GietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Z ihrgang <928 Montag, den 17. Dezember Nummer (00 Reminiszenz. Von Fritz U s i n g « r. An Winterabenden, mein Herz verschneit. Durch sterbenden Kristall der spätsten Stunde, Bricht es noch aus. verschüttet, Trunkenheit, Traumwort, geflüstert kaum aus wirrem Munde: Hier ist ein Fest verrauscht. Hier müßten Blumen liegen. Hier wurde Seligkeit um Traum getauscht. Unendliches verschenkt und Größeres verschwiegen. Verblühter Sommer macht die Adern warm. Van fern Glicht und See durch grüne Ranken. Glück: laue Welle unter nacktem Arm, Zu treiben bei der Boote braunen Flanken. Durch Straßen gehn, wo über grau Gemäuer Die Gärten quillen und durch weiße Gitter. Und Heimkehr spät, berauscht in Abenteuer, Lau überspült von näherem Gewitter. Durchwachte Nacht, tief unter Sternenbrücken, Wo ewig ziehn Traumsuhren Schlaf und Mohn, Äoldknirschend über schwindelndem Entzücken — Schlaflose Rächt, im Ohre Harfenton. O Morgenblöue über Wäldern weit — Manchmal noch bricht es aus vereistem Grunde An Winterabenden, mein Herz verschneit. Durch sterbenden Kristall der spätsten Stunde. Alm-Winrermärchen. Von Otto E h r h a r t. Es war eine klingend klare Winternacht. Breit floß das Mondlicht in den erhabenen Kessel hinab, an dessen äußerstem Rande meine kleine Almhütte lag. Der Schlaf der nächtlichen Erde war so feierlich, daß die gläsernen Himmel vom Abglanz ihres Friedens wie verzückt waren. Es war kalt, bitterkalt ... Obwohl ich alle Ritzen zwischen den Brettern mit Moos verstopft und die kleinen Fensterläden dicht verschlagen hatte, erwachte ich an der Unendlichkeit dieser Nacht. Aber es war wohl nicht dies allein, was mich trtoetft hatte, sondern — der Mond. Dieser ewig gute Freund aller Schrulligen und Phantasten, aller Einsamheitslüsternen und Tagesfernen meint mir wohl und hat ost eine eigene Art, mir dieses fühlbar zu machen. Durch Schlaf und Traum, durch Holz und Stein, spürte ich sein verstecktes werbendes Leuchten. Und es ließ nicht eher nach, bis ich endlich draußen vor der Hütte stand. Die Kälte tat weh: sie schnitt in die Backen, kniff in die Ohren, und der Atem sprang mir als lebendiger Hauch, wie eine silberne Wolke aus dem Munde. Im verschlafenen Hochwald knallt dann und wann ein Baum. Berstend vor Frost. Auf dem Hügel, der sich wie ein kleiner Vorgipfel hinter der Hütte erhebt, schreckte — wie mit japanischer Tusche gegen den vollen Mond gezeichnet — eine uralte Wettertanne in die Höhe. Am Fuße ihres Stammes stand ein edler Hirsch, mit feinen, schlanken Läufen, silbernem Bart und mondoergoldeten Geweihenden. Also erhob sich das Bild gegen den runden Mond, der füllig und schwer, ein riesiger Lampion über den eistgen Bergzacken schwebte. Es war so still, daß das Zöchen meines Herzens und den stoßweisen Atem des Hirsches hörte. Mondfinger spielten mit glitzernden Echneekristallen und ließen sie glitzernd wieder zur Erde sallen. Irgendwo in der Ferne donnerte eine Lawine zu Tal ... ♦ „Willst du ein Märchen erleben?" fragte mich der Mond. „Gern, wenn du ein wenig warten willst." Ich ging ins Haus zurück, um warmes Wollzeug zu holen, legte die Skier an und glitt dann, seinem freundlich weisenden Lichte folgend, jäh in die schwarzblaue Tiefe hinab. Es war alles so unsagbar schön! Wie mir über der Baumgrenze die ersten Hochwaldtannen — große, flechtenbehangene, gespenstische Wesen, entgegenwehten! Ernst grüßend glitt ich weiter durch schwarze Tannen, in denen der Frost bohrte — an einem schlafenden Rudel Wild vorüber. Erschrecktes Aufblitzen von vielen grünen Lichtern, und dann ein Sturm, ein Geprassel und Geknacke von dürrem Holz und platschendem Schnee. Von der Gamswand herüber bringt noch ein paarmal der metallisch schwingende Ton von springendem, Eis und wieder herrscht Stille, Heilige Stille, Im dichtesten Tannicht liegt nur wenig Schnee. Dort winden verworrene, mannsstarke Wurzeln die grauen Krakenarme ineinander. Irgendein Dingelings huscht dazwischen umher: ein Lichtlein — ein dunkler Schatten. Ein Zwerglein? Eine Maus? Wer weiß, was? Es redet da drinnen, tuschelt, raunt und kichert. Es macht sich anscheinend luftig über mich, und jetzt schimpft es sogar. Ich sage schnell: „Gute Nacht, kleines Gestndel!" und fahre weiter. Zieht ein Dom von schwarzen Fichten daher. Bäume wie Säulen und Orgelpfeifen. Und es tönt auch da drinnen, wie in einer gewaltigen Kirche. Horch doch! Sie halten Gottesdienst. Eine dunkle, starke Hochtanne führt den BaL und darum herum ranken fich all' die anderen hölzernen Pfeisen. Alle Bäume fingen. Well es heute gar so feierlich ist, müssen ste fingen. Hinter meinem Orgelsaal liegt eine weite, weiße Matte, auf der im Sommer die schönsten Schmetterlinge — Apollos, Schwalbenschwänze, Admirale, Schillervögel und das schwirrende Taubenschwänzchen — fliegen, Seltene Blumen und heilsame Kräuter gedeihen dort, und die lichtblauen Enziane läuten hier am allerehesten den Frühling ein. An keiner anderen Stelle des Bergwaldes findet man eine so unerwartet schöne Fernstcht vor. Es ist, als ob man plötzlich, wie ein Heines Tierchen, aus irgendeiner Falte, aus der Rinde des Berges schlüpfte — man erschrickt, wenn man zum erstenmal auf dieser Stelle steht. Dort gleite ich nun aus. Der Schnee ist weich und tief. In ungeheure« Ernst entbreitet sich das ganze Waldtal. Der Mond steht über blaffen, fernen Bergen. Aus den Seitentäler« steigen, mit