Siebener KnnilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang <928 Dienstag, den 24. Januar Nummer r !n vetnrtopfr Küche heiß auch gleich In der Frühe. Von Eduard M ö r i k e. Kein Schlaf noch kühlt das Ange mir, Dort gehet schon der Tag herfür An meinem Kammerfenster. Es wühlet mein verstörter Sinn Noch zwischen Zweifeln her und hin Und schaffet Nachtgespenster. — Aengste, quäle Dich nicht länger, meine Seele! Freu' dich! Schon find da und dorten Morgenglocken wach geworden. Das zerbrochene Pferd. Von Alfred Richard Meyer. Immer wieder sieht man es erst zu spät ein, daß es nichts mit einem vorweg bis in alle Einzelheiten genau ausgearbeiteten Reiseprogramm ist, das man gewissenhaft zu erledigen hat, um dann „restlos befriedigt" wieder heimzukehren. Man macht sich zum Sklaven seiner selbst, wird, ohne es gleich zu wissen, ärgerlich über sich, holt sich eine Erkältung weg — nur weil man starrsinnig ist, nur weil man, da man vielleicht im Leben nie wieder hierher kommt, den oder jenen Ort nicht auslassen darf. Nobel lag über der weiten, winterlich kahlen, hügeligen Landschaft, da ich mich gleich nach dem Mittagessen aufmachte, meine Wanderung fori- zusetzen, eine Bergkuppe zu ersteigen, deren Aussicht an einem sommerlichen Tag vielleicht gar sehr gelockt hätte, deren „Reiz" heute jedoch allenfalls darin bestehen konnte, in der beträchtlichen Ausdehnung eines alten Schlosses ein unmodernes Zuchthaus eingebaut zu finden. Ein Reiseprogrammpunkt mehr muhte pflichtgemäß erledigt werden, ohne Rücksicht auf Wetter, Wohlbehagen, Sensation. Zerweichte, nasse Wege, gespenstisch drohende, nackte Batlmäste, unwirklich verschwommene Häuser, Wend schon am Mittag, kalter und scharfer Wind ins Gesicht, Frösteln, Verlorensein — das war mein Wanderthema? Gebot nicht selbstverständliche Vernunft, es kurz entschlossen abzubrechen und resigniert umzukehren, am warmen Ofen des nächsten Bahnhofes irgendeinen Zug geduldig abzuwarten und diese verlassene, verlorene Gegend mit der heimlichen Traulichkeit eines noch so kleinen Städtchens schleunigst einzutauschen? Ja, dreimal ja — und dennoch obsiegte der Starrsinn. Ich hatte fast die doppelte Zeit gebraucht, wie ich sie mir nach der Landkarte ausgerechnet hatte, den Berg zu erklimmen. Ich hatte es geschafft. Aber selbst des geringsten Triumphgefühls war ich ohnmächtig, da ich in die klein« Schloßschänke stolperte und so gar keinen Sinn für etwaige landschaftliche Reize da tief unter mir aufbringen konnte. Wenn man mich jetzt angesprungen und gefesselt hätte, mich in das Zuchthaus hier einzusperren, keiner Abwehr wäre ich fähig gewesen. Wie ein leerer Sack fiel ich aus den ersten besten Stuhl; und es dauerte eine geraume Weile, bis des alten Wirtes Frage an mein Ohr kam, ob er mir mit etwas Eßbarem oder Trinkbarem dienen könne; ein Rührei mit etwas Schinken und Bratkartoffel könne ich haben, und der junge Rote gäbe einen ganz guten Glühwein ab. Ich nickte stumm, um mich dann langsam zu mir zurückzufinden und meiner näheren Umgebung bewußter inne zu werden. Nett sah der alte Mann aus; gemütlich und auch ziemlich durchwärmt war dies Stübchen, obgleich ein scharfer Wind am ächzenden Gefüge des altersschwachen Häuschens immer brutaler rüttelte, wie wenn er es mit einem höllischen Hohngelächter am liebsten in der nächsten Sekunde ins nebelwogende Tal herabschmettern wolle. Rein — so ganz, durchwärmt war das Zimmer, trotz' des fast theatralisch schön glühenden Ofens, doch wohl nicht. Ein feiner eisiger Zugwind griff da nach meinen abgestorbenen Beinen; daran konnte auch der prächtige Glühwein — fa, bitte, nvch ein zweites. Glas! vorläufig nichts ändern. „Es zieht hier, durch die Tür", bemerkte der Wirt sozusagen entschul- gKend, wie wenn er den Grund meines stummen Mißbehagens kenne, „aber dem wird gleich abgeholfen sein. Die abgetretene Schwelle — jeden Augenblick muß der Tischler kommen, den Schaden zu beseitigen. Ist meine schuld, da mir die Reparatur nicht so wichtig erschien. Run haben Winter bekommen. Und der Wind hat uns hier oben gleich doppelt am Wickel. Unsereins hat sich ja schon im Laufe der Jahr- Kynte dran gewöhnt; und vielleicht hätte ich's noch weiterhin vergessen, Sie^wisse e*in>a5 anderes hier der Tischlerhand bedürfte — müssen f?rs „andere" interessierte mich, offen gestandeu, sehr wenig. Einen desto böseren Blick legte ich dafür auf die schadhafte Türschwelle. So etwas erst letzt einigermaßen wichtig zu nehmen! Ja, die enge Nachbarschaft mit „Ja — und dann hätte ich hier noch etwas zu reparieren —", kam es da ziemlich leise aus des Wirtes Munde. „Wird wohl noch mal zu machen gehen, denke ich. Kann dann noch einmal unter dem Weihnachtsbaum stehen, mein Enkelchen erfreuen. Weil's doch eigentlich ein ganz hübsches Pferdchen ist, wenn Hals und Beine wieder geleimt find. Den Leimtopf haben Sie ja gottseidank mitgebracht. Kann schnell in der C" ' ' ' gemacht werden. Aber eigentlich müßte das Pferdchen doch___, _____, tvieder neu angestrichen werden. Dann erkennt's der Friedel vielleicht gar nicht wieder und hat eine doppelte Freude dran, wenn er's nachher doch erkennt." einem Zuchthause mochte im Laufe der Jahre schon hart machen ... Durfte sich nicht jeder hier nach Belieben einen Glühwein oder auch wohl deren zwei einverleiben. Irrsinn, bei solcher Witterung diese Bergkuppe erklimmen zu müssen! Irrsinn! Den ich wahrscheinlich mit einer tüchtigen Erkältung zu büßen hatte. Und damit baute ich mich in die dampfenden Bratkartoffeln und in das Rührei hinein. So beschäftigt war ich mit dieser lebenerwärmenden Angelegenheit, daß ich gar nicht bemerkt hatte, wie zwei Männer in die Stube traten. Mit rasselndem Schlüsselbund, mit Revolver und Gummiknüppel — ein Gefängniswärter. Mit einem Brett, mit Nagelkasten und Leimtopf — der Tischler, ein Zuchthäusler, ohne Mütze den kurzgeschorenen Schädel zur Phrenologie darbietend. Mein Essen schmeckte mir plötzlich nicht