GietzenerZaiiiilieiiblötter Irhrgang (928 8keitag, den 2\. Dezemder Nummer (01 Wechnachtsbild. Von Hc-ns Thyrist. Dunkelglühnde, volle, sanfte Farve» ... Schwer gebauschter Faltenwurf des alten Gotischen Gewandes um Gestalte«, Die vor Zeiten lebten, liebten ... ftarbm. Aus der Lämmerwolke schwingen Engelknaben Zur Mad na selig sich im Kreise, Die sich mütterlich dem Kinde neigt und leise Lächelnd niedcrschaut auf bunte Liebesgaben, Weihrauchduftende, in Goid getrieben, Huldigung der königlichen Herrn ... Heber Mutter, Kind und Königen der Stern Der Verkündigung ins tiefe Blau geschrieben. Weihnachlskeosnde. Von Nikolaus Gogol. Eine bisher unbekannt gebliebene, hier zum ersten Male deutsch veröffentlichte Arbeit des großen russischen Dichters. Uebertragung von Alfred M. Balte. Der arme Sohn der Wüste hatte einen Traum: Das große mittelländische Meer liegt tveit äusgebreitet zwischen seinen drei glühenden Ufern; dünne Palmen winken von dem einen Gestade, kahl ziehen sich die syrischen Wüsteneien hin, von Wellen zerklüftet ist bas vielbevölkertc Land Europa. In einer Ecke steht das alte Aegypten an: unberoealichsn Meer. Pyramiden türmen sich nebeneinander. Die Granitblöcke sckrauen mit großen Sphinxaugen um sich: unzählige Stufen führen zu ihnen heran. Boll Hoheit steht Aegypten da, genährt vom großen Nil, mit geheimnisvollen Zeichen und geheiligten Tieren geschmückt; steht unbeweglich, wie ein Verzauberter, wie eine vom Moder unberührte Mttmle. Das fröhliche Griechenland breitet seine freien Kolonien aus. Aus dem mittelländischen Meer brodelt es von Inseln mit grünen Hainen. Weinstöcke und Feigenbäume grüßen mit ihren grünen Zweigen, und Marmorsäulen, sanft unb weiß, runden sich in der schattigen Dämmerung des Laubes; leidenschaftlich atmen die von einem munderwirkenden Meißel belebten Statuen und bewundern schamhaft ihre eigene herrliche Nacktheit. Mit Reben bekränzt, Stäbe und Schalen in den Händen, stampft das Volk in baechantischem Tanze. Zunge wohlgestaltete Priesterinnen mit flatternden Haaren heften ihre schwarzen Augen verzückt auf die Tänzer. Wie Mücken schwärmen die Schiffe um Rhodos und lassen wollüstig ihre sanft zitternden Wimpel im Winde wehen. Und alles ist unbeweglich, wie in versteinerter Größe. Umgeben vom Wald seiner Speere steht das eiserne Rom im Glanz des furchtbaren Stahls feiner Schwerter. Steht da, und richtet feine neid° erfüllten Augen auf alles ringsumher. Roms von blauen Adersträhnen durchzogene Hand ist ausgestreckt erhoben zu drohendem Gruß. Allein auch Rom steht unbeweglich wie alle anderen und rührt seine Löwenglieder nicht. Die Luft des himmlischen Ozeans hängt drückend über dieser Welt. Das große mittelländische Meer beivegt sich nicht. Es ist, als erwarteten die Länder mit angehaltenem Atenr das jüngste Gericht, den Weltuntergang. Und Aegypten winkt mit feinen dünnen Palmen, und während die Nadeln seiner Obelisken sich ^um Himmel hinaufrecken, beginnt es zu sprechen: Ihr Bölter, hört mich an! Ich allein bin in das Gel-eimnis des Lebens und in das Geheimnis des Menschen eingedrungen: Alles ist vergänglich!. Die Kunst ist traurig, die Genüsse sind traurig, und noch trauriger' sind Ruhm und Heldentaten. Der Tod allein herrscht über die Welt und die Menschen. Alles frißt der Tod, für den Tod nur lebt alles. Weik, weit ift’s noch bis zu einer Auferstehung. Und wird es denn einst eine Auferstehung geben? — Fort mit den Wünschen und Genüssen. Höher baue deine Pyramiden, armer Mensch, um dein armseliges Dasein wenigstens etwas zu erhöhen." Sprach die wie der Hirmnel klare und wie der Morgen, wie die Jugend helle Welt der Griechen, und es schien, als vernähme man statt der Worte den Atem eines schönen IüngUngs: „Das Leben ist für das Leben erschaffe». Entwickle dein Leben, and damit auch deine Genüsse. >L>ieh, wie herrlich alles in der Natur ist, wie alles Eintrackt und Harmonie atmet. Alles ist in der Welt zu finden, alles was d'e Götter geben können ist kn ihr, nur lerne es zu finden. Genieße, gottähnUcher tmb Wer -öeherrsuM der Welt, kröne deine klare Stirn mit dem Laub der Elchen und Lorbeeren. Eile in kunstvoll gelenktem iWagen zu den glänzenden Spielen. Verjage Eigennutz und Gier aus deiner freien und stolzen Seele. Meißel, Palette und Lyra sollen deine Welt beherrschen, und ihre Königin ist die Schönheit. Das Leben ist für das Leben oe- .chafftn und für den Genuß — sei dieses Genusses würdig." Das eisengepanzerte Rom bewegte den Wald seiner Speere und lieft -eine horch (Stimme vernehmen: „Ich habe den Sinn des Menschenlebens n* kur den Menschen, sie vernichtet ihn in N selbst. Das Maß der Künste und Genüsse ist für die Seele gering. o*l5 in* ^iWntischen Wollen ist Genuß. Ohne laute Heldentaten ist dos Leben des Menscken und der Völker verächtlich. Nach Ruhm, nach Ruhm allein dürfre, o Mensch. Eile, berauscht vom Klange des Stahls dahirr uukch die Weit auf den Schildern der ruhmreichen Legionen. Hörst dtt, wie sich zu deinen Füßen die ganze Welt sammelt und speerichwingend " ^nen 9taf zufammenelingt? Erfülle alles, was dein Blick zusammen- dem Klang deines siegreichen Namens. Ewig sollst du strebe»: die Well hat keme Grenzen und ohne Grenzen ist das Wollen. Wild und rauh erobere dir die Welt immer weiter und weiter — und du wirst zuletzt den Himmel erobern." . Doch Rom hielt inne und heftete feinen Adlerblick auf den Osten. Nach Often roanote Griechenland feine von Genüssen feuchlglänzenden herrliche» Augen. Nach Osten sandte Aegypten seinen trüben farblosen Blick