dunklen Schleiern behangen, die Rachtsrauen empor. Schimmernde Nacht: ebel — rote sanfte, runde Stimmer — grasen friedlich über den weißen Weiden des Tals. Unter einer alten Tanne am Waldrand raste ich. Ein Häher kreischt« im Tiefholz, und ein verdrosiener Rabe schwingt krächzend unter den Fichten ein. Lautlos schluckt ihn der Wald. Draußen aber liegt die weite, schneeige Bergkette, und wieder eine —- und immer noch eine, bis sie endlich fern — unerreichbar fern — im blassen Himmel verscheinen. Harzige Riichlein wallen aus der Tiefe. Heber mir, In der Tann«, raschelt ein großer Tannenzapfen. Später merke ich, daß es ein er» schlasenes Eichkätzchen war. Tiiß tüß — riefelt der Schnee von den Zweigen. Schweigen ... Schweigen ... Es wird plötzlich hell in mir. Fällt wie Traum auf meine wache« Augen. Ehe es die Sinne begreifen, wird mein Herz ein klingendes Märchen — ein tiefer, schwingender Märchentraum — eins mit dem Wesen der Dinge. Ich fühle, was das Eichkätzchen über mir träumt, wie der leichte, kalte Nachtwind fein Fellchen aufblustert und wieder fallen läßt. Ganz lind und weich. Es strahlt in mir. Wird blau und silbrig trunken. Und auf einmal steh ich dann — wer weiß, wie das geschah — als große, blaue Wunderblume, mitten in meiner Wiese und läute — läute .., Es ist mein Herz, daß so Hingt und immer voller tönt. Um mich ist Scheinen, wie Gold von Kerzen auf priesterlichem Brokat. Und Ton ist Licht und Licht ist Ton. Die schwarzen Fichten heben die Aeste gegeneinander und raunen und rauschen. Tiere kommen gelaufen, scheue Rehe, trotzige Hirsche mit der lieben Gefährtin zur Seite — und ich klinge, Hinge. Gemsen ziehen, gleitenden Schnee im Gefolge, von den Hängen herab. Ein Busfardpaar schlägt mit scharfem Flug in einer Fichte ein. O, liebe, klare Glocke du! Klinge! Klinge! Wie ein Schatten fällt lautlos eine Eule in den Schnee. Schaukelt erregt den Kops, kommt schwerfällig näher und sitzt schließlich wartend im Kreise der anderen Tiere. Schlanke Marder, wie dunkle Baumäste, fahren näher, und schrecken zu starren Pfählen zusammen. In den Bäumen sitzen die Vögel so dicht, daß manche Aeste wie mit Tannenzapfen überladen erscheinen. Ünterm Schnee spürt man die Bergmäuse. Sie sind so erregt, daß stellenweise die ganze Schneedecke zittert und bebt. Ueberallher ist ihr leise«, seinschnäuziges Pfeifen zu vernehmen ... Mein Licht nimmt zu, bis an die Bergspitzen reicht jetzt sein starke«, tönendes Leuchten ... Bon droben kommen, einzeln oder in Paaren, Latschen und Föhre» zum Platze. Der Wald tritt scheu zurück, um dem Trutzholz Raum zu machen. Alte, hundertjährige Latschen, vom Wind, von Eis und Lawine» zerfressen, nehmen unter der Menge Platz. Vom Tale kommen Füchse, Ottern und Iltisse, ducken sich so im Schatten der nadlichten Gesträuchs daß man nur noch ihre Augen als Heine grüne Kugeln aus dem Dunkel blitzen sieht. » Tief teilt sich der Wald. Raunen geht durch gebeugte Wipfel, und Schnee dröhnt ächzend unter fernen, hallenden Schritten. Ein paar Schneehühner fallen wie Schneebälle mitten unter den erregten Tieren ein. Mein Lied ist oertlungen — und nur mein Licht strahlt tiefer un6 wunderbarer aus meiner Seele Kelch ... Jetzt dröhnt der Boden, als ob man gewaltige Felsblöckc über ihn risse. Näher und näher trabt das Gedröhn. Tiefer raunen die Bäume. Die Tiere Cnd unruhig geworden. Schwarze Schwärme aufgeschreckter Vögel oer- unfein die Nacht. Drei Schläge wie aus dem Leib der Erde gerissen! Wie platzende Wolken, wie aufprallende Weltkörper! Erstarrung ... Stille ... Es dämmert fahl. Aus grünlichem Lichte, aus blassen Nebeldämpsen löst sich ein gigantisches Wesen. Mensch? Riese? Fels? Baum? Tier? ... Schließlich erkenne ich — aus zwei ungeheuren Felsblöcken wurzelnd — die uralte Wettcrtanne von droben. Das Baalszeichen im Gefelse! Der Finger Gottes! Der ewig einsame Gast der Höhe. Sein Kleid ist aus Flechten gewogen, die in tiefen, »om Blitz oder Sturm gerissenenen Narben wurzelnd, dem alten Körper Kleidung geben. Die sehnigen, knorrigen Arme bewegen sich leise. Aus einem tiefen Astloche, das schon Generationen von Spechten und vielen anderen Tieren Obdach und Brutstätte war, dröhnt seine Stimme ... * Ein klarer, reiner Morgen zieht auf. Durch dämmernden totstillen Wald stapfe ich langsam in di. Höhe. Ohne es zu denken, fühle ich, daß heute Sonntag ist. Schnee knirscht unter meinen Füßen. Ein paar Meisen »erschlafen unter einer verfrorenen Bergföhre. Leichter wird der Wald. Frischer der Wind. Noch sind die Bergfpitzen son leichten Wolken umlagert, im Osten aber säumt schon rötliches Licht die Ferne... Heller der Schnee, blauer die Schatten. Drüben in den Latschen steht ein Rudel Gemsen. In der Tiefe über dem Wald kreisen lautlos zwei Raubvögel, schrauben fich höher und höher hinauf. Run sind sie in der Sonne ... Dort liegt meine Hütte — liebe, liebe Stätte du! Noch einen Blick auf die Berge: Rings freie, rotglühende, eisige Gipfel. Trotziger, kupferner Fels aus weißem Hermelin prangend. Licht und blau die Luft, mit feinen dünnen Wölkchen belüt. Vom Tal herauf ferne schöne Glocken. In meinem Herzen leuchtet immer noch die blaue Wunderblume, und der Schnee vor mir wird hell durch meiner Augen seligen Schein. Der Stent. Von Wilhelm Schüssen. Durchs Tor der Nacht Wind trieb ein Blatt Von Träumen ganz matt Bin Ich erwacht. Ein Laden fällt zu, Uhr singt die Strmd', Uhr singt zur Ruh Mit