I-Hrgang <928 Dienstag, den 20. November Nummer 95 konnte e treu geblieben ist. Und, ein : der Weltruhm konnte sie liest die Dich- . Prinz Eugen, Lehrerinnenberuf auf- versuchen, ganz ihrem der Novelle vom Ball auf Bon Abschieds von i~" fiork ä ,1 ’“ue> 1111 vruyjayr 100a nocy tm «ssmmar JJ-' Heldenverehrung und das Heldische in der Geschichte": „Beim Duffnnuler leidenschaftlichen Blätter, dieser Sätze, hinausgeschleudert mit afhnrPvV Eroft, dieser Bildersprache, von den vier Enden der Welt Dort lebte sie mit ihrer Mutter bis zu deren Tode im Jahre 1915 im alten Haus; an dessen Statt hat sie nun, da es baufällig geworden w^r als ®U‘sf>T errichtet. Hier wirkt sie als Gutsherrin al® ' gliche Dichterin Schwedens, die als einzige Frau unter die nAi. Akademiker ausgenommen und ins Nobelpreiskomitee beru^n dickter'iicken^u'n^^^^^aufgesucht von der ganzen Welt, schaffend am ?..^lrrifchen und am Liebeswerk ihres Lebens- ein mütterlirber Selma Laaerlöf. 3» ihrem 70. Geburtstage. Von Hanns Martin Elster. ds nicht merkwürdig daß es uns in dem Augenblick, da wir dis a Lagerlöfs Leben, Wesen und Werk xu fetern, fast sinnlos dunkt, von ihrem Menschentum und Schaffen zu ipr-chen- meii ja doch völliges Eigentum jedes Deutschen sind der £ Dichtungen liest? Merkwürdig auch, weil das Enrp- nicht täuscht: die Kunst dieser Erzählerin ist so Eltverstandliches Eigentum geworden, daß man wirklich nicht mehr und ml311 mC5 Wort von Schiller in lebendiger Ab- unser. Größeren Lohn kann kein Dichter zu seinen Lebzeiten erhalten, als so völlig unser zu werden, in unser Leben läMfMn3 ?i"zugehen, wie die ewig gegenwärtige Volkspoesie. Die Lager- .1° unser, weil sie das Herz eines Volkstums und Volkspoesie Abst ist, Stimme eines Volkes und reinstes Gefühl eines reinen Menschentums und dadurch Stimme Gottes ... Eser Aussprüche, gebieterisch und drohend wie die der biblischen ah In- ' "sebte ich das seltsame Empfindeir, in mir etwas Verwandtes ermnrf.» n" vermögen, das im Unterbewußtsein geschlummert hatte, «rn??» 1U*P, Leben, und ich hatte das deutliche Gefühl, daß ich solche £on\?U$ iehreiben könnte." So fand sie zum Stoff den dazugehörigen u. nun war der Durchbruch möglich. Schon das kränkliche Kind des Leutnants und Gutsbesitzers Laqerlöf sÄ, kleinen Hof Marbacka im Värmland fühlte dumpf in sich die Sehnsucht, selbst einmal so schön erzählen zu können, wie die Groß- mutter, die ihr in den Jahren des Gelähmtseins, während sie von den »pieien mit ihren Brudern oder der jüngeren Schwester ausgeschlossen m^' J0 weck und anschaulich alle Sagen, Märchen und abergläubischen N°"iasien der Heimat erzählte. Und als sie selbst, wieder gesund, keine Schule besuchend, einmal hineinsah in die wirkliche Welt, da verschlug ^fitden Atem, diese Wirklichkeit zu durchtränken mit dem r b f Gesichte und Empfindungen. Sie versuchte es vorerst mit fhmLen:c-6od) tonntl deren konventionelle Art nur die Aufmerksamkeit nuger Frauen ^iiin die Frauenzeitschrift „Dagny" auf sie lenken, freilich schon im glücklichen Schickjalsauftrieb. Man riet ihr, ihre Bildung zu erweitern, Lehrerin zu werden. Und sie stürzte sich mit brennendem Eifer für die ganze Welt! In mehr ul= t lörer Bucher übersetzt, in Millionen von Banden sind sie über 'di'e 'SrL d überall, wo sie gelesen werden säen sie Güie Wirf?51 östliche Weltanschauung und Gottesinnigkeit' sT Löglichl "" .ft!Ue ,nirqctnö bei einem Kulturvolk; die Phantasie die Erde und Himmel umspannt und hinter die Grenzen der Vernunft bÄr -M eJ1^n'a 1 h"6? P'rdverbundsnen Daseins, das noch die Ruhe Litern Lehrerin zu werden. Und sie stürzte sich mit brennendem Eifer I wie in kaum eUlemS(^meinteVßnn&VlUtU9Bc^tkln(s ’n7hLKcheJ°2ties"f»recbcr ward^ ^^^"dium in Stockholm, loste sich von der Heimat los, des Wesenhaften anerkennt. Doch über dies Künstlerisch/ hinaus ® ru n b 8 on3 i 9 fahrige, Lehrerin, die die Herzen der Kinder I zuletzt der Gehalt, der gerade wieder bei der Laqerlöf beweist hn6 »r saust ä (Ä.TXÄ •*" ihrl Ueberlieferungen ihrer Heimat um Gösta Berling schon als den Ekeby sicher folgen wirgespannt dem Weg UOn .klbm firfhLÄ...1™ ^M^noch im Seminar Carlyles | zum Morgenland im Ro.nan „Jerusalem^ und zw/ife los vE ims"die Fortsetzung von Gösta Berling", „Liljecronas Heimat" auch stofflick ebenso ww die Erinnerungen an „Marbacka" (1922) oder die Romane UmflrkT "^!n9 des Generals (1925) oder „Charlotte Löwenfkjöld" (1926'' Aber was uns innerlich festhält und für immer bindet, ist nicht dieser äußere Stost, ist vielmehr der Wefensgehalt, ist die Unterströmung ni! sich durch Stoff und Ton als Melodie der Ewigkeit hindurchzieht. Gs ifi die Stimme Gottes, die in Selma Lagerlöfs Schaffen tönt3 Kunst und mfr'hi0? i!tu t Knirstwerk iinmer eine Einheit. Hier erleben wir die seltene Tatsache, daß sich zu dieser Einest auch noch das Volks- lirh^.inf^h rbesU' /!