befiehlt. Das wollen die Menschen von heute nicht wahr haben, drum dienen sie einander mit den Lippen, statt mit dem Herzen, drum zetern sie gegen den, der aufrecht blieb, er schafft ihnen Unruhe, drum muß der Verantwortliche immer wieder vor sie mutig hintreten und ihnen sagen: sie würden er gerne wahr haben, daß es einen Gott gibt, aber sie wollen es sich nicht eingestehen, sie sind zu müde, zu verbraucht, zu feig, zu trägherzig dazu. Und doch: Gottes Hand ist noch ausgestreckt! Das erkennt jeder ohne jegliche Ausnahme in feinem Leben, aber fast immer zu spät. Diese Erkenntnis muß endlich in unserem Volk wieder nach oben tauchen, sonst sind wir für lange verloren. Die Tage der Weihnacht könnten, sollten, müßten Besinnung bringen, daß er etwas über dem verzweiflungsüberfüllten Betäubungsschrei der sog. Vergnügungen, des äußerlichen sog. Erfolges und der Selbst- gefälligkeit gibt, daß wir ein Reich in uns tragen, das nicht zusammenbrach, das uns niemand rauben kann als wir selbst. Was hat denn das Leben des Menschen für einen Sinn, wenn wir höheren Zweck darinnen nicht finden, wenn wir keinen festen Halt suchen und in uns erkennen, wenn wir auf der einen Seite rechthaberisch widereinander wüten, weil wir das Einigende, das Seelische selbstmörderisch zu ersticken versuchen, es übertoben, weil wir menschlich, also in Schwäche, das was göttlich ift, mit unseren elenden Kräften, mit falscher Humanität, die ich elende Kompromißlerei nenne, zu schaffen versuchen. Es ist doch da! Es lebt in jedem von uns! Der Mensch kann nur schaffen was da ist, nur auf dessen Geleisen ist er Entdecker, Erfinder, ist er schöpferisch. Alles, was nicht durch diese Kraft in ihm wird, ist Schall und Rauch, verklingt und verweht gar bald. Nicht durch äußere Gebärden kommt die Umkehr. Sie kommt aus der Erfahrung jedes einzelnen. Dazu zu helfen, ist unsere Pflicht! Nur so, wenn wir zu diesem Ziele auf den andern einwirken und für ihn wirken, vergessen wir uns selbst, lieben wir den andern mehr als uns selbst. Nicht mit Dank dürfen wir rechnen, wir dürfen ihn nicht verlangen, wahrhaft menschliches Handeln ist immer religiös, es braucht als solches gar nicht gekennzeichnet zu werden. Nur solches Wirken trägt feinen Lohn in sich, nur das schafft Güter, die nicht die Motten oder der Rost fressen. Beklagenswerte Menschheit, die das Jenseitige, das Ewige aus ihren Tagen zu verbannen strebt, um Scheinruhe zu haben, die dadurch die große Unruhe ist. Wer Ruhe ohne Kampf der feindlichen Gewalten in uns will, der wird nie Ruhe haben. Nur die erworbene Ruhe hält an und ist Ruhe! Es ist schon so oft gesagt worden und trotzdem hat es nichts genügt, deswegen muß es immer wieder und wieder laut gerufen werden: alles Politisieren im Innern und nach außen, alles Wirken des einzelnen für sich und für die Gesamtheit ist wertlos, ist zu grauenvollem Zusammenbruch verdammt, das nicht ethisch dem Ganzen vor uns. dem Ganzen nach uns verantwortlich getan wird. Möge in diesen Weihnachtstagen jeder in sich ernsthaft herumgehen, wahrhaft, bis ins Letzte aufrichtig und uneitel, möge er die Resultate vor sich hinlegen und prüfen, ob er glücklich ist, wenn er mit dem Ellenbogen stößt, wenn er verzerrt grinst, um nicht zu meinen. Freudigkeit und Kraft und freimachendes Lachen der Sicherheit durch G l a u • b e n an die Macht unserer Seele — das wünsche ich euch! Die einsame Kerze« Eine Weihnachtsgeschichte. Don Hans Franck. Niemand wußte, wer den Gedanken zuerst gehabt hatte. Nicht einmal das war widerspruchslos auszumachen, ob er in der Tat zuerst einem gekommen oder in mehreren, in allen zugleich aufgestiegen fei. Gewiß war nur: Am Weihnachtsabend wurde in dem ©ramm» scheu Hause nicht allein was in dem engeren Kreis der Liebe lebte, mit Geschenken bedacht, sondern auch. waS in ihrem weiteren Zirkelschlag atmete. Schnurzel, die weihgraue Kätzin, bekam ein Halsband. Keineswegs das harte, hänfene mit der Schelle, das die Kinder ihr im Frühling umbanden, damit die liedtrunkenen Vögel ihr Kommen rechtzeitig gewährten, sondern ein schmiegsames, schelle»- loses, aus reinster Seide, das sich zu einer kunstvollen Schleiß» schürzen lieft. Trud, der schwarzbraune Schäferhund, der ein Schlew- maul war, erhiell eine Tafel gerippter Schokolade. Den Hühner» streuten vier kleine Hände statt der täglichen Gerste soviel prall« Weizenkörner hin, daß sie fürs ganze Fest zum Futter reichten. Den Meisen wurde ein neuer Schinkenknochen vvrs Spielzimmerfenster gebaumelt und den Spatzen eine Schale mit Krumen und Kartoffeln in den Schnee gestellt. Das Eichhörnchen, um dessen Wintervvrrat es trotz seiner sommerlichen