Jahrgang 1928 Samstag, den 21. Januar Nummer 6 chens noch dem (Buten und Pestalozzis „Lienh ird Schwermut. Von Wilhelm Schäfer. Mich kümmert nicht der Menschen Leid, Mich kümmert nicht ihr Klagen. Dort zu des Strandes Einsamkeit Will ich mein Herze tragen. Das Meer, das sich ans Ufer schmiegt, Spürt nicht des Windes Säuseln. Er kann, wenn er auch Dirken biegt. Nur seine Wellen kräuseln. Das Meer fühlt nur den wilden Schmerz Von einer tiefen Wunde, Der Sturm zexwühlte einst sein Herz In seinem tiefsten Grunde. So bist du wie die wilde See, Mein Herz, oün Leid zerschlagen. So rührt dich nicht das kleine Weh, Worüber Menschen klagen. Und sollten Schmerzen endlos weit In Meerestiefen nagen. So ist doch tiefer noch das Leid, Das meine Brust zerschlagen. gefunden 5 bis zur aus nicht gegangen, ehen, das cht, dann > in den selbst im : in dem r Claude ; Jahren, wie Car- renn Uhr und ver- inb dann, n Schlaf- m Leuten ge zutun. >er Küche, sich zum r sie las, >en Lehnas zu ge- ilieb alles :fe Tritte, gleich dar- und Bell, gingen t, was in aller Hei- läufig er- >nten? — ; vortreff- t alles die n werden en, sprach in vollem . dah Oli- Tat nicht so bedrohverruchten Gerichts- ßte. Durch enen ganz und Be- Olivier ausgehört, enug, dah ll er nicht en Willen, inschuldige wer steht )cm Vater Ihr, schrie - Oh, fuhr zet es mir en Schütz- Der Scu- ar ihr, als I) bestehen, Blutschuld, nen, müh- e hinabzu- it begleitet ike. Würd' sehen? So ,te sie mit >s widrige nun, mein vertrauend schuld oder erbrechens, Abftusun- onciergeri« Ture Teil- tgen Meuter in der enden Tat- den leben- eden bösen annehmen, weit »evschlagen wurde, und wie er sein ganzes Leben nach dem Hof zuruckstrebte, so ist auch der Sohn den inneren Weg nach der Hemmt $uru(fgegangen. Seme künstlerische Begabung äußerte sich zunächst ^rr ^llos in einer unbändigen Lust am Zeichnen, und erst da « cr 5“ mehreren Dramen anftochelte, die die erste Aufmerksamkeit auf ihn lenkten. Wanderjahre führten chn noch Pans, wo er sich in die Kunstgeschichte vertiefte, nach der stamm, verntonbten Schweiz, dle ihm „mit ihren starken Säften und dem freien St-efheimat" wurde, und nach Berlin, wo befJnter» akichard D e hme! Einfluß auf ihn gewann. Von Dehmel dem Be- Lüstchen Achtersprache", lernte er, feinen Stil in strenge Zucht M nehmen und nach bem verborgenen Goldgehalt jedes Worts zu suchen. Mit seinen weiteren epischen Versuchen, den „zehn Geboten" und der wunderlichen Geschichte van „Gottlieb Mangold, dem Mann in der Ää> - geriet er aber m eine preziöse Sackgasse, so daß er eine mehr« e m ,?*r Herausgabe seiner Dichtungen eintreten lieft, wahrend deren er sich ganz dem Dienst für die Heimat widmete All» >?<,r@miri,ttl9en x3eitfd)rift „Sie Rheinlande" als Lecker bw h,? ® Kunstfreuiche m ben Ländern am Rhein", hat er sich um ine rheinische Kultur und Kunst unvergängliche Verdienste erworben und und das bergische Land" eine wahrhaft klassische Landjchaftsschi lder ung geschaffen. * , Unterdessen hatte er sich durch das Vorbild des „rheinländischen Haus- Mundes , Johann Peter Hebel von feiner Manier geschmäckierifcher (£,MnIinn!5re!tc befrrit und aus dem „Schatzkästlein", dieser schlich^. ^r^!erfu^t, das Gefühl für echte Epik gewonnen. Die „Rhein- tagen und das erste Bändchen feiner „Anekdoten" waren die Frucht CT 3utn ersten Male aus dem Volkstu^ cher gestaltet er Klang und Wort, Satz und Absatz zu einem rhythmischen ?^uge. das zimir noch mcht ganz die Künstlichkeck abwirfh a^r den 00Jk” Ton des geborenen Erzählers hat. Die Bedeutung er allmählich mit wachsender Reife und Meisterschaft aus über vierzig brachte, die ihn zuerst bekannt machten ueues, viel iiachgeahmteres Genre in unser Schrifttum eiw ^rten. bestand vor allem darin, daß sich nach aller psychologischen Zer- gliederung und beschreibenden Stimmungskunst wieder ein Dichter fand ^t;T’-erS°$'en fx mie es die großen Epiker aller Zeiten getan: freckich m einem Geiste, der weitere Perspektiven eröffnete. „Ich habe U'chts ^gewollt , sagt er selbst, „als ein Stück Weltgeschichte so zu er- zahlen wie man eine Sage, eine Schnurre ober Anekdote auch erzählt LrtUiSÄi mT Vorgang selber als künstleris.ches' tsrobtem gestellt ... In diesem Sinne könnte man von ber Erzählung fugen, daß sie ans menschlichen Handlungen Sagen mache." Also nickst den einzelnen Vorfall will er bloß geben, sondern in einer Beleuchtung, ine t^n ins Mystische, ins Allgemeingültige, Ewige rückt. Diese Form er m grofjeren Novellen, wie ber „Halsbandgefckstchte", der „Unter- brochenen Rheinreise auszuweiten: er suchte sich von dem Problema- tischen und Komplizierten der Zeit und seiner eigenen Natur in tief« bobrenben Charakterstubien, wie den „Mißgeschickten" und dem Roma« „Karl Stauffers Lebensgang zu befreien. Immer einfacher, knapper, klarer wurde fern Stil, immer