mehr. Etwas Dunkles, Schweres, Undenkbares war da ins Zimmer getreten — ein Menschenschicksal, von dem ich nichts wußte und das seine Augen an mir, dem Fremden, wie wenn ich hier gar nicht vorhanden wäre, vorbeigleiten ließ. Das Schicksal, wer mochte sagen, nach wie langer Zeit es sich vielleicht seiner Vergangenheit, die es nach hier brachte, schmerzhaft entsinnen mochte, nun ihr fieberhaft zu entrinnen versuchte, um nur krampfhaft ganz Gegenwart zu sein, die da das und nichts anderes zu bedeuten hatte: schnelle Ausbesserung einer schon lange schadhaften Türschwelle. Indessen der Mann sich auffallend emsig an seine Arbeit machte, schenkte der Wirt dem Gefängniswärter, der etwas von Nebel und schlechtem Wetter einherredete, ein unwahrscheinlich großes Glas mit Kirschwasser voll. Kluckernd schoß das Feuerwasser aus der Flasche; and bei diesem Kluckern — ja, das war ja auch ein so merkwürdig lustiges Geräusch — drehte sich der Zuchthäusler in jähem Ruck von seiner Arbeit um, sah etwas aufblinken im golden schwimmenden Lichte der Petroleumlampe, was ihm vielleicht schon seit Jahren verwehrt war, was ihm lüek- leicht für immer verboten bleiben sollte. Ja — für immer! Das wußte ich, das las ich aus diesem langen, gierigen Blick. Der sich jetzt langsam und bitter, ach, so namenlos bitter, wieder da umwandte, der Türschwelle zu, vor der er kniete, durch ine es ihn eisigkalt anfuhr. Wieder hatte sich der Zuchthäusler umgewandt, aber mit einem ganz anderen Blick als eben. Ja — das war ein zerbrochenes Kinderpferd aus Holz! Hals ab, zwei Beine ab. Da stand er auch schon aus seinem Knieen auf, hielt öas Pferd mit groben, ja mit zitternden Händen gepackt, so wie wenn er es gar vollends zerbrechen wolle, und jetzt doch schon wieder jo sanft, so zärtlich, wie wenn er es liebevoll streicheln müsse. „Wenn ich es mitnehmen könnte, es wieder heil zu machen..sagte er dumpf; und seltsam flackernd gingen seine vergrößerten Augen zwischen dem Wirk und dem Gefängniswärter hin und her. Da aber war auch zugleich ein stummes Spiel zwischen Gefängnie- wärier und Wirt, der noch einmal zu der Flasche Kirschwasser griff, das unwahrscheinlich große Glas noch einmal kluckernd voll zu gießen, freilich doch nicht ganz so sehr voll denn eben. Weder ein Ja noch ein Nein sprang aus dem — ja, ich sah es ganz genau! —, aus dem jetzt ganz weichen Blick des Gefängniswärters. Dann aber nickte er leise. Hastig ergriff der Zuchthäusler das Glas und leerte es auf einen Zug. Dann machte er sich mit schier noch schnellerem Eifer über die Arbeit an der Türschwelle her, schon hatte er das alles da tadellos fertig, dann nahm er Nagelkasten und Leiintopf und das zerbrochene Pferd, ging durch die Türe hinaus, ohne mir einen Blick zuzuwerfen, ohne sich überhaupt um» zu sehen und ohne hinter sich — -das fühlte ich tief — den ewigen Schattenfluch -des bewaffneten Wärters zu wissen, im Herzen dafür das ach so lange verbannte Licht, das wir Menschen das himmlische nennen und das nun für Tage, da er eines Kindes zerbrochenes Pferdchen wieder leimen und hübsch bemalen würde, die Einsamkeit seiner engen Zelle erhellte ... Brüderlich und freundschaftlich geleitete ich im Seifte diesen Menschen durch Nebel und Kälte; und es war mir, als ob ein Leuchten um ihn wäre... „Ja", sagte der Wirt, eigentlich mehr zu sich selbst und nicht deshalb etwa, weil er in meinen heißen Augen irgendeine Sensationsgiergelesen haben mochte. „Ja — das war ein Lebenslänglicher. Das war ein SDtorber. Noch keine dreißig Jahre alt. Was wissen wir davon, wie solch einer zu einem Morde kommt! Ist ein guter Arbeiter. Konrmt wohl schon noch einmal hier heraus, macht' ich meinen. Bin doch hier schon lange genug, „Geht hin, Generalissimus, in der Stadt Stralsund lauert die Pest, geht hin, nehmt die Werke, sie sind Euer. Aber was Hilst es dem stärksten Kriegshelden, wenn er wenige Wochen danach auf der Bahre liegt, blaß wie der Tod selbst? So reden die Sterne!" „Und Lambert Steinwich, der Wackere?" fragte Wallenstein fast Noch dumpfer tönte die Stimme des Gelehrten: „Lambert Steinwich wird leben, wenn Ihr Stralsund nehmt, uralt wird er werden, nehmt Jhr's aber nicht, siegt er, hält er die Stadt, wird er ein Opfer der Pest, er, seine Eheliebste, seine Kinder, in Jahresfrist lebt keines von ihnen mehr, ist fein Name ausgetilgt! Wühle, Feldherr, in Stralsund lauert die Seuche! Ihr oder er! Sa reden die Sterne!" Gedankenvoll beugt sich Wallenstein nieder auf den Stein, den er eben noch wie ein Stück Gold sorgfältig hergebracht hatte. Run kratzte er mit dem Nagel achtlos darüber, so das; die zarten Gebilde auf der Bruchsläche zerbröckelten, bis Schnecken, Muscheln und Seenadeln mcht mehr erkenntlich waren. . „In.Süddeutschland zeigte man mir einmal einen Strom, der tief unter dem Flußbett lief, die Wasserrinne war trocken, legte man aber sein Ohr auf die Erde, hörte man innen den Strom rauschen. So ist es mit den Ereignissen und der Wirkung der Sterne: die Wirklichkeiten lassen uns Ja und Nein sagen, das andere Ja und Nein ruht bei dem geheimen Schicksal, wie es die toterne verkünden. Ich will den Wirklichkeiten ins Auge sehen, die Weisheit der Sterne aber soll mich leiten. Ich danke Euch, Doktissime!" Er zog einen schweren Goldring vom Finger und reichte ihn dem Gelehrten, der ihn, als der Friedländer den Vorhang hinter sich zugezogen hatte, mit einer diebisch schnellen Bewegung in die weite nasche seines faltigen Mantels verschwinden ließ. Während der Friedländer noch gestern die Siadtgesandten mit unerfüllbaren Forderungen abgewiesen hatte, baute er ihnen in den nächsten Tagen bequeme Brücken, gedeihliche Verhandlungen tarnen in Gang, am 15. Juli verließ er sein Lager im Hainholz, am 22. folgte das Fußvolk, und am 24. war die letzte Stellung vor dem Frankentor vom Belagerer frei. Stralsund war gerettet, unbegreiflich für die Zeitgenossen. Wallenstein saß als Herzog von Mecklenburg in Güstrow