■'« fSon..ein ™e,3d’er‘uItcr hindurch, selbstverständ- hffl dunkt, daß d,e Gosta-Berlmg-Saga oder die Christus-Legenden, daß nhpr ft"berbQrre ^*1? bes kleinen Nils Holgsrson mit den Wildgänsen ober Herrn Arnes Schatz und wie immer ihre warmen, lieben Bücher MJ™3 w uns wohnen, war es einstmals nicht. Auch hier war titoe^ 2öbehc9BerbenS °°r bie Schöpfung gesetzt. Doch war es ein orga- An Selma Lagerlöf. Von Otto S t ö ß l. Jede Fülle klingt aus jeder Nähe: Erdbeben — Gottesgesang. Dieses Einfachste weißt D u : Schwer ist's, Mensch sein! Du hörst, wie das Dunkle nach Licht ruft. Du siehst, wie die Sonne Nach den Schattenklüften verlangt. Zwischen Tiefen und Höh'n Trägst D u, singenden Fluges Die Botschaft, Lerche, dein Silberton Wirft dem Glanz des Himmels Ruf und Blüte der Erde zurück, Sehnsucht und Antwort. GietzenerLamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Lehrerin in Lcmdskrona versuchte sie sich an thrpr N°°°-l- Ball auf Borg LVÄ der'Vf- ÄtÄiÄSSte&r u.iisuw& IRQ?6?» er? Georg Brandes an Hand der dänischen Slusaabe von -SMMMM T-il-n'i /s ^ ^^re Bildung erweitern und versuchen, ganz ihrem Bande" 3 beutle" noA geschriebene Novellenband "unsichtbare A essg*JÄ srs Schnf,en und Leben nicht beeinflussen Sie wurde Arnar unabhängig, verließ Landskrona zog mst der Mut7er na^aG» d.e verheiratete Schwester lebte.' reiste quer durch d7e WAt ^wohi'n 7s sie zog, und konnte sich, als sie 1909 den Nobelpreis erhielt hi» fvrj»na 3utauefen°nnCn' 3l,qentli,eimnt- das väterliche Gut Marbacka^zurück- aus Die alte Dame mit der silberweißen Haarkrone über dem kraftvollen Gesicht lehnte sich ein wenig ermüdet In den Schreibiischsessel zurück. Gewiß, ein schöner Tag — wenn er auch ein wenig anstrengend war, dieser siebzigste Geburtstag. Alle waren sie herbeigeeilt ober hatten Gruße aelckickt. die einst mit ihr gekämpft und gesucht, gelitten und gejubelt GeburtstQgsbesuch bei Selma Lagerlös Bon Dr. Bertha Badt-Strauh. Ium hinzufindet. So wird Selma Lagerlöss Epik zum Mythos: zum Mythos der herrlichen „Chriftuslegenden", zum Mythos der Gottesliebe, Ker Heimatliebe, der Menschenliebe. Und so künden ihre Werke die Liebe Gottes zu den Menschen wie die Liebe der Menschen zu Gott. So sind ihre Werke nur dazu geschaffen, diese Liebe auf edelste Weise überall erblühen zu machen: zum Segen des Seins zum Lobpreise Gottes. Das Geheimnis des Wohnens von Selma Lagerlös im Herzen der Menschheit findet in diesem Mittelpunkte, in diesem lebten Sinn und Trieb ihres Schaffens feine endgültige Deutung. Damit aber auch an alle Leser die Verpflichtung des Dankes und der Nachfolge im Geiste und in der Wirklichkeit. Der „Göftcr Verling" als LsbensWerk. Von Vörries Freiherrn v. Münchhausen. geschickt, die einst mit ihr gekämpft und gesucht, gelitten und geh hatten: da war Gurli Linder, die Genossin in Freud und Leid dem langvergessenen Lehrerinnenseminar; von ihrem Landsitz kam Bal- borg O l a n d e r, die getreue Mitarbeiterin ihrer frühen Dichteriahre; vor allem Schwester Gerda aus Falun, die treuste der treuen ... Nur eine fehlte: Sophie — Sophie Elkan, ihre Lebensfreundin, die treue Begleiterin ihrer Reisen, die Führerin ins Land des Lebens aus dem Märchenreich ihrer Jugend ... .. .. Sie mochte wohl ein wenig geschlummert haben. Denn als sie die grauen Augen wieder aufschlug — mit jenem Blick, der immer in Sie Ferne schweifte, den ihre Freunde an ihr kannten, — wer stund vor ihr/ Zwei Schritte von ihr entfernt, leicht an den großen Schreibtisch gelehnt, stand Sophie, die alte Sophie Elkan, ganz wie sie ihr vertraut war: Den Schildpattkamm in*, lockigen Haar, die Schleife am Kleid, dre Perlenkette — wie erkannte sie alles wieder! , . .. ... „Sophie, wo kommst du her?" rief sie verwundert aus. -Habich dich doch mehr als sieben Jahre nicht gesehen. Hob ichs geträumt, daß du toi bist ? Oder bist du wieder gekommen ... zu mir? , Ja, glaubtest du denn, Selma Lagerlos, ich wurde mein Wort brechen? Weißt du nicht, wie wir einander gelobt haben, beieinander zu bleiben in alle Ewigkeit? Und wenn es uns vergönnt sei, auch dann noch an Freud und Leid des anderen teilzunehmen, wenn Leben oder Tod uns voneinander trennten? Denn wir wußten ,a: keines könnt völlig sroh [ein, wenn ihm das andere fehlte ... Darum wußte ich hm zu dir kommen; gerabfo wie Mamsell Maja Lisa damals zur Horhzeit von Britta kommen mußte — du weißt es wohl. Aber ick muß sagen — leicht machtest du es mir nicht, zu dir hinzu- sinden. Weiht du, daß ich in Landskrona suchte, wo ich dich vor Zeiten zuerst kennenlernte — als eine arme kleine Lehrerin, ein rechtes häßliches Entlein: kein Mensch, nicht einmal die tüchtige Eva Fryxell konnte damals deinen zahlreichen Sonetten zum Drucke verhelfen. Dann bin ich nach Falun gewandert, nach dem Heinen H°us hinter den Bäumen, wo ich dich und deine Frau Mutter so oft beacht habe auch vergeblich. Und nun find ich dich nicht in Landskrona und nicht w Falun, sondern in Marbacka wieder, der alten Heimat deiner Ellern und wie hat sich hier alles verändert! Ich wußte ja wohl, du habest m i deinem Nobelpreis die alte Heimat zurückgekauft; aber .allzugenau em sann ich mich des Tages, als wir zwei das alte Haus einmal besucht ,^Jch ^weih °es "wohl." Selma ßagerlöf stützte den Kopf auf die Hand, Schwermut trat in die klaren Augen. Weißt du aber, daß ich mich nicht einmal hier zurechtfinde, in den Arbeitszimmer, wo wir sooft zusammensaßen? Wo ist der^ schone Mr mor, die Psyche aus Neapel, die wir von unserer Rei'e mitbrachten. un die immer auf deinem Arbeitstische zu stehen pflegte? Wo ist die W die