Ein steiniges Land. Ein verachtetes Volk. Die Menschen schmiegen sich an kahle- mge., die nur selten von vertrockneten Feigenbäume» beschattet sind. Hinter einem niedrigen, hinfälligen Zaun steht eine Eselin. Zn der hölzernen Krippe liegt ein Knäbletn. Die jungfräuliche Mutter beugt sich darüber und steht mit tränenerfüllten Augen auf das Kind. Hoch am r-immel steht ein Stern über ihnen, und die ganze Welt erglänzt in wundersamem Licht. ' Das alte mit Hieroglyphen bedeckte Aegypten wurde nachdenklich und neigte seine Pyramiden. Unruhig schaute das herrliche Griechenland drein. Aus seine eisernen Speere senkte Rom die Augen. Das große Asien beugte sein Ohr dem Volke der Hirten zu. Und es beugte kich Ararat, der alte Urahns der Erde. Weihrrachrstteder. Von Dr. Alfred Götze, o. Professor der deutschen Philologie an der Universität Gießen. Keine Zeit des Jahres war im deutschen Altertum so mit Festen umgeben, wie Weihnachten. Nirgends sind Christentum und Heidentum, Sitte und Kunst untereinander so verschmolzen, nirgends kommen die verschiedenen Bekenntnisse einander so nahe, rote in der trauten Umwelt dieses Festes. Bekannt find die alten Weihnachtsspiele mit ihrer bunten Märchen- ffmmung und ihren? Humor, die den Stoff so völlig in den Bereich der Wirklichkeit ziehen (wie um der Hoheit her Gedanke» ein gesundes Gegengewicht zu geben), und doch wieder so weit von aller Wirllichkcitstreue entfernt, daß z. B. ein hessisches Weihnachtssplel aus unserer Nachbarschaft zum Schluß das eben geborene Christkind mit den andern Kindern um die Krippe herumianzen läßt. Das ist echte Mürchenlust, wie sie kolchc Leute am ehesten ankommt, die den ganzen Tag ernst und schwer gearbeitet haben. Das Weihnachtslied ist ernsthafter, einheitlicher, getragener in seiner Haltung. Das macht: es ist von Haus aus nicht .für den heiteren Abend und die häusliche Feier des Festes bestimmt, sondern für den feierlichen Gottesdienst und die Kirche. Geistliche Dichtung ist in Deutschland fast ebenso alt, wie die weltliche. Die ehrwürdigsten geistlichen Lieder erklingen als erstes Zeichen dafür, daß das alte Naturvolk beginnt ins eigne Herz hineinzuleuchten, und Worte findet, diesen unermeßlichen Fortschritt der Gesittung künstlerisch zu gestalten. Die Hauptanlässe zu geistlicher Dichtung waren die drei hohen Feste: wir werden bald sehen, wie die Kirche geneigt war, gerade bet diesen Anlässen von der sonst allein aeltenden lateinischen Kirchensprache einmal abzugeben und einen kurzen Auslauf hinüber in die Volkssprache zu gestatten. Am günstigsten ist von alters das Osterftst für die geistliche Dichtung in der Muttersprache gewesen, Es fällt in die Frühlingszeit, in der der Eisstvß geht, auch der Der Herzen, tn der wohl auch auf jedem andern Gebiet die meiste Lyrik geleistet wird, auch heute noch. So ist Ostern von je bevorzugt. Welh- nachtlich bestimmt ist aber doch schon in der ersten Frtihzelt der^deutfchen Lyrik rvenigstens eine deutsche Strophe, sie stammt von dem alten Spiel- mann Spervogel und gehört etwa ins Jahr 1170: Er ist gewaltig unde stark. Der zu Weihen Nacht geboren ward: Das ist der heilige Krist ... Lange hat oiese Strophe für das älteste deutsche Weihnachtslied gegolten. Das läßt sich nun bestimmt sticht ausrechlerhalten: alt ist sie gewiß >eih- wo ent 3 5 I S ( *: r> a fl r i S s t <: •• B P1 M g> w Ml (1 9 G ft di li $ d T e ß d s< f' 6 d f< G 9 si t> Bon da Luther bekannt war. Es ist nicht der einzige altere Baustein, den «r in sein zweites Weih- nachtslied eingebaut hat/Die Melodie, nach der wir heute „Dom Himmel hoch"' singen, 'steht Werst in einem Leipziger Gesangbuch von 1539 und ist kurz vorher von Luther komponiert. Sein Text ist aber elf Jahre da« der CH boi im io*' er nm De Lii asi bei lkä lat un Ze V:'. da St kri Tal all sie ü« vo K- ve ur in u> AI bi sie tu R sck «i I. ■v gefordert. Sehr früh, schon im 12. Jahrhundert, finden wir In Deutschli ausgebildete Osterspieis vor. Jünger sind wieder die entsprechenden Wi nachtsspiele. Aber auch das Weihnachtsevangetium lLukas 2)gab eitle gute Grundlage, und so hat doch wenigstens schon das spätere Mittelalter ein kirchliches Weihnachtsspiel entwickelt. In der Wittenberger Kirche, wie sie Luther vorfand, herrschte twist Mittelalter her als gern geübte, dem Volk vertraute Sitte eine schlichte Weihnachtsfeier im lebenden Bild. Man stellte in der Kirche eine Krippe auf, davor knieten ein jüngerer und ein älterer Geistlicher, verkleidet als Maria und Josef, dahinter standen Ochse und Esel, in einfachster Weise aus Holz geschnitzt, seitwärts der Prophet Micha mit einer Schriftrolle. Im Hintergrund aber gab eine ländliche Szenerie den Rahmen für die Verkündigung des Engels an die Hirten auf dem Felde ad. Dieses stumme Bild fand Luther twr. er bat es fieteM durch sein Lied „Vom Himmel Hock, da komm ich her",, bas zuerst 1528 gedruckt ist. Das Lieb verteilt an die verschieden?'' Grupven des lebe" ^en Bildes verschiedene Strophen «ks Text und ermöglicht so, daß das Ganze von Kindern mit den ein. Kisten Mitteln aufgeführt wurde. Der Weiynachtsengel beginnt und rt seinen Bericht durch fünf Strophen bis zu den Erkennungszeichen des Neugeborenen. Bis dahin hat der Kinderchor, die älteren als Hirten verkleidet, still gelauscht, nun singt er die Jubekstrophs „Des laßt uns alle fröhlich fein", Hinter einem Vorhang, der nun bei Seite gestreift wird, erscheint die b-iiige Fvmilis, in ihrer M'"e die Krippe. Lüe Kinder beten Jesus an: „Bis willekomm, du edler Gast", und mntanzen