und wurde bald vom Kriegssturm weiter getragen. Als er aber in feiner Residenz in Gitfchm un Winter 1630 erfuhr, daß der tapfere Verteidiger von Stralsund nicht nur selbst, sondern mit Frau i und beiden Söhnen an der Pest verstorben sei, da erschütterte ihn das nicht einmal, sondern er sah darin nur eine traurige, harte, unabänderliche Notwendigkeit. Und vertraute unverbrüchlich seinen eigenen Sternen. Flug und Funk. Bon Frank Warschauer. Grenzenlos einsam ist der Mensch im Flugzeug. Oben ist, wenn er aus der Kabine herausschaut, der weite Raum des Himmels, m all Der Seltsamkeit seiner Leere oder belebt von Den sich wandelnden Urformen der Wolken. Unten liegt, tief unten, bei klarer Sicht die Erde und weck entfernt ist, was auf ihr an tausendfältigem Leben gedeiht. Vollends aber erst wenn der Blick auf die Erde durch Nebel oder Wolken gehindert ist, wenn alles Irdische außer eben dieser Maschine verschwunden ist, dann fühlt man das Grauen der kosmischen Einsamkeit, in Der die schmale Schicht der Erdrinde nur eine winzige Oase bildet. , , Dann wäre jede Verbindung mit der Erde tatsächlich unterbrochen, wenn es die Radiotechnik nicht gäbe. Und tatsächlich find wohl wenige Situationen denkbar, in denen die Möglichkeit der drahtlosen Derstandi- (runq über große Räume von ebenso großem Nutzen und so großer Not- wendiqkeit wäre; es sei denn, man denke an- Die Lage eines Schisses, das in Seenot geraten ist. Der Pilot des Flugzeuges kann durch den Funk aus seiner Einsamkeit erlöst werden. So ist der Anwendung des Rundfunks auf Die Flugschiffahrt seit jeher viel Aufmerksamkeck und Erfindungsgabe gewidmet worden. Der eine Teck Der technischen Ausgabe, um den cs sich hier handelt, ist noch verhältnismäßig einfach zu löfen: Das Empfangen telegraphi cher oder tele- phänischer Mitteilungen, die von der Ende ausgehen, im Flugzeug. Schon seit geraunter Zeit gibt es empfindliche und selektive Empfangsappavate, die so klein dimensioniert sind, daß ihre Mitnahme im Flugzeug und ihre sichere Verwendung Dort keine Schwierigkeiten bereitet. Damit aber eine wirkliche Verständigung mit dem Flugzeug möglich ist, muh natürlich auch der Pilot oder sein Funker jeder Zeck in der Lage fein, von sich aus mck ber Erde in Verbindung zu treten; das Flugzeug muß zu diesem Zweck also auch eine vollständige Sendeapparatur mit sich führen. Nicht nur dies: es müssen auch Die für den Betrieb einer solchen Sendeanlage notwendigen elektrischen Energiemengen im ylug$eug erzeugt werden. Dabei muß ein solcher kleiner Sender verhältnismäßig hohen Anforderungen genügen; denn seine Reichweite Darf nicht zu gering i-etn, damit er in jedem Falle, auch bei weiteren Reisen, oder wenn sich Das Flugzeug verirrt hat, in 'ber Lage ist, die nächstgelegene Erdstation zu erreichen. Größere Leistungsfähigkeit eines solchen Senders bringt aber | im allgemeinen auch größeres Gewicht mit sich und erhöht damit die I Schwierigkeit der Mitnahme. . , Es ist noch nicht viel länger als ein Jahr her, daß em brauchbar-s Funkgerät dieser Art konstruiert wurde. Es ist entwickelt worDen in enger Zusammenarbeit des Reichsverkehrsministeriums mit den führenden Deut- scheu Firmen ber Funkindustrie, und stellt jetzt eine Art Einheitstyp Dar, der in die meisten Großflugzeuge der Lufthansa eingebaut ift. I Ein günstiges Moment für Den Betrieb einer solchen Funkanlage ist I der Umstand, daß sich Der Sende- unb Empsangsvorgang unter ^chack nismäßig günstigen Bedingungen absplelt. Bekanntlich sucht man IM bei der Konstruktion von Funktürmen möglichst große ^°hen zu erreichen, um die Ausbreitung Der Wellen zu erleichtern. Dom NuMug aus e schicht diese naturgemäß noch bei weitem ungehinderter, ^^rerfe [ auch gewisse eigentümliche Schwierigkeiten an Bord Des Flugzeuges v um so etwas zu wissen. So traurig sind Sie auf einmal geworden. Trinken « Sie noch getrost einen Dritten Glühwein. Welchen Weg wollen Sie denn . i heniach einschlagen? Den Abendzug von Holzhausen erreichen Sie noch . ^Skin" jeder Appetit zum Weintrinken war mir vergangen. A4 werde weiter wandern. Ich zahlte. Da ich aus dem Häuschen trat, hatte sich der i Winde Gewalt gelegt. Tiefer war der Nebel in Die -taler gesunken. Rem und verklärt spannte sich über mir Das Gewölbe des weiten Himmels. Ganz schwach erstrahlten die ersten Sterne. Auch in Dem schwarz gebiiüten ! . Kosten des Zuchthauses Drüben waren Lichter angesteckt, viel freundlicher, als sie sonst wohl hier scheinen mochten — wollte mich bebunten.... Man soll immer sein Reifeprogramm einhalten, mochte ich meinen. Man kann nie wissen, wozu es gut ist. Selbst ,venu Das -andere , das immer ganz unerwartet dazwischen kommt, „nur cm zerbrochenes Kinderpferdchen ist... Wallenstein vor Ärarsund. Von F. A. F a h l c n. I Es war ein dunstiger Abend, in Den ersten Öuhtagcn des Jahres 1628. Im Hainholz vor dem Kniepertor lag das Hauptquartier des Friedländers. Rund um die Wälle und Bastionen ber Festung Stralsund stand seine Macht, und da in den letzten Tagen unaufhörlich Regen gefallen war lagerten seine Kürassiere und Arkebusiere m Den Graben zum Teil bis an den Leib im Wasser und saßen „als nasse Katzen un Sumpf. Selbst in der Nähe Des Allmächtigen war deshalb dumpfe Unlust, die | Soldaten hockten mürrisch in ihren Laubhütten und Zelten und knochelten I unwirsch um eine Beute, Die sie noch nicht in der Hand hatten; denn seit Dem Winter, besonders aber feit Dem Mai, war ein Sturm nach Dem anDeren abgeschlagen worden, in der tapfer üerteiDigten Stadt tauchten von der freien Seefeste her immer neue Hilssvolker auf, Danen, Schotten, Schweden, und die Bürger selbst wehrten sich heldenmütig, selbst der Generalsturm unter Wallensteins Augen ward abgeschlagen. | Nachdenklich schritt der Feldherr aus seinem reichen, durch Balken und Brctterlagen verstärkten Zelt; im Koller von Elendshaut, darüber einen ! vom Regen gebleichten roten Mantel, die beherrschend hohe. Stirn mit