Jahrgang 1928 Dienstag, den 22. Mai Nummer 41 ile= r meine weniger Scharfblick allen Fasern meiner GietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Dringen tote begann abermals: „Ja, Herr Grenze, ich liebe Sie 9fnt“ warten Sie offen, lieben Sie mich?" — Staunen Sie nun über meine Dummheit! Ich betete dieses Mädchen an, ich hätte ihr mein Leben ^chen wogen, und ich blieb zum wiederholten Male stumm bei einer Setifin bereöteften aller Menschen hätte machen müssen, ibrt„tibhrra|?" x6er m!*n Stillschweigen, schließlich verbarg sie chr Gesicht m den Händen und weinte bitterlich. Ihre Tränen rissen au- der stumpfeu Verzückung, in die mich das eben Gehrte ve " Kt? ? k Prf D Or- n,eber’ küßte ihre Füße, und alles was die stärkste und zarteste Liebe an leidenschaftlichen Bezeugungen einaibt riPfpJtifP M0MfP^er weiner Sinne^ „Ich kann also glücklich sein?!"' rief Letitia, klatschte ,n ihre schonen Hande und wiederholte, indem sie ^nrme umarmte: Ich kann glücklich sein. Hört mich beide an: Meine Meinung ist: ich hebe Kreuze, und ich heirate ihn." — „Aber bedenken Sie auch, mein Töchterchen? Ihr Vater ..." — „Mein Vater wcht einwilligen, willst du mir sagen, er wird seine Zustimmung qrri,eben' ®r will, daß ich seinen ewigen C. heirate den Aeltesten und Häßlichsten, den ich mir denken kann, oder den jungen ®™f,cn P ' den ich gar nicht kenne, nie kennen will. Ich bin von meiner raUtter 1er .re,(^L kann über ihr Erbe verfügen, und ich will es Oreuje schenken, denn ihn will ich heiraten. Er wird mich nach Frank- reich mitnehmen, und du sollst auch kommen, meine liebe gute Amme um Zeuge unseres Glückes zu fein und es zu teilen." — Und nun setzt« sie uns nut einer ganz reizenden Zungenfertigkeit alle Vorteile auseinander, die wir hatten, wenn wir in Paris wohnten fldi lall meine r ^stehen, ein zweiter Tizian werden — diesen Maler hcbte sie sehr — es soweit bringen, daß ihr Vater stolz auf seinen Schwiegersohn wird. Zum Schluß fragte sie mich, ob ich begeistert sei was ich erst) derart, daß iatte einen Onkel, der eilig aben wollte. Ich sagte zu zum Kopieren ein. 1 a 8 h m “ n?,ar '"'wer noch krank. Jeden Morgen erkundigte ich mist, au* ajhen ihrer Gesundheit, ohne mir jedoch den Anschein zu geben, als gelüste es mich, sie zu sehen. Die Amme, die sie aufaeLaen fatte nnb ifjr jarthd) anhing, erriet das Geheimnis, das ihr Herz verwahrte und glaubte auch meines zu ahnen. Sie war so unklug ihr zu fagerb daß sie keinen Zweifel habe, ich teile ihre Gefühle und ein/ia der Respekt und die Furcht, ihr Mißfallen zu erregen, hätte mich davon ®rh e ßethia befaft ‘ mieniSn3U 9,aubt man- was man danken, daß ich sie liebe, und ba(b lag fie^brer ymme mMften fie möge ihr doch eine Gelegenheit verschaffen mich allein zu leben unb zu sprechen. Das Glück ihres Lebens hinge däv7n ab 3 ™ U”b Als die Aunne mich abholte, um mich in Letitias Gemächer zu führen ße noch ihre Krankheit festeste, befiel mich zugleich Verzagthett '"'d Frohsinn. Indessen erinnere ich mich wohl, daß die Freude ^über «5^ triumphierte. Äch, ich war ia fn nprliphH Mt»; reAtIbtetobunbim ^lÖÖIi^e ^°te bas engelgleiche Antlitz Letitias, bie recht bleich unb mager geworben war. Gleichwohl wäre es ein Dina ber Unmöglichkeit, schöner zu fein, als bie jugenbliche Prinzessin damals war. L-,e hatte einen Kopf wie Kleopatra. Ich zitttrte am ganzen Kör- aiufi hi rof,r -faUm beherrschter. Ihre Augen waren zu Boden geschlagen auch die meinen waren es. Wir schwiegen, aber bie Amme in ihrer Neugier unb brennenben Ungebulb, bie Absicht ihrer jungen Herrin zu efP»nr$Ri'JrmUntlrte schließlich zu sprechen. Letitia seufzte, schien sich E" Juck zu geben unb richtete an mich bie Worte: „Herr Grenze ich l be SEe Ihnen mein Verhalten inkonsequent