Eichener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1928 Dienstag, den 2l. Hebruar Nummer }5 Tanzlied. Von Gustav Falke. Lachendes Kind, drolliges Kind, Blitzblick und Grübchen in Wangen, Nur einen Walzer noch. Nicht zu geschwind. Seliges Wiegen so, la la la, la la la. Will es im Himmel nicht besser verlangen. Munter im Kreise. Bald sind verstummt Brummbaß und Fiedel und Flöten. Eh' uns der Werkeltag wieder umsummt, Nur einen Walzer noch, la la la, la la la. Warum unschuldige Höflichkeit töten. Mutter, bevor sie den Vater nahm, Hat es nicht anders getrieben. Wenn nach der Arbeit der Sonntag kam. Ach, einen Walzer nur, la la la, la la la, Und nun sollt' es die Tochter nicht lieben? Taschen voll Lebenslust, Geld grab genug. Gilt noch ein Zaudern, ein Fragen? Fangen wir heute die Freuden im Flug, Nur einen Walzer noch, la la la, la la la, Morgen heißt's wieder sich placken und plagen. Das Römische Karneval. Bon S. W. v. Goethe. Die nachfolgenden Abschnitte sind der klassischen Schilderung des Faschings in Rom durch Goethe im zweiten Teil der „Italienischen Reise" entnommen. Das Römische Karneval versammelt sich in dem Korso. Diese Straße beschränkt und bestimmt die öffentliche Feierlichkeit dieser Tage. 2ln jedem andern Platz würde es ein ander Fest sein: und wir haben daher vor allen Dingen den Korso selbst zu beschreiben. Er führt den Ramen wie mehrere lange Straßen italienischer Städte von dem Wettrennen der Pferde, womit zu Rom sich jeder Karnevalsabend schließt und womit an andern Orten anders Feierlichkeiten, als das Fest eines Schutzpatrons, ein Kirchweihfest, geendigt werden. Die Straße geht von der Piazza del Popolo schnurgerade bis an den Venezianischen Palast. Sie ist ungefähr viertehalbtausend Schritte lang und von hohen, meistenteils prächtigen Gebäuden eingefaßt. Ihre Breite ist gegen ihre Länge und gegen die Höhe der Gebäude nicht verhältnismäßig. Rn beiden Seiten nehmen Pflastererhöhungen für die Fußgänger ungefähr sechs bis acht Fuß weg. Sn der Mitte bleibt für die Wagen an den meisteir Orten nur der Raum von zwölf bis vierzehn Schritten, und man sieht also leicht, daß höchstens drei Fuhrwerke sich in dieser Breite nebeneinander bewegen können. Der Obelisk auf der Piazza del Popolo ist im Karneval die unterste Grenze dieser Straße: der Venezianische Palast die obere. So findet die Erwartung sich jeden Tag genährt und beschäftigt, bis endlich eine Glocke vom Kapitol bald nach Mittage das Zeichen gibt, es sei erlaubt, unter freiem Himmel töricht zu sein. Sn diesem Augenblicke legt der ernsthafte Römer, der sich das ganze Sahr sorgfältig vor jedem Fehltritt hütet, seinen Ernst und seine Bedächtigkeit auf einmal ab. Die Plasterer, die bis zum letzten Augenblicke gekläppert haben, packen ihr Werkzeug au? und machen der Arbeit scherzend ein Ende. Alle Ballone, alle Fenster werden nach und nach mit Teppichen behängt, auf den Pflastererhöhungen zu beiden Seiten der Straße werden Stühle herausgesetzt, die geringem Hausbewohner, alle Kinder sind auf der Straße, die nun aufhört, eine Straße zu fein; sie gleicht vielmehr einem großen Festsaal, einer ungeheuren ausge- fchmückten Galerie. Denn wie alle Fenster mit Teppichen behängt sind, so stehen auch alle Gerüste mit alten gewirkten Tapeten beschlagen: die vielen Stühle vermehren den Begriff von Zimmer, und der freundliche Himmel erinnert selten, daß man ohne Dach sei. Dun fangen die Masken an, sich zu vermehren. Sunge Männer, geputzt, in Festtagskleidern der Weiber aus der untersten Klasse, mit entblößtem Dusen und frecher Selbstgenügsamkeit, lassen sich meist zuerst sehen. Sie liebkosen die ihnen begegnenden Männer, tun gemein und vertraut mit den Weibern als mit ihresgleichen, treiben sonst, was ihnen Laune, Witz oder An art eingeben. Wir erinnern uns unter andern eines jungen Menschen, der di« Rolle einer leidenschaftlichen, zanksüchtigen und auf keine Weif« zu beruhigenden Frau vortrefflich spielte und so sich den ganzen Korso hinab zankte, jedem etwas anhängte, indes seine Begleiter sich alle Mühe zu geben schienen, ihn zu besänftigen. Da die Frauen ebensoviel - Lust haben, sich in Mannskleidern zu zeigen, als die Männer, sich in Frauenskleidern sehen zu lassen, so haben sie die beliebte Tracht des Pulcinells sich anzupassen nicht verfehlt, und man muß bekennen, daß es ihnen gelingt, In dieser Zwittergestalt oft höchst reizend zu sein. Mit schnellen Schritten, deklamierend wie vor Gericht, drängt sich ein Advokat durch die Menge; er schreit an die Fenster hinauf, packt maskierte und unmaskierte Spaziergänger an, droht einem jeden mit einem Prozeß, macht bald jenem eine lange Geschichtserzählung von lächerlichen Verbrechen, die er begangen haben soll; bald diesem eine genaue Spezifikation seiner Schulden. Die Frauen schilt er wegen ihrer Cicisbeen, die Mädchen wegen ihrer Liebhaber; er beruft sich auf ein Buch, das er bei