schläfrigem Mund. Durchs Fenster so fern Blinker! ein Stern. > ___________________________________ Kindertheater. Von Heinrich Mann. Theater für Kinder gibt es nur in der Weihnachtszeit, den Rest des Jahres leben die Kinder ganz gut ohne fremdes Theater. Sie haben nämlich selbst Phantasie genug und sind sämtlich Komödianten. In der Kinderstube ist säst jedes Spiel auch Komödienspiel. Die Kinder wechseln mehrmals Alter, Beruf und Lebensverhältnisse. Jedes belauschte Gespräch Erwachsener gewährt einen neuen Ausschnitt Wirklichkeit, der alsbald dramatisiert wird. Das Kind ist abwechselnd in „Stellung", Herrschaft", Kaufmann, König und sogar „Kind". Es wohnt geistig in einem Puppenhaus, besten Zimmer nur so groß sind, wie sein Kovf und reist hoch in blaue Weiten, wo immer sie blau sind. Die Erwachsenen brauchen das Theater der anderen, sie selbst spielen schon längst nicht mehr. Sie haben sich spezialisiert, ihr Leben vergeht mit einer einzigen Rolle. Vom ganzen Leben würden sie nichts anderes kennen außer tnird) Hörensagen. Verinnerlichte Anschauung, Miterleben fremder Lebensrallen erlaubt ihnen gewöhnlich nur das Theater. Die Erwach- fenen wären sicher einander noch fremder, würden vielleicht noch weniger Nachsicht haben miteinander, ohne die hervorragende soziale Einrichtung des Theaters. Aber Glanz des Glückes liegt breit um das Theater der Kinder. Es tft fo weit von einer Weihnacht zu anderen. Zu Haus im Zimmer flimmerte der Lichterbaum betörend, und auch das Theater läßt im Ee- bächtnis nur verwirrenden Zauber. Jetzt soll es wiederkehren. „Morgen ist der schöne Tag", sagt das Kind und geht hin, um sich beglücken zu tosten. Allein von ollen Theatergästen bringt das Kind ein ganz geöffnetes, empfängnisseliges Herz mit. Gespielt wird diesmal „Das Rumpelstilzchen", eine den Kindern bekannte Figur, durch Bericht und Zeugnis am wirklichen Leben beteiligt, Jum mindesten so existent und bewiesen wie denen, die keine Kinder mehr !nd, ein Cäsar, ein Lasalle. Immerhin war manches über das Rumpelstilzchen noch unbekannt, schon gleich das Haus, in dem es wohnt. Ein Haus mit Säick-nhalle, engen Gängen und einem großen, großen Zimmer, an dessen Wänden, bis unter die bunte Decke noch Leute kleben. Wie sind sie dort hinaufgekommen? Erstes Problem. Im Parkett sagt eine Sechsjährige: „Zuerst muh ich mir das Zimmer ansehen." Denn sie stt die Tochter etaes Malers. Ihre gleichaltrige Freundin, Tochter des Schriftstellers, sieht sich um, sie fragt: „Wann fangen sie an?" Diese denkt doch schon an Schauspieler, bk sich irgendwo versteckt halten, um uns dann weiszumachen, sie kämen aus dem Märchen. Das Parkett scheint leer, denn es ist voll kleiner Leute. Aber man hört ihr wohlgelauntes Getöse: Musik, die gemocht wird, stört es nicht. Da bricht es ab: vor dem Borhong, der mit feierlichen Sinnbildern der Operette bernalt ist, erscheint Knecht Rupprecht. Kein anderer, als er, ganz hell beleuchten indes wir selbst auf einmal im Dunkel fitzen. Wie sollten wir ihn nickt wiedererkennen! Vor wenigen Tagen war er bei uns zu Besuch. Da er nach- gewiesenermahen in der Stadt weilt, ist es begreiflich, daß er auch hier erscheint. „Ist er echt?" fragt sogar das Kind des Schriftstellers. Alls lauschen seinem Prolog mit voller Achtung, denn ihm ist Macht gegeben, die Rute ist eine Tatsache. Dann rollt sich der Vorhang auf. Sichtbar wird eine Bauernstube mit den Leuten, die hinein gehören. Es wäre schon ausregend genug, wenn sie nur, wie sonst die Leute auf dem Land, vom Bieh ober von der Knödeln sprächen. In dem durch Licht begrenzten, von uns geschiedenen Raum dort oben wird das Einfachste sonderbar und erregend. Dis Menschen bekommen jeden Augenblick einen Ton, der nicht wie immer ist. Auch verfallen sie manchmal in Gesang und wie gerufen spielt dann gleich die Musik. Die Kinder da oben Hüpfen wie Kinder, aber wenn sie ihre frommen Mienen auffetzen, hinknien unb singen, sind es Kinder wie sanft keine. Dies alles wurde genügen, daß man vor Zuhören den Mund offen behält. Wer das Spannende, bas wirklich Natürliche und gerade darum so spannende ist etwas anderes. Die Familie dort eben, Kinder, derbe Bäuerin, stämmiger Bauer, hat nur einen einzigen Gedanken: das Rumpelstilzchen. Die Lage ist die, daß der bewußte Kobold, der sein Wesen im Walde treibt, vor zwölf Jahren zu Weihnacht der Bäuerin ein kleines Kind gebracht hat. Er hat es in Pflege gegeben und hat versprochen, nach zwölf Jahren, roieber zu Weihnacht, werde er es abholen. Jetzt aber ist Weihnacht, und die Zwölf Jahre sind herum. Das Rumpelstilzck)en wird kommen, noch heute abend wird cs kommen und unsere Annemarie holen, unser Kind, schon längst unser liebes Kind! Da darf man wohl klagen und beten bei einer so furchtbaren Gefahr. Der Vater in feiner Angst denkt an gewaltsamen Widerstand. Die Mutter hofft, den Unhold zu erweichen. Darum bleib! die Stimmung doch überaus drohend. Niemand empfindet es befser als die Zuschauer. Eine Bewegung geht durch die Zuschauer, hier und dort wird Protest laut. Eines der. sechsjährigen Mädchen, das fo wohlgemut herkam, bricht in Rufe der Angst aus. Es ist die Tochter des Malers, Kata; sie verhüllt ihre Augen und meint wohl, so gehe die Gefahr vorbei. Die Tochter des Schriftstellerr Gofchilein tröstet sie. „Warum brüllst du, Kata? Es sind nur Schauspieler." Zur Sicherheit erkundig! sie sich an zuverlässiger Stelle: „Nicht wahr, Mama, es find