Jahrgang (928 Samstag, den 22. September Nummer 76 Er alt, als ein unglücklicher Zufall fle bekannt macht«, ganz erstaunlich neugierig und guckte durch all« 'nth* ----------- was der König nur mehr fand und also gewiß glaubte, er mußte doch etr------' ' • - Ms » - ’TT "“3*? ?°raus , uno Der äc heraus» Jagte öer Nachdenker: „Da haben StuXn P b nu" Singen sie wieder frisch - Nun" J-e ebenso zusammen und gingen den-u“'1. butten die Hofdamen dem Kind Wllwisch L[i,n Hnltewort gab es nicht zu und sagte 'ur ?-Le bft Mutterstelle vertreten ' 9 ' Verwunderung schien das Kind Willwi . 2H hphirrfst* ___s. ___v GietzenerZamilieMMer Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger to,*hii,edm. uS'nSmS SmÄÄX »ÄLL'L.'L'-L M-" ls,«-» —vL Von Clemens Brentano. «f..rnnn*tHnl^r^n Satlbre Eegierte der König Haltewort, ein sehr guter L h%ti° *, /^engerer Herr, dann und wann auch sehr grob. Er hatte sehr viel zu tun, denn er hielt Wort, und seine Vorfabren kür^lle Herren gewesen, daß er alle Hände voll hatte « t* 3“ galten, besonders da einer manchmal das Gegenteil vom S ma(ferPr3u^9BorL b“5 mad)te ii)n nirf’t irr- Er hielt immer „ kümmerte er sich um nichts und war gar nicht neugierig- denn er fürchtete immer, er mochte ein neues Versprechen erfahren das er halten müsse, und das wäre ihm fatal gewesen f 0 ' ÖOj er hör to ^hr friedlich in seinem Lande und hatte mit allen Königen in 6-”»»«»»*«»: &• Ä SJfwSrt SUS nn*e en' s“ lTO^n' rot.e.ta auf der Welt aussähe, daß ihre Mutter ihr !*9“r b'e Wiege nicht Mrechtgemacht hatte, als das Kind schon vom 1* h-r°b der Frau Mutter entgegenhüpfte, worüber die auk T 0ern anl5 ln Ordnung hatte, vor Schrecken starb, indem sie ihr -ochterlem ans Herz druckte und sprach: „Mein Kind will willen Xi^UbCr Wett aussieht, drum muß ich sehen wie es 7m H?mmel aussieht. Möge die Woche, um die du mir zu früh gekommen bist dir bte urnftPh»“^2*16^6 leisten." Nach diesen Worten starb die Königin, und d n ÄÄ grauen zeigten dem herbeigerufenen König Haltewort , 8 Königin und die Geburt seiner Tochter an. I SemaMin htfl vor allem: „Wie lauteten die letzten Worte meiner Der Zweig im Wind. Don Wilhelm Schüssen. „Jaja", nickt er, „Man hat's so schwer, Man hat's so herb. Ich glaub, ich sterb." Er schwankt: „Ei, ei. Ich bin so frei Und tanz im Wind Froh wie ein Kind." Die Zeit verstreicht, Bald hat man’» leicht. Bald hat man's schwer, Genau wie er. Baron Hüpfenstich. sogte: „Haben Sie etwas?" Der Nachdenker sagte: Ihro I hielt von dem B^^be.nichts heraus", und der König sagte: „Ich habe'auch spra. x L s&s ÄÄaSSS= TOmmPfirh66" ° "useinarwer. | vor Langeweile hier aushalten; ich dächte, du gäbst mir eine bübkÄ ?d V er wolle Äon W^ maW 3«m Edelknaben bei meiner Schwelte? WÄ no tagte, er wolle schon Wort wischem - Schwester? rote mein«? Unterstehst du dich die Prin^elllu MWZLZMUNLs ^en h' b“8 eine gute Mutter manchmal nachts nach dem Kinde I gemäßen Unterbot^ ra™ ber^,ofe "3$ verlange stand«, ff - da- ließ er sich nicht zweimal einfallen, sondern sprang gleich I hantHeln schlastn,' e^lieg^nchchtenfede^/ Felleistn ®a“unteT dessen I Ke,eSÄe0e9gSn QU5 bem &tt unb in die Neben- I sw; jsSssSS® versprochen hatte, Wort halten zu können ' 8 ®eto WnÄ bie S!rau 4um König: „Haltewort! ich verlasse dein Kind, st ist ohnedies meine Zeit aus, es ist gleich zwölf Uhr unh °ch- gebt an; aber weil du mir mein NoLnlohn so