SiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1928 Vienrtag, -en 20. März Kummer 23 r1 ,rr"T'MnwTrr-Tt:«M.. wanrn Iiümimmimtmimiimmmi— m—iunge Werle ist unfähig, mit dem Leben fertig zu werden, weil unh • s • — gebunden in dem schwärmerischen Kult der toten Mutter bei 45töem s^ren Haß gegen den lebenden Vater. Hier wie noch öfter Nr>en entsteigen der toten Vergangenheit die „Gespenster", die die das ^P.?.^^enwart fesseln und ersticken. Wir denken dabei nicht nur an «wer, das jenen Titel führt, sondern auch an Johannes Rosmer etwa, dem Pastor „mit der Leiche auf dem Rücken". Er kann die Last der Vergangenheit, des einmal Geschehenen nicht abwersen, wie er die Brücke nicht überschreiten kann, von der seine Frau sich in den Mühlbach stürzte. Diese Last der Vergangenheit macht ihn lebensunfähig, hindert ihn, sich in seinem Fühlen und Handeln frei den Dingen hinzugeben, sie nimmt ihm auch die Möglichkeit der Freude. Er kann nicht lachen: Das Lachen, insbesondere das Lachen, das nichts von Bitterkeit und Satire enthält, hat etwas Befreites und Befreiendes, ist das Zeichen eines Menschen, der seine Last von sich geworfen hat. Dieser selbe Rosmer aber hat sich eine „Lebensaufgabe" gestellt: er will „frohe Adelsmenschen" — frohe und innerlich freie Menschen — schaffen, ober vielmehr den Menschen helfen, sich selbst umzuschaffen zu solchen frohen und freien Naturen. Aber ist er selbst ein solcher Mensch, besitzt er, was er den andern schenken und mitteilen will? Gewiß ist er eine vornehme und edle Erscheinung, der Erbe alter hoher Kultur, aber jene frohe, selbst- und siegesgewisse Lebensstärke des freien Menschen ist gerade ihm, dem durch die Fesseln der Vergangenheit unentrinnbar Gebundenen, versagt. Dürfen wir nicht auch hier von einer Lebenslüge sprechen? Mag die Kluft noch so groß sein, die ihn von einem Hjalma Ekdal trennt, fo flüchtet doch auch Johannes Rosmer vor der eigenen Lebensschwäche in ein Phantasiebild der eigenen Berson, das ihm das gedrückte Selbstbewußtsein verbirgt. Roemer ist ein Mensch mit „schwächlichem Gewissen" — wie der Baumeister Halward Solneß. Auch Solneß kommt nicht los von der 83er» gangenheit, von dem quälenden Gefühl, sein „Glück" mit dem Unglück anderer erkauft zu haben und damit zugleich von der Furcht vor der Zukunft, vor der Vergeltung, vor der Jugend, die eines Tages an die Tür klopfen und dem Baumeister und seinen Erfolgen ein Ende bereiten wird. Und derselbe Baumeister Solneß, durch die Qual eines überempfindlichen Gewissens in freudlos-düsterer Che au eine seelisch erloschene Frau gebunden, baut „Heimstätten" mit hohen Türmen, von denen ins Weite schauend sie, die in froher Liebe sich zugetan hier hausen sollen, sich frei und groß fühlen können. So lebt Solneß, wie Rosmer, im Bilde des Schöpfers besten, was er selbst sich nicht zu geben vermag, seine Phantasie baut in Höhen, in die er selbst nicht zu steigen wagt. Unfreie und zaghafte Menschen, deren Ideale nur die seelische Rot verraten, in der sie stehen, die von einem sieghaften, freien, frohen, schenkenden und schaffenden Leben träumen, um in diesem Traum sich über die innere Gebrochenheit ihres wirklichen Daseins hinwegtäuschen. Die aus Unfreiheit, aus einer Gebundenheit an das Vergangene, aus halber Reue und halber Furcht stammende Reaktion des „schwächlichen Gewissens" ist nicht wirkliche Güte, sie hindert auch Solneß nicht, sie treibt ihn viel eher dazu, andern Unrecht zu tun, wie im Falle Ragnar Brovik oder Kaja Fvsli. So wie auch der Fanatismus Gregers Wertes nur zerstörend wirkt, wie Hedda Gablers ästhetisierende Scheu vor dem Häßlichen und Gewöhnlichen sie und andere schließlich gerade in dies Häßliche verstrickt. Echte Gute ist freie Tat aus warmherziger Liebe, freudig gebrachtes Opfer der eignen Perfon. Hinter dem schwächlichen Gewissen dagegen, hinter dem Fanatismus der Idee, hinter der ästhetisierenden Empfindlichkeit, wie schließlich auch hinter dem Konventionellen, „stechenden" Pflichtbegriff, um mit Hilde Mangel zu reden, steckt immer ein Stück Exzentrizität, ein Kreisen der Gedanken und Gefühle um das eigene Ich und um die Wunde, die Lebensschwäche, den Bruch im Selbstbewußtsein, den dieses Ich mit sich herumträgt, und sich und andern zu verbergen sucht. Einer Frau legte Ibsen den Satz in den Mund, daß Freiheit und Wahrheit die echten „Stützen der Gesellschaft" seien. In „Rosmersholm" und im „Baumeister Solneß" sind es Frauen, die den ungebrochenen, sicheren Lebenswillen besitzen, die keine Lebenslügen, keine Bilder von sich selbst brauchen, um der schwankenden Selbstachtung eine Krücke zu bieten. In der rührenden Gestalt der kleinen Hedwig in der „Wildente", in Thea Elvsted! (in der „Hedda Gabler") aber stoßen wir auf jene echt weibliche Fähigkeit zur Hingabe und zum Opfer, den mütterlichen Zug der Liebe, der über den ungehemmten Trieb und Besitzwillen sich erhebt. Der seelische Unterschied zwischen Mann und Fran, wie ihn Ibsen sieht und in immer neuen Variationen schildert, hat seinen tiefsten Grund darin, daß die Selbstachtung des Mannes auf der „Ehre", d. h. auf der Achtung der andern beruht, die Selbstachtung der Frau auf der . Treue, die sie ihrem tiefsten Selbst, ihrer Liebe wahrt. Der