Emsigkeit nicht zum Besten bestellt sein muhte, da es bereits wieder die Knospen der Parktanne äbknapperte, beglückte man durch einen Teller, der mit Nüssen überhäuft war. Wie also hätten die Crammschen Kinder das Schwesterlein, das vor vielen Jahren — 19 Monate alt — vom Tod geholt war, in den weihnachtlichen Wochen bei ihrer Gabenausteilung vergessen können! Sagte doch die Mutter immer und immer wieder, daß Irmgard zwar gestorben, aber deswegen nicht ganz von ihnen fort» gegangen sei: dah sie zwar im Himmel wohne, aber dennoch unter ihnen weile, am Tag mit Gedanken, Wünschen, Bitten, des Nachts, wenn ihre Engelflügel sie wieder auf die Erde herabgetragen hatten, so wie sie einstmals durch die Stuben gepatschelt sei, nur um vieles leuchtender, um vieles schöner. Sobald es mit dem Aufhängen des Adventskranzes im Hause zu Weihnachten begann, Huben die beiden Crammschen Kinder alljährlich an, sich Geschenke für den Gabenteller Irmgards vom Munde abzusparen: Pfefferkuchen und Spekulatius, Nüsse und Mandeln, Schokolade und Marzipan, was eben von nah und fern als Festvorkost zu ihnen kam. Sigrid nähte oder häkelte oder stickte ein Bekleidungsstück, das Irmgard — wenn nicht im Himmel, dann doch auf dem allnächtlichen Fluge zur Erde — unbedingt nötig hatte. Gert, der nicht zurückstehen wollte, hämmerte, hobelte, feilte, sägte ein Etwas zusammen, von dem meistens außer ihm niemand den Namen wußte, geschweige denn den Zweck, das, darum aber doch, nach aller Aeberzeugung, der toten Schwester nicht weniger Freude machen würde, als die Nützlichkeiten Sigrids. An dem Tage, da man mit Fug und Recht das „Morgen, Kinder, wird's was geben!' singen konnte, wurden die ersparten und erarbeiteten Gaben auf zwei Teller gelegt und kurz vor dem Schlafengehen klopfenden Herzens auf die Terrasse gestellt. Liefen die Kinder des anderen Morgens hinaus, so hatte das Christkind die Teller geholt. Aber des Abends, wenn zu Häupten und zu Füßen des ausgereckten Speisetisches die beiden Weihnachtsbäume im Licht der bimten Kerzen sich unter dem glitzernden Behang bogen, dann fanden sich auch die Irmgard zugedachten Geschenke wieder. Unten dem Messingleuchter mit der großen, brennenden Wachskerze, die den Gabenplatz Der toten Schwester kennzeichnete, lagen sie Jahr für Jahr. In der Nacht kam die Beglückte zur Erde hinabgeflogen und holte das Ihre zu dem sternbedeckten Weihnachtsbaum hinauf. Jahr für Jahr. Aber es lieh sich nicht leugnen, daß im Lauf der Zeit die Cramm- fchen Kinder mit ihrer Schenkfreude für die Verstorbene lästiger wurden. Sie dachten später an den Teller Irmgards. Es wurde ihnen schwerer und schwerer, um einer niemals Sichtbaren willen auf Leckereien zu verzichten. Sigrid vermochte nur noch mit größter Anstrengung etwas auszudenken, das Irmgard wirklich benötige. Gert war von den Basteleien für Vater und Mutter flo sehr in Anspruch genommen, baß er die Weihnachtsgabe für die, welche er einzig durch Bilder kannte, am letzten Tage im Husch-Husch fertigstellen muhte. And als Sigrid ihren elften, Gert seinen neunten Geburtstag hinter sich hatte, da — vergaßen die Crammschen Kinder, ihren Gabenteller für die tote Schwester auf die Terrasse hinauszustellen. Don Tag zu Tag wartete die Mutter, dah Sigrid — oder zum wenigsten Gert — sich der Heimgegangenen erinnern werde; dah in ihren Herzen, neben der Freude auf bas Kommende, das Gedenken an das Einstige, ein kleines, ein winziges Plätzchen fände. Aber ihre Hoffnung war vergeblich. Die Mutter wollte mahnen. Brachte aber kein Wort über die Lippen. Die Mutter wollte schelten. Stand aber auch davon ab. Denn sie mußte sich, als sie ihr Herz Prüfte, das Recht zur Anklage absprechen. Nicht, bah sie, gleich den beiden Kindern, ihren toten Erstling vergessen hätte! Davor war sie durch die Gröhe des Leides bewahrt. 216er verglittz nicht auch in ihr — nach dreizehn Jahren — schon manchesmal das Ehemalige in das Gegenwärtige? Ließ es sich leugnen, dah sie zuweilen Irmgard als Sigrid, Sigrid als Irmgard sah? Vergessen? Nein! Nein! Jedoch konnte sie sich noch länger der Erkenntnis verschließen, daß der Schmerz um die Geschiedene aufgegangen war in Dem Glück über die Lebenden? Einige Tage war die Mutter willens, es Sigrid und Gert nachzutun: den Erinnerungsleuchter nicht auf den Weihnachtstisch zu stellen. 