weiter, typischer, allgemeiner seine Welt« ansicht Aber in der ergreifenden „Chronik ber Leidenschaft" von ®1 p: lI j e r„= ® e.r n s Ringen und Untergang hatte er doch nur den SonbetjaU des Künstlers gestaltet: ihn drängte es von der Anekdote" zum Weltbild, vom Menschen zur Menschheit! MtzenerZamilieOMer Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Wilhelm Schäfer. Don Dr. Paul Landau. Der Dichter Wilhelm Schäfer vollendete gestern das 60. Lebensjahr. Die Kluft Müschen Dichter und Volk, die im Laufe der Jahrhunderte ttmner größer geworden ist, kommt vielen Schaffenden heut kaum noch Mm Bewußtsein: sie haben sich damit abgefunden, daß sie mit ihren Werken nur zu einem mehr oder minder großen Kreis der Gebildeten ipred)en. Ader stets treten wieder Talente auf, und es sind gerade die ^htesten und eigenarHgften, die von ber Sehnsucht gepackt werden, diese Kluft zu überbrücken, bis ins Herz, bis zu jedem einzelnen ihrer Nation zu dringen. Dieser Trieb hat bei der Isolierung des modernen Dichters, bei »er Gegensätzlichkeit und kulturellen Verschiedenheit der Parteien und Ktassen etwas Tragisches, und nur selten glückt es einem Künstler, aus l Ms und der Problematik unserer Tage sich zu der Cin- sachyett, Klarheit und Allgemeingültigkeit burchzuringen, die allen Volk-i- genossen etwas zu bieten vermag. Wilhelm Schäfer hat in feiner Ent- rnuflung bictem Ziel mit instinktiver Folgerichtigkeit und zäher (Energie Sugeftre-bt, und feine besondere Bedeutung liegt darin, daß er an seinem 6l>. Geburtstag auf der Hohe eines wahren Volksdichters steht, daß er von ber modernen Poesie ben Fluch, nur Wenigen Brot, ber Masse genommen hat. So ist er zu einem geistigen Führer unb Prediger der Deutschen geworben, wenn nicht aller Deutschen von Heute, so doch der Deutschen der Zukunst, die ihm als das wahre Volk vorschweben. ' Sdjäfer hat dem Beruf des Dichters, der zum Unterhalter in müßigen «künden, zum Anreger einzelner Schichten, zum entwurzelten Literaten geworden war, die Weihe wiedergegeben, die er in alten Zeiten befaß, «ne unsere Klassik wieder erneuerte. In seinem „Lebensabriß", heften Michte Ueberzeugungskrafl jein Wesen und Wollen so rein offenbart nennt er den Dichter „Sprecher der Volksseele und in ber höchsten Be- gnabung der Menschheit", und wenn er auch fein „Vutzprediger" sein El. so _ bekennt er: „Ich bin eben doch Priester, nur nicht ber einer 5\*Fcve- sondern ber Kultur, die in einem viel natürlicheren, innigeren weheren Sinn die Erlösung ber Menschheit umgreift. Der Mensch- beit Wurde ist in meine Hand gegeben; sie zu bewahren, genügt es nicht, S’JL't rm,r Jucbtig bin, sondern daß ich diese Tüchtigkett in das Schmetzsener ber Menschheit bringe. Das zu tun, habe ich fein anderes und m??mn^«bprache. dh., nicht die Aeußerlichkeit ihres Klanges Stckn>^I ni^?Er?st' sondern die Summe dessen, was mein Volk als S bekmr.nid,I)e? r>> su»en vermochte: fo ist mein Volk fehmhinnMh’ an der Menschheit Würde in meinem Werk ffraft galten, mein Amt." Die vorbildliche Reinheit und 6at l?o!)en Beruf in unserer Zeit verwirklicht hsute die Verehrung seiner innerlichsten und ernstesten Stimmenchor des zu seinem M. Geburtstag er- & S» Wilhelm Schäfer" zeigt, das von Otto herausgegeben worden ist. Wr klinischen Bauerngeschlecht. Sein Vater war ber erste, ber nach Jahrhunderten von der Scholle nach der Industrie- I Schäfers Pestalozzi-Roman „Lebenstag eines Menschenfreundes" ist btc, erste reife Frucht solchen Strebens und Wachsens. In der Erzählung dieses Lebens ist ein Sinnbild edelster Menschlichkeit und damit der Menschheit selbst gefd)affen. So geschichtlich wahr mrb seelisch Nar die Entwicklung des genialen Erziehers erzählt wird, tm einfachen Volk-Non aber mit unvergleichlicher Bildlichkeit und Wärm«, so entfallet sich doch £>n zeitloses und einiges Bild menschlichen Suchens nach dem Guten und Wahren. Ein Volksbuch ist es geworden, wie Pestalozzis „Lienhird und Gertrud", aber zugleich ein künstlerisches Meisterwerk. Und nach diesem Gelingen waren dem Dichter die Flügel gewachsen. DSd. dem Er« lebnis des Krieg es im Innersten erschüttert, möchte er sich an die gewaltige Aufgabe, das Schicksal des deutschen Volkes darzustellen, wie es !