Mann braucht das Bild seiner Person im Auge des andern, auch die Lebenslüge, durch die er sich seine eigene Lebensschwäche verbirgt, kann er nur aufrecht erhalten, wenn auch andere an sie glauben. Eben darum aber braucht er zutiefst die Frau, die an ihn glaubt — Ulrich 'Brendel sagt es zu Rosmer — die Frau, die zugleich mit der Treffsicherheit des psychologischen Instinkts Schein und Wahrheit unterscheidet und errät, was es bedeutet, daß der „schwindlige" Baumeister nicht so hoch zu steigen wagt, wie er baut. Darum ist die Liebe der Frau gleichsam dazu bestimmt, den Mann aus der Scheinexistenz der Rollen, die er vor sich und andern spielt, zu sich K zu führen — wie Peer Gynt endlich in Solveigs Liebe den wahren i enden Kern seines Daseins findet, den er in allen Masken und Zwiebelhäuten seines Lebens vergeblich gesucht hat. s Auf der andern Seite: der Mann, der ganz ausgeht in dem ehrgeizigen i Bilde feiner Person, der die Erhöhung seiner Stotzes zum letzten Zweck erhebt, der um dieses Bildes willen über die Liebe der Frau hinweggeht, der vergewaltigt ihr Wesen, läßt es verkümmern, verurteilt es zu jener Scheinexistenz, zu jenem Gefpensterdasein, das uns Ibsen in Mine Solneß und vor allem in der Irene seines Epilogs so erschütternd vor Augen führt. Das Thema der „männlichen", auf die Bedürfnisse des Mannes zugeschnittenen Kultur, die das Wesen der Frau verletzt, wird bekanntlich schon angeschlagen in den „Stützen der Gesellschaft", spielt dann in der „Nora" eine wichtige Rolle und schließlich kehrt es vertieft wieder in „John Gabriel Borkman" und „Wenn wir Toten erwachen". Rubel ist Künstler und seine ganze künstlerische Arbeit dient dazu, das Leben zu verherrlichen, das Leben in dieser „köstlichen, wundersamen, rätselvollen Welt". Der Frau, die mit ihm lebt, verspricht er, sie auf einen hohen Berg zu führen und ihr alle Herrlichkeiten der Welt zu zeigen. Der Berg ist die Kunst, die Herrlichkeit aber, die er ihr verspricht, sind die Herrlichkeiten des „Lebens". Aber dies Versprechen erweist sich als Schein und Trug. Anstatt der Frau, die er mit jenem Versprechen berauschte, zu geben was ihre Natur fordert und was für sie das „Leben" ist, anstatt in wechselseitiger Liebe mit ihr zusammenzuwachsen, wird sie sein Modell, aus dessen Anblick er nur künstlerische Anregung schöpft, wird sie eine Episode seiner künstlerischen Entwicklung. Indem aber ihr Sein verkümmert und erstarrt, erlebt auch Rubek dieselbe Enttäuschung. Sein Künstlerberuf fängt an, ihm hohl und nichtig vorzukommen, nicht mehr auf einem hohen Berge, sondern in einer naßkalten Höhle glaubt er zu leben, einem Kasten, dessen Deckel ins Schloß gefallen und dessen Schlüssel verloren gegangen ist: er empfindet, daß er das wirkliche Leben von sich gestoßen hat, um eine Zuschauerrolle zu wählen — die er sich dann selbst als die Rolle des königlichen Beherrschers der Welt und ihrer Schönheiten vortäuschte. Weder Betäubung im Genuß, noch in der Arbeit hilft ihm, schließlich fängt er an, sich am Leben zu rächen, Pessimist und Zyniker zu werden, die Menschen, die er darstellt, durch Verzerrung zu Tierfratzen zu verhöhnen. Sich selbst aber modelliert er als Bild der Schuld, der Reue über ein verfehltes Leben ... Irene öffnet ihn in harter Wahrhaftigkeit die Augen für den Sinn seines eignen Tuns, sie nennt ihn einen „Dichter", der sich selbst im Bilde der Reue und Selbstanklage darstellt, um sich selbst einen Anspruch auf Absolution zu erwirken. Noch einmal werden wir an das Thema der Lebenslüge erinnert: die zur Schau getragene Selbstanklage ist auch eine Art Selbstbetrug, wie der vor sich selbst zur Schau getragene Zynismus es war. Die eine täuscht ein büßendes und reuiges Wiedergutmachen des unwiderbringlich zerstörten, der andre eine Ueberlegenheit über das Leben vor, die doch nur die Rache des Unterlegenen ist. „Dichten" heißt nach dem bekannten Wort Gerichtstag halten über sich selbst. Aber hinter diesem Gericht steckt ein geheimer Wunsch: der Wunsch, die drückende Last und Qual abzufchütteln, die die versäumten Gelegenheiten des „Lebens" dem boten, der sich selbst mit der Zuschauerrolle im Leben begnügte. Ibsens bohrende Psychologie endet hier in einer Selbstanalyse des Künstlers, des Dichters, die um so erschütternder wirkt, als sie den Schlußpunkt hinter ein langes und erfolgreiches Leben künstlerischen Schaffens setzt. Ibfsn und un sre Zeit. Von Dr. Werner Bock. Einige führende deutsche Theater spielen heute Ibsens Stücke in der Ausstattung und im Kostüm ihrer Entstehungszeit. Die modernen Bühnenleiter gehen hierbei von dem Gedanken aus, daß in unserer vom Tempo besessenen Gegenwart bisweilen ein einziger Tag das Weltbild mächtiger umgestaltet als ehemals ein ganzes Jahr und deshalb unsere Generation Anschauungen und Empfindungen, die um zwei Menschenalter zurückliegen, unmöglich noch als „aktuell" miterleben kann. In der Tat entsteht ein unüberbrückbarer Gegensatz, wenn Schauspieler in der Kleidung und im Milieu der „neuen Sachlichkeit" eine überlebte Sprache und veraltete Gesten gebrauchen, um die Atmosphäre einer dahingegangenen Zeit wieder auferstehen zu lassen. Wir Heutigen, vor wenigen Jahren noch Blutzeugen des gewaltigsten Kämpfens