erscheinen,3mein Herz ist untabelig und Sie können mir Ihre Achtung nicht verlaaen wenn S.e n cht ungerecht erscheinen wollen." Sie hieltinnealserwartt sie eine Antwort. Meine Verwirrung hatte so zugenommen daß es mir unmöglich war, auch nur ein einziges Wort über bie Lippen zu PPüfA»" «?'8 begann abermals: Ja Herr Greuze, ich liebe Sie. Ant- Jean Baptiste Greuze, ber „Maler ber jungen Mäb- Ken des vorrevolutionären Frankreich, erzählte als betagter unb in zweifelhaftem Eheglück geplagter Mann seinen Schülerinnen im Atelier folgendes Erlebnis in einer wohlgelaunten Stunde, seine Schülerin Madame de Valori, schrieb am nadjften Tage ben hebensroürbigen Hergang getreu auf. Ihre Wiedergabe halt sich frei van literarischer Ueberlagerung so daß wan aus den Zeilen noch das gesprochene Wort des Meisters in unmittelbarer Frische zu hören meint. Ein in ber Er- innerung verklärtes Erlebnis hat sich ihm im Unterbewußtsein 3U einem Kunstwerk von ber psychologischen Delikatesse ge= ftaltet, bie mir aus seinen anmutigen Bilbnissen kennen. Das auch vom kulturgeschichtlichen Standpunkte beachtenswerte Dokument wirb hier zum ersten Male ins Deutsche übertragen p?..b'etet vor allem eine Bereicherung bes Bilbes ber Persönlichkeit bes Greuze, besten künstlerische Entwicklung gewiß burch den starken seelischen Anteil, den er an dieser Liebes- begebenheit nahm, entscheidend beeinflußt wurde. Besagte Prinzessin schwärmt aus den Augen all der sammetweichen meschapfe feines Pinsels. h™ 'neiner Jtalienreise gab man mir Empfehlungsbriefe an * der mich mit ber größten Herzlichkeit aufnahm. Der Fürst ttre “"»r b8"e nur eine Tochter, eine entzückende Tochter, bie - hui m Nnmut noch burch den Reiz ihrer Talente erhöhte. Letitia f'Pü 9fa^e. ~ huldigte mit viel Freude der Malerei, und da ihr fnmm«;, • baP. eben genug davon verstand, um zu ihrer Verooll- ÜLNUN,.N dieser Kunst behilflich zu fein, wurde ich ihr Lehrer. So tonfJ h b'8. Prinzessin leicht öfter sehen, unb bald nahm ich beutlich Glück hnPjnmne 6tun?e," 'hrem Herzen gefährlich würben, baß ich das hatte ihr zu gefallen. Ohne die Liebe, die ich selbst füi KBone Schülerin empfand, hätte ich wahrscheinlich gL°,e.ll Gefühle gezeigt, aber ich liebte sie mit allen F< »er Uhm .bie sie wie man nur mit 20 Jahren liebt, unb meine eigne einfn w, Sab mix Klarheit über bie, bie ich bei Letitia entfachte. Für tot-närfifn 9wb-ttt önü,rf)tc mich diese Entdeckung zum glücklichsten aller van Liebe galt einer ber Schönsten Italiens, unb ich würbe -ch acktet^'n-mr9^'mf-^°^ 1*” kurze Zeit empfand ich diese Wonne, hätte ihr ®kuck zu hoch, als bah ich es über mich vermocht berbfirfion o-e*2* 'Pcr'\ 3U .öffnen. Ich wollte sie befreien von meiner verwich mcht b,UrPc f'e nicht beschweren mit meinen Seufzern, bürste ie mir ein ^haften unb zärtlichen Gefühlen bingeben, bie Zwischen i P und Geburt hatten eine unüberbrückbare Kluft &rn 5 Z^egt. So verließ ich das Palais O. Mir eine b»ft„?ern:®e('cbtcn befiel mich eine schreckliche Traurigkeit, die Monhers ®nge (Epigramme von feiten meiner Akademiefreunbe eintrug, Denn mein?" öragonarb, ber mich ben verliebten Cherubin nannte. ®ahrhXv ™I'6en Haare waren bamals üppig gelockt unb hübsch blonb. Letitias Vein'^,-tnP/^hr Unglücklich, und um so tiefer, als ich auch t»it sch '"'fiiik Denn ich malte mir aus, daß sie denselben Dualen P -gegeben sei. Meine dumpfe Betrübnis erhielt neue Nahrung: Anfuhr, sie fei krank, und bie Ursache bes Uebets fei nicht zu enträtseln. 5??" onsm-emem ■ ^3®" aus bas ihre schloß, war ich so kühn den wahren Grund in meinem Fernfein zu erblicken, und dieser Gebank" meine Leidenschaft. Ohne Unterlaß schweifte ich um das üheP tt-?