machen, Scheibe Ltnb kein ‘r Haus, schenstill Heinzeb im B«< is Böse, :s Haur mir die ur heut« ijegeftern mir dar iroe los. >innen?' schüttelt« Silfvev die Eule tobigklt ehe er täte um r. blauer während Kleine« e. „Hat glaubte, Zte, daß ade, all vater ist der, daß ,t auch/ ite nicht, >t,“ fuhr n icy -es ' er hat in Spiel in der n so be< nd putze Sie die mit dem ind kam eby gab 'fegt ge- ue Uni< schnallte an. Er draußen im Se« st, schon ntt, daß her und sich Zur Brücke s Pferd geritten s Pferd itpeitfche rzte sich .im See >rd xxv mf den auf den Hilfe zu ," f°gi« ■ift tief' n, stund ike und i Leben ießen. NetzenerKmilieMätter Nummer 9^ Unterhaltungsbeilage zum Gletzener Anzeiger Mrgang t928 5amstag."den 24. November ---------- Vom Tode. Von Johannes Schlaf. welche die Menschen in der Renaissance bis gegen unsere Zeit her vor dem Tobe hatten, vor der Flüchtigkeit des Lebens und der Ewigkeit! Aus den Totentänzen, aus Chorälen und äreoigten schlagt sie uns beklemmend entgegen. Die Altgermanen "nuten sie nicht auch wohl nicht bas Mittelalter. Sicherlich kannte sie Ji-fc mr F^sti Lehre vom ewigen Leben wissende, wahrhaft gläubige Christ Beweis die freudige Hingabe der Märtyrer selbst an den martervolhten Tod. eigentlich findet man, je älter man wird, und je öfter man Menschen sterben steht, um so mehr, daß es um den Tod nicht so arg stehen kann, als je daraus gemacht wurde. Der Nachweis, daß es so ist, hält nicht schwer; von selbst bietet sich, wenn man austnerkt, daß der Tod kein Abschluß für immer sein kann. Erfasse den Moment, und du weißt, was Tod und Leben ist. es, kein? Dauer von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gibt daß nichts ist als der ewige, an sich selbst seiende Moment, siegt so auf der flachen Hand wie das. Es ist nicht zu begreifen, wohl aber ohne weiteres festzust-llen, sagt sich von selbst. Du hast noch me den gegenwärtigen Augenblick erfaßt, nie auch, wie er aus der Ver- Mngenheit herkam oder sie war, oder wie er Zukunft wird; doch war alle Vergangenheit er und wird alle Zukunft er sein, wie er Gegen- tourt ist. y SWan kann auch nicht sagen, daß sich der Moment als solcher zu der »Ä-i1’ Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft reihte, es gibt nicht Wntlich eine Folge von Momenten, sondern alles ist jederzeit zemos, raumlos, unfaßbar, unabmeßbar, immer sich selbst gleich der sn"0» eigenllichst der Punkt als solcher. i-unkt kann sich nicht reihen, schließt seine Reihung mit sich selbst aus. --u rannst eine gerade Linie oder sonst ein Raumgebilde seiner Ausdeh- nad) unenbfirfj oft berühren, und triffst sie immer als Punkt; du ,'l mii solcher Abtastung auch nur einer Linie von der Ausdehnung .Altimeters in Ewigkeit nicht zu Ende kommen. Also ist sie schließ- "«ht eine Reihung von Punkt oder Punkten, sondern als solche, so Hat» U •l'tiL ”nt> roie sie jegliches Raumgebilde, nimm es so groß oder so Qrn? ?u willst, selber Punkt schlechthin, und also ist alles, das ganze Mße Weltall Punkt schlechthin. 4,(15 ist nicht zu begreifen, aber feststellbar, bietet sich so mit sich selbst. Friedhof. Bon Hans Franck. I. H'igel, Kränze, Kreuze, Namen, Hecken, Gitter, Stein und Holz, Monumente, marmorstolz, zeitzerzauster Liebessamen ... Stund um Stunde ich inmitten. Einer, den ich kaum gekannt, plötzlich atmend auferstand. Einer, der mit mir geschritten Arm in Arm durch helle Jahre, weigerte mir Äug' und Hände. Den, der sich zu früh entlaubte, Den, der sich vergessen glaubte: auf der lichtbetropften Bahre trug man sie zum gleichen Ende. II. Und an diesem Ort der Toten Eine, lieb, wie nichts hienieden. Vorgegangen, nicht geschieden! Denn schon ward — umrankt von roten Rosen — mir der Stein geschichtet, mit dem ihren zu verkünden mein Entquellen und mein Münden. Was wird's sein, was er berichtet? „Dieser ward geboren ... starb ... atmete ... gedieh... verdarb ...” Mancher wird wie Ich hier stehen, fragen: „Was behält der Hamen?" Antwort wird im Winde wehen: „Hügel, Kränze, Kreuze, Namen ..." rtnh^-€»^9rn0f«;abers916 f keine andere, kein anderes Beieinander, kein» andere Aufeinanderfolge gibt es als eine solche von Roum „nh ll°%TobTr9oÖ|k)€n' ®in9o unt) als n>as bu es auch inimer nnrHhrtoi'* _ OebMto6 Vunkt^M^ |efine,s!} ^"halten ^Zunkt, Moment schlechthin, all seine^nhMe und W-jen. ' Weltall und Hnh fn Ä3“ ^9reiIcn- «der feststellbar, bietet sich so mit sich selbst, „nhnt nlP ""es eine vollkommenste Einheit, die sich ewig hat s°Ä)e llnb sthlechthim° ®6nn du»«, Moment ist die Einhei? al. Leben aber ist auf- und absteigender Rhythmus. Vom Unterbewußt» V3 $ 3,u.m höchsten Bewußtsein seiner selbst, neigt sich von diesem wieder zum Unterbewußtsein. Da aber alles die eine und aleicke ollkommenste Einheit, so ist sein Rhythmus ein ewiger mit der Ewia- schlosierr "nfn ntpV«1 h if- MV p^lönlicher Lebensrhythmus ihr ein£ llylosien. wie konntest du jemals für immer vergehen? Ewig erhebst du sR^ml^foi^n erbeK>Ul3t.2.eitn^em Zustand zu deinem höchsten, widjften 8en>u^t|cin, um von ifym aus einmal mteber cinxuacbcn in h»m bewußtheitlichen Zustand. Du stirbst und du lebst wieder auf Richt etwa bloß io als Kristallgebilde, Blume, Baum ober bergle&n toft lieber auf, sondern irgendeinmal und benötigte es dazu Perioden u st and"*"' 3“ cmem höchsten, persönlichen Bewußtsein». Dies aber ist so, daß du im Tode immer wieder aanr nur Moment !7l alL""b ^r."solcher und abgesehen von der F§lle seiner Leben», i"halte bist. Doch da ewiger Moment