zum Schluß die Krippe mit dem Kehrreim eines uralten Wiegenlieds, Susa« ninnc, der alten Mutterliebkcstung beim Kinderwiegen, die schon in viel älteren katholischen Weihnachtsliedern auf das Christkind angewendet und So teilt Hostmann von Fallersleben das vierstrophige Lied aus der Jnzkofer Handschrift von 1470 mit. Hundert Jahre früher taucht es in den Niederlanden auf, die ganze ältere Ueberlieferung weist es an den Rhein, nach dem Andernacher Gesangbuch von 1608 ist es damals dort noch lebendig gewesen. Im 17. Jahrhundert wird es Joh. Tauler zvgeschrteben, bei diesem späten Auftreten der Nachricht völlig unglaubhaft. Diel eher dürfen wir damit an einen alten rheinischen Dolksbrauch anknüpien, den . Jak ab Grimm einer Quelle von 1133 nacherzählt. In einem Wald ver Inda im ripuariichen Franken wurde ein Schiff gezimmert, un.en nut Rädert! versehen und durch vorgespannte" Menschen erst nach Aachen- dann nach Maastricht geführt. Hier kamen Mast und Segel hinzu, nun ging es weiter nach Tungern, Looz und im Land herum, überall, unter großem Zulauf des Volks. Ws das Schiff anhielt, war Freudenschrei Jubelsang und Tanz bis in die späte Nacht. Die Ankunft des '»chiis? sagte man vorher den Städten an, die öffneten die Tore, und In Bürgerschaft zog dem Schiff feierlich entgegen. Der geistliche !8crW> erstattet' ist dem ganzen Wesen gram, er sieht darin ein simdbaftesh.i^ nischcs Werk und sucht es auf alle Weise zu hintertreiben. Das ist em wertvoller Fingerzeig darauf, daß in dem Räderschiff beim Niedern Vvi. uralt heidnische Bräuche fortleben. Die Geistlichkeit Hut ja seitdem alle Derartige wirksam unterbunden, zumeist dadurch, daß sie schmiegsam den christlichen Kult herübernohm, ums sich irgend annebmen Netz.-un» so heidnische Unsitte oder was sie dafür hielt mit sanfter Gewalt m «rm liehe Sitte überführte. Gerade bei den Festfeiern Ist das,hund-rkwch wahrnehmbar und damit legt sich der Verdacht nahe, daß auch da. ^ nachtslisb vom Rheinschiff die kirchliche Umbildung jenes uralten mit dem Mderfchiff dorstelle. Oster- und Pfingftlied sind gut mittelalterlich, das ist ein guter Grund, ein gleich hohes Alter für das entsprechende Weihnachtslied anzunehmen, für das sonst alte Zeugnisse fehlen. Eü.strophlg wie jene und darum irr. Stil merkwürdig gedrängt, gleich einfach und getragen, vorn Lob Gottes über eine knappe Erzählung zu Preis und Jubel fortschreitend und in ernstem Gegensatz dazu ausklingend in den fremdartig wehmütigen Schrei um himmlisches Erbarmen: so ist das alte Weihnachtslied der Pfingft- und Ofierftrophe unbedingt vergleichbar. Auch die Weife zeigt unverkennbare Merkmals des höchsten Alters: in lauter ganzen Tönen und lauter gleich langen Roten schreitet sie fort, kennt nur die einfachsten Tonschritte und klingt für unser Ohr feltsam unfertig aus. AL das weist auf höchstes Alter, und damit bekommen wir für den Gesang in der Kirche des deutschen Mittelalters ein einheitlich klares Bild. Der Kirchengesang war lateinisch, wie aller Gottesdienst, nur an den drei hohen Festen erlaubte man der deutschen Gemeinde, ei» einstrophiges deutsches Lied zu singen. Einstrophig ist auch dieses älteste Weihnachtslied urfprüngli h gewesen. 1524 hat dann Luther, wie er es für die erweiterte Teilnahme der Gemeinde am Gottesdienst brauchte, sechs weitere Strophen hinzugedichtet. ganz, wie er das alte Pfingftlied mit drei Strophen erweitert hat. Das ist eines der Verfahren, mit denen Luther dem notleidenden Gemeindegesang aufhalf, mit richtigem Takt und einer künstlerischen Kraft, die die junge Fassung des alten Edelsteins würdig werden ließ. Gerade bei feinem Weihnachtslied ist die dichterische Kraft und Fülle wundervoll; auch der Erfolg hat dem Reformator Recht gegeben: durch 400 Jahre hat sich sein Choral in immer junger Kraft lebendig erhalten. „Gelobet seist du, Jesus Christ" ist nicht Luthers einziges Weihnachtslied geblieben. Ein anderes führt in eine ganz andere Vorgesch chic hinein, in das Weihnachtsspiel, von dem wir darum vorhin den Ausgang genommen Haden. Auch in der kirchlichen Dramatik ist Ostern längst vor Weihnachten bedacht worden. Das Evangelium des Osterfestes, die Bestattung Christi, dis Wache am heiligen Grab, die schlafenden römischen Kriegsknechte davor, die Auferstehung des Heilands, der Gang der dre? Marien zum Grabe, die zu früher Komik lockende Szene, wie sie beim Würzkrämer Salbe kaufen, zum Grab eilen und die Auferstehung entdecken — all das hat eine dramatische Behandlung geradezu heraus- nekorbert. Kebr früh, tonn im 12. Jahrhundert, finden wir in Deutschland -und auch Weihnachtlich, aber sicher kein Lied zum Gesang, sondern ein Spruch zum Sprechvortrag. So bleibt das älteste Weihnachtslied, weihnachtlich und liedmähig, dazu von vornherein sicher völlig deutsch, dis ehr- Mürdige Strophe: _ . ,, . Gelobet seist du, Jesu Christ, Daß du Mensch geboren bist Von einer Jungfrau, das ist wahr. Des freuet sich der Engel Schar. Kyrieletsi Daneben steht ein altes Pfingstlied, das gleichfalls heute noch in der Kirche gesungen wird: Nu bitten wir den heiligen Geist Um den rechten Glauben allermeist, Daß er uns behüte an unserm Ende, So wir heim soll'n fahren aus diesem Elende. Kyrieleis! Das einstrophige Lied ist gut mittelalterlich, wenn wir es sonst nicht Wüßten, könnten wir es aus dem letzten deutschen Wort entnehmen: Elend bedeutet noch „Verbannung". Die Erde gilt als Fremde, der timmel als Heimat der Seele. Diese Bedeutung ist dem Wort schon im tufc des Mittelalters abhanden gekommen, schon darum ist die Strophe alt. Sie wird aber auch unmittelbar bezeugt durch eine Predigt Bertholds von Regensburg, der 1272 gestorben ist. Auch das entsprechende Osteriied ist seit dem 13. Jahrhundert bezeugt, wie es Goethe als den gegebenen Träger frommer Osterstimmung seinem Faust eingefügt hak: Christ ist erstanden von der Marter alle. Dee sollen mir alle froh fein, Christ will unser Trost fein. Kyrieleisi älter, und vorher iM er mit einer anderen Welse auf, die wohlbekannt ist als weltliche Weise beim Kranzsingen und im 16. Jahrhundert a.