^m?Gv3rpb'.f°rgfaltlg verschaffte ich mir jeden Tag Gewißheit por Letitias Zustand, und tausendmal kam mir die Versuchung, zu ihr zurpckzukehren, meine Liede zu gestehen und ihr freien Laus zu lasten 9 Das Lot Vernunft, das ich noch befaß, hätte mir vielleicht d e Krakt gegeben dieser Gefahr zu widerstehen, als m?ch b7r Herzog eines Tages beim Zeichnen antraf. Er madjte mi? ^mürfe b^ ^,111» hom?! brs b°f"^ie,. unb wollte unbebingt, ich solle ihn nach Hause begleiten unb zwei Kopfe von Tizian ansehen, bie er kürzlich er= teraeMMiV' ?DC^ter b®""' f>® 3» kopieren, wenn sie wttber^ ) geftel.t ist, fugte er hinzu, „ich hoffe doch, Sie werden kommen und ihr wema nachsehen, sie wünscht es." Ich Leih nicht recht ’ 9Rn t b?anse' ß,ehh? wiederzusehen, verwirrte nrch ich kettle Worte finden konnte. Der Herzog ha eine Kopie von diesen Tizianschen Köpfen ha! und fand mich in seiner Galerie zum Kopieren Spätzin und Spatz. Bon Gustav Schuler. Spätzin und Spatz sind Schützin und Schatz! Schleifen und schleppen ahn' Leitern unb Treppen Flickchen unb Federlein, Stückchen von Leberlein Flöckchen unb Bröckchen, Härlein und Heu immer aufs neu! Spätzin unb Spatz finb Schützin unb Schatz! Frau Spätzin, hu! ist plufterig! Herr Spatz ist glüh unb ghifterig! Sie jagen unb tragen! Wie sie sich sputen! Unb alle zwei Minuten müssen sie sich was sagen. Kaum ist bas Restiein ba ... was da geschah? ... Mitten in Federn unb Heu wupp! — liegt bas erste Ei! Meine römische Liebe. Von Jean Baptiste Greuze. Ob ich es war! Alle meine Gedanken waren in einem einzigen begriffen, der Empfindung des Glückes, mich so Zärtlich von der, die ich verhimmelte, geliebt zu sehen. Ja, ich habe das Glück kennengelernt, das köstliche Vergnügen, von einer der schönsten und besten Frauen der Welt wirklich geliebt zu werden. Der Augenblick, da ich cs erfuhr, war ein Augenblick der Trunkenheit und ungetrübten Wonne, der nun weit zurück liegt, den mir aber di« Erinnerung noch lebhaft vor die Sinne ruft. Herz und Seele von Liebe zu Letitia trunken, einzig beseffen von dieser Liebe, die meinen Blicken die verführerischste Aussicht eröffnete, türmte ich mit der Geliebten Pläne auf Pläne, die uns die vernünftigsten der Welt schienen. Alles, um unsere Vereinigung zu ermöglichen, die uns schon so gut wie vollzogen vorkam. Wir trennten uns entzückt, eines vom andern berauscht, mit dem Versprechen, uns bald wiederzu- kehen und die Pläne, die uns für immer vereinigen sollten, zur Ausführung zu bringen. Kaum war ich zu Hause angelangt, so verflog mein Eden, und die kalte Vernunft zerstörte meinen Taumel. Sie zerwehte ihn, um mich den trübsten Gefühlen auszuliefern. Sie warf mir vor, daß ich mich der Gefahr, die Prinzessin wiederzusehen, ausgesetzt hatte, daß ich sie angehört hatte und ihren Plan, den Vater zu verlassen und mir zu folgen, gutgeheißen. Sie stellte mir Letitias Bild, den Tod auf den Wangen, vor Augen und die Verzweiflung im Schlosse ihres Vaters. Sie zeigte mir ihre Gestalt, gejagt von seinem Fluche und ächzend unter der Last der Gewissensqualen, die sie bis in meine Arme verfolgten. Diese Gedanken gaben mich mir selbst zurück, meine Illusion, meine Hoffnungen schmolzen dahin. Meine Liebe allein blieb. Der Augenblick, der meinem schmerzlichen Erwachen folgte, war schrecklich. Ich sollte das geliebte Bild Letitias auslöschen, die meine Neigung erwiderte, ja, die mir von sich aus ein Glück hinhielt, wie ich es kaum zu erhoffen gewagt hätte, das ich mit meinem Blute hätte erkaufen mögen. Ich muhte mich entschließen, das junge Geschöpf Erwägungen der Bernunft preiszugeben, ihr vorstellen, welche Schranken uns trennten, mußte in sie bringen, mich zu vergessen und sich den Anordnungen ihres Vaters zu fügen! — Als ich Letitia wiedersah, war ich in einem Zustand schwer beschreib- lidjer