überbegrifflich all feinen Inhalt einbeschließt, so schwingst du dich, schwingt sich Leben über *ot> 3eh ^tnali-hke^ hinweg und hinaus in Raum, Z„s.,1>lnglichkelt, Wesenhaftigkeit hinein und empor zum höchsten Be» wupi|vtn. sieb, und das liegt auf der Hand! Was könnte dir geschehen? Totensonntag. Eine Legende von Gertrud Aulich. ^^^learme Seele war gestorben und stand nun an den Pforten der 3« empfangen nach Gerechtigkeit und Liebe. Am Tor bib miF ihr ah hbeL®18eL.bey 0uten Werke Wacht, und die arme Seele auf «hre Hande herab, die leer waren, obwohl sie beim Abschied von öef lkrde in ihre sich unermeßlich weitende Höhlung olle Schütze und Kostbarkeiten eines ganzen Lebens gesammelt hatte. Wo sind die guten Werke deiner siebzig Jahre? sprach der Enael mH fei|er Traurigkeit, sieh, deine Hönde sind leer! Alle guten Taten haben dich verlassen, du hattest sie nicht für die Ewigkeit getan, arme Seele Jie wuchsen zu nahe an der Erde, sie haben dich nur bis zur Grenze des Ewigen begleitet, und sind an den Ort zurückgekehrt, für den sie bestimmt waren — zur Erde. Welcher Werke rühmst du dich nun? AH habe für die Menschen gelebt, die ich liebte und die mir von Gott anvertraut waren, rechtfertigte sich die arme Seele. Ich habe Almosen an Armen gegeben, ich habe bedürftige Kinder bekleidet - ich lag vo? ^m seinetwillen^" *bm’ (obte ii,n- dankte ihm, alles tat ich Wetter! sprach unerbittlich der Engel, ist dies alles? Cs reicht nicht aus, em langes Leben zu füllen. A A habe jeden Tag, den Gott gab, aufs genaueste meine Pflichten erfüllt, ich war em strenger Vater, ein treuer Gatte, ein zuverlässiger Kaufmann, em geachteter Bürger...ich habe viel gelitten, ich ertrug eine lange, lauernde, böse Krankheit... 8 Die arme Seele schwieg. Der Engel lächelte nachsichtig: Du tatest sehr viel überflüssige Dinge aber geh Mr Erde und sieh was aus allen deinen Werken geworden ist. Eine einzige Tat, fei es Siebe, fei es Segen, fei es Dank, ja, eine einzige kleine Trane liebreicher Erinnerung, ein Gedanke, ein Herzschlag, für dich dargebracht, öffnet dir die Pforten ewiger Glückseligkeit. Die arme Seele ging zur Erde. Sie kam zunächst in das Haus, a, sie waren alle für die Erde getan, sie klebten an der Erde ... ' Da — o Wunder! — auf dem Grabhügel, der voller Kranze lag, kniete ein kleines Müdci-en, das hatte ein ganz dünnes Lichtlein angezündet und hielt nun die Hände um die armselige Flamme, daß der Wind sie nicht auslölche ... Und die Lippen sprachen oft gehörte L.otensonntag- aebete nach, die der kindliche Sinn noch nicht verstand:... und das ewige Licht leuchte ihm ... und aus den Augen fiel eine Trane ^Und diesem Kinde hatte die arme Seele nur einmal, als ein unduldsamer Vater es gezüchtigt hatte, das tränenuberstromte Gesichttem gestreichelt und ihm Worte, ach, seiner verlassenen Kindheit so seltene Worte voll Liebe und aufrichtigen Menschengefühls gesagt. Erlöste arme Seele! Das kleine dünne Licht aus Kinderhand flammt nun wie eine goldene Sonne auf deinem Weg in die Ewigkeit! „Und so lösche ich denn mein Dasein aus in Gedanken am Vorabend der furchtbaren Schlacht," bekennt Otto Heineback, „und denke mein Selbst hinweg aus dem teuren Kreise, dem es als geliebtes Glied ange- hören durfte. — Auch die Lücke, die ich hinterlassen wurde, muß sich schließen, — der unendliche Reigen der Geschöpfe läßt sich nimmer beirren — ich segne ihn, ein winziges Glied, das ihm angehörts, in alle Zukunft! Und bis in Eure letzten Tage gedenkt mein, ich bitte Euch, in 9 Und Eugen Röcker jubelt: „Ich bin freudig gehobenen Heizen - Was haben wir zu verlieren? Nichts als unser ärmliches Leben. d'e^ vermögen sie doch nicht zu töten. Was sollten wir uns furchten"^ werdet für mich Kraft zum Ausharren im Granatenhagel erflehen. wci Ihr bie|en Brief in Händen habt. Ihr werdet nicht um mein W Leben bitten, sondern darum, daß mich Gott im Leben und im «t nicht verlassen möge. Näher, mein (Bott, zu dir! Bleib' mir dann zur Seite stehen, wenn mir Grauen macht der To, als das kühle, scharfe Wehen vor des Himmels Morgenrot! Wird mein Auge dunkler, trüber, bann erleuchte meinen Geist,,, daß ich fröhlich zieh' hinüber, wie man nach der Heimat reist. milder Siebe, ehrt mein Gedächtnis, ohne es zu übergolden, und bewahrt mich in treuen, zärtlichen Herzen." „Der Tod ist wohl bitter, schließt Walter Schmidt sein letztes Schreiben, „aber man kann ihn schon vorher innerlich überwinden und dann leuchtet sein Zweck glückbringend durch die Greuel und das Blut: die Rettung des Vaterlandes! Dann imponiert der Tod nicht mehr. Die Illusionen schwinden. — „Wenn wir den Tod er- warten, so erfolgt das aus nüchternen Verlegungen heraus zum Bei- spiel wir rechnen ganz ruhig: September waren es unser 80, Weihnachten 40, Februar nach 12, jetzt erhalte ich Briese: „die Kompagnie hat wieder 50 Mann verloren" — da sind auch sicher wieder 3 bis 4 der Alten dar- unter. So überlegt man ganz ruhig. Beben wollen ° das wollen wir, bewußt und unbewußt, mit unerhörter Intensität. Woher fonst schon die wilde Energie auch völlig erschöpfter Truppen in den Nahkarnpfen! (Alfred E. Vaeth.) Und das Todeserlebnis läutert sie, macht sie demütig und fromm. „Es ist nicht wahr," sagt Hero Hellwich, „daß der Krieg verrohend auf bie Menschen wirkt. Wer verroht zurückkommt, roar vorher schon roh. Der Krieg wirkt vielmehr läuternd und vertiefend. Für >eden Tag, den man noch9 erleben darf, dankt man Gott. Sollte ich nach Gottes unermeß- licher