-f allen Tanzplätzen immerfort zu hören war. Das volksmäßigs Kranzsingen war im 16. Jahrhundert eine sehr wichtige Seite des Volkegesangs, zugleich die heiterste Blüte unseres alten Rätselwesens. An Sommertagen ver- fammelte sich die Jugend des Orts um die Linde, die Jungfrauen spendeten einen Kranz und verhießen ihn dem, der das beste tut im Singen und vor allem im Rätselraten: das heißt dann um das Kränzlein singen. Die Aufforderung dazu gibt der Räiselmeister oder eines der Mädchen in den feststehenden Versen: Ich komm aus fremden Landen her Und bring euch viel der neuen Mär. Der neuen Mär bring ich so viel, Mehr denn ich euch hier sagen will. Und nun folgen die Rätsel. Also auch schon die Rätselmeister geben sich als Boten aus fernen Landen, das «lte Motiv ist fast unverändert in Luthers erste Strophe eingegangen, das Metrum ist genau so geblieben, und die Melodie, die die ältesten lutherischen Gesangbücher dazu geben, ist fast Ton um Ton dieselbe, wie beim Kranzsingen. Damit ist dieses Weihnachtslied als sogenannte Kontrafaktur erkannt, als geistliche Nachbildung eines weltlichen Textes unter Beibehaltung der weltlichen Weise. Diese Gattung ist im Zeitalter der Reformation wichtig gewesen: in ihrem evangelischen Gemeindegesang brauchten die Reformatoren Choräle, für die Texte konnten sie anskommen, aber die geeigneten Melodien ließen sich so rasch, wie die stürmische Praxis sie brauchte, nicht beschaffen. Dagegen hatte das weltliche Lied eine Uebersülle sangbarer Weisen: io griffen Luther und die Seinen in jenen Schatz hinüber und legten den allbekannten weltlichen Weisen ihre neuen geistlichen Texte unter. Sie erreichten damit zugleich, daß die neuen Choräle von vornherein im Gemeindegesang geläufig wurden, denn jedem mären diese Melodien und der Anfang der Worte vertraut, und mit dieser Annehmlichkeit wurde der Nutzen verbunden, daß man manches Trink-, Rauf- und Buhlliedchen unschädlich machen konnte durch einen neuen unschädlichen, Gott wohlgefälligen Text. In dieser Richtung ist die Kontrafaktur später dem Volks- gefang geradezu feindlich geworden; unsere Kenntnis der weltlichen Liedertexte der Resormaiionszeit leidet beträchtlich unter dem Bestreben, immer und überall den jungen ge.stlichen Text vorzusch eben und ihn allein mitzuteilen. Aber bei.Sucher kann von solcher Absicht noch nicht die Rede lein, er war genial mit keinem Griff ins Volkslied und schuf daraus wieder ein Werk, das sich rasch selber volle Bolkstümlichkeit erworben hat und sie durch vier Jahrhunderte zu bewahren weiß. Auch di« alte Volksweise des Kranzstngens lebt in einem LutherfckM Choral fort. Er hat 1543 noch ein drittes Weihnachtslied erscheinen lassen: Vom Himmel kam der Engel Schar, Erschien den Hirten offenbar... Hier ist der Text vom Volkslied unabhängig, Luther hat einfach ein Stück aus Lukas, Kapitel 2 in Verse gebracht, und so hat auch die gang- bare Weise diesen Choral nicht recht beflügeln können. Rach Luther ist das 16. Jahrhundert die Blütezeit des geistkicheu Volks- liebes geworden, wie das 15. die Blütezeit des weltlichen war. Die Reformation bringt das deutsche Kirchenlied hervor, das dann bis heute nie ganz mit der guten Hebcnieferurg alter Volkskunst gebrochen hat. Ihm kommt gleich in der Zeit feiner Entstehung jener Zug zur Derlnner. lichung und religiösen Vertiefung zugute, der die Reformation überhaupt heraufgeführt hat. Später ist in den Zeiten der schwersten Not, im 17 Jahrhundert, das Kirchenlied das starke Band geworden, das die altere Zeit der deutschen Dichtung mit der neueren verknüpft, der einzige Faden, der nie ganz abaerisien ist. In dieser ganzen Entwicklung liegt er begründet, daß auch im Kirchenlied jetzt wenig altes Sangesgut noch fort» lebt, daß ein Alter von vierhunderi Jahren hier schon ehrwürdig ist. Nur glückliche Ausnahmeverhältnisse haben landschaftlich einmal ein älteres Lied beim Leben erhalten. Bon eigenartiger Schönheit und nach allem, was wir wisien, von ehrwürdigstem Alter ist ein selten gewordenes Weihnachtslied rheinischer Schifftleute: Es kommt ein Schiff geladen Recht auf fein höchstes Bort. Es bringt uns den Sohn des Vaters, Bringt uns dos ewig Wort ... Rheinisch ist in seinem Ursprung noch ein anderes Weihnachtslied, wohl das stimmungsvollste von allen, die jetzt leben: „Es ist ein Ros entsprungen". Cs ist wohl im 15. Jahrhundert entstanden und gehört sicher dem Sprengel von Trier an, hat sich aber schon im Itz.Jahrhundert In die von Mainz und Speyer verbreitet. Gesangbücher find dort durch das ganze 16. Jahrhundert noch nicht gedruckt worden, wie aber um 1600 der Druck beginnt, ist mit einem Schlag das „Alt katholisch Tnerjch Christliedlein" überall vorhanden, in Speyer, Konstanz, Mainz, Paderborn, Köln, Würzburg, Andernach. Es wächst bis zu 23 Strophen, immer wird es nach der heute noch gangbaren Weise gesungen. Aus ioldpn Quellen kennt es der protestantische Kantor Michael Pratorius; er nimmt es 1609 in seine „Must- Sion" aus und gibt den, Lied den wunderschönen vierstimmigen Tonsatz, der sich bis heute gehalten hat. Den Tert kürzt er aus zwei Strophen und nimmt ihm alles, was dem Lied konsejsionelle Prägung geben, es zum Marienlied stempeln könnte. Wir können uns die Aenderung gefallen lasten als Ausdruck dafür, daß beide Kanfesfionen an dem schönen Lied mitgestaltst haben. In wunderlicher Arbeitsgemeinschaft stehen beide Bekenntniste auch bei dem halblateinischen Weibnachtslled des 14. Jahrhunderts „In dulci jubilo, Smget und leid froh". Mischung lateinischer und deutscher V-erse ist immer das Zeichen mittelalterlicher Vagantendichtung, chakbgelehrter Ursprung ist un- kerm Lied gero'.f), richtiges Volkslied ist es auch in den Zeiten nicht gewesen, da das Latein In Deutschland eine lebende Sprache war. Aber Geistliche, Studenten und Kirchenchorsänger waren ein Kreis, immer noch groß und kräftig und sangesfroh genug, um ihr Lied durch den Wechsel der Zeiten zu tragen, und so hat es die Reformation erlebt. Die brach mit dem lateinischen Kirchengesang und hat es fertiggebracht, auch aus unserm Lred alles Latein hinauszusingen, womit desten ganze, reizvolle Eigenart zerstört wurde. Luther selbst war so schonungslos nicht, aber ganz unangetastet konnte auch er das konfessionelle Lied nicht lasten, als er es 1535 vom Wittenberger Drucker Klug in fein Gesangbuch aufnehmen ließ. Der Katholizismus ist in dem Lled als in einem Werk des Mittelalters selbstverständlich enthalten, die letzte Strophe leitet geradezu in den Marienkult und seine Stimmung hinüber. Die läßt Luther einfach weg, und mit dem ins Sehnsuchtsvolle umgebogenen Kehrreim der dritten Strophe „Eya, wären wir da", klingt bei Luther das Lied stimmungsvoll genug aus. Als dann Michael Vehe 1537 und Lelfentrit 1567 ihre katholischen Gesangbücher mit starker Wendung gegen das Luthertum Herausgaben, nahmen fie die von Luther selbst herrührenden Aenderungen arglos mit herüber. Roch überraschender wirkt die geschichtliche Aufhellung bei dem Weihnachtslied, das heute von allen das verbreitetste und beliebteste ist: „Stille Nacht, heilige Nackt". Seit der Resormation ist kein geistliches Lied so schnell wieder volkkäuflg geworden, wie dieses. Aus dem liebenswerten Herzen eines jungen katholischen Dorfgeistlichen des Salzburger sprengels, Josef Mohr 11792 bis 1848). ist es entsprungen, es Ist gerade 110 Jahre her Am 24. Dezember 1818 hat Mohr als sunger Hilfsgeistlicher zu Oberndorf an der Salzach sechs Strophen entworfen, drei davon find in den Bolksgesang aufgeiwmmm worden. Den Tert hat man vom Standpunkt' des katholischen Dogmas hart angefochten. In einer Notlage hat Mohr die sechs Strophen eilig und ganz ohne Hilfsmittel nieder- geschÄebern In die neugebaute Kirche St. Nikola zu Oberndorf war Hoch- woster gedrunaen und hatte die Orgel beschädiat, so daß fie zur Weih- nachk-feier nicht gespielt werden konnte. Den frisch geschriebenen Tejt trug der' Pfarrer zu'seinem Organisten, dem Lehrer Franz Inner Gruber (1787 bi? 1863) Im benachbarten Amsdorf, und bat ihn um eine pa 'ende Weise für zwei Solostimmen samt Chor und eine Guitarrebeoleitung. Gruber setzte fich ans Manier, nahm Mohrs Blatt zur Hand und bald fügten sich ihm die T"r>e zur M-lo^ie. Das war so rasch m glich weil dem out aeichulten Musiker ein Weihvachts-Rastorake des großen Neavo- litaners CImaroja treu im Sinn haftete: Anklänge an das italienische Vorbild find unverkennbar, wenn auch Aufbau und Stimmenftchrung d-s Liedes, meisterhaft in ihrer Schlichtheit, ganz Grubers Eigentum find. Die Weife ist nun wieder vom liturgischen Standpunkt aus nickt ganz emwan^frei Nach am WWg des ?4. Dezembers konnte Lehrer (9ruber seine Noten zu Pfarrer Mohr nach Oberndorf briroen, der erkannte auf den ersten Blick das -Mnzende Gelingen feines Wun,ckes, rief wgkeich feinen Kirchenchor zusammen rmd probte bis Sonnennnternang. In frischer Begeisterung ist das berühmte Lied In der folgenden Nackt zur Christmett"' gesunaen worden. Der priesterliche Dichter sang als Trnor die erste Stimme und beglestete auf der Guitarre, der Komponist als Bah sang die zweite Stimm-, der Chor fiel jedesmal zur Wiederbolunv der Scklnhzeilen ein Beim Heimaeben aber nahm Grubers Frau ihren Mann um' Ann und saate: „Franzi, das wird man noch sinnen, wenn wir längst aestorben fi"d" Sie hat re+t behalten, trotzdem die bescheidenen Ber- ffltfer ihr Meisterlied das ihr einziges bst-iben sollte, nie haben drucken Innen Ein paar Wochen später kam der Orp-tbonmelter Mauracker ans Fügen im Zillertal und stellte die zerstirte Orgel vsteder her. Der musi- Mann härt- das neue Lied, sein g-übtes vdr ernannte wa'eich Hoffen besonderen Wert, durch ihn aelanate es von Salzburg nach Ti'ol. Bon dort kamen damals berufsmäßige Volksfä'wer ins Re ch, vor allem gaben die vier Geschwister Straßer aus dem Zillertal in Lemng regel- mäbio Konzerte, dabei irrigen fie zu Weihnachten 1831 die „Stme Nacht i", Gewandhaus vor, bo-t hörte sie Kantor Ascher von der ka ho Ischen Kirche und trug fie nach Berlin. König Friedrich Wilhelm IV. befahl, dah sein Domckor das Lied bei der Christfeier in der Scklohkavelle vortragen solle. Wett die Sinaweise vom vielen Abschreiben enffteilt war, schrieben die Berliner M"siker um die rechte W-Ise nach «alzbura. der Brio? kam an de" erzh-sch slichen Char'nspektor Michael Haydn und der hatte zu allem Glück unter seinen Chorknaben den jüngsten So^m des L-hrers Gruber. Durch diesen Zufall kam h’t Brief, in die reckten Haribe. Gruber