SiehenerKmilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger Jahrgang <928 — Dienstag, den <7. Juli Nummer 57 Das ersehnte Gewitter. Von Friedrich Theodor Vischer. Es glüht das Land, es lechzet Die ausgebrannte Au, Jedwedes Wesen ächzet Nach einem Tropfen Tau. O Himmel, brich! Erschließe Dies Blau aus sprödem Stahl, Nur Regen, Regen gieße Herab ins schwüle Tal! Er hört. Im Westen webet Und spinnt ein grauer Flor; Er ballt sich, schwillt und schwebet Als Wolkenberg empor. Jetzt mit den Feuerzügeln Fährt auf der jähe Blitz, Und auf den lüft'gen Hügeln Löst er sein Feldgeschütz. Heut hat man baß geladen, Es zuckt wie gestern nicht In fahlen Schwefelschwaden Ein stumm verglühend Licht. Wild schießt der Strahl, der grelle, Aus dichter Wolkenwand, Rings lodert Geisterhelle, Der Himmel steht in Brand. Es kracht. In Ketten wandern Die dumpfen Donner fort. Von einer Wacht zur andern Rollt hin das Schlachtenwort. Was atmet, rauscht und sauset? Frischauf. Der Sturmwind naht, Der Wald erbebt und brauset, In Wogen geht die Saat. Schon dampft ein Meer von Würzen Aus der behauchten Welt, Und satte Wetter stürzen Auf das geborstne Feld. sind viel zu viele. Wo ist hier Ueberhetztheit? rab von Neapel. Das ist, bewiesen mir meine >enu| Was den Beobachter täuscht, ist, neben dem allgemeinen Vorurteil, ' Cl—r- ' • - - - • - “ - "üldert; Ansichtskarten aus amerikanischen Städten Von Klaus Mann. Copyright by R. Piper & Co., Verlag, München. Neuyork Ich muß hier etwas ernsthaft sehr Beschämendes zugeben: Was Neu- york angeht, so habe ich mich zunächst durch ein tausendfach verbreitetes Vorurteil täuschen lassen. Man hat unzählige Male gesagt und auf« geschrieben: Neuyork die Stadt des ungeheuerlichen Tempos; die Heber« großftadt; Berlin—London—Paris in der zehnten Potenz. (Endlich habe ich es auch geglaubt; so unselbständig denkt man, es ist eine Schmach.) Denn man hat unzählige Male gelogen, falsch stilisiert. (Berlin ist viel amerikanischer.) . Aufmerksame Freunde haben mich drauf gebracht. Sie sagten ganz richtig: Aber bitte — wo ist denn das Tempo? Alles geht ziemlich langsam. Ohne große Eile schiebt man sich auf den Trottoirs. Die Autos können gar nicht schnell fahren, es find viel zu viele. Wo ist hier Ueberhetztheit? Mr find auf dem Breitengrad von Neapel. Das ist, bewiesen mir meine ichiauen Freunde, eine südliche Stadt. ,“5 Straßenbild. (Niemand hat es so genial wie Alfred Kerr geschildert; mn „Neuyork-und-London"-Buch ist eine Aufregung und ein Genuß.) -Wolkenkratzer und Autoarmeen geben leicht eine Improviston von „Me- »"poüs". Beides ist durch den Platzmangel der Jnfelstadt zu erklären, sie, anstatt sich auszudehnen, in die Höhe wachsen mußte, hat mit Wtn Tempo nichts zu tun. hat ihre Geräusche viel zu scharf und ratternd hingestellt, den tiA» •?rston 3u kalt, zu exakt und zu kurz angebunden. Es ist in Wirk- aninkL ®,ar nicht so preußisch. Der Mann, den du nach der nächsten Unter« sr MaUon fragst, antwortet dir mit wienerischer Liebenswürdigkeit. enil bekommt die Stadt etwas Iahrmarkthaftes. Sie gebärdet «lochst Phantastisch, sie strahlt, funkelt, läßt ihre