Gnade lebendig aus diesem Kriege herauskommen, so will ich mich — so schlecht und ungenügend es mir auch gelingen wird — dieser Gnade würdig zu erweisen suchen. Im Kriege ist keiner Herr über em Geschick, Menschenwitz versagt. Man kann nur sagen: „Herr, dein Wille geschehe. Ich bemühe mich, jederzeit so zu (ein, daß ich, wenn mich ein Einschlager ober eine Kugel trifft, nicht mit unnützen Gedanken im Kopfe verscheide. Ja, in manchen dieser jungen, so lebensvollen Menschen steigt etwas wie Todessehnsucht heraus. „Oft denkt man an die Erlösung aus diesen Gefahren und Entbehrungen durch einen plötzlichen Tod und dieser Ge- danke ist uns so naheliegend geworden, daß er für uns alle Furchtbarkeit verloren hat. Unsere besten Freunde, die herrlichsten Menschen haben sich diesem Tod in die Arme geworfen, warum sollen wir ihn furchten und meiden? Er ist der schönste, der einem im Beben beschieden fern tarnt; und doch stirbt keiner gern, denn das fühlen wir: wir haben mit dem Leben nicht abgeschlossen, wir stehen seinen Tiefen und Geheimnissen noch fremd gegenüber. (Walter Schmidt.) Erwin S t r a ß m a n n schreibt: Hier im Felde, an der Somme, ist Tod und Trauer etwas ganz anderes. Da weiß jeder: es sterben in jedem Augenblick die Kameraden, die Fahnenträger: Aber die Idee, die Fahne lebt, wird hochgeha»ein Und bas ist bas Wesentliche. Die ihr Beben für uns ließen, sind die, welche uns und unserem Volk das Beben gaben. Sie sind das Fundament der Zukunft. Darum ist der Tod fürs Vaterland höchste Lebensersullung, das sei der Stolz der Trauernden. Ich wünschte, Ihr hattet hettte die letzten Kerls des 5. Garde-Regiments gesehen, die abends in die Graben gehn. Es sind so heilige stille Jungen; aus ihren Augen leuchtet ruhevolle, weltferne Unendlichkeit. - Sie gehen und besuchen noch einmal die gefalle, en Kameraden. Es ist ihnen eine Erholung, bei den einzelnen Kreuzen stehenzubleiben und von dem, der da unten liegt, zu sprechen. Der Gedanke, bald bei ihnen zu sein, gibt ihnen stilles Gluck; denn sie sehnen sich nach Schlaf. Von dem „süß-gruseligen Todesahnen" spricht einer unb em anderer erzählt einen Traum: „Ich lag in e,nein Schloß.auf Vorposten. Ich kam in ein Zimmer, und wie ich eintrete, eilt nur ein schönes, verlockendes Weib entgegen. Ich will sie küßen, und da ich mich ihr nähern will, grinst mich ein Totenschädel an. Einen Augenblick bin ich erstarrt vor Schreck, bann aber küsse ich ihn küsse ihn so heftig und heiß baß mir ein Stuck seines Unterkiefers zwischen den Bippen bleibt. Im selben Augenblick verwandelt sich der Tod in meine Anna — und dann mutz icy aufgewacht sein." Die Gräber sind ihnen Stätten des Friedens, die sie aussuchen, wie es Hans Spatzl schildert: „Da ist das Grab eines unserer Helden. Ost gehe ich daran vorüber, aber nie ohne mein Haupt zu entblößen unb ein Ave Maria für den Toten zu beten. In der Gruft, die -me schwere Era- nate herausgewühlt hatte, hat ihm ein treuer Kamerad das Grab bereitet Ein regelrechtes Grab hat er dann aufgeworfen ein hübsches Überdachtes Kreuz aufgepflanzt Zwei Kerzenkeuchter stehen zu dessen Füßen. Ein schweres 18-Zentlmetergeschoß thront über dem Grobe. Darauf waren Blumen gepflanzt. Rings um das Grad herum wucherte d.e Natur. Aehren unb Blumen bunt durcheinander neigten sich über Den Rand der Granatengrube. Ein heiliger Friede wohnt dort, und wenn m) am frühen Morgen, da die Sonne ihre ersten goldenen Flammen über dem Grabe flackern ließ, vorüberging, dann zog ich meine Muno- harmonika heraus und spielte dem gefallenen Kameraden eine fromme Weise ins Grab." . ... So drängt alles in ihnen aus der Wirklichkeit heraus ins Ueberstdlsqe- Himmlische, Ewige. „Wenn ich auch nicht an die bekannte persönliche UN sterblichkeitsidee glaube," gesteht Martin Drescher, „der Anblick der funkelnden Sterne gestern abend und sonstige Erinnerungen und Leo achtungen aus früherer Zeit zumal aus Goethe, haben in mir w » die alte Theorie von der Allseele, in der die Einzelseele aufgehtz be dt Und so habe ich jetzt schon ruhiger die Granaten über mich hmsau Horen. Ich bin der festen Verbeugung, daß ich, d.h. meine Seele, n <9 - bloß dies eine Mal gelebt hat, sondern weiter und weiter leben wir-, ■ wie, male ich mir nicht aus; da es zwecklos ist. So bin ich beruhigt U Die ergreifendste und erhabenste Sinfonie des Todes, die uns in bleiern Jahr zum Fest der Toten und zur Gedächtnisfeier für die gefallenen Krieger erklingen kann, ist die bei Georg Müller in München vor kurzem erschienene, mit Unterstützung des Reiches und der Bänder von Philipp Witkop herausgegebene Sammlung ,L r i e g s b r i e s e g e- f al len e r Stuben ten". Ein reiner und stolzer Chor jugendlichen Opfermutes, feurigen Aufschwungs, edler Vaterlandsliebe und tapferer Lebensbejahung tönt aus den Briefen dieser mehr als hundert Tot- geweihten, deren Bekenntnissen der große Augenblick, die Erhebung über das gewöhnliche Menschenschicksal oft eine dichterische Schönheit und verklärte Innigkeit verleiht. Die Auffassung des Todes, wie sie hier zum Aufdruck kommt, hat einen durchgehenden gemeinsamen Zug, der un- dem großen Mysterium alles Bebens näher bringt, und uns einen tiefen Einblick gewährt. Wir geben im Folgenden zum Totensonntag einige Auszüge aus dem erschütternden Werk. Mit einer unheimlichen Klarheit sehen diese jungen Menschen dem Tod entgegen. „Wenn ich jetzt dem Tod ins Antlitz schauen werde schreibt Paul Krebs in seinem Abschiedsbrief, „so