Schauspieler?" — wendet dann aber, selbst entmutigt, den Kopf weg. In der Tat, was wäre bewiesen, wenn es Schauspieler wären? Könnten nicht etwa auch Schauspieler es mit dem echten Rumpelstilzchen zu tun bekommen? Erste Pause. Ist es aus? Geht der Vorhang nie wieder auf? Man litt Furcht und Mitleid, so lange man hinsah. Aber man möchte Immer weiter Hinsehen. Inzwischen stärkt die Schokolade. Lutschend bekennt Kata: „Es ist schrecklich, menn der Vorhang wieder aufgeht." Sie hat Augen, die gut ein Mertel des Gesichtes ausmachen. Sie ist dunkel, träumerisch, empfindsam. Ihre blonde Freundin Goschilein ftel)t_ immer auf den Füßen vor leidenschaftlicher Teilnahme. Der Vorhang würde fie nicht beunruhigen, aber sie l)at in ihm ein Loch entdeckt. Was geschieht hinter dem Loch? Während sie nicht zusteht! Als gerade niemand daran denk!, ist das Rumpelstilzchen do. Es W das echte! Ein großer Wald hat sich aufgetan dort hinten, und bas rote Männchen tanzt umher. Es ist ganz rot angezogen und hat ein langer Gesicht, das immer ernst bleibt unb spricht gleichmäßig laut unb deutlich. Es erweist sich als boshaft, fein Ruf behält recht. Foppen ist sein Liebstes. Einem Holzhacker verdirbt es sein Gerät, den Postboten bringt es zu Fall mit allen seinen Paketen. Da muh man lachen. Bosheit ist lustig, wenn wir selbst ans sicherem Stühlchen sitzen. Noch eine andere Ge-eaen- heit genießen wir Zuschauer, weil wir das Rumpelstikchen nämlich sehen, der Postbote und der Holhacker sehen es nicht, sie sind dumm imb wir sind klug. Das Rumpelstilzchen ist hungrig geworden von seiner Bosheit, aus Tannenzapfen will es sich etwas Gutes bereiten. Ein Wort von ihm, der Fels wird zum glühenden Kochofen. Das ist zuviel! Kata heult auf, sie wirft sich der Tante mit dem Gesicht in den Schoß. Auch anderswo entsteht Panik, ein Kind, das aufgestanden war, füllt auf den Sessel unb klemmt einem andern die Finger ein. Das blonde Goschilein slüstert: „Nicht wahr, Mama, er zaubert aus elektrisch" Was aber eine burchaus nichtige Erklärung ist und die Aussichten nicht friedlicher macht. Tatsächlich ruft das Rumpelstilzchen gleich darauf zu feiner Unterhaltung einen Freund herbei, der feiner würdig ist. „Es ist mein Freund, der Uhu, der klappt die Flügel auf und zu." Und dies tut er auch. Der Uhu, hat übrigens einen Kopf von fürchterlicher Dicke mit Funkelaugen darin, unb Ist nur geeignet, int Publikum die Besorgnisse zu steigern. Goschilein plappert sinnlos vor Schrecken: „Ist er ein Gewachsener oder ein Kind ober ein Mensch?" -~ „Er ist kostümiert", sagt die Mutter. „Hat er auch am Kops ein Kostüm? fragt das aufgeklärte Kind des Schriftstellers, das den Kopf verloren ha! Hierüber freut sich Kuta. Sie selbst heuü nicht mehr, sie richtet Fragen an die Weltordming. „Warum ist das Rumpelstilzchen so schön angezogen, wenn es doch so böse ist? Und warum muß mein tm Theater schön ungezogen sein?" Zu ergänzen: „Wenn es doch so schrecklich ist?" Das Rumpelstilzchen fühlt wohl selbst, daß cs zu weit gegangen ist, es zieht mildere Saiten auf. Ein Grillenmännlein geigt ihm Lieder, es wird von allen Kindern, die Musikunterricht nehmen, als Kollege emp funden und reich beklatscht. Dann kommen die Tiere des Waldes und tanzen zur Musik. Hasen, Füchse, Vögel und leider auch wieder der Uhu. Der ganze Wald dis hinauf zu den Beraen ist voll tanzender Tiere, me aber aufrecht tanzen wie Menschen. Ein begeisternder Anblick. Er kann nicht dauern. Wie alle fort sind, wer tritt hervor? Die Bauern- klnder aus dem ersten Akt. Man dachte nicht ntehr an fie. . Sie muffen den Namen des Rumpelstilzchens erfahren, den niemand kennt, deshalb kommen sie. Gegen das Rumpelstilzchen gibt's nur das eine Mittel, wie aus Grimms Märchen jedes Kind weiß. Nun, bas Rumpst- Mzchen ist dumm genug, sich zu verraten. So wäre alles auf bestem Wege, wenn nicht der Vorhang siele. Diesmal ist wirklich nicht die^Befürchtung von der Hand zu weisen, es könnte aus fein. Nein, die Hk. - lichkeit soll immer noch weiter gehen, nm rott haben schon brennende Gesichter, sind erregt und wirr. So kommt der dritte Akt, worin bei den Bauersleuten vorn Rumpelstilzchen geredet wird. Rur, jetzt mitten wir mehr, als sie, wir erwarten die Kinder aus dem Walde zurück. Sie kommen auch. Sagt nur nichts! Nein, sie behalten ihr Geheimnis für sich, bi» das Rumpelstilzchen unter Donner und Finsternis im Zimmer er- scheint und dar Zwölfjährige fordert. Da sagen ste's, und das Rumpelstilzchen jagt richtig wie im Märchen: „Dos hat dir der Teufel gesagt'" und fährt — wohin? In ein Loch im Fußboden, das vorher bestimmt Licht da war, und aus dem noch dazu die Hellen Flammen schlagen! Christbaum, Dankeslieder und obendrein eine überwältigend wirr-schöne Angelegenheit mit einer Krippe und mit fremden Gestalten unter hohen, Eemden Bäumen beim Schein großer Sterne, beim Singen von Kugeln violettem Licht: „Stille Racht!