dem dunklen Haar frei, den Knebelbart gezwickelt stieg er auf eine nahe Erderhöhung und blickte hinüber; ba lag die Stadt, die er haben wollte unb mußte. Er sah hinter den Bastionen ihren Umriß, das Kmezertor, die Türme von ©L Nikolai, St. Katharinen, St. Jakobi und St. Mana, und auch des Rathauses türmchenreiches Dach zeigte sich. Wallenstein wandte sich ab unb ging zögernd, von dem begegnenben Bewaffneten ehrfurchtsvoll begrüßt, zu einer Huste, bie sorgfältiger als Die anberen I aus gehobelten Brettern aufgeführt, von Baum unb Busch befreit, einen weiten Rundblick auf ben Himmel hatte. Er schob mit verhaltener Bewegung ben bitten Friesvorhang zurück unb trat ein. I Er befand sich in der stillen Stube eines Sternforschers; auf einer breiten Tischplatte, Die auf Fässer gestellt war, lagen un Licht einer Kerze Sternkarten ausgebreitet, Zirkel, Sextanten unb eine Der ueueriunbenen I Fernröhren, Schreibzeug unb viel bekritzeltes Papier. Aus einem Lehnstuhl, ber wohl einem ber nahegelegenen Herrensitze entstammte, erhob sich geschmeidig ein schlanker, schmächtiger, nicht mehr lunger Dtann man hätte ihn nach seinen Bewegungen für einen Junger ^.oyolas hat- I ten können —, ein dunkler Tuchmantel umhüllte ihn. Er begrüßte ben Felbhcrrn mit einer Hofverbcugung unb wartete 2lnret)c. * „Was schafft Ihr in dieser Sünbflut, Doktissime?" „Da ich wußte, daß Euer Gnaden schwere Wege gehen, habe ich die Nativität mit der Konjunktur der Stunde verglichen unb Die Explikation ""^,Jch"danke' Euch, unb wie lautet Euer Spruch? Was sagen die Zwiefach, herzogliche Gnaden, zwiefach, zwiespältig, lautet ihre Antwort!" „Was besagt zwiefach?" . , , „An „Wenn" unb „Aber" gebunben, Euer ©naben haben zwei n p | ** „Da seht her, welch ein Schicksalszeichen ich fand!" rief Wallenstein lebhaft dagegen und legte aus seiner linken Faust einen flachen etem in ben stillen Kreis des Lichtes. . Die mittlere Stange meines Zeltes war mit Feldsteinen feftgeteilt, einer zeigte einen Spalt, spielend zog ich ihn los, spaltete ihn ganz und da seht her, ist das nicht ein Zeichen?" Auf ber frischen Fläche des Steines waren in braunem Gestein eingebettet eine Menge blintenber Seemuscheln sichtbar, kleine Schnecken, Purpurhörnchen unb feine, weiße Seenadeln. . . . Betroffen schaute der Astrologe auf ben seltsamen Fund, bann sagte er langsam mit einer Verbeugung: „Des Kaisers Maiestat hat den Herzog von Friedland zum General des Ozeanischen und Baltischen Meeres ernannt. Stralsund wehrte ihm, diesen Titel in Wirklichkeit zu fuhren und den deutschen Namen aus das Meer zu tragen, nach Indien unb Neu- Holland und dem neuen Amerika. Sollte man nicht sagen, daß dieser Stein ein Ruf des Schicksals fei: stürme noch einmal, und ber Schlussel zum Meere ist in beiner Hand!" „So ist es, so dachte ich es auch." . „Unb nun die Sterne! Es ist mir gelungen, durch einen Ueberlaufer die Geburtsstunde des Bürgermeisters Lambert Steinwich zu erfahren, der Euch in ber Stadt drüben so mannhaft widersteht!" Wallenstein beugte sich gespannt vor, und strich sich erregt den Bart, als ob er sich mit dem Kaiser über bie Schicksale der Länder unb Volker unterhalte. . „Eure Sterne, Herr Herzog unb feine Sterne stehen im Wcchfelmatz, im bösen Winkel des Mars!" „Fahrt fort!" sagte Wallenstein heiser. Der Astrologe bämpfte seine Stimme, seine Augen bohrten sich in Die Ferne, sie schienen burch bas Bretterdach in den Himmel zu tauchen, wo das Schicksal ruht. hast andere Dinge vor! Du willst vielleicht Desgrais besuchen oder dich gar einführen lassen bei d'Argenson oder la Reqnie. Nimm dich m acht, Bursche, daß die Krallen, die du hervorlocken willst zu anderer Leute Verderben, dich nicht selbst fassen und zerreißen. — Da macht sich mein empörtes Gemüt plötzlich Luft. Mögen, die, rufe ich, mögen die, dre sich gräßlicher Untat bewußt sind, jene Namen fühlen, die Ihr eben nanntrt, ich darf das nicht — ich habe nichts mit ihnen zu schaffen. — Eigentlich, spricht Cardillac weiter, eigentlich, Olivier, macht «s dir Ehre, wenn du bei mir arbeitest, bei mir, den, berühmtesten Meister feiner Zeit, überall hochgeachtet wegen seiner Kunst, überall hochgeachtet wegen seiner Dreue und Rechtschaffenheit, so daß jede böse Verleumdung schwer zuruckfallen würde auf das Haupt des Verleumders. Was nun Madelon betrifft, so muß ich dir nur gestehen, daß du meine Nachgiebigkeit ihr allein ver- dankest. Sie liebt dich mit einer Heftigkeit, die ich dem zarten Kinde gar nicht zutrauen konnte. Gleich als du fort warst, fiel sie mir ju Süßen, umschlang meine Knie und gestand unter Tränen, daß sie ohne dich nicht leben könne. Ich dachte, sie bilde sich das nur ein, wie es denn bei jungen verliebten Dingern zu geschehen pflegt, daß st« gleich sterben wollen, wenn das erste Milchgesicht sie freundlich angeblickt. Aber m der -rat, meine Madelon wurde siech und krank, und wie ich ihr denn das tolle Zeng au^ reden wollte, rief sie hundertmal deinen Namen. Was könnt ich endlich tun, wollt' ich sie nicht verzweifeln lassen. Gestern abend sagt >ch ihr, ich willige in alles und werde dich heute holen. Da ist sie über Rächt aufgebläht wie ein Rose, und harrt nun auf dich ganz außer sich vor Liebes- sehnsucht. — Mag es mir die ewige Macht des Himmels verzeihen, aber selbst weiß ich nicht, wie es geschah, daß ich plötzlich in Cardlllacs Haufe stand, daß Madelon laut aufjauchzend: Olivier — mem Olivier — mein Geliebter — mein Gatte! auf mich gestürzt kam, mich mit beiden Armen umschlang, mich fest an ihre Brust drückte, daß ich im Uebermaß des höchsten Entzückens bei der Jungfrau und allen Heiligen schwor, sie nimmer, nimmer zu verlassen! Erschüttert von dein Andenken au diesen entscheidenden Augenblick mußte Olivier innehalten. Die Scuderi, von «raufen erfüllt über d,e Untat eines Mannes, den sie für die Tugend, ine Rechtschaffenheit felbst gehalten, rief: Entsetzlich! — RenL Cardillac gehörte zu der Mordbande die