wird s mir erst wieder ganz klar werden, ob ich das mir anvertraute Gut meines Bebens gut verwaltet habe und dem Herrn aller Welten offenen Auges-undrmit fröhlichem Dank zurückgeben darf. Viele werden sich letzt dessen.bewußt werden, welch ein köstlicher Besitz eine reine Jugendzeit ist. Mr haben oft kurzsichtig mit ihr getändelt. Ich mochte mit den Etzten Regungen meiner schwachen Kraft die Kämpfenden unterstützen und die Schwankenden vom Abgrund fernhalten. Doch was bm ich? Nur Jesus kann das. Er kann alle führen, wie er mich geführt hat. Unverdient Hali und tragt er die, die sich ihm anvertrauen. Nur in ihm und durch ihn werden Siege erfochten. Und so sagt ein anderer, Walter Limnier, für ewig den Seinen Bebewohl. „Sieber Vater, gute Mutter, herzliebe Geschwister, nehmt es bitte, bitte nicht für Grausamkeit, aber es wird gut fein, wenn auch Ihr Euch schon jetzt voll tapferen Mutes und fester Selb tbe- herrschung mit dem Gedanken vertraut macht, daß Ihr mich oder einen meiner Brüder nicht wiederseht. Kommt dann eine wirkliche Unglucks- nachricht, so werdet Ihr sie viel gefaßter aufnehmen. Kehren wir aber alle wieder heim, so dürfen wir das dann als ein unerwartetes, um so gütigeres und herrliches Geschenk Gottes hinnehmen. Ihr werdet,mir glauben, daß mir die Sache in ihrem Ernst viel zu heilig ist, als daß ich eben etwas Phrasenhaftes ausgesprochen hätte." „Der Tod ist täglicher Genosse," sagt Rudolf Fischer, „der olles weiht. Ma" nimmt ihn nicht mehr feierlich und mit großen Klagen. Man wird einfach, schlicht gegenüber seiner Majestät. Er ist wie manche Menschen, die man liebt, wenn sie auch Ehrfurcht und Schauer einfläßen." „Wie wird man gefühllos gegen den Tod, kaum, daß man sich umdreht, wenn einer zusammen- dricht", gesteht ein anderer. Der Tod hat seine Schrecken verloren. „Ein Wort kommt mir wieder ta den Sinn," schreibt Walter Horwitz, „das ich vor einiger Zett auch den Meinigen geschrieben habe, damit sie sich daran hatten, wenn der Herr auch mich abberufen sollte: es muß und soll hinweghelfen über Not und Tod unserer Sieben: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg! Tod, wo ist dein Stachel? Holle, wo ist dein Sieg?" Als Brahms sein hmrm- lttches „Deutsches Requiem" dichtete, um sich über den Tod (einer geliebten Mutter zu trösten, machte er dies Bibelwort zum Höhepunkt, weil es ihm alle Kräfte enthielt, die über das Unvermeidliche hinweg- Die Dame in Trauer. Von Carry Brachvogel. Trotz seines gewaltigen Aufschwungs, seines Reichtums und seiner weltstädtischen Kulturen hatte das neue Deutschland (nicht das allerneuests!) das im November 1918 zu Ende ging, keinen besonderen Damentyp her- Dorgebradjt. Wohl verstanden: es besaß genau so viele echte und Simili- damen wie andere Kulturländer, aber keine, die ihre Prägung von ihm empfangen und weithin sichtbar als „die deutsche Dame" gegolten hätte. Jede, gleichviel, ob sie echt oder Simili war, tr*g ein undeutsches Ideal im hübsch frisierten Kopfe. Die eine strebte der französischen grande dame nach, um die, angeblich oder wirklich, immer noch die Tradition berühmter Salons schweben soll, eine andere schielte nach der englischen Lady, zu deren prätentiöser Vornehmheit angelsächsische Männer anbetend die Hände heben, eine dritte bevorzugte die österreichische Aristokratin, deren Dialektgeplauder so anmutsvoll über Bildungslücken und unsäglichen Innern Hochmut wegtäuscht. Aber Deutsch, ganz spezifisch deutsch war (eine von all den deutschen Damen, und so ist es nicht zu verwundern, daß wir sie auch in der Literatur, die ja ein Spiegelbild des Lebens ist, nur da und dort, und auch da nicht ganz lebenswahr antreffen, und daß das deutsche Drama keinen Damentyp ausweist, der so unvergänglich deutsches Frauenwesen festhielte, wie etwa das holde Gretchen oder die schwärmerische Luise Millerin ... Einmal schreitet uns aber doch aus einem Bühnenwerk eine deutsche Dame entgegen, aus einem Bühnenwerk, dessen Geburtstag sehr weit zurückliegt. Eine einzige Szene ist ihr gegönnt, und erst im Verlauf dieser Szene erfahren wir, daß sie Frau von Marlosf heißt. Das Personenverzeichnis gibt ihren Namen nicht an, nennt sie nur „die Dame in Trauer", geradezu, als ob es sich nicht um ihre Person, sondern um ein Allgemein- Wicksal handele. Wohlbedacht nannte er sie nicht „die Frau", sondern „die Dame in Trauer", obgleich „Minna von Barnhelm" ein durchaus bürgerliches Lustspiel ist. Mit dieser feinerwogenen Standesbezeichnung und Namensverhüllung wird die Gestalt im schwarzen Kleide zum ergreifenden Symbol... Es ist kein ungewöhnliches Schicksal, das Frau von Marlofs erlebt hat. Der Mann, ein Stabsoffizier, ist gestorben, hat ihr und seinem kleinen Sohn nichts hinterlassen können, als den blanken Schild seiner Ehre, mit dem er für das Vaterland focht. Getreu dem Gebot des Sterbenden will die Witwe mit dem ersten Bargeld, das sie in Händen hat, und das aus dem Verkauf von ihres Gatten Adjustierung stammt, eine kleine Schuld zurückzuzahlen, die er bei einem Regimentskameraden unbeglichen gelassen hat. Da der Gläubiger in begreiflichem, wenn auch nicht alltäglichem Edelsinn das Vorhandensein besagter Schuld leugnet und das Geld, das sie pünktlich, wie es einer Offiziersfrau zukommt, auf den Tisch zählt, nicht annimmt, ziert sie sich nicht lange und dankt ihm mit den einfachen rührenden Worten: „Verzeihen Sie nur, wenn ich noch nicht recht weiß, wie man Wohltaten annehmen muß"; dann geht sie mit