Zerschlagenheit. Meine Augen waren gerötet, ich hatte viel geweint. Denn der Sieg, den ich über mein Herz davontrug, kostete mich doch zuviel, als daß er mir nicht Tränen ab gepreßt hätte. — Meine Niedergeschlagenheit überraschte Letitia. Lachend, da sie die Ursache nicht erriet, empfing sie mich und trieb noch ihren Spatz damit. Was kostete es mich, ihren Irrtum zu zerstören, wieviel Mut, ihr zu jagen, daß ich sie anbetete, um aus einem Mutwillen, der doch von Liebe geboten war, auf sie zu verzichten. Letitia ließ mich mehrmals meinen Entschluß wiederholen. Sie glaubte, ich spiele mit ihrer Neigung, um sie zu prüfen, und sagte mir immer wieder, mit Ausdrücken, die mich der Verzweiflung nahebrachten, daß sie nur mich zum Manne haben wollte. Als sie sich bann aber überzeugt hatte, daß ich im Ernst sprach, wurde sie wütend, nannte mich gemein, herzlos, einen Barbaren, der einen Augenblick Liebe geheuchelt hätte, um später um so sicherer ihr Herz zu zerreißen. Sie meinte, raufte sich die Haare und befahl mir, ihr nie mehr unter die Augen zu kommen. Ihre Amme verfuchte alles, um sie zu beruhigen, während ich in einer anderen Ecke des Raumes die gleiche Szene aufführte. Ich war mindestens ebenso vernichtet wie sie. Die beklagenswerte Verfassung, in der ich sie erblickte, raubte mir endlich das bißchen Besinnung, das ich noch besaß, und von neuem schwor ich zu ihren Füßen, daß ich ihr mein Leben weihen und blindlings allen ihren Wünschen Folge leisten wolle. Dieser Eid beruhigte sie. Aber wir trennten uns, ohne auf Einzelheiten einzugehen, die uns am Abend vorher so beglückt hatten. Wir wagten nicht, sie zu beschwören. Ich fühlte, daß es mir ausgeschlossen sei, Letitia zu sehen, ohne meiner Liebe zu erliegen. So täuschte ich eine Krankheit vor, die bald Wirklichkeit wurde. Die Glut, die mein Herz verbrannte, entzündete mein Blut, und ein wütendes Fieber ergriff mich. Drei Wochen lang raste es. Als es endlich ausgehört, und meine Jugend die Krankheit niebergerungen hatte, über bis Letitia viele, viele Tränen vergoß, gab ich ihren Wünschen nach und wurde wieder ständiger Gast im Hause ihres Vaters. Dort erwartete man den jungen Grafen P., der ihr zum Gatten bestimmt war. Bedrückt und traurig war unser Wiedersehen. Wir sprachen nicht mehr von Liebe. Nur manchmal verrieten unsere Augen das Geheimnis im Busen. Am Abend vor dem Tage, an dem man den Grafen erwartete, sagte Letitia, als sie mir seine Ankunft ankündigte: „Es ist also alles aus, niemand ermutigt mich. Ich allein muß mich dem Willen des Vaters ent- gegenftellen ober in ein ewiges Unglück willigen, wenn ich mich füge. Arme Letitia —." Ihr Haupt sank auf bie Brust, und Tränen entströmten ihren Augen. Ihre Amme wollte versuchen, sie zu trösten, während ich mich einer ihrer Hände bemächtigte und überschwenglich küßte. „Liebste Freundin/' rief ich in tiefer Bewegung, ganz außer mir, „reden Sie sich um alles in der Welt nicht so in Verzweiflung! Sie brechen mir das Herz. Um Gottes willen, erwarten Sie doch erst bie Ankunft des Grafen, ehe Sie glauben, bie Heirat fei ein Unglück für Sie. Man jagt ja, er fei gut, liebenswürdig, geistreich." — „Ach, was hilft es mir, wenn er bas alles ist," unterbrach mich Letitia mutwillig, „ich mag ihn nicht, ich mag niemanden ..." Sie entzog mir ihre Hand und ging mit Stoßen Schritten auf und ab. Ich bin überzeugt, wenn ich nicht die Augen fest auf ein Bild des Herzogs gerichtet hätte, das mir gegenüber an ber Wand hing, ich hätte alle meine Vorsätze vergessen und seiner Tochter erneut geschworen, ich wolle meinem Gefühl, das mich blind öu .chr trieb, folgen, und sie könne mein Geschick bestimmen. Der Anblick des Herzogs ließ meine schwache Besinnung wieder aufleben und 9_Qb mir