unsere gute Stadt so lange zur Räuberhöhle machte? — Was sagt Ihr, mein Fräulein, sprach Olivier, zur Bande? Nie hat es eine solche I Bande gegeben. Cardillac allein war es, der mit verruchter Tätigkeit in i der ganzen Stadt seine Schlachtopfer suchte und sand. Dahier es allein war, darin liegt die Sicherheit, womit er feine Streiche führte, Die um überwundene Schwierigkeit, dem Mörder auf die Spur zu kommen. Doch I laßt mich fortfahren, der Verfolg wird Euch die Geheimnisse des verruch- testen und zugleich imglücklichsten aller Menschen aufklaren Die Lage in der ich mich nun bei dem Meister befand, jeder mag die sich leicht denken. I Der Schritt war geschehen, ich konnte nicht mehr zuruck. Zuweilen wai e5 mir, als sei ich selbst Cardillacs Mordgehilfe geworden, nur in Madelons Liebe vergaß ich die innere Pein, die mich quälte, nur bei ihr konnte es mir gelingen, jede äußere Spur namenlosen Grams wegzutilgen. Arbeitete ich mit dem Alten in der Werkstatt, nicht ins Antlitz vermochte ich ihm zu schauen, kaum ein Wort zu reden vor dem Grausen, das mich durchbebte in der Nähe des entsetzlichen Menschen, der alle Tugenden des I treuen, zärtlichen Vaters, des guten Bürgers erfüllte, wahrend die Nacht I seine Untaten verschleierte. Madelon, das fromme engelsreine Kmd, hing an ihm mit abgöttischer Liebe. Das Herz durchbohrte es mir wenn ich I daran dachte, daß, träfe einmal die Rache den entlarvten Bosewicht, sie, ja, mit aller höllischen List des Satans getäuscht, der gräßlichsten Ver- I zweiflung unterliegen müsse. Schon das verschloß nur den Mund, und ! hätte ich den Tod des Verbrechers darum dulden muffen. Unerachtet ich aus den Reden der Marechaufsee genug entnehmen konnte, waren imr ICardillacs Untaten, ihr Motiv, die Art, sie auszufuhren, ein Rätsel: die Aufklärung blieb nicht lange aus. Eines Tages war Cardillac, der sonst, meinen Abscheu erregend, bei der Arbeit in der heitersten Laune, scherzte und lachte, sehr ernst und in sich gekehrt. Plötzlich warf er das Geschmeide, woran er eben arbeitete, beiseite, daß Steine und Perlen auseinanber- rollten, stand heftig auf und sagte: Olivier! Es kann zwischen uns beiden nicht so bleiben, dies Verhältnis ist mir unerträglich. Was der feinsten Schlauigkeit Desgrais' und seiner Spießgesellen nicht gelang zu entdecken, bas spielte dir der Zufall in die Hände. Du hast mich geschaut tn der nächtlichen Arbeit, zu der mich mein böser Stern treibt, kem Widerstand ist möglich. Auch dein böser Stern war es, der dich nur folgen ließ, der dich in undurchdringliche Schleier hüllte, der deinem Fußtritt die Leichtigkeit gab, daß du unhörbar wandeltest wie das ttemftc Tier, so daß ich, der ich in der tiefsten Nacht klar schaue wie der Tiger, der ich straßenweit das kleinste Geräusch, das Sumsen der Mucke vernehme, dich nicht bemerkte. Dein böser Stern hat dich, meinen Gefähtten, nur zugeführt. An Verrat ist, so wie du jetzt stehst, nicht mehr zu denken. Darum magst du alles wissen. Nimmermehr werd' ich dem Gefährte fern, heuchlerischer Bösewicht. So wollt' ich ausschreien, aber das innere Entsetzen, das mich bei Cardillacs Worten erfaßt, schnürte mir die Kehle zu. Statt der Worte vermochte ich nur einen unverständlichen Laut auszustotzen. Cardillac setzte sich wieder in seinen Arbeitsstuhl. Er trocknete sich Den Schweiß von der Stirn. Er schien, von der Erinnerung des Vergangenen hart berührt, sich mühsam zu fassen. Endlich sing er an: Weise Manner sprechen viel von den seltsamen Eindrücken, deren Frauen m guter Hoff- mmg fähig sind, von dem wunderbaren Einfluß solch lebhaften, willenlosen Eindrucks von außen her auf das Kind. Von meiner Mutter erzählte man mir eine wunderliche Geschichte. Als sie iiuch erwartete, schaute sie nut andern Weibern einem glänzenden Hoffest zu, das m Trianon gegeben mürbe Da fiel ihr Blick auf einen Kavalier in spanischer Kleidung mit einer blitzenden Juwelenkette um den Hals, von der sie die Augen gar nicht mehr abwenden konnte. Ihr ganzes Wesen war Begierde nach den funkelnden Steinen, die ihr ein überirdisches Gut dunklen. Derselbe Kavalier batte vor mehreren Jahren, als meine Mutter noch nicht verheiratet, ihrer Tugend nachgestellt, war aber mit Abscheu zurückgewiesen worden. Meine Mutter erkannte ihn wieder, aber jetzt war es ihr, als fei er im Glanz der strahlenden Diamanten ein Wesen höherer Art, der Inbegriff banden vor allem die dauernden Erschüttevungen durch den Motor und ! dellen Geräusch, Das die Verständigung erschwert. ...... T>i«> hei der Lufthansa eingeführten oen.be r arbeiten mit verhalttiiS- D-e „rinl Een; fie beträgt nicht über 70 Watt. Um diese ffneräe8«: beschaffen8 dazu bedarf es einer eigenen kleinen Dynamo- aS* Äe wttd durch eine öuftfdjraube, welche halb seitlich am Flug- E Reichweite erzielt meräen wie man sie auf der Erde mit Apparaten gleicher Konstruktion Süs ^reichen könnte. Es werden damit Entfernungen bis zu 1000 Kilonietern von einem Flugzeug zum anderen, oder zur Erde uberbrmtt. Für Seeflugzeuge ist diese Apparatur noch m einer bestimmten Weise | eraünzt. Dort ist nämlich ein Benzinhilfsmotor eingebaut, bei bet I etwaigen Landungen auf dem Wasser in Aktion treten soll, und außer- ! dem ist ein besonderer, auseinanberlegbarer Mast vorhanden, der bis zu I zwölf Meter hoch aufgerichtet werden kann und dann die Sendeantenne I iT°^ro;c eine solche Radioanlage funktioniert, das haben besonders deutlich die Versuche gezeigt, bei Denen man die Telephonie vom und zum Flug- | ieuq bem breiten Publikum bemonftrierte, in dem sie auf einen ber großen Runbftmkfender übertragen und von diesem weiter verbreitet wurden. I Wer dabei gleichzeitig das Flugzeug sah, der konnte sich blwon uR.i- zeuqen, daß die telefonisch gegebenen Befehle prompt ausgefuhrt wurden, I toum waren fie ausgesprochen, so sah man, wie das Flugzeug die bestimmten, von ihm geforderten Wendungen vollführte, eine Anzalsi "^'Me ^Möglichkeit efner“ bauemben