GiehenerZamilienbliitter Kummer 92 etter. Schubert. Von Robert Hohlbaum. Ich schnitt es gern in alle Rinden ein, öie Lindenblätter soll dein Klang bewegen, Dein Name tön' aus jedem Abendsegen, aus jeder Glocke, hell und morgenrein. Du, sei mit uns in Nächten, süß vom Wein, wenn sich in deinem Lied die Becher regen, du sollst der Führer aus verschneiten Wegen unserer letzten Winterreise sein. Du bist die Ruh', der Friede mild, demütig kränzen wir dein Bild mit Frühlingsglanz. Sieh unser Herz, von Gott so weit, füll' es mit deiner Seligkeit, o, füll' es ganz! Franz Schubert. Zu seinem 100. Todeslage Von Alexander v. G l e i ch e n - R u ß w u r m. mußJebes Genie sein oder es ist keines. Seine Naivi- ' h°9reat es gurn Genie und was es im Intellektuellen und Aesthetischen ist, kann es im Moralischen nicht verleugnen Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Mrgangm« ~~ Samstag, den n.ttonmtw , 'laubtcn ihn zügeln zu "* "'cht etwa Goethe ällige Verse. Da- Schiller. fiA h 7r Beethovenfeier ist ein Jahr verronnen und die Welt rüstet sich, den hundertsten Todestag Franz Schuber als letztes Sehnsuchtswort auf dem Sterbebett den Namen Bee^tdov e n hauchte und mit diesem Ruf seine Seele verhauchte Beethoven ... -’J’emg über ein Jahr hat der treueste seiner Verehrer den “,!rhe£,t f^*n ®e^£ 'st, wachsend an Verbreitung und Verständnis ?£ heroischen Lebenswerk Beethovens gleichzeitig durch das ^nb-- hundert gegangen. Aber seltsam, während sich die Freunde znr Jubelfeier daß unter den modernen Musikern der Schubert tadt a eln "2[Prt 1 °/?ch"bert-Vund sich gebildet habe. Es tat nicht not liebe Wellen Bnn^^'-Schubert aner hat es schon (wenn auch nicht zum osfi- M e 'xc3usammengeschlosfen) zu seinen Lebzeiten gegeben Sonst hatte er wohl nickt zu darben brauchen, nicht seine geliebtesten Werke verkannt oder unbekannt sehen müssen,'sonst hätten Verleumdung und [fj'l‘PQ,rjiers wehmütig vorwurfsvolles Wort nicht aut »3nJLPA « "Der Tod begrub hier einen reichen Besch K1LENL» " "*8mni Sd*rt- •« uää&ä ssi» ra s EÄ5*"' Liebesreichen, dem Vornehmen widerbellen. Und »in LSr n' eines artnen Lehrers und seiner Frau Elisabeth, die * - von innerster Natur aus allem Niedrigen entgegen ü"SI.Ä'?"» Künstler. Er lebte lieber im Elend, als sein Künstlertum in ®^SrtUm ^rabzuwurdigen, er fühlte sich wohl, ja am wohlsten E st e r b^ nE .°°rnehmer Menschen, als er bei dem Grafen Nikolaus ir e r h a z y als Mustklehrer und Hausfreund aus- und einging. chen /vrzen Daseins galt einem vornehmen Mäd- t uiieninö rar°?ns ^>^rhazy, nie gestanden, es fei denn in dem einen er ihr Ä Wort das erhalten ist, als ihn die Gräfin fragte, warum öahrw ■ ®-r antwortete: „Ihnen ist ja alles gewidmet". !° viele bat, niemand in dem gastfreien, fürstlichen Haus, wo eine ^*s0e ,eln* und ausgingen, gewußt, warum gerade dieser ßauses nÄf'^br brave, gutmütige Schubert, der mit den Töchtern des 1abu wn imm bl[9,Jpie e' plo^nd) ausblieb und trotz freundlicher Ein- 91»» x lmer seltener und dann gor nicht mehr kam. hiufitaiif*»^ gewaltigen Bedeutung des Meisters hatte man in diesem Sehrenden n- '?aus vermutlich ebensowenig Ahnung wie von seiner ver- Mii K^'^ve.