>ch von ber Völkerwanderung bis zum Weltkrieg entwickelt. „Die dreizehn Bücher der deutschen Seele", die rasch ms Volk gebrangen sind stellen das am meisten dichterisch geschautt, am innerlichsten erlebte Geschichtsbuch unseres Volkes bar. Der Historiker ist für immer zum ein. fachen, mystisch gläubigen, die Wesenheit offenbarenden Chronisten geworben. Schäfers eindrucksvolle Verdeutschung des deutschen Nation-^, epos der „Nibelungen" war eine Fortsetzung dieser Studien. Zugleich aber trat er mm in der höchsten deutschen Not mit Reden und Briefen „An ch in jener iei möglich verschlossen rern. . . >eri in «in itengerassel. , sank auch Düvier verein Wogen >er freveln» tg folgt.) :, Dietzen. Virgil. muß noch fände: da tritt er ließ den Christian Fürchtegott doch schien es der Ant- ,gte er innig und bohrte war'», den SS,-™» 0-rfchMMd durch dl- offen« Tur in I». Kmm-r und - den Cixristian Fürchtegott stehen. Weller, das Wettgeschichle gemacht hat. Von Dr. Ernst Kayser. c.n h„, Geschickte geht es keineswegs immer 1° romantisch zu, wie ZWWZZW -ti- wr- W in tarn « MWn gingen ®“„«„‘geSlOmelen »tiefen, »en w buch, so in den dem Hilsswerr cer uuu a aeroalt gen Rede weisenden süns Reden -Der deutsche Gott m» ^r seiner „Deutschland'. Auch als Dichter Leg ' Winckelmanns Ende", in Meisterschaft, in d«r ergrenend«^Hölderlins Einkehr" und vor allem in dem schwermütigen Traumbild das den deutschen dem „Deutschen Volksbuch ,. „ ) ®nuinen^r und sicherer zeichnet. Menschen im Kamps um Gttch q(s Dichter und Seher, als als der „Pestalozzi . so i]t -rou) ifrfnrt" der Deutschen geworden, Redner und Denker Heui -tzm.schassen ÄJÄ ÄÄ WÄW ihn. nachfolgen. °,ck sah niemanden gehen! wollte ihm Christian Fürchtegott ©eitert wild in das Ge cht schreien und seiner Tollheit mit einem Sprung durch ZmSzü"LK LLert°die blinken sah wie gläserne Kugeln; aber so artig, dachte ich nicht, daß er ^Wieder war^eine^Pause, und eine Frage hätte wohl Z°it gehabh -L« »L-MZLSL Efe srs sä ” Ss wagt, fonfi war« L«idasg«f'tall hindern tonnte, WUWch-KMZ ZZZZWWE« fJÄ & fiWlSIÄX Ä ml™ SKnilt «* e» iAurch Berge von Arbeit gegangen - er fing wiener an, durchs Zimmer LWÄEWWMMZ Weltraum gehängt, daßmeme ouhe nicht Gestein lagen; MLMMZZML iS einen WAter- und Sturmwarnungsdienst überhaupt. „ . huunen I Ein Vorgang größten historischen Ausmaßes, bcr ,"n*^. Ä^che | zum Wetter ausweist, drängt sich dem Leser von selbst aus, der ruU kchhab7dadrinn^chchefem ttemd^nn^geswnden und^durch^ 8WWLMMW- MZWWS i^n in hi<> Hände Swedenborgs eine Macht käme, t ich sehe nur, was ich glaube! sah er das redende Ungetüm an. Und würdet Ihr raten, von wem, Herr Magister? triumphierte der Schwede und legte die Hand auf seine Schulter; doch schien es der Ain- wort nicht zu bedürfen. Denkt Euch, mein Herr, sagte er innig ihm seinen Blick in die Augen, denkt Euch, Magister, Strait Ihr da fortgehen fahrt! Anekdote von Wilhelm Schäfer. --5VW-MW-WWZ 'auf d n Stnhl neben der Tür zum inneren Znmner --en ihm der !Owner -M-M-WMDStz- MWMMMMÄ LL Ä" S SS d^WAWZM^ksLZ Als das ^eiSlTbTetunbe'unt. mehr unausgesetzt fortgin0 mtrner MLMMMM «LZ M8KMZW $Ursffiiir‘aber war der Magister erstaunt, als Swedenborg selber heraus- kam den er E Bildnisstn kannte. Laust er dem Römer endlich davon dachte er nochckdem er aussprang und sich chrfurcht^; venieigte Aber ZS SL'-Z L 5ÄÄ5Ä S =* “?SLSÄÄ-tW» »Mn 1g ÄffiTÄ I£ä « s ® seiner Stimme noch in seinen Mienen ging,.e‘ne ®eranbenmg Dor als ÄW'Ä SÄÄ* WSSfiA U e‘Ä‘Ä-.l««nM« »> -U,-»L« konnte nur nicken, ein Wort zu würgen, vermochte er nicht, und angstvou Das Fräulein von Seubert, Von E. T. A. Hoffmann. (Fortsetzung.) Bedrängt von den widersprechendsten Gefühlen, ganz auger r es mr Scuderi: Welcher Geist der Hölle hat mich m die entsetzliche Geschichte verwickelt, die mir das Leben kosten wird! — 3n dem Augenblick trat Baptist« hinein, bleich und erschrocken, mit der Nachricht, daß Desgrais draußen sei. Seit dem abscheulichen Prozeß der la Voism war Desgrais Erscheinung in einem Hause der gewisse Vorbote irgendeiner peinlichen Anklage, daher kam Baptistes Schreck, deshalb fragte ihn das Fraulein mit mildem Lächeln: Was ist dir, Baptist«? Nicht wahr? Der Name Scuderi befand sich auf der Liste der la Voisin? Ach um Christus willen, erwiderte Baptiste, am ganzen Leibe zitternd, wie mögt Ihr nur so etwas aussprechen, aber Desgrais — der entsetzliche Desgrais tut so geheimnisvoll, so dringend, er scheint es gar nicht erwarten zu können, Euch zu feben ’ __ Nun, sagte die Scuderi, nun Baptiste, so fuhrt ihn nur gleich herein den Menschen, der Euch so fürchterlich ist, und der mir wenigstens keine Besorgnis erregen kann. — Der Präsident, sagte Desgrais, als er ins Gemach getreten, der Präsident la Regnie schickt mich zu Euch, mein Fräulein, mit einer Bitte, auf deren Erfüllung er gar nicht hoffen wurde, kennte er nicht Eure Tugend, Euern Mut, läge mcht das letzte Mitt«, eine böse Blutschuld an den Tag zu bringen, m Euren Händen, hättet Ihr nicht selbst schon teilgenommen an dem bösen Prozeß, der die Chambre Ardente, uns alle in Atem hält. Olivier Brusson, seitdem er Euch ge- sehen hat, ist halb rasend. So sehr er schon zum Bekenntms s'-h zu neigen schien, so schwört er doch jetzt aufs neue bei Christus und allen Heiligen, daß er an dem Morde Cardillacs ganz unschuldig fei, wiewohl er den Tod gern leiden wolle, den er verdient habe. Bemerkt, wem Fraulein. daß