2lls aber der Weihnachtsabend da war, vermochte die Mutter es nicht. Wieder brannte aus dem Gabentisch die Gedächtniskerze. Einsam. Verlassen. Denn keine von Kinderhand errichtete Geschenkbrücke führte über bas gewellte Weih von den Füßen des Meffingleuchterturmes, wie sonst, nach rechts, nach links zu weihnachtlichem Festland hinüber. Als die Kinder auf der Schwelle des Weihnachtszimmers standen und — von Kerzenlicht überrieselt — Vers um Vers des lutherischen „Vom Himmel hoch" sangen, eilten Sigrids Augen von Baum zu Baum, von Geschenk zu Geschenk. Mles sah sie. Nur eines nicht: Irmgards Kerze. Gert, dessen Augen sonst während des Singens im Umherschweifen nicht müßiger waren als die ihren, sah keinen der beiden Bäume, keines der zahlreichen Geschenke. Er gewahrte nur eines: Die einsame Kerze. Mit dem letzten Ton des Liedes eilte Sigrid auf ihren Geschenkplatz zu. Im selben Augenblick rief dicht am Fenster, dessen Läden am Christabend nicht geschlossen wurden, ein Käuzchen. Und Gert, trotz seiner Verwirrung schon bereit, den alljährlichen Weihnachtswettlauf mit der Schwester aufzunehmen, tat keinen Schritt von der Schwelle. „Warum läufst du nicht zu deinen Geschenken?" forschte Der Vater, der noch am Flügel saß. „Das Käuzchen!" stieß Gert hervor. „Das ruft doch alle 2lbend!" „Du — Äuuu! hat es gescholten. Du — Duuu!!" Noch ehe Unwille den Kopfschüttelnden auf dem Klavierbock ganz herumgerisfen Hatte, lachte Sigrid — die Puppe auf ihrem Arm streichelnd — vom Weihnachtstisch her: „Hu — huuu! hat es gemacht. Wie jeden Llbend: Hu — huuu!!" „Sein Lebtag wird aus dem Jungen nichts!" knurrte der Vater. „Als Träumer ist er auf die Welt gekommen, als Träumer wird er sie verlassen. Der sieht noch mit vierzig Jahren pommersche Ganse für Märchenvögel aus Tausendundeiner Nacht an." Die Mutter nahm Gert bei der Hand und führte ihn, an der einsamen Kerze vorbei, zu seinen Geschenken. And es wurde im Crammschen Hause nun doch ein friedlichfroher Weihnachtsabend, wie ihm schon manche voraufgegangen waren; ein Abend, der immer aufs neue vom Spielen übers Singen zum Essen, vom Essen übers Singen zum Spielen führte. Nur wenn draußen das Käuzchen rief — und es klagte öfter und schmerzlicher als je —, durchzuckte eS Gert wie in jener Sekunde, als er mit bloßem Fuß auf den! Stecher der elektrischen Schnur trat, nicht wußte, woher ihm das unbekannte Weh widerfuhr, nicht erkannte, wodurch es endete. Die Zeiger der Ahr gingen gegen Mitternacht, ohne daß die Kinder sich von ihren Weihnachtsgaben trennen konnten. Immer wieder hatte die Mutter zum Schlafengehen gedrängt. Längst waren die Lichter beider Bäume heruntergebrannt. Selbst die Wachskerze im Messingleuchter war verschwelt. Auf dem Tisch lagen die Gaben drunter und drüber, daß man kaum noch finden konnte, wonach man verlangte. Aber gerade das war ein neuer Grund zum Bleiben. Schließlich fanden Sigrid und Gert sich doch in ihren Betten. Das Käuzchen aber war noch nicht müde. Es durchklagte lauter und lauter die Christnacht. Plötzlich — hatte sein Rufen ihn aus dem Schlaf heraufgerifseN, oder war er noch nicht in den Schacht der Träume hinabgeglitten? — plötzlich sah Gert in seinem Bett und flüsterte: „Sigrid — Sigrid!" Von dem Lager am Fenster kam keine Antwort. Dringender, flehentlicher, lauter bettelte der Knabe: „Sigrid —! Sigrid — —!!“ Nun rührte sich die Angerufene und ein schlaftrunkenes „Nnnn?" kam dem überwachen Gert als Echo zurück. „Draußen ist Irmgard!" versicherte der Knabe. „Sie weint, weil wir ihr kein Geschenk hingestellt haben. Die ganze Nacht wird sie weinen. Jede Nacht. Sie wird schelten. Da — hörst du's, Sigrid? — da: Du — Duuuu! Du — Summ!! Nicht das Käuzchen ist's. Irmgard! Irmgard!!" „Ansinn!" eiferte, nun ganz erwacht, Sigrid. „Das Käuzchen ist's. Nicht Irmgard. And es ruft — schon einmal habe ich dir's gesagt — wie jede Nacht: Hu — huuu! Hu — huuu!!" „Nein! Nein!! Es ist Irmgard. Sie fliegt ums Haus und sucht ihre Geschenke. Ans Fenster hats vorhin geklopft. Am zu erfahren, auf welchen Platz wir sie gestellt haben. Mles kann sie glauben. Nur nicht, daß wir sie vergessen konnten!" Jetzt sah auch Sigrid im Bett: Das fei Ansinn. Das Käuzchen rufe drauhem Nicht Irmgard. Das Klopfen habe ihm geträumt. Es sei überhaupt alles Ansinn. Sei alles nicht wahr. Es gäbe gar kein Christkind. „Nu — nujiu?