und des fürchterlichsten Menschensterbens der Weltgeschichte, müssen offen bekennen, daß uns Leben und Leiden der Jbsenschen Gestalten auch nicht annähernd so erschüttern können wie dereinst unsere Eltern in ereignislos dahinplätschernden Friedensjahren. Der erhabenste Held des Theaters von Sophokles bis Ibsen, der Tod, ist von unserer beispiellosen Jugend, die sogar dem Sport ihr Dasein hinzuwerfen vermag, seines Nimbus und feines Thrones beraubt. Die moderne Psychoanalyse hat die verworrensten seelischen Erlebnisse, um die vor kurzem noch mystisches Dunkel wob, in das klare Licht unseres Bewußtseins getragen und damit den „Psychologismus" der Ibsenzeit langst überholt. Trotz alledem läßt sich unser gegenwärtiges Geschlecht, so ganz und gar nicht mehr Blut von Ibsens Blut und erfüllt von unerhört neuen und zu Ibsens Lebzeiten völlig unbekannten „Komplexen", auch heute immer wieder hinreißen von der Wucht Jbsenscher Dramatik, mehr ober: Ibsens Grundeinstellung zu den ewigen Fragen der Menschheit ist nit den Figuren seiner Dramen keineswegs mitgealtert und hat für unsere Zeit nichts an Bedeutung und Gültigkeit eingebüßt. Wenn im Jahre seines hundertsten Geburtstages Ibsens Werk seine unzerstörbare innerste Jugend beweist, wenn nach Strindberg und Wedekind und dem Toben des Expressionismus der große Norweger heute über den Parteien steht, so ist der tiefste Grund letzten Endes darin zu suchen, daß Ibsen sich für alle Zeiten aus die Seite der Jungen und Werdenden gestellt hat. Der Kampf des Alters mit der Jugend ist ein Lieblingsmotiv des Dichters, das er immer wieder bis in feine letzten Schasfensjahre behandelt. Noch im „Baumeister Solneß" (1892) ringt das Alter mit der » Jugend, das Gestern mit dem Heute. In brutalem Egoismus will die absterbende Generation die Heranwachsende unterdrücken, das Alter pocht j auf seine verbrieften Rechte und vergißt, daß die Jugend mehr als dies, ! daß sie Recht hat! Längst vor den Vater-Sohn-Dramen unserer jüngsten Literatur hat sich Ibsen für die Jugend eingesetzt, die das Unmögliche erstrebt und vollbringt, während das Alter, mag es auch noch so gerne sich immer wieder jugendlich entzünden, in den von der Natur gesetzten Schranken verharren muh. Das Vater-Sohn-Problem wird bleiben, solange es Menschen gibt. Es ist ebenso alt und neu wie der Kampf der Geschlechter. Freilich hat sich im Verhältnis des Mannes zur Frau gerade in unserer Epoche eine grundstürzende Wandlug vollzogen, an der kaum ein anderer größeren Anteil hat als eben Ibsen. Könnte der Hundertjährige heute mit seinen durchdringenden Augen unsere Zeit betrachten, so wäre er sicherlich Überrascht, daß sich hinsichtlich der Stellung der Frau binnen weniger Jahrzehnte alles das bis in die äußerste Konsequenz erfüllt hat, was er selbst unseren aufhorchenden Vätern noch als eine Forderung der Zukunft entgegenschrie. Das Zeitalter des Frauenwahlrechts und der vollendeten Fräuenemanzipation begreift heute nicht mehr, welcher Mut noch vor vierzig Jahren dazu gehörte, für das weibliche Geschlecht in aller Oeffentlichkeit Freiheiten zu verlangen, die inzwischen längst Selbstverständlichkeiten geworden sind. Und doch hat Ibsen auch der heutigen Frau durchaus Gültiges zu sagen: Ob sie, der Enge bes „Puppenheims" entronnen, nunmehr in tausend Berufen dem Mann ebenbürtig gegenüber« steht und dem Gesicht unterer Tage vielleicht die entscheidenden Züge aufdrückt, immer ist auch der Typ der Hedda Gabler noch vorhanden, die weibliche Halbnatur, erpicht auf ein Leben im Genuß und großen Stil, zweideutig hierhin und dorthin schillernd, voll Berechnung und doch ohne bestimmtes Ziel, das Geschenk des Ledens in sinnlosem Spiel verpassend. Und gibt es heute etwa weniger „Gesellschaftsehen", „.Kausehen", mit si« Ibsen mit leidenschaftlicher Verachtung brandmarkte, in denen durch (geld aber die blinde Verliebtheit eines törichten Augenblicks zwei Menschen zu verlogener Gemeinschaft zusammengekettet sind? -Erschütternder noch als zu Ibsens Zeit und zur Selbstbesimtung mahnend muß aus die Frau von heute bann sein trotz allem Wissen um die Abgrunde de- Weibtums immer und immer wieder abgelegtes Bekenntnis zum „Ewigweiblichen" wirken, an dessen hinausziehende Kraft er gleich Goethe zu glauben nie aufhört. „Hier war mein Kaisertum" ruft Peer Gynt am Ende einer verfehlten Jagd nach dem Glück, als er zu spät die unwandelbare selbstlose Siebe feiner Solvejg erkennt. Wie oft klingt dieser Ruf durch Ibsens Dramen: Ohne selbstlose Liebe kein persönliches Leden! „Lebe dich selbst, nicht lebe dir selbst!" Der große Satz steht über Ibsens Erkenntnis vom Leben und hat der Gegenwart, ja der Zukunft noch wahrlich ebensoviel zu sagen wie der vorigen Generation. Mehr noch als zu Ibsens Zeit herrscht heute der nackte Egoismus, der äußere Erfolg gilt alles, das innere Menschentum nichts, der Fachmensch triumphiert über die Persönlichkeit, die Masse über den einzelnen, parteifanatische Politik jeder Richtung über den Wert des aufrechten und lauteren Charakters. Auch uns Spätergeborenen reißt Ibsen die Maske herunter: „Mein Banner soll dock fliegen. Mein guter Stahl soll dieser gleisnerischen Gesellschaftslüge durch die Rippen zischen, Soll diesen euch