der letzte Zusatz offenbar auf andere Verbrechen deutet, die aus ihm lasten. Doch vergebens ist alle Muhe, nur em Wort weiter herE- zubringen, selbst die Drohung mit der Tortur hat nichts gefruchtet. Er fleht er beschwört uns, ihm eine Unterredung mit Euch zu verschaff«!. Euch nur, Euch allein will er alles gestehen. Laßt Euch herab, mein Fräulein, Brussons Bekenntnis zu hören. — Wie! rief die Scuderi ganz entrüstet, soll ich dem Blutgericht zum Organ dienen, soll 'ch das Ber. trauen des unglücklichen Menschen mißbrauchen, ihn aufs Mutgerustjju bringen? Nein, Desgrais! Mag Brusson auch ein vernichterMorbers«n, nie wär' es mir doch möglich, ihn so spitzbübisch zu h'ntergehen. Nichts mag ich von seinen Geheimnissen erfahren, ine wie «ne heilige BeMe in meiner Brust verschlossen bleiben würden. — Vielleicht, zersetzte Des- grate mit einem frtnen Lächeln, vielleicht, mein Fräulein, änbert sich Eure Gesinnung, wenn Ihr Brusson gehört habt. Batet Ihr d°n Präsidenten nicht selbst, er sollte menschlich sein? Er tut es, mdem er ^m törichten Verlangen Brussons nachgibt und so das letzte Mittel versucht, ehe er die Tortur verhängt, zu der Brusioni längst reif ist. — unwillkürlich zusammen. — Seht, fuhr Desgrais seht, würdige Dame, man wird Euch keineswegs zumuten, noch rmmal m iene flnsteren Ge- mächer zu treten, die Euch mit Grausen und Abscheu erfüllen. In der Stille der Nacht, ohne alles Aussehen bringt man Olivier roie einen freien Menschen zu Euch in Euer Haus Nicht einmal belauscht, doch wohl bewacht, mag er Euch bann zwanglos aller bekennen. Daß Ihr für Euch selbst nichts von dem Elenden zu fürchten habt, dafür stehe ... „„ lala Wohl hatte Napoleon vor Beginn des Zuges Meteorologen beträgt, bie ihm nur sagen konnten, daß — aller Wahr- ^nlickkeit nach - strenge Winterkälte erst mit dem Beginn des neuen tinfehen würde; wie man weiß, kam es, zum Verhangms der Armee anders; die Kälte brach wesentlich früher herein und be- ^^E"u-n"^u'iammenbruch*). Regengüsse spiellen in der Schlacht bei Grobbeeren 2e Hauptrolle; sie waren an der Katzbach Blüchers beste Mit dem Wetter hatte Napoleon überhaupt wenig G uck. Bei fhaerteer allzulang, den viel schwächeren Wellington an- 3xenn «r fürchtete den durch Regengüsse aufgewelchten Boden, ^ J^erbeiW gewann Blücher Zeit,. Wellington zu Hilfe zu kommen. Wüiterkätte hat di« Geschichte der skandinavischen Länder an einem'Wende- entscheidend beeinflußt. Schwedens König, K a r l X. Gustav, bei ofäüifdK Vetter ber Königin Christine, ber ihr nach ber Abdankmig 1654 auf bem schwedischen Thron gefolgt war, würbe von ber großen Ge- fabr einer gewaltigen feindlichen Koalition durch den eintretenden Winter «Et der ?hm erlaubte, einen kühnen Marsch über den SUgefrorenen Groben und Kleinen Belt anzutreten und seinen Feinden den Frieden von (1658) aufzuzwingen, der Schweden reichen Machtzuwachs etn- kr^ Uebe Re Schtecht btt Dunbar (1650) zwischen bem Parlamentsheer md den Anhängern Karls II. schreibt Oliver C r o m w e l l, der Führer der englischen Republikaner, die jener Schlacht keineswegs Mit Vertrauen entgegensahen, in seinen Auszeichnungen von der entscheidenden Wirkung einer Walte die der Herr durch seine Vorsehung über den Mond hatte kommenblassen" ein Umstand, der den Engländern glückliche Truppenver- fchiebungen erlaubte. . Eme nicht minder große Rolle in der Geschichte aller Zeiten spielten die Stürme des Meeres. Die spanische Armada, 130 rvohlausgerustete ßinllionen unter dem Admiral Medina Sidonia, wurde 1588 durch einen gewaltigen Sturm vernichtet. Englands Stern begann von dieser Stunde an zu steigen, die Macht des Königs, in dessen Landen kn« Sonne nicht unterging, war gebrochem Auch im englisch-hollandtzchen Krieg 1652/54 ber der Beginn der welthistorischen Auseinandersetzung zwischen dem saturierten Holland und dem zur Weltmacht bmporstrebenden England war, bewies das Wetter feine gewaltige Macht. Di« englische^ttlotte unter Blake und bie holländische unter Tramp stießen bei den Orkney- Inseln aufeinander. Ein Unwetter unterbrach bie Schlacht, entmaftete unb versenkte zahlreiche holländische Schiffe. Die Engländer verwüsteten bann bi« holländische Küste. Noch einmal hat em Taifun den Abstieg einer Weltmacht besiegelt: als sich die Mongolen ganz Asien untertan gemacht hatten, unb bis an die Ostgrenzen des Deutschen Reiches und bis Aegypten vor- gedrungen waren, fuhren dreieinhalbtausend Schiffe unter Chublai Cha n gegen Japan aus, um das Reich ber ausgehenden Sonne 3« unter« roerfen. Ein gewaltiger Taifun brach aus, vernichtete die Flotte der Eroberer vollständig, rettete Japan und gab das Zeichen, daß die Zett des mongolischen Reiches erfüllt war. Aber nicht nur Sturme, son^rn auch ihr Gegenteil können große Ergebnisse zur tfolg« haben. Als Cab ra Afrika umfahren