daneben stand? Hier finde ich nur Bucher, und w.edmr Bucher r ö und gradlinig; mehr nach Rechnungsbuchern als nach Dichtermanuskrip sehen sie aus. Ein Glück, daß der vergoldete Ganseriry mit dem llc Niels noch am Ofen steht wie in alter Zeit; sonst hätte ich kaum 8^ daß ich bei meiner Märchenerzählerin eingekehrt bin. Ms ich dich da begehrten deine nimmermüden Augen die weite Welt zu sehen alle ihre Herrlichkeit: den Aetna wolltest du besteigen, den. wolltest du sehen in glühender Pracht; l«n Nil wolltest du A s gleiten; und über den Berg Libanon wolltest du fahren im Mond h — Jst's nicht ein weiter Weg von Jerusalem bis zum heu-uW". land, vom Toten Meere bis zum ausgetrockneten See von Mar „Ein weiter Weg gewiß — und dennoch kem Umweg! -rwM^^ Hausherrin langsam und nachdenklich, als mußte sie sich sewl v M schäft ziehen. „Denkst du noch dran, Sophie, was mir damals Aufopferung — man kann viele Zeilen von Eigenschaften aufschreiben, die gleich echt berlingfd) und echt schwedisch sind. — . Ein weiteres Kennzeichen aller Lebensbucher ist dies, daß sie in der Sprache de« Alltags geschrieben sind. Die klassischen Jamben der „Jphi. gerne" des „Tasso" hindern tatsächlich die Osmose solcher Werke durch die Seelen des deutschen Volkes, wogegen die uns natürliche Zurückziehung des Tones auf die Anfangssilbe, die Trochäen Wilhelm Buschs nicht an. ders als die „Knüppelverse" des Fausteingangs uns gleichwestg macht. Diese .Knüppelverse" nämlich, wie die hochmütigen klassischen Schulmeister sie genannt haben, sind das Allerfeinste, was wir in deutscher Sprache haben, sind eine nur im Deutschen mögliche Kunstform, in der die äußere und die innere Form in wunderbarer Einheitlichkeit zusammenklingen. So hat auch die größte Erzählerin unserer Tage eine Sprache ge- schrieben, die klar ist wie das Wasser ihrer großen Heimatseen. Selma Lagerlök schiebt lächelnd und ein wenig spöttisch die Sprachfatzkereien ihrer, unserer, Zeit von ihrem Arbeitstische hinunter, geradeso wie alle Genies zu allen Zeiten es taten. Gewiß bildet sich die Sprache im Munde aller großen Dichter leise weiter, aber nur in heimlichem Wachstum, nicht tn trampfiger Effekthascherei. Ist es nicht ganz erstaunlich, wie die von den Völkern aller Erdteile vergötterte Dichterin, die die gelesenste Dichterin unseres Jahrhunderts, deren Werke in dreißig Sprachen übersetzt sind, so schlicht schreibt, daß jedes ihrer Werke von einem Kinde verstanden wer. Den kann! < ■ „ . - , Die Welt ist glücklicher gemorccn durch das Werk der Selma Lagerlös Und b e s s e r ist die Welt geworden durch ihr stilles, edeles und feines Werk. Sie war niemals Zweckdichterin und doch ist sie eine bet Führefinnen unserer Zeit. Möchten die atmen Rekordhetzer unserer Tage von dem großen Leuchten dieses Lebenswerkes ein wenig Haltung, ein wenig echte Freunde, ein wenig Vertiefung lernen! Fast alle Dichter, auch die größten unter ihnen, haben e i n Werk geschaffen, das wie der hellste Lichtfunken eines Kristalls die Summe aller leuchtenden Flächen ihres Wesens zu enthalten scheint. Man spricht vom Hauptwerk, — aber das ist ein Wort, das allzu sehr am Aeutzerlichen heftet und ein Werturteil ausspricht, das nicht unbedingt richtig zu fern braucht. Rur das bekannteste Werk ist es zumeist, und das ist wunderlich, denn es ist durchaus nicht immer das beste — „Götz ß „Taffo , „Iphigenie" sind in sich vollkommener als der. „Faust". . Man spricht vom Lebenswerk, und das ist schon bester, da in diesem Buche meist mehr von der Gestalt des Dichters eingefangen ift als in allen anderen. Aber das Werk braucht nicht wie der „Faust mi Verlaufe des ganzen Ledens geschrieben zu fein, der „Gösta Berling steht am Anfang, der „Don Quixote" in der Mitte, das --Verlorene Paradies" am Ende eines langen Dichterdaseins. Aber auch der hocyfte Ruhm umleuchtet nicht immer dies Werk eines Dichters, — der „Wertster übertraf an Wirkung die späteren Bücher Goethes, vor allem, wenn man die lawinenhaft wachsende Stoßkraft des durch sechs lange Jahrzehnte „gesteigerten Namens von diesen abzieht. Und doch würden wir den „Wer- ther" nie ein Lebenswerk nennen. — Selma Lagerlöf ist die Dichterin des „Gösta Berling" geworden, obgleich viele ihrer späteren künstlerisch geschlossener, einige packender sind, vielleicht auch dies ober jenes lebendiger als jenes Erstlingswerk ist. Trotz alledem wird niemand zweifeln, diesem Roman den Namen ihres Ledens- werkes zu geben. Das hat mancherlei Wurzeln, die nicht immer und nicht jedem bewußt zu sein brauchen. Es ist der Roman ihrer Jugend __ fast alle größten Romane sind in etwas Sugenoerinnerungen, und in Men selbstgeschriebenen Lebensbeschreibungen sind die ersten Kapitel die besten. Es ist der Roman ihrer Heimat — alle große Kunst ist heimatbedingt, so wenig sie in der.Heimatkunst" steckenbleiben kann und wird. Es ist der Roman ihrer Weltanschauung, dieser prachtvoll gesunden Anschauung von Leben und Menschen, in der es trotz aller Leidenschaft keine Unanständigkeit und trotz allen Aberglaubens keine Unwirklichkeit gibt. — Der Roman teilt ganz bestimmte Eigentümlichkeiten mit. anderen größeren und kleineren Lebenswerken. Es ist bei allen biejen, als ob ber Dichter nur dies