so teuren ©iftbaum fällen!" »Nur rein äußerlich hat sich der neuzeitlich« Mensch aus, der Gebundenheit früherer Jahrhunderte gelöst, aber das Ziel wahrhafter Freiheit liegt für ein Geschlecht noch in weiter Ferne, das über dem blmocn Glauben an den Götzen Erfolg, an ungeistige Gewalt, an unpersönliche Betriebsamkeit den Willen zur individuellen Lebensgestaltung, zur schrankenlosen Hingabe des ganzen Menschen an ideale Werte nicht aufbrm- qen kann. „Das du nicht kannst, wird dir vcrg.b.n Doch nimmermehr, daß du nicht willst!" Auch das Zeitalter der Frau, das der Dichter so inbrünstig ersehnte, hat der Welt keine Befreiung gebracht. Die schwierigsten Probleme, die Ibsen, seiner Zeit weit vorauseilend, in seinen Dramen aufwarf, harren nach wie vor, ja notwendiger als ehemals ihrer Lösung. Immer noch will die Menschheit nicht eingestehen, daß Familie, Gemeinde, Nation in Jchgier, in Sachleere, in Geldsucht schimpflich versklavt sind. Auch heute noch gleicht Europa, wie Ibsen einmal sagt, einem trefflich ausgerüsteten > und flott dahinfahrenden Schiff, dessen Passagiere und Mannschaft von rätselhastem Druck lahmgelegt sind. „Das Schiff hat eine Leiche an । Bord!" Die Leiche ist die Vergangenheit, das hatzglühende, auf gegenseitige Vernichtung sinnende, in zahllose Sager gespaltene Abendland, M sich nicht durchzuringen vermag zum Recht der Persönlichkeit, zur Fmhe, , nicht im politischen Sinn, zur „Revolutionierung des Menschengeistes. Der gefährlichste Feind der Wahrheit und Freiheit war für Ibsen M . „verfluchte compacte Majorität". Immer wird die höchste Stufe o-.- , Menschentums vom einzelnen erklommen, nicht die Menge, der einzeln - > die Führerpersönlichkeit räumt mit verrotteten und entwerteten Anschan- t ungen auf, der einzelne ist der Held und Kulturschöpfer, der sich oew > Ansturm des götterlosen merkantilen Barbarentums entgegenstemmt, « t sich opfert, um „den geistigen Grund und Boden nach jeder .llicyluns ) auszuroden und zu säubern". Der Kampfruf Julians „Das Scben oder die Lüge" gellt mit «1' t erbittlicher Eindringlichkeit auch in das Getriebe unserer Tage und rum» ' auch heute noch alle auf, die Entartung und Abfall der Menschheit er kennen. Gleichgültig, auf welchem Weg und in welcher Gemeinschaft w s die Höherentwicklung der Menschheit zu verwirklichen suchen, wenn w ° nur über berufliche und politische Wirksamkeit der Partei Ibsens ang l" hören, der Partei derer, die unablässig „mit den finsteren Gewalten Herz und Hirn kämpfen", wenn wir nur Ibsens für alle Zeiten 1 prägten Wahlspruch uns zu eigen machen: » Jeder lebe sein ganzes Beben — alles oder nichts! Sterne im Lichtnebel. Von Henrik Ibsen. Just unter der Kometfahrt, die in Hast Ich machte, um die Heimat zu erreichen, Wies unverhofft bei Andromedas Zeichen Im Weltenraume sich ein fremder Gast. Der rat die Botschaft unserer Erde kund: Daß draußen in der hochzeitsstillen Ferne Das Chaos sich geformt zu einem Sterne, Als das Gesetz der Sammlung rings erstund. Ein andres Chaos fand ich noch ringsum: Geteilte Willen auf zerstreuten Wegen Und ohne Drang, auf gleichen Bahnen stumm Um einen Mittelpunkt sich zu bewegen. Doch als ich wieder stand in stiller Ferne, Da mußt' ich des gedenken, was geschehn. — Erwägen mußt' ich, was ich selbst gesehn: Lichtnebel, die sich bildeten zum Sterne. — Lichtnebel sind auch hier im Nord zu finden, Die sich chaotisch wild im Raume drehn. Sind sie vielleicht ein Sternbild im Entstehn, Laut jenem Weltgesetz, sich zu verbinden? Ibsen —ein Erlebnis der Deutschen. Von DE Paul Landau. ,Zn Deutschland ist Ibsen gelesen, gespielt und studiert worden wie ein eingeborener Dichter, hoher geschätzt worden als ein eingeborener: was das jüngere Geschlecht von ihm gelernt hat, läßt sich nicht ermessen, o schreibt Georg Brandes in seinem Nekrolog und erklärt seine Macht über die deutschen Geister daraus, „daß er zugleich Individualist und Sozialist genannt werden kann." Tatsächlich ist wohl seit Shakespeare kein ausländischer Poet so völlig in unserm Schrifttum heimisch geworden wie der große, ebenfalls einer stammverwandten Rasse angehörende Norweger; bei Ibsen kommt noch hinzu, daß er deutsches Blut in den Adern hatte, lange, für seine Entwicklung entscheidende Jahre in Deutschland verbrachte und soviel Deutsch konnte, um die Uebertragung feiner Dichtungen selbst zu überwachen. Recht hat aber Brandes auch, wenn er als das Entscheidende seiner Wirkung sein gesellschaftskritisches Programm, den Inhalt seiner Werke, hervorhebt, denn das eigentlich Künstlerische wäre wohl, zumal in der Abschwächung durch das fremde Gewand, nicht stark genug gewesen, um die große Masse mit fortzureißen. Jedenfalls ist das Ibsenjche Drama um die Jahrhundertwende ein entscheidendes deut- Kes Erlebnis geworden, ein wichtiger Bestandteil unserer Kultur, wie !6 soeben Marianne Thalmann in einem Buch „Henrik Ibsen, ein Erlebnis der Deutschen" in tiefschürfender Analyse dargestellt hat. „Henrik Ibsens Name war bis vor kurzem außerhalb Skandinaviens völlig unbekannt" schrieb Adolf Strodtmann 1873 in seinem Buch „Das geistige Leben in Dänemark", und ein seltsamer Unstern hat cs gefügt, daß das deutsche Publikum zuerst von ihm durch eine Notiz in der