^ Jetzt aber ist es aus. Ja, wirklich, man muß fortgehen, dies war für dieses Jahr das Theater. Auf dem Heimweg erklärte Kata, daß es schön war. „Du hattest doch Angst?" Ja, Denn wie leicht konnte das Rumpelstilzchen einen großen Schritt machen und war drunten bet uns! Aber schon war es, und Kata möchte es wieder erleben, so ist die menschliche Unverwüstlichkeit. Ihre Freundin Goschilein sagt inzwischen wie das Rumpelstilzchen: „Das ist Mein Freund, der Uhu, er klappt die Flügel auf und zu", und mit den Armen macht sie den Uhu. Er war schreckenerregend, und die Frage nach feiner Echtheit ist nicht restlos geklart. Aber selbst das Schlimmste wird wrtraut, wenn wir es spielen. Die SikvsstergloSren. Don Charles Dickens. lFortsetzung.) Lovy Hoile mittlerweile Me Hände aus seine Knie gelegt, seine Rase |u hem Korb niedergebeugt und sog nun den Dust außerhalb des Decket» ein. Während dieser angenehmen Beschäftigung verbreitete sich sein Grinsen immer mehr über bas welke Gesicht, als atme er pures Lachgas. ,Ah. das riecht prächtig", sagte Toby. „Ist re nicht — es werden hoch keine Schweinswürste sein?" „Rein, nein, nein!', rief Weg entzückt. „Etwas ganz andres!" „Nein," fuhr Toby nach einem abermaligen Schnüffeln fori, „es ist — es ist zarter als Echweinswürste. Es riecht ausgezeichnet und mit jedem Augenblick besser. Der Geruch ist zu stark für Kalbsfüße — nicht wahr?" Meg war außer sich vor Freuds. Er hätte nicht weiter vom Ziele «chfchießen können als mit Kalbsfüßen — SchweinsMÜrste aw Genommen. Leber?", sagte Toby zu sich selber. „Nein. Der Geruch hat eine Milde, Me sich an der Leber nicht findet. Ferkelfüßchen? Nein. Er ist zu stark für Ferkelsüße. Auch fehlt ihm der Beigeschmack der Hahnenköpfe. Und kch weiß, Würste finb’s auch nicht. Ich will dir sagen, was drinnen ist — Kalbsgekröse!" „Nein, nein", erwiderte Meg, vor Entzücken aufsubelnd. „Nicht er» toten!" „Ei, woran denke ich auch!" entgegnete Toby, plötzlich eine so aufrechte Stellung einnehmend, als ihm möglich war. „Ich werde Meßt noch meinen eignen Romen vergessen, 's find Kuttelslecke!" Und Kuttelflecke waren es auch. Und Meg beteuerte in strahlender Freude, er werde in einer weiteren halben Minute sagen, es seien die desien Kuttelflecke, die semaks gedünstet wurden. „Und so will ich jetzt gleich den Tisch decken, Vater," fuhr Meg fort, indem sie sich jubelnd mit dem Korb« beschäftigte; „denn ich habe die Kuttelslecke in einer Schüssel gebracht und die Schüssel in ein Taschen« ttich eingebunden. Wenn ich nun einmal stolz sein und es als Tischtuch ausbreiten will, so kann mich kein Gesetz hindern, es Tischtuch zu nennen. Nicht wahr, Vater?" „Nicht das ich wüßte, meine Liebe", sagte Toby. „Aber sie erlassen «cklc Augenblicke ein oder das andre neue Gesetz." „Und nach dem, was ich dir neulich aus der Zeitung vorlas, Vater, weißt du noch, was der Richter sagte, setzt man bei uns armen Leuten voraus, daß wir alle diese Gesetze kennen. Ha ha! welch ein Irrtum!, bi*. meine Güte, sie halten uns für gewaltig gescheit." ,La, meine Liebe," rief Trotty, „und sie würden eine gewaltige strsude an einem von uns haben, wenn er sie alle wüßte. Er würde fett Berben von der Arbeit, die er kriegte, dieser Mann, und er kriegte einen Stein im Brett bei all den vornehmen Leuten in feiner Nachbarschaft. Gewiß und wahrhaftig!" „Wer er auch sein möchte, er würde sein Mittagessen mit gutem Appetit oerschmausen, wenn es so gut duftete wie dieses hier", sagte Meg Fröhlich. „Beeile dich, Vater, denn da ist außerdem auch noch eine heiße Kartoffel und ein Seidel frisch abgezogenen Vieres in einer Flasche. Wo willst du effen, Vater? In der Nische oder auf den Stufen? Du mein Himmel, rote gut rotr*s haben — zwei Plätze zur Auswahl!" „Heute die Stufen, mein Kind", versetzte Trorty. „Bei trockenem Wetter fiird die Stufen, bei nassem die Nische gut. Stufen sind immer bequemer, weil man dabei sitzen kann; aber roenns naß ist, kriegt man Rheuma- tismus." „Hier also," sagte Meg, nachdem sie sich eine halbe Minute eifrig zu schaffen gemacht hatte und nun in die Hande kkatsckste „hier ist es — alles bereit — und wie schön es aussieht! Komm, Vater, komm!" Seit Trotty entdeckt hatte, was in dem Körbchen war, stand er da und sah Meg an — sprach auch ab und zu — aber in einer zerstreuten Weise, welche bekundete, daß er, obschon sie allein seine Gedanken und Augen beschäftigte — nicht einmal die Kuttelslecke konnten ihn ihr untreu machen — nicht im entferntesten an Jie dachte, wie fie in jenem Augenblicke war, sondern irgendein visionäres, undeutliches Bild ober ein Drama ihres künftigen Lebens vor sich hatte. Durch ihre heitere Aufforderung geweckt, unterdrückte er nun ein melancholisches Kopsschütteln, das ihn eben anwandelte, und trabte an ihre Seite. In dem Augenblick, als er sich niederbeugte, um seinen Sitz einzunekjmen, «ttangen M Blocken. „Amen!" sagte Trotty, seinen Hut abnehmend und nach denselben aufblickend. „Anten den Glocken, Vater?" rief Meg. Sie fielen wie ein Tischgebet, meine Liebe", sagte Trotty, indem et Platz nahm. „Ich bin überzeugt, sie würden ein gutes sprechen, wenn fie könnte», und sagen mir überhaupt manches Liebe." „Die Glocken, Vater?" lachte Meg, als fie die Schüssel niedersetzte und Messer und Gabel dazulegte. „Der Tausend!" „Sie fielen wie ein Tischgebet, meine Liebe", sagte Trotty, indem er mit Eifer über seine Kuttelslecke herfiel. „Und worin liegt da der Unter- ichied? Wenn ich sie nur höre, was macht es aus, ob fie ee wirklich agen oder nicht? Gott behüte, mein Kind." fügte er bei, indem er mit »er Gabel nach dem Turm deutete und unter dem Einfluß seines Mahl«« lebhafter wurde, „wie oft habe ich jene Glocken nicht sagen hören: .Toby Deck, sei guten Mutes! Toby! Toby Deck, Tobv Veck, sei guten Mute», Toby!' Millionenmal? Reicht nicht — 's war öfter!" „Nun, das habe ich noch nie gehört!", rief Meg. Dennoch war «s schon oft der Fall gewesen denn es