“ mahnte draußen das Käuzchen. „Nu — nuuu??" Ja, alles nicht wahr. Alles von den großen Leuten ausgedacht. Die Weihnachtsbäume bringe nicht das Christkind. Sie hätte im vorigen Jahr wohl gesehen, wie der Forstarbeiter eine Woche vor Weihnachten mit ihnen unter dem Arm gekommen sei und sie in die Veranda gestellt hätte. And niemals hätte das Christkind Irmgards Teller von der Terrasse weggenommen. Niemals hätte die tote Schwester sich ihre Geschenke vom Weihnachtstisch geholt. Sondern — „Sondern?" bebte Gert. Auf diese Frage verweigerte Sigrid die Antwort. Mit hörbarem Ruck warf sie sich, um zu bekräftigen, daß das Gespräch eilt Ende hätte, in die Kissen zurück. Tiefe Sttlle drinnen. Draußen aber klagte das Käuzchen. Eine Frage stieg in dem Knaben auf, von deren Antwort das Atmen abhing. „Zu — zuuu!" drängte das Käuzchen, als er den Mut nicht fand, sie auszusprechen. „Zu — zuuu!" Da faßte Gert sich ein Herz, fragte flüsternd zu dem Bett am Fenster hinüber: „Wenn die großen Leute sich das Christkind ausgedacht haben, gibt es dann auch keinen Himmel? And keine Engel??" „Latz mich doch schlafen! Ich bin müde!!" wies Sigrid den bebenden Bruder ab und kehrte sich auf die andere Seite. Sttmd um Stunde saß Gert in seinem Bett und rang um Klarheit. Kein Christkind? Kein Himmel? Keine Engel? Irmgard fort? So weit, so ganz, so für immer fort, dach sie nie mehr zu «ihnen kommen, nie mehr ein Geschenk holen konnte? Jede Frage ein Wirbel im Strom der Angst, der den Knaben ins Dunkel, ins Nichts hinabzureißen drohte. And draußen klagte, draußen schrie das Käuzchen. Wo Rettung? Wo das Afer? Wo festes, sicheres Land? Wo? Wo?? Schließlich tauchte vor dem fiebernden Knaben ein Entschluß auf. Er wußte nicht, ob er Rettung brachte. Er fühlte, er glaubte, er wußte nur: in diese Richtung muhte er sich werfen. „Tu — tuuu!" bestätigte das Käuzchen. „Tu — tuuu!!" Gegen Morgen stieg Gert aus seinem Bett. Barfüßig schlich er aus dem KindersHlafzimmer. Ging gut! Sigrid erwachte nicht. 2lber die Ida, das Fräulein, welches tm Zimmer nebenan schlief? Zum Anglück stieß Gert im Dunkeln an einen Stuhl, der neben ihrem Bett stand. Er preßte, um nicht zu schreien, die eine Hand auf den Mund, die andere, um seinen Schlag zu dämpfen, auf das Herz. Ida wühlte sich in den Kissen herum, kehrte stöhnend das Gesicht zur Wand und schlief weiter. Auf den Zehen tappte Gert durch ihr Zimmer. Auf den Zehen die Treppe hinunter, die ihn Stufe um Stufe mit ihrem Knarren quälte. Aus den Zehen durch die Küche, den dunklen Flur ins Weihnachtszimmer. Dort machte Gert Licht. Häufte auf einen Teller, was der nur von seinen Leckereien und Geschenken zu tragen vermochte. Ging zur Haustür. And stellte mit einem „Irmgard!", in dem die Bitte um Verzeihung und die Bitte, seine Gaben trotz der Verspätung anzunehmen, sich mischten, den Teller auf die Terrasse. „Du — duuu!" jubelte in der Ferne das Käuzchen. „Du — duuu! !“ Ms am andern Morgen die Mutter alle Türen offen fand, int Weihnachtszimmer Licht sah, wollte sie — Diebe vermutend — nach oben eilen, um den Vater zu wecken. Aber im selben Augenblick, 6a sie sich angstvoll umwandte, sah sie den Gabenteller Gerts auf 6er Terrasse stehen. Da lief sie hinaus. Hob ihn _auf. Drückte ihn an ihr hämmerndes Herz und weinte. Weinte Tränen der Freude. Niemanden, nicht einmal dem Vater, erzählte die Mutter von dem IFund dieses Weihnachtsmorgens. Auch Gert schwieg. Selbst das triumphierende „Siehst du!", mit dem -er zunächst Sigrid eines Besseren belehren wollte, als er die Geschenke Irmgards — nachdem er am hellen Morgen erwacht und nach unten gelaufen war — nicht mehr auf der Terrasse fand, unterdrückte er; wenn auch mit vieler Mühe. Am nächsten ersten Adventsonntag, als in dem Kranz unter der Lampe ein Lichtlein brannte, sagte Gert unvermittelt zur Mutter: „Ich möchte Irmgard dieses Jahr gern eine schöne Kerze zu Weihnachten schenken. Darf ich?" „Gern, Junge. And wie wär's. wenn — wenn — du selber sie am Christabend neben den Messingleuchter auf Irmgards Platz stelltest?" „Ja, ja!" stimmte Sigrid jubelnd zu. „Eine Kerze. Jeder. Du und Vater die große in der Mitte. Ich und Gert die kleinen. Selber daneben stellen. Selber. Nicht so tun als —“ „Als — ?“ forschte die Mutter. Aber Sigrid schwieg. Am Christabend dieses Jahves und der kommenden Jahre standen die Crammschen Kinder, wenn sie das „Dom Himmel hoch" zu der Begleitung des Vaters sangen, mit brennenden Kerzen auf der Schwelle des Weihnachtszimmers. Die staken in Leuchtern, welche Gert in wochenlanger Arbeit gedrechsell und bemalt hatte. Wenn der letzte Ton ihres Liedes verhallt war, gingen sie Hand in Hand zu dem Platz Irmgards und stellten ihre bunten, kleinen Kerzen neben die gelbe, große Wachskerze, welche die Eltern allweih- Nächtlich dem Gedenken ihres toten Kindes widmeten. Erst dann liefen Gert und Sigrid zu ihren Geschenken. Die Meine Mutter. Von Manfred Hausmann. Und als es Abend wurde, Maria faß ganz allein, sie faß im dunklen Stalle und wiegte ihr Kindchen ein. Run schlafe, Kindchen, schlafe! Die Hirten haben gesagt, du wärest ein Königsknabe und ich eine Gottesmagd. ' * Das mögen sie fingen und sagen. Nun schlafe, mein Kindchen, schlaf ein! Ich bin eine kleine Mutter, und du bist mein Jesulein. Thristbaumvögelchen. Eine