wollte, um nach Indien zu gelangen, fuhrer, als er den Windstillen bei Guinea ausweichen wollte, zu scharf nachs Westen und. erblickte plötzlich zu seiner größten Ueberraschung Land: er hatte durch ernen Rufall Brasilien entdeckt. Aehnlichen Glucksumstanden ist die erste Ent deckung Australiens durch die Portugiesen im Jahr« 1526 zu verdanken, «wei portugiesische Schisse, deren eines von Malakka nach der Molukken- Insel Ternate Kurs genommen hatte, während das andere m entgegenge- fefeter Richtung fuhr, wurden durch den Monsun nach Neuguinea und den Prince of Wales-Inseln, unweit ber Küste Australiens, versckstagen. Wenn die Berichte über jene Fahrten auch sehr durstig sind, so darf man doch sagen, daß damals, vor 400 Jahren, die ersten Europäer nach dem fünften Erbteil tarnen, bank bem Sturm, ber ihre Schiffe aus ber Fahrtrichtung trieb! Ein Hagelwetter half die große Schlacht bei Lemberg am 24. August 1675 zugunsten ber Polen entscheiden, die unter der Führung des berühmten Johann S o b i e f t i eine achtfach« Uebermacht aufs Haupt schlugen. Alles stand an diesem Tage auf dem Spiel; die Türken waren m unaufhaltsamem Vordringen. Wohl war Sobieski und sein Heer den Os- manen überlegen; aber erst ein Hagelwetter brachte die Türken in Verwirrung und Auflösung. Sie verloren m dieser Schlacht allein 15 000 Tote; die Besiegten flohen. Ganz Europa pries das Wunder des Ereignisses. . Die Sommerhitze, einer ber schlimmsten Feinde kämpfender Heere, hat zu allen Zeiten eine große Rolle gespielt; die Cmibernschlacht auf den Raubischen Feldern (101 v. Ehr.) und die Schlacht bei Kunersdorf wurden wesentlich von ihr beeinflußt. Auch eine Sonnenfinsternis ist emm°l h. v- rifch bedeutsam geworden; im Jahre 585 v. Ehr. hat sie die Schlacht inn den Krieg zwischen Persern und Medern beendet. Der unburchdringliche Nebel führte G u st a o 21 b o l f in ber Schlacht bei Lützen irre unb brachte ihm den Tod. Nebel begünstigte auch den Aufmarsch ber alüterten Preußen, Oesterreicher und Engländer gegen die Franzosen und Bayern in der Sdjladjt bei Höchstäbt unb Blenheim am 13. August 1704. Die anmarschie- renben Engländer unb Oesterreicher unter Marlborough unb Prinz Eugen konnten sich auf diese Weise den Blicken ber Franzosen entziehen, die den Gegner im Abmarsch auf Nördlingen wähnten. Auf diesen Um- ftanb ist nicht zuletzt der glänzende Sieg Marlboroughs und Eugens zu- rückzuführen. Auf das Konto des Wetters Ist zu fetzen, daß einmal Kavallerie — eine Flotte erobern konnte. Am 22. Januar 1795 gelang es holländischer Reiterei, den schmalen Meeresarm, ber die westfriesische Insel Texel vom Festland trennt, zu Pferde auf tragender Eisdecke zu überschreiten unb sich der vierzehn bei ber Insel eingefrorenen französischen Kriegsschiffe zu bemächtigen. Die Reiter hatten vor diesem Ritt über bas Eis die Hufe ihrer Pferde mit Stroh umwickelt unb kamen fo glücklich ans Ziel. Dieser Fall steht bann auch wohl einzig da in ber Kriegsgeschichte. *) Dem wiberspricht H e r t s l e t s „Treppenwitz ber Weltgeschichte" (16.Auflage, bearbeitet von Hans Helmolt, 1925), Seite275f. Ach, auf den ersten Blick hatte sie in Olivier Brusson den jungen Menschen erkannt, der auf dem Pontneuf jenes Blatt ihr ui den Wagen geworfen, der ihr das Kästchen mit den Juwelen gedracht hatte. Nun war ja jeder Zweifel gehoben, la Regmes schreckliche Vermutung ganz bestätigt. Olivier Brusson gehörte zu der fürchterlich Mordbande, gewiß ermordete er auch den Meister! Und Madelon? So bitter noch nie vom Innern Gefühl getäuscht, auf den Tod angepackt von der höllischen Macht auf Erden, an deren Dasein sie mdjt geglaubt oer. zweifelte die Scuderi an aller Wahrheit. Sie gab Raum dem entsetzlichen Verdacht, bah Mabelon mit verschworen unb teilhaben tonne «n der gräßlichen Blutschuld. Wie es denn geschieht, daß der menjchllche Geist, ist ihm ein Bild aufgegangen, emsig Farben sucht unb finbet, es greller unb greller auszumalen, so fand auch die Scuderi, jeden Umstand der Tat, Madelons Betragen in den kleinsten Zügen erwägend, gar vieles, jenen Verdacht zu nähren. So wurde manches, was ihr bisher als Beweis der Unschuld und Reinheit gegolten, sicheres Merkmal freventlicher Bosheit, studierter Heuchelei. Jener herzzerreißende Jammer, die^Tranen konnten wohl erpreßt fein von der Todesangst, nicht den Geliebten bluten zu feilen, nein — selbst zu fallen unter der Hand des Henkers. Gleich sich die Schlange, die sie am Busen nähre, vom Halse zu schaffen: nut diesem Entschluß stieg die Scuderi aus dem Wagen. In ihr Gemach emgetteten, warf Madelon sich ihr zu Füßen. Die Himmelsaugen, -'N Engel Gottes hat sie nicht treuer, zu ihr emporgeridjtet, die Hande vor der wallenden Brust zusammengefaltet, jammerte und flehte sie laut um Hilfe und Trost. Die Scuderi sich mühsam