war Tobys sw aushörlicher Gesprächsgegenstand. „Wenn es recht schlecht geht," fuhr Trotty fort; „ich meine, wenn et recht schlecht geht fast am schlechtesten, dann rufen sie: .Toby Beck, Toby Bett, bald kommt Arbeit, Toby! Toby Beck, Toby Deck, bald kommt Arbeit, Toby!'" „Und sie kommt dann auch — endlich, Vater", versetzte Meg mit einem Anflug von Trauer in ihrer lieblichen Stimme. „Immer", erwiderte der arglose Toby. „Bleibt nie au«." Während dieses Gesprächs machte Trotty keine Paus« in seinen An» B'ffen auf bas würzige Mahl vor ihm, sondern schnitt ab und aß, nitt ab und traut, schnitt ab und taute, kam von den Kuttelslecken zu den heißen Kartoffeln und von den heißen Kartoffeln wieder zu bett Kuttelflecken mit breitem, unermüdlichem Behagen zurück. Ais «r endlich um die Straßenecke sah, um sich zu überzeugen, ob man nicht von irgendeiner Türe oder einem Fenster nach einem Dienstmann winkte, begegneten feine Augen auf dem Rückweg dem Mädchen, bas mit oeridjlun» genen Armen ihm gegenüberfah und mit glücklichem Lächeln feinem emsigen Geschäft zusah. „Ach, Gott verzeih mir!" rief Trotty, indem er sein Mester und seine Gabel sollen ließ. „Meg, mein Täubchen, warum sagst du mir nicht, was ich für ein Vieh bin?" „Vater!" „Sitze ich da," fuhr Trotty in reuiger Erklärung fort, „und stopfe mich voll, während du vor mir bist, ohne auch nur ein bißchen dein Fasten zu unterbrechen noch den Wunsch dazu zu äußern, während .. „Aber ich habe mein Fasten schon gebrochen, Vater, und zwar aus» giebig", unterbrach ihn seine Tochter lachend. „Ich habe mein Mittagessen bereits gehabt."' „Sprich keinen Unsinn", versetzte Trotty. „Zwei Mittagesten an einem Tag? Nicht möglich! Du könntest mir ebensogut sagen, daß zwei Neujahrstage auf einmal kommen, oder daß ich mein ganzes Leben über rin Goldstück gehabt habe, ohne es je wechseln zu lassen." „Dennoch habe ich schon zu Mittag gegessen, Vater," sagte Meg, näher herankommend; „und wenn du deines weiter ißt, «ritt ich dir sagen, wie und wo bein Mittagessen zustande kam und — und noch etwas andres dazu." Toby machte immer noch eine ungläubige Miene; aber fi« sah ihm mit ihren klugen Augen ins Gesicht, legte ihre Hand auf feine Schulter und winkte ihm, weiterzueffen, solang« das Fleisch noch warm sei. Trotty nahm daher Messer und Gabel wieder auf und schickte sich zur Arbeit an; fi« ging aber viel langsamer vonstatten als zuvor, und er schüttelte den Kopf, als sei er durchaus nicht mit sich zufrieden. „Ich habe schon gespeist. Batet," sagte Meg nach einigem Zögern, „mit — Richard. Er ißt früh, und da «r fein Mittagessen mitbrachte, als er mich besuchte, je — so verzehrten wir ee miteinander. Batet." Trotty nahm ein Schkückletn Bier und schmatzte mit den Lippen. Dann sagte er „oh!" — weil sie darauf wartete. „Und Richard sagt, Batet .. „ nahm Meg wieder auf. Darm stockte fie abermals. „Was sagt Richard, Meg?" fragte Toby. „Richard sagt. Vater..." Neues Stocken. „Richard braucht lange, bis er etwas sagt", bemerkte Toby. „Nun ja, Vater, er sagt," fuhr Meg fort, indem sie endlich ihre Augen erhob und in bebendem, obschon völlig deutlichem Ton sprach „es sei roieber rin Jahr beinahe herum, und was es nütze, von einem Jahr auf das andre zu warten, wenn es doch so unwahrscheinlich ist, daß es uns je bester ergehen werde. Er sagt, Vater, wir seien jetzt arm und würden auch dann arm fein; aber wir feien jung, und die Iahte würden uns alt machen, ehe wir es wüßten. Er meint, wenn Leute in unsrer Loge warten wollten, bis wir unfern Weg klar vor uns sähen, so würde er wohl recht eng werden — der gemeinschaftliche Weg — bas Grob, Vater." Sogar ein kühnerer Mann als Trotty Veck hätte all« feine Kühnheit zusamniennchmen müssen, um dies In Abrede zu stellen; er blieb daher lieber still. „Und wie hart ist es, Vater, alt zu werden und zu sterben, wenn «rir daran denken, daß wir einander hätten Freude machen und helfen können! Wie Hari ist es, sein ganzes Leben über einander liebzuhaben und flch doch getrennt zu sehen, jeden für sich adhärmen zu sehen und zuschauen zu muffen, wie der andre arbeitet, sich verändert, all un6 grau wird. Selbst wenn ich ee überwinden und ihn vergesten könnt«, was nie möglich Ist — o lieber Batet, wie schwer wäre ee dann, rin Herz zu haben, so voll wie das ineinige jetzt ist, und da« Leben langsam, tropfenweise verrinnen zu sehen, ohne einen Rückblick auf «inen einzigen glücklichen Augenblick, der mich trösten und bester machen könnte!" Kern Zeiten zu reden oder sich darüber esen Zeiten sind. Ihr werdet sie doch Ich wenigstens tu« es nicht. Betrachtet Beran '.vortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Gieindruckeret,«. Lange, Gretze«- teien Tiere in Betracht zieht und einen niedrigeren Ueberschlag über die Menge von Kuttelslecken macht, di« die Leiber dieser — vorausgi setzt verständig — geschlachteten Tiere liefern, so stellt sich heraus, daß man von dem Sudoerlust der Kuttelflecke allein eine Garnison von fünfhundert Mann fünf Monate lang, jeder zu einunddreißig Tagen gerechnet, und noch einen Februar dazu, viktualisieren könnte. Welche Vergeudung — Vergeudung!" trotti) stand entsetzt da, und die Knie zitterten unter ihm. Er schien eigenhändig eine Garnison von fünfhundert Mann ausgehungert zu haben. „Wer ißt Kuttelflecke", fuhr Herr Fiter mit Wärm« fort „Wer ißt Kuttelflecke?" Trolty machte ein klägliche Verbeugung. „Ihr also, Ihr?" sagte