ehrlich ae?aL yast, so will ich dir auch sagen, wie du an dem Kinde tBiutterftelle ^ner W-L"SL-SZAMZ stechen! sagte der König, „das ist ein starkes Stück' aber ich verlörech« es dir aus mütterlicher Liebe." — Wodlan!" koot. "^fprech« «r h„I « °ber fühlte einen Stich in dem Arm und erwachte da la« £F' b?fff,.bra nur geträumt hatte, denn er lag ganz breit in feinem Ret?» 2>er heftige Stich, den er am linken Arm fühlte, machte daß er hobln fa^te, und roas ergriff er da? einen sehr großen Floh Erzürnt rieb der K°"'g 'hu Swischen den Fingern und wollte ihn soeben mst dem Na2 totkmcken, als ihm sein Versprechen, das er der Frau im Traum »eaebfn £ m ,-?’oUe d?vi Verbrecher nicht allein verzeihen und ihn sogar nÄ seinem Besten ernähren. Er setzte daher den Floh in ein leeres fi ffi!P U"®M; -4 er besonders, weil er seine Traumbörse nicht was mehr allein leeres 8^e«, und st« den Verbr^cher'ü^dem ArzneiL &la5, da wurde der Floh wach, und das Kind ÄillLchenLNn b« ^beustube. Er wiegte das Arzneiglas, da hörte er auch d^ Wiege d« Kindes sich bewegen, und Floh und Kind schliefen ein* und finikmnJt au^ ÜRorgens meinte das Kind wieder, und der Floh war iebr unT^Ma tm Glase; der König setzte den Floh auf seinen Arm und lieb ihn^i- Slut tnnten, do ward auch das Kind Willwischen still. ß h fest» Genug, der König merkte, daß alles, was er dem Floh tat der snr:„ § a?aÄ!Ä s et Mä« «gi-die älteste Hofdame.' „Sie fpra j: >e°n Sinb roiU roiffeuf 1 5°"'» ^at dieses sehr ingeheim, unhnLZ K « =■-- 2,die übrigen Worte der Verstorbenen fragen aber da wär n?chts K SrGr'Vnä baÄ L K ?urde selbst ganz'kränk'und mage?d^ Siinfle feiS sL Ä "m die sie zu frühe gekommen, ihr große und gab dem Floh OchsenL. ®iaro,^en mit Mehlbrei zu füttern ""'darüber Nachdenken zu lassen. ’^reum un- na-m sich vor, Und so roud)| die Prinzessin und der Floh heran, ohne sich persönlich ÄÄ?1'***•» — -*»*»««**• h. U-► SÄ ® r 'h^UttCrfte ? an if>m vertreten. Wie er das machen sollte wenn er Enlaffen näh Morgen habe; denn nie wollte er si« hvlien wollte, wußte er nun gar nicht, er ließ auch darüber stark I hJi» r °D($) ^or.te oft em gewaltiges Geschnurre und G«. ch en en. Und sieh dät nach eine? halben' Stunde Z der HofL Sj "arm h^mspriäge. Die 91* tr enn '? ‘inb sprach: „Ihro Majestät! haben Sie etwas heraus?" Nachi an der9Türä^->s ?? f° lauschte sie einstens in d« «r König sagte: ..Aaben Ki- etmais» tv, “ J. I an ver Ture des Königs, der folgendes Gespräch mit dem FloL t von dem sie aber nicht wußte, daß es ein Floh war. Der «W ”®a9. E einmal, du Bengel, was soll ich nur mit dir anfanaen? rvachst mir über ben Kopf und machst wir die Stube ka» »»"än^ä9 Allmein. bri9rf«n'ihm hör Wnia einstens mit Uebergehung vieler verdienten Dffi; ri.^ÄfarenSn^t ffnmrte der Unmille auf das höchste gereizt, S SS ?SS Dffi3ier« wachten eine ISrmliche Verfchwornng «egen ihn Einer unter ihnen, der Rittmeister Zwickelwichs, nahm das Geschäft auf sich, den Hüpfenstich ins Unglück zu stürzen. 