die Kraft, ihr mit zärtlichster Beredtsamkeit zuzusetzen und zum Gehorsam zu mahnen. Und wenn ich es auch nicht dahin bringen konnte, tpr etn Versprechen abzuringen, so hatte ich doch wenigstens die Befriedigung, ihre Betrübnis gemildert zu sehen. Schließlich war ihre Ueber- zeugung, daß ich sie ebenso liebe wie sie mich, wieder gefestigt, und das Ende war, daß sie mich bedauerte. Wir weinten zusammen, und bas schaffte uns Linderung. Der Graf traf aus seiner Vaterstadt Neapel ein. Er war ein schöner, liebenswürdiger Mann und verständiger und urteilssicherer Kunstliebhaber. Stattlich, groß, edel und in jeder Hinsicht dazu geschaffen, die Wahl einer liebebedürftigen und empfindsamen Frau entscheidend zu beeinflussen. Ich gestehe zu meiner Schande, ich litt anfangs unter allen seinen Vorzügen, die ich mir nicht verhehlen konnte, und dachte mit Bitterkeit daran, daß es ihm ein Leichtes fein würde, seine junge Zu- künftige meiner vergessen zu machen. Ich wurde ihm vorgestellt, er sand Geschmack an meinen Bildern, versicherte mir, man würde eines Tages von ihnen sprechen, und machte mir tausend hochherzige Anerbietungen, die ich ziemlich kalt zurückwies. Ich bemerkte indessen, daß Letitia ihn mit Gleichgültigkeit ansah. Jedesmal wenn von ihrer bevorstehenden Hochzeit die Rede war, füllten sich ihre Augen mit Tränen und bewiesen mir, wie bange sie dem Herannahen dieses Augenblicks entgegensah. Diese Gewißheit bereitete mir einen Kummer, der jedoch für mich, ber ich wider meinen Willen eine starke Eifersucht gegenüber dem Grafen empfand, nicht ohne Reiz war. — Mit dem Entschluß, Rom zu verlassen und nicht länger mißgünstiger Zuschauer dieses Glückes zu sein, begab ich mich zu Letitia, um ihr auf immer Lebewohl zu sagen. Sie hatte gerade ihren Vertrag unterzeichnet. Ich fand sie ganz in Tränen aufgelöst. „Sie hassen also den Grafen," sagte ich zu ihr, „Sie hassen ihn?" — „Nein/ antwortete sie, und dabei reichte sie mir die Hand, „ich fühlte sogar, wenn ich Sie nicht geliebt hätte, so hätte er mir gefallen können. Er hat den Beifall meines Vaters, ich heirate ihn ohne Widerrede. Aber mein Herz gehört Ihnen ..." Letitia schwieg, und ich, unglücklich über ihre, über meine Liebe, kündigte ihr an, daß ich sie für immer verlaßen wolle. „Für immer" wiederholte sie weinend, bann drängte sie ihre Tränen zurück und bat mich, meine Abreise zu verschieben. Sie lieh mich schwören, daß ich eine Bitte, die ihr Vater an mich richten würde, nicht abschlagen wolle. Nachdem sie mein Versprechen erhalten hatte, sprach sie von meinen Angelegenheiten und wollte offenbar ihren Kummer verbergen, indem sie sich mit Dingen befaßte, die ihr fern lagen. . Einige Tage nach dieser Unterredung bat mich ber Herzog, em Bild seiner Tochter zu malen, bas er seinem Schwiegersohn schenken wollte. Ich erinnerte mich an meinen Schwur und wollte nicht bagegcn ver- stoßen. Aber ich konnte cs nicht über mich bringen, für meinen glück- lichen Nebenbuhler zu arbeiten, unb so schlug ich dem Herzog vor, er möge das Bild, das ich von Letitia malen sollte, für sich behalten, unb feinem Eidam ein anderes geben, das er von einem sehr geschickten Manne hatte anfertigen lassen. Der Herzog versprach es mir, ich malle Letitia. Ich durfte ihre zauberischen Züge ansehen, die ich bald nicht mehr erblicken sollte. Und ich machte ein liebliches Bild, indem ich weiter nichts tat, als mein vollkommenes Modell getreu wiedergab. Heimlich fertigte ich mir eine Kopie davon an, die ich noch besitze unb die mir als Vorlage für bas junge Mäbchen auf meinem Bild „L’Embarras dune couronne" gebient hat. Sie kennen es ja, urteilen Sic selbst, ob sie schon war! LetUia ließ ich nichts davon wissen, daß ich ihr Bild mit- nahm. Mein Herz sagte