^u Caroline, die herrlichste Lieder beseelen sollte. — burd> fhro sin s "ar es wie mit Beethoven, daß ein durchaus Neues Kirben ä,e 9Jiufif kam, ein Dämonisches, denn die Töne oem Meister zum unmittelbaren Ausdruck des Seelenlebens. IZWWMZSMM MZMMWW WZMMW Beethoven erkannte den Wert des jungen Musikers erst afm Blute. ~| Tetatioii. zu Generation vererbt sich die Ueberlicferung der wahren »TO ss i5x Ohne diele Kontinuität in der Tradition kann eine io ) anderen- nicht bestehen. Aus eigener Erfahrung weiß ich. w« schwer e- ^iio" falls ist, selbst zünftigen Musikern den wahren Geist der Jnterp verständlich zu machen. aus- Besonders mußte ich diese Schwierigkeit die letzte« ländische Orchester dirigierte. Und rote kann ein tum^ Orchester Feinheiten einer Komposition begrasten, wenn d e Manusknpl diese selbst nicht verspüren. E n Komponist kann stmem । hie allgemeinen Richtlinien niederlegen und die Temp i ab« Er kann sozusagen den Buchstaben seiner Kompas zgngncc und 1 nicht den Geist. Der Unterschied zwischen einem S^e bei d-nn einem Sorte bei Mozart ist bedeutend. Und das braucht w nicht auseinanderzusetzen, die, rote ine Wiener Künstle . o b(||mt cet mit der Muttermilch eingejogen haben und ihre tyrpreHeren. bringen, die Kompositionen der grohen, '> u t inP Wien E, Für die gegenwärtige Generation, die bestpieisroeye > ßr bis dreimal monatlich Beethovens Symphonien von v 1e "hv°m Herrn $ater betomme, sind in den ersten Ämen beim T..„ was soll ckav'2 B 4" So dachte ich - Was wür's ienn auch, wenn Du mir W--MZWZBMZ ™rmena"tineiaro8n$e' ich daß Du der Stimme Gehör geben mögest, die Dir unaufhörlich zuruft, Deine5 Dich liebenden, armen hoffenden und nochmals armen Bruders Franz zu erinnern. chest,erweiche Beetyi Jöicne Orches Tages Musik «nd 9 dieses W die $ kchöp den; i Kunst etwas !lnb 9 inbut luint Es-Si lügen, serehi Di deutet «ch bi va sic toertii der ii Diese gen Musik darai N Mode w i n Chan und Trab deren lerer yeit eine werd $ere l hier Die 181-5 sie 3 fege MU Höh ost roib bas daß nid) schci Sici fon Sei bet Ml bas ebc nich liefi Ans Da! sn TQti bas we sich Di tei 3a Dc Äi toi nii m: Ci eil, ÄH IHtnUH/ I / . _fi «4, als ftfy.-tffenber Künstler einen eigenen Typus darstelN. er Schubert und Goethe. Bon Professor Dr. S). Freiherrn v. d. Psordte n. Wer den 100. Todestag Schuberts zum Anlaß nehmen will, sich erneut mit dem Leben und Schassen des großen Meisters vertraut zu machen, dem sei des Versnssers feinsinniges Bändchen „Franz Schubert und dasdeucheLied in der Sammlung „Wissenschaft und Bildung , Berlag Quelle & Meyer, Leipzig. 160 Seiten. Geb. 1,80 Mark) angelegentlich empfohlen. Goethe und Schubert: das wäre Stoff zu einer ganzen Abhandlung. Hier muß ich mich begnügen, ein paar Hauptmomente ^"uszuheben. Sie lange Reihe beginnt mit „Gretchen am Spmnrad am 19. Dltobei 1814 und schlient mit Liedern der Mignon aus „Wilhelm Meister 18-b, sie zieht sich also durch zwöls Jahre, durch sein ganzes-Leben, dürfen wir aaen Und gleich der erfte Wurf ist em unübertreffliches Melfterstuck. Mt dem G^etchenlied ist unser deutsches Lied geschahen und Zugleich ein Höhepunkt err?icht, zu'dem'Schubert selbst sich durchaus nicht beüeb g vcrnxüdyt hat. Stehen wir da nicht einem r widerspricht das nicht aller Erfahrung und Wahrscheinlichkeit. bestätigt das nicht die von mir angezweiselte Richtigkeit der alten Behauptung, daß es bei Schubert eine Entwicklung vorwärts und auswar überhaupt nicbt acaeben bat? Scheinbar gewiß. Schoner, charakteryüscher, ietben- schastlicher siegreicher in Form und Ausdruck, als in diesem wundervollen Lied d^s Siebzehnjährigen hat sein