6r fd)m id) ftchbei ihm ein und wurde endlich fein vertrauter Freund und lobte «ine Eigenschaften fv, das; Hupfenstich vor Hoffas. ast zum Narren ward: endlich setzt« er ihm in den Kopf, er solle bei dem König die Prinzessin Willwischen zur Gemahlin begehren. Der Prinzessin aber ließ er durch ihre Kammerfrauen die grötzte Neugier erregen, wer H ps ^^Hüv^enstich^ wa7 der^Kops bald so verdreht, daß er einstens den König nach der Parade beiseitezog, und ihm sagte: „Jhro Maiestat sind von Ä'triK.'Sfcfe s« S-L äMA-«» n»arb cs still in des Königs Kammer, und Willwischen legte sich in Rett- aber ichlafen konnte sie nicht; die Neugier, wer ihr Bruder ge- Z.n für Cjorrn von Hüpfenstich, Ihre königliche Hoheit. "-wer ist■ $) u saAe^r Schuster Nun kam der Perückenmacher heraus, und m,t dem 6*nß:nhlirf|befam der König auch heraus und fand Willwischen ganz betL Ä der Eck des SZales fitzen. „Was fehlt dir, mein Kind Wil- wiscken?" laute er. „Ei, ich habe einen kuriosen Traum gehabt, sagte lie und den mußt du mir erfüllen, Vater! sonst werde ich krank. |p6S:’6‘£nl’6Mtn«t«n. d., Md>t uns 8*1® Ift. sollst du haben; wo er aber her ist, muh er dir selbst sagen,ich weih W Moraen soll er dir beim Frühstück zuerst aufwarten. ^Die Prinzessin muhte sich gedulden. Als der Schneider am andern Morgen die braunsamtene Uniform mit goldenen Tressen ra , Ä&Ä 'S SW tä S-SSÄ ÄTÄ Ä.I. «h»«u-. u„» N.S-hchm w u r«hr kurioser Kerl der grohe Floh, Herr VON Hüpsenstich, in einem braunfamtenen Husarenhabit, mit roten Stiefeln, einer schwarzen Bär7nmütze und einer großen Allongeperücke-, er hatte eine Tasse Schokolade auf einem goidnen Präsentierteller ^.^^ruckmhchten sich eine entsetzliche Gewalt anzutun und sich gewaltig Zuruckzuna ten. . b X so auf dem Sprung wie ein gespannter Hahn an einer Fftnie, ; monn der Finger des Schützen am Drücker liegt; er stand da wie em Aderlaßschnepper über der Ader. Die Prinzessin sah am andern Ende ESS unb stand auf, dem König Guten M°rgen> sagen D.es r blieb aber in der Entfernung stehen und sprach. ^„Willwischen! Yier brinat dir der Herr von Hüpsenstich, dein neuer Edelknabe, eine Ta se Echokolade: ich hosse, er wird seine Sach- gut machen und dir gefallen. Willwischen verneigte sich und streckte die Augen vor Neugier wie «ine SÄiS heE ^hro Majestät haben zu befehlen , sprach sie Da tnnto hör König 3u dem braunen Husaren: „Nun, Hüpfenstich! lass Wu wie er Ane Prinzessiin zu bedienen weih.- Kaum hatte der Komg diese Worte halb ausgesprochen, als der Hüpfenstich mit feiner ^kh^ola e einen Bogensprung durch den langen Saal machte und vor der Prinzessin mit seinem Präsentierteller auf den Kmen lag. Die Prmzessin iw f drüber erschrocken, daß sie mit einem Schrei in Ohnmacht f'el. Herr von Hüpfenstich wutzte aber fo, was er zu tun hatte, daß der König kaum nni nnhern Ende des Saals angekommen war, UM ihm eiw paar Ohr- $en ?u geben als er bie Prinzessin auch schon durch einen Aderlah am Arm wieder zu sich zu bringen suchte. Der König geriet über diese Aufmerksamkeit in das größte Vergnügen, und als Willwischen die Augen aufschlug, drehte Herr von Hup enstich bereits den Quirl in der Schokoladenkanne so geschwind, baß sie die Schäumschokolade mit großem Appetit gen oh und sich bald erh olt«. Alles dieses ging so geschwind und plötzlich, bah einem Horen un Cohen dabei verging- aber der König ernannte ihn sogleich zum Geheimen Geschwindigkritsrat und gab ihm den schnellen Katharinenorden. WiNwiscken konnte ohne Hüpsenstich nicht mehr leben; allen Hof- zur Ader lassen; alle schnelle Geschäfte mutzte er aus- führen Besonders schön wuhte er hinten auf den ®agen zu springen, aÄrtÄÄ "iWÄ "3 L u. sw ä (Fortsetzung folgt.) Christian Thomasius. Ju seinem 200. Todestage. , „ «orhionften so überzeugt, daß Sie mich nicht abschlagen werden, m°inen Perdiensten Auverze^gy ° v toJerben_- Der König sprach der Gemah Ihr«'^r erriimt Hovp! hopp! Herr von Hüpfenstich, weih hieraus zu chw '^R ö • , ,. e6 Ihn lehren", und m* 8.MWÄ SSS ® »sX“TÄVch-«dfeWtfW’ttS ZZLM-ZMSSi üVÄ« k 'S Ä dem Husarenregiment S" ihm sobald er den König Halicwort Statthalter des Krl.