mir, daß sie es wußte. Der Graf war von meinem Bild entzückt. Er wollte, ich solle ihm eine Kopie davon machen. Ich weigerte mich aber und schützte die unbe- dingte Notwendigkeit vor, Rom schnell zu verlassen. Endlich riß ich mich von Rom unb Letitia los. Ihre letzten Worte waren: „Grenze, vergessen Sie mich nicht, unb glauben Sie, bah Letitia stets daran denken wirb, was sie Ihnen bankt." — Eine Haarlocke unb ein kleines Riechkisseir waren bie Psänber, die mir von der reizenden unb anziehenden Prinzessin blieben. Noch lange nach unserer Trennung war ihr verehrtes Bild der einzige Gegenstand meiner Gedanken. Nach Frankreich zurückgekehrt, blieb ich acht Jahre ohne Nachricht von Letitia. — Zu jener Zeit malte ich das Bildnis eines italienischen Edelmanncs, der mit ihr befreundet war, mir von ihr erzählte und be- richtete, daß sic glücklich fei. Es dauerte lacht lange, so erhielt ich einen Brief von ihr. Von da an unterhielten wir einen ständigen Briefwechsel bis zu ihrem Tode, der vor einigen Jahren eingetreten ist. Sie hinterließ eine zahlreiche Familie, die über ihren Verlust untröstlich ist. Eine prachtvolle Gattin und zärtliche Mutter, wurde sie von jedermann ver- göttert, der mit ihr in Berührung kam. Ihr Tob ist mir sehr zu Herzen gegangen. Stets Huberten ihre Briefe meine Borgen unb brachten mir bie fügen Tröstungen ber Freunbfchaft, bie bei Frauen immer so innig unb sinnreich ist, benn bie Frauen verstehen viel besser als wir, Die Selben der Seele zu mildern. (Deutsch von Wilhelm B o e ck.s Schwere Stunden. Von Sofie v. Uhde. Wenn Pfingsten um die Wege ist, muß jeder ins Grüne hinaus. Cm Ausflug um diese Zeit ist traditionell: auch meine Freundin Heidi W streng daran. Sie hat ihrem Mann bedeutet, daß er einen ganzen Tag nicht heimzukommen brauche — er hat es mit Interesse gehört —, m hat dem Mädchen freigegeben und hat sich und bie Großen zu einer Landpartie nach Werder ausgerüstet. Aber was soll mit dem Baby geschehen? Mitnehmcn? Ausgeschlossen! Und kurzerhand klingelt sie an und lockt mich unter ber Vorspiegelung einer selbstgebackenen Tone von meinem Schreibtisch fort in ihre Wohnung. ... Diese Torte hat sich später als Käsekuchen herausgestellt, ben ich nicy esse, aber bas war bas kleinere Leiden: denn meine gute Heidi eröffne« mir mit Pathos, daß sie mir für diesen Nachmittag ihr kostbares vM anvertrauen wolle. Na, ich erschrecke nicht schlecht, unb in ehrlicher Eewi- elnschätzung rate ich ihr dringend ab. Aber von der Hohe ihrer dreifache Mütterlichkeit herunter meint sie mitleidig-wohlwollend, so töricht kann ich doch kaum sein, unb überbies werde ber jeder Frau innewohnen Instinkt mich schon beraten. Und sic gibt mir ein blütenweißes, blaue schleiftes, rundes und rojaes Tierchen auf den Arm, erteilt nur n m einige Direktiven wegen Milch und Brei, und geht. Ich setze das Baby vorsichtig wie ein Venezianer Glas auf ben r pich, setzte mich ihm gegenüber unb wir schauen uns befremdet an. -n überaus peinliche Situation! Geben Sie mir einen ganzen Zwinger Doch mit eins ist es still. Es schaut mich eine Weile aufmerksam ui» wie lauschend an, Dann lehnt es sich befriedigt in meinen Arm zurück, unb ottes tft auf einmal gut. Aber ich weih nun, was los war, denn es durchrieselt mich warm und feucht und ein Blick in meinen Schoß — na. Heidi, den Rock darfst du waschen! Also, das Baby wäre nun glücklich oben und unten nah, und wo etwas zum Umziehen ist, das ahne ich nicht. So werde ich es bewegen r rr bam.