Gießener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <928 Dienstag, den <9- Juni Nummer <9 Die Nachtigall. Bon Theodor Storm. Das macht, es hat die Nachtigall dte ganze Nacht gesungen: da Md von ihrem süßen Schall, da sind in Hall und Widerhall die Rosen aufgesprungen. Sie war doch sonst rin wildes Blut, nun geht sie tief in Sinnen, trügt in der Hand den Sommerhut und duldet still der Sonne Glut, und weiß nicht, was beginnen. Las macht, es hat di« Nachtigall dte ganze Nacht gesungen: da sind von ihrem süßen Schall, da sind in Halt und Widerhall Die Rosen aufgesprungen. Die Hochzeit der Uskoken. Novelle von Alfons v. C z i b u l k a. Im Jahre 1603 war der Karneval in Venedig besonders ausgelassen und fröhlich, weil der vorangegangene statt des tollen, in ganz Europa berühmten Mummenschanzes nur die Maske des schwarzen Todes gesehen hatte. So furchtbar war die Zeit gewesen, daß niemand mehr an sie erinnert fein wollte, man nun über die Wochen der Lust der Toten vergaß und sich dem Rausche der Stunde, dem Taumel der Freiheit ungehemmt hingab. Um so ungezügelter und toller, als heim- kehrends Galeerenkapitäne erzählten, daß in Syrien und auf Kreta, in Smyrna und auf Rhodos die Pest von neuem ausgebrochen fei, und der Dortrab der apokalyptischen Reiter schon in einzelnen Städten von Morea sich zeige. Also nahm man die Feste wie sie fielen, denn es konnte ja morgen schon geschehen, daß wieder der Schreckensruf „die Pest!" kreischend durch die Kanäle und Lagunen hallte. In keiner dieser wilden Nächte wgr man sicher, daß nicht die Maske des Grauens unsichtbar schon durch das bunte Gewoge des Karnevals wandle. Am ersten Februarabend — schwül strich die Luft nach einem warmen Tage vom Lido her — begann um die neunte Stunde das Feste des Dogen. Zu Hunderten glitten die Gondeln über das träge, nach Fischen und Netzwerk riechende Wasser des Canale Grande. An der Piazetta brandete eine Springflut von Masken — Possenreißer, Harlekine und lustige Zwerge voran — lärmend über die steinernen Stufen der Ufermauer. Aus allen Gassen quollen Vermummte. Pünktlicher als sonst flutete das bunte Treiben über die Goldene Stiege des Dogenpalastes. Denn es war das Gerücht aufgeflogen, daß es beim Feste des Dogen etwas Besonderes zur Belustigung geben werde, wie man es selbst im venezianischen Karneval noch niemals gesehen. Und es erschien wie ein Auftakt des nächtlichen Scherzes, daß ent- E aller Gepflogenheit die Gondeln, die ihre Narrenfracht ausge- , nicht an der Piazetta warten durften, sondern in den Canale Grande und an die Riva bei Schiavoni gewiesen wurden. Auch sorgten die Sbirren des Rates dafür, daß das neugierig drängende Volk, das "om Palaste nicht weichen wollte, einen Streifen zum Meere hin frei W. Eine breite Gasse, die sich zwischen den Gondeln und ankernden Galeeren fortsetzte und sich in mondloser Nacht im schwarzen Wasser des tzasens verlor. So dauerte es nicht lange, bis unter den Gaffenden das Gerücht entstand, es werde um Mitternacht der Meergott Neptun mit Antonen und Nereiden, oder irgendein anderes Seevolk der Herrin der äona seine Staatsvisite abstatten. . Gs vernahm dieses Gerücht, das die Leute einander unter ausge- Wenen Scherzen zuriefen, indes schon Flöten- und Lautenspiel aus oem Palaste zu hören war, auch der kaiserliche Gesandte, der als einer »nm' en Gäste seiner mit dem doppelten Adler geschmückten Gondel So würdevoll er auch sein schwarzes, spanisches Kleid zu tragen Sri ,toenn er in Staatsgeschäften vor der Signorie erschien, so war der noch junge Herr, wenn er sich als Privatmann in k; Gesellschaft Venedigs bewegte. Es runzelten die Schranzen in Wien fonkt , 1.1' löenn sie von den Abenteuern und Liebeshändel ihres Ge- oiihr >n "ei der Republik von San Marco hörten. So wenig die Re- eta[) un" der Kaiser einander liebten, und so oft der Gesandte auch QU1 [“'io drohende Worte vor den Prokuraten zu sprechen hatte und Zu hören bekam, so gern gesehen war er als Gast. Sttnr k^111 ,!nnc er erstaunt, daß in dem Augenblick, da er den großen owrat, wo Mastentreiben schon im Geflimmer der Kerzen wogte, der Prokurator, der den auswärtigen Angelegenheiten vorstand, auf ihn zuschritt und ernsten Antlitzes um eine Unterredung bat. Noch verwunderter aber war er, als der Venezianer ihn in eine kleine Galerie führte, wohin das Lärmen