Vogel- und weihnachksgeschichke. Von Egon von K a p h e r r. „Hast du den Ständer mit dem Futterhäuschen fertig, Hannes?" Der Herr Forstmeister hatte das Fenster geöffnet und wies mit der Hand auf einen Fleck vor den verschneiten Blumenbeeten, deren letzte Astern längst verfroren und verdorrten. „Jawohl, Herr Forstmeister, stelle ihn gleich auf!" Eine halbe Stunde später standen Pfcchl und bedachtes Futterhäuschen vor dem Kontorfenster und allerlei Gutes war auch schon gestreut: Unkrautsamen, die in der Tenne beim Getreidefegen übriggeblieben waren, lleiner Hafer und geringe Gerste, etwas Hanfsamen und Hirsekörnchen und — wohl eingewickelt in ein kleines Stückchen Netz — an einer Schnur ein Stücklein Talg: Hammel- und Ninberfett, ein wenig gefestigt mit zugeschmolzenem Stearin, ungesalzen und roh: für die Meischen, die ja auch kommen würden und in erster Reihe sich Fett zu Ge« müte führen, wo's solches gibt. Der Forstmeister legt die Mten beisette und tritt zum Fenster. Draußen wirbelts schon wieder in feinen Flöckchen und das Thermometer weist sieben Grad. „War Zeit, da zu helfen," brummt der Alte, „arme Luderchen, die Vögel, frieren und hungern, wenn unsereins nicht hilft." Er pafft mächtige, blaue Wolken aus seiner Pfeife, schaut dem Schneegeriesel zu. Richtig: da fitzt schon ein Kleiber und hackt am Fettllumpen und — burr — da sind zwei kleine Grünlinge angekommen und drehen die Köpfchen. Sie fürchten sich noch, unter das Dach zu hüpfen. Aber die drei niedlichen Goldammern sind vertrauter: kaum schwirrten sie an. sind sie auch schon im Futterkästchen und picken das Winterkorn auf, und der freche Geldsperling, der nach ihnen kam, sieht sich gar nicht erst die kleine Futterbude an — er hüpft sofort ins Innere, tschilpt kräftig, so daß man's durch die Fenster hört, und beeilt sich, sein Teilchen zu erhaschen. „Vater, ich bringe den Kaffee", tönt hinter dem Alten eine freundliche Stimme. Lieselotte ist's, die Tochter des Forstmeisters, die dem Witwer die kleine Wirtschaft führt. Das hübsche Mädchen stellt das Geschirr auf den Tisch und gießt die Tassen voll. „So, Vater — ich habe auch Streuselkuchen, heute ist ja Heiliger 2lbend." Der Mte lächelt und streicht der Tochter übers Haar: „Recht, mein Kind! Den Daum putze ich dann! Wenn's dunkel wird. Zu Neujahr brennen wir die Lichter dann nochmal an, und dann kommt der Daum hier neben das Futterhäuschen, als Speck- und Fett- ständer für hungrige Meisen, die dann auch ihr Christfest haben sollen." Der Forstmeister schaut wieder zum Fenster hinaus, hin und wieder nimmt er einen Schluck Kaffee und einen Zug aus der Pfeife hinterher. Seit vielen Jahren ist es so: nach dem frühen Mittagessen gibt’6 im Arbeitszimmer den starken Kaffee. Das ist das Plauderstündchen der kleinen Familie, der zwei Menschen, die zurückblieben, seit die Mutter starb und der Sohn in Sibirien verschollen ist .... „Sieh' Vater, welch sonderbarer Vogel dort auf dem Futter- häuschen sitzt!" Der Forstmeister macht große Augen: „Wahrhaftig — ein Tannenhäher, und sogar einer von der dünnschnäbeligen Art. Ein Sibirier!" „Ein Sibirier! . . . Die Augen des Mädchens füllen sich mit Tränen. „Von dort kam vor zwölf Jahren die letzte Nachricht. Sechzehn — aus dem Gefangenenlager von Kainsk — dort war der arme Fritz um die Weihnachtszeit. — Seither haben wir nichts mehr von ihm gehört." Der Mte seufzte. „Ja — es ist so manch' armer Junge dort verschollen seit den Amfturzzeiten", murmelte er. „Viele sind, Gott weiß wohin, verschleppt worden und in den Eiswüsten um gekommen. Tausende, Abertausende. And manch einer kam erst kürzlich wieder, nachdem man ihn längst verlorengegeben hatte. Hoffen wir immer noch . . .“ Der graubraune, langschnäbelige Vogel trieb es frech genug da im Futterhäuschen. Er schien gutmütig zu fein, denn er tat den kleinen Vögeln nichts zuleide. Aber sein Appetft war gewaltig, und bald war die Hälfte vom Fett und der größte Teil der Sämereien verschwunden. „Kriiiäh!" kreischte der Nußhäher, spreizte den weitz- gebänderten Schwanz, btufterte das wie mit Schneeflocken bestreute, braune Gefieder, schlug mit den Flügeln und flog aufs Fensterbrett. Er llopfte gar ein wenig mit dem langen, spitzen Schnabel, verdrehte das Köpfchen, als ob er ins Zimmer gucken wollte, machte noch lauter „Kriiäh, kriiäh" und „trüllüllüllüll!" und drehte den Schnabel hin und her. „Das sieht ja ganz so aus, als ob er zu uns herein wollte", meinte der Mte. „Vielleicht ein — sibirischer Bote. . . .