sich führt, produziert Dokumente, und das alles mit einer durchdringenden Stimme und geläufigen Zunge. Er sucht jedermann zu beschämen und konfus zu machen. Wenn man denkt, er höre auf, so fängt er erst recht an; denkt man, er gehe weg. so kehrt er um; auf den einen geht er gerade los und spricht ihn nicht an, er packt einen andern, der schon vorbei ist; kommt nun gar ein Mitbruder ihm entgegen, so erreicht die Tollheit ihren höchsten Grad. Besonders suchen und wissen die Mädchen und Frauen sich in dieser Zeit nach ihrer Art lustig zu machen. Sede sucht nur, aufl dem Hause zu kommen, sich, auf welche Art es sei, zu vermummen, und weil die wenigsten in dem Fall sind, viel Geld aufwenden zu können, so sind sie erfinderisch genug, allerlei Arten auszudenken, wie sie sich mehr verstecken als zieren. Sehr leicht sind die Masken von Bettlern und Bettlerinnen zu schaffen; schöne Haare werden vorzüglich dazu erfordert; dann eine ganz weiße Gesichtsmaske, ein irdenes Töpfchen oder Fläschchen an einem farbigen Bande, ein Stab und ein Hut in der Hand. Sie treten mit demütiger Gebärde unter dis Fenster und vor jeden hin und empfangen statt Almosen Zuckerwerk, Düsse und was man ihnen sonst Artiges geben mag. Andere machen sich es noch bequemer, hüllen sich in Pelze oder erscheinen in einer artigen Haustracht nur mit Gesichtsmasken. Sie gehen meistenteils ohne Männer und führen als Off- und Defensiv» wafse ein Bestachen aus der Blüte eines Rohrs gebunden, womit sie teils die Aeberlästigen abwehren, teils auch, mutwillig genug. Bekannten und Anbekannten, die ihnen ohne Masken entgegen» kommen, im Gesicht herumfahren. Man Werse nun einen Blick über die lange und schmale Straß«, wo von allen Balkonen und aus allen Fenstern über lang herab» hängende bunte Teppiche gedrängte Zuschauer auf die mit Zu» sch auern an gefüllten Gerüste, aus die langen Reihen besetzter Stühle an beiden Seiten der Straße herunterschauen. Zwei Reihen Kutschen bewegen sich langsam in dem Mittlern Raum, und der Platz, den allenfalls eine dritte Kutsche einnehmen könnte, ist ganz mit Menschen ausgefüllt, welche nicht hin und wieder gehen, soirdern sich hin und wieder schieben. Da die Kutschen, solang' als es nut möglich ist, sich immer ein wenig voneinander abhalten, um nicht bei jeder Stockung gleich aufeinander zu fahren, so wagen sich viele der Fußgänger, um nur einigermaßen Luft zu schöpfen, aus dem Gedränge der Mitte zwischen die Räder des vorausfahrenden und die Deichsel und Pferde des nachfahrenden Wagens, und je größer die Gefahr und Beschwerlichkeit der Fußgänger wird, desto mehr scheint ihre Laune und Kühnheit zu steigen. Da die meisten Fußgänger, welche zwischen den beiden Kutschenreihen sich bewegen, um ihre Glieder und Kleidungen zu schonen, die Räder und Achsen sorgfältig vermeiden, so lassen sie gewöhnlich mehr Platz zwischen sich und den Wagen, als nötig ist; wer nun mit der langsamen Masse sich fortzubewegen nicht länger ausstehen mag und Mut hat, zwischen den Rädern und Fußgängern, zwischen der Gefahr und dem, der sich davor fürchtet, durchzuschlüpfen, der kann in kurzer Zeit einen großen Weg zurücklegen, bis er sich wieder durch ein anderes Hindernis aufgehalten sieht. Wahrscheinlich hat einmal zufällig eine Schöne ihren vorbeigehenden guten Freund, um sich ihm unter der Menge und Maske bemerklich zu machen, mit verzuckerten Körnern (wirklichem Konfetti) angeworfen, da denn nichts natürlicher ist, als daß der Getroffene sich umkehre und die lose Freundin entdecke; dieses ist nun ein allgemeiner Gebrauch, und man sieht oft nach einem Wurfe ein paar freundliche Gesichter sint) dock Weil sich endlich jeder iveniger oder mehr hinwegsehnt, ieder ein Gässchen an das er gelangen kann, einschlagt oder aufckem nächsten Platze freie Luft und Erholung sucht, löst sich diese Marse nnck au? schmilzt von den Enden nach der Mitte zu, und dieses Fest allgemeiner Freiheit und Lvsgebund«rheit- dieses moderne Satrirnal endigt sich mit einer allgemeinen Betäubung. MWMM-SM! «Ä'«“», SM 8 SKÄ SÄÄffÄ ^DW^Dalkone sind mit durchscheinenden Papierlaternen verziert, Fußgängern^ers^cheiiien manchs Kinderdälle von anno dazumal. Von Dr. Hedwig Fisch mann. Tanzende Kinder! — Durch die Jahrhunderte schlingt sich der frohe ausgelassene Reigen, wirbelt in D o n a t e l l o s und Luca della R obbias ewig jungen Verkörperungen um Kirchentribunen, sauchzt m goldenen , Farbengluten blühendsten Lebens durch T i z i ans Feste, durch R u b e n s Liebesgärten oder van Dycks heitere Madonnenbilder, fugt sich m die zierlich koketten Sitten des Rokoko, um dann wieder, em Jahrhundert später, aufzujubeln in den ringelreihentanzenden, erdennahen Buben- und Mädelgestalten Hans Thomas Bunt und vielgestaltig .st d e spieqelunq in der Kunst, unendlich reicher und mannigfaltiger ihr Urbild, das Leben, der ewig sich erneuende Quell rauschender Jugendlust. Aber wie es Zeiten