^n Land s b «^n 0 ÄlSÄ® »-8» drein?" Dem übermütigen, r°rnigen Hup -nstich g i i Prinzessin Hebe Hoheit' es Ht feute Traue? ni*t erlaubte, bk trompete blasen zu ÄÄ gs £nbÄ x s “ä Äifisss sie kam gegen Abend Ende des Schl sig^iens ba n Bon Dr. Paul Landau. ä.x frf; M Wx ää$: wieviele Fenster aufgerissen, wiemel Schutt und Mru P (tänbigEe,t bracht werden! Wahrend m Frankreich und Engtano o.e « i n0(f) des Denkens die Geisteswissenschaften durchdrang - starke oe allenthalben das finstere Mittelalter mit allen magl.ch«' V°' abergläubischen Vorstellungen und schlug die Geister m^ g Ein halbes Jahrhundert lang rütteltekW». VorkamM^ Toffel bis der endliche Sieger, der „Herkules ’-eil11»’ . Wer- Ä» Bet «Ser tennl heute »och Seele ®e.|le» «mpen e» » Ä «Ser “AS“ £'«|“X«I“| erste und kühnste unter ihnen ist Christian Thom I der auf den schöpferischen Taten von Leibniz snhito- fußend, die Epoche der Vernunft begründete, die dann n d unb sophie Christian Wolffs zur Herrschaftauf- beweqliche, unendlich anregende und seine 3e aenietoar. Hat er wühlende Schriftsteller ist freilich heute nur schwer. g Darstellung, » doch erst die deutsche Sprache m die wisienschaf W (bungs{tufc den gelehrten Unterricht emgefuhrt, einen au tjoper £el(, stehenden Journalismus geschaffen unb in weite ^n K Anfänge un- nahme an Weltanschauungsfragen geweckt, aber wer oie wen,» "erer modernen Geistesgeschichte verstehen will wi d^ sich^doch u|ntun in den barocken Labyrinthen seines mächtig bewegren "'"Thomasius war eine Kampf natur, die überraschend f^'^echzig ge> Umgebung emporwuchs. Ms Sohn eines Prof ff ^i und Vor boren nahm er zunächst die dumpfe Luft gelehrter Ha-^ wurde urteile in sich auf, fing schon mit 20 fahren zu dozier 2ßalI ,heolo- durch Pufendorss Naturrecht, das die erste Bresche d bama[s an, gischer Bevormundung legte, bald rum „Ketzer . welche,b>shek bekannte er spater, „einige dunkle Wolken z ri 0^^, allsachte meinen Verstand verfinstert hatten. Da nun rne. mir reif zu werden begann, merkte ich sogleich, daß ich mich im Gott versündigen würde, wenn ich mich noch länger von anderen würde an der Nase herumführen lassen; ich tat deshalb die Augen meines Geistes auf, damit sie der Glanz menschlichen Ansehens nicht verblenden solle und gedachte nicht mehr, was für ein großer vornehmer Mann er sei, der dies oder jenes geschrieben, sondern überlegte nur lediglich die Beweistümer für und wider jede Behauptung." Ein solch' elbständiger Charakter mußte bald Anstoß erregen, aber die eigentliche Empörung über dieses „schwarze Schaf" der Leipziger Universität erhob sich erst, als er einen entscheidenden Schritt in der Geschichte der deutschen Bildung tat: er schlug im Oktober 1687 an das schwarze Brett, das, wie fein Biograph Luden sagt, „noch nie durch die deutsche Sprache entweiht worden war," ein Programm, an „welcher Gestalt man den Franzosen im gemeinen Wandel und Leben nachahmen solle," in dem er zu Vorlesungen „über Grazians Grundregeln vernünftig, klug und artig zu leben" einlud. Thomasius führte damit