eine Werk habe schaffen wollen, als ob er deshalb alles, was in ihm an Keimen zu Kunstwerken tag, in dies eine Beet gepflanzt habe. So ist eine fast überraschende Episodik eines der Kennzeichen solcher Bücher, sie bekommen etwas Mosackhaftes. Man kann aus dem „Ekkehard" fast ganz selbständige Novellen herauslösen (Audisax und Hadumuth, (Sappan), man kann Teile des „Faust" wie selbständige Dramen au;- führen, man kann aus Frenssens „Jörn Uhl" eine Dohnchensammlung herausheben, aus Jmmermanns Lebenswerk fast gewohnheitsmäßig immer nur einen Teil, den „Oberhof", abdrucken, aus dem „Rasenden Roland" ganz eigenlebenbige Stücke vorlesen. So stehen auch im „Gösta Berling" Teile, die ein ganz eigenes Leben zu haben scheinen, ja, man kann von diesem Werke fast sagen, daß es eine Rahmenerzählung mit eingelegten Bildern sei. • . __ - Diese Erscheinung zeigt aber nicht nur, wie oben gesagt, bah bei Dichter alle sein« Körner auf dasselbe Feld gesät hat, sondern auch, daß in der Rahmenerzählung etwas von seinem eigenen Leben, in Der Haupt- qeftalt etwas von seinem eigenen Blute lebt. Goethe w a r Faust, und dessen Schicksale alle sind mehr ober weniger durchsichtig seine, des Dich- te’-s Schicksale. Cervantes abenteuerliches Leben ist ebenso rose sein ausgezeichneter und edler Charakter in Don Quixote enthalten, und der wehmütige Spott, wie wenig bei all dem Edelmut für andere, schließlich für den Ritter selber herauskam, gibt einen der tiefsten Akkorde dieses Lebens- werkes. So ist auch die Lagerlös nicht nur geradezu verliebt m Gösta, nein sie ist selber ein Teil von ihm, so wie er ein Teil von ihr ist. Mir widersteht überaus das Herumschnüffeln in eines anderen Gentlemans geben, aber daß diese Frau in ihrer Seele des abgesetzten Pfarrers Schicksale erlebt hat, glaube ich sagen zu dürfen, ohne unritterlich zu sein. Das allein wurde aber dem Werke nicht seine beispielhafte — beispiellos beispielhafte! — Kraft geben. Wenn ein Volk in seiner Gesamtheit das Werk eines Dichters aufnimmt, so muß dies Werk immer auch ihm in wesentlichen Zügen gleichen. Nicht in allen, gewiß, auch nicht immer in der freundschaftlichsten Form. Aber das ist sicher: Nur wenn das Volk im Helden ein Paradigma, einen Ausbund seiner selbst sieht, asfimilieii es sich das Werk völlig, löer „Rasende Roland" ist der liebenswürdige weltkluge und abenteuerlichste Italiener um 1500, der „Don Quixote ist der ebele, phantastische, erlebnisburftige Spanier. Faust ist eben so ein Paradigma des Deutschen wie der Eulenspiegel ein anderes ist, — daß die Niederländer ihn ebenso vollständig übernehmen konnten wie den Reinecke Fuchs, belegt unsere nahe Verwandtschaft mit ihnen. Nie hatten etwa Italiener, gar Griechen, einen Eulenspiegel ober Reinecke in dieser Form sich einbilden, einlesen, einoerleiben können l— So „ist" auch Gösta Berling nicht nur Selma Lagerlos, sondern er ist auch gleichzeitig der Schwede, von denen jeher einzelne in >ym einen Bruder im Guten wie im Bösen zu erkennen glaubt. Seidjtmut, Trunk- liebe, Mitleid, Siiinensteude, Grübelsucht, Aberglauben, Schalkhaftigkeit, Neger in Jerusalem weissagte? Er ist von einem guten Stern geleitet worden, so wollte er sagen, der in reifen Jahren ausführen darf, wovon er als Kind geträumt hat. Das ist mein Schicksal gewesen, Sophie, das war mein Glück. Gewiß sind wir zum Aetna gepilgert, du und ich, und tauchten die Augen tief hinein in die glühende Schönheit Italiens. Aber im Kloster der Mönche von Aracoeli aus dem römifchen Felsen fand ich sie wieder, di« Legende vom Jesuskind, wie sie mir einst die Großmutter Lagerlös auf dem Sofa in der alten Eckstube erzählt hatte. Gewiß ritten wir auf den Libanon im Mondenschein. Aber wen fand ich dort? Die Bauern von Dalarne, die ausgezogen waren, um sich im Heiligen Lande die himmlische Heimat zu suchen. Und die Geschichte ihrer Pilgerfahrt wurde für mich zur Geschichte von Ingmars Rückkehr zur Heimat. So ging's auch mir, Sophie. Als ich heimkehrte aus der weiten Welt, von allen ihren Wundern und allen ihren Gefahren — erst dann fing ich an, durch meine Heimat zu reißen. Ganz Schweden habe ich durchstreift, von Lappland bis nach Schonen. Und die Wildgänse flogen mir zu Haupte n ..." „Ja, die Wildgänsc — gut, daß du mich an sie erinnerst", sagte die andere, die sich unterdessen gewandt einen Sitz aus dem Schreibtisch erobert halte. „Ihnen verdankst du es, daß ich hergesunden habe Immer vor mir her flogen sie, als wollten sie mir den Weg zeigen, manchmal so tief, als sollte ich sie greifen, manchmal so hoch, als wollten sie mich narren. Und weißt du, was sie riefen? Das sollst du auch noch hören. Erst aber sollst du wissen, daß noch einer mit mir kam: ein schlanker Mann mit hellen Augen, in denen es ab und zu wetterleuchtete wie von verstecktem Feuer und manchmal hell ausglomm wie von Hochzeitskerzen. Wenn er den Kops schüttelte, so lag allemal ein wirre Locke auf der hohen Stirn. „Wer bist du?" fragte ich ihn unumwunden. „Bist du etwa Gösta Berling, der viel Berusene? Oder Liljekrona, der Geiger? Oder Jan Oester, der Spielmann? Oder bist du gar der Leutnant Lagerlöf, von dem sie mir soviel erzählt hat, der die Bellmanschen Trinklieder so prächtig singen