gab, die sich nur dann an der Schönheit der Natur, der Blumen und Bäume erfreuen konnten, wenn ihm die eigene, umbü. dende Hand die Gesetze des Wachsens und der Gestaltung ausgeprägt hatte, so glaubten Epochen überheblichen Besserwissens auch die Aeußerungen anmutiger Jugendlust in das enge Bett selbstersonnener Gelelligkeitsregeln pressen zu müssen. Und so verraten die Kinderfeste und -balle ost mehr von „der Herren eigenem Geist", von der kulturellen oder politischen Einstellung eines Zeitalters, als von der im Grunde ihres Wesens stets in den gleichen Ausdrucksformen sich äußernden Kinderseele. Nur sehr wenige Epochen verstanden es, sich selbst so restlos in die jugendliche Psyche einzu- fllhlen, daß ihre Kinderfeste in Wahrheit diesen Namen verdienen, wie das ; licht- und freudedurchslutete Venedig der Renaissance, in dem ein Pietro Aretino die tiefe Kinderliebe und eigene Kindhastigken des Italieners I -um reinsten Klingen brachte, wenn er die von allen Grazien gesegneten Bambini der Lagunenstadt in reizvollen Festen bei Schmaus und Tanz ^OTu^toirb es für einen jeden Pflicht, ein angezündetes Kerzchen I in der '?>anö zu tragen und die Favoritverwünschung der Romer I „Sia ammazzato chi non porta moccolo! -ErmEet wer^r, Der kein Lichtstümpfchen trägt!" ruft einer dem andern zu,hindern er ch das Licht auszublasen sucht. Anzunden und ausblasenund em un | bündiges Geschrei Sia ammazzato , bringt nun bald Leven uno Bewegung und wechselseitiges Interesse unter di- ungeheure Menge Ohne Unterschied, ob man Bekannte oder Unbekannte vor stch habe, sucht man nur immer das nächste Licht auszublasen oder das seine wieder anzuzünden und b-i, dieser Gelegmheit das Licht Anzündeuden auszulvschen. Lind ie starker das Gebrüll “ mazzato“ von allen Enden widerhallt, desto m^r verliert das Wort von seinem fürchterlichen Sinn, desto mehr veracht man, daß, m«n in Dom sei, wo diese Derwünschung um einer Kleinigkeit Willen m kurzem an einem und dem andern erfüllt werden kann. w m« b-«»-». » mS?UtllLiU8a®‘S,b5 Es ist nun ein eignes Ge,werbe,Gypsz^ttem^^ip N» SÄ ">'»-» -rn-ch dl. 4“ Ä»» äs ä S’Stai S»" SSi.« wlchl-wrn-d- »««»■'«•« !>« “Üte'Ä. hab«» und °--Mb,-l- K«°",°°«dl-I« gisawÄ gegen Llnbekannte. # Ein neuer Aufzug vernneM ost das Gedränge, Dutzend />irt QöjJfßr in t>ic 5)and,X^fien“ mit'Mufik°und führen ihn man ml« I-d-- M »« vermannigfaltigen fucht. n„KWC. »ine Weiberhaube zu «S ä‘3 ®s Auck hier werden Tabarros sowohl von oen u SSSÄfif« Eharaktermasken mischen Kostüme ausgeführt. , UUI Steht “strahl von dieser erwärmenden Sonne frei sich entfaltender Jugendlust, nur ein künstliches Scheinwerferlicht scheint über dem Kinder- ball geleuchtet zu haben, dem Kotzebue s „Freimütiger im Karneva von 1803 eine vier Spalten lange Beschreibung unter der Ueberschris Ein fröhliches Kinderfest" widmet. Es war die Zeit, da zum erftenmal dw Kinderballe, die sich dann im 19. Jahrhundert einer so großen Ver- breitung und Beliebtheit erfreuten, am Berliner Hof ihren Einzug hielten, und begierig lauschte die ganze Stadt der Schi lderung die(es t m Hause des Hofmarschalls vonMassow in Anwesenheit aller Mitglwder des tonig lieben Hauses aufgesührten Kindermaskensestes. Uns erscheint beute die Verquickung von naiver Kinderlust mit allegorisch-symbollschen Huldigungs- deklamationen, ja, selbst mit Ausflügen In das Gebiet bei hohen holili!, bie bamals unter bem Gestirn ber russischen Freundschaft stand, seltsam unb unnatürlich. Aber als kulturhistorisches Dokument ist bte Schilderung dieses unkinblichen Kinberballes zweifellos bedeutsam. Bei bem Erscheinen bes königlichen Hofes im Festsaal ließ sich keim ber kleinen Masken sehen. Erst als bie Königin Platz genommen hatte, schlüpfte unter ihrem Stuhl ein zierlicher Amor hervor, ber ihr einen Pfeil mit der französischen Devise überreichte: „Von deinen Augen bring! er in all unsere Herzen." Dann folgte der Einzug des Kinderfestzuges, i bei dem sich natürlicher Jugendzauber mit der Pracht und dem Geschmack der Kostüme zu einem überaus anmutigen Bilde vermahlte. Emen be< I ^ndkrs reUvollen Anblick gewährten die Kinder des Prinzen vonOramen I ^e nach dem Dan Dyckschen Familienbildnis kostümiert waren. Aber d harmlo'e Treiben wurde gar bald wieder durch eingelernte Huldigung | ©nniain unterbrochen, bie, bem Zeitgeschmack entsprechend, ih I Enmbole mit Vorliebe aus ber Sagen- unb Götterwelt entlehnten. Un ÄZe^nd^TuAnbben^RuhmderKöwgw | mebr^von^eim"dcr Kinderfeele'so wesensfremben politischen Atmospha« ZWLLWT-ZOW «.n'Udn 2lM,r ml. da.m i , ers) scheiß L ms »v s I EBffWsS SOfWSSS KC.