“ flüsterte das Mädchen. Der Forstmeister öffnete vorsichtig das Fenster. Der Vogel rückte ein wenig zur Seite, kam dann mitten in den Fensterraum und — hüpfte mit fröhlichem Krächzen ins Zimmer und auf die Lehne des Schreibtischstuhles. — Vorsichtig machte der Forstmeister das Fenster zu: „Nun haben wir den Boten — hoffentlich ist's ein gute® Vorzeichen. . .“ „KriiiiSH, kriiiäh!" schrie der Vogel. * Der Alte putzte mit vieler Sorgfalt den hübschen Daum, den er selbst auf einer Waldwiese ausgesucht hatte. Ein wenig Engelhaar, ein wenig Schneewatte auf die Zweige, Lichte: fertig war der Schmuck, glitt ertaub, Nüsse und Hampelmänner verunstalten das edle Bild. And dann zündete der Forstmeister umständlich die Lichte an, bis sie alle hell aufflammten, rückte noch den Tisch für seine Lieselotte. „Seife — die richtige Sorte, und Kölnisch Wasser — hm — und Hier das neue Nähkästchen und der Sweater, habe ich auch nicht vergessen — nein, auch das Kapuzchen und die Sportstrümpfe sind da. Auch das lleine Schreibzeug und das Thermometer ist hier . . ," Wohlgefällig blickt der alte Herr auf das Geschenktischchen. Dann lugt er lächelnd nach dem verdaten Tischchen: „Was mag nur das Mädel da wieder unter dem Tischtuch aufgebaut haben?" denkt er, und ist fast in Versuchung, das Geheimnis ein wenig zu lüften. . . < Klingelingeling! Die Glocke schrillt. Nun dürfen sie herein — die Lieselotte und die Magd Marie, der Gärtnerbursche Hannes und Joachim, der Kutscher. — „Kriiiäh" schreit der Vogel. Erstaunt blinzelt er die Lichter an. „So — nun seht euch eure Tischchen an! Hier, Lieselotte, ist dein Descherttsch, und dort ist Ihrer. Jochen, und hier deiner, Hannes. And die Marie hat ihren Tisch da neben dem Spinde!" „Sieh, Vater — hier habe ich auch was für dich: einen neuen TabaksbeutÄ und eine Strickjacke, ein paar Ohrenwärmer und. . ." „Kriiiäh, trüllüllüllüll!“ Der Vogel kreischte, schlug mit den Flügeln und saß auch schon auf der Schulter des Mädchens. Dann hüpfte er auf den Tisch, holte sich eine Walnuß, flog mit ihr auf den Ofen und begann zu hämmern. „Sieh doch 'mal an — er tut ganz, als ob er schon jahrelang bei uns wäre!" sagte der Forstmeister erstaunt. „Vielleicht hat ihn schon jemand als zahmen Vogel gehalten? Vielleicht war auch er einmal in Sibirien Gefangener. . Der alte Herr sprach die Worte für sich hin. „Ein Bote aus Sibirien“, sagte Lieselotte leise. Sie warf dem Bogel noch eine Nuß hin. Ein leichter Windzug bewegte die Lichter am Daum. Lieselotte wandte sich nach der Tür um, streckte die Hände aus und fiel mit einem Aufschrei in die Knie: „ Fritz!" Der Forstmeister stand wie vom Donner gerührt, seine mächtige Gestalt bebte, „Alle guten Geister", murmelte der alte Kutscher. — Da tag Fritz, der längst Totgeglaubte, in des Vaters Armen — bann küßte er die Schwester. „Gott sei dank — daheim!" . „Kriiäh — trüllüllüllüll!" schrie der Vogel in der Ofenecke. per« ') Ein Wortspiel mit „Porter", das im Englischen einen Portier und Sir verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'sche Univerf itäts.Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. die viel jünger mar als der wie unter der un- hin und wieder stockte, mit großer Strenge — „meine Angelegenheiten der Vorbereitung gefunden werden." „Mein teurer Sir Joseph!", sagte die Dame, der Gentleman. „Wie entsetzlich!" „Mylady Bowley," cntgchnete Sir Joseph geheuerlichen Tiefsinnigkeit seiner Bemerkungen , „3U dieser Zeit des Jahres müssen wir an — an — uns selbst denken. Wir sollten Einsicht nehnien in — in unsre Rechnungen. Sir Joseph entledigte sich dieser Worte in einer Weise, als fühle er die volle Moralität derselben und wünsche, daß sogar Trotty Gelegenheit Die Saite meines Daseins zerreißen sollte, Sir," erwiderte Sir Joseph ......hoffentlich im Zustande habe, sich an einem derartigen Gespräch zu erbauen. Vielleicht lag dies in seiner Absicht, weil er immer das Siegel des Briefes noch nneröffnet ließ und zu Trotty sagte, er solle noch eine Minute warten. „Mylady, Sie wollten Herrn Fish schreiben lasten ..bemerkte Sir Joseph. „Herr Fish hat es, glaube ich, schon geschrieben", versetzte die gnädige Frau, nach dem Brief yinsehend. „Aber auf mein Wort, Sir Joseph, ich glaube nicht, daß ich es zulassen kann. Es ist so kostspielig." „Was ist kostspielig?", fragte Sir Joseph. „Dieser Wohltätigkeitsverein, mein Lieber. Sie gestatten nur zwei Stimmen für eine Unterzeichnung von fünf Pfund. Das ist in der Tat zu arg. „Mylady Bowley," entgegnete Sir Joseph, „Ihr setzt mich in Erstaunen. Steht der Hochgenuß des Gefühls im Verhältnis zu der Anzahl der Stimmen, oder steht er für eine edle Seele im Verhältnis zu der Anzahl der Bewerber und der ganzen Gesinnung, in die sie durch ihre Bewerbung versetzt werden? Liegt nicht