des beginnenden Festes nur als ein ferne« Brausen drang. Und betroffen sah er auf, als der Prokurator zu rede« begann: „Es hat die Signorie mit Befremden gehört, daß der Kaiser entgegen aller feierlichen Zusage immer noch nichts Ernstliches gegen die dalmatischen Piraten, die Uskoken, unternommen habe. Immer noch stoßen sie wie die Seeadler aus ihren Felsnestern von Buccari und Zengg nach unseren friedlichen Schiffen ..." Längst war dar Lächeln aus den Zügen des Deutschen verschwunden. Sein Bück wurde bart, und gemessen kam seine Antwort: „Es wird der Signorie nicht entgangen sein, daß erst im Herbst dreihundert gute deutsche Söldner im Kampfe gegen die Uskoken vor Zengg geblieben sind. Und ini übrigen scheint mir hier nicht der rechte Ort, von Geschäften zu reden. Ich bin erstaunt, daß ein Prokurator von San Marco für ein solches Gespräch keine bessere Stunde zu wählen wußte." Seinen Zorn mit Mühe bekämpfend, trat der Deutsche ans Fenster. Hinter sich hörte er die Stimme des Prokurators: „Erstaunter noch werdet Ihr sein, wenn Ihr vernehmt, daß wir heute noch Eure dalmatischen Freunde als Gäste hier bei uns begrüßen sollen .. Verblüfft wandte der Gesandte sich um. Da sah er das fröhlich« Lachen des andern und verstand. Sein Zorn war verflogen, und nur ein leiser Spott blitzte aus seinen Worten: „Vergebt, wenn ich über Eure ernste Rede vergaß, daß im Karneval die Republik sogar über den ttskokenschrecken zu scherzen vermag. Oder habt Ihr am Ende Frieden mit den Piraten geschlossen, die auch die Signorie zu ihren Freunden rechnete, als die Türken bis vor dem Lido kreuzten?" Der Venezianer nahm das Wortgefecht auf, in dem Scherz und Ernst sich seltsam vermengten. „Friede mit den Uskoken? Vielleicht! Doch da die deutsche Majestät der Korsaren nicht Herr wurde ..." „Die Majestät hat keine Schiffe. Für die Kriegsflotte Benedigs aber wäre es ein leichtes, die Piratenstädte auszuschwefeln wie Wespennester." „Das Korsarenland ist österreichisches Gebiet!" „Run, ich bin bevollmächtigt," erwiderte der Deutsche, „Euch morgen schon, wenn Ihr wollt, die Erlaubnis zu geben, in Zengg und Buccari nach Uskoken zu jagen. Aber Ihr wollt eben nicht. Ihr meint, es sei gescheiter, der Kaiser verbrenne sich dort die Finger als Ihr selbst. — Doch nun sagt, welcher Spaß steht uns bevor. Ich hörte auf der Piazetta, daß Gott Neptun oder sonst ein Meerwuiider uns um Mitternacht besuchen werde." „Der Karnevalsrat, die Compagnia della Calza", gab der Broku- rator zur Antwort, „ist verschwiegener denn der Rat der Zehn. Und so weiß ich selbst nicht mehr zu sagen als was die Gerüchte mir zugetragen. Doch Gott Neptun scheint es nicht zu sein. Ihr habt doch gehört, daß vor etlichen Wochen die Uskoken am hellichten Tage über die Insel Curzola herfiele» und sich die schönsten Weiber fingen. Nicht, um nach Piratenart mit ihnen zu verfahren, sondern um sie als rechtmäßige Ehefrauen in ihre Räuberstädte zu führen. Nun dieser „Brautraub der Uskoken" soll uns als Maskenscherz vorgeführt werden." „Der Spaß ist gut", lachte der Gesandte. „Doch um wieder von politicis zu reden, so ersehe ich daraus, daß Ihr das Gelichter nicht allzusehr mehr fürchtet, sonst würdet Ihr den Teufel nicht an die Wand malen. Denn was in Curzola geschah, könnte eines Tages auch in Venedig sich ereignen." " Der Prokurator schüttelte den Kopf und deutete hinaus auf den Hafen, wo schwaches Mondlicht über den Mastenwald rieselte: „Hundertdreißig Galeeren liege» kampfbereit auf der Reede ..." Er schob den Arm unter den des Deutschen und sprach weiter, indessen sie hinüber zum Saale schritten: „Und so müßt Ihr Euch für heute mit dem Maskenscherz begnügen, so lieb es Euch vielleicht auch wäre, die Uskoken In natura hier zu sehen." Lachend tauchten die beide» in de» Trubel des Festes. * Mit jeder Stunde stieg die Erwartung. Vergebens versuchte man näheres zu erfahre». Niemand wußte Antwort. Selbst die Mitglieder der Compagnia della Calza schüttelten verwundert die Köpfe. Den» auch sie hatten den Scherz nicht ausgedacht. Und so mußten es wohl Spaßvögel aus der Schar der jungen Nobili fein, die diese Uskokenhochzeit ausgeheckt hatten. Da und dort drängte» sich Vermummte an die schönsten Frauen heran und raunten ihnen zu, daß nun bald die Uskokengaleeren heran« fliegen mürben, um die Venezianerinnen zu rauben