Zeitschrift „Im Neuen Reich" hörte, die ihn auf Grund einiger Verse des Hasses und Undankes gegen Deutschland anklagte, wo er doch ein gastliches Asyl gefunden." Als Gegner der Gewaltpolitik und Verteidiger der verletzten dänischen Rechte ist Ibsen so zuerst den Deutschen erschienen, aber dieses politische Element seiner Gedichte trat bald zurück. Strodtmann, der auch die ersten guten Uebersetzungen Jbsenscher Dramen, der Kronprätendenten" und des „Bundes der Jugend" geschaffen, gab eine warmherzige Darstellung seiner Jugenddichtung und sprach di« prophe- stschen Worte: „Die Zeit kann nicht mehr fern sein, da der Ruhm des Dichters über die fernsten Länder erschallen wird." Ibsen lebte damals in Dresden, wo unter starkem Einfluß des deutschen Geisteslebens „Kaiser und Galiläer" entstand; er zog dann nach München und war 23 Jahre unser Heimatgenosse. Als Dichter erschien er damals den wenigen Deutschen, die für ihn eintraten, wie ein Nachfahr unserer Romantik und Hebbels, und als man 1876 zuerst in München und dann an der Wiener Burg die „Nordische Heerfahrt" und durch die Meininger in Berlin die „Kronprätendenten" ausführte, da waren das eben historische Dramen mit prächtiger Ausstattung,, wie man sie damals liebte. Ibsen aber hatte sich unterdessen dem Gesellschaftsdrama zugewendet. 1878 erfolgte die Uraufführung der „Stützen der Gesellschaft" in Berlin, und der damalige maßgebende Kritiker der Reichshauptstadt, Karl F r e n- zel, gestand widerwillig zu, daß Ibsen ein Dichter sei, aber — kein Dramatiker! Einer der Hauptvorkämpfer des Dichters, Paul Schlen- ther, aber bekannte später, daß in ihm und in vielen seiner Alters- lenossen „unter dem Einfluß dieser modernen Wirklichkeitsdichtung die- enige Gcschmackslinie entstand, die fürs Leben entschieden hat". Damals ingen die Stücke Ibsens an, in guter Uebertragung bei Reclam zu er- iheinen, und der Dichter hat selbst erklärt, wie viel er diesen billigen Testen für das Bekanntwerden feiner Werke verdankte. Hatte man die »Stützen" doch noch mehr als ein Stück im Geiste der französischen Salondramatik aufgenommen, so wurde „Nora" zur Brandfackel eines Umstürzlers und brachte seinen Namen in aller Munde. Man begann, sich eingehender mit diesem „Zerbrecher der alten Tafeln" zu beschäftigen; doch -um „Literaturpapst", zum Herold einer neuen, der naturalistischen Kunst wurde er durch die junge Dichterbewegung erhoben. Von dem Münchener Ibsen-Kreis ging dieser Vorstoß aus mit der ersten „Gespenster"-Auf- luhrung in Augsburg 1885, die nur vor geladenem Publikum stattfinden durste, und er wurde ausgenommen von den Berliner Revolutionären, m !?“te.r die „Freie Bühne" gründeten. Die ersten Aufführungen des »Volksfeindes", von „Rosmersholm", besonders aber der „Gespenster" w Berlin wurden zu Ereignissen, die europäische Bedeutung gewannen, Se'cn auch empörte Schmähungen hervor, wie etwa die Kritik Nskar «fnmenthals über die „Gespenster". Alles Fortschrittliche und 'Moderne bekannte sich nun zu dem kühnen Neuerer, der mit Zola und T o l st o i das höchst ungleichartige Dreigestirn bildete, das der jungen deutschen Dichtung leuchtete. Don Ibsens Bühnenwerken ging ein neuer totil der Schauspielkunst aus, eine natürliche Darstellung mit feinster Seelenmalerei, von großen Persönlichkeiten, wie Mitterwurzer und Emanuel Reicher, begründet, dann vor allem von Otto B r a h m, dem treusten Schildknappen des Meisters, gepflegt; eine neue Form der Regie, die nüchtern und kühl, aber pointiert und effektvoll war wie seine Kunst. Die deutschen Dichter gerieten unter den Bann des nordischen Zauberers, besonders der größte unter ihnen, Gerhart Hauptmann, der seit den „Einsamen Menschen" Ibsens Technik und Psychologie unendlich viel zu verdanken hat. Ibsens Schaffen wird nun in gelehrten Werken und Universitütsvorlesungen behandelt; es wird nachgeahmt und parodiert, es wird zum Allgemeingut der Gebildeten. Seine neuerscheinenden Dramen, wie „Baumeister Solneß" (1893), „Klein Eyolf" (1895), „John Gabriel Borkmann" (1897), Haden große Bühnenerfolge. An seinem 70. Geburtstag huldigt ihm die ganze zivilisierte Welt, Deutschland voran; als bedeutendste Gabe wird ihm der erste Band einer monumentalen deutschen Gesamtausgabe dargebracht, herausgegeben von Julius Elias und S ch l e n t h e r, in deren Uebertragungen der nordische Text als „deutsche Originaldichtung" wirken soll. Hatten schon vorher tüchtige Uebersetzer sich in Ibsens Dienst gestellt, so schuf hier Christiän Morgenstern, in enger Zusammenarbeit mit dem Dichter, in der Eindeutschung vieler Gedichte, des „Brand" und des „Peer Gyni" Vollendetes. Diese Ausgabe fand 1904 mit dem 10., die Briefe enthaltenden Band ihren Abschluß; sie ist das bleibende Denkmal von Ibsens Einzug in die deutsche Literatur. ' 1906 starb der Dichter. 