*! es stch nicht erkältet — endet denn dieser Nachmittag niest Ich lasse mich auf alle viere nieder, mache kh, kh und rutsche davon. Das Baby schaut nur eine Weile mit Sachkenntnis zu, aber bann rutscht mn^merrbre^' u"b tnun machen mir wilde Jagd durch alle Zimmer. Eine Vase schmettert um und begießt uns — tut nichts, kommt eins ö»m andren — die Teppiche fahren in alle Ecken, bas Baby kreischt in Gtftafe, ich rutsche mit einem Ehrgeiz, als ob ich hinter bem Master ritte IvnVs! $Qrb1t) s° ^schrecklich flink, und wir vollführen einen Ärad), der furchtbar ist. Dazwischen spielen wir Verstecken und kriechen unter alle Möbel, wobei das Baby sehr im Vorteil ist. „ Da, aus einmal, während wir im schönsten Radau sind, geht die Entreeture, und die Heidi, wohl, durch das Wetter verfrüht heimgetrieben, tritt mitten in bte katastrophale Unordnung des Zimmers, wo ich unterm AH as für eine enragierte Sache, so ein Baby! —, fängt es lichp« qT-x °ttter 3u meinen an Diesmal ist es kein Zorn, es ist roirk- unbekanntes Leid, mir steht das Herz still. Ich trage es immer m^Cr’ • mer w eder cm und dasselbe unverständliche Wort. den m,-;« 'r?QS heißt das nur? Ich horche tief in mein Inneres, nach Unberaten ^stinkten, von denen Heidi sprach, aber sie lassen mich mir keinen „ rrrc des Erdballs zu rund sechs Quadrillionen (24 Nullen) Kilogramm finben eine Zahl, in der die Meeres mässe, aber nicht die Luft maj|( mi| enthalten ist. Unterscheidet man im einzelnen zwischen der festen Hüllr oder Litosphäre, der flüssigen oder Hydrosphäre und der luftförmigen oder Atrnospäre, so beträgt das Gewicht der Hydrospäre ein Sechsund, vierzigtausendstel oer Erbmasse, und das Gewicht der Atmosphäre kaum ein Millionstel der gesamten Erdmasse. Betrachtet man ferner den Wert der mittleren Erddichte 5£ gegen Wasser = 1 etwas näher, so kann man in Verbindung mit den Dichtig. leiten der uns zugänglichen Oberflächengesteine wichtige Schlüffe ziehen auf die Zusammensetzung der Erde. Die mittlere Dichte des Erd. balls 5i entspricht ungefähr derjenigen der leichten Metall«, wj, Arfen (5,7), Tellur (6,3) oder Magneteifen (5.0). Aber sie übertrifft er- heblich die Dichte der uns zugänglichen äußeren Erdschichten, die bejon- ders aus kalk-, tonerde- und kiefelfäurehaltigen Gesteinen bestehen. j|e ' mittlere Dichte der uns greifbar zugänglichen festen Erdkruste ist eich 2,7, also nur di« Hälfte von der Dichte des gesamten Erdballs, äegt man für die Bedeckung der Erdoberfläche mit Festland und Wasser bas 1 richtige Verhältnis 10:27 zugrunde, so folgt als Dichte für die irdische Außenhülle von etwa 60 Kilometer Mächtigkeit ober Dicke sogar nur 1,8, Daher ist das mittlere spezifische Gewicht der Erdkruste viel kleiner ab die mittlere Dichte des gesamten Erdballs. Aus dieser Tatsache folgt tnli Notwendigkeit, daß die Dichte unseres Planeten von der Oberfläche zum Crdinnern erheblich zunehmen muh. Man hat sogar neuerdings für den Erdkern den Wert 11 als Dichte gefunden, der ungefähr mit dem spezifischen Gewicht des Bleis Übereinstimmt. Daher ist die frühere Annahme eines flüssigen Erdkernes nicht mehr haltbar. Das Erdinnerste dürfte vielmehr aus einem mächtigen, nahezu stahlharten, jedenfalls starren Kern bestehen, in dem ganz gewaltig hohe Druck- und Wärmeverhällnisse herrschen. Weniger genau als die soeben geschilderte Zusaimnensetzung der Erde kennt man das Alter unseres Planeten. Manche Kalenderangaben, die ein Erdalter von 4000 bis 6000 Jahren phantasievoll bezeichneten, sind bereits längst in das Reich der Fabel verwiesen. Schon die älteren geologischen Forschungen der vielen Übereinander gelagerten Gestein- schichten mit Versteinerungen von sogenannten vorweltlichen Tier- und Pslanzenorganismen, ferner die früheren Untersuchungen, wie schnell all diese Schichten sich im Erdkörper ablagerten, ergaben einen Zeitraum von mehr als hundert Millionen Jahren. 