säuberte die entstellte Welle und klärte den Urspnmg des Lieds auf. Sein w'mdervoll bescheidener «rief ist die Grundlage unseres Willens um das Lied geworden. Auch der fnih verstorbene Dick ter fit so vor 38er* gessenbeit bewahrt geblieben; in unseren Tagen hat er fein Denkmal tu Oberndorf erhalten. , .... .. , , . Jetzt ist b'c „Stille Nacht" in protestantisck'en ßanlwrn so verbreitet, wie in katholischen. Ihr Ursprung ist denen, die sie singen, gleichgültig geworden. Die Urheber wären vergesse», hätte sich die ganze Entwicklung nicht in dem geschichtlich geweckten 19. Jahrhundert vollzogen. So ist ein geistliches Volkslied saft vor unfern Augen entstanden und geradezu ein Schulbeispiel des geistlichen Volkslieds geworden, zugleich doch auch ein wunderschönes Beispiel für den lebendigen Jortwachs der Gattung, für dos gesunde, frische Leben, das gerade im Weihnachtslied uns ent- gegenklingt. Weihnachten. Von Johannes Heinrich B r a a ch. Sei stille, Wunsch, nach Werk und Tat, laß Arbeit Arbeit jein und ruhe. Zur Stadt gekommen ist der grüne Tann, hat bunte Kugeln, Ketten, Kerzen an, von Türmen schallen Glocken, Glocken klingen, Gesänge rauschen, Orgeln, Lieder singen, Choräle, Lieder, Lieder künden, preisen — und jo — ob du, ein Mensch aus Stahl und Eisen, das Schicksal niederrangst, zu Wohlstand kamst, ob du vom Leben nichts als Wehmut nahmst, ob du gewonnen oder unterlegen, in diesem Christnachtszauber, Weihnachtsjegen vergißt du Rot und Sorgen, die dir waren,, verbirgst du Last und Kämpfe, die dir sind, und willst nicht mehr bedeuten und erfahren als ein vertrauendes, ein frohes Kind. Set stille, Wunsch nach Werk und Tat» laß Arbeit Arbeit sein und ruhe. Jst's doch, als ob aus einer alten Truhe Gestalten fast vergehner Märchen drängen und dich in Liebe hüllten. Als ob aus taufend Himmeln Sterne sprängen, den grauen Wintertag mit Glanz erfüllten und Lust tote Leid in eine Freude zwängen. Die Si- Vsfts§gioMEN° Von Charles Dickens. (Sortierung.) „Ihr sicht, mein Freund," fuhr der Alderman fort, „man spricht ds sie? Unsinn von Mangel und ,Sch!echtgehetst — nicht wahr, so nennt mans? Ha ha hak — aber ich gedenke, das Geschrei zu widerlegen, 's ist nachgerade Mode Diel' über's Verhungern zu deklamieren; aber ich will der Sache einer. Riegel vorschieben. Gott weiß," fuhr der Alderman gegen seins Freunde fort- „man kann solchen Leuten alles legen, wenn man nur weiß, wie man's anzugreifen hat!" v Trotty ergriff Megs Hand und zog fie durch feinen Arm, ohne eigene sich recht zu wissen, was er tat. , „Eure Tochter, he?", fragte Alderman, fie vertraulich unter das Sinn ff Stets leutselig gegen dis arbeitende Klaffe — der Alderman Wußte, was ihnen gefiel! Kein bißchen stolz! „Wo ist ihre Mutter?", fragte der würdige Gentleman. „Tot", antwortete Toby. Ihre Mutter verfertigte Wäsche und mürbe in den Himmel abberufen, als Meg auf die Welt kam." „Vermutlich wird sie dort keine Wäsche verfertigens bemerkte der Alderman scherzhast. . Toby kannte oder wollte fich vielleicht auch nicht seine Frau im Himmel ohne ihre gewöhnliche Beschäftigung vorftellen. Die Frage ist: wenn Frau Alderman Tute argen Himmel gefahren wäre, würde sich Herr Alderman Gute seine Gattin jo vorgestellt haben, daß sie dort Staat macht und eine hohe Stellung einnimmt? ,11 nS. Ihr macht ihr den Hof, he?, fragte Cute den jungen Schmied. ,3a", entgegnete Richard hastig, denn die Frage brannte ihn wie eine Nestel. „Und wir werden am Neujahrstag heiraten." „Was sagt Ihr da?", ries Herr Filsr scharf. „Heiraten?^ „Nun ja, wir denken daran, Herr", versetzte Richard. „Ihr seht, wir müssen ein bißchen eilen, für den Fall, daß man uns vielleicht unser Vorhaben ,legen1 würde." ,ÄhI", rief Filer mit einem Stöhnen. „Jawohl, Alderman, wenn Ihr dies legen könntet, so würdet Ihr etwas tun. Heiraten! heiraten! t Die Unwissenheit dieser Leute in den ersten Grundsätzen der Stoatsökonomie, ihr Unverstand und ihre Gottlosigkeit sind, beim Himmel, genug- um — na, seht mir nur einmal dieses Paar an!“ ja, man durfte sie wohl ansehen — und das Heiraten schien eins jo vernünftige und billige Handlung zu jein, daß fie es wohl in Betracht ^^.Man kann so alt werden wie Methusalem," sagte Herr Uler, „und fich sein ganzes Leben über zum Besten solcher Leute abmuhen; man kann berghoch Zahlen von Tatsachen, Zahlen von Tatsachen und Zahlen von Tatsachen aushäufen, aber vergeblich hasst man, sie zu überzeugen, daß fie keine Befugnis und kein Recht haben, zu heiraten — ebensowenig als man sie zu belehren vermag, wie ihnen alle Befugnis abgeht, ge-- hären zu werden Und daß dies der Fall ist, wissen wir recht mshk, da wirs langst zu einer mathernatifchen Gewißheit erhoben haben. Alderman Cute war ungemein aufgeräumt und legte feinen rechten Zeigefinger an die Seite seiner Rase, als wollte er zu feinen beiden Freunden sagen: „Seid nun jo gut, aus mich achtzugeben. Richtet euer Augenmerk auf den praktischen Mann!" — Dann rief er Meg heran. Kommt her, mein Mädchen!", jagte Alderman Cute. Das junge W ihres Liebhabers war in den letzten paar Minuten zornig ausgewallk, und er hatte keine Lust, fie gehen zu lassen. Dennoch tat er fich Zwang an trat, als sich Weg näherte, mit einem großen Schritt vor und stellte stch an ihre Selk1. Tröihj fiiefr noch kmmer ihre Hand unter seinem Arn», blickte aber so wirr wie ein Schläfer im Traum von Gesicht zu Gesicht. „Ich will Euch jetzt ein paar Wörtchen als guten Rat geben, mein Mädchen", jagte der Alderman in seiner leichten, angenehmen Weise. „Ihr