derselben stillen Würde, mit der sie kam, geben wollte und nahm. Sie wird zu einer Freundin aufs Land reifen, die kaum minder bedürftig ist als sie, aber dennoch der Schwergeprüften für ein Weilchen eine Zuflucht bietet, damit sie sich von Leid und Krankheit erholen und Kräfte sammeln kann, für die Zett, da sie wieder zurück muh ins Leben Das Leben aber ist kein Lustspiel, großmütige Majore, denen das Glück lächelt, sind dünn gesät und so fragt sich vielleicht manch einer, der gerne über einen Theaterabend hinaus nachdenkt und nachgrübelt, wie es denn „der Barne in Trauer" im Leben, im wirklichen Leben, ohne den Major Tellheim wohl gehen mag. Da sieht er denn, wie sie mit Mühsal beladen eine steinige, graue Straße wandelt, wie sie immer noch das schwarze Kleid trägt, das schon damals, als sie zum Major kam, nichts von mondäner Eleganz aufwies und das nun immer fadenscheiniger wird. Die Handschuhe abgetragen, und an den Fingerspitzen weißlich abgeschält, bedecken Hände, die hart geworden sind von schwerer Arbeit, denn das kleine Budget des kärglichen Haushaltes darf nicht durch eine Magd belastet werden. „Die Dame in Trauer" ist also ihre eigene Magd, erzieht ihren kleinen Sohn unter Sorgen und Entbehrungen aller Art, sieht mit blutendem Herzen, wie ihr einst behäbiger Hausstand immer mehr verkommt, weil sie nicht mehr in der Lage ist, die nötigen Auffrischungen und Neuanschaffungen zu bezahlen. Nach einem Tag rastloser Arbeit sinkt sie abends todmüde ins Bett und erwacht doch schreckhaft in der Nacht, Schweiß auf der Stirne, würgende Angst im Herzen, als presse ihr eine grausame Hand die Kehle zusammen. Würgende Angst, daß trotz aller Mühen und Entbehrungen der ach so bescheidene Hausstand nicht mehr zu halten ist, daß sie und ihr Kind in Bettlerarmut versinken müssen. Da sitzt sie dann wohl in ihrem Bett auf, preßt die Hände an die Augen, stöhnt und weint und rechnet sich halb zu Tode, wie sie da und dort ein paar Pfennige sparen und sich so noch mehr Last und Entbehrungen auf- laden könne. Doch, wenn der Morgen graut, und sie aus ihrem Hause unter die Menschen tritt, ahnt niemand, welches Grauen sie Nacht für Nacht erlebt. Ihr fadenscheiniges Kleid ist tadellos gehalten, die Hand- K verhüllen die Schwielen und Schrunden der Damenhand und um mze Gestalt ist immer noch die stille Würde einer vornehmen Armut, die sich nicht schämt und rühmt, sondern sich ausschweigt. Zwei Güter sind ja dieser Armut geblieben, die keiner ihr rauben tonn: der blanke Ehrenschild des toten Gatten und die heiße Liebe zum Vaterlande. Dies kostbare Erbe wird sie unversehrt durch alle Fährnisse des Lebens tragen, wird es an den Sohu weitergeben, mit dem sie vielleicht noch die Schmach von Jena und die Glorie von Waterloo erlebt, um als sterbende Greisin in unbekannte Fernen hin den Segensspruch über tausend und aber tausend Enkelinnen zu sprechen, der das Fazit ihres prüfungsreichen Lebens enthält. Tausende, Zehntausende von Enkelinnen haben ihn vernommen, haben ihn, jede nach ihrer besonderen Art, nachgelebt, das waren Altpreußens starke Frauen, die Mütter und Gattinnen jener Männer, deren Stolz und Gluck es war, dem Staat zu dienen, ihn zu schützen und, wenn die Stunde tief, für ihn zu sterben. Karg war der Sold, den der harte Staat den opferminigen Söhnen bot, ihnen aber lag es fern, zu feilschen und zu murren, denn ihr Wahlspruch lautete: „Ich diene." Ihre tapferen Gefährtinnen waren ihre Frauen, eins mit ihnen in allem, was die Ehre betraf und stolz darauf, daß auch sie berufen waren, diese Ehre zu hüt« und zu mehren. Heldinnen im Entbehren, Künstlerinnen im Sparen. Im Glanz des wilhelminischen Deutschlands war dies deutsche Samen- ideal untergegangen, — im Leid der allerjüngsten Zeit ist es wieder erstanden. Nur sind es jetzt nicht mehr allein Altpreußens Frauen, die sich al» Frau von Marlofss Enkelinnen offenbaren, nein, aus allen Gauen de» Reiches strömen sie herbei und fast jede Frau des gebildeten Mittelstandes bekennt sich zu der „Dame in Trauer". Viele von ihnen haben noch den Gatten zur Seite ober Söhne, auf die sie sich stützen können, aber dennoch gleichen sie alle der stillen, blassen, harmvollen Ahnfrau, die, einst verwöhnt und gehegt, späterhin darbte, Mägdedienste tat, und die Nacht- mar würgend spürte, die Angst vor Bettlerarmut ... Innerlich verarmt, äußerlich heruntergekommen, haben sie nichts bewahrt, als den blanken Ehrenschild und in ihrem Herzen die große Liebe und die große Sehnsucht, die auslugen, ob nicht irgendwo ein Sternchen der Hoffnung zu Häupten von Frau Marlofss Enkelinnen aufleuchten will. Ihre Augen mögen verweint, ihre Gesichter blaß, ihre Kleider oft geflickt sein, doch die stille Würde, mit der sie alles tragen, sich willigen Sinnes in alles fügen, schafft eine große Distanz zwischen ihnen und jenen, die winselnd oder zornig ihre wirkliche oder angebliche Armut laut hinaus- schreien. Diese Würde läßt erkennen, daß sie immer noch die geblieben sind, die sie waren und die sie stets bleiben werden, was auch immer über sie verhängt sein mag. Von der Menge gleichgültig übersehen, von vielen schadenfroh belächelt, von einigen ehrfurchtsvoll gegrüßt, schreitet sie voll Anstand und Mut durch Sturrneswetter einer düster verhüllten Zukunft entgegen, die Dame in Trauer, die deutsche Dame ... Deutscher Totentanz 1626. Von Hans Thyriot. Am Ufer der hochgehenden Elbe, seitlich, zwiscl>en dunklen, feucht- glänzenden Ackerbreiten, hockt