zusammenfassend, sprach, mbem sie bem Ton ihrer Stimme so viel Ernst unb Ruhe zu geben juchte als ihr mog ich. Geh geh, tröste bich nur über den Mörder, den bie gerechte Strafe feiner Schandtaten erwartet. Die heilige Jungfrau möge verhüten, daß nicht auf dir selbst eine Blutschuld schwer laste. — Ach, nun ist alles verloren! Mit diesem gellenden Ausrus stürzte Madelon ohnmächtig zu Boden. Die Scuderi überlieh die Sorge um bas Mäbchen ber Martmiere unb entfernte ich in ein anberes Gemach. .. ... Ganz zerrissen im Innern, entzweit nut allem^Jrbischen wünschte die Scuderi, nicht mehr in einer Welt voll höllischen Truges zu leben. Sie klagte das Verhängnis an, das in bittern Hohn ihr so viele Jahre ver- gönnt, ihren Glauben an Tugend unb Treue zu starken, nun m ihrem Alter das schöne Bilb vernichte, bas ihr im Leden geleuchtet. Sie vernahm, wie bie Martintere Madelon fortbrachte, die feife seufzte unb jammerte: Ach! — auch sie — auch sie haben bie Grausamen betört. __Ich Elenbe — armer, unglücklicher Olivier! — Die Tone drangen ber Scuderi ins Herz, und aufs neue regte sich aus dem tiefften Innern heraus bie Ahnung eines Geheimnisses, ber Glaube an Oliviers Unschuld. ------ widersprechendsten Gefühlen, ganz außer sich rief bie Seist ber Hölle hat mich in bie entsetzliche Geschichte ich Euch mit meinem Leben ein. Ei spricht von Euch mit inbrünstiger Verehrung. Er schwört, daß nur das düstere Verhängnis, das ihm verwehrt hab«, Euch früher zu sehen, ihn in den Tod gestürzt. Und dann steht es ja bei Euch, von dein, was Euch Brusson entdeckt, soviel zu sagen, als Euch beliebt. Kann man Euch zu mehrerem zwingen? Die Scuderi sah tief sinnend vor sich nieder. Es war ihr, als müsse sie der höheren Macht gehorchen, die den Ausschluß irgendeines entsetzlichen Geheimnisses von ihr verlange, als könne sie sich nicht mehr den wunderbaren Verschlingungen entziehen, in die sie willenlos geraten. Plötzlich entschlossen, sagte sie mit Wurde: Gott wird mir Fassung und Standhaftigkeit geben; führt den Brusson her, ich will ihn sprechen. So wie damals, als Brusson das Kästchen brachte, wurde um Mitternacht an die Haustür der Scuderi gepocht. Baptifte, von dem nächtlichen Besuch unterrichtet, öffnete. Eiskalter Schauer überlief die Scuderi, als sie an den leisen Tritten, an dem dumpfen Gemurmel wahrnahm, daß die Wächter, die den Brusson gebracht, sich in den Gängen des Hauses verteilten. Endlich ging leise die Tür des Gemaches auf. Desgrais trat herein, hinter ihm Olivier Brusson, fesselfrei, in anständigen Kleidern. Hier ist, sagt« Desgrais, sich ehrerbietig verneigend, hier ist Brusson, mein würdiges Fräuleini und verließ das Zimmer. Brusson sank vor der Scuderi nieder auf beide Knie, flehend erhob er die gefalteten Hände, indem häufige Tränen ihm aus den Augen rannen. Die Scuderi schaute erblaßt, keines Wortes mächtig, auf ihn herab. Selbst bei den entstellten, ja durch Gram, durch grimmen Schmerz verzerrten Zügen strahlte der reine Ausdruck des treuesten Gemüts aus dem Jünglingsantlitz. Je länger die Scuderi ihre Augen auf Brufsons Gesicht ruhen ließ, desto lebhafter trat die Erinnerung an irgendeine geliebte Person hervor, auf die sie sich nur nicht deutlich zu besinnen vermochte. Alle Schauer wichen von ihr, sie vergaß, daß Cardillacs Mörder vor ihr knie, sie sprach mit dem anmutigen Tone des ruhigen Wohlwollens, der ihr eigen: Nun, Brusson, was habt Ihr mir zu sagen? Dieser, noch immer kniend, seufzte auf vor tiefer, inbrünstiger Wehmut und sagte bann: Oh, mein würdiges, -mein hochverehrtes Fräulein, ist denn jede Spur der (Erinnerung an mich verflogen? — Die Scuderi, ihn noch aufmerksamer betrachtend, erwiderte, daß sie allerdings in seinen Zügen die Aehnlichkeit mit einer vor ihr geliebten Person gefunden, und daß er nur dieser Aehnlichkeit cs verdanke, wenn sie den tiefen Abscheu vor dem Mörder überwinde und ihn rtihig anhöre. — Brusson, schwer verletzt durch diese Worte, erhob sich schnell und trat, den finsteren Blick zu Boden gesenkt, einen Schritt zurück. Dann sprach er mit dumpfer Stimme: Habt Ihr denn Anne Guiot ganz vergessen? Ihr Sohn Olivier — der Knabe, den Ihr oft auf Euren Knien schaukeltet, ist es, der vor Euch steht. — O um aller Heiligen willen! rief die Scuderi, indem sie mit beiden Händen das Gesicht bedeckend in die Polster zurücksank. Das Fräulein hatte wohl Ursache genug, sich auf diese Weise zu entsetzen. Anne Guiot, die Tochter eines verarmten Bürgers, war von klein auf bei der Scuderi, die sie, wie die Mutter das liebe Kind, erzog mit aller Treu« und Sorgfalt. Als sie nun herangewachsen, fand sich ein hübscher, fittiger Jüngling, Claude Brusson geheißen, ein, der um das Mädchen warb. Da er nun ein grundgeschickter Uhrmacher war, der fein reichliches Brot in Paris finden mußte, Anne ihn auch herzlich