wie die Fifcher- weiber von Curzola. Die Erwartung wurde zum Fieber. Trotz Flöten und Lauten ruhte der Tanz. Das Schwirren der erregten Stimme» übertönte das Spiel. Mitternacht war vorüber. Da stieg von der Piazetta ein brausender Schrei. Im Saale drängte man zu den Fenstern und auf die Balkone. lMt schreibt Le Blond, erinnere ich mich des Empfangs m einer Kirche, bei dem der junge Robespierre nusersehen war, den König nut einem Gedicht au begrüßen. Und ich sehe noch den jungen Regenten, gerührt und voll Güte, einen Blick auf Le jeune monstre werfen, der dazu bestimmt war, ihm eines Tages den Todesstoß zu versetzen. Robespierre studierte die Rechte, und wurde Advokat, zunächst m seiner Heimat Arras. Um Geld zu machen, wie er sagte. Ihn interessierten nur die ungewöhnlichen Fälle, er hat wenig zu tun. Unter dem frommen beschränkten Provinzpublikum fiel er aus. Seme Pariser Sitten, seine Religionslosigkeit isolierten ihn. Er mokierte sich über die über alle Autorität, die Schule, die Lehrer, das Gericht, d>! Gesellschaft, den Staat, den Hof, die Könige und die Bourgeoisie. Man hielt sich ihm fern die Bürger mißtrauten ihm, seine überhebende Art zog ihm den Haß der Kollegen zu. Sein Bureau blieb leer. Er begann sich den faulen Sachen zuzuwenden, die seine Kollegen ablehnten, er lebte von Skandalaffären. Sein zweites Wort war egalitS, liberte; er schrieb gegen die Ebe verteidigte die Scheidung, predigte Verachtung leglicher Moral, und sah 'in der allgemeinen Gemiedenheit, in der er lebte, nur einen Beweis seiner geistig höheren Stellung. Er erkannte weder eine Gottheit an, noch Elternrechte, er haßte die Reichen, die ihm ihr Haus verschlossen, er war neidisch, er gönnte sich und anderen nichts. Wenn man ihn einlud, verschloß man ärgerlich dar Silber vor seinen umhersuchenden Blicken, und verbarg das schone Porzellan vor ihm. Seine Tante, bei der er lebte, beklagte sich über ihren Reffen, den sie erzogen hatte, er verbreitete Ungemütlichkeit, Kalte: eine Atmosphäre der Disharmonie war um ihn. Und so wäre dieser Winkeladvokat zu den Schurken dunkelster Gattung zu zahlen, wenn nicht d,e Revolution gekommen wäre. Er drängt nach Paris, er hat nicht einmal Geld zum Platz in der Reisekutsche, nicht einen Koffer, keine Garderobe. Die gutherzige Ma- dame Marchand, eine Nachbarin, leiht ihm alles, und er reist ab, mit seinem geliehenen Koffer, zerrissener Wasche, abgenutzten «Stiefeln. Er lauft in die Versammlung, drängt sich m die Sitzungen, sucht alte Beziehungen auf, selbst seine Lehrer sucht er für sich emzunehmen. Mir abcau behandelt ihn sehr von oben herab. Er ahmt ihm nach, in seiner Kleidung, seiner Haartracht, seinen Mamcren, er setzt sich neben den großen Redner, lauscht ihm feine geschickten Wendungen ab. Mi- rabeau spielt ein doppeltes Spiel. Während er dem König gesteht, ich i bin in meinem Herzen Royalist und wünsche nur einen starken Damm i zwischen den Stürmern und dem Thron zu errichten, hetzt er in den Versammlungen gegen den Hof. Allmählich dringt Robespierre durch. Mit seiner weithintragenden Stimme verkündet er den q3nntern öie ivreibcit. Vive Robespierre, les anstocrats a la lanternei Roch 1792 | schrieb er, „die Monarchie ist das einzige, was für ein Königreich, das I o alt ist wie Frankreich, in Betracht kommt. Wenige Monate spater Wenn Ludwig XVI. den Tod nicht verdient, verdienen wir ,hn. De &önig fällt unter der Guillotine. Nous avons bnse nos ters schrei er dem jauchzenden Pöbel zu. Ihr habt keinen König mehr, ihr seidfrr Die verheißene Freiheit bricht an. Aber anders wie die fßan|er fte M gedacht/Despotismus ist Robespierre Ideal, er hat es erreicht. Alles beugt sich seiner Macht, ein r6gime rfvoluüonnaire beginnt, ein Tyrann I hat den Thron bestiegen, schrecklicher als alle römischen, ein ~aumcl I beginnt, die Guillotine arbeitet, sie dampft, sie knarrt, und der Karren | rasselt durch die Straßen, und bringt Opfer um Opfer herbei. DasMl! I sieht zu, jubelnd, blutberauscht, die Schreckenszeit breitet sich aus über d I Provinz, die Guillotine reift, die Flusse sind gefärbt von dem Bllst de I Opfer die man nicht mehr beerdigen kann: Robespierre lächelt und I herrscht. Dreihundert Personen läßt er in acht Tagen morben ous ew sucht auf eine Frau, die viele Anhänger im Volke hatte sein Em luß I muß unangetastet bleiben. Miraubeau