konnte wie kein anderer?" — „Laß gut sein, Sophie Elkan," sagte mein Begleiter lächelnd, „forsche nicht nach meinem Namen. Sie kennt mich wohl, zu der du gehst. Sage ihr, wenn du zu ihr kommst: Er, der immer bei ihr war, grüßt sie und segnet sie — und sagt ihr auch, sie soll den kleinen Zauberstab auf ihrem Tische zur Hand nehmen und die Heimat bamit durchwandern: dann wird auch ferner sich alles in Gold verwandeln, was sie damit berührt." „Was meinte er? was meinest du?" suhr das Geburtstagskind aus. „Ich glaube, er meinte dies hier", sagte Sophie Elkan und hielt mit zierlich spitzem Finger den Federhalter hoch. „Und nun will ich dir auch noch sagen, was die Wildgänse riefen, als sie über Marbacka flogen: Wie heißt der Hof? Wie heißt der Hof! rief Oie eine. Und die andere antwortete: Segens-Hos. Heuer wie im nächsten Jahr! Das Heinzeimännchen von Töreby. Boit Selma Lagerlöf. Ich weiß noch, wie ich einmal als Kind an einem alten Hof vorüberfuhr, von dem man wußte, daß es da ein Heinzelmännchen gab. Dieser Hof lag sehr einsam und unschön an einem flachen Seeufer. Es war kein Garten um das hohe, weiße Wohnhaus, nur ein paar verkrümmte Bäume standen da. Es war der reizloseste Ort, den ich je gesehen. Aber es schien ein reicher Hof zu fein. Die Wirtschaftsgebäude waren wohlgebaut und von großem Zuschnitt, und aus den Feldern stand die Saat so üppig, daß ich mich noch heute dessen entsinne. Das merkwürdigste war, die Ordnung zu sehen, die überall herrschte. Ich erinnere mich, daß wir ganz langsam vorbeisuhren, um zu sehen, wie gut die Gräben gezogen waren, wie schnurgerade die Wege liefen und wie fest die Brücken gebaut- waren. Niemand zweifelte daran, daß alles auf diesem Hofe des Heinzelmännchens wegen so war und daß di« Leute, die dort wohnten, an es glaubten. Aus Angst vor dem Heinzelmännchen durfte kein Strohhalm, kein Span auf dem Hofplatz herumliegen, darum war der Viehstall geputzt wie eine gute Stube, und die Felder waren wie Gartenbeete. Dieses Heinzelmännchen hatte es zu allen Zeiten auf dem Hofe gegeben, und aus allen Zeiten erzählte man sich Geschichten von ihm. Hier will ich eine berichten, die sich vor etwa zweihundert Jahren zugetragen haben mag. Es war in einer dunklen Herbstnacht, der Regen goß über die grauen Klotzwände, denn damals war der Herrenhof weder bretterverkleidet noch getüncht, und der Sturm peitschte alle Zweige des hohen Holzapfelbaums, der am Giebel stand, gegen den Dachfirst. Mitten im ärgsten Unwetter kam eine Eule geflogen. Sie batte ihr Nest oben im Dachstuhl, auf einem der großen Böden und pflegte durch ein kleines Loch dicht unter der Dachrinne dort hineinzufliegen. Aber bevor sie noch die Luke finden konnte, packte sie der Wind, blähte ihr dichtes Federkleid auf, fo daß sie wie ein runder Ball aussah, und schlenderte sie ein paarmal gegen die Wand. Da gab der Vogel jeden weiteren Versuch auf, hereinzukommen. Anstatt dessen setzte er sich auf den Holzapfelbaum und schrie die ganze Nacht hindurch. Drinnen im Hause war es ganz stumm und still, aber aus dem Lichtschein, der durch die Spalten der Fensterläden rieselte, merkte man, daß die Hausbewohner noch nicht zu Bett gegangen waren. Hm und wieder hörte man Lärmen uitd lautes Lachen, gleich daraus wurde es wieder totenstill. Gegen elf Uhr nachts kam die alte Haushälterin des Gutshofs in den Flur hinaus, sie mar völlig angekleidet und trug ihre schweren Schlussel an dec Seite, von denen sie sich weder Tag noch Nacht trennen konnte. Die schwere Tür war mit vier verschiedenen Schlößern versperrt, und es dauerte geraume Zeit, bis die alte Frau sie öffnen konnte. Sowie sie einen Spalt aufgebracht hatte, war der Wind schon zur Stelle, schwang sie sperrangelweit auf, warf der Haushälterin einen ganzen Regenschauer ins Gesicht und wirbelte unter den Strohmatten des Hausflurs herum, i° daß sie sich krümmten wie die Schlangen. Die alte Frau schloß die Tür hinter sich zu und wanderte in die Nacht hinaus. Sie ging sehr rasch, wie von einer großen Angst gejagt, und murmelte unaufhörlich: „Der Herr bewahre uns! Der Herr bewahre uns!" Endlich kam sie zu dem Stallgebäude. Sie stieg die Bodentreppe hinaus, die klein und schmal war und sich an der Außenseite des Hauses entlang schlängelte, und blieb vor dem Türchen zum Heuboden stehen. Hinter dem Türchen schimmerte ein Lichtschein, und als die Haushälterin sich vorbeugte, konnte sie in ein kleines Stübchen sehen, dessen Wände mit Pferdegeschirr, Zügeln, Sätteln und Riemen behangen waren. Eigentlich war es gar keine Stube, sondern nur eine Abteilung des Heubodens. Das Heu quoll durch die undichten Bretterwände herein, und mitten auf dem Boden war eine große Klappe, durch die man in den Stall hinunterklettern konnte. Auf einem Bett in der Ecke faß der alte Gutskutscher. Der leuchtet« sich mit einem Kienspan und las in Gottes Wort Die Haushälterin pochte an, und der Kutscher kam und öffnete. Er begann sich sogleich zu entschuldigen, daß er bei offenem Licht dort auf dem Boden saß. Er schien zu glauben, daß sie eigens die Nacht hinaus- gegangen war, um ihn zu ermahnen, achtsam mit dem Feuer zu (ein. „Ich weiß schon, daß es gefährlich ist," sagte er, „aber ich meinte, es täte not, daß