Verbindung zwischen Flugzeug und Erde schafft für die Flugschiffahrt Sicherheiten, Die man schwer entbehren würde, könnte man sie nicht auf diese Weise erlangen. So lange du menschlichen Gebilde schwächer sind als Die Naturgewalten, und das wird wohl ewig der Fall fein, muß der Mensch suchen, den Machten auszu- roeidten, denen er nicht gewachsen ist. | Und io sind es Denn vor allem die Wettermeldungen, di« den Piloten in die Lage versetzen, sich über die meteorologische Situation auf bem I gangen, von ihm geflogenen Luftwege, dauernd zu orientieren, die Hohen I aufzufitchen, in Denen der Flug am leichtesten vonftatten gehen kann, Gewittern aus dem Wege zu gehen usw. Man weiß aus den Berichten ber Ozeanslieqer, wie verschieden die Witterungsverhältnisfe m verschiedenen I Sagen fein können. Am verblüffendsten tritt dies wohl m Erscheinung, ! wenn ein Flieger sich seinen Weg durch Wolken fuchen muß, bis er | radiotelephonisch den Rat erhält, höhere Lagen aufzufuchen; und dann plötzlich die Wolkenschicht durchbricht, um, über bem Nebelmeer m strahlender Sonne und unter blauem Himmel feinen Weg sottzusetzen. ! Eine ganz besonders intereffante und nützliche Verwendung der Jmbto= ! technik bei Flugzeugen ist die zur Ortsbestimmung, die sogenannte Funk- | Peilung. Mit ihrer Hilfe ist es möglich, jedem Flugzeug, das sich in Der- ständchungsweite befindet, den genauen Standort mitzuteilen. Die Funktechnik liefert hier die wichtigste Ergänzung der sonstigen Orieimeniiigs- mittel. Ganz besonders, wemi der Blick zur Erde durch Nebel ode. ! Wolken unmöglich gemacht ist, ist hierdurch ein ganz ausgezeichnetes | Hilfsmittel zur Bestimmung des Flugvrtes gegeben. Das Fräulein von Seuderi. Von E. T. A. Hoffmann. (Fortsetzung.) Bald kommt trillerierend ein Mann daher mit leuchtendem Feder- busch und klirrenden Sporen. Wie ein Tiger auf seinen Raub, stürzt sich Cardillac aus feinem Schlupfwinkel auf den Mann, ber tn Dewi^cn Augenblick röchelnd zu Boden sinkt. Mit einem Schrei des Entsetzens springe ich heran, Cardillac ist über den Mann, der zu Boden liegt, hrr. , Meister Cardillac, was tut Ihr? rufe ich laut — Vermaledeiter! brüllt Cardillac, rennt mit Blitzesschnelle bei mir vorbei und verschwindet. Ganz mcher mir, kaum der Schritte mächtig, nähere ich mich dem Niebergewor- jenen. Ich knie bei ihm nieber, vielleicht benf ich, ist er noch zu retten, aber keine Spur des Lebens ist mehr in ihm. . Wie mir zumute war, kann ich gar nicht sagen; ich suhlte mich an, ob nicht ein böser Traum mich necke, es war mir, als mußt ich nun gleich ] erwachen und mich wundern über das tolle Trugbild. Cardillac, der Vater meiner Madelon, ein verruchter Mörder! Ich war kraftlos auf bw steinernen Stufen eines Hauses gesunken. Immer mehr und mehr dämmerte der Morgen herauf, ein Offiziershut, reich mit Federn geschmückt, lag vor mir auf dem Pflaster. Cardillacs blutige Tat, auf ber Stelle begangen, wo ich laß, ging vor mir hell auf. Entsetzt rannte ich von bannen. Ganz verwirrt, beinahe besinnungslos, sitze ich in meuter Dachkammer, da geht die Tür auf und Renö Cardillac tritt herein. Um Christus willen, was wollt Ihr! schrie ich ihm entgegen. Er, bas gar nicht achtend, kommt auf mich zu und lächelt mich an mit einer Ruhe und Leutseligkeit, die meinen inneren Abscheu vermehrt. Er rückt einen alten, gebrechlichen Schemel heran unb setzt sich zu mir, ber ich nicht vermag, mich von bem Strohlager zu erheben, auf bas ich mich geworfen. Nun Olivier, fangt er an, wie geht es dir, armer Junge? Ich habe mich in ber Tat garstig übereilt, als ich dich aus dem Haufe stieß, du fehlst mir an allen Ecken und Enden. Eben jetzt habe ich ein Werk vor, das ich ohne deine Hilfe gar nicht vollenden kann. Wie roär’s, wenn Du wieder in meiner Werkstatt arbeitetest? Du schweigst? Ja ich weih, ich habe dich beleidigt. Nicht verhehlen wollt' ich's dir, daß ich auf dich zornig war wegen der Liebelei mit meiner Madelon. Doch recht überlegt habe ich mir das Ding nachher und gefunden, daß bei deiner Geschicklichkeit, deinem Fleiß, deiner Treue ich mir keinen bessern Eidam wünschen kann als eben dich. Komm also mit mir und siehe zu, wie du Madelon zur Frau gewinnen magst. Cardillacs Worte durchschnitten mir das Herz, ich erbebte vor feiner Bosheit, ich konnte kein Wort hervorbringen. Du zauderst, fuhr er nun fort mit scharfem Ton, indem seine funkelnden Augen mich durchbohrten, du zauderst? Du kannst vielleicht heute noch nicht mit mir kommen, du aller Schönheit. Der Kavalier bemerkte die sehnsuchtsvollen, feurigen Blick« meiner Mutter. Er glaubte jetzt glücklicher zu sein als vormals. Er wußte sich ihr zu nähern, noch mehr, sie von ihren Bekannten fort an einen einsamen Ort zu locken. Dort schloß er sie in seine Arnie, meine Mutter faßte nach der schönen Kette, aber in demselben Augenblick sank er nieder und riß meine Mutter mit sich zu Boden. Sei es, daß ihn der Schlag plötzlich getroffen, oder aus einer anderen Ursache; genug, er war tot. Vergebens war das Mühen meiner Mutter, sich den im Todeskampf erstarrten Armen des Leichnams zu entwinden. Die hohlen Augen, deren Sehkraft erloschen, auf sie gerichtet, wälzte der Tote sich mit ihr auf dem Boden. Ihr gellendes Hilfstzeschrei drang endlich bis zu in der Ferne Vorübergehende, die herbeieilten und sie retteten aus den Armen des grausigen Liebhabers. Das Entsetzen rvarf meine Mutter auf ein schweres Krankenlager. Man gab sie, mich verloren, doch sie gesundete und die Entbindung war glücklicher, als man je hätte hckssen können. Aber die Schrecken jenes fürchterlichen Augenblicks hatten mich getroffen. Mein böser Stern war aufgegangen und hatte den Funken hinabgefchofsen, der in mir eine der seltsamsten und verderblichsten Leidenschaften entzündet. Schon in der frühesten Kindheit gingen mir glänzende Diamanten, goldenes Geschmeide über alles. Man hielt das für gewöhnliche kindische Neigung. Aber es zeigte sich