Genius nie gesungen. Also war es eben einfach ein Tschenk von oben, das er nur an uns weitergeben, nicht aber eigentlich selbständig weiter verwerten ausbauen und vertiefen konnte Oder anders ausgearuckt: feine ganze Eigenart Myr von Wo »r * -- s ■*» «KtiSSS! Ti"™ t Das ist das ganz Einzigartige an feiner Erscheinung In der «w, i steht er aus Niemand würde, wenn wir es nicht wußten> von ^rn erraten daß Gretchen am Spinnrad" das erste Lied von GoeM war, das Schubert komponierte. Wie ja überhaupt diei chrmwl°gische Rechem lolae feiner Lieder kaum nach inneren, fast ausschließlich nach nutzeren Anhaltspunkten erschloffen werden kann. ^^in° regelrechte, stufenwe st. konsequente Entwicklung, wie nur sie oft beobachten, fehlt cher ganzttch. Keine Rede davon, daß die einmal gewonnene Hohe siegreich behaupt«, der einmal begründete Fortschritt durchgehalten ff" gi Meister dem Man fühlt sich versucht, zu ,ragen: wie kann ein lunger Mclsttt. dem das Gretchenlied gelungen ist, Überhaupt noch irgend «■“ wertiges schaffen? Wie kann er, nachdem er Zu Goethe gelangt ist und sich ihm kongenial erwiesen hat, wieder herabstergen^und soviel andere Dichter komponieren, die ihn unmöglich begeistern können. Wa-mn teilen sich die Lieder von Goethe so ungleich uber sem ganzes Schaffen k Ja, warum geht dieses überhaupt so im Zickzack von etnemUW anöwnY Das sieht eben doch planlos, ziellos, willkürlich aus, als regiere blinoer Zufall. Kein Wunder, wenn wir daran irre werden. Erinnern Aber wir müssen uns dazu zwingen, es richtig13 f foalicb oedacht wir uns nur immer wieder seiner Simmtat. Nichts i ' nichts bewußt gewollt. Alle gegründeten Vorstellungen und tuwartung^ Müssen wir fahren kaffen. Unbewußt, latent m seinem 8^ Entwicklung vor sich. Goethe läßt ihn Nicht mehr los, immer w.eoer müssen sie sich finden. Aber das verhindert ihn nicht, auch noch alles andere auszutönen, was er mitempfand, auch noch allem anderen Ausdruck zu verleihen, was ihm begegnete und ihn ergriff, m unerhörter Vielseitigkeit, wir dürfen sagen Allseitigkeit. Seine prädestinierte Be- fähigung, Goethe zu fingen, erscheint uns als Gipfel feiner Genialität, sie hat ihn aber nicht auf diesen Gipfel gebannt und ist ebensowemg felbst dadurch defchränkt worden, daß er noch so unglaublich vieles andere umfaßte. Gerade daran erkennen wir, wie einfam er steht. Man hat rjugo Wolfs Vielseitigkeit mit ihm vergleichen wollen; sie ist aber eine ganz andere. Wolf hat sich ganz wenige Dichter erwählt, diese aber. soweit sie ihm tagen, zu erschöpfen versucht; daher sein zyklisches Llederschasfen. Schubert hat alles, absolut alles, vom Kleinsten bis zum Größten; und wo wir ihn hören, haben wir den Eindruck: hier ist er in feinem Element- hier herrscht er souverän. Das Studtiirn der Lieder von Goethe lehrt uns verstehen, wie er diesen unerschöpflichen Reichtum von Anfang an besitzt und allmählich gestaltet, immer sicherer, immer überzeugender, immer vollendeter. Es entspricht seinem ganzen Wesen, wie wir es kennengelernt haben, daß es auf diesem so ganz ungewöhnlichen ©thaffensgang an Ueberraschungen nicht fehlt. Rückschritt, Entgleisung und Mißgriff kommt immer wieder vor; bei federn andern muhten wir den Kopf schütteln. Hier aber gehört es notwendig zu dem ganzen Bud, das er uns von sich selbst entwirft. , Uebrigens muß demgegenüber doch gerade bei Goethe ein anderes Moment betont werden. Wir