ist nicht wehr, er ftarb v j f nach einem Souper. Früher ober später wäre auch er geendet mster d,e I fern Henker. Robespierres Seele brennt, fte lodert, der Blutrausch t) | ihn gepackt, er greift um sich wie eine Pest. Man beklagt sich über em Provinzdeputierten, einen Kommandanten, der soviel Menschen er morden laßt, daß die Stadtverwaltung das Geld nicht mehr aufbr ng, den Fluß von den Leichen säubern zu lassen; sie « nebeneinander her. Robcspierrc lächelt: Ich bin sehr zufrieden mit diesem Kommandanten, er tut nur seine Pflicht. Der Tod geh um di Denn ziationen durchschwirren die Lust, anonyme Briese bic ben » i Häuser tragen ... man braucht nur einen Feind zu haben, nur emm I neidischen Nachbar, nur Vermögen zu besitzen, ein Gelehrter zu I j bem Hofe verwanbt, so ist man auf bem Karren. Aber Robespierre lächelt nicht, wenn er die Briefe öffnet die I ins Haus fliegen. Nieder mit dem Tyrannen, dem T ger, dedeckl Frankreichs Blut ... Ein leises 3röfte(n übcrfhcgt Jemen «ucten, « zerreißt sie, aber sie kommen wieder. Er schlaft unruhig, erplatzt sich^, I wachen von Hunderten von KriMinallften, sie sind uorsichtlg I jnobin er geht, folgen ihm einige. Alle Revolutionäre hatte de Y I kaufen können, sagt Le Blond, wenn er sich ernstlich darum bemüht ) ■ Mirabeau ließ sich bezahlen, Marat nah,» mit emer Hand, anderen schrieb er gegen die Regierung, Danton kostetdemi w» I hunderttausend Taler, ohne daß der Hof einen Nutzen davon ha , I Robespierre galt für unbestechlich. f 6en, Und seine Stunde kommt; eines Tages forderl uiaii ihn ab & selben Karren zu besteigen, auf den er so viele andere gesch' I springt aus dem Fenster, verletzt sich auf dem -Pflaft , jatf. blutigen Binde fährt er zum Richtplatz Man war selncr Herrschaj I Ein Geheul erhob sich, wo er uorubertam, Schreie d" Hasses, » achtung, der Wut. Alfons, Sire, riefen die Weiber ihm 3«, v°' fiel. tour. Nieder mit dem Henker. Man applaudierte, als sein Niemand beklagte ihn. Alles atmete auf, und aus den flberfume g(; die man jetzt öffnet- strömten die Gefangenen heraus, die jicy i richtet sahen. Mild war die Nacht. Mondlicht überflutete den Hafen, und äuf dem i Meere sah man ein seltsames Spiel. Aus dem Dunkel der Nacht glitten I Barken und kleine Galeeren. Taktschlag von Rudern war zu Horen und ! das Schrammen der Bordwände an der steinernen Ufermauer. Segel I flatterten im Winde. Ein buntes Schiffsvolk stürzte über die Stufen der I Pinzetta herauf, von tosendem Zuruf begrüßt. Handschare blitzten im Fackellicht Schüsse aus Faustrohren gellten. Die Wachen an den Taren, I die in dieser Nacht einen Scherz wohl verstanden, gaben sich lachend I SCfße eines kleine» Tellers, der hörnerartige niigenb geachtet, so daß mein Speer das Ziel verfehlte und lediglich einen großen Fühler streifte, der die Leiche hielt. Ich bemerkte, daß die Bewegungen dieses Fühlers langsamer wurden, als ob der Polyp die Kontrolle über ihn verloren hatte. Noch ehe ich meinen Speer zurückziehen konnte, um zum neuen Schlage auszuholen, erfaßte ein anderer Fühler, der sich am Boden entlangschlängelte, mein linkes Bein. Mit aller Kraft versuchte ich nun, mich aus dieser gefährlicher Umklammerung zu befreien; ich wiege über zwei Zentner und erfreue mich einer blühenden Gefundheit, aber ich fühlte mich machtlos wie ein Kind, das in den Rüffel eines Elefanten geraten war. Ein Ring nach dem anderen wanden sich um mein Bein und drückten es mit einer derartigen Kraft zusammen, daß ich überzeugt bin, wäre nicht mein starker Taucheranzug aus dickem Gummi, so wäre es mir abgerissen worden. Immer höher und höher bildeten sich diese eisernen Ringe, bis sie mein ganzes Bein umsaht hatten. Dies alles geschah mit einer derartigen Schnelligkeit, daß ich inzwischen nur einmal Zeit hatte, mit dem Speer auf den Fühler zu schlagen und zum Unglück noch vorbei. Im selben Augenblick rückte ein anderer Fühler, wie eine phantastische Riesenschlange, von oben an mich heran und versuchte meine rechte Hand ober meinen Speer zu erfassen. Wäre dieses dem Ungeheuer gelungen, so wäre ich unrettbar verloren gewesen. Bie Situation, in der ich mich befand, war äußerst kritisch und ich glaubte, meine letzten Minuten seien gekommen. Zu allem Unglück wurde das Wasser um mich herum plötzlich ganz dunkel: der Polyp warf seine schützende, tintenartige