jemand in dieser Nacht in Gottes Wort lieft." Die alte Frau gab darauf keine Antwort. Der Kutscher saß da und sah sie an, bis der Schrecken, der auf ihr lastete, sich auch ihm mitteilte. Seine alten, matten Hände und feine zahnlosen Kinnladen begannen zu zittern. „Ist dir der Altvater begegnet?" fragte er flüsternd. Altvater, das war das Heinzelmännchen. Man kannte ihn dort unter keinem anderen Namen. „Rein," sagte die Haushälterin, „und vor dem Altvater würde ich mich wohl auch nicht fürchten. Er will uns nur wohl." „Dessen sollst du nicht so sicher Jein," sagte der Kutscher. „Er ist ein gar gestrenger Herr, und in letzter Zeit haben sich wohl allerhand Dinge aus dem Hose zugetragen, mit denen er nicht einverstanden war." „Wenn er so streng wäre, wie du glaubst, würde er den Rittmeister wohl nicht so hausen taffen, wie er es tut." Der Kutscher suchte sie zu beschwichtigen: „Du darfst doch nicht vergessen, daß du vom Herrn sprichst." „Ich kann darum doch nicht die Augen davor verschließen, daß er sich selbst und den Hof zugrunde richtet/' klagt« sie. „Der Herr Rittmeister ist nun einmal der Herr im Hanse. Wir sind nur feine armen Diener," wiederholte der Kutscher mit wichtiger Stimme. Aber plötzlich schlug die Stimme um, und er fragte in äußerster Angst: irS)at et nun wieder eine neue Tollheit ausgeheckt?" „Ich habe den ganzen Abend an der Speisesaaltür gestanden und gehört, wie er all sein Geld verspielt hat," sagte die Haushälterin und wiegte sich mit dem Oberkörper hin und her, wie sie da saß. „Als das Geld zu Enge ging, verspielte er Pferde und Kühe. Als es mit den Tieren zu Ende ging, begann er um den Hof zu spielen. Er setzt Kate um Kote, Wald um Wald, Weide um Weide, Acker um Acker und verliert alles miteinander." Der Kutscher hatte sich, als er dies hörte, halb von seinem Platz erhoben, so, als wollte er forteilen und all dies Unheil verhindern, dann setzte er sich in einem Gefühl der Ohnmacht wieder hin. „Der Rittmeister ist der Herr", sagte er. „Er kann mit dem, was sein ist, tun, was er will. Aber ich verstehe nicht, daß der Altoater sich nicht ins Spiel mischt." Er hält sich ja immer hier im Stalle auf, er weih wohl nicht, was sich drinnen zuträgt," sagte die Haushälterin. „Wer ift's denn, der heute nacht mit ihm spielt?" „Es ist der Hauptmann Duwe, er, der gewinnt, wie er nur die Würfel anrührt." „Der Kerl ist ebenso arm an Geld und Gut wi« an Herz und Gemüt", jagte der Kutscher nachdenklich. „Von ihm hat der Herr Rittmeister keine Barmherzigkeit zu erwarten." „Ich glaube, ich müßte den Verstand verlieren, wie ich fo dastand und ihnen zuhörte", sagte die Haushälterin, so unheimlich war es. Anfangs waren sie luftig, und unser gnädiger Herr lachte über alles, was er verspielte. Aber jetzt sind sie ganz still, nur wenn unser Rittmeister einen neuen Acker verloren hat, dann flucht er, und der andere lacht." Der alte Kutscher mumelte in sich hinein und las, aber er sprach keine Bibelworte aus. lieber feine zitternden Lippen kam nichts anderes als dies: „Kate um Kate. Wald um Wald, Weide um Weide, Acker um Acker." „Was hilft es, daß du liesest?", sagte die Haushälterin. „Wenn du ein ganzer Kerl wärest, so gingest du hinein und brächtest ihn im guten oder dösen dazu, aufzuhören, bevor er noch den ganzen Hof verspielt hat." „Ich habe lang genug in diesem Hause gedient, damit ich weiß, wie leicht es ist, einen Silsoerbrandt dazu zu bringen, mit etwas auszuhören, wenn er einmal im Zuge ist. Geradesogut könnt« ich versuchen, die Toten auszu wecken " „Ja, dies müßte auch genug sein, um feine Eltern aus dem Grabe zu wecken," sagte die Haushälterin. Der Kutscher schlug bas Buch zu. „Das ist das Schlimmste an der ganzen Sache, daß er nicht einsieht, daß es nicht angeht, auf diesem Hose ein solches Leben zu führen. Ich weiß noch, wie oft ich zu seinem seligen Vater sagte: ,@ebt Töreby nicht Herrn Henrik', sagte ich, ,er kann nie ein Herr nach Altvaters Sinn werden. Gebt es seinem Bruder, der ist gesetzt und ernst, und laßt Herrn Henrik einen Hof, der keine solche Verantwortung auferlegt.'" „Ja, jetzt fällt Töreby weder an Herrn Henrik noch an Herrn August. Jetzt kommt es an diesen Hauptmann Duwe, bis er es wieder an einen anderen verspielt." Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Llniversitäts-Duch- und Steindruckerei, SR. Lange, Gießen. Die alte Haushälterin merkte, wie die Augen des Heinzelmännchen» böse und gehässig zu funkeln begannen. Sie wollte schon die Scheibe «tnscklagen und ihrem Herrn zurusen, aus seiner Hut zu sein und kein Bündnis mit ihm einzugehen. Aber im selben Augenblick sah der Haus, geist mit einem furchtbaren Blick zu ihr auf. Sie blieb mäuschenstill und wagte keinen Finger zu rühren. Aber auch Silfverbrandt schien etwas Schreckliches an dem Heinzelmännchen gesehen zu haben. Er zog die Hand zurück und schien im Be- griffe, sich in den Saal zu begeben. Dann blieb er stehen. „Ich weiß nicht, warum ich dir etwys Böse« zutrauen soll, Altvater, du hast ja immer getreulich für dieses Hau« gesorgt," sagte er. „Du willst gewiß nur mein Bestes. So gib mir die Würfel her! Morgen mag es gehen, wie es will, wenn ich nur heul« nacht Dume ebenso arm machen kann, als er