Haden von Schubert fast gar keine Skizzen, nur viele Lieder in mehreren Fassungen. Bemerken mir Zweierlei: entweder sie bedeuten, daß der erfte Wurf ihm nicht genügte,^ daß er also tatsächlich daran weiterarbeitete, wie z. B. beim „Erlkönig ; ober, und das scheint mir noch viel wichtiger, sie stammen aus ssanz verschiedenen Zeiten, wie die Kompositionen aus „Wilhelm Weister . Da sieht man recht deutlich, wie das Gedicht ihn nicht losläßt, w>e er es immer wieder komponiert, und sedesmal ganz anders bis er endgültig die befriedigende Lösung findet. Das läßt uns sofort an Beethoven denken. Ich gebe zu, solcher Fälle Haden wir nicht allzu viele; um fo beachtenswerter sind sie. Sie legen auch wieder die Frage nahe: warum nur st selten, warum nur gerade mit diesen Texten? Warum hat er nicht altes o ausreifen lassen? Wir werden wohl antworten muffen: weil ihm säst mmer schon der erste Wurf gelang. Aber Beispiele dafür, daß es auch einmal anders geschah, haben wir hier vor uns; immer aufs neue eine Mahnung, Schubert nach keiner Schablone, auch Nicht nach der bewährtesten zu meffen, sondern uns auf Schritt und Tritt zu überzeugen, daß Kestern hören kann, ist es einigermaßen schwierig, sich vsrzustellen, welche Aufregung es in meinen Juaendtagen bedeutete, wenn wir eine Veethovensche Symphonie einmal innerhalb eines Vierteljahres vom Wiener Philharmonischen Orchester vorgespielt bekamen. Welch ein Orchester war das! Was für eine Musik! Diese Konzerte waren die großen Tagesereignisse ihrer Zeit. Jeder, der etwas vorstellte, war da. Große Musiker und Musikliebhaber kamen aus dem Auslande angereift. L t jz t «nd Wagner kamen persönlich, um Hans Richter, den Dirigenten tiefes wundervollen Orchesters, zu beglückwünschen. Wir müssen urts diese Dinge ins Gedächtnis zurückrufen, wenn wir die Werke Schuberts ganz verstehen wollen. Schubert kann als der kcköpfer des Volksliedes in hoch künstlerischer Form angesprochen werden: ich bezweifle, daß irgendjemand bisher ihn in dieser besonderen Kunstgattung erreicht hat. Seine Lieder sind erfüllt von liebenswertem, etwas sentimentalem österreichischen Temperament. Seine Symphonien Sind Meisterstücke der Kunst und all der Reichtum seiner melodiösen Er- indungsgabe tritt in seiner Kammermusik zutage, in seinen Quartetten, Quintetten und Oktetten. Seine Messen und besonders dis wohlbekannte Ls-Dur-Meffe zeigen die moderne Interpretation eines.wirklich Gläubigen, der frei von jedem allzu starren Dogma das göttliche Walten 8er5Der Melodienreichtum und die Vielseitigkeit Schubertscher Musik bedeuten einen wertvollen Schatz gerade für unsere heutige Zeit, in der sich die moderne Musik mehr und mehr von der Melodie entfernt und- —- tage nicht in der Lage ist, irgend etwas den klassischen Werken Gleichwertiges zu chassen — es versucht, einen neuen Weg für sich zu bahnen, der in der Richtung geometrischer und konstruktiver Kompositionen liegt. Diele Bedeutung, welche man den musikiechnischen und figürlichen Dingen zuwendet, ist ein - Zeichen unserer Zeit. Die berufenen Hüten des musikalischen Erbes unserer großen Meister sollten um so mehr Wert darauf legen, die besten Traditionen der klassischen Schule zu pflegen. Niemand kann mich zu Recht beschuldigen, daß ich a pnon der modernen Schule feindlich gegenüberftehe. Als Erster habe ich Strawinsky, diesem doch sicherlich höchst modernen Komponisten seine Chance