wißt, daß es mir zusteht, Rat zu erteilen, weil ich Friedensrichter bin. Es ist Euch wahrscheinlich bekannt, daß ich die .Stellung eines Friedensrichters innehabe?" Meg antwortete schüchtern mit ja. Aber jedermann wußte, daß Alder- man Gute ein Friedensrichter war — und. o mein Gott, weich ein tätiger Friedensrichter' Nie. gab es einen so glänzenden Splitter im Auge der Öesfentlichkett als Gute. „Ihr wollt also heiraten, sagt Ihr?", fuhr der Alderman fort. „Das ist sehr unschicklich und unzart von einer Person Eures Geschlechts! Doch reden wir nicht davon. Wenn Ihr geheiratet habt, werdet Ibr mit Cuerm Mann streiten und ein unglückliches Weib werden. Ihr glaubi's vielleicht nicht, aber Ihr werdet es mit der Zeit, weil ichs Euch Jage. Ich warne Euch deshalb ehrlich und bemerke Euch zum voraus, daß sch mir vorge- nommen habe, auch den unglücklichen Weibern einen Riegel vorzulchieben. Mir dürst Ihr nickt kommen. Ihr werdet Kinder kriegen — Jungen. Diese Jungen wachsen auf bösen Wegen auf und laufen ohne Schuhe und Strümpfe wild durch die Straßen. Merkt Euch dies, meine junge Freundin — ich werde sie samt unb sonders summarisch einstecken la’feit. denn ich bin entschlossen, auch den Buben ohne Schütze und Strümpfe das Handwerk zu legen. Vielleicht stirbt Euer Mann jung (sehr wahrscheinlich) und läßt Euch mit einem Säugling zurück.- Man weist Euch dann die Tür, und Ihr müßt auf der Straße umherwandern. Kommt aber nur mir nicht in die Nähe, meine Liebe, denn ich bin entschlossen, es'allen wandernden Müttern zu legen. Ja, ich bin entschlossen, es allen jungen Müttern, welcher Art, und von welchem Schlag sie jein mögen, zu legen. Glaubt nicht, Ihr könnt Euch mit Kranlheit'ooer mit Säuglingen vor mir entschuldigen, denn ich habe mir vorgenommeu, es allen kranken Personen und kleinen Kindlein (hoffentlich kennt Ähr die Stelle tm Gebetbuch, ich fürchte aber, nein) zu legen; und wenn Ihr gar verzweifelt, undankbar, gottlos und betrügerisch einen Versuch macht. Euch zu ersäufen oder au hängen, so will ich kein Mitleid mit Euch haben, denn ick bin feste» Willens, es auch dem Selbstmord zu legen! Wenn es etwas gibt," fuhr der Alderman mit einem selbstgefälligen Lächeln fort, „von den; ich sagen kann, daß mein Sinn mehr darauf erpicht sei als aus etwas andres, Jo ist es das Legen des Selbstmordes. Probiert's also nicht erst! Ha ha! Jetzt verstehen wir einander.", Toby wußte nicht, sollte er sich mehr grämen oder freuen, als er bemerkte, daß Meg totenblaß nniröe mib die Hand ihres Verlobten fallen ließ. „Und was Euch betrifft, Ihr junger Bullenbeißer," fuhr der Alderman fort, indem er sich mit erhöhter Heiterkeit und Leutseligkeit an den jungen Schmied wandte, „was füllt Euch denn ein, daß Ihr heiraten wollt? Wozu braucht Ihr überhaupt das Heiraten, Ihr einfältiger Mensch? Wenn ick ein hübscher, starker junger Bursche wäre wie Ihr, so wurde ich mick schämen, so milchsuppig zu sein, um mich an die Schürzenbänder eines Weibes zu hängen! Sie ist ein altes Weib, bevor Ähr', ein Mann in den besten Jahren seid! Und Ihr werdet dann eine schöne Figur machen, wenn Euch auf Schritt und Tritt eine Schmutzliese von Frau und ein Haufen krakeekender Kinder nnchschreien!" Oh, wie angenehm wußte Alderman Gute mit den gemeinen Leuten zu scherzen! „So — jetzt packt Euch und bereut", sagte der Alderman. „Macht keine solche Narren aus Euch, am Neujahrstag zu heiraten. Bevor sich dieser Tag jährt, seid Ihr längst andrer Meinung — so ein schmucker junger Bursche wie Ihr, nach dem sich alle Mädels den Hals ausrecken. Allo! Geht jetzt!" Und sie gingen. Nicht Arm in Arm, Hand in Hand oder leuchtende Blicke austauschend: sondern sie in Tränen, er aber düster und niedergeschlagen. Waren dies die Herzen, die erst kürzlich noch das des alten Toby aufhüpfen machten aus seiner Schwäche? Nein, nein. Der Alderman — Segen über sein Haupt! — hatte es ihnen „gelegt." „Da Ihr zufällig hier seid," sagte der Alderman zu Toby, „so könnt Ähr mir einen Brief besorgen. Wie stehts aber mit der Geschwindigkeit? — Ähr seid ein alter Mann." Toby der ganz betäubt Meg ncichaesehen hatte, versilchte zu nmrmeln, daß er sehr hurtig und recht gut bei Kräften sei. „Wie alt seid Ihr?", fragte der Alderman. „Sechzia vorbei, Str", versetzte Toby. „Der Mann hat das Durchschnittsalter w-it überschritten", fiel Herr Fiter ein, als ob seine Geduld wohl einer Hein'.siichnng fähig fei, dies aber wirklich die Sache ein wenig zu weit treiben heiße. „Ick svüre wohl, daß ich zur Last bin. Sir", sagte Toby. „Ich — ich fiab’s schon heute morgen geargwöhnt. Ach du mein Himmel!" Der Alderman unterbrach ihn, indem er einen Brief aus feiner Tasche zog und ihn Toby Beck Übergab. Letzterer würde dazu auch einen Sckilliva erhalten haben: da aber Herr Fiter deutlich bewies, daß er in diesem Fall eine gewisse oeaebene Anzahl von Personen je um neuneinhalb Pence brinne, so erhielt er nur ein Sechspencsstlick und war schon darüber Überal'icklick. Daan gab der Alderman jedem seiner Freunde einen Arm und zog triumphierend von dannen: unmittelbar darauf kam Sk jedoch eiligst allein zurück, als ob er etwas vergessen hätte. „Dienstmann!" faotc der Alderman. „Sir!" versetzte Toby. „Gebt auf Eure Tochter acht. Sie ist viel zu schön." „Derm'stlich hat sie auch ihr hübsches Gesicht jemandem gestohlen", dachte To*fn. indem er dos Sechspencestück in seiner Hand ansoh und an die KntteMeck» dachte. „Sollte mich nicht wundern, wenn sie fünfhundert vorn-bmen Samen je ein Stück Blüte entrissen hätte, 's ist ja ganz schrecklich!" ' Er preßte seine r dem Zerspriw » »s.lt ist viel zu schön mehi guter Mann", wiederholte der Alderman. , tni ^raus, daß es mit ihr kein gutes Ende nehmen wird L»9, Euch sage, und habt ein Wachlames Auge au? siel" Mit diesen Worten eilte er wieder fort.