eine Windmühle. Aus dem oberen Umgang stehen zwei Offiziere und schauen flußaufwärts nach der alten Brücke. Gras Mansfeld und Wallenstein kämpfen hier um den Stromübergang. Aber die Brücke ist schmal. Der Kampf ist in der Mitte zum Stehen gekommen. Die Gegner hatten sich die Waage. Keiner kann in der Enge feine Kräfte so, wie er will, entfalten. Wild tobt das Gefecht Mann gegen Mann. Aber es geht nicht vor und nicht zurück. Das Gewühl wird nur noch dichter. Siiebergetretene, Verwundete und Gefallene sperren den Raum. Auf ihren Leibern kämpfen die Nachdringenden, Auf einmal stößt der eine der Offiziere auf der Mühle einen klingenden Schrei aus und beugt sich mit vorquellenden Augen über die schwere Holzbrüstung. Das Gemetzel l)at sich gewaltsam Raum geschafft. Die dicken Steinquadern vermochte es freilich nicht zu sprengen, aber jetzt fliegt seitlich ein Klumpen Soldaten über den Brückenbord in den Strom: Mansfelder und Kaiserliche, ineinander verbissen. Schwaches Geheul tönt Sben beiden auf der Mühle. Dann wird es wieder still. Die Lücke ließt sich augenblicklich. Der Menschenklumpen ist im gelben Strudel verschwunden und taucht nicht mehr auf. Ein einziger hat sich aus dem wilden Svldatenknäuxl freimachen können, ehe die anderen in den Fluß wirbeln: ein junger Mansfeldischer Kriegsknecht. Der hat sich losgerisien, noch auf dem steinernen Bord. Aber wie er sich aufrichten will und zurückspringen, um wieder Halt und Boden unter sich zu bekommen, da wirft ihn ein schwerer stumpfer Schlag gegen die Schulter, ein paar Atemzüge hinter den anderen her, kopfüber ins Wasser. Im Fallen sieht er, wie die Mühle drüben die großen Flügel zu drehen beginnt. Er versinkt nicht sogleich, wie die Kameraden vor ihm, aber die Strömung reißt ihn gurgelnd flußabwärts, fort von den Brückenpfeilern. Weit, endlos und unerreichbar weit dehnen sich seitlich die rettenden Ufer. Er treibt mitten im gelben, eiskalten Strom. Mit wildem Griff müht sich der Kriegsknecht, das niederzerrende, schwere Wehrgehenk abzustreifen. Wams und Stiefel saugen sich voll. Er wehrt sich mit unbeholfenen Bewegungen gegen die empörte Flut, die über ihm zufammenschlagen will. Krampfhaft, wie wenn er eine endlose Treppe zu ersteigen hätte, tritt er das Wasser unter sich, um oben zu bleiben. Auf und nieder — auf und nieder — auf und nieder. Aber das Wasser leckt und klettert unerbittlich an ihm empor; das schwer vollgesogene Gewand zieht grausam in die Tiefe. Cs geht zu Ende. Auf und nieder — auf und nieder- — auf und nieder. Was ist denn das? Da ist kein Wasser mehr. Die erstarrende Kälte ist geschwunden. Auf und nieder geht es noch immer, auf und nieder. Das Büblein steht in der farbigen Dämmerung der Dorfkirche hinter der Orgel auf zwei ungefügen Bohlen und tritt die Bälge. Auf und nieder wird es getragen von der seltsam nahen, frommen Musik, die durch den leeren Raum schwingt. Morgen ist Sonntag. Schwalben schießen hoch an Wölbung und Säulen vorüber. Durch die Fenster fluten breite Lichtstreifen. Darin tanzen die Sonnenstäubchen. Die Fliesen malen sich bunt Der Organist spielt immerfort. Und der Bub tritt die Bälge. Einmal ging der Bub im Herbst die Dorfftraße entlang, hinaus ins Freie. Von den alten Kastanien löste sich hier und dort ein vergessenes Blatt und glitt in nachdenklichen Windungen schwankend zur Erde. Die Blätter sahen aus wie große, gelbe Menschenhände. Feuer — Blut — beizender Qualm — Klirren — Weinen — Fluchen — Geschrei, lieber Treppe und (Bang. Krach, fliegt die Tür auf. Holz splittert. Der Soldatenhaufen steht im Prunksaal des erstürmten Schlosses. Gegenüber hängt, lebensgroß, ein Frauenbild an der Wand. Die Augen im kühlen, hochmütigen, beherrschten Gesicht schauen maßlos verwundert, höhnisch, durchbohrend auf die vertierte Rotte. So furchtbar, daß das Häuflein zerbröckeln will. Da wirst einer mit wildem Fluch eih Beil: breit klafft der Riß über Augen, Mund und Hals. Der Bann ist gebrochen. Plünderung bricht los. Wie riecht es nur'? Das duftet so stark und so winterlich. Bratäpfel sind das, Bratäpfel in der Röhre. Und der Bub hockt am Boden vor.dem Ofen und schaut durch's Fenster dem wirbligen Flockenfall zu. Die Mutter sitzt an der Wiege, die Bibel im Schoß. Ihr Fuß läßt leise das Schwesterchen schaukeln ... Endlos geht der Marsch. Es ist längst Nacht geworden. Das Dorf liegt schweigend. Im Stiefel steht inwendig ein Nagel heraus. Jeder Schritt wird zur Qual. Aber weiter geht der Marsch, in dumpfer Wut. Hinten versinkt das Dorf. An der Landstraße, zwischen blühenden Bäumen, steht ein Muttergottesbild. Maria lächelt ini blauen Mondlicht. Davor liegt ein struppiger Köter und bellt die leuchtende Scheibe an. Ein Feldstein fliegt ihm in die mageren Weichen. Aufheulend flieht er ins Dunkel. Marschtritt verklingt. Die Muttergottes lächelt. Schmächtig steht das Bürschlein vor der Haustür und schaut den Vögeln nach. Bor Wochen schon lief Kriegsgerücht durch's Dorf. Aber alles blieb still. Der Junge hat's längst vergeffen. Da — da — was ist das? Geschrei — dumpfer Hufschlag. .Schlitternd fliegt eine Tür zu. Jetzt: drei, vier, sechs Reiter kommen die Dorfstraße heruntergejagt. Staub wirbelt. Der Bub steht wie festgenagelt. Irgendwo, weit, die angstvoll rufende Stimme der Mutter. Der erste der Kriegsleute beugt sich im Vorüberreiten aus dem Sattel, greift den Knaben, reißt ihn $u sich auf's Pferd. In einer dicken Staubwolke jagen die Mansseldischen weiter, dem Dorsende zu. Anne — Anne Kathrein heißt sie, und hat große blnite Augen und braunes Haar und blitzende Zähne. Abends sitzen sie am Dorfteich in der Wiese und halten sich an den Händen und sprechen kein Wort. Nur die Sterne müssen sie immer anschauen. Es ist windstill und warm. Und die Frösche gröhlen unaufhörlich durch die Helle Sommernacht. Alles hat er hergegeben, der Bauer, alles Geld und alles Vieh. Kinder hat er nicht mehr. Sein Bub zieht irgendwo beim Tilly im Land umher. Vielleicht ist er tot. Das Weib muß sich versteckt haben. Sie suchen es überall, wie Spürhunde. In der Kammer, km Gang, im Garten, im Keller. Selbst im Misthaufen wühlen sie. Der Bauer duldet alles: bloß ein buntes Kalb will er behalten, fein letztes und liebstes. Hart ist sein Gesicht, wie holzgeschnitzt. Einer will das blökende Tier greifen. Dem fährt die Faust ins Gesicht. Da fallen fünf, sechs über ihn her und werfen ihn nieder im Stall. Das Kälbchen schreit kläglich. Der Bauer liegt gefesselt, wie ein Klotz. Die Kinnladen klaffen weit; zwei Hölzer reißen ihm den Mund auf. Die Soldaten schleppen mit rohem Lachen einen schweren Eimer herbei, voll übler Jauche. Der wilde Schrei erstickt im Gurgeln. Den schwedischen Trunk heißen sie das. Drei Tauben sonnen sich auf dem Taubenhaus, golden, grün und blau schillert ihr Hals im Sonnenlicht. Die Augen sind rund und rot, und sie trippeln mit roten Füßen. Da kommt der Tauber dazu, mit klatschendem Flügeischlag. Der stolziert um die drei Tauben herum und verneigt sich immerfort vor ihnen. Das sieht närrisch aus ... Die Mansfeldischen fahren wild aus dem Schlaf. Gellend schreit das Horn: Alarm! Was ist geschehen? Niemand weiß es. Silles tobt, flucht, keucht und brüllt in der dunkeln Scheune. Lichter blitzen. Draußen fallen Schüsse. Eine Kommandostimme überschlägt sich kreischend. Vorposten und Wachen fliehen. Wild drängen die Uederfallenen aus der Scheune. Das Tor ist zu eng. Einer wird niedergetreten. Wer hindurch ist, rennt — rennt durchs Hoftor, über Hecken und Gärten, durch Geschrei und Hsrnruf, Feuerschein und Kugelwehen, in die finstere Nacht. Rennt, stolpert und stürzt, rafft sich auf, rennt weiter und immer weiter. So weit die Füße tragen. Einmal, als Kind, hat er ein paar Hutzeln gestohlen. Die hat er der Mutter aus der Küche genommen. Und die Mutter hat ihn darum gefragt. Er hat aber gelogen und gesagt, er hätte die Hutzeln nicht. Später ha?s ihm leid getan — er hat's bitter Bereut und der Mutter sagen wollen und sie bitten um ein gutes Wort, aber — aber da ist der Krieg gekommen. Die Nacht nimmt kein Ende und der Regen auch nicht. Das Zeltleinen trieft, und der letzte Funke unter dem schwarzen Kessel über der Feuerstelle ist längst verglüht. Den Mansselder überläuft's. Er hat keinen trockenen Faden mehr am Leibe. Das nasse Lederzeug riecht übel. Fernher zerreißt zuweilen der Anruf der Posten das Regenrouschsn, und später ein klagender, heiserer Schrei: Wildgänse ziehen nach Süden. Einmal waren sie halb irrsinnig vor Hunger. Ihrer fünf saßen stumpf und zerschlagen im Zelt und stierten ins Stroh. Nur manchmal zog einer knirschend den Riemen enger. Nach Stunden kamen zwei mit blutigen Händen und brachten Fleisch. Sie fielen darüber her, brieten’s und fraßen's noch halb roh hinunter. Später hat einer erzählt: in der geplünderten Kirche lag ein Erschlagener. Bon dem war das Fleisch. In der Stube summen die Mücken. Durch die offene Tür kann man in den Garten schauen. Der Junge kniet auf der Erde und spielt mit einem Holzpferdchen. Das hat er vor einen hinkenden Fußschemel gespannt. — Weiß war das Pferdchen. Mit schwarzen Tupfen bemalt. Und hatte auch einen Namen. Es hieß — es hieß — wie hieß es nur? Ach, er wußte den Namen nimmer. Dann zogen sie an einer Wegkreuzung vorüber. Da saß ein Mensch am Straßengraben unter einem alten Apfelbaum. Der Mensch war ganz zerlumpt, sah niemanden an, ließ einen Rosenkranz durch die Finger gleiten und betete laut. Er war wahnsinnig geworden. Und hatte feine, schmale, weihe Hände, ganz anders als die Soldaten. Einer rief ihn an, da. schaute er auf. Seine Augen waren groß und leer. Er lächelte nur ein wenig und fuhr fort, ernsthaft zu beten: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt' für uns arme Sünder!" Im Spätsommer tarnen Zigeuner ins Dorf. Die hatten einen großen, braunen Bären mit, der auf den Hinterbeinen gehen konnte und an einem Nasenring geführt wurde. Am Abend spielten die welschen Gäste mit Geige und Tamburin im Dorfkrug zum Tanz. Und einer, ein junger, brauner Italiener, zog von Haus zu Haus mit große» und kleinen Körben. Darin saßen bunte Singvögel. Die wollte er verkaufen, und die Kinder liefen mit nackten Beinen hinter ihm her. Aber der Bub hatte meinen müssen darum, daß die kleinen, luftigen, zwitschernden Vögel ihre Freiheit verloren hatten. Oben im Norden war das gewesen, irgendwo auf einem verlassenen Herrensitz: im eichenen Saale saßen die Offiziere des Stabes um eine große Tafel beim Trinkgelage. Der Raum war erfüllt von Dunst und Lärm, Gelächter und Pfeifenrauch und einer seltsamen Musik. In der Ecke stand ein leeres Faß, drauf hockte einer mit gekreuzten Beinen und blies den Dudelsack; ein anderer fiedelte dazu. Auf der Tafel aber, zwischen Kannen und Krügen und Leuchtern, drehte sich ein wüstes, halbnacktes Weib im Tanz, mit gelösten schwarzen Haaren. Die Kerzen flatterten und malten verzerrte, hüpfende Gestalten an die Wand. Einer lag auf der Bank und schnarchte. Ein