im Wiener Opernhaus gegeben. Aber ich liebe die alten Meister und halte mich bis zu einem gewissen Grade für den Schutzpatron ihrer Traditionen. Wenn die gegenwärtige Generation, die in einer ganz anderen Atmosphäre lebt, eine wirkliche Vorstellung von den Werken unserer Klassiker gewinnen und sie in ihrer ganzen Bedeutung und Schon- beit erfassen soll, so müssen diese Werke dem Herzen der Jugend bunt) eine wahre unb echte Interpretation im Geiste jener Zeit nahegebracht werben. In biesem Sinne bezeichne ich mich gern und freudig als einen Verehrer und Schützer Schubertscher Musik! — Mein Webet. Bon Ftanz Schubert. Tiefer Sehnsucht heil’ges Bangen Will in schönste Welten langen; Möchte füllen dunklen Raum Mit ollmücht'gem Liebestraum. Großer Baler! reich dem Sohne, Tiefer Schmerzen nun zum Lohne, Endlich als Erlöiungswahl Deiner Liebe ew gen Strahl. Sieh, vernichtet liegt im Staube, Unerhörtem Gram zum Raube, Weines Lebens Martergang, Nahend erobern Untergang. Töt' es und mich selber töte, Stürz' nur alles in die Lethe, Unb ein- reines- fräft’ges Sein Laß, o Großer!, bann gedeih». Vorüber, vorbei. .. Eine Schuberk-Gefchichke. Bon Frank High man. Ein tounbermilber Spätherbsttag im Lichtenthai. Die Glocken der kleinen Pfarrkirche rufen zur Abendandacht. Hell und reln zittern die N'äne im lauen Wendwinde nach, der die wurzrge Waldesluft von den rebenumrankten Höhen des Kahlenberges durch die Gäßchen de- kleinen Vorortes streichelt. Nun schwingen auch die tiefen Tone der Glocken des Domes von St Stephan herüber. Dumpf und. behäbig, als wollten sie ihren hellen Geschwistern im Lichtenthal ein Lied von altehrwürdiger Tradition herüberklingen. Ueber der Basteimauer ist noch ein Z'pfelche .. leben Er weist wie ein mahnender Finger gegen den tiefblauen Abendhimmel. Das Gold seiner gotischen Rosi>ttehatblanke Lichter ausgesetzt, in denen sich die icheldenbe Sonne spiegelt und der Kaiierstadt Wien den gewohnten Gutenachtgruß zufunkelt. „ >fen tlanaen die Lichtenthaler Glocken leise jubelnd aus. «chrag aeaenüber der Pfarrkirche befand sich zu dieser Zeit der Geschaftsladen des bürgerlichen Spezereiwarenhändlers unb Hauptmanns der Burgerwehr Dominik Schretzmayer. Zwischen der ^malen nteberen Emgangs- tür stand der beruhigend aussehende Besitzer und besah sich gemächlich das Sttaßenbild Einzeln und in Gruppen strömten die Leute zur Kirche Als die Glocken verstummten, wurde der Zustrom immer dünner, und bald sah man nur vereinzelt hastende Herr Domimk Schretz- inaner blickte nun einmal nach der andern Richtung und da bemerkte er einen schlanken jungen Mann, welcher unschlüssig ch emer Haustornische stand Als der junge Mann dem Spezereiwarenhandler das Gesicht zu- kehrte, machte Herr Schretzmayer eine- vehemente Verbeugung und ^°^G'horsimisten^Diener, Herr von Kuppel,viefer! Ra, Sie gehen> »ar nicht hinein, wo doch heut' Ihr Freund, unser Schulmeister, die Orgel spielt?" Kuppelwteser dankte freundlich für den Gruß, kam über die Straße zu dem Kaufmann und meinte: „Wissen S', Herr Schretzmayer, mir sind heut' zu viel Lent' in der Kirche. Ich vertrag' die schlechte Luft nicht!" Kuppelwieser erachtete es für überflüssig mitzuteilen, daß er gerade, als er in die Kirche gehen wollie, den bürgerlichen Schneidermeister Wenzel Postrihac gesichtet hatte, der samt rundlicher Frau Gemahlin ebenfalls der Abendandacht beiwohnte. Meister Postrihac hatte