Ä£5 stoh mögen die kindlichen Gäste dieses Festes — an dem auch dre^d^E NSM-KTNnWL S-r «' »„« Ä Äw-’Ä* °"°s'-««'"'M“*’ Heiterkeit hingeben durften. — ffine ander« (Fin Kinderball in Wien in den Tagen des Kongresses! E . ■ iffielt von strahlendem Sonnenlicht verklärt, von Kinder lachen 4» SW«iw; »0 dl- h-d- P°w, »m d.,-nl»>u-» in Wien zusammengekommen war, sich bescheiden Zm Hi natfirli4 unb bas Zepter an die Festesfreude ab treten urußt , Mächtig«’ Bwä tw ÄflrftÄS *- diesmal den stummen Hofstaat, die Herrschaft führte unbestritten Seine Majestät das Kind- Ihn, huldigten willig die, die sonst selbst nur Huldigungen zu empfangen gewohnt waren. . Die Räume des ganzen Palastes waren so umgestaltet, daß die >ugenb- licken Gäste von Ueberraschungen zu Ueberraschungen geführt wurden, liier harrten ihrer die wundersamen Kunststücke eines Escamoteurs, dort vertrieb ihnen die Zauberwelt der chinesischen Schatten, der Laterna manica die Zeit, bis eine entzückende Kinderquadrille die Freuden des Tames'eröfsnete. Und über all diesen kleinen Wesen, die die verschiedensten Gestalten aus allen Himmelsgegenden und allen Zeiten verkörperten, vulliae Ritter und Türken, stolze Polen und graziöse Neapolitaner, zierliche Rokokodamen und gravitätische Kavaliere, über allen schwebte der Zauber beglückender Kinderanmut und strahlenden Kinderglücks. Aber schon regte tick auch unter diesen scheinbar so engelgleichen, winzigen Geschöpfen der Dämon des Stolzes und der Ueberheblichkeit: ein Pärchen war miteinander in lärmende Fehde geraten, weil eine kleine selbstbewußte Hoheit sich durch die Zuteilung eines ihr unwillkommenen Partners von niedrigerem Range in'ihrer Ehre gekränkt fühlte, und es bedurfte aller diplomatischen Perhandlungskünste, die auf dem Wiener Kongreß geübt wurden, um den Streitfall mit einem Versöhnungskuß zu erledigen. Die Ankunft der Tiroler Sänger, die damals eben ihre ersten Triumphe in Wien und dann in halb Europa gefeiert hatten, brachten der endlich ausruhenden, tanzmüden Schar angenehme Unterhaltung. Und Abwechslung folgte auf Abwechslung bei diesem Kinderball im Märchenwunderland: die Tür eines bis dahin geheimnisvoll verschlossenen-Saales öffnete sich plötzlich, und vor hundert brennenden Kinderaugen schimmerte em riesiger Baum mit vergoldeten Zweigen, über und über mit lockendem Spielzeug behangen, das bei einer Lotterie verlost wurde. Daß auch eine Festtafel, bedeckt mit allem, was ein Kinderherz und mehr noch ein Kindermagen ersehnt, nicht fehlte, war keiner der geringsten Genüsse dieses Kinderfestes in des Wortes höchster Bedeutung. Und endlich, ehe die kleine Schar von der Statte der Freude scheiden mußte, um dem schon lange hinausgezögertcm Schlaf sein Recht cmzu- räumen, vereinte sie sich noch einmal zu dem Tanz, der uns heute als Die reinste Inkarnation des Zaubers und der bestrickenden Anmut ,ener Epoche erscheint: zu einem Walzer. „Dieses Durcheinanderschwirren der vom Wirbel des Tanzes hingerissenen Kinderköpschen, ihre Schreie, ihr Frohsinn, ihre Lebhaftigkeit klingen zusammen zu einem berückenden Eindruck. So schildert der Chronist des Wiener Kongresses, Lagarde dieses, wenn auch nicht glanzvollste, so doch liebreizendste Fest jener festfrohen Zeit, die so anmutsvoll mit dem Kinde Kind zu sein verstand. — Bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts blieb die Freude an Kinder- bällen ungetrübt lebendig. Dann aber machte sich, besonders von Erziehern und Aerzten ausgehend, ein starker Widerspruch geltend, dem Riehl mit den Worten Ausdruck verlieh, die Kinderbälle erinnerten ihn an niederdeutsche Darstellungen des Kindertotentanzes. Hier Verkörperung der höchsten, lebensbejahenden Iugendluft, dort Synibol des frühen Todesweges — und weiter zieht der Reigen tanzender, jauchzender Kinderscharen durch die Jahrhunderte. Ein Fa chrngsfssl am Wüstenrand. Von Fritz Löwe. Zehn Minuten Autofahrt von Kairo entfernt liegt, wie der Phönix aus der Asche neck erstanden, Heliopolis, das die alten Aegypter der «onne geweiht hatten. Mein Auto durchfährt die breite Hauptaoenue dieses Neu- Kairo. Auf beiden Seiten des Weges erheben sich stolze Villen im maurischen Stil, verträumte Chalets, umgeben von herrlichen Gärten, prächtige arabische Paläste. Plötzlich steigt am Rande der Wüste, inmitten lachender Oasengarren das Heliopolis-Palace-Hotel auf. Wie ein Feen palast wirkt dieser in rein arabischem Stil« errichtete, einer Moschee gleichende Prachtbau. Die ganze Front schwimmt in einem Meer von Licht. Um Erker und Balkons ziehen sich feurige Guirlanden. Ich bin zur richtigen Zeit angelangt. Die normet) me Gesellschaft Kairos feiert heut« hier das erste große Maskenfest. Motto: „Märchen aus Tausend und einer Nacht." Die Fenster meines Zimmers blicken auf herrliche Rosen- und Palmengärten. Hvchgewachsene Araber und schlank« Nubier in farbigen Trachten, safranroten Schuhen und weißen Turbanen, lesen mir jeden Wunsch vom Auge ab. Ein erquickendes Bad fpült all« Strapazen der Wüstenreife fort. Mit der festlichen Kleidung hat man auch einen neuen, fröhlichen Menschen angezogen. Dann sitze ich auf der in Blumen prangenden Hotelterrasie. Rosen und Glyzinen schlingen sich um die Geländer. Palmen neigen chre rauschend« Schönheit über Myrthensträucher und wuchernden Lor- beer. Weiße und rosenrote Blütenschleier umwallen di« breite, mit auserlesenen Teppichen belegte Freitreppe. 