1907 erschien eine billige Volksausgabe feiner Werke; aber mit dem Tode begann auch das Nachlaßen feiner Wirkung. Die Prophezeiuna I. V. Widmanns: „Dieser Eine, der das 19. Jahr- bundert mit feinem Geist erfüllte wie kein anderer gleich ihm. wird auch der strahlendste Stern des 20. bleiben", erwies sich als falsch. Während Neuromantik und Symbolismus in feiner Kunst noch viele verwandte Züge entdeckten, kehrte sich der nun aufstrebende Expressionismus schroff von ihm ab. Wedekind, der doch das Lehrhafte und Doktrinäre mit ihm gemein halte, verdammte das Spießbürgerliche und Enge feiner Lebensschilderung, das Verstandesmäßige und Nüchtern« das Seelenlos-Mechanische in der Technik. Nun wandte man sich wieder feinen Jugendwerken zu, und besonders die abgründige-unergründliche Peer- Gynt-Dichtung wurde ein großer Theatererfow, wirkte auf die Besten unter den Jungen der Nachkriegszeit, so auf Ersel. Das Problemdrama des alten Ibsen gilt heute für tot, für das „künstlerische Amen des überlasteten Bürgertums", wie es Marianne Thalmann ausdrückt, für die Abrechnung mit einer ausgelebten Kultur in einer überfeinerten, dekadenten Ausdrucksform. Aber „die Toten reiten schnell", und vielleicht wird auch dieser tote Ibsen noch einmal auferstehen und sich als höchst lebendig erweifen. „Gespenster"-Premiere. Von Franz W a 11 n e r d. Ä. Oktober 1886. Abendvorstellung im Berliner Residenz-Theater. Mein Direktionskollege Anton Anno war wohl etwas verwundert, als ich ihm ohne viele Worte, doch mit Dringlichkeit ein rosa Reclambändchen in die Hand drückte und sogleich wieder verschwand. Aber schon nach kurzer Zeit lieh er mich bitten, die Bühnenregie — wir spielten Condi- nets „Großstädter" — für ihn zu übernehmen. Ich wußte: er las! Am Schluß der Vorstellung waren mir einig im Enthusiasmus über Ibsen und fein Werk: „Gespenster", ein Familiendrama in drei Auszügen. Wir blieben diese Nacht noch lange beisammen und beratschlagten. Eine, unserer Ansicht nach vortreffliche Besetzung konnten wir ins Feld führen. Charlotte Frohn, Emanuel Reicher, Würzburg, Helen« S ch ü 1 e — sie deckt alle fchon der grüne Rasen — nur für die Rolle des Oswald, die so eigenartig, daß wir keinen Darsteller dafür zu nennen wußten. Einzig und allein Josef Kainz. Ich machte mich anheischig, ihn aufzusuchen und zu überreden. Aber da kam ich schön an. Aus dem Munde des Unvergessenen mußte ich erfahren, daß wir — Anno und ich — uns bitter getäuscht hatten: „Ihr werdet schon nach dem ersten Aktschluß einen Heiterkeitserfolg haben, einer besseren Sache würdig" — das waren seine Worte. Nichts konnte ihn überreden — er lehnte ab. Enttäuscht berichtete ich Anno — wir sahen eine Weile recht bedrückt und sahen schon alle schönen Pläne zuschanden werden. Da schlug Anno plötzlich auf den Tisch: „Jetzt hab ich's," rief er, „weiht du, wer den Oswald spielen wird?" „Also?" fragte ich gespannt und zu neuer Hoffnung erwachend. „Du!" — Nun war ich aber gar nicht zu unpassenden Neckereien aufgelegt und machte daraus auch keinen Hehl, bis ich zu meinem grenzenlosen Erstaunen merken mußte: er meinte es ernst! Schließlich, ich hatte wohl schon des öfteren auf der Buhne mit pathologischen Charakteren einigen Erfolg; aber ein Darstellungsproblem wie dieser Oswald —? t Ja, wenn Begeisterung ausgereicht hatte! Indes, Anno blieb dabei: wir schaffen es! . Und so ging’s an die Vorarbeit. Nächte opferten wir — Anno, Charlotte Frohn und ich — wie oft sank mir der Mut im Bewuhtsein der Tragweite meines Unterfangens, wie viele Tränen vergoß die Frohn, ehe sie den Ton ihrem Regisseur und Gatten zu dank traf! Endlich konnten die Bühnenproben beginnen. Als einzigen hatte ich Paul Schlenther, das Haupt der im Entstehen begriffenen Jbfen- Gemeinde, ins Vertrauen gezogen. Er schrieb mir daraus: „Das also ist des Pudels Kern! Plaudite! Plaudite! Jedenfalls bestelle ich schon heute zwölf Plätze nahe Parkett für unsere Gemeinde." Schlenther, Otto Br ahm und der Unioerfitötsprofeffor Julius Hossory — ein Däne — waren uns treue Berater. Es kam die Aufführung, welche die „Zensur" — die es eigentlich nicht gab — nur für eine einmalige Mittagsvorstellung gestattete. Ibsen hatte sich schon zur Generalprobe angemeldet, die vor einem kleinen Kreise von Schauspielern, Kritikern, intimen Freunden des Theaters, die zur Borstellung keinen Platz bekommen konnten, stattfand. Ueber die Vorstellung selbst will ich mich hier nicht weiter äußern; sie ist nicht nur durch Wort und Schrift noch bekannt, sondern es leben heute noch etliche, die ihr beigewohnt: Die unverwüstlichen Freunde 3. Kaftan, I. Landau, Franz U l l st e i n und Theodor Wolff, Neumann-Hofer, Sudermann, Gerhart Hauptmann — wer noch? Alle die Charakterköpfe, welche das damalige literarische und künstlerische Berlin bedeuteten: Spielhagen, Begas, Karl Frenze!, Dernburg, Lindau, Hopfen, Stinde, Ludw. Pietsch, S t e t t e n h e i m — alle, alle hatte das Ereignis angelockt — ein Parterre von Königen des Geistes. Ich habe ähnliches nicht wieder erlebt. Nachdem der Vorhang zum ersten Male gefallen, herrschte sehr entgegen der Ansicht Kainzens — einige Sekunden tiefste Stille, alles war im Vanne der mächtigen Dichtung, dann aber brach ein Sturm, ein Orkan los — widerspruchslos einstimmig wurde der Dichter hervorgejubelt und willig, siegestrunken und wie in einem Rausch ließ er sich oftmals an dis Rampe ziehen, während ihm die Hellen Freudentränen über die Wangen liefen ... Ich werde diesen Augenblick nie vergessen! Lindau, Hopsen, Stinde kamen in der kurzen Pause auf die Bühne, beglückwünschten Autor, Direktor und Schauspieler. Heute kann ich