Flüssigkeit aus und sogar die Strahlen meiner starken elektrischen Lampe vermochten nicht, diese Finsternis zu durchdringen. Ich konnte gar nichts mehr sehen, und es blieb mir schließlich nichts anderes übrig, als wie ein Wilder mit dem Speer um mich zu schlagen. Zum Glück traf ich dabei den gefährlichsten Fühler, der über meinem Kopfe schwebte. Bas scharfe Eisen durchschnitt ihn und ich bemerkte zu meiner Freude, wie er sich vom Rumpf trennte. Durch meine verzweifelten Schläge geriet das Wasser in Bewegung und vertrieb die vom Polypen herausgelasfene Schwärze; ich sah die starr aus mich gerichteten, schrecklichen Augen des Monstrums und den großen Schnabel, nicht weiter als höchstens 2 Fuß von meinem Gesicht entfernt. Mit einer schnellen Bewegung bohrte ich die Spitze meines Speers unter den Schnabel und, den hölzernen Griff mit beiden Händen erfassend, schob ich ihn in die Höhe. Der Speer drang wie ein Rasiermesser in den Polypen und zwei" Drittel feines Körpers, mit dem oberen Teil des Schnabels und den haßerfüllten Augen, waren abgeschnitten. Dieser tatsächlich gelungene Schlag halbierte das Ungeheuer. Bas schreckliche Ungetüm legte sich vor meinen Füßen auseinander und, in dieser undefinierbaren weichen Masse, blutlos, bewegte es sich immer weiter; alle abgehackten Fühlerteile des Körpers setzten sich intensiv in Bewegung, bald zu einem Ring sich rollend, bald wieder nach allen Seiten auseinanderschlagend. Ein grauenhaftes Bild ... Aber der Kampf war noch lange nicht beendet und die Gefahren nicht beseitigt, denn die beiden getrennten Körperhälften lebten und attackierten mich einzeln immer weiter. Von oben rückte ein Fühler heran, der viel länger und dicker war als die anderen, und ehe ich ihn abhacken konnte, umfaßte er meinen linken Arm und meine Taille. Mein linker Arm und mein linkes Bein waren somit in der Gewalt des Polypen. Und wenn ich nicht meinen vollen Taucheranzug getragen hätte, wäre ich verloren, denn die Sauger, mit denen die Fühler dieses Giganten dicht besät sind, drangen sogar durch den dicken Gummi in meinen Körper hinein. Bie Umschlingungen waren derart fest, daß meine Rippen beinahe zerdrückt worden wären. Meine Kräfte drohten mich zu verlassen, doch die drohende Sage, in der ich mich befand, zwang mich immer weiten um mein Leben zu kämpfen. Ben Speer mit der freien Hand an der äußersten Spitze erfassend, stieß ich ihn mit voller Kraft zwischen meinen linken Arm und Brust. Der Schlag gelang, und ich zerschnitt den Fühleri Nun waren meine Hände frei und ich machte mich daran, mein linkes Bein zu befreien. Schließlich zerstückelte ich noch die auf dem Boden sich windenden Fühler und befreite die Leiche. Es war das letzte, was ich tun konnte, — totmüde gab ich das Signal zum Hochziehen. Als ich auf der Barke wieder angelangt war, traf ich meine Freunde in größter Bestürzung vor. Sie glaubten mich verunglückt und wollten bereits meinen Gehilfen zur Rettung herunterlassen. Ich erzählte von meinem Kampf. Sie Freude über den gelungenen Sieg war allgemein, und man machte sich daran, mich von den drückenden Umschlingungen der Fühler zu befreien. Die abgeschnittenen Stücke lebten immer noch auf dem Deck und wanden sich wie Schlangen. Nachdem ich mich erholt hatte, stieg ich noch einmal ins Wasser und holte den Toten herauf. Wie groß aber war mein Erstaunen, als ich in ihm meinen alten Freund Henri Hilley erkannte. Hilley war Koch auf dem Schleppdampfer „Warren", der vor einer Woche, unweit meiner Arbeitsstätte, fant Allem Anschein nach arbeitete er, als der Dampfer unterging, gerade in der Küche und hatte dabei feine weiße Schürze umgebunden. Diese Schürze war, wie ich es jetzt erst begriff, dieser weiße Fleck gewesen, der mich zuerst auf den Polypen aufmerksam machte und, möglicherweise, dadurch mein Leben rettete." Dielegen. Erzählung von Gottfried Keller. (Fortsetzung.) Doch Bietegen erwiderte ihre Untat nicht, gab ihr kein böses Wort und war immer gleich geduldig und anhänglich. Bas sah die Forstmeisterin mit großem Wohlgefallen, und um ihn dafür zu belohnen, erzog sie 6e* Snaben wie ihr eigenes Kind, indem sie ihm alle jene zarteren und feineren Zurechtweisungen und unmerklichen Leitungen gab, welche man sonst nur dem eigenen Blute zukommen läßt und durch welche man ihm die schöne Farbe herkömmlicher guter