2tus lichtem Grün leuchten Drangen. Die Natur selbst hat sich in ihr schönstes Festgewand gehüllt. Der weite Platz vor dem Hotel ist durch hohe Kandelaber tageshell «leuchtet. Aegyptische Gendarmen in kleidsamen Uniformen reiten auf tänzelnden arabischen Rappen ordnend hin und her. Eine Schar von Dienern in roten und blauen Burnussen und scharlachfarbenen Turbanen hat auf der Freitreppe Aufftellung genommen. Zu Taufenden kommen Oie Gäste aus Kairo und den umliegenden Dillenkolonien Heliopolis und Helouan. Auto auf Auto fährt vor. Jugend und Schönheit, gehüllt in duftiges Spitzengeriefel entsteigt ihn«n. Heber einen Teppich aus roten Blüten trippeln entzückende kleine Füßchen. Unter buntfarbigen Abendmänteln, auserwählten Pelzen leuchten Frühlingsgedicht« von Toiletten. Hinter schwarzen, roten und weißen Masken funkeln erwartungsvolle Frauenaugen. Di« riesige Empfangshalle ist in Licht getaucht. Am Eingang derselben pnd zwei Reihen Cavassen in farbigen Burnussen als Ehrenwache auf» gestellt. Heber den purpurroten Teppich strömt der Karnevalszug, in den von orientalischen Lampen erleuchteten Ballsaal. Die wundervolle, mit hohen, marmornen Säulen geschmückte Halle ist von einer 55 Meter hohen Kuppel überwölbt. Bis in schwindelnde Höhen recken sich pfeilertragende Galerien, übersät mit glitzernden Rosetten und Arabesken. Sie scheinst von Zauberhünden gehalten, in der Lust zu schweben. Bis zur Spitze der Kuppel hinauf erstrahlt der weite Raum von tausend farbigen Lichtern Girlanden von roten und grünen Lämpchen umkränzen den Saal. In buntem Edelsteinglanz leuchten die hohen Fenster. Auf der Mittelgaleri« entwickelt sich faszinierendes, orientalisches Leben. Dort haben die Damen der vornehmen Welt Kairos ihr Haupt», quartier aufgeschlagen. Die langen, weißen und schwarzen duriWchügm Schleier verbergen sie nicht ganz. Man sieht bildhübsche Erscheinung«« mit seingeschnittenen Profilen und blitzenden feurigen Augen. Mit großem Interesse betrachten sie die sich unter ihnen ab rollenden bunten Bilder. Ein tolles Maskentreiben hat eingesetzt. Heber die mit schwellenden Teppichen und bunten Bronzelampen geschmückten Treppen flutet ein endloser Karnevalszug. Die Nebensäle erstrahlen in rotem Lichte. Beim Klange wilder Zigeunerlieder drehen sich anmutige russische Tänzerinnen in leidenschaftlichem Tanz. Trommeln, Pauken und Kessel wirbeln. Arabische Tänzerinnen winden sich wie Schlangen. Bauchtanz ist Trumpft Alte und junge, dünne und dicke Bajaderen zeigen ihre verführerischen Künste. Schrilles Pfeifengekreisch und tolles Händeklatschen treibt sie zu immer wilderen Körperverrenkungen an. Bunter Konfetti-Schnee wirbelt in dichten Flocken aus der Höhe. Ein schmetterndes Hornfignal. Im großen Kuppelsaal treten Tausend« von Paaren zum Tanzspiel an. Auf dem Parkett find Zahlen eingezeichnet. Die auf einem Riesenrad« angezeigte Nummer wird laut aus* gerufen. Das Paar, das gerade auf der betreffenden Zahl tanzt, hat «in«« der prächtigen Preise gewonnen. Sie verstehen sich zu kleiden, die Damen von Kairo. Man sieht die wunderbarsten Modeschöpfungen, zarte Gebilde aus Federn und Spitzen. In den Sälen, auf Treppen und Galerien wogt in den malerischen Trachten des Orients eine froh erregte Menge. Eilfertig drängen sich hochgewachsene Krieger, ernst dreinschauende Priester und schmalsellelig« Aegypterinnen. Stolz tragen rassige Brünetten in« Schönheit ihrer schlanken Glieder. Reizende Blondinen schweben in fliederfarbenen urtb karmoisinroten Kostümen, wahren Traumgebilden, vorbei; die Meine bizarr« Schleppe haben sie kokett über den Arm geschlungen. Jnternatto- nafe Anmut und Eleganz haben sich mit der vornehmen Gesellschaft Kairos auf diesem Fest des Frohsinns urtb Genusses ein Rendesvous gegeben. In schimmernder, goldüberladener Pracht geht der Märchen-KaM Harun al Raschid auf Abenteuer aus. In übermütiger Stimmung verte» er an die ihn umringenden Odalisken Smaragden, Rubine und Saphir» (importiert aus Böhmen). Vergeblich versuchen der ihn begleitende Groß« vezir und das Gefolge ihn aus dem Ringe der stürmisch herandrängende« Schönen zu befreien. Sirtdbad, der Seefahrer, scheint sich auf feiner Suche nach der „verlassenen Insel wohl zu befinden. Aber er sucht nicht, wie im Märchen, das Ei des Vogels Rock, sondern ist eifrig bemüht, bas Herz einer süßen Fatme zu gewinnen. Mt seiner Zauberlampe naht Alladin. Eine Schar von Tscherkessinnen stürmt Ijeran. Wie durchleuchtende Glut schimmern ihr« roten Kosakenmäntel. An Silbergürteln klirren funkelnde Wchfen. Immer aufpeitschender wird die Musik, immer wilder der Tanz. Immer aus« gelassener die Stimmung. Wie verstehen die Aegypterinnen und die Damen der europäischen Gesellschaft Kairos zu