war, da er ehegestern in diesen Hausflur trat." Jni Augenblick darauf war Silfverbrandt wieder im Saale. „Jetzt bleibe ich aber nicht länger hier fitzen und höre mir dar Eulengeschcei und den Sturm an, ohne zu spielen," brach Duw« los. „Ich gehe jetzt zu Bette." „Willst du mir nicht noch zuerst diese Tanneninsel abgewinnen?' fragte Silfverbrandt, indem er sich am Spieltisch niederließ. Er nahm den kleinen Becher, in dem die Würfel lagen, und schüttelte sie. Dann spielten er und Duwe mehrere Stunden lang, aber Silfverbrandt gewann jedesmal. Unterdessen hörte das Unwetter auf, die Eule fand den Weg in ihr Nest, die alte Haushälterin mußte vor Müdigkeit ihr Lager aufsuchen, aber Silfverbrandt ging nicht zur Ruhe, ehe er nicht Acker um Acker, Weide um Weide, Wald um Wald, Kate um Kate zurückgewonnen hatte, so daß ganz Töreby wieder sein war. Ein prächtiger Morgen folgte dec Unwetternacht: hoher, blauer Himmel, frische Luft und ein spiegelnder klarer See. Die alte Haushälterin wurde zu ihrem Herrn hineingerufen, während dieser noch zu Bette lag. Als sie die Schlafkammertür öffnete, dünkte es ihr, daß etwas Kleine» und Grauens an ihr vorbeihuschte. Rittmeister Silfverbrandt lag sehr bleich drüben im Bette. „Hat Sie ihn gesehen?" fragte er. „Nein," sagte die Haushälterin aus alter Gewohnheit. Man glaubte, daß es dem Heinzelmännchen nicht recht war, wenn man sagte, daß man es gesehen hatte. „Es war der Altvater," sagte der Rittmeister. „Er ging gerade, al» Sie hereinkam. Er war hier drinnen und hat mit mir gewürfelt." Die Haushälterin stand da und starrte ihren Herrn an. „Altoater ist mit mir nicht recht zufrieden," sagte der Rittmeister. „Er will lieber, daß mein Bruder den Hof bekommt. Und Sie wünscht es sich vielleicht auch.' Der Rittmeister iah ganz sonderbar aus. Die alte Frau wußte nicht, was sie antworten sollte. „Ja, den alten Duwe habe ich ja doch vom Hof weggebracht," fuhr Silfverbrandt fort. „Ich wollte Altvater die Hilfe lohnen, indem ich.er hier auf dem Hofe so werden lieh, wie er es haben will, aber er hat kein rechtes Vertrauen zu mir. Er setzt so wunderliche Dinge im Spiel ein, dieser Kobold. Er ist ärger als Duwe." Die Haushälterin begann zu zittern und zu murmeln wie in der Nacht: „Der Herr bewahre uns!" Na, stehe Sie nicht so da, Menschenstind, und mache Sie kein so bekümmertes Gesicht," sagte Silfverbrandt, „spute Sie sich lieber und putze Sie mir meine Uniform! Poliere Sie das Bandelier, scheure Sie die Knöpfe und putze Sie die Flecken aus! Das Reitpferd soll auch mit dem besten Zaumzeug gesattelt werden." Die Haushälterin sah ihren Herrn erstaunt an. Sie ging und kam sogleich mit der Uniform wieder. In einem solchen Hose wie Töreby gab es nichts, das nicht geputzt und gestriegelt, poliert und wohlgepfegt gewesen wäre. So stand denn Rittmeister Silfverbrandt auf, legte die blaue Uniform an, rückte den dreikantigen Hut auf dem Kopf zurecht, schnallte öen Säbel an die Seite und zog die langen Stulphandschuhe an. Er trat auf die Schwelle und sprang auf sein Pferd, das gesattelt draußen wartete. Zweimal ritt er rings um den Hof, dann schwenkte er zum See hinab, wo die lange Waschbrücke, die gerade vom Ufer wegragt, schon dazumal stand. Er sah so prächtig und stolz aus, wie er da ritt, daß alles Hausgesinde herauskam, um ihn anzusehen. Und der Kutscher und die Haushälterin sahen alle beide, wie das Heinzelmännchen sich zur Stalluke hinausbog und dem Gutshern nachsah. Als der Rittmeister zum Seeufer hinabkam, ritt er auf die Brücke hinaus. Er faß hoch und stolz im Sattel wie ein Held, und das Pferd ging mit kurzen, tanzenden Schritten. Als die Brücke zu Ende geritten war, entstand ein kurzer Kampf zwischen Reiter und Pferd. Das Pferd wollte wenden, aber Rittmeister Silfverbrandt zwang es mit Reitpeitsche und Sporen, weiterzugehen. Und mit einem hohen Sprung stürzte sich das Pferd in das Wasser. Alle, die auf dem Hose gestanden hatten, fingen nun an, zum Se« hinab zu laufen. Ader als sie hinkamen, waren Reiter und Pferd verschwunden. Sie waren sogleich untergegangen, ohne wieder auf den 2Bafferfpiege( hinaufzukommen. Die jungen Burschen sprangen in die Boote und ruderten auf den See hinaus. Alle sprachen durcheinander und suchten Rat und Hilst zu bringen, aber die alte Haushälterin blieb still. „Es nützt nichts,' jag» sie. „Das ist der Hausgeist. Er hat sein Leben an den Hausgeist verspielt, für die Hilfe, die er ihm heute nacht gebracht hat." s Als die TOenfdjen, bestürzt und entsetzt, zum Hofe zurückkehrten, stono das Heinzelmännchen von Töreby, allen sichtbar, in der Stalluke un winkte siegesstolz mit seiner roten Mütze. . Denn nun wußte es, daß Ordnung und Stille und ein ernstes vcoe wieder auf Töreby etnziehen mürbem _ Der Kutscher erhob sich entschlossen. Ec knöpfte seine Jacke zu und nahm den Kienspan aus dem Halter. Man sah deutlich, daß es seine Absicht war, zu gehen und zu versuchen, mit feinem Herrn zu sprechen. Aber als er den Kienspan hob, hielt er ihn so, daß ein Lichtschein auf die viereckige Oeffnung im Boden fiel, durch die er in den Stall hinunter $u klettern pflegte. Und nun sahen beide, der Kutscher wie die Haushälterin, daß auf der Leiter, die durch das Loch