die Heirnat- sprache in den Universitätsunterricht ein und wandte sich überhaupt gegen die Vorherrschaft des Lateinischen, das nur für Gelehrte von Nutzen sei, gegen die Anbetung der Antike, deren Ideale und Ideen in die moderne Zeit nicht mehr paßten. Er nannte die Franzosen als Vorbild, nicht weil man sie etwa nachahmen, sondern weil man wie !ie die eigene Sprache und Kultur hochhalten, pflegen und verbessern olle. In dem geistesgeschichtlichen „Streit der Alten und Modernen", der »amals in Frankreich ausgefochten wurde, tritt also Thomasius auf die Seite derer, die stolz für den Wert und die Größe der eigenen Zeit eintraten. Er schlägt jenen hoffnungsfreudigen, kraftgeschwellten, glück- ersüllten Ton an, der die Grundmelodie der Aufklärungszeit bilden sollte und ihre beste Seite charakterisiert. Thomasius „stieß dem Faß den Boden aus, als er das schreckliche und, so lange die Universität bestanden, noch nie erhörte Crimen beging, ein deutsches Programm an das schwarze Brett zu schlagen"; aber die gepuderten Perücken wackelten noch bedrohlicher, als er bald danach in seinen „Monatsgesprächen" die erste wissenschaftliche Zeitschrift in deutscher Sprache erscheinen ließ und damit schon den „moralischen Wochenschriften" den Weg wies. Es war eigentlich ein kritisches Organ, das neue Bücher besprach, aber diese bildeten nur den Anlaß, um den Kampf zu eröffnen gegen „Gleisnerei und Pedanterei", gegen alles, was die freie Entwicklung des Denkens in Deutschland damals hemmte. Diese Kritik ist in Gespräche eingekleidet, die lebendig geschaute Personen miteinander führen. Trotz der chwerfälligen Sprache, die sich noch nicht aus den Fesseln des Schwul- tes befreit hat, belebt eine echt dichterische, an Mokiere geschulte Kunst >er satirischen Charakteristik die Szenen, mag der Autor nun gegen „des Teufels liebstes Schoßkind", die Scholastik, wettern und den Aristoteles sehr unehrerbietig verulken. Es geißelt die Aufgeblasenheit der Theologen und die Gesetzesverdrehung der Juristen, die Charlatanerie der Mediziner, den hohlen Formelkram der Philosophen, die Unwissenheit der Naturforscher, die Ungerechtigkeit und Gewissenlosigkeit der Beamten, die das arme Volk schinden, die Unredlichkeit der Kaufleute und Trägheit der Handwerker, den leichtfertigen Hochmut der Vornehmen und die „bestialische Versunkenheit" der Studenten. Wir können heute kaum noch ganz begreifen, welch ein Maß von Mut und Entfchlofsenheit dazu gehörte, einen solchen Kampf gegen die ganze damalige deutsche Welt zu wagen. Den Angriffen feiner Feinde, die vor keiner Verleumdung zurückschreckten und ihn nicht nur des Atheismus, sondern auch der Majestätsbeleidigung beschuldigten, gelang es, ihn aus Leipzig zu vertreiben. In Halle fand er Schutz und Zuflucht, und durch ihn wurde der Ruf der neugegründeten Universität geschaffen. Der Einfluß des Thomasius war so groß, weil hier zum erstenmal ein Professor nicht als gelehrter Stubenhocker und Pedant, fondern als „Mann von Welt im Modekleid mit Degen und zierlichem Gehänge" auftrat, der nicht wieder unpraktische Bücherwürmer, sondern Menschen fürs Leben erziehen wollte. Die Studenten, die er aus ihrem „elenden Zustand" erretten wollte, sollten zu einem „honetten und galanten Leben" tüchtig gemacht werden. In Halle hat Thomasius einen Stab vortrefflicher preußischer Beamter herangebildet, die dem „Soldatenkönig" und noch Friedrich dem Großen den Staat aufbauen und ausgestalten halfen. Aus dem jugendlichen Bilderstürmer und Brausekopf war nun ein ernster, seiner Verantwortung voll bewußter Mann geworden, der dem Pietismus huldigte, freilich nicht der untätigen Frömmelei, sondern jener Richtung, die auf Befreiung des Gemütes, auf eine persönliche Beziehung zu Gott hinzielte. Vor jedem Verfallen in Mystizismus hielt ihn L o ck e s Buch „Ueber den menschlichen Verstand" fern, das ihm als Grundlage für feine „Vernunftlehre" die Tatsachen des gefunden Menschenverstandes darbot. Durch seine deutsch geschriebenen Lehrbücher über diese „Kunst, vernünftig und tugendhaft zu leben", wurde er der Begründer der deutschen Aufklärung, die Die Wahrheit ohne jede Voreingenommenheit mit den Kräften des menschlichen Verstandes ergründen wollte, und zugleich erwies er sich als der mächtigste Vorkämpfer dieses neuen Geistes. Wie merkwürdig berührt es uns z. B., daß er noch gegen die Vorstellung von der »leibhaftigen Erscheinung des Teufels mit Hörnern, Klauen und Krallen" zu Felde ziehen mußte, daß er erst die Geschichten vom Pakt des Bösen mit einem Menschen ins Reich der Fabel wies und damit die Sage vom Dr. Faust in ein symbolisches Licht rückte, das noch bis zu Goethe leuchtete. Er hat auch erst mit dem „Laster der Zauberei" den furchtbaren Glauben an die Hexen ausgerottet und die gänzliche Abschaffung ber Hexenprozesse gefordert, die nun aus Deutschland allmählich völlig verschwanden, so daß Friedrich der Große sagen konnte, dem Thorna- 5us verdanke es das weibliche Geschlecht, wenn es „in Frieden alt wer- en und sterben könne". Auch gab er Anregung zur Beseitigung einer anderen Kulturschande, der Folter. So hat Thomasius segensreich gewirkt. Er besaß zwar keine schöpfe- vlfche und aufbauende Begabung wie sein großer Zeitgenosse Leibniz, dem er soviel verdankt; er war eine kritische, in seinen Anschauungen vielfach unsichere und schwankende Natur, der Mensch einer Uebergangs- W, dessen Kopf wie der des Janus nach der Vergangenheit und der Zukunft zugleich gewandt war; aber dieser aufrechte, mannhafte, leben» volle Geist besaß einen starken reformatorischen Zug, der ihn instinktiv vorwärtstrieb aus der Bahn des Fortschritts und ihn zum ausgeprägten Vertreter einer ganzen neuen Denk- und Lebensrichtung machte. Daher war fein Einfluß fo gewaltig, und noch auf der Höhe der Aufklärungszeit konnte der Historiker S ch l ö z e r von ihm sagen, er habe auf Mit- und Nachwelt mehr gewirkt als alle Philosophen Griechenlands zu- sammengenommen. Ein deutsches Dors in Algier. Von Walter von Rummel. Ein deutsches Dorf mitten in Algier. Zuerst wollte ich es gar nicht glauben, als ich mich da und dort in Algerien herumtreibend, des öfteren dieses von Deutschen gegründete Dorf erwähnen hörte. Zufällig führte mich nun mein Reifeweg in die Nähe dieser Ansiedlung, und ich unternahm es, sie aufzusuchen. Ueber versengtes, Glut aussprühendes Land marschierte ich in heilloser Hitze barauflos. Es flimmert wie flüssiges Glas vor den Augen. Bald Hilst mir die französische Karte nicht mehr viel weiter, und an einer perfiden Weggabelung ist meine Weisheit endlich erschöpft. Kein Mensch in weiter Runde, den ich fragen könnte. Mensch und Tier hat sich vor der erbarmungslos niederstechenden Sonne schon längst in einen schattigen Winkel verkrochen. Langsamer