- ’ . "Ueberall Unrecht - Ueberati Unrecht!" sagte Trotty, feine Hände "9.4 " G eEnc Sicke darin, an der man eine Freude haben könnte. Laßt intzh'sterben! ®fl3 0e^ mid) 003 neue oder das alte Äahr an? Dennoch hallten die Töne fort, daß die ganze Luft in Schwingungen geriet: „Leg es ihnen, log es Ihnen! Gute alte Zeiten, gute alte Zeiten! Tatsamen und zahlen, Tatsachen und Zahlen! Leg es ihnen, leg es «men! Wenn sie überhaupt etwas sagten, so sagten sie nur dies, bis es in Tobys Gehirn zu kreisen begann. Er preßte seinen armen, wirren Kops in beide Hände, als ob er ibn vor dem Zerspringe-! bewahren wollte. Dies war eine Bewegung zur rechten Zeit, denn sie ließ ihn in der einen Hand den Brief fühlen und so wurde er an seinen Auftrag erinnert. Mechanisch setzte er sich in feinen gewöhnlichen Trao und trottete von hinnen. Der Brief, den Toby von Alderman Gute erhalten hatte, war an großen Mann in dem großen Distrikt der Stadt adre fiert. Der größte Schritt der Stadt. Er mußte es auch wodl fein, well er allgemein von feinen Einwohnern die „Wett" genannt wurde. Der Brief kam entschieden Tobys Hand weil schwerer vor, als ei» andrer Brief — nicht weil ihn der Alderman mit einem sehr große» Wappen und einer endlosen Lackverschwendung gesiegelt hatte, sonder» wegen des wichtige!, Namens auf dem Umschlag und der schweren Meng« van Gold und Silber, an die er erinnerte. ->^10 gan’ verschieden von uns!", dachte Toby in aller Einfalt, als er die Adreise as. „Wenn man die zum Tod bestimmten Schildkröte» duraj die Anzahl der vornehmen Leute teilte, die sie kaufen könnten, würde er nur seinen eigenen Anteil beansprmhen und würde es verachten, irgendeinem Menschen die Kuttelitecke vor dem Mund wen- zuscknappen!" Mit der unwillkürlichen Huldigung, die einem so hochstehenden Charakter gebührte, brachte Toby einen Zipfel seiner Schürze z-vlkchen den Brief und seine Finger. „Seine Kinder," fuhr Trotty fort, und ein Nebel legte sich vor seine Augen, „seine Töchter — vornehme Herren können kommen, ihre Herze« gewinnen und sie heiraten. Sie dürfen glückliche Weiber und Mütter roerde» — sind vielleicht schon, wie meine liebe M — e — Er konnte den Namen nicht zu Ende bringen, denn der letzte Buchstabe schwoll in seiner Kehle zum Umfang des ganzen Alphabets an. »Doch gleichviel", dachte Trotty. „Ich weiß, was ich meine, und das ist mehr als genug für mich." Uno mit dieser tröstlichen Betrachiung trabte er weiter. Es hatte an diesem Tag hart gefroren, und die Lust tvar stärkend, frisch und klar. Die winterliche Sonne gab zwar keine Wärme, blickte aber glänzend auf das Eis nieder, das sie nicht schmelzen konnte, und ließ darin ihre Strahlen spiegeln. Zu andern Zeiten hätte Trotty vielleicht dieser Wintersonne eine Lehre für den armen Mann abgeroinnen können, aber er war jetzt darüber hinaus. Das Jahr war stervensalt an diesem Tag. Das geduldige Jahr hatte die Vorwürfe und Schmähungen feiner Lästerer überlebt und war getreulich mit seinem Werk zustandegekommen. Frühling, Sommer, Herbst. Winker. Es hatte sich durch den ihm angewiesenen Kreislauf gearbeitet und legte jetzt fein müdes Haupt nieder, um zu sterben. Abgefchnstien von aller Hoffnung, von allen starken Impulsen, von allem Lebendigen, und nur noch ein Bote vieler Freuden für andre, verlangte es weiter nichts, als daß man sich seiner vielen mühsamen Tage und geduldiae« Stunden erinnere und es dann in Frieden hinscheiden lasse. Trotty hätte aus dem entschwindenden Jahr ein Sinnbild des armen Mannes lesen können — aber er war jetzt darüber hinaus. Und nur er? Oder war vielleicht seit siebzig. Jahren derselbe Ausruf zumal an jede» englischen Arbeiter ergangen, aber vergeblich? Die Straßen waren belebt und die Läden prunkhast ausgestattet. Wie einem jugendlichen Erben der ganzen West sah man dem neuen Jahr mit Freude. Willkomm und Geschenken entgegen. Da lagen Bücher und Spielzeug für das neue Jahr, funkelndes Geschmeide für das neue Jahr, Anzüge für das neue Jahr, Glucksentwürfe für das neue Jahr: neue Erfindungen. um es um feine Zett zu betrügen. Sein 8eben war in Kalender» und Taschenbüchern baargenau eingeteilt: das Erscheinen der Monde, der Sterne und der Gezeiten war im voraus bis auf die Sekunde bekannt: ja sogar das Wirken der Jahreszeiten bei Tag und bei N"ckt wat mit ebenso großer Genauigkeit berechnet, wie Herr Stier aus Männern und Weibern Summen herausarbeiten konnte. Das neue Jahr, das neue Jahr — überall das neue Jahr! Das alte betrachtete man schon als tot, und feine Effekten wurden spottbillig verkauft, wie die eines ertrunkenen Matrosen an Bord. Seine Moden wurden schon der Vergangenheit beigezähi! und fielen als Opfer, ehe nach fein Atem ausgegangen war. Seine Schätze waren bloßer Schmutz neben den Reichtümern des neugeborenen Nachfolgers! Trotty dachte für sich: „Du hast doch feinen Teil weder an dem neue« noch an dem allen Jahr." „Leg «s ihnen, leg es ihnen' Tatsachen und Zahlen, Tatsachen unb Zahlen! Gute alte Zeiten, gute alte Zeiten! Leg es ihnen, leg es ihnen! — fein Trab ging nach diesem Takt unb wollte sich in keine» andern schicken. (Sortierung folgt.) Derantwortlich: Or. Hans Thyrist. — Druck und Darlag: Brühl'fche ÄnlverstL8lS-2»ch« unb'©Uinbrudeeei;®. Langs. Gießen.