Herr Fiter. „So will ich Euch etwas bedeuten. Ihr reißt Eure Kuttelflecke aus dem Munde der Witwen und Waisen, mein Freund." „Ich hoffe nicht, Sir", versetzte Trotty mit matter Stimm«. „Lieber wollte ich verhimgern!" „Teilt man die Menge der vorerwähnten Kuttelslecke durch di« geschätzte Anzahl von existierenden Witwen und Waisen, Alderman," nahm Herr Fiter wieder auf, „so trifft auf jeden Kopf für ungefähr einen Penny Für diesen Mann da bleibt kein Gran übrig — folglich ist er ein Räuber." „Trotty war so erschüttert, daß er sich nichts daraus macht«, als er den Alderman seinen letzten Leckerbissen verzehren sah. Es war ihm eine Erlösung, von diesem irgendwie befreit zu werden. „Und was sagt Ihr?" fragte Alderman scherzhaft den rotgestchtigen Gentleman in blauem Rock. „Ihr habt Freund Fiter gehört. War sagt Ihr?" „Was läßt sich da auch möglicherweise sagen?", entgegnete der Gentleman. „Was läßt sich überhaupt sagen? Wer kann sich in so schlechten Zeiten für einen Menschen wie diesen da (er meinte Trotty) interessieren? Schaut ihn an! Welch ein Gegenstand! 0 die guten alten Zeiten, die herrlichen alten Zeiten, die großartigen alten Zeiten! Dar waren die Zeiten für ein kühnes Bauernvolk und dergleichen mehr. Das waren tatsächlich die Zeiten für alles und jedes. Heutzutage gibt es dergleichen nicht mehr. Ach!", seufzte der rotgefichtige Gentleman. „Die guten alten Zeiten, die guten alten Zeiten!" Der Gentleman setzte nicht näher auseinander, was für besodre Zeiten er meinte, und ließ sich ebensowenig darauf ein, was er an der gegenwärtigen auszufetzen hatte, weil er sich wahrscheinlich bewußt war, daß sie nichts sehr Merkwürdiges geleistet hatte dadurch, daß sie ihn ins Leben 9tbWber Trotty hatte ein Vaterherz in seinem Innenr, das trotz dieser göttlichen Verordnung irgendwie sich in seine Brust geschwindelt hatte, und konnte es nicht ertragen, daß diese weisen Gentlemen Meg, öeren Wangen noch vor Freude strahlten, ihr Schicksal weissagen sollten. „Gott helfe ihr," dachte der arme Trotty: „sie wird es bald genug kennen- lernen.14 Er gab daher dem jungen Schmied ängstlich durch Zeichen zu verstehen, daß er sie sortnehmen möchte: aber Richard plauberte in einiger Entfernung so angelegentlich mit ihr, daß ihm dieser Wunsch erst z« gleicher Zeit mit dem Alderman Gute deutlich wurde. Der Alderman hatte fein Sprüchlein noch nicht angebracht; aber er war ein Philosoph — und obendrein ein praktischer, o ein sehr praktischer Wfofopb, ""d da er sich's nicht einfallen ließ, auf einen Teil seiner Zuhörerschaft zu oer zichten, so rief er: „Ihr"wißt," sagte der Alderman mit einem, selbstgefälligen Lackeln, das ungewöhnlich um seine Lippen spielte, -u seinen beider „ich bin ein einfacher, praktischer Mann und liebe -o. in einfacher, prak- tischer Weise zu Werke zu gehen. Das ist so meine Art. Es st durchaus nicht schwer, und es steckt kein Geheimnis dahinter mit derartigen Leuten umzuqchen, wenn man sie nur versteht und in ihrer eignen Weise m l ihnen sprechen kann. Hört also, Dienstmann! Bemüht Euch nur mein Freund mir ober jemand andern, wnszumachen, Ihr hattet mm immer vom Besten und im Ueberfluß zu essen: ich weiß das besser. M wißt, ich habe Eure Kuttelflecke gekostet, und Ihr könnt mich nicht w* schummeln. Ihr wißt, was .beschummeln' bedeutet, he? Das ist das r * Wort — nicht wahr? Du mein Himmel, fuhr der Mderman gegen ict Freunde fort, „es ist das allerleichteste von der Welt, mit derartigen Leuten zu verkehren, wenn man sie nur versteht." (Fortsetzung folgt.) Trotty blieb mäuschenstill Meg irotfnefe ihre Augen und ftihr heilerer fort — das heißt manchmal unter Lachen und manchmal unter Schluchzen und bann wieder lachend und schluchzend zu gleicher Zeit: „Richard sagt daher, Vater, da er gestern für soundsolange eine feste Beschäftigung erhalten habe und ich ihn schon volle drei Jahre liebe — ach, es ist schon länger her, wenn er es nur wüßte! — so solle ich mich am Neujahrstag mit ihm zusammengeben lassen: der beste und glücklichste Tag im ganzen Jahr, sagt er, einer, bei dem man fast sicher annehmen kann, daß er Glück mit sich bringt. Das ist eine kurze Frist — nicht wahr, Vater? —- aber ich habe ja kein Vermögen in Ordnung zu bringen und keine Hochzeitskleider machen zu lassen, wie die vornehmen Damen: nicht wahr, Vater? Und er sagte so viel und sagte es in so nachdrücklicher, ernster, aber doch so sanfter und freundlicher Weise, daß ich ihm versprach, ich wolle mit dir darüber sprechen, Vater. Und da mir ganz unerroarteterroeife heute morgen bas Geld für meine Arbeit ausbezahlt wurde, unb du während der ganzen Woche nur ein armseliges Essen gehabt hast, und ich den Wunsch nicht zurückbrängen konnte, daß etwas getan werden müßte, was dir den heutigen Tag zu einem Feiertag macht, wie er für mich ein glücklicher Tag ist, so kochte ich diesen Fest- fchmaus und brachte ihn dir als Ueberraschung." „Und siehst nun, wie er ihn auf der Treppe kalt werden läßt!", ließ sich eine andre Stimme vernehmen. Es war die Stimm« desselbigen Richard, der unbemerkt herangekommen war und nun vor Baier unb Tochter stand. Er blickte mit einem Gesicht auf sie nieder, so glühend wie bas Eisen, aus dem täglich fein schwerer Schmiedehammer erklang. Richard war ein schöner, wohlgebauter, kräftiger Bursche mit Augen, die gleich den rotglühenden Funken eines Esseseuers sprühten. Sein schwarzes Haar kräuselte sich üppig um die