wandere ich, auf gut Glück mich dem einen der beiden Straßenäste anvertrauend, weiter. Nach einer halben Stunde entdecke ich unter einer Kaktushecke, auf der wie dichter Schnee der Staub liegt, ein braunes, verrissenes Arabermädchen. Gegen einige Sous ist sie gernj>ereit, mich zu führen. Schon lauft sie leicht und barfüßig an meiner Seite. Sie biegt in einen Fußpfad ein. Zwischen Zwergpalmen und Kork- eichen hindurch führt nufer Weg weiter. Allmählich beginnt gut und fleißig angebautes Land dem verbrannten Steppen- und Grasboden Platz zu machen. Aus einem Myrtengebüfch heraustretend, sehe ich unter hohen Eschen einige weißgetüuchte Häuser hervorleuchten. Ein Hund schlägt wütend an. Meine kleine Beduinin stutzt, macht ängstlich Hall und bedeutet mir, daß dies das gesuchte Dorf sei. Kaum sühlt sie die versprochenen Sous in der flachen Hand, als sie auch schon eiligst dankt und davontrabt. Ich gehe auf die Häusergruppe zu, mache vor dem ersten Hause Halt und öffne das Torgatter. Ein hoch und stämmig gewachsener Greis mit einem glattrasierten, markigen und ausgearbeiteten Bauernschädel, ber von dichtem, schneeweißem Haupthaar umrahmt ist, tritt in die Türe. Seine noch ausrechte, sehnige Gestalt hat in Haltung und Bewegung etwas Jugendsrisches. Er mutz sich bücken, um beim Heraustreten den oberen Türpfosten nicht zu greifen. Erstaunt blicken unter dicken, buschigen, ebenfalls weihen Brauen die hellen stahlgrauen Augen auf mich. Sann fragt er auf französisch nach meinem Begehr. Ich antworte deutsch. Er horcht überrascht auf, lächelt und antwortet nun ebenfalls deutsch. „Ah, ein Landsmann! Das ist aber einmal schön. Kommen Sie nur herein ins Haus!" Ganz langsam und höchst bedächtig hat er gesprochen, als ob er erst mühselig jedes Wort aus feinem Gedächtnis wieder aus» lösen müßte, stockend und mit einem halb französischen, halb platt- deutschen Akzente. Er führt mich in die gute Stube. Da ist es blitzblank und sauber. Alles sehr behaglich und wohlhabend eingerichtet. An der einen Wand hängt eine große, hübsche Reproduktion des Kölner Domes, wohl aus der Mitte der vierziger Jahre stammend, an den anderen Wänden befinden sich Jagdtrophäen, Waffen, Bilder von Familienangehörigen. In der Mitte des Zimmers steht ein großer, hellfarbiger Eichentisch, um ihn herum ein paar geschnitzte Stühle. In einer Ecke ein niederer Diwan, mit orientalischen, schweren Decken belegt. Und das Herrlichste von allem: Der Raum ist so wundervoll kühl, wie ich seit langer Zeit keinen mehr betreten habe. Ich werde zum Sitzen genötigt, und mein Wirt setzt mir eine Karaffe Wein vor, selbstgekelterten, wie er empfehlend beifügt, einen jener weißen, würzigen, nur etwas schweren algerischen Land weine. Dann muß ich erzählen, wie und wieso ich hierhergekommen. Er nickte verstehend mit dem Kopfe, der Alte. „Das ist aber sehr hübsch von Ihnen, daß Sie uns besuchen. Seit Jahren ist kein Deutscher mehr hier gewesen. Ihrer allzuviele kommen nicht in unser Land, und unser Dorf hinwieder- um liegt so weit abseits von der großen Straße." Er berichtete dies und jenes von seinem Dorfe, dann erhob er sich mit einem Male. „Besehen Sie sich doch alles selbst, die meisten unserer jungen Leute sind sowieso noch bei der Arbeit draußen." Damit ging er voran und zeigte mir gewissenhaft alles. Zuerst das Dorf selbst. Wir würden es Weiler nennen. Sieben