2(ber auch dieser ist noch viel . zu kurz. Hier trat nun die physikalische Chemie helfend ein, und zwar in Überaus glücklicher Weise. Dies wurde möglich nach Entdeckung du radioaktiven Substanzen, die mit Recht als das „größte Geheimnis der , Natur" bezeichnet worden sind. Jede radioaktive Strahlung ist zunächst an das Element Uran selbst und an alle chemischen Verbindungen derselben gebunden. Alsdann ist auch noch ein zweites Element nämlich Thorium, radioaktiv. Als ganz besonders radioaktiv stellte sich bas in Böhmen bei Joachimstal uorfommenbe Uranpecherz heraus. Aus diesem Uranpecherz gelang es, einen neuen Grundstoff, näcklich Radium, herzuleiten, das unaufhörlich und scheinbar ohne Verlust starke Licht- und Wärmestrahlen aussendet. In neuerer Zeit hat man die Gesetze der Umwandlung radioaktiver Stoffe aus Uran in Radium uni Uranblei eingehend erforscht und auf diese Weise auch ein geologischer, sicheres Kriterium gefunden für die Zeiten, die für die Bildung der verschiedenen Erdschichten verflossen sind. Mit Hilfe dieser Uranblei-Methode hat nun di« physckalisch- chemische Geolog!« der Neuzeit folgende Ergebnisse gefunden, die hur ganz kurz skizziert seien. Die älteste Schicht bei Bildung der irdischen । Panzerdecke war das Kambrium und die drei obersten und letzte« | sind Kreide, Tertiär und Quartär. Für das Kambrium «W s sich ein Alter von 700 Millionen Jahren, für die Kreideformation M Millionen, für die Tertiärbildung 65 und endlich für die oberste schicht des Quartärs 1,5 Millionen Jahre. In dieser Quartärzeit fmW übrigens auch alle großen Eiszeiten statt, deren letzte vor etwa 12'M Jahren sich ereignete, wobei ganz Europa mit Eis bedeckt war. Neuerdings hat sich ferner gezeigt, daß die Kambriumschicht, bete« Bildung mindestens 700 Millionen Jahre zurückliegt, mit den darin aas' gefundenen Versteinerungen von Tieren und Pflanzen besonders । Böhmen nachweisbar ist. Aber vorher war noch das U rgebtrgi als Grundstock der um die feurig-flüssige Mittelschicht unserer Erde m- genben Panzerdecke vorhanden. Auch in diesem Urgebirge, von M Spuren im südlichen Norwegen gefunden wurden, konnte neueröing ein uranhaltiges Mineral, „Bröggerit" (nach dem norwegischen t- decker Brögger) genannt, entdeckt werden. Die Untersuchungen in oi! Gestein über die Verwandlung von Urana in Uranblei zeigen datz K” Urgebirge der Erde etwa 1 700 Millionen Jahre att fern W Wie winzig ist, verglichen mit diesen fast 2000 Millionen fahren, ganz« sogenannte Weltgeschichte der Menschheit mit ihrer kurzen Sp von etwa 6000 Jahren? Aber bezeichnen denn überhaupt dieje i Millionen Jahre das wirkliche Alter der Erde, da sie doch nu neuern geologischen Untersuchungen von Schichten der llanz unseres Planeten gewonnen sind? Nein, das wirkliche, astron _ i Alter der Erde als Himmelskörper muß auf jene unbestimmbare vv zurückdatiert werben, ba sich ber Planet Erbe aus dem umebei als selbständiges Gestirn ablöst«. Für die zeitliche Abschätzung bic| , mogonischen Vergangenheit bleiben uns nur die Vermutungen, Zeiträume von vielen Milliarden Jahren hindeuten. Noch unermeßlich viel größer muh das Alter unserer Son e Zentralkörper des Planetenfystems sein. Wir wissen letzt, MB L Sonne als selbstleuchtenber Firstern gegenwärtig auf bem aD'‘ Zweige ihrer Licht- und Wärmeentwicklung sich befindet, ohne zu können, wann dieser lebenspendende Himmelskörper sich 1° haben wird, daß er nicht mehr leuchtet und wann mit seinem । auch der Menschen irdifche Wohnstätte in eine ewige Eiszeit __ ------------------—— ----——------ in |» ft ß 6i Verantwortlich: Dr. Hans Thhrivt. — Druck und Verlag: Drühl'fche Universitäts-Buch- und 6telni>rudetei» R. Lange. BHS schäft Su uchen, ü£ verbindet eigentlich bi« man M sich Wen Lei _3utn j Dann be. h Kvrp ein, Stimmen k,l°nzet, < fe. "ick lebende sr M alte bereits tu L Mair M bi«