tanzen! Welcher Rhythmus der Glieder, welche Schönheit in der Bewegung! Das tolle Maskentreiben hat feinen Höhepunkt erreicht. Aus der Feme klingt schmetternde Janilscharenmusik. In feierlichem Zuge naht, geleitet von ihren Hofdamen, Prinzessin Bsdruibudur. Uni) nun beginnt der Clou des Abends, die Große Polonaise. Heber teppichgeschmückte Treppen, bunft strahlende Hallen und Festsäle, über Galerien und Terrassen windet sich die schillernde Schlange zahlloser übermütiger Masken. Eine Farben- fymphonie ausgelassener Märchengestalten in leuchtenden Kostümen zieht an mir vorbei. Auf der nach der Wüst« herausgehenden Terrasse ist es still uns lauschig. Ich sitze, ein «infamer Zecher, hinter einer Säule verborgen. Um mich herum singt und klingt es. Schäumende Perlen ftetaen aus kristallenen Kelchen. Berauschender Dust strömt aus Rosen- und Fliederbüschen. Einsam liegt di« Wüste. Manch artig' Märchen aus Tausend urtb einer Nacht spielt sich vor meinen erstaunten Blicken ab. Durch die Büsck)e schimmern wunder- lich bette Gewänder. Unter Palmen erzählen entzückende Scheherazade« den zu ihren Füßen lauschenden Sultanen süße Märchen. Sie müssen wohl inkeressant fein, denn die turbangeschmückten Kavaliere werden des Zuhörens nicht müde. Ali Baba und feine Räuber sind fleißig dabei, den Odalisken den Kopf zu verdrehen. Sie machen reiche Beute. Codam und seine Brüder flirten mit den „Prinzessinnen von den Inseln Wack- Wock". Der arglistige Vezir, Hassan der Seiler, König Schermann von Persien, sitzen mit der Prinzessin Gülnare vom Meer« und „den zwei neidischen Schwestern" beim schaumenden Sekt. Aus der nahen Wüste klingt der heisere Schrei eines einsamen vogels. Wie Schatten huschen hinter den Spitzenvorhangen der eneuch- teten Fenster Tänzer und Tänzerinnen vorüber. Aus zerflatternden Dunst- schleiern luqt neugierig der Mond. Weithin hüllt er di« schweigende Wüste in sein silbriges Licht. Bis in unendliche Fernen befjnt ftdjbas Sanb* meer. In gespenstischer Regungslosigkeit leuchten fahlfchimmemde Dunen- ketten. In blauem Dämmerlicht tauchen wie Gespenster aus dem Schoße feer Wüste berittene Patrouillen ägyptischer Wüstenpolizei auf. Lautlos versinken die Hufe der Pferd« im Leichentuch des stäubenden Sandes. In der Ferne glitzern die Lichter von Kairo. Von der Höhe der Zitadelle blinkt, Überragt von fchlanken Minaretts die Alabastermoschee. Der Ball hat sein Ende erreicht. Ein Gewimmel von Pelzen und seidenen Mänteln auf der Freitreppe. Eilig rollen di« hell erleuchteten Wagen davon. Wie eine lange Reihe von Irrlichtern kann ich bi« Auto- schlänge noch lang« aus der von Heliopolis nach Kairo führenden Straße verfolgen. Verantwortlich: vr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche Llniversitäts-Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Giehen. in aller Form zu begehren. Rechtzeitig gewarnt, verschwand Saint. Germain. Freilich, um bald daraus in Brüssel wieder auszutauchen. Mit politischen Gaunereien zu schwindeln gab er auf, aber dennoch versprach er sich von den reichen Niederlanden Ersprießliches, wenn er nur den Gimpel sände. der ihm in die Schlingen ginge, die er mit seinen Geheimmitteln so kunstvoll legte. In Graf Karl Cobenzl, dem bevollmächtigten kaiserlichen Minister der österreichischen Biederlande fand er ihn. Diesem gesellte sich als zweites Opfer die Inhaberin eines großen Brüsseler Handelshauses Madame Bettine hinzu, die ihre guten Goldgulden an den alchimistischen Grasen loS wurde. Vergebens warnte Kaunitz, dem Graf Cobenzl begeistert von den für die Erblande unbezahlbaren Künsten des vagierenden Grafen dienstlich berichtete. Saint-Germain hatte dem Grafen ein geheimes Verfahren zur Herstellung von Farben angeboten, und die Berichte Cobenzls nach Wien wurden immer begeisterter. Kaunitz blieb ungläubig. Aber als schließ- lich der Erfolg da war. der für Saint-Germain nämlich, und 200 000 Gulden, für die die Staatskasse der Madame Bettine haften^ sollte, für die Errichtung einer Manufaktur zur Herstellung der gräflichen Geheimmittel vertan waren, wurden die Rapporte Cobenzls immer Neinlauter. _ Als Graf Cobenzl bis in die Knochen vor aller Welt und der Hofburg blamiert war, hielt es der abenteuernde Graf an der Zeit, die Grenze der österreichischen Biederlande hinter sich zu bringen. Lind da es mit dem anscheinend so soliden Geschäft einer Tuchfärberei und Farbenfabrik nichts war, so warf er sich wieder auf das Reinigen von Edelsteinen. Als Opfer für diese Künste ersah er sich zuerst den Mark- grafen Alexander von Ansbach. 