oder acht schöne, geräumige, aus schweren Steinen erbaute, gut gehaltene Häuser, jedes von einem Garten umgeben und alle um einen gemeinsamen Dorfplatz gelagert. Großblätterige Winden der verschiedensten Gattungen rankten sich an den Mauern empor, faustgroße, lilafarbene und blaue Blumenkelche blickten mit tiefen satten Farbentönen aus dem Grün des dichten Blattwerks. In der Mitte des Dorfplatzes war eine reichliche Quelle, ein kostbarer Schatz in diesem ausgedörrten Lande der Trockenheit, in einen Brunnen gefaßt. Rings um das behaglich plätschernde Wasser drängte sich eine tropische Fülle von hohen, rotglühenden Oleandern, von Palmen, von Feigen- und sonstigen Fruchtbäumen. Dazwischen zogen sich üppig» grüne Schlinggewächse. Mein Mentor führte mich weiter hinaus auf bte Felder, die fast überall die Siebelung umgaben,, zeigte mir mit Stolz, wie prächtig Korn und Mais standen, wie sorgsam gepfelgt die Wein-, Oliven- und Tabak- Pflanzungen waren. „Ja, ja," nickte er vor sich hin, mit einem Blick der vollen Befriedigung die schwere Fruchtbarkeit rings umfassend, „so etwas können Sie in Deutschland nicht sehen. Ader bis das alles glücklich so weit war, hat es auch viel Schweiß und Mühe, hat es die Sorgen und Mühen eines langen Menschenlebens gebraucht." Weiter spricht er, und je länger er redet, desto rascher spricht er, desto leichter Verantwortlich: Dr. 8anä Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts.Vuch. und Steindruckerei, R. Lange, Dießen- rflen durch drei hintereinandergeschaktete Ber. Funkempfang bekannten Weis« her verstärkt wurden. Die durch diesen Dreiröhrenapparat verstärkten elektrische!, Schwingungen wurden durch einen empfindlichen elektrischen Apparat auf. genommen und ausgezeichnet. Die Elektrizität des Menschen. Bon Professor Dr. Paul Kirchberger. Daß die Elektrizität von alten Naturkräften die bei weitem wichtigste ist, und daß es möglich und sogar naheliegend erscheint, alle anderen Kräfte auf diese Urkraft zurückzuführen, das ist eine Ueberzeugung, dis sich in der wissenschaftlichen Forschung immer mehr Bahn bricht und sich täglich weitere Kreise erobert. Ja, sogar der uns tot erscheinende Stoff, die Materie, besteht nach unserer heutigen Ueberzeugung im wesentlichen aus Elektrizität, wenn diese sich auch im allgemeinen nicht besonders bemerkbar macht. In der tierischen Wett spielt, zumindest in einzelnen Fällen, di« Elektrizität eine unaemein stark in die Augen fallende Rolle, wie dies seit den klassischen Schilderungen A. v. Humboldts über elektrische Aale wohl allgemein bekannt ist. Daß auch, von solchen Ausnahmefällen abgesehen, beim gewöhnlichen menschlichen oder tierischen Lebensprozeß elektrische Dorgänge irgendwie mttspielen, wird wohl kaum von irgend jemandem bezweifelt. In einzelnen Fällen hat man bereits feit langem solche elektrischen Wirkungen festgestellt. Ein ganz neues Licht aber ist auf diese Frage gefallen durch Unter» suchungen, die neuerdings von F. Sauerbruch und W. 0. Schu» scheint ihm wieder das deutsche Wort von der Lippe zu fließe», desto mehr sieht man ihm die Freude an, daß er sich nach Jahren wieder einmal mit einem deutschen Landsmann aussprechen darf. So erzählt er mir, wie er, unterhalb von Köln zu Haufe, als ganz junger Mensch Mitte des vorigen Jahrhunderts, mit einer größeren Anzahl anderer Deutschen nach Algerien ausgewandert fei, wie sie