dunklen Schläfen, und sein Lächeln — ein Lächeln, das Älegs Lob über feinen Konversationsstil beträchtlich unterstützte. „Und siehst, wie er ihn auf der Treppe kalt werden läßt!" sagte Mchard. „Meg weiß nicht, was er liebt — nein, gewiß nicht!" Voll Behendigkeit und Feuer reichte Trotty sofort Richard die Hand und wollte eben eine hastige Erwiderung geben, als unversehens die Haustür aufging und ein Bedienter beinahe feinen Fuß in die Kuttel» f „s/us dem Wege bat Müßt Ihr Euch benn immer auf unsre Stufen setzen, unb könnt Ihr nicht auch einmal bie eines Nachbars dazu nehmen? Ich frage, ob ihr den Weg räumen wollt!" Genau genommen war die letzte Aufforderung ganz unnötig, weil sie ihr bereits nachgekommen waren. „Was gibt's da?", sagte der Gentleman, für den die Tür geöffnet worden war, und der jetzt mit jenem leichtschweren Tritt aus dem Hause kam, den man so häufig bei Gentlemen antrifft die die zweite, absteigende Hä Ist« ihres Lebens sorgenlos genießen, wenn sie, ohne ihrer Würde etwas zu vergeben, mit knarrenden Stiefeln, Uhrketten und reinen Hemden aus ihren Häusern kommen, unb in ihrer Miene ausdrücken, daß sie irgendwo eine wichtig«, viel Geld «inbringende Beschäftigung haben. „Was gibt's da? Was gibt's da?" „Muß man Euch denn immer auf den Knien bitten," fuhr der Bediente mit großem Nachdruck gegen Trotty Deck fort, „unsre Türtreppen fein zu lassen? Warum kommt Ihr denn immer wieder? Könnt Ihr nicht einmal wegbleiben?" „Schon gut' Das genügt! Das genügt!" sagte der Gentleman. „Heda, Menstmann!" Er bedeutete Trotty Deck durch eine Kopfbewegung, näl-er zu treten. „Kommt her da. Was ist dies — Euer Mittagesten?" „Ja, Sir", verfetze Trotty, feine Schüssel in einer Ecke stehen lassend. „Laßt es nicht dort, sondern bringt es her!" rief der Gentleman. „So: das ist also Euer Esten, tote?" „Ja Sir", antwortete Trotty, mit festem Blick und wästerndem Mund den letzten Brocken ängstlich verfolgend, den er sich als köstlichen Schlußbissen ausgehoben hatte, und den nun der Gentleman an dem Gabelende um unb um drehte. Mit ihm waren auch zwei andere Gentlemen herausgekommen. Der eine, ein niedergescblaaenes schmächtiges Männchen von mittlerem Alter und mit einem trostlosen Gestüt, hielt seine Hände unaufhörlich in den schlappohrigen Taschen seiner knappen Pfeffer- und Salzhofen versteckt und schien mit der Bürste ober Seif« keine sonderlich intime Bekannt- fchaft zu unt-x-hntten. Der andre war ein großer, geschmeibioer, gut angezogener Gentleman in einem blauen Rock mit gelben Knöpfen und weißer Krawatte. Di-ser hatte ein sehr rotes Gesicht, als ob ihm ein ungebührlicher Anteil Blut nach dem Kopf gedrängt worden sei, was vielleicht auch der Grund war, daß er ziemlich kaltherzig aussah. Derjenige, welcher Tobns Fleisch an der Gabel hatte, rief nun den ersten Gentleman, den er Filer nannte, heran, und dieser, der sebr kurzsichtig war, mußte zur Untersuchung von Tobys noch übrigem Mittagsmahl seinen Kops so nahe an den Leckerbisten bringen, daß Toby das Herz bis znm Hals schlug. Aber fierr Filer aß ihn nicht. „Das ist eine Art von animalischer Kost, Alderman," sagte Filer, indem er mit einem Bleistift kleine Löcher hineinstach, „die gemeinivlich bei her arbeitenden Klasse dieses Landes unter dem Namen Kuttelflecke bekannt ist." „ _ , Der Alderman lachte und blinzelte — denn Alderman Ente war ein luftiger Knabe un dabei auch ein schlauer, verschmitzter Bursche, der über alles ein wachsames Auge hatte und sich nicht hintergehen ließ. Ja, «r sah lief in die Herzen der Leute! Er kannte sie gut, dieser Ente. Das will ich glauben! Aber wer ißt Kuttefflecke?", fuhr Herr Filer fort, indem er uncher- f(baute. ..KuttelHecke sind ausnahmslos der unökonomischste unb verschwenderischste Konfumartikel, den die Märkte dieses Landes nur hervorbringen können. Man hat gefunden, daß ein Pfund Kuttelflecke durch Sieden sieben Vierzigstel mehr verliert, als ein Pfund feder andern animalischen Nahrung^ Kuitelslecke sind also verhältnismäßig kostspieliger als bie Treibhaus-Ananas. Wenn man die Anzahl der jährlich gefchlach- gerufen. _ ■ , . , „ . „Die guten alten Zeiten, die guten alten Zeiten", wiederholte oer Gentleman. „Was waren das für Zeiten! Das waren noch die einzigen Zeiten. Wozu nützt's auch, von andern Zeiten zu reden ober sich Darüber auszulasien, was die Leute In dies - „ !1"" f‘~K c,*‘~ ' *x*‘ nicht etwa Zeiten nennen wollen? Ich wenigstens .... „ -------- . .. . . nur einmal Strutts Kostüme und seht, was «in Dienstmann wahrend irgendeiner der guten alten englischen Regierungen zu sein pflegte. „Wenn es ihnen recht gut ging, so hatten sie nicht einmal ein Hemd auf dem Leib oder Strümpfe an den Füßen, und in ganz England wuchs für sie kaum einiges Gemüse", sagte Herr Filer. „Ich kann dies durch Tabellen beweisen." _ , Aber dennoch pries der rotgesichtige alte Gentleman bte guten alten Zeiten, die herrlichen Zeiten, die großartigen Zeiten. Möglich daß der Glaube des armen allen Trotty an diese sehr verworrenen alten Zeiten nicht ganz zerstört wurde, denn er fühlte sich 'N jenem Augenblick verwirrt genug: so viel wurde ihm aber in seiner Not Har daß, wie sehr auch diese Gentlemen im einzelnen verschiedener Meinung sein mochten, seine Bedenken von heute morgen ganz begründe» waren. „Nein, nein, wir können nichts rechtmachen", dachte Trotty in Verzweiflung. „Es ist nichts Gutes in uns. Wir werden bereits schiech»