nämlich ein dickes, großes Buch, in welchem der Herr Kunstmaler Kuppelwieser für gelieferte Kleidungsstücke mit vierundzwanzig Gulden belastet erschien. Der Schneider war zwar ein Engel an Geduld, aber von seiner Gattin konnten dies auch die wohlwollendsten Zungen nicht behaupten, weshalb Kuppelwteser es vorzog, die Abendandacht auf der Straße, in anregendem Gespräch mit Herrn Schretzmayer, abzuwarten. ... ®.a, er™?.n9 gedämpftes Orgelspiel. Die beiden Männer verstummten plötzlich. Während des ganzen Spiels wurde kein Wort mehr gewechselt. Und als das sanfte Adagio in ein brausendes Fortissimo ausgeklungen war, schien das abendstille Gäßchen den Atem anzuhalten. Nach einer Weile sagte Kuppelwieser leise: „Ja, der Franzl ..." Und Herr Dominik Schretzmayer, Hauptmann der Bürgerwehr, hatte einen roten Kopf und seine wasserblauen Augen waren in den Winkeln merkwürdig feucht, als er. bedächtig mit dem großen Kopfs nickend, meinte: „Jaaa, unser Schulmeister ..." Als die ersten Kirchenbesucher wieder die Straße betraten, nmchte Kuppelwieser die spontane Entdeckung, daß er sich tagsvorher leicht erkältet hatte, welcher Krankheitsfall die augenblickliche Anschaffung von „Hustenzsckerl" rötlich erscheinen ließ. Nachdem Herr Schretzmayer, die fleischige Rechte beschwörend auf die Gegend des Fettherzens gepreßt, versichert hatte, daß seine Hustenzetteln schon einen hoffnungslos Schwindsüchtigen vom sicheren Tode errettet hätten, betrat der Kunstmaler den Laden und nach Ankauf eines kleinen Päckchens Malzbonbons wurde die Unterhaltung im Lokale fortgesetzt. Sie dauerte gerade nur so lange, bis der verschlagene Kuppelwieser, durch die Spiegelung des Fensters der Geschäftstüre, den bürgerlichen Schneidermeister Wenzel Postrihac samt Frau Gemahlin (was die Hauptsache war) die Kirche verlassen und in die Marktgasfe einbiegen sah. Eben als Herr Schretzmayer über die schlechten Zeiten im allgemeinen und die wirtschaftliche Not des 5tauftnünn$ftanbc5 im besonderen eifervoll referierte, faute her , Maler schnell: „Entschuldigen S', Herr Schretzmayer, aber grab kommt der Schubert Franzl vom Chor 'runter! Auf Wiederschaun! Wünsch guten Abend!" Bor der kleinen eisernen Pforte, welche die schmale, gewundene Chortreppe von der Straße abschloß, stand ein untersetzter Mann, Mitte der Zwanzig, mit einem wirren braunen Lockenkopf und blitzenden Stahlbrillen vor den Hellen Kinderaugen. Franz Schubert, der Schulmeister von Lichtenthal. „Grüß dich Gott, Kupperl! Warst du denn nicht in der Kirche?" jagte er, als er des jungen Malers ansichtig wurde und streckte dem Freunde die Hand entgegen. „Servus, Franzl! Du, ich hab' schon taufend Aengsie ausstehen müssen. Der Postrihac hat nämlich seine liebe Frau Gemahlin zu deinem Orgelspiel geführt, na, und ich und mein Schneider haben doch in dieser kleinen Kirche keinen Platz! Mich wundert nur, daß er nicht auf dich gewartet hat." Schubert riß erstaunt die Augen auf, dann lachte er: „Auf mich? Wenn du glaubst, daß mir der Postrihac, seitdem er aus die acht Gulden für meine Sonntagspantalons zweieinhalb Jahre hat warten müssen, je wieder etwas kreditiert, bist du leichtgläubiger als eine minderjährige Kranzijungfer, lieber Kupperl! Aber weil wir grab von ben Schulden reden, — hat dir mein Verleger einen Vorschuß für mich gegeben?" Der Maler zupfte mißmutig an seinem blonden Schnurrbärtchen, dann grollte er: „Franzl, wenn du einem Manne begegnest, der unter der Brust ein Loch hat, so groß, daß b' eine Angströhrn durchschupfn kannst — dieser Mann ist der Verleger Haslinger und das Loch hab ich ihm heut' in Sachen des Vorschusses für deine „Deutschen Tänze" in den Bauch geredet. Herr von Haslinger, habe ich gesagt, der Schubert ist furchtbar krank und muß morgen Zins, Quartier und Wohnung bezahlen, Nah- rung, Verpflegung und Essen kosten heutzutage auch ein heidnisches Geld, also Herr von Haslinger, rücken S' mit einem anständigen Vorschuß heraus! Und was glaubst, was er gesagt hat? Herr Kuppelwieser hat er gesagt, Sie wissen, die Zeiten sind schlecht, und wer kauft heute schon ,-Deutsche Tänze"? Ja, wenn es ein Schlager wäre, wie das „Wenn a der Steffel wackeln tuat ..das ist ein Geschäft, da kann man mit ruhigem Gewissen zehn Gulden Vorschuß geben, aber..." „Ich bitt' dich, Kupperl, hör' auf", unterbrach Schubert ihn und setzte wehmütig lächelnd hinzu: „Wenn mir der Haslinger auch gleich zwanzig Gulden geben möcht', fände ich keine Melodie auf den .wackelnden Steffelft Also wieder nichts." „Mach dir keine Sorgen, Franzl, tüchtig, wie ich bin, habe ich sofort den Lammwirt angepumpt, und Kavalier, wie er ist, hat er mir, ohne sich länger als die schickliche halbe totunbe zu sträuben, achtzig bare Kreuzer vorgestreckt. Davon steht dir selbstverständlich die Hälfte zur sofortigen Verfügung. Meiner Ansicht nach eine Unmenge Geld für einen - weltfremden Musikus, der auf den „wackelnden Steffel" keine Melodie finden kann und infolge dieses Geistesdefektes „Deutsche Tänze" schreibt, für welche wieder kein Verleger zu finden ist." In diesem Momente trat aus dem Laden des Herrn Dominik Schretzmayer ein schlankes Mädchen mit einem Einkaufskorb am rechten Ann. Als Kuppelwieser die jugendfrische Gestalt, mit dem kapriziösen Blond, kopfchen, erblickte, meinte er freudig betroffen: „Ah, da schau her! Ich hab's gar nicht hineingehn sehen!" „Wer ist denn das, Kupperl?" „Die kennst du nicht, Franzl? Das ist doch dem Weinbauer Schmatzer seine Tochter. Das liebste Mädel von ganz Grinzing und Umgebung.* Und indem er Schubert über die Straße zog, rief er: „Junqfek Referl!' Das Mädchen drehte sich rasch um, und eine flammende Röt« überzog das hübsche Gesichter!. „Wohin beim so eilig, Jungfer? Das ist mein Freund, der Schubert Franzl — Jungfer Referl Schmatzer," stellte Kuppelwieser vor. „Der Schubert... der Herr von Schubert...?" stammelte verwirrt das Mädchen und machte unwillkürlich einen Knicks, wie er ihr in bet Original Pariser Tanzschule des Monsieur Bohuslav Wik als „Hof. knicks" eingedrillt worden war. „Was entsetzt Sie denn so daran, Jungfer Referl?" fragte Schubert indem ein schüchternes Lächeln seine Lippen umspielte. „Oh, nichts ... nichts, Herr von Schubert! aber ... aber ich war vorhin in der Kirche und da ... hab ich Euer Orgelspiel gehört ... und hab gar nicht glauben können, daß das ein Mensch ist, der da oben am Chor ... und ... und wie dann den Leuten die Augen feucht ae- worden sind, da ... da..." „Da habens S' halt mitg'weint, nicht wahr!" unterbrach Kuppelwieser lachend die Zagende und fuhr ernster werdend fort: „Das ist aber durch, aus keine Schänd', Jungfer Referl, das soll schon Leuten passiert sein, die im gewöhnlichen Leben einen Pflasterstein im Brustkasten zu tragen scheinen, nicht so ein wachsweiches Herzerl, wie Sie eins