es wohl sagen: die intime Wirkung des Annoschen Zusammenspiels, das Schlenther, der berühmte Kritiker der „Rassischen" als „ungemein zart und vornehm" pries, ist nachmals kaum mehr übertroffen worden. Gleichfalls widerspruchslos wurde der zweite Akt ausgenommen, nur zum Schluß regten sich einige „Schönheits"fanatiker und versuchten Opposition zu machen, wurden aber von dem Jubel des Erfolges übertönt. „Mit dieser Tat," schrieb später Otto Br ahm, „sprang die Pforte zur deutschen Moderne aus!" Ibsens Köchin. Eine von A bis Z wahre Geschichte. Von Larry Brachvogel. Es ist kein Märchen, das ich erzählen will, und keine Gestalt der Phantasie und Aufschneiderei soll vor den erstaunten Leser hintreten, sondern die strenae Frau, die sieben Jahre lang Ibsens Küche beherrschte. Sieben Jahre lang — genau so lang wie der Erzvater um Rahel diente — hat sie für ihn gesotten, gebraten, gedämpft, geröstet, aus schwimmendem Swmalz, sowie aus der Pfanne oder auch in der Röhre gebacken, hat ihm dis Früchte des Feldes und die Tiere des Waldes zum schmackhaften Opfer zubereitet, so daß nimmermehr ein miserables Mittagessen ihm Laune und Schöpsungskraft verdarb. O, ihr Dichter der alten, und ganz besonders der neuen Zeit, wer von euch kann sich rühmen, solch übermenschliche Weibesliebe empfangen zu haben? In München geschah es, daß Mino jene bedeutungsvollen Beziehungen anknüpfte, die sie jahrelang mit dem Hause des großen Dichters verbinden sollten. Als ich Mina kennenlernte, waren jene bedeutungsvollen Beziehungen schon gelöst und es märe mir ein leichtes zu renommieren, daß ich Mina direkt aus feinen Händen empfing. Da aber diese Aufzeichnungen der strengen Wahrheit entsprechen sollen, muß ich gleich bekennen, daß eine engere Verbindung, eine gemeinsame Häuslichkeit zwischen mir und Mina nie zustande kam, ja, nie ins Äuge gefaßt worden war. Immerhin kennte ich sie genügend kennen, um jenen Teil ihres dramatischen Schicksals klarzulegen, der am deutlichsten Jbsensche Einflüsse verrät, der am zwingendsten erweist, wie in diesem schlichten Mädchen aus dem Volke des Dichters Gebote und Träume in Fleisch und Blut übergegangen waren. Als ich Mina kennenlernte, hatte sie schon das Ideal aller dienstbaren Geister erreicht; sie war Haushälterin bei einem Junggesellen, und zwar bei einem jungen Arzt mit der harmlosen Spezialität von Ohren-, Nasen- und Rachenkrankheiten. Er verkehrte seit Jahren in meinem Hause und daher wußte ich, daß er dazu vorbestimmt war, von einer Frau, das heißt von seiner Frau verwöhnt, bemuttert, und auch ein wenig pan- tosfelt zu werden. Erstaunlich war, wie schnell Mina die Psychologie ihres Herrn und Gebieters erfaßt hatte •— ich bin überzeugt, daß die Lektüre von „N o r a" ihr dabei wesentliche Dienste geleistet hat. Bald war der Doktor für sie „das Eichkätzchen", das immer munter, liebenswürdig, sorglos zu fein hatte, indes Mina mit eiserner Rute, das Haus, das heißt die Parterrewohnung, regierte. Hausmeister, Wäscherinnen, sowie das Gesinde, sämtliche übrigen Mietsparteien zitterten vor ihrem Herrscherblick, und vermutlich tat dies im stillen auch „Eichkätzchen" Doktor, der übrigens in seiner Jugend eine Entschuldigung fand für seine furchtsame Hingebung. Er war nämlich um reichlich zehn Jahre jünger als Mina, die konsequent, wie es in ihrer überragenden Natur lag, an der Schwelle der vierzig stehen blieb. Wenn aber auch ihre eine Hand di 'Aeifsrne Rute hielt, so kochte dafür die andere tadellos, hob Mina über das Matz durchschnittlicher Köchinen hinaus. Doch sorgte sie nicht nur für das leiblich«, sondern auch für das geistige Wohl ihres Eichkätzchens, indem sie ihm zeitweise Küchenerinnerungen aus dem Hause Ibsen vorsetzte. Eine davon ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: der Dichter liebte es, das Rindfleisch dick mit Sens zu bestreuen. Jawohl, zu bestreuen, denn er bediente sich zu dieser absonderlichen Handlung nicht etwa angerührten Senfs, sondern trockenen englischen Sensputvers! An dem geistigen Schaffen des Dichters scheint Mina dagegen keinen Anteil genommen zu haben — so sehr ich mich auch besinne, fällt mir nichts von Mitarbeit oder Inspiration ein. Es widerstrebt mir im allgemeinen, bedeutende Frauen auf ihr Aeußeres hin zu kontrollieren, dennoch möchte ich mit ein paar Worten der Seelenhülle Minas gedenken. Sie war eine kleine Blondine, deren ragende Lippen rhetorische Eigenschaften verrieten, und die einst zu Ibsens Zeit Plattfüße gehabt hatte. Ein chirurgischer Kollege und Freund Eichkätzchens hatte sie aber von diesem Fehler befreit, so daß auf Eichkätzchens Nacken ein wohlgesormter Fuß ruhte. Zu Anfang war mein Verhältnis zu Mina ein harmonisches: wir achteten einander und tauschten Kochrezepte. Später kam ein Mißton in den Wohlklang unserer Seelen und Kasserollen und Mina warf Hatz auf mich: ein Vanillehörnchen, ein einziges, kleines Vanillehörnchen (Rezept: „Vanillehörnchen ohne Ei") war zwischen sie und mich getreten, denn ich nahm mir die Mühe, diese Hörnchen in einem zierlichen Miniaturformat herzustellen, während die großzügige Natur Minas Hörnchen formte, auf denen sogar eine Weltanschauung Platz gehabt hätte. Das Doktor-Eichkätzchen, das gleich vielen