anders, denn als Knabe stahl ich Gold und Juwelen, wo ich sie habhaft werden konnte. Wie der geübteste Kenner unterschied ich aus Instinkt unechtes Geschmeide von echtem. Nur dieses lockte mich, unechtes so wie geprägtes Gold ließ ich unbeachtet liegen. Den grausamsten Züchtigungen des Vaters mußte die angeborene Begierde weichen. Um nur mit Gold und edlen Steinen hantieren zu können, wandte ich mich zur Goldschmiedsprofession. Ich au-beitete mit Leidenschaft und wurde bald der erste Meister dieser Art. Nun begann eine Periode, in der der angeborene Trieb, so lange niedergedrückt, mit Gewalt empor« drang und mit Macht wuchs, alles um sich her wegzehrend. Sowie ich ein Geschmeide gefertigt und abgeliefert, fiel ich in eine Unruhe, in eine Trostlosigkeit, die mir Schlaf — Gesundheit, Lebensmut raubte. Wie ein Gespenst stand Tag und Nacht die Person, für die ich gearbeitet, mir vor Augen, geschmückt mit meinem Geschmeide, und eine Stimme raunte mir in die Ohren: Es ist ja dein — es ist ja dein — nimm es doch — was sollen die Diamanten dem Toten! Da legt' ich mich endlich auf Diebes- künste. Ich hatte Zutritt in den Häusern der Großen, ich nützte schnell jede Gelegenheit, kein Schloß widerstand meinem Geschick und bald war der Schmuck, den ich gearbeitet, wieder in meinen Händen. Aber nun vertrieb selbst das nicht meine Unruhe. Jene unheimliche Stimme lieh sich dennoch vernehmen und höhnte mich und rief: Ho ho, dein Geschmeide trägt ein Toter! Selbst wußte ich nicht, wie es kam, daß ich einen unaussprechlichen Haß auf die warf, denen ich Schmuck gefertigt. Ja, im tiefsten Innern regte sich eine Mordlust gegen sie, vor der ich selbst erbebte. In jener Zeit kaufte ich dieses Haus. Ich war mit dem Besitzer handelseinig geworden, hier in diesem Gemach saßen wir erfreut über das geschloffene Geschäft beisammen, und tranken eine Flasche Wein. Es war Nacht worden, ich wollte aufbrechen, da sagte mein Verkäufer: Hört Meister Rene, ehe Ihr fortgeht, muh ich Euch mit einem Geheimnis dieses Hauses bekannt machen. Darauf schloß er jenen in die Mauer eingefügten Schrank auf, schob die Hinterwand fort, trat in ein kleines Gemach, bückte sich nieder, hob eine Falltür auf. Eine steile, schmale Treppe fliegen mir hinab, tarnen an ein schmales Pförtchen, das er auf- fchloh, traten hinaus in den freien Hof. Nun schritt der alte Herr, mein Verkäufer, hinan an die Mauer, schob an einem nur wenig hervorragenden Eisen, und alsbald drehte sich ein Stück Mauer los, so daß ein Mensch bequem durch die Oeffnung schlüpfen und auf die Straße gelangen konnte. Du magst einmal das Kunststück sehen, Olivier, das wahrscheinlich schlaue Mönche des Klosters, das ehemals hier lag, fertigen ließen, um heimlich aus- und einschlüpfen zu können. Es ist ein Stück Holz, nur von außen gemörtelt und getüncht, in das von außen her eine Bildsäule, auch mir von Holz, doch ganz wie Stein, eingefügt ist, das sich mit samt der Bildsäule auf verborgenen Angeln dreht. Dunkle Gedanken stiegen in mir auf, als ich diese Einrichtung sah, es war mir, als sei vorgearbeitet solchen Taten, die mir selbst noch Geheimnis blieben. Eben hatte ich einem Herrn vom Hofe einen reichen Schmuck abgeliefert, der, ich weiß es, einer Operntänzerin bestimmt war. Die Todesfolter blieb nicht aus — das Gespenst hielt sich an meine Schritte, der lispelnde Satan an mein Ohr! Ich zog ein in das Haus. In Angstschweiß gebadet, wälzte ich mich schlaflos auf dem Lager! Ich seh' int Geiste den Menschen zu der Tänzerin schleichen mit meinem Schmuck. Voller Wut springe ich auf — weise den Mantel um — steige herab die geheime Treppe — fort durch die Mauer nach der Straße Nicaise. Er kommt, ich falle über ihn her, er schreit auf, doch von hinten festgepackt stoße ich ihm den Dolch ins Herz — der Schmuck ist mein! Dies getan, fühlte ich eine Ruhe, eine Zufriedenheit in meiner Seele, wie sonst niemals. Das Gespenst war verschwunden, die Stimme des Satans schwieg. Nun wußte ich, was mein böser Stern wollte, ich mußte ihm nachgeben oder untergehen! Du begreifst jetzt mein ganzes Tun und Treiben, Olivier! Glaube nicht, daß ich darum, weil ich tun muh, was ich nicht taffen kamt, jenem Gefühl des Mitleids, des Erbarmens, was in der Natur des Menschen bedingt fein soll, rein entsagt habe. Du weißt, wie schwer es mir wird, einen Schmuck abzuliefern; wie ich für manche, deren Tod ich nicht will, gar nicht arbeite, ja wie ich sogar, weiß ich, daß am morgenden Tage Blut mein Gespenst verbannen wird, heute es bei einem tüchtigen Faustschlage beivenden lasse, der den Besitzer meines Kleinods zu Böden streckt, und mir dieses in die Hand Liefert. — Dies alles gesprochen, führt mich Cardillac in das geheime Gewölbe und gönnte mir den Anblick feines Juwelenkabinetts. Der König hat es nicht reicher. Jeder Schmuck zeigte durch ein Zettelchen an, für wen es gearbeitet, wann es durch Diebstahl, Raub ober Mord genommen worden. An deinem Hochzeitstage, sprach Cardillac dumpf und feierlich, an deinem Hochzeitstage, Olivier, wirst du mir, die Hand gelegt auf des gekreuzigten Christus Bild, einen heiligen Eid schwören, sowie ich gestorben, alle diese Reichtümer in Staub zu vernichten durch Mittel, die ich - dir bann sagen werde. Ich will nicht, daß irgendein menschlich Wesen, und am wenigsten Madelon und du, in den Besitz des mit Blut erkauften i Horts komme. Gefangen in diesem Labyrinth des Verbrechens, zerrissen von Liebe und Abscheu, von Wonne und Entsetzen, war ich dem Verdammten zu vergleichen, dem ein holder Engel mild lächelnd hinaufwinkt, aber mit glühenden Krallen festgepackt hält ihn der Satan, und der frommen Engels Liebeslächeln, in dem sich alle Seligkeit des hohen Him- mels abspiegelt, wirt) ihm zur grinnnigsten seiner Qualen. Ich dachte an Flucht — ja an Selbstmord' — aber Madelon! Tadelt mich, tadelt mich, mein würdiges Fräulein, daß ich zu schwach war, mit Gewalt eine Leidenschaft niederzukäinpsen, die mich an bas Verbrechen fesselte; aber büße ich nicht dafür mit schmachvollem Tode? Eines Tages tarn Cardillac nach Haufe ungewöhnlich heiter. Er liebkoste Madelon, warf mir die freundlichsten Blicke zu, trank bei Tische eine Flasche edlen Weins, mit er j!5 nur an hohen Fest- und Feiertagen zu tun pflegte, fang und jubilierte. Madelon hatte uns verlassen, ich wollte in die Werkstatt: Bleib sitzen. Junge, rief Cardillac, heut keine Arbeit mehr, laß uns noch ein, trinken auf das Wohl der allerwürdigsten, vortrefslichstei, Dame in Paris. Nachdem ich mit ihm angestoßen und er ein volles Glas geleert hatte, sagte er: Sag an, Olivier, wie gefallen dir die Verse: Un amant, qui craint les voleurs, n’est point digne d’amour. Er erzählte nun, was sich in den Gemächern der Maintenon mit Euch und dem Könige begeben und fügte hinzu, daß er Euch von jeher verehrt habe, wie sonst kein menschliches Wesen, und daß Ihr, mit solch hoher Tugend begabt, vor der der böse Stern kraftlos erbleichte, selbst den schönsten von ihm gefertigten Schmuck tragend, niemals ein böses Gespenst, Mordgedanken in ihm erregen würdet. Höre, Olivier, sagte er, wozu ich entschlossen. Vor langer Zeit sollt' ich Halsschmuck und Armbänder fertigen für Henriette von England und selbst die Steine dazu liefern. Die Arbeit gelang mir wie keine andere, aber es zerriß mir die Brust, wenn ich daran dachte, mich von dem Schmuck, der mein Herzenskleinod geworben, trennen zu müssen. Du weißt der Prinzessin unglücklichen Tob durch Meuchelmord. Ich behielt den Schmuck und will ihn als Zeichen meiner Ehrfurcht, meiner Dankbarkeit dem Fräulein von Scuberi senden im Namen ber verfolgten Bande. Außerdem, baß die Scuberi das sprechende Zeichen ihres Triumphs erhält, verhöhne ich auch Desgrais und feine Gesellen, wie sie es verdienen. Dii sollst ihr den Schmuck hintragen. — Sowie Cardillac Euren Namen nannte, Fräulein, mar es, als würden schwarze Schleier weg- gezogen, und das schöne, lichte Bild meiner glücklichen frühen Kinberzeit ginge roieber auf in bunten, glänzenden Farben. Es tarn ein wunderbarer Trost in meine Seele, ein Hoffnungsstrahl, vor dem die finstern Geister fchwanden. Cardillac mochte den Eindruck, den feine Worte auf mich gemacht, wahrnehmen und nach seiner Art deuten. Dir scheint, sagte er, mein Vorhaben zu behagen. Gestehen kann ich wohl, daß eine tief innere Stimme, sehr verschieden von der, die Blutsopfer verlangt wie ein gefräßiges Raubtier, mir befohlen hat, daß ich solches tue. Manchmal wird mir wunderlich im Gemitte — eine innere Angst, die Furcht vor irgend etwas Entsetzlichem, dessen Schauer aus einem fernen Jenseits herüb er- wehen in die Zeit, ergreift mich gewaltsam. Es ist mir sodann, als ob das, was der böse Stern begonnen durch mich, meiner unsterblichen Seele, die daran keinen Teil hat, zugerechnet werden könne. In solcher Stimmung beschloß ich, für die heilige Jungfrau in der Kirche St. Eustache eine schöne Diamantenkrone zu fertigen. Aber jene unbegreifliche Angst überfiel mich stärker, so oft ich die Arbeit beginnen wollte, da unterließ ich's ganz. Jetzt ist es mir, als wenn ich ber Tugend und Frömmigkeit selbst demutsvoll ein Opfer bringe und wirksame Fürsprache erflehe, indem ich der Scuberi den schönsten Schmuck sende, den ich jemals gearbeitet. Cardillac, mit Eurer ganzen Lebensweise, mein Fräulein, auf bas genaueste bekannt, gab mir nun Art unb Weise sowie die Stunde an, wie und wann ich den Schmuck, den er in ein sauberes Kästchen schloß, abliefern solle. Mein ganzes Wesen war Entzücken, denn der Himmel selbst zeigte mir durch de» freventlichen Cardillac den Weg, mich zu retten aus ber Hölle, in der ich, ein verstoßener Sünder, schmachte. So dachte ich. Ganz gegen Cardillacs Willen wollt' ich bis zu Euch bringen. Als Anne Bruffons Sohn, als Euer Pflegling, gedachte ich mich Euch zu Füßen zu werfen und Euch alles — alles zu entdecken. Ihr hättet, gerührt von dem namenlosen Elend, das der armen, unschuldigen Madelon drohte bei der Entdeckung, das Geheimnis beachtet, aber Euer hoher, scharfsinniger Geist sand gewiß sichere Mittel, ohne jene Entdeckung der verruchten Bosheit Cardillacs zu steuern. Fragt mich nicht, worin diese Mittel hätten bestehen sollen, ich weiß es nicht -- aber daß Ihr Madelon und mich retten würbet, davon tag die lieber- zeugung fest in meiner Seele, wie ber Glaube an bie trostreiche Hilfe ber heiligen Jungfrau. Ihr wißt, Fräulein, daß meine Absicht in jener Rächt fehlfchlug. Ich verlor nicht bie Hoffnung, ein andermal glücklicher zu fein. Da geschah es, daß Cardillac plötzlich alle Munterkeit verlor. Er schlich ' trübe umher, starrte vor sich hin, murmelte unverständliche Worte, focht mit den Händen, Feindliches von sich abwehrend, sein Geist schien gequält von bösen Gedanken. So hatte er es einen ganzen Morgen getrieben. Endlich setzte er sich an den Werktisch, sprang unmutig wieder auf, schaut« durchs Fenster, sprach ernst unb düster: Ich wollte doch, Henriette von England hätte meinen Schmuck getragen! Diese Worte erfüllten mich mit Entsetzen. Nun wußte ich, daß fein irrer Geist wieder erfaßt war von dem abscheulichen Mordgespenst, daß des Satans Stimme wieder laut worden vor feinen Ohren. Ich sah Euer Leben bedroht von dem verruchten Mordteufel. Hatte Cardillac nur seinen Schmuck wieder in Händen, so wäret Ihr gereitet. Mit jedem Augenblick wuchs die Gefahr. Meine Angst stieg bis zur Verzweiflung, als andern Tages Cardillac von nichts anbertn sprach als von dem köstlichen Schmuck, der ihm in ber Nacht vor Augen gekommen. Ich konnte bas nur auf Euern Schmuck deuten, und es wurde mir gewiß, baß er über irgenbeinem Mordanfchlag brüte, den er gewiß schon in der Nacht auszuführen sich vorgenommen. Euch retten mußt' ich, unb sollte es Cardillacs Leben kosten. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck unb Verlag: Brühl'sche Äniversitäts-Duch- und Steindruckrrei, R. Lange, Gießen-