3m Jahre 1774 erschien Saint- Germain unter der Maske eines russischen Offiziers, der die von Petersburg über Deutschland gehende und für die russische Flotte im Aegäischen Meer bestimmte Post besorgen sollte, in Schwabach. Sehr geschickt — der Markgraf war nicht dumm — verstand es der Graf Tzarogy. wie sich der angebliche russische Offizier nannte, in halben Andeutungen von wichtigen Geheimnissen zu sprechen, die er dem Fürsten als einen kleinen Dank für die freundliche Ausnahme im Ansbachischen mitteilen wolle. Eine Handvoll Steine, die wie kostbare Diamanten aussahen, taten ein übriges. Und in Kürze hatte Saint- Germain wieder einmal sein Laboratorium. Diesmal im Sommerschloh Triesdorf. Mit der Erzeugung von allerlei wertlosem Zeug, von schlechtem Leder, gefärbter Seide, von Tüchern und Farben vertat er das w.arkoräfliche Geld. Dabei sprach er von noch wichtigeren Geheimnissen. etwa vom Goldmachen und vom Lebenselixier, dadurch die Beu- gierde und Aufmerksam des Markgrafen immer von neuem er- weckend. Vielleicht stiegen den Menschen dieses kleinen Hofes auch manchmal Bedenken auf. Aber sie verflogen, als der Seeheld Gras Alexei Orloff, der Türkensieger, durch Nürnberg fuhr und den Grafen Tzarogy durch einen besonderen Kurier zu sich rief. 3n Begleitung des Markgrafen, der den alten Helden sehen wollte, reiste Saint-Germam in russischer Generalsunifvrm nach Bürnberg und wurde dort von Orloff wie ein lieber alter Freund begrüßt. Man kann nur annehmen, daß der Graf Alexei Orloff, der damals durch Bürnberg fuhr, und das Generalspatent, das er Saint-Germain überbrachte und dem seltsamerweise der Namenszug der Zarin fehlte, ebenso echt waren wie der Graf Tzaroah, also zwei Hochstapler den guten Ausbacher Markgrafen beschwindeltem Lind es wäre eine Weile in Schloß Triesdorf alles in Frieden und Eintracht weiter gegangen, hätte sich der Ansbacher mcht auf eine italienische Reise begeben. . 3n Beapel war es, wo er erfuhr, daß er niemand anderem m die Hände gefallen sei als dem berüchtigten Grafen Saint-Germain. Der Fürst, tiefgekränkt über das Spiel, das der Abenteurer mit ihm getrieben, brachte es doch nicht übers Herz, ihm die Türe zu weisen Aber Saint-Germain ging. Er wandte sich nach Leipzig und Dresden und bot ohne Ersvlg seine Dienste dem sächsischen und preußischen Hvs an. 3n Dresden trug sich jene lustige Geschichte zu. die ein Beweis dafür ist, wie immer noch Leute glaubteir, der Graf wäre toinlicp 3ahrhunderte oder gar 3ahrtausende alt. 3n Dresden wurde der Kunscher, der in seinen Diensten stand, einmal gefragt, ob es beim wahr wäre, daß sein Herr vierhundert Jahre alt sei. Da antwortete der Witzbold, er wisse das nicht so genau, aber während der hundert- unddreißig 3ahre, die er ihm nun schon diene, habe der Gras immer so ausgesehen, wie heute. Schließlich kam Saint-Germain im Jahre 1779 nach Schleswig. Mit einiger Mühe gelang es ihm, der nun der Ruhe schon sehr bedurfte, sich unter den Schutz des Landgrafen Karl von Hessen-Kassel zu stelten, der dänischer Statthalter der Herzogtümer Schleswig und Holstein war, und zeit seines Lebens der Alchemie und aller mystischen Gaukelei unheilbar ergeben war. 3n Eckernförde an der Ostseebucht gleichen Bamens, wo ihm der Landgraf eine leerstehende Fayancefabru kaufte, sollte Saint-Germainsche Manufaktur zum dritten Male fröhliche Llrständ feiern. Es kam nicht mehr dazu. 3n einem von Weerrauschen und einer einfachen Batur umwehten 3dyll ging sein bewegtes Leven versönlich zu Ende. Trotz seines Lebenselixiers starb der große Vagabund vermutlich in seinem sechsundachtzigsten 3ahr. Richt ohne seinen letzten Gönner noch auf eine unschuldige Art beschwindelt zu Hadem Als er ihn nämlich das letztemal sah, und wohl fühlen mochte, vay seine Tage sich neigten, sagte er dem Landgrafen, er werde nach seinem Tode ein versiegeltes Bittet finden, das alles Geheimnis aufkiaren solle, das ihn, den Grafen Saint-Germain, umgebe. Natürlich suwn der Landgraf, dem Saint-Germain angedeutet hatte, daß er eigentlich der letzte Fürst Rakoczy sei, nach dem Tode des Alten das Bill« vergebens. Aber dennoch glaubte er weiter an ihn und blteb nm seinem Glauben nicht allein. 6 3a selbst ein so mächtiger Verstand wie der Friedrichs des Großen spricht von diesem Abenteurer als eine rätselvolle Erscheinung, uver deren Wesen man nie ins klare gekommen sei. Der tausendjährige Graf. I ®ln Schelmenleben aus dem Rokoko. Von Alfons v. Czibulka. An einem Winterabend des 3ahres 1757 sah in einem adeligen Hause zu Paris der entzückendste Lump aller Zeiten bei einem Souper ä quatre. Es war ein wunderlicher Abend. Denn die beiden Damen, in deren Gesellschaft sich Herr Casanova so gut amüsierte, daß er darüber dem vortrefflichen Souper Bescheid zu tun vergaß, waren keineswegs mehr jung. 3a. es konnte vielmehr ein Blinder sehen, dah diesmal nicht volle, weiche Schultern und rosige Gesichter Don 3uan den Andern zu diesem Feste verlockt hatten. Lind es wäre unbegreiflich geblieben, warum der junge Casanova bei diesen Matronen seine kostbare Zeit verschwendete, wäre nicht ihm gegenüber hinter den blitzenden Gläsern und kristallenen Flaschen, vom Lichte der Kerzen umflackert, ein Zeitgenosse Christi gesessen. Ein Bekannter des Kaisers Tiberius auch und ein Duzfreund Seiner Exzellenz des kaiserlich-römischen Statthalters Pontius Pilatus, dem bei seinem vielberufenen Händewaschen zugesehen zu haben, er sich rühmte. Dabei sah dieser neuerstandene Methusalem gar nicht so unwahrscheinlich alt aus und schien seine achtzehn hundert 3ahre mit Anstand und recht aufrecht zu tragen. 