haben!" Da senkte auch das Lichtenthaler Schulmeisterlein verwirrt den Blick und sein Gesicht stand dem der Grinzinger Weinbauerstochter an Röte nun in nichts mehr nach. Lange nachher, als Jungfer Referl schon im holpernden Seifert, wagen den weinseligen Gefilden Grinzings zugerüttelt wurde, dachte Franz Schubert noch immer darüber nach, daß es gar nicht anders möglich fein konnte; fo ein allerliebstes Persönchen mußte auch so eine reizvoll melodische Stimme haben. Und ein leiser Seufzer entrang sich seinem übervollen Herzen. „Ach jaaa! Grinzing ..." seufzte nun auch Kuppelwieser und er fuhr schmerzvoll fort: „... aber um achtzig Kreuzer würden wir nicht allzu- viel Wein bekommen, wenn wir das Fahrgeld abrechnen." Schubert griff begeistert nach des Freundes Arm: „Gehen wir, Kupperl! Bewegung ist gesund, hab ich gehört, und in knappen dreiviertel Stunden können wir draußen fein!" Und als in den Greinzinger Sckankgärten die flackernden Kerzenlichter unter die glänzenden Glastulpen gesteckt wurden, betraten die beiden Freunde bas kleine Laubengürtchen des Weinbauers Schmatzer, Noch nie hatte sich das schmucke Wirtstöchterchen um das Wohl der Gäste so oesorgt gezeigt, wie an diesem Abend. Ihre Blicke flogen immer wieder und wieder an den Tisch der beiden späten Gäste. Nun, es folgten diesem einen noch mehrere Abende. So oft berat« schlagt wurde, wo der obligate Dämmerschoppen konsumiert werden könnte, meinte Kuppelwieser heuchlerisch: „Den besten Wein hat halt der Schmatzer ..." „... und den fchönsten stimmungsvollsten Garten auch ..." pflichtete dann Schubert bet und ohne ein Wort weiter zu verlieren, schlugen sie die Richtung nach Grinzing ein. Und wieder an einem Abend faß nur der Lichtenthaler Schulmeister in dem kleinen Laubengarten. Auf den fragenden Blick der Wirtstochter sagte er: „Der Kupperl ist heute bei einem Kunsthändler zum Abendessen ein« geladen, hoffentlich nehmen Sie auch mit mir allein vorlieb, Jungfer!" „Aber ... aber Herr von Schubert!" ereiferte sich das Mädchen und eilte ins Haus. Als es nach einer Weile wieder an Schuberts Tisch trat, sagte er verschämt zögernd: „Herr von Schubert, darf ... darf ich Ihnen dann ein ... Brieferl geben ...?" „Ein Brieferl? Jungfer! ... ja, ja ... freilich dürfen S' bas... Ach Gott, Referl ...", über und über rot, halte es Schildert gestammelt. Er wollte noch vieles, vieles sagen, aber schon mar das Mädchen wieder im Hause verschwunden. Lange, unendlich lange mußte er sich gedulden. In ihm jauchzte und jubilierte es: dieses köstliche Mädel, dieses süße Gefchöpfchen und, und ... Da kam die Jungfer. Mit dem duftenden Wein reichte sie ihm ein zusammengefaltetes Brieflein: „.. und sagen Sie ihm, daß ich sehr böse auf ihn bin!" Schon war sie davongehuscht. Die hellen Kinderaugen des Lichtenthaler Schulmeisters blickten groß und starr durch die stahlgefaßten Brillengläser ins Leere. Und als zu später Abendstunde Herr Dominik Schretzmayer seinen Laden schloß, hörte er eine wehmütig klagende Weife aus des Schulmeisters Fenster klingen, welche ihm bis dahin noch fremd gewesen war. Sie ward zu dieser Stunde geschaffen und singt davon, daß Genie und Glück ach so selten beisammen wohnen. Das Lied: „Vorüber, vorbei..." Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. - Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Vuch. und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.