liebge- monnen hatte, fo trug die Scuderi gar kein Bedenken, in die Heirat ihrer Pflegetochter einzuwilligen. Die jungen Leute richteten sich ein, lebten in stiller, glücklicher Häuslichkeit, und was den Liebesbund noch fester knüpfte, war die Geburt eines wunderschönen Knaben, der holden Mutter treues Ebenbild. Einen Abgott machte die Scuderi aus dem kleinen Olivier, den sie stunden-, tagelang der Mutter entriß, um ihn zu liebkosen, zu hätscheln. Daher kam es, daß der Junge sich ganz an sie gewöhnte, und ebensogern bei ihr war als bei der Mutier. Drei Jahre waren vorüber, als der Brotneid des Kunstgenossen Brufsons es dahin brachte, daß feine Arbeit mit jedem Tag abnahm, so daß er zuletzt kaum sich kümmerlich ernähren formte. Dazu kam die Sehnsucht nach seinem schönen, heimatlichen Genf, und so geschah es, daß die kleine Familie dorthin zog, des Widerstrebens der Scuderi, die alle nur mögliche Unterstützung versprach, unerachtet. Noch ein paarmal schrieb Anne an ihre Pflegemutter, dann schwieg sie. und diese muhte glauben, daß bas glückliche Leben in Brufsons Heimat das Andenken an die früher verlebten Tage nickst mehr aufkommen lasse. Es waren jetzt gerade dreiundzwanzig Jahre her, als Brusson mit seinem Weibe und Kinde Paris verlassen und nach Genf gezogen. O entsetzlich, rief die Scuderi, als sie sich einigermaßen wieder erholt hatte, o entsetzlich! Olivier bist du? — der Sohn meiner Sinne! Und fetzt! — Wohl, versetzte Olivier ruhig und gefaßt, wohl, mein würdiges Fräulein, hättet Ihr nimmermehr ahnen können, daß der Knabe, den Ihr wie die zärtlichste Mutter hätscheltet, dem Ihr, aus Eurem Schoß ihn schaukelnd, Näscherei auf Näscherei in den Mund stecktet, dem Ihr die süßesten Namen gabt, zum Jünglinge gereift dereinst vor Euch stehen würde, gräßlicher Blutschuld angeklagt! Ich bin nicht vorwurfsfrei, die Chambre Ardente kann mich mit Recht eines Verbrechens zeihen; aber, so wahr ich selig zu sterben hoffe, sei es auch durch des Henkers Hand, rein bin ich von jeder Blutschuld, nicht durch mich, nicht durch mein Verschulden fiel der unglückliche Cardillac! — Olivier geriet bei diesen Worten in ein Zittern und Schwanken. Stillschweigend wies die Scuderi auf einen kleinen Sessel, der Olivier zur Seite stand. Er lieh sich langfam nieder. Ich hatte Zeit genug, fing er an, mich auf öle Unterredung mit Euch, die ich als die letzte Guns! des versöhnten Himmels betrachte, vorzubereiten, und so viel Ruhe und Fassung zu gewinnen als nötig. Euch die Geschichte meines entsetzlichen, unerhörten Mißgeschicks zu erzählen. Erzeigt mir die Barmherzigkeit, mich ruhig anzuhören, so sehr Euch auch die Entdeckung eines Geheimnisses, das Ihr gewiß nicht geahnt, überraschen, ja mit Grausen erfüllen mag. Hätte mein armer Vater Paris doch niemals verlassen! So weit meine Erinnerung an Genf reicht, finde ich mich wieder, von den trostlosen Eltern mit Tränen benetzt, von ihrer Klagen, die ich nicht verstand, selbst zu Tränen gebracht. Spater tarn mir das deutliche Gefühl, das volle Bewußtsein des drückendsten Mangels, des tiefen (Slenbs, in dem meine Eltern lebten. Mein Vater fand sich in allen feinen Hoffnungen getäuscht. Von tiefem Gram niebergebei.gt, erdrückt, starb er in dem Augenblick, als es ihm gelungen war, mich bei einem Goldschmied als Lehrjunge unterzubringen. Meine Mutter sprach viel von Euch, sie wollte Euch alles klagen, aber bann überfiel sie die Mutlosigkeit, welche vom Elend erzeugt wird. Das und auch wohl falsch« Scham, die oft an dem todwunden Gemüt« nagt, hielt sie von ihrem Ent- schluh zurück. Wenige Monden nach dem Tode meines Vaters folgte ihm meine Mutter ins Grab. — Arme Sinne, arme Sinne! rief die Scuderi von Schmerz überwältigt. — Dank und Preis der ewigen Macht bes Himmels, daß sie hinüber ist, und nicht fallen sieht den geliebten Sohr unter der Hand des Henkers, mit Schande gebrandmarkt. So schrie Olivier laut auf, indem er einen wilden, entsetzlichen Blick in die Höhe warf. Ei wurde draußen unruhig, man ging hin und her. Ho, ho, sagte Olivier mit einem bittern Lächeln, Desgrais weckt seine Spießgesellen, als ot ich hier entfliehen könnte. Doch weiter! Ich wurde von meinem Meister hart gehalten, unerachtet ich bald am besten arbeitete, jawohl endlich beg Meister weit übertraf. Es begab sich, daß ein Fremder in unsere Werkstatt kam, um einiges Geschmeide zu kaufen. Ws er nun einen schöne» Halsschmuck sah, den ich gearbeitet, klopfte er mir mit freundlicher Mien« auf die Schulter, indem er, den Schmuck beäugelnd, sprach: Ei, ei, mein junger Freund, das ist ja ganz vortreffliche Arbeit. Ich wüßte in der Tal nicht, wer Euch noch anders übertreffen füllte, als Rens Cardillac, bet freilich der erste Goldschmied ist, den es auf der Welt gibt. Zu dem sollte! Ihr hingehen; mit Freuden nimmt er Euch in seine