3a, er sprühte nur so von Witz und Lebendigkeit, erzählte aus feinem Leben, in dem er ja einiges erlebt haben mochte, und sprach von Christus und Tiberius, von König Fraiiz I von Frankreich und vom Konzil von Trient, wo er Anno 1549 mit den Eminenzen gespeist hätte, wie heute mit der Marquise und der Komtesse und mit Herrn Casanova, wenn er den Namen richtig verstandmi. , Mit offenem Munde, soweit ihrn dies als Weltmann passieren konnte, horchte Casanova auf die sprudelnde Rede und vergaß das Essen, so köstliche Dinge es gab. Dis er für einen Augenblick zwinkernd das linke Auge schloß, und ein spöttisches Lächeln um seine Lippen zuckte. Einen Augenblick nur, dann hörte er zu wie bisher. Doch nun begann er zu essen. Denn er hatte verstanden. Lind was ihm auf einmal noch weit mehr als das Alter seines kuriosen Gegen- übers imponierte, war, daß er begriff, day ihm hier ein noch viel größerer Filou gegenüber saß als er selbst einer war Woher dieser rätselhafte Mann stammte, dessen Leben die Zeit vergessen zu haben schien, und der nun schon an. die achtzehn 3ahr- hunderte vergnügt durch das alte Europa spazierte, wußte niemand zu sagen Als einen Grafen von Saint-Germain kannte ihn alle Welt, doch wie er wirklich hieß, hat niemand erfahren. Streiten sich auch nicht sieben Städte um die Ehre seiner Geburt, so ist dennoch die Frage seiner Herkunft nicht zu löseii. Nicht leichter als dre seines Alters, von dem trotz aller Forschung nichts sichereres zu sagen ist, als daß er vermutlich um ein beträchtliches später als Christus geboren wurde. Daß alle Menschen, die über seine Abstammung hätten aussagen können, längst gestorben waren, war ein Glück oder auch cm Llnglück, je nachdem man die Sache vom Standpunkt der Forschenden oder von dem dieses famosen Abenteuerers ansieht. Daß er em solcher war, ist so ziemlich das einzige, was einem Zweifel nicht unterliegt. Denn er hat alle Welt düpiert und war in der Heerschar der Adepten. Goldmacher. Erfinder, Abenteuerer und genialen Lumpen, die sich durch das 3ahrhundert des Rokoko liebten und schwindelten, einer der berühmtesten. . Nachdem er da und dort schon von sich hatte reden machen tauchte er um 1755 in Paris auf. Durch seine märchenhaften Schatze an Edelsteinen und Diamanten - ihre Echtheit hat niemand geprüft — und durch seine noch märchenhafteren Erzählungen wurde er rasch das Tagesgespräch der Pariser. Er verstand es so meisterlich und anschaulich von den entferntesten Zeiten, Ereignissen und Menschen zu schwätzen, dah die abgebrühte Pariser Gesellschaft vor Verwunderung die Mäuler aufriß und willig nach der Erklärung schnappte, dah er eben das Lebenselixier besitze. Bald auch verschaffte er sich den Zutritt zum König. r _. vv Mehr noch als für das Lebenselixier interessierte sich Ludwig XV. für das angebliche Geheimmittel, das Saint-Germain besah, um Edelsteine von Fehlern und Flecken zu reinigen. Natürlich war dieses Mittel ebenso ein Schwindel wie sein berühmtes Elixier. Doch er erbrachte den Beweis für die Wahrheit seiner Behauptung. Als der König ihm nämlich eines Tages einen Diamanten zeigte und ihm sagte, er werde auf sechstausend Franken geschätzt, wäre aber zehntausend wert, wenn er fleckenlos wäre, verneigte sich Samt- Germain und versprach, den Diamanten nach einem Monat von seinen Flecken gereinigt wiederzubringen. Und als der Abenteuerer den Edelstein zurückgab, wog dieser genau soviel als zuvor, war aber tadellos rein und wurde von einem 3utoelier auf zehntausend Franken geschätzt. Der König war entzückt. Doch ist anzunehmen, dah Saint-Germain in Anbetracht seiner Pläne viertausend Franken darauf verweiidet hatte, den Stein gegen einen ähnlichen und wertvolleren umzutauschen. „ . . Aber noch größer war das Aufsehen, als er bald darauf, hinter dem Rücken des allmächtigen Choiseul vom König entsandt, mit der hochpolitischen Mission in Haag erschien, um einen Sonderfrieden mit England zu schließeii und die Allianz mit Oesterreich zu lösen. Es schien unerhört, was da geschah. Ein Abenteurer griff in die kunstvoll, geknüpfte Politik so gewaltiger Staatsmänner und Monarchen, wie Choiseuls, Pitts, Kaunitzens, Friedrichs und Maria Theresias. Als eine gewichtige Persönlichkeit ging er im Hause des französischen Botschafters im Haag aus und ein. Die Herrlichkeit war von kurzer Dauer. Kaurn erfuhr Choiseul von dem Auftauchen des Saint-Germains in der Niederlanden, so befahl er seinem Botschafter, dem „Abenteurer und Halunken von einem falschen Grafen" das Handwerk zu legen, und dessen Auslieferung von den Generalstaaten