Aufregung der reinsten Art in dem Umstand, unter fünfzig Personen über zwei Stimmen zu verfügen?" „Ich gestehe, für mich nicht, denn man langweilt sich dabei", entgegnete die gnädige Frau. „Außerdem kann man sich keine Freunde verbinden. Doch ich weiß ja, Ihr seid des armen Mannes Freund, Sir Joseph, und denkt anders." „Ich bin allerdings des armen Mannes Freund", bemerkte Sir Joseph, nach dem anwesenden armen Mann hinblickend. „Als solchen mag man mich immerhin verhöhnen, wie man mich schon verhöhnt hat; ich lange dennoch keinen andern Titel!" Dke > Von Charles Dickens. v (Fortsetzung.» Doch auch dieser, so traurig er war, brachte ihn endlich ans Ende feiner Wanderung nach der Wohnung des Sir Joseph Bowley, Parlamentsmitglied. Die Tür wurde durch einen Portier geöffnet. Und noch dazu durch was für einen Portier! Kein Porter*) von Tobys Rang. Etwas ganz andres. Und bei seiner Stellung konnte er die Botengänge wohl entbehren: nicht aber Toby. Dieser Portier mußte zuvor schwer schnauben, ehe er sprechen konnte; denn er hatte sich außer Atem gehetzt, weil er unvorsichtigerweise von seinem Stuhl aufgestanden war, ohne daß er sich zuvor Zeit genommen hatte, darüber nachzudenken und sein Gemüt zu beruhigen. Als er endlich seine Stimme gefunden hatte — freilich dauerte dies eine geraume Zeit, denn fie >var weg und unter einer Last Fleisch verborgen — begann er in fettem Geflüster: „Von wem ist's?" Toby sagte es ihm. „Ihr müßt es selbst hineintragen", sagte der Portier, nach einem Zimmer am Ende eines langen Ganges deutend, der an die Halle stieß. „An diesem Tag des Jahres geht alles direkt hinein. Ihr kommt nicht eine Sekunde zu früh, denn der Wagen steht schon vor der Tür, und sie sind ausdrücklich nur für ein paar Stunden nach der Stadt gekommen." Toby wischte sich sorgfältig die Füße ab, obschon sie ganz trocken waren, und schlug den ihm angedeuteten Weg ein. Während er durch die Halle trottete, bemerkte er, daß es ein schauerlich großartiges Haus war, aber alles so still und verhüllt, als befände sich die Familie auf dem Land. Er klopfte an die Zimmertür, und als er auf ein .Herein' eintrat, gelangte er in ein geräumiges Bibliothekzimmer, in dem vor einem mit Papieren bedeckten Tisch eine stattliche Dame im Hut sah. Ein nicht sehr stattlicher, schwarz gekleideter Gentleman schrieb, was sie diktierte, und ein andrer älterer und viel stattlicherer Gentleman, dessen Hut und Stock auf dem Tisch lagen, ging auf und ab „Was ist dies?" fragte der letzterwähnte Gentleman. „Herr Fish, wollen Sie nicht die Güte haben, sich darum zu kümmern?" Herr Fish bat um Verzeihung, nahm Toby den Brief ab und überreichte ihn mit großer Ehrfurcht." „Von Alderman Cute, Sir Joseph." „Ist dies alles? Habt Ihr sonst nichts, Austräger?" fragte Sir Joseph. Toby antwortete verneinend. „Habt Ihr keinen Wechsel, keine Forderung an mich, von welcher Seite her es auch fein mag?", sagte Sir Joseph. „Mein Name ist Bowley — Sir Joseph Bowley; wenn Ihr etwas habt, so gebt es her. Herr Fish hat ein Scheckbuch neben sich liegen. Ich lasse nichts ins neue Jahr hinübergehen. Jede Art Rechnung muß in diesem Haus am Schluß des alten beglichen werden, damit, wenn der Tod — wenn der Tod..." „Mich wegraffen sollte", ergänzte Herr Fish. solche Dinge gehen i h n auch durchaus nichts an. Mir liegt mein Freund der arme Mann in meinem Distrikt, am Herzen, und kein Mensch und keine Parteigruppe, mögen ihrer auch noch so viele sein, haben ein Recht, sich zwischen mich und meinen Freund zu drängen. Dies ist das Feld dem ich nicht weiche. Ich stehe meinem Freunde in der — in der Eigenschaft eines Vaters gegenüber und sage zu ihm: mein guter Bursche, ich will väterlich an dir handeln." zuinute $5rk mU 0ro^em ^nst zu — es wurde ihm nachgerade wohler a- '-Mein guter Freund," fuhr Sir Joseph fort, indem er zerstreut nach Toby hmblickte, „du hast m diesem Leben nichts — ganz und gar nichts zu tun, als dich auf mich zu verlassen, und brauchst dich nicht zu bemühen, liber irgend etwas nachzudenken. Ich will für dich denken, denn ich weiß, was gut für dich ist, und bin stets dein Vater. Dies ist die Fugung einer allweisen Vorsehung! Du bist nicht dazu geschaffen, um zu schlemmen zu trinken und wie das Vieh deine Lust im Essen zu suchen — Toby dachte mit Gewissensbissen an seine Kuttelflecke — „du °llst nur die Wurde der Arbeit fühlen. Geh aufrecht hinaus in die erfrischende Morgenluft und — und bleibe daselbst Lebe spärlich und mäßig, benimm dich respektvoll, übe dich in der Selbstverleuqminq erziehe deine Familie mit fast nichts, zahle deine Steuer so reaelmäßg als die Uhr schlägt, fei pünktlich in