Beleuchtung kreisen und schweifen. Welche Lust des Anpreisens, was für kindisch raffinierte Reklametricks! Das ist, noch einmal fei’s gesagt, eine südliche Stadt, ich schäme mich bitterlich, es so spät erst festgestellt zu haben. Dieses ist eine Berichtigung. Man hat Neuyork falsch geschildert: gleichförmig, mechanisiert, in einer ununterbrochenen, wütenden, unbarmherzigen Hetzjagd dem Dollar nach. Alles Schwindel: Keine Stadt ist weniger gleichförmig als Neuyork, aber manche hat ein schnelleres Tempo. Der einzigartige Reiz Neuyorks besteht in feiner gigantischen Buntheit. Kerrs Buch hat diese gigantische Buntheit mit anbetungswürdig schnoddriger Meisterschaft geschildert; aber er hat, fürchte ich, dem Vorurteil vom „Tempo" neue Nahrung geliefert. Und wir sollen, das ist gerade in Kerrs Sinn, Vorurteile zerstören, wo es nur geht. Boston. Man sagt, Boston habe die „alte amerikanische Kultur". Das ist natürlich ein komischer Irrtum. Boston ist die allereuropäischste Stadt der Vereinigten Staaten, seine Atmosphäre ist englisch. Nichts kann unamerikanischer fein, als diese stillen Straßen mit den niedrigen Häusern, wo die feinen und zurückgezogenen Bürger wohnen. (Manche Partien der Stadt erinnerten mich an Bremen.) Sehr viel Tradition, noch mehr Stolz auf diese Tradition. Niemand kaut Gummi, man interessiert sich für Musik und Bücher. Es wird hier auch nicht amerikanisch, sondern englisch gesprochen. Die Leute von Boston tun sich was auf ihre Mundart zugute. Ueberatt die würdevollste Ueberlieferung. Im alten Gasthaus, eine halbe Stunde vor der Stadt, soll Longsellow sein allerschönstes Poem gedichtet haben, man erfährt es nicht, ohne Rührung. Altertümliches Gerät ist aufbewahrt, hohe Betten, schwere Krüge und das unbequeme Eßgeschirr. Daß das Gasthaus 300 Jahre alt fei, erzählt die Wirtin uns mit ehr- furchsvoll gesenkter Stimme. Mit dem Dichter Longsellow wird in dieser Stadt viel sentimentaler Kult getrieben; ich habe auch sein Geburtshaus bestchttgt und verschiedene Orte, wo er sich aufzuhalten beliebte. Liebenswert ist die hügelige Landschaft von Neu-England. Am Zauberhaftesten habe ich sie im Herbst gesehen, fo bunte Wälder gibt es auf der Welt nicht mehr. — Diese Gegend ist nicht faszinierend, wie das hoch- berühmte Kalifornien. Aber während Kalifornien nicht standhält — zunächst paradiesisch scheint, aber eigentlich öde ist —, wächst einem die Landschaft von Neu-England immer angenehmer und vertrauter ans Herz. Sie ist sanft und belebt. Ein paar Tage in diesen Bergen zugebracht zu haben, bedeutet Erquickung und Freude. Ich verlasse Boston voll der herzlichsten Gefühle. Nur habe ich nicht den Eindruck, ein sehr typisches Stück Amerika kennengelernt zu haben. Lawrence in Kansas. Eine Zeile zur Erinnerung an Lawrence im Staate Kansas, denn wir haben auch dort über deutsche Jugend vorgetragen. Kleine Universitätsstadt nicht weit von Kansas City entfernt, was etwa der Geburtsort des Typs „Babbit" sein dürste. Dieser Staat gilt als die Hochburg des Puritanismus, hier wurde das Prohibitionsgesetz ausgedacht, und hier war sogar, ein Jahr lang, das Zigarettenrauchