GiehenerKmiilienblStter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang |928 Samstag, den 23. Juni .Nummer 50 Schwarzschattende Kastanie. Von Conrad Ferdinand Meyer. Schwarzschattende Kastanie, mein windgeregtes Sommerzelt du senkst zur Flut dein weit Geilst, dein Laub, es burftet und es trinkt, schwarzschattende Kastanie! 3m Porte badet junge Brut mit Hader oder Lustgeschrei, und Kinder schwimmen leuchtend weiß im Gitter deines Blätterwerks, schwarzschattende Kastanie! Und dämmern See und Ufer ein uild rauscht vorbei das Abendboot, so zuckt aus roter Schiffslatern' ein Blitz und wandert auf dem Schwung der Flut, gebrochnen Lettern gleich bis unter deinem Laub erlischt die rätselhafte Flammenschrift, schwarzschattende Kastanie! Abschied. Don Peter Flamm. Mein Freund, erlauben Sie, das; ich Sie so nenne, jetzt, da alles vorbei ist, versuchen Sie in dieser Stunde, der unerbittlich letzten — ich habe eine große Furcht in mir, was wird denn nun? Wenn der Atem immer beklemmender, wenn diese grauen Funken, die mir über das Papier fliegen, sich zu einem gleichmäßigen Dunkel verdichten — ich beschwöre Sie: tuen Sie doch jetzt alles weg, was der Wind dieser Jahre zwischen uns gesetzt, sahen Sie mich so, wie ich jetzt hier liege — ach nein, es ist gut, daß Sie mich nicht sehen können, ich bin gar nicht mehr hübsch, mein Haar, über das Sie ein einzigmal ganz zart streichelten an jenem Abend, da ich mit meiner Schwester in der Pause zu Ihnen ins Künstlerzimmer kam — aber Sie erinnern sich wohl nicht mehr daran, über wieviel Mädchenkvpfe mögen Sie so hinweggestreichelt haben, aber wir Frauen behalten ja alles, wir tvifsen die Worte und den Ton und das Lächeln und die Art jeden Schrittes, auch wenn Jahre darüber vergehen, auch wenn — Sie müssen es ja doch gemerkt haben, warum merkte es Robert mit seiner kleinen dürren zusammengebeugten Figur? — War ich nicht damals schon eifersüchtig? Er durfte die ganze Zeit bei Ihnen im Zimmer bleiben, er begleitete Sie nachher nach allem Triumph und Beifall wer weiß wohin, ach wohl nur zu Ihnen heim, zurück in Ihre Einsamkeit, während ich mit allem Publikum zusammen mir die Hände rot klatschte, während ich mitten unter Gesprächen und Lachen und tausend lustigen Einfällen — aber mir war in Wahrheit sehr zwn Weinen. Ich ging die ganzen nächsten Tage wie in einein Traum, ich lachte, und es tat weh, ich stürzte mich in meine Arbeit wie nie zuvor, ich achtete auf meine Kleider, auf meine Schuh, auf mein Haar. Sie haben Ihr Leben geführt und wissen nichts von dem meinen, wann hätten Sie auch dazu Zeit haben solleir? Sie waren so be- schästtgt mit sich, daß Sie später nur noch das Negative sahen, das Häßliche, die Bitterkeit, die alles zerstört: aber jene Jahre, in denen ich Sog um Tag um Ihr Haus strich, da ich die Stunden wußte, wann Sie vom Konservatorium kamen, wann von der Oper — ich tot ja schließlich nichts anderes mehr, all mein Interesse, all mein Dillen, Kraft, Arbeit, Sehnsucht ging da hinein, ich vernachlässigte meme besten Freundinnen, ich ging zu keinen Gesellschaften, in kein Theater, nur in Konzerte, obwohl ich von Musik ja nur so wenig derstand, haben Sie es mir nicht selbst gesagt, als ich an jenem Tage endlich mir ein Herz faßte und am Nachmittag zu Ihnen kam, uni dorzusingen? Mein Herz schlug so, daß ich kaum atmen konnte, meme Knie zitterten, wie konnte ich vor Ihnen singen? Ich bekam imnen Ton heraus, es war alles wie erstickt, besinnungslos stürzte mrf die Straße, nach Hause, in mein Zimmer, ein Weinkrampf xytoi mich, ein Schluchzen, verzweifelt, tagelang kein Wort, meine -Autter — was wissen Eltern, was in ihren Kindern vorgeht, essen, icymfen, lernen, anziehen, aber das Eigentliche: da ist jeder allein. , wagte mich nicht mehr auf die Straße, ich hätte Sie treffen Mwen. überall war Ihr Bild, wohin ich scch, was ich arbeitete, Weim ich meine Stickerei auf den Knien hatte, stach ich mit der Nadel Gesicht, wenn ich auf die Wand blickte, hatte die Tapete da« 'tor Anzugs, wenn ich übermüde endlich auf mein Bett Ibirf ■ üing so nicht weiter, ich war trotz allen Fiebers und Nerven» mfj,™ Kern ein gesunder Mensch, raffte mich zusammen, ging eines gens vor Ihr Haus, die Treppe hinauf, zog an der Klingel, es war halb zehn, ich weiß nicht, was ich gewollt habe, es hatte mich nur zu Ihnen getrieben, wie konnte ich Nachdenken und wissen, daß Sie um diese Zeit ja keinen Besuch empfangen konnten, viel» leicht eine Frau bei sich hatten, mit der Sie frühstückten, vielleicht noch gar nicht angezogen waren oder schliefen, ein blinder Schreck« befiel mich plötzlich. „Was wollen Sie denn", sagten Sie, die Tür war nur ein Spalt weit offen, nicht einmal die Kette hatten 0ie zurückgezogen, „ich habe jetzt keine Zeit", und schnappten die Tür vor meinem Gesicht zu, ich rührte mich nicht von der Stelle, Scham, grenzenlos, stieg in mir hoch, Sie konnten ja nichts dafür, es war eine Torheit von mir, aber das wußte ich damals nicht, der Menschs den ich liebte, schlug die Tür vor mir zu. Die nächsten Tage vergingen wie im Traum, ich war krank «ach Ihnen, und mein Innerstes verletzt, aber die Wunde war braröia geworden, kein reines Bluten mehr, sondern ein gefährlich giftig« Brennen. Sie wiffen, daß ich Robert geheiratet habe, einen Krüppel, einst Menschen mir so fern wie der Mond. Auf einer Gesellschaft wurde er mir vorgestellt, wir kannten uns ja schon, ja, natürlich, er fordert« mich zum Tanz auf. er mochte es wohl für seine Pflicht halten, schließlich war ich nicht häßlich, er legte feinen Arm um meinen Leib unft ich den meinen auf seinen Buckel, mir wurde schwindlig, ich bitz die Zähne aufeinander, ich dachte an Sie. Dach dem Tanz führte er mich auf meinen Platz, er war außer Atem, auf seiner Stirn stand Schweiß. „SS strengt Sie wohl an,“ sagte ich und blickte ihm gerade in die Augen, er wußte nicht, 06 es Mitleid war oder Hohn, ich wußte es selbst nicht, eine Leide»» schäft hatte mich plötzlich ergriffen: ich mußte ihn haben und mir erobern, er erzählte von Ihnen, er mußte alles erzählen, aber hinter jedem Satz machte ich meine Bemerkung, oder ich lächelte nur, alle Begeisterung über Sie, alle Neigung, alle Liebe zu Ihnen zerstach ich erbarmungslos mit Hohn, alles Gefühl von ihm zu Ihne» mußte ausgeblasen werden, eine Raserei hatte mich gefaßt, ich merkte nicht, was um mich herum war, beide saßen wir mit geröteten Gesichtern, sprachen aufeinander ein, endlich wurde er müde, schien nachzugeben, machte nur noch leise furchtsame Einwendungen, auch mich ergriff diese Schwäche, plötzlich brach ich in Tränen aus. Daß damit zum erstenmal etwas wie Liebe in Robert aufbrach, hat er mir erst sehr viel später gestanden, auf dem Heimweg, beim Abschied hielt er lange meine Hand, blickte mich an, seine (Stimmt war leise und verschleiert, sie rührte mich, in diesem Augenblick Wae auch in mir etwas wie ein Gefühl, ich erwiderte den Druck feiner Hand, er nahm es für eine Erklärung. Was dann in den nächsten Wochen geschah, ich frage mich selbst, woher ich die Kraft zu einem Entschluß gezogen, ein Leben zu opfern, feines und das meine, nur weil — ich habe es ihm gesagt, nicht direkt, aber er merkte es doch bald, denn er liebte mich ja, er glaubte, seine Liebe zu mir würde stärker sein als alles, stärker als die meine — zu Ihnen, manchmal glaubte ich es selbst, als wir verheiratet waren, am Tage danach, wir saßen im Zug, Berge kamen und eine neue Welt hauchte etwas tote ein Glück über meine Seele, ein Gefühl von Freihett und unendlicher Heiterkeit, wie ich es nie gekannt, überkam mich. Wären wir dort geblieben, in einem anderen Land, mit anderer Sprache, anderen Menschen; alles hätte noch gut werden können, aber Robert drängte zurück, zu feiner Arbeit, zu seinen Bekannten, zu Ihnen. Nein, er kam nicht los davon, ich weiß, diese Liebe war rein, er kämpfte darum wie ich um die meine, dagegen wie ich gegen die meine, tagelang ging er nicht zu Ihnen, ich ersann immer neue Gründe, um es zu hindern, drohte, höhnte, machte ihm Szenen, weinte und umschlang ihn mit aller Inbrunst — die nicht ihm gatt, sondern einem anderen, war er wieder bei Ihnen, mußte er mir alles erzählen, ich verschlang seine Worte, faßte feine Hände, sie hatten die Ihren gefaßt, in seinem Haar war der Rauch, das Parfüm Ihrer Stube, ich küßte dies Haar und schloß die Augen, nachts — und wen» ich ein Kind gehabt hätte, es wäre doch das Ihre gewesen. Sie wiffen, tote es endete. Er hat mir nie einen Dorwurf gemacht, auch Ihnen durfte er es nicht sagen, er wußte wohl, daß dann alles zwischen uns aus fein würde, er trug alles stumm tu sich, manchmal war in seinen Augen ein Flehen, wie von einem Hund, aber ich haßte ihn nur deswegen, warum war er so schwach, er hätte ja hingehen und Sie töten können statt sich selber, ja, ich wüiüchte Ihnen den Tod, aber nicht wie er jetzt über mir ist, sttll und kraftlos mich ankriechend, sondern mit einem Schlag, der — Als ich an jenem Nachmittag die Treppe zu meinem Haus hinaufging, stand im Flur ein Fenster auf, eine linde Lust wehte ganz zag nach einem harten hätzllchen Winter mir ins Gesicht, vor blauem Himmel flatterten ein paar kleine, zärtliche Wolken, mir wurde weh «ms Herz, was Hatte ich aus meinem Beben gemacht, ganz klein war «n«s. schief und verbogen, nur zerstören konnte ich, Robertzu taufenb I flehten Gchässiakeiten verleiten, ja, nun war er Ihr offener Femd, 1 oriff Sie an, wo er nur konnte, in der Gesellschaft rn öffentlicher I ^semik Sie haben das nicht begreifen können, Sie haben überhaupt I begriffen, ich stand an meinem Flurfenster in der sonne, I Wärme drang in mein Herz, es sollte alles anders werden, langsam I ^ick dte Stufen herauf zur Tür, jetzt würde ich Robert überraschen, wie er an seinem Schreibtisch sah und schrieb, vielleicht | iraendein schmichiges Pamphlet gegen Sie, ganz lerse wurde ich von j hinten kommen, ihm die Augen zuhalten, tote ein ^mdihnm die I Arme nehmen und ganz still ihm sagen: „laß das doch alles, ich I weih ja, wie es dich quält und nun soll es nie wieder geschehen , I ich öffnete die Tür, nichts regte sich, drin auf dem Teppich lag ein 8 kleiner buckliger Mensch, den Revolver in den verkrampften Händen. I Ich empfand keinerlei Trauer, keinerlei Gewissensbisse, obwohl I ich doch die Ursache seines Todes war, er hatte sich Nicht mehr I Herausgefunden, ich hatte ihn zu einem Leben gezwungen das für I ihn wertlos geworden, weil er Sie nicht mehr lieben durfte. Hatte I der Winter nicht um einen Tag früher enden können, die Sonne um 1 einen Tag früher in mein Herz scheinen, vielleicht Ware dann was dann: nichts wäre geändert worden, auch letzt schaute ich M nur I mit einer von Ekel und Grauen gemischten Reugier Ms diese Weihen Schläfen, von denen ein kleiner roter Blutstrom die Wange herunter- I getrocknet; wie im Traum ordnete ich alles cm, auch letzt nur de- I Herrschte mich diese einzige Frage: nun muhten Sie ia noch einmal auf mich gestoßen sein, Sie muhten ja nun endlich doch alles I o&nen und begreifen, mußten jetzt endlich kommen und auch Ihre 1 Liebe muhte jetzt aufbrechen, erschüttert und aufgetrlchen von meutern I Schicksal —; Sie kamen, Sie waren wirklich auf dem Friedhof, standen I auf dem Grabhügel neben mir, Ihre Hand berührte die meme, Sie verbeugten sich und sagten ein paar verbindliche Worte es war I gütig und eine Großzügigkeit des Herzens dah Sie oem ehemaligen Freunde und seiner Gattin diese Ehre erwiesen, Ihr Gesicht war ernst, I unbewegt, Sie nahmen von der Erde und warfen sie dem Toten hinab, I Sie schüttelten noch einmal meine Hand und hielten fte für ern paar 1 Sekunden in der Ihren, Sie blickten mich an, fest und ruhig, ich konnte in diesem Blick nichts anderes lesen als Ihre aufrichtige Ergriffenheit, I ich danke Ihnen auch dafür, diese Sekunden waren die schmerzens- I reichsten meines Lebens, aber um nichts mochte ich sie hergeben, um I nichts vergessen. „ . ... . 1 Diese Krankheit, die mich jetzt wegrafft, langsam uird gualend, I läßt keinen Platz für eine Bitterkeit, ich bin ruhig und fast glücklich, | der Tag sickert aus wie dies mein armes und doch so reiches Ueven, I ich kann nichts mehr sehen, das Fenster ist offen, wieder kommt dies« i Duft, der das Herz schwer macht, daß man weinen mochte, , es ist i Frühling und ich muh eine kleine hoffnungslose Sehnsucht m Mir ver- I graben, es muh alles so sein, leben Sie wohl, nehmen Si« zum Ab- I schied ein glückliches Lächeln, Gott und der ewige Friede sei mit i mir — und mit Ihnen. Quicksand. Bon H. Hesse, Reuhork. Es war in der Artemissa-Wüste. Hundert Meilen weit lag die Sandebene da, ohne Wild und fast ohne Wasser. Büffel waren ganz verschwunden. So waren wir denn auf Dörrfleisch angewiesen. Hin und wieder gewahrten wir eine Antilope, die ihr Heil in der Flucht suchte — ihre Scheu hielt sie außer Schußweite. ' Seit drei Tagen waren wir unserer Karawane vorausgeeitt, um einen Tag früher in Santa Fe einzutreffen und wegen des | Eintritts in die Stadt mit dem Gouveriieur zu verhandeln. Da plötzlich glaubte ich einen spitzen Kopf hinter einer kleinen Erhöhung verschwinden zu sehen. Meine Kameraden waren ungläubig, i und keiner wollte mit mir gehen. So ging ich beim allem und lieh , auch meinen Hund zurück, damit er die Antilopen nicht scheu mache, i Mein Pferd war frisch und willig, mochte ich nun Erfolg haben oder nicht, so wußte ich doch, ich konnte die anderen leicht wieder । einholen, spätestens wenn sie das Rachtlager ans sch tu gen. Ich begab mich direkt zu der Stelle, wo ich den Kopf hatte verschwinden sehen. Es schien nur etwa eine halbe Meile von unferem Wege ab zu sein, doch stellte es sich als viel weiter heraus — eine gewöhnliche Täuschung in der kristallklaren Luft dieser Hvchland- reg tonen. ' , Ein seltsam geformter Kamm durchzog die Ebene von Ost nach West. Teilweise war es von einem Kaktusdickicht bedeckt, auf das Am Fuße der Anhöhe stieg ich ab, ffihrte mein Pferd schweigend zwischen dem Kaktusgestrüpp hinan und band es an einen Strauch. Dann kroch ich vorsichtig zwischen den dornigen Blättern vorwärts zu der Stelle, wo ich geglaubt Hatte, das Wild zu sehen. Zu meiner Freude gewahrte ich nicht eins, sondern zwei dieser schönen Tiere, die dort ruhig grasten. Doch ach, dreihundert Meter waren sie auf dem sanften Grasabhang entfernt, und mein Gewehr reichte nicht so weit. Richt " einmal ein Salbeibusch war da, hinter dem ich hätte Deckung suchen und mich hätte heranschleichen können. Was war nur zu tun? Einige Minuten lag ich da und dachte über die Kniffe und Schliche nach, mit denen Jäger die Antilope jagen. Sollte ich ihre Stimme nachahmen? Sollte ich mein Taschentuch in die Höhe halten und versuchen, sie anzulocken? Ich merkte, sie waren zu scheu, denn in kurzen Zwischenpausen warfen sie die anmutigen Köpfe in die Höhe und blickten forschend in die Runde. Der Gedanke an meiste rote Satteldecke kam mir. Ich konnte sie auf die Kaktusbüsche hängen, das würde sie vielleicht anlocken. Es blieb mir keine andere Wahl und ich wollte gerade um- kehren, um die Decke zu holen, als mein Auge plötzlich auf einer lehmfarbeiten Linie hängen blieb, die sich hinter den grasenden Tieren durch Me Prärie hinzM to ar eine Vertiefung in der (S&cne ein Büffelweg oder ein Dach. Jedenfalls bot mir die Vertiefung die gewünschte Deckung, denn die Tiere waren keine hundert Meter davon entfernt und tarnen beim Grasen immer naher. Ich kroch aus dem Dickicht und lief am Abhange entlang zu einer Stelle, wo er sich bis zur Ebene senkte Zu meiner Steber- raschung stand ich vor einem Breiten Dache, dessen klares, seichtes Wasser langsam in dem Bett über Sand und Gips dahinrann. Die Ufer waren niedrig und keine drei Fuß über dein Wasser, mit Ausnahme der Stelle, wo die Anhöhe vom Flüßchen unterbrochen wurde. Hier fiel sie steil ab und ich eilte unten herum, betrat das Dett des Baches und watete aufwärts. Wie vorausgesehen, kam ich bald an eine Biegung. An dieser Stelle blieb ich stehen und spähte vorsichtig über das Ufer. Die Antilopen hatten sich dem Bache auf weniger als Schußweite genähert, doch waren sie für mich noch immer zu hoch. Sie grasten ruhig weiter und ahnten keine Gefahr. So bückte ich mich von neuem und watete weiter. _ . Es war schwer, in dieser Weise voranzukommen. Der Grund des Daches war weich und gab nach, und ich mutzte vorsichtig und geräuschlos auftreten, oder ich würde die Tiere verscheuchen, und ich hätte doch gar zu gern frisches Wild zum Abendbrot gehaotz Rachdem ich mich mühsam einige hundert Meter toorangearbeitet, gelangte ich an ein kleines Wermutgckbusch, das aus . dem Ufer wuchs. Es schien mir als Deckung geeignet. So richtete tch mich denn nach und nach auf, bis ich durch die Dlatter sehen konnte. Ich war in einer guten Stellung, legte das Gewehr an und feuerte. Das Tier sprang in die Höhe und fiel leblos zu ruck. Ich warf das Gewehr über die Schulter und wollte auf meine Deute Meilen. Doch was war das? ... Zu meinem Erstaunen konnte ich bte Fütze nicht losbringen. Sie waren wie in einem SchraM- '^OTit^mmer"’ größerer Anstrengung versuchte ich loszukommen. Beim dritten Male verlor ich das Gleichgewicht und fiel ms Wasser. Halb erstickt richtete ich mich wieder auf — A sah Mer als bevor. Wieder und wieder versuchte ich, meine tfufje zu befreien, -ich konnte mich weder vorwärts noch rückwärte, weder nach rechts noch nach links bewegen. Statt dessen sank ich immer tiefer em! Und wie ein Dlitz kam mir der Gedanke: ich versank im Qmcksand! Em Gefühl des Entsetzens kam über mich. Mit der Kraft der Verzweiflung erneuerte ich meine Anstrengungen. Ich beugte mich nach einer Seite, dann zu der andern, und ritz mir fast bie Änie- getonte auseinander. Doch noch immer steckten meine »uhe fest. Richt einen Finger breit vermochte ich sie zu rühren. Jetzt stieg der weiche, klebrige Sand bereits an meinen Stiefeln hoch und pretzte sie um die Knöchel so zusammen, daß ich dm Fuß nicht mehr herauszuziehen vermochte. Ich fühlte nun, wie ich I langsam, doch unablässig einsank, als zöge mich em unterirdisches ^SchE^der^bteste' Gedanke erfüllte mich mit Grauen, und ich I schrie laut um Hilfe. Zu wem? Meilenweit war kein Lebewesen um mich her. Doch da ... vom Hügel her antwortete mein Pferd I mit einem Wiehern. Es klang mir, als wollte es sich über meine | Verzweiflung lustig machen. Ich beugte mich vornüber, so weit ich es nur vermochte und be- I gann mit bebenden Fingern den Sand fortzugraben. Ich konnte I kaum die Oberfläche erreichen, und die kleine Höhlung, die ich machte, füllte sich sofort wieder mit Sand. Da kam nur em Gedanke: wenn ich das Gewehr flach hinlegte, wurde es mich web | teufet tragen. Ich sah mich danach um — es toar bereite Bet» I schwanden, im Sande versunken. Konnte ich mich flach hinlegen i und es so verhindern, daß ich tiefer sank ...? Rem, es war mchr möglich. Kaum kam mir diese Hoffnung, so war sie auchschvu | zerstört. Das Wasser war zwei Fuß tief, und ich wäre sofort er I tarnten. Ich konnte keine Möglichkeit entdecken, mich zu retten, I und war keiner weiteren Anstrengung mehr fähig. | Eine seltsame Starre kam über mich. Mein Denken wurde immer I gelähmter. Ich glaubte, ich würde den Verstand verlieren - wurde | ^War^ch*e^'schon ? Aach einer Weile kehrten mir die Sinne I Mrück. Ich versuchte meinen Geist der Lähmung gu entreißen, um | dem nunmehr sicheren Tode wie ein Mann ins Auge zu sh. Aufrecht stand ich da. Meine Augen reichten nur noch b's zur | der Prärie und hefteten sich auf das Tier, bas ich getötet. ich für meine Grausamkeit bestraft werken? Die Sonne Menst j Ml wie nur je, und blau und wolkenlos wölbte sich der W« Da plötzlich gewahrte ich die Umrisse eines gwfjen Doge s. I wußte, es war jenes häßliche Getier — em Geier! Woher | er? Wer konnte es wissen? Weit über die Reichweite des Menschen- auges hatte er die tote Antilope gesehen oder gewittert, und am I breiten, regungslosen Flügeln schwebte er treffend zu ferne fest herab. Und schon kam ein anderer und noch emet unö iw einer - eine ganze Schar fleckte den blauen Himmel und kr« lautlos zur Erde herab. Da schoß der erste auf das Ufer Hermes | und nachdem er einen Augenblick umhergespaht, flatterte e z | Deute. In wenigen Augenblicken war die Ebene Marz I widerlichen Vögeln. Sie klammerten sich an die täte Antitop schlugen sich gegenseitig nut den Flügeln, währendandete^ | Tier mit ihren Schnäbeln die Augen aushackten. Dub lin । magere Wölfe. Hungrig schlichen sie heran. Sie stahlen dem Kaktusgebüsch und glitten feige über die grünen, weltensor^^ Erhöhungen der Prärie. Sie gingen auf die Geier los um> sie fort. Knurrend und bissig schnappten einer nach dem a Gott sei Dank, vor diesem Schicksal blieb ich doch wenigst wahrt! Selbst der Anblick blieb mir bald erspart — meine Augen waren ml«r den Äserrand hinabgesunken. Ich hatte meinen letzten Blick auf die grüne Erde getan. Jetzt sah ich nur noch die lehmige Äfer- «and und das Wasser, Las neben mir vorübersloh. Roch einmal Astete ich den Blick auf den Himmel und sucht« mich ergeben in mein Schicksal zu fügen. Doch ttotz meines Bemühens, ruhig zu Jjen, kamen mir Erinnerungen an irdische Freuden, Freunde Heimat — hin und wieder brach ich in wilde Verzweiflung aitf und machte neue, doch fruchtlose AnstrenMngen. Da vernahm ich wiederum das Wiehern meines Pferdes. Llnd (tu Gedanke kam mir und erfüllte mich mit frischer Hoffnung^ „Viel- Mt könnte mein Pferd ..." Ich verlor keinen Augenblick. So laut ich vermochte, rief ich es beim Namen. Ich wußte, auf mein Men würde es kommen. Ich hatte es nur lose angebunden. Der Nlemen würde von dem Kaktus abgleiten. Ich rief abermals Worte, hie ihm wohl vertraut waren. Mit klopfendem Herzen lauschte ich. Mr einen Augenblick war alles still. Dann vernahm ich das Ar-- Men seiner Hufe, als suche es sich zu befreien. Darauf hörte ich haL regelmäßige Schlagen seiner Hufe. Näher und näher kam das Seräufch, und immer deutlicher, bis das gehorsame Tier auf dem Mer mir gegenüber auftauchte. Dort blieb es stehen, und die Wähne zurückwerfend, stieß es ein scharfes Wiehern aus. Es per verwirrt und blickte schnaufend umher. Ich wußte, sobald es mich einmal gesehen, würde es nicht eher pi§en, bis es die Nase an meine Backe gedrückt, denn das war so seine Gewohnheit. Die Hände ausstveckend rief ich Len Namen tag Pferdes. Nun gewahrte es mich — es streckte sich und sprang üt den Dach. Im nächsten Augenblick hielt ich es beim Zügel. $ war keine Zeit zu verlieren. Ich sank immer wieder tiefer — M bis unter die Arme reichte mir der Quicksand. Ich erhaschte len Zügel, führte den Lasso unter dem Sattelgurt durch und be- Mgte ihn mit einem starken Knoten. Dann knüpfte ich das Ende um meinen Körper. Zwischen Gebihring und Gurt blieb genug Diemen, mit dem ich das Pferd leiten und halten konnte, im Fall« ich das Ziehen nicht aushälten könnte. Während dieser ganzen Zeit schien das Tier zu begreifen, um das es sich handelte. Es kannte auch die Natur des Grundes, auf tat es stand, denn es trat andauernd mit den Füßen, um sie vor tat Einsinken zu bewahren. Als schließlich alles fertig war, trieb ich das Pferd an — mit einem Gefühl fürchterlicher Spannung und Angst. Änd wirklich, anstatt mit einem Duck anzuziehen, bewegte ßch Las kluge Tier nur langsam vorwärts, als verstünde es meine Lage. Der Riemen spannte sich — mein Körper bewegte sich. Eine wilde, unbeschreibliche Freude kam über mich, als das Mrd mich aus dem Sande zog. Mit einem Jubelruf sprang ich «f die Füße, eilte auf Las Pferd zu und schlang schluchzend und Mrnd meine Arme um feinen HaW. Tierkrebs und Pflanzenkrsbs. Von Prof. Dr. E. Küster, Gießen. Trotz den rastlosen Bemühungen, welche seit Jahrzehnten in allen itulturländern der Erforschung des Krebsproblems zugewandt werden, E sich das Dunkel, das jenes umschwebt, immer noch erst vereinzelten [fragen gegenüber zerstreuen oder wenigstens aufhellen lassen. Das große theoretische Interesse, das die Fragen der Krebs- «Mgung, des Krebswachstums und der Krebsverbreitung für sich in Anspruch nehmen können, und namentlich die überragende Wichttg- M der Krebskrankheit für den Kliniker machen es begreiflich, daß »um bei ihrer Erforschung auf allen Gebieten der Biologie nach neuen Anhaltspunkten und Anregungen gesucht hat. Auch die Pflanzen- Mstokogie und die Pflanzenpathologie hat man als Hilfswissen- Msien nutzbar zu machen versucht. Jedem Baumliebhaber und jedem Obstgartenfreund ist bekannt, ta an Stämmen und Zweigen vieler Holzpflanzen unter der Ein- Wnng sehr verschiedenartiger älmstände harte, holzige Wucherungen vlstreien können, die der Praktiker als Krebs bezeichnet. Sie haben Mstch mit dem Krebs der Tiere und Menschen äußer dem Namen w« eine bescheidene Äebereinstimmung der äußeren Form gemeinsam. E ihrem Studium Gesichtspunkte zur Beurteilung Les tierischen Mebses zu gewinnen, ist daher wohl rwch niemals versucht worden. M w größer ist die Rolle, welche die an allerhand Gartenpflanzen . pachteten saftigen und fleischigen Gewebewucherungen seit einigen Wen in der Krebsliteratur spielen. bvr allem waren es amerikanische Forscher, welche vor einer Reihe M Jahren die Aufmerksamkeit der Botaniker auf die Tatsache daß Bakterien den Pflanzen gegenüber als Krankheitserreger «re frei größere Rolle spielen als man bis dahin angenommen hatte. sich nachweisen, daß ein als geschwulsterzeugende Bakterie S; ciicr Mikrobe auf Pflanzen verschiedenster Art umfangreiche Mittungen erzeugen kann. Es kann kein Zweifel sein, daß diese -.kMuem fremden Organismus, von einem Parasiten hervorge- Gebilde Gallen sind, — vergleichbar jenen wohlbekannten limn tvelche auf überaus zahlreichen Gewächsen nach Desiede- xj.^onrcy schmarotzende Pilze entstehen oder nach Infektion durch tote z. B. Lurch Gallmilben, Gallmücken, Gallwespen usw. » er dc sein, . Mrfenist K de .^Hchte ut ,. De-r 2 ^sten, die ; Rernbe Kdesfü, ® 6to T laut ^»ch es konnte. Sie verschwand nun aus den Augen der Leute, da sie von einem Haus ins andere in verschiedenen Städten herumzog uno nirgends Ruhe fand. Plötzllch, als die Forftmeisterin auf dem Krankenbette lag, erschien sie wieder in weltlicher Tracht zu Seldwyla, und so fügte es sich, daß n( am Totenmahle dem trauernden Witwer gegenübersah. Sie bezwang ihre Unruhe und sah manche Augenblicke bescheiden und kindlich aus, und als die Frauen sich erhoben und unter sich um. hergingen, während die zechenden Männer am Tisch blieben, ging sie auf Küngolt zu, küßte sie und schloß Freundschaft mit ihr. Das Mädchen fühlt, sich geehrt durch diese Annäherung einer halbgeistlichen Frau, die wetz herumgekommen war und voll Weltkenntnis schien; sie führten sogleich ein langes und vertrautes Gespräch, als ob sie seit Jahren bekannt wären, und beim allgemeinen Aufbruch bat Küngolt ihren Baier, « möchte Biolanden in sein Haus berufen, dasselbe zu besorgen, denn stz selbst fühle sich noch zu jung und unerfahren dazu. Der Forstmeister, dessen Stimmung jetzt aus einer wunderbaren Mischung von Trauer und Weinlaune bestand und dessen Gedanken weit abwesend bei der Toten waren, gab ohne weiteres Nachdenken seine Zustimmung, obglckch er sich nicht viel aus der Base machte und sie für eine schnurrig, Person hielt. Sie zog also in den nächsten Tagen ins Forsthaus ein und stellte sich mtz gutem Anstand und nicht ohne Rührung an dessen Herd, an welchem Ihr endlich, nach langem Jrrsal, die Wünsche ihrer frühsten Jugend in ruhig, Erfüllung zu gehen schienen. Sie öffnete bescheiden die Schränke ihrer Vorgängerin und sah das Linnen und die Vorräte wohlgeordnet und in tiefen Frieden liegen; zierlich gereiht sah sie die Töpfe und die Kessel, die Krüge und die Büchsen und lauschig hingen die Flachsbüschel unter dem Dache. In diesem Frieden ließ sie alles ein paar Wochen bestehen; bann aber begann sie allmählich die kleinen Töpfe zwischen die große« zu stellen, die Leinwand durcheinander zu werfen, den Flachs zu zer> zausen, und bis sie damit zu Ende war, hatte sie auch die menschliche« Dinge im Hause in beginnende Unordnung gebracht. Da sie beabsichtigte, endlich doch noch des Forstmeisters Frau zn werden, um sich wenigstens zu versorgen, fo galt es vor allem, sein Kini und den jungen Bietegen, deren Lage sie bald inne geworden, aus ein- cmderzubringen und für immer zu trennen. Denn sie dachte richtig, das Bietegen, wenn er das Mädchen zur Frau bekäme, als des Forstmeister, Nachfolger im Hause bleiben und dieser, bei feiner Anhänglichkeit an feine tote Frau, dann nicht mehr heiraten würde, was dagegen leichter geschehen dürfte, wenn beide Kinder forttämen und er sich in feinen Hause vereinsamt sähe. Wie nun Küngolt mit jedem Tage zusehends sich entwickelte tmt schöner wurde, weckte sie in ihr das frühzeitige Bewußtsein dieser Schönheit und den Geist einer wenn auch noch kindischen Buhlsucht, indem fk, ohne daß es jemand merkte, das Mädchen mit wenigen Worten zu alle« jungen Leuten in ein befangenes Verhältnis zu bringen wußte, so M das Kind jeden drum ansehen lernte, ob er seine Schönheit auch sW und anerkenne, und hinwieder jeder vermeinte, er fei dem jungen hübschen Mädchen besonders ins Auge gefallen. Dann zog Violande noch andere junge Frauenzimmer herbei, daß bt öfter gute Kompanie beisammen war und unter ihrer Führung immer gelind« courtotfiert wurde. , , , So kam es, daß Küngolt, noch ehe sie völlig sechzehn Jahre zahm, schon einen Kreis unruhiger Gemüter um sich versammelt sah. Es gab allerlei kleinere und größere Festlichkeiten, Geschichtchen, Streb tigkeiken, Geräusch und Gesang, und wie es zu gehen pflegt, machten M vorwitzige ober törichte Leutchen unangenehm unb mürben dabei m ehesten gelitten. r , , , Hierüber wurde Bietegen nicht glücklich. Im Anfang sah er mit ein« gewissen scheuen Wehmut zu, welche heranwachsenben Jünglingen nM sonderlich geschickt ansteht; als aber die Gesellschaft davon eher Muff« als gerührt schien und Küngolt selbst es kalt beachtete, wollte er sich ges- solche Unlust mit linkischem Schmollen und Trotz erwehren. Mein iM brachte ihn noch weniger auf einen grünen Zweig und endigte W daß er eines Tages zu bemerken glaubte, wie Küngolt allein in ein« Kreise von spöttisch aussehenden Jünglingen sah und mit Wohlgesaim die Mißreden mit anhörte, die sie offenbar über führten. Da wendete er sich ab und mied von uim an schweigend Ne w sellschast. Er war ohnehin in das Alter getreten in welchem die kE ren Knaben sich wehrbar zu machen begannen. Auf dem GrundMe ° Försterei ruhte von allersher die Verpflichtung zum Vereckhalten » drei oder vier Mannsrüstungen, und der Forstmeister hatte immer M auf gesehen, eigene Leute dazu stellen zu können. Mit Wohlgesa len er, daß Bietegen, schlank unb wohlgebaut aufwachsend, bald m a zierlichen Harnisch taugen würde, in dem er einst seinen eigenen «V zu erblicken gehofft hatte. , ,, ,, . So ging denn Bietegen mit anderen jungen Knechten an ben IMS Winterabenden in die Fechtschule, wo er die kürzeren Walstn M lernte nach heimischer Kriegsart; und im Frühjahr, den Somme durch, weilte er manchen Sonn« unb Feiertag auf dem meüen o in Waldlichtungen, wenn die Jünglinge sich im betjenb-en im festgeschlossenen Vordrange übten, an ihren langen JW«' breite Gräben setzten und die Körper in jeder Weise sich dienstbar nw oder endlich der Kunst der Büchsenschüßen oblagen. , w Da durch alles dies das Leben im Hause sich änderte unb das weibliche Treiben ihn störte, ohne baß er recht beachte , _ eigentlich bamit beschaffen war, so nahm seinerseits ber 3°7tm(Sr(1Iw als zu Lebzeiten feiner Frau geschehen, ben Weg in ((ig« seiner Stadtgenossen. Fern von der kindischen Torheit des Huch - 9(l(, der reiferen Torheit ber Männer ob und trug fein Haupt 3« laden, aber immer aus recht den Forst hinan, wenn die Miltern p morsen, ging sie so rasch und trotzig hinweg, daß der goldene y(ug ihres Ringelhaares in der Nachtluft wehte und Bietegens Gesicht im Borübergehen streifte. Jetzt glühte auch in ihm ein leidenschaftliches Wesen an; er verließ bald nach ihr den Kreis und suchte bie wilde Küngolt schnell unb schneller, bis er sie auf ber andern Seite des Hauses fand, wie sie träumerisch am Brunnen saß und mit ber Bernsteinkette an ihrem Halse spielte. Bort ergriff er ihre beiden Hände, preßte sie in seine rechte Hand, faßte mit ber linken ihre Schulter, daß bas glänzende, noch unvollkommene Gebilde unter feiner festen Hand zusammenzuckte, unb sagte hastig: „Höre, du Kinbl Ich lasse nicht mit mir spielen! Von heut an bist bu so gut mein Eigentum, wie ich das deinige, unb kein anderer Mann soll dich lebendig bekommen! Baran denke, wenn bu einst groß genug bist!" , t „D bu großer unb alter Mann!" sagte Küngolt leise lächelnb, inbem sie etwas erblaßte, „bu bist mein und nicht ich dein! Aber bas hat dich nicht zu kümmern; denn ich werde dich wohl niemals fahren lassen!" Damit stand sie auf unb ging, ohne ben Gespielen weiter anzusehen, um das Haus herum. „ . Die gute Forftmeisterin aber erkältete sich in ber kühlen Mainacht unb trug eine tödliche Krankheit davon, welcher sie in wenigen Monaten erlag. Auf dem Totbette war sie sehr bekümmert um ihren Mann unb um das Kind; auch suchte sie hartnäckig bie Ursache ber Krankheit zu leugnen; denn sie fühlte wohl, daß das nicht bie rechte Tobesart für eine Hausmutter fei, bie von Unvorsichtigkeit in ber Freude herrührt. Weil sie nun tot im Hause lag, waren alle sehr traurig unb bie ganz« Stabt bedauerte sie, da sie keinen einzigen Feind hatte. Der Forstmeister selbst weinte des Nachts in seinem Bette; des Tages sprach er fein Wort unb ging nur ab unb zu vor ben Sarg unb besah sich bie stille Leiche, worauf er kopfschüttelnd wieder wegging. Er ließ einen schweren Kranz von jungem Tannengrün binden und legt^ ihn auf ben Sarg; Küngolt häufte noch ein Gebirge von Waldblumen darauf, und bergeftatt wurde bie Leiche von der Höhe hinunter zur Kirche getragen, gefolgt von den Verwandten unb Freunden unb ben Jägerknechten. Als sie in ber kühlen Erde lag, führte der Forstmeister bas Leichen- begleit in bie Herberge, wo er ein reichliches Totenmahl hatte anrichten lassen. Das Wildbret dazu, einen Rehbock unb zwei prächtige Auerhähne, hatte er eigenhänbig geschossen, voll Schmerz über seinen Verlust, und als die schön gefieberten Vögel nun auf dem Tische prangten, gedachte er abermals des hohen Bergwaldes, in welchem sie gesessen unb welchen er in ben jungen Jahren seiner Liebe so oft durchstreift hatte, bas Bilb ber Toten im Sinne tragend. Doch durfte der Forstmeister nicht lange solchen Gedanken nachhängen; denn als ber Claret und ber Malvasier nun krebenzt unb die Tafel mit einem großen Korbe voll vermischten Zuckerwerkes überschüttet wurde, belebten sich die Gäste und der Traueranlaß war bald von einem Tausmahle nicht mehr zu unterscheiden. Ber Forstmeister saß zwischen Küngolt und Dietegen, die sich wegen seiner großen Gestalt nicht sehen konnten, ohne sich vornüberzubeugen ober hinter ihm durch, unb bies mochten sie nicht tun, da sie allein in ber erwachenden Fröhlichkeit traurig unb ernst blieben. Ihm gegenüber saß eine Person von vielleicht halb dreißig Jahren, eine Base des Forstmeisters Namens Violande. Biese Dame fiel auf wegen ihrer ausgesuchten, sonderbaren Kleidung, welches nicht die Kleidung einer Zufriedenen und Glücklichen, sondern eher einer Unruhigen unb Hohlherzigen zu fein schien. Sie war schön unb wußte anmutig zu blicken, wenn nicht gerade etwas unselig Verlogenes und Selbstsüchtiges über ihr Wesen zuckte. Als vierzehnjähriges Mädchen schon war sie in den nachmaligen Forstmeister verliebt gewesen, weil er just ber größte unb schönste junge Mann war unter benen, bie ihr zu Gesicht kamen. Er merkte aber nichts von dieser frühen Leidenschaft, da er überhaupt auf bas kleine Böschen nicht achtete unb seinen Sinn mehr auf erwachsene Personen richtete, die ihm gefielen. Voll Neid unb Eifersucht und ebenso schon voll Ränke wußch das junge Wesen nun zwei oder drei Liebesverhältnisse des Forstmeisters zu zerstören, indem es durch fast unbemerkbare Zwischenträge- reien bie Dinge entstellte und verwirrte. Wenn er eine Schöne zu gewinnen im Begriffe war, so erfand und verbreitete bas verschlagene Kind unter der Hand ganz unbefangen Züge und Tatsachen, woraus hervor- zugehen schien, daß er eigentlich bie in Rede stehende Person gar nicht leiben könne, vielmehr eine andere im Auge habe, und überhaupt ein hinferliftiger und verstellter Mensch fei. So wußte er wiederholt nicht, wie es kam, daß die, welche er liebte, sich plötzlich unb mißtrauisch von ihm abwanbte, während eine andere, an die er nie gedacht, ihn unversehens mit ihrer Gunst beehrte unb, einmal im Zuge, nicht mehr nachließ, bis er mit ihr im Gerücht war. Bann pflanzte er in Ungeduld unb Verwirrung bie eine wie bie andere hin und ergab sich auf kurze Zeit ber Freiheit. Auf diese Weise verdarb ihm, obgleich er ein schöner und tüchtiger Gesell war, alles, bis er an die nun verstorbene Forstmeisterin geriet. Biese hielt ihn fest, da sie fo ehrlich war wie er selbst und alle Künste der kleinen Hexe waren vergeblich, ja, sie bemerkte dieselben nicht einmal, well sie nur auf die Augen des Geliebten sah. Hierfür war er ihr auch dankbar und treu geblieben und hielt sie für eine teure Errungenschaft, so lang sie lebte. Violande dagegen, als sie ben Mann endlich versorgt sah, übte die erworbenen Geschicklichkeiten, um sie nicht brach liegenzulassen, nun auch anderwärts aus, und je älter sie wurde, mtt desto mehr Einsicht unb Erfolg, aber ohne Glück für sie selber; beim sie blieb unverheiratet, unb bie Männer, welche sie ihren Freundinnen abspenstig machte, wendeten sich deswegen nicht zu ihr, da sie eher Haß und Verachtung für sie empfanden. Da wandte sie sich dem Himmel zu unb sagte, sie wolle eine Nonne werden; doch überlegte sie sich bas Ding noch in der letzten Stunde und trat statt in ein Kloster in ein solches Ordenshaus, aus welchem sie allenfalls wieder herausgehen, und sogar noch heiraten