Werkstatt, denn nut Ihr könnt ihm beistehen in seiner kunstvollen Arbeit, und nur von ihm allein könnt Ihr dagegen noch lernen. Die Worte des Fremden waren tief in meine Seele gefallen. Ich hatte feine Ruhe mehr in Genf, muh zog es fort mit Gewalt. Endlich gelang es mir, mich von meinem Meister loszumachen. Ich kam nach Paris. Reu« Cardillac empfing mich falt und barsch. Ich ließ nicht nach, er mußte mir Arbeit geben, so geringfügig fit auch sein mochte. Ich sollte einen kleinen Ring fertigen. Als ich ihm dic Arbeit brachte, sah er mich starr an mit feinen funkelnden Augen, all wollte er hineinfchauen in mein Innerstes. Dann sagte er: Du bist ei» tüchtiger, wackerer Geselle, du kannst zu mir ziehen und mir Helsen in bet Werkstatt. Ich zahle dir gut, du wirst mit mir zufrieden fein. Cardillac hielt Wort. Schon mehrere Wochen war ich bei ihm, ohne Madelon gesehen zu haben, die, irr’ ich nicht, auf dem Lande bei irgendeiner Muhmc Cardillacs damals sich aufhielt. Endlich kam sie. O du eroige Macht bei Himmels, wie geschah mir, als ich das Engelsbild sah! Hat je ein Mensch fo geliebt als ich? Und nun! O Madelon! Olivier konnte vor Wehmut nicht weiter sprechen. Er hielt beide Händl' vors Gesicht und schluchzte heftig. Endlich mit Gewalt den wilden Schmerz der ihn erfaßt, niederkämpsend, sprach er weiter. Madelon blickte mich an mit freundlichen Singen. Sie kam öfter und öfter in die Werkstatt. Mit Entzücken gewahrte ich ihre Liebe. So ftren, der Vater uns bewachte, mancher verstohlene Hänbedruck galt als Zeichen des geschlossenen Bundes, Cardillac schien nichts zu merken. Ich gedacht hätte ich erst seine Gunst gewonnen und könnte ich die Meisterschaft erlangen, um Madelon zu werben. Eines Morgens, als ich meine Arbeit beginnen wollte, trat Cardillac vor mich hin, Zorn und Verachtung int finstern Blick. Ich bedarf deiner Arbeit nicht mehr, fing er an, fort am dem Haufe noch in dieser Stunde, und laß dich nie mehr vor meinen Augen sehen. Warum ich dich hier nicht mehr dulden kann, brauche ich dic nicht zu sagen. Für dich armen Schlucker hängt die süße Frucht zu hoch nach der du trachtest! Ich wollte reden, er packte mich aber mit starker Faust und warf mich zur Tür hinaus, daß ich niederstürzte und mich hart verwundete an Kopf und Arm. Empört, zerriffen von grimmem Schmerz verließ ich das Haus, und fand endlich am äußersten Ende der Dorstadt St. Martin einen gutmütigen Bekannten, der mich aufnahm in sein! Bodenkammer. Ich hatte keine Ruhe, keine Rast. Zur Nachtzeit umschlich ich Cardillacs Haus, wähnend, daß Madelon meine Seufzer, meine Klage« vernehmen, daß es ihr vielleicht gelingen werde, mich vom Fenster herab unbelauscht zu sprechen. Allerlei verworrene Pläne kreuzten in meinem Gehirn, zu deren Ausführung ich sie zu bereden hoffte. An Cardillac« Haus in der Straße Nicaife schließt sich eine hohe Mauer mit Blenden und alten halb zerstückelten Steinbilbem darin. Dicht bei einem solchen Steinbilde stehe ich in einer Nacht und sehe hinauf nach den Fenstern de« Hauses, die in den Hof gehen, den die Mauer einschließt. Da gewahre ich plötzlich Licht in Cardillacs Werkstatt. Cs ist Mitternacht, nie war sonst Cardillac zu dieser Stunde wach, er pflegte sich auf den Schlag neun Uhl zur Ruhe zu begeben. Mir pocht das Herz vor banger Ahnung, ich bentj an irgendein Ereignis, das mir vielleicht den (Eingang bahnt. Doch gleich verschwindet das Licht wieder. Ich drücke mich an das Steinbild, in dic Blende hinein, doch entsetzt pralle ich zurück, als ich einen Gegendrucl- fühle, als fei das Bild lebendig worden. In dem dämmernden Schimmer der Nacht gewahre ich nun, daß der Stein sich langsam dreht, und hinter demselben eine finstere Gestalt hervorschlüpft, die leisen Trittes die Straft hinabgeht. Ich springe an das Steinbild hinan, es steht wie zuvor dich! an der Mauer. Unwillkürlich, wie von einer Innern Macht getrieben, schleiche ich hinter der Gestalt her. Gerade bei einem Marienbilde schau! die Gestalt sich um, der volle Schein der hellen Lampe, die vor bem Bilde brennt, fällt ihr ins Antlitz. Es ist Cardillac! Eine unbefchreibllchi Angst, ein unheimliches Grauen überfällt mich. Wie durch Zauber fesche- bannt, muß ich fort — nach dem gespenstischen Nachtwanderer. Dafür haw ich den Meister, unerachtet nicht die Zeit des Vollmondes ist, in der solcher Spuk die.Schlafenden betört. Endlich verschwindet Cardillac seitwärts t« dem tiefen Schatten. An einem kleinen wiewohl bekannten Räuspern 8^ wahre ich inbeffen, daß er in die Einfahrt eines Hauses getreten ist. W-u bedeutet bas, was wird er beginnen? So frage ich mich selbst voll Ek> staunen, und drücke mich dicht an die Häuser. (Fortsetzung folgt ) _ Verantwortlich: Ur. Hans Thyrlot. — Druck und Verlag: Vrühl'fche UniversitätS-Vuch. und Gteindruckeret, 9t Lange, Gießen.