deinem Verkehr — ich gebe dir darin ein gutes Beispiel, denn du wirst Herrn Fish, meinen Geheimschreiber, stets mit einer Geldtruhe vor sich sehen — und du kannst auf mich als auf deinen Freund und Vater bauen." „In der Tat, saubere Kinder, Sir Joseph", sagte die Dame mit einem Schauder. „Rheumatismen, Fieber, verkrümmte Beine, Asthma und dergleichen Schrecken." „Mylady," versetzte Sir Joseph mit Feierlichkeit, „nichtsdestoweniger bin ich des armen Mannes Freund und Vater. Nichtsdestoweniger soll er aus meinen Händen Ermutigung erhalten. An jedem Vierteljahrstag kann er sich mit Herrn Fish besprechen. An jedem Neujahrstag werde ich mit Freunden auf seine Gesundheit trinken. Einmal im Jahr werden ich selbst und meine Freunde tief empfundene Worte an ihn richten. Einmal in seinem Leben kann er vielleicht öffentlich und in Anwesenheit der Honoratiorenschaft sogar eine Kleinigkeit von einem Freund erhalten. Und wenn er, nicht mehr durch derartige Antriebe und durch die Würde der Arbeit aufrechtgehalten, in fein trostreiches Grab sinkt, bann, Mylady" — hier blies Sir Joseph seine Nase auf — „werde ich unter denselben Bedingungen ein Freund und Vater sein — feinen Kindern." „0! Da habt Ihr auch eine dankbare Familie, Sir Joseph!" rief seine Gattin. „Mylady," versetzte Sir Joseph in majestätischem Ton, „Undank ist bekanntermaßen die Sünde dieser Klasse. Ich erwarte keinen andern Lohn." „Ah!, schon als schlecht geboren!", dachte Toby. „Nichts kann unser verhärtetes Gemüt rühren." „Was ein Mensch tun kann, geschieht von meiner Seite aus", fuhr Sir Joseph fort. „Ich erfülle meine Pflicht als des armen Mannes Freund und Vater und bemühe mich, seinen Geist zu bilden, indem ich ihm bei allen Gelegenheiten die eine große moralische Lehre, die diese Klasse braucht, ans Herz lege. Das heißt, unbedingte Abhängigkeit von mir. Sie haben durchaus nichts mit — mit sich selbst zu schaffen. Aber auch wenn gottlose und hinterlistige Personen sie eines andern belehren wollen — wenn sie ungeduldig und unzufrieden werden, sich eines unbotmäßigen Betragens und schwarzen Undanks schuldig machen, was ohne Zweifel der Fall sein wird, bleibe ich dennoch ihr Freund und Vater. Es ist so von der Vorsehung verordnet und liegt in der Natur der Dinge." Mit diesem großartigen Gefühl öffnete er den Brief des Alderman und las ihn. „In der Tat sehr höflich und aufmerksam!", rief Sir Joseph. „Mylady, der Alderman ist so verbindlich, mich zu erinnern, daß er die .ausgezeichnete Ehre' hatte — er ist sehr gütig — mich in dem Haus unsres gemeinschaftlichen Freundes, des Bankiers Deedles, zu treffen, und erweist mir die Gunst, anzufragen, ob es mir angenehm fei, wenn er Will Fern das Handwerk lege.1" „H öchst angenehm!", versetzte Lady Bowley. „Der Schlimmste von allen! Hoffentlich hat er einen Raub begangen." „Ei nein", entgegnete Sir Joseph, in den Brief blickend. „Nicht ganz. Zwar nahe daran, aber nicht ganz. Es scheint, daß er nach London kam, um sich nach Arbeit umzusehen (sich zu verbessern, sagt er), und da wurde er denn nachts in einem Schuppen schlafend gefunden, in Hast genommen und am andern Morgen vor den Alderman gebracht. Der Alderman bemerkt (und zwar sehr richtig), daß er fest entschlossen sei, mit derartigen Vorkommnissen aufzuräumen, und wenn es mir angenehm fei, daß man es Will Fern endlich lege, so schätze er sich glücklich, mit ihm den Anfang zu machen." „ Jedenfalls soll ein Exempel an ihm statuiert werden , entgegnete die gnädige Frau. „Als ich letzten Winter unter den Männern und Knaben des Dorfes als eine hübsche Abendbeschäftigung das Spitzen und Oehren der Nadeln einführte und bei dieser Gelegenheit den Vers O laßt uns unsre Arbeit üben. Den Squire und desien Haus stets lieben, Don unferm Tagsverdienste leben Uns unsres Stand's nicht überheben in Musik setzte, damit sie ihn dazu sängen, langte derselbige Fern — i» kann ihn noch sehen — an seinen Hut und sagte: .Bitt demütig um Verzeihung, Mylady, aber ist nicht doch noch ein Unterschied zwischen nyr und einem großen Mädchen?' Natürlich erwartete ich dies, denn von dieser Klasse ist doch nichts als Unverschämtheit und Undank vorauszu- sehen. Doch warum sollte ich mich auch ereifern! Sir Joseph, laßt em Exempel an ihm statuieren." (Fortsetzung folgt.) _____ einen Last- ober Austräger bezeichnet. „Gott segne biefen eblcn ©entieman!", dachte Trotty. „Mit Cute da zum Beispiel bin ich nicht einverstanden", sagte Joseph, indem er den Brief ausstreckte. „Ebensowenig sagt mir Filers Partei zu. Ich will nichts von einer Partei wissen. Mein Freund, der arme Mann, hat nichts mit irgend etwas dieser Art zu schaffen, und