junges Bürschlein aber hockte im Winkel und starrte das schwarze Weib an, das auf dem Tisch tanzte. Dabei liefen ihm helle Tränen über die schmalen Wangen. An dem Tage, als die Botschaft das Dorf erreichte, daß Krieg sei im Lande, wollte es niemand glauben. Es war alles noch friedlicher als zuvor. Der halbwüchsige Bub lag in der hohen Wiese und sah in den Himmel. Da schwamm eine große, absonderlich geformte Wolke im weiten Blau. Und wenn er die Augen ganz klein machte, dann war es, als ob lauter Engelknaben auf der Wolke durch den blauen Himmel ritten. Das ist doch — das ist das kleine Gewese der Mutter. Das Haus und der Garten. Da knarrt eine Tür: die Magd geht hochgeschürzt mit klappernden Schuhen über den Hof. Sie geht langsam und trägt zwei schwere Eimer. Bei jedem Schritt verspritzt sie ein wenig Wasser. Ach, und da ist ja auch die Küche. Die Mutter steht am Herd. Sie legt den Kops zurück und hat die Augen voll Tränen. Das macht, sie hat eine dicke Zwiebel in der Hand und zieht ihr mit einem Mester die Häute ab. Jede Zwiebel hat sieben Häute. Man hört sie leise knistern. Immer noch weht die schwarze Fahne, das Feldzeichen der Ligisten, über der Friedhofsmauer. Sie halten den Gottesacker besetzt und schießen herüber wie Tod und Teufel. Endlich — endlich legt die große Stückkugel Bresche. Jetzt bricht der Angriff los. Dumpf schlittern die großen Trommeln hinter uns. — Wie kam das alles? Schweres Dröhnen, wüste» Gebrüll, ein blutiges Gesicht, geschwärzte Hände und fallende Körper: dann ist der Friedhof unser. Abseits im Winkel, über verfallenen Gräbern, klettert ein großer Busch wilder Rosen an der Maner hoch. Einer rauft ein paar volle Zweige ab und wirft sie im nächsten Quartier der Marketenderin zu. Die lacht über ihr ganzes breites Gesicht. Die Mutter hält das Schwesterchen auf dem Arm und wiegt es hin und her und singt. Das Kleine greift mit den winzigen Fingerchen nach ihrem Hals und lacht. Die Mutter wiegt es und singt. Immer dieselben Worte. Die fallen ihm nicht ein. Aber die Weise hört er deutlich, ganz leise und ganz deutlich. Still ist es im Walde. Nur einmal, von ferne, klingt das harte Hämmern des Spechtes. Etwas Rotes springt im Zickzack über den Weg, im blanken Sonnenschein: ein Eichkätzchen. Jetzt huscht es behend am breiten Stamm hinauf und verschwindet im Grünen. Vier Tage schon liegen sie in der Stadt im Quartier. Die Leute haben die zitternde Scheu verloren vor dem unheimlichen 'Soldatenhaufen. Gras Mansfeld hält Heuer strenges Regiment, und wen der Profoß unter die Fuchtel bekommt, dem wird das Leder gegerbt, daß er dran denkt. — In der Dämmerung geht der Kriegsknecht durch die enge Gasse. Da kommt ein Mädchen vorbei. Er schaut sie an. Sie schaut ihn auch an. Er dreht sich um. Sie auch. Und lacht ganz zutraulich. Da kehrt er um und folgt ihr. Doris heißt sie. Sie geraten in einen alten Garten, wo die Glühwürmchen fliegen. Und als er spät ins Quartier heimgeht, schwankt er ganz taumelig über die Straße. Das ist wohl die warme, weiche Lust, die macht so müde; oder ist es etwas anderes? Am Tag darauf rückt das Regiment ab. Er Hai sie nimmer gesehen. Doris hieß sie ... Ms der Vater gestorben war und begraben auf dem kleinen Sauern« friedhof, da hat die Mutter drei Tage lang nicht gegessen und nicht getrunken, nur immer gesessen und den Kopf in den Händen gehalten und geweint. Aber die andern haben nachher lange im Krug zusammengehockt. Da ist mehr Bier vergossen worden, als Tränen. Auf dem Kalbfell tanzen die Würfel. Ihrer drei fitzen um die große Trommel und verspielen den letzten Beutepfennig. Am Ende fallen sie selbander über den her, der gewonnen hat. Dem wollen sie das Fell wieder über die Ohren ziehen. Da kommen die andern dazu und stiften Ruhe. Und hebt mit eins in der Ecke ein böses Raunen und Geiuschel an, denn der Sold ist überfällig, die fünfte Woche schon. Mit heißen Köpfen stehn sie beisammen. Das geht nicht gut ab. Am nächsten Morgen reitet der Helle Aufruhr durch die Lagergasfen. Aber der Graf hält grausame Mannszuchi und wird, mit den Gutgesinnten der Meuterer Herr. Jetzt bricht ein schweres Strafgericht los. Er läßt sie würfeln, und diesmal gefjt’s nicht um Geld. — Am Ende find die drei Aergsten gehenkt worden. Und ihrer neun Hai der Marisfelder auspeitschen lassen vom Profossen und seinen Knechten, daß die Luft zitterte vom Schmerzgeheul. Und der Graf hat es ein gut Kegelspiel geheißen, meil’s neune waren. Drüben treibt die Mühle langsam ihr großes Rad, immer rundum. Schon vorüber. Was ist das? Immer rundum, immer rundum. Was dreht sich im Wirbel über den Wellen? Immer rundum, ein wilder Reigen. Sie halten sich an den Händen: die Magd und der Mansfeld, die Mutter und der.Irre mit dem Rosenkranz, die Anne Kathrein und der braune Zigeuner, und die Doris und die Zeltkameraden und die lächelnde Muttergottes. Und einer schlägt den Takt dazu, und das Kalbfell dröhnt: immer rundum, immer rundum, immer rundum. — Die beiden Offiziere auf der Mühle schauen mit brennenden Augen nach der Brücke. Da stößt auf einmal der eine den Kameraden «n: da treibt etwas im hochgehenden Strom. — Wo denn? — Da, da! — W versinkt es. Die Offiziere wenden sich ab. Ihre Augen suchen wieder die Brücke. Es geht nicht vor und nicht zurück. Nur das Gewühl tft noch dichter geworden. Verantwortlich: Dr. Hans tThyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Univerf itätS-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Giehe»-