hervorragte, ein Heinzelmännchen stand. Es stand auf der obersten Staffel, klein und grau war es und trug Kniehosen und eine graue Jacke mit Silber« knöpfen. Es lauschte mit solcher Bestürzung und Verblüffung, daß es aussah, als fei es völlig versteinert. Kutscher und Haushälterin wandten sofort den Blick ab. Keines von ihnen verriet auch nur durch eine Miene, daß sie dos Heinzelmännchen gesehen hatten. „Ja, nun glaub' ich, ist's das beste, wenn mir alten Leute gehen und uns niederlegen," sagte der Kutscher in einem Ton, den er unbefangen zu machen suchte. „Du weißt, in diesem Hofe braucht man nachts nicht aufzubleiben, auch wenn ein Unglück zu erwarten wäre. Hier ist jemand, der wacht." „Ja, du hast recht. Hier ist einer, der wacht," sagte die Haushälterin unterwürfig. Ohne ein weiteres Wort nahm sie die Laterne vom Boden auf, kroch durch die Luke hinaus und verschwand über die Bodentreppe. Als die alte Frau ins Haus zurückkam, mar es ihre bestimmte Absicht, sich ungesäumt zur Ruhe zu legen. Denn einerseits mußte sie, daß unnötiges Nachtwachen dasjenige mar, was das Heinzelmännchen am wenigsten leiden mochte, andrerseits glaubte sie, daß es die Sache ohnehin in Ordnung bringen würde, nun es wußte, was auf dem Spiele stand. Aber sie hatte noch kaum mehr von sich gelegt als den schweren Schlüsselbund, da überkam sie eine so starke, Lust zu erfahren, wie es nun zwischen den Spielenden stand, daß sie sich wieder zur Speisesaaltür schlich. , „ Ms sie sich bückte und das Auge an das Schlüsselloch legte, sah sie, daß Rittmeister Silfverbrandt und Hauptmann Duwe noch am Spieltisch saßen. Der Rittmeister sah furchtbar müde und matt aus. Der Haushälterin wollte es scheinen, als hätte er sich in der kurzen Spanne Zett, die sie fortgewesen mar, völlig verändert. Kc mar nunmehr rneder schön, noch jung, noch stattlich, sondern gebleicht und verstört, mit Säcken unter den Augen, Runzeln auf der Stirn und tastenden Händen. Die Haushälterin hatte noch keine zrnei Minuten an der Speisesaaltüre gelauscht, als Silfverbrandt den Stuhl zurückschob und rief: „Jetzt ist es aus, Duwe. Jetzt habe ich vom ganzen Hof nur mehr die Tanneninsel dort draußen im »ee übrig. Die mußt du mir lassen, damit es doch noch etwas auf Erden ibt, was ich mein nennen kann." Duwe lachte, aber er sah nicht zufrieden drein. „Ewig schade, das Spiel abzubrechen," sagte er: „Wenn du all das andere gewagt hast, kannst du uns wohl auch um diesen Steinhaufen würfeln lassen." Silfverbrandt ging im Zimmer auf und ab. Man sah es ihm wohl an, daß er noch vom Spielteufel besessen war. „Was setzest du gegen die Insel?" frage er. Duwe bedachte sich einen Augenblick. Die Haushälterin begriff, daß er einen Einsatz ausfindig zu machen suchte, der Silfverbrandt sicher bewegen konnte, weiterzuspielen. „Ich setze dein Reitpferd," sagte Duwe. Silfverbrandt liebte sein Reitpferd über alles auf Erden. Er begann, ganz schrecklich zu fluchen. Er fragte Duwe, ob er denn der leib« hastige'Böse märe, da er ihn solchermaßen versuchte. Die Haushälterin merkte, daß der Rittmeister jedesmal, wenn er auf seiner Wanderung zu einer dunklen Ecke des Zimmers kam, wo Duwe ihn nicht sehen konnte, vor Zorn die Hände ballte. „Das ärgste ist, daß ich weiß, daß ich dich erschlagen werde, wenn ich dich auf meinem Pferd reiten und auf meinem Hof befehlen sehen werde," sagte er zu Duwe „Kannst du es einem armen Kerl nicht gönnen, wenn er es auf seine alten Tage ein bißchen sorgenfrei hat?" sagte Duwe und lachte. „Du bist ja jung und stark, du findest schon bald anderswo Pferd und Hof." Die ganze Zeit, die die Haushälterin da stand, hatte sie sich gewundert, was wohl mit der Tür los sein mochte, die vom Saale in den Flur führte. Einmal ums andere öffnete sie sich ein wenig und schloß sich wieder. Aber jedesmal, wenn Silfverbrandt an dieser Tür vorbeiging, war es, als ob eine kleine Hand sich durch den Spalt hineinsteckte und ihm zuwinkte. Silfverbrandt ging mehrere Male an der Tür vorbei, ohne etwas zu merken, aber plötzlich blieb er stehen und starrte sie an. „Na. kommst du jetzt?" fragte Duwe. „Ich bin im Augenblick wieder da," sagte Silfverbrandt und ging in den Flur hinaus. Die Hcw-chälterin glitt stumm wie ein Schatten von der Speisefaal- türe fort. Eine Sekunde darauf stand sie in der Vorratskammer, das Gesicht an ein Fensterchen gedrückt, das auf den Flur ging. Da stand Silverbrandt über das Heinzelmännchen gebeugt. Altvater hielt eine kleine Laterne in der Hand, und von dort verbreitete sich ein venig Licht in den dunklen Raum. „Was gibst du mir, wenn ich es so einrichte, daß du den Hof zuruck- gewinnst?" fragte der Hausgeist. „Ich gebe dir, was du willst," sagte Silfverbrandt. Das Heinzelmännchen fuhr mit der Hand in die Tasche und zog ein paar Würfel heraus. „Wenn ich dir diese Würfel leihe und du heule nacht mit ihnen spielst, so glaube ich wohl, daß du den Hof zurückgewinnst," sagte er zu Silverbrandt. Silfverbrandt streckte die Hand aus. „Gib her! Gib her!" sagte er. „Du bekommst sie nur unter der Bedingung, daß du morgen mit mir um einen Einsatz spielst, den ich selbst bestimme," sagte das Heinzel- männchen. Just in diesem Augenblick schrie die arme Eule laut und schaurig.