Junggesellen den Ehrgeiz der „besten Küche" hatte, und dem die Kleinheit meiner Hörnchen gewiß schlaflose Stunden bereitete, nahm einmal, da Mina sich durchaus nicht entschließen wollte, Kleinhörnchen zu backen, eines meiner Duodez-Erzeugnisse zum Muster für sie und bildete sich ein, daß Mina daraus di» erforderlichen Konsequenzen ziehen würde. Sie zog auch, aber am falschen Strang. Mit wahrem Trollenlächeln erklärte sie dem bestürzten Eichkätzchen nämlich, daß das Format der Hörnchen mit dem jeweiligen Herd in Zusammenhang stünde, und der Doktor schwieg resigniert, da er doch nicht Lust hatte,' wegen „Vanillehörnchen ohne Ei" einen neuen Herd setzen zu lassen. Seit jenem Tage aber stand Feindseligkeit in ihrem Auge, wenn ich kam und ich glaube, auch der Doktor büßte an ihrer Liebe und Achtung ein. An der „sittlichen Forderung" im buchstäblichen Sinn sollte dann das Puppenheim zugrunde gehen, in dem Mina sich jahrelang an ihrem „Singvögelchen" erfreut hatte. Für ängstliche Gemüter füge ich aber gleich bei, daß nichts, absolut nichts geschah, was Minas, oder Eichkätzchens Ruf im leisesten hätte trüben können. Das Verhängnis kam nur aus Minas Phantasie, die offenbar von dem großen Skandinavier gelernt hatte, wie man aus dem Alltagsleben die tiefen und grausigen Probleme hervorholt. Und wie in einem richtigen Ibsen-Drama fing alles mit scheinbarer Harmonie an. Da war in unserem Kreis eine hübsche, mollige, lustige, geistig nicht übermäßig ausftaffierte Witwe, mit der Eichkätzchen, ein junger Maler und ich eines Tages eine Landpartie machten. Als wir abends müde, aber immer noch sehr lustig heimkehrten, lud der Doktor uns ein, doch ä la fortune du Pot bei ihm zu Abend zu essen. Ich bestaunte im stillen seinen Mut, denn ich wußte, daß auf la fortune du Pot fast allemal le malheur du lendemain folgt, sintemal Köchinnen, Wirtschaf, terinnen usw. eine unüberwindliche Abneigung gegen Improvisationen hegen. Der Racheakt Minas aber grenzte ans „Wunderbare". Zunächst freilich täuschte sie uns durch ein gütiges Lächeln und kulinarische Impromptus, die Beachtung verdienten. Dann ging sie zu Bett, denn der Doktor pflegte stets eigenhändig das Haustor auszusperren, um seine Gäste zu entlassen, ein Höflichkeitsakt, der ihm kaum Mühe machte, weil er ja zu ebener Erde wohnte. Nach Minas letztem Auftritt setzte sich der Maler ans Klavier, die lustige Witwe streckte sich auf der Ottomane und ließ sich vom Doktor eine Decke Über die Füße breiten, was sie schon aus Eitelkeit besser unterlassen hätte, denn sie trug Kalblederne Nr. 43. Wir lauschten der schönen Musik, die vom Klavier erklang, schwatzten dazwischen auch zu Vieren, tränten Likör und als wir lang vor Mitternacht das Haus verließen, ahnten wir nicht, welch fin« steren Mächten wir das arme Eichkätzchen überlassen hatten. Was sich in jener Nacht oder auch in den Frühstunden des nächsten Tages zwischen ihm und Mina zutrug, haben wir nie genau erfahren, aber als die Sonne so hoch gestiegen war, daß man Besuche machen und empfangen konnte, stand Eichkätzchen bleich und erschüttert vor mir: „Mina hat mir heute den Dienst gekündigt. Sie kann nicht länger in so einem Haus bleiben." Eine erfahrene Hausfrau fragt ja nie, was „in so einem Haus" besagen will, denn die Antwort oder Erklärung wäre ein gesprochener Un- gezogenheitenkübel, der ihr über den Kopf geschüttet wird. Der Doktor aber mit dem zwiefachen Forschertrieb des Mannes und des Naturwissem schaftlers hatte gefragt, und was er da zu hören bekommen, ließ sich nur mit den Worten erklären: „O, welch edler Geist ist hier zerstört!" Die Ausschweifungen von Minas Phantasie waren ungeheuerlich und gipfelten in der wild-romantischen Behauptung, daß beim Morgengrauen die lustige Witwe aus dem Fenster in den Vorgarten gesprungen sei! Vergebliche Mühe, Mina davon zu überzeugen, daß selbst unter den verfänglichsten Voraussetzungen Großstadttnenschen sich bequemer durch di« Haustüre als durch das Fenster einer Parterrewohnung zu entfernen pflegen — die springende Witwe blieb der springende Punkt m Minas Anklage und Kündigung. Der Doktor war eben nicht mehr „der frohe Adelsmensch", für den sie ihn gehalten hatte. Er, der soeben ein« Decke über Kalblederne Nr. 43 gebreitet hatte, ermangelte der „Reinheit, die Mina forderte oder (vermutlich!) nur auf ihrem Altar geopfert sehen wollte und so verlieh sie ihr Eichkätzchen, „weil sie jahrelang mit einem fremden Mann unter einem Dach zusammengelebt hatte". Das S, ganz so friedlich ging es nicht ab, denn sie schimpfte noch tüchtig — larisch — woraus der erfreuliche Schluß zu ziehen war, daß das Skandinavische das Bodenständige nicht zu ertöten vermocht hatte. Das ist die Geschichte von Ibsens Köchin, die ich all seinen Biographen und Kommentatoren gerne zur Verfügung stelle. Was aus Mm« geworden ist, weiß ich allerdings nicht — aber vielleicht gibt einmal eine Dissertationsschrift darüber Ausschluß. Eichkätzchen aber ist inzwischen Hofrat und eine Kapazität in seinem Fach geworden, so daß Minas Tagebuch (sofern sie eines führt) ziehungen zu einer zweiten Berühmtheit verzeichnen darf . Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche UniversitäK-Buch- und ©tetniiruderel, D. Lange,