Sitte verleiht. Freilich hatte sie davon den Gewinn, daß sie in dem Pflegling einen kleinen Sittenspiegel für das mutwillige Mädchen schuf, und es war drollig anzusehen, Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl' Pfänderspiel vorzuschützen, wie dli en das Glas und der Krist " wie die unruhige Küngolt bald beschämt ihrem besseren Vorbild nachzuleben trachtete, bald eifersüchtig und zornig auf dasselbe wurde. Einmal war Ne so gereizt, daß sie mit einer Schere leidenschaftlich nach ihm stach; Dietegen fing rasch und still ihr Handgelenk, und ohne ihr weh zu tun, ohne einen bösen Blick wand er die Schere sanft aber sicher aus ihrer Hand. Dieser Auftritt, welchem die Mutter im verborgenen zugesehen, bewegte sie so heftig, daß sie hervortrat, den Knaben in die Arme schloß und liebevoll küßte. Still und bleich vor Aufregung ging das Mädchen hinaus. „Geh, versöhne dich mit ihr und mach' den Trotzkopf wieder gut! sagte die Mutter; „du bist ihr guter Engel!" Dietegen suchte sie und fand sie hinter dem Hause unter einem Hol- lunderbaum; sie weinte wild und krampfhaft, zerriß ihre Halssginur, indem sie dieselbe zusammenzog, als ob sie sich erdrosseln wollte, und zerstampfte die zerstreuten Glasperlen auf dem Boden. Als Dietegen sich ihr näherte und ihre Hände ergreifen wollte, rief sie schluchzend: „otiemand darf dich küssen, als ich! denn du gehörst mir allein, du bist mein Eigentum, ich allein habe dich aus dem Sarge befreit, in dem du aus ewig geblieben wärest!" t Da der Knabe gar stattlich heranwuchs, erklärte der Forstmeister eines Tages, daß es nun Zeit für ihn sei, mit in den Wald zu gehen und die Jägerkunst zu lernen. So wurde er von Küngolts Seite genommen und war die meisten Tage vom Morgengrauen bis zur sinkenden Nacht mit den Männern in den Wäldern, auf Moor und Heide. Erst letzt reckten sich seine Glieder aus, daß es eine Freude war; rasch und gelenksam wie ein Hirsch gehorchte er auf den Wink und lies zur Stelle, wohin man ihn schickte. Schweigsam und gelehrig war er überall zur Hand, trug die Geräte, half die Netze stellen, sprang über Halden und Graben und erspähte den Stand des Wildes. Bald kannte er die Fährten aller Tiere, wußte den Lockruf der Vögel nachzuahmen, und ehe man sich s versah, ließ er ein junges Schwarzwild auf den Sauspieß rennen. Nun gab ihm der Forstmeister auch eine Armbrust. Mit derselben übte er sich zu ,eder Stunde nach der Scheibe sowohl wie nach lebendigen Zielen, kurz, als Dietegen sechzehn Jahre zählte, war er bereits ein junger Weidmann, den man überall hinstellen durfte, und der Forstmeister sandte ihn schon etwa allein hinaus, die Knechte anzuführen und die Stadtforste zu uber- "" Metegen war daher nicht nur mit der Armbrust auf dem Rücken, sondern auch mit dem Schreibzeug im Gürtel auf den Bergen zu sehen, und er gereichte mit seinen wachsamen Augen, mit seinem frischen Gedacht- iiis seinem Pflegevater zu guter Aushilfe. Da er sich nun so gut ansteß, gewann ihn der Forstmeister täglich lieber und sagte, er müsse ihm gänzlich ein ehr- und wehrbarer Stadtmann werden. Es war begreiflich, daß Dietegen dem Forstmeister mit Leib und Seele anhing; denn nichts gleicht der Neigung eines Jünglings zu dem Manne, von welchem er weiß, daß er ihm fein Bestes zuwenden und lehren will und den er für fein untrügliches Vorbild hält. Der Forstmeister war ein Mann von etwa vierzig Jahren, groß und fest, von breiten Schullern und schönen Ansehens. Sein goldblondes Haar war bereits von einem Silberschimmer überflogen, dagegen die Gesichtsfarbe frisch gerötet und die blauen Augen groß, offen und voll Feuer. In seiner Jugend war er denn auch der lustigste und wildeste der Seldwyler gewesen, der stets die wunderlichsten Streiche angegeben; als er aber seine Frau heimgeführt, änderte er sich augenblicklich und blieb seit der Zeit der gesetzteste und ruhigste Mann von der Welt. Denn die Frau war von äußerst zarter Beschaffenheit, von einer wehrlosen Herzensgüte, und obgleich nicht unwitzig, hätte sie doch mit keinem scharfen Worte einer Unbilde zu widerstehen vermocht. Eine rüstig Streitbare würde den lebhaften Mann wahrscheinlich zu weiterem Tun gereizt haben; gegen die anmutige Schwäche der zarten Frau aber benahm er sich wie die wahre Stärke; er hütete sie wie seinen Augapfel, tat was ihr Freude gewährte und blieb nach vollbrachtem Tagwerk ruhig an seinem Herde. Rur bei den wichtigsten Festlichkeiten der Stadt, des Jahres etwa drei- oder viermal, ging er unter die Rät' und Burger, führte dort mit frischer Kraft den Reigen, und nachdem er die Alltagszecher einen um den andern unter den Tisch getrunken, ging er als der letzte aufrecht von der Ratsstube und stieg fröhlich in den Wald hinaus. Aber die Hauptlustbarkeit ergab sich jedesmal am andern Tag, wenn ihm dann doch der Kopf gelinde summte und der Mann mit einer halb verdrießlichen, halb heitern Löwenlaune erwachte, welche sich in der Tat zu dem kleinen Katzenjammer der heutigen verhielt, wie der Löwe zur Katze. Zeitig in der hellen Morgensonne erschien er beim Frühstück, und das Unwohlsein bezwingend, eröffnete er dasselbe mit einem mürrischen Scherzworte, einem drolligen Einfall. Seine Frau, welche stets hungrig nach den Witzen ihres sonst schweigsamen Mannes war, lachte sogleich mit so hellem Geklingel, wie man hinter dem sanften Wesen nie gesucht hätte; es lachten die Kinder, die Jäger und das Gesinde. Auf diese Art ging es fort; unter allgemeinem Gelächter wurden die Geschäfte getan, der Forstmeister immer voran, die Axt schwingend oder Lasten hebend. 2(n einem solchen Tage war einst Feuer in der Stadt ausgebrochen; über brennenden Dächern ragte ein unzugängliches hölzernes Fachwerk, in welchem eine vergessene alte Frau jammerte und auf deren Schulter ein zahmer Star sich kläglich und drollig gebärdete. Niemand wußte ihr beizukommen, als der Forstmeister zur Stelle kam. Der erklomm einen Absatz an einer gegenüberstehenden hohen Mauer, zog mit gewaltiger Kraft eine Leiter nach sich, schwenkte sie in der Lust und legte sie nach dem Fenster der Verlassenen hinüber. Aus dieser Schwindelbrücke ging er hin und schritt wieder herüber, das Weib auf den Armen, den Vogel auf dem Kopfe und das leckende Feuer unter sich. Alles dies tat er wie zum Scherze, mit launigen Ausdrücken und Bewegungen. War bann ein tüchtiges Stück Arbeit getan, so bewirtete er (ein Haus auf das beste und hielt eine lustige Nachfeier mit den Seinen. Dabei war er ungewöhnlich zärtlich gegen feine Frau, nahm sie wohl auf die Knie, zum großen Vergnügen der Kinder, und nannte sie sein Weißkehlchen und seine Schwalbe, und sie, die Arme übereinandergelegt in selbstvergessener Behaglichkeit, verwandte lachend kein Auge von ihm. An einem solchen Tage war es auch, daß er einen Tanz veranstaltete da es gerade der erste Mai war. Er ließ einen Spielmann holen und einige junge Leutchen aus der Stadt dazu laden. So wurde denn auf dem glatten Rasen unter den blühenden Bäumen zunächst des Haust- zierlich getanzt, und der Forstmeister eröffnete den Reigen mit seiner Frau, die sich bescheiden geschmückt hatte, aber ihre feine Gestalt lächelnd herumdrehte. Da sah auch Dietegen, welcher sich die letzten Jahre eifrig zu den Männern gehalten, daß Küngolt ein schönes Weib zu werden be< gann. Ihr Gesicht, von zarten und lieblichen Zügen, erinnerte an dis Mutter; der Wuchs aber artete dem Vater nach; denn sie schoß wie eine junge Tanne in die Höhe^ die Brustknochen waren so kühn gewölbt, daß sie trotz ihrer vierzehn Jahre fast vollbusig schien; goldgelbes Ringel, haar fiel üppig über den Rücken und verhüllte die noch eckigen aber schön und festgeformten Schulterblätter. Sie ging grün gekleidet, trug um den bloßen Hals ihr Bernsteinband und auf dem Haupte, gleich den anderen Mädchen, nach damaliger Sitte ein Rosenkränzchen. Ihre Augen leuchteten offen und freundlich umher; aber unversehens blitzten sie ein. mal mutwillig auf und streiften wie Pfeile über die Jünglinge hin, bis sie einen Augenblick auf Dietegen ruhten und dann wieder weiter fuhren, Dietegen sah unverwandt hin, sie flüchtig noch einmal zurück, woraus er den Blick errötend niederschlug und Küngolt sich an ihrem Haar zu schaffen machte. Das war das erstemal, daß sie sich nicht mehr unbefangen ansahen; aber bald darauf waren sie wieder in der Nähe und sanden sich Hand in Hand in einem Ring reihen. Ein neues süßes Gefühl durchströmte ihn und verließ ihn auch nicht mehr, als der Ring sich wieder löste. Küngolt aber ging von ihm wie von einer Sache, die einem zu eigen gehört und deren man sicher ist; nur zuweilen warf sie einen Blick über ihn, und wenn er etwa in die Nähe anderer Mädchen geriet, war sie unversehens da und stand dazwischen. Dergestalt herrschte ein glückseliges Leben bis in die Nacht; die Jungen wurden so munter und flügge wie die jungen Holztauben und taten ss bald dem luftigen Forstmeister zuvor, und dieser spiegelte sich wohlgemut in dem fröhlichen Nachwuchs, gab aber vor allen seiner Frau die Ehre, deren Wohlgefallen ihn höchlich zu erquicken schien, besonders da sie nun anfing, ihm auch allerlei lustige Spitznamen anzuhängen. So ehrbar nun all die Lustbarkeit war, so hätte sie doch der Bürger einer andern Stadt vielleicht um ein kleines Maß zu warm befunden; der Würzwein, welchen dte Leutchen tranken, war untadelhaft gemischt, aber in ihnen selbst war ein klein bißchen zuviel Zucker und in ihrer Freude um ein wenige- zuviel Süßigkeit. Die Hände der jungen Mädchen tagen fortwährend auf den Schultern der Jünglinge und das Völkchen nahm sich auf hen Schoß und küßte sich gelegentlich, ohne ein Pfänderspiel vorzuschützen, wie die heutigen Philister. Kurz, es fehlte ihnen das Glas und der Kristall einer gewissen Sprödigkeit, mit welcher Dietegen dafür zu reichlich gesegnet war als ein Abkömmling von Ruechenstein. Denn obgleich er bereits verliebt war, floh er das Liebkosen, welches ziemlich allgemein begonnen hatte, wie das Feuer und hielt sich vorsichtig außerhalb der gefährlichen Linie. Desto kecker und zutunlicher wurde Küngolt, welche in kindlicher Unwissenheit, nach Art unerwachsener Mädchen, sich nicht beherrschte, sondern den spröden Knaben aufsuchte, der im Schatten dunkler Säume saß, und sich neben ihn setzte, seine Hand ergreifend und halb kindlich mit feinen Fingern spielend. Als er dies geschehen ließ und ihr mit der Hand gönnerhaft und sanft, fast wie wenn er ihr Pate wäre, durch das Ringelhaar fuhr, legte sie sogleich den Arm um seinen Hals und liebkoste ihn mit der Unbefangenheit, aber auch mit all' dem rückhaltlosen Ungestüm eines Kindes, während es doch schon die Jungfrau in ihr war, die sie bewegt«. Dietegen, der kein Kind mehr war, wollte für beide Verstand brauchen und war ängstlich beflissen, sich aus ihren Armen loszumachen, als di« fröhlich erregte Forstmcisterin herbeikam und mit Vergnügen die Kindel beisammen sah. „Das ist recht, daß ihr auch zusammenhaltet," sagte sie, indem sie beide zumal in bie 21 nne schloß, „sei nur dem Dietegen recht gut, mein Kmd! er verdient es, daß er eine Heimat nicht nur in unserem Hause, sondem auch in deinem Herzchen behält; und du, Dietegen! sei meinem Küngolt- chen allezeit ein treuer Wächter und Beschützer und laß es nie aus deinen Augen, denen ich alles Gute zutraue!" „Er gehört niemand als mir, und das schon lange!"! sagte Kungou fast trotzig und küßte ihn keck und leichthin auf die Wange, halb wie em Bräutigam und halb wie ein Kind ein junges Kätzchen küßt. Jetzt man dem armen Burschen zu heiß und unheimlich zwischen Tochter und Mo ter; er machte sich ziemlich unsanft von ihnen los und trat einige Schrme weit hinweg, Küngolt verfolgte ihn mutwillig, und als er fliehend wiese in die Nähe der hübschen Mutter kam, fing ihn diese scherzend aus, W ihn fest und rief: „Hier hast du ihn, mein Töchterchen! Komm und ha ihn fest!" . Als er aufs neue so gefangen war, klopfte ihm das Herz vor sm Aufregung, und indem er sich so wohl geborgen sah, empfand er erst m seine Einsamkeit in der Welt. Er tarn sich vor wie eine mnn -oau • Des Sehens geschüttelte verlorene Seele, welche, von weichen Händen o i gehoben und gepflegt, nun für immer des eigenen freien Daseins Der wäre. Deshalb, wie nun das Gefühl der persönlichen Freiheit mu zärtlichen Zuneigung in ihm rang, stand er zitternd und schweigend, y in Empörung gegen die eigenmächtige Zutulichkeit der Frauen, ya Versuchung, das Mädchen ungestüm an sich zu ziehen und veim v zu nehmen. Er liebte die Mutter mit der treuesten und dankdarsre hänglichkeit, aber ihre unbefangene Aufmunterung zum Kosen wunderlich und schwül zu Mute; er betrachtete sich als dem ganz zu eigen gehörig; aber höchst ernsthaft war er um Wre M besorgt, und als ihn Küngolt nun heftig auf den Mund küssen w hielt er plötzlich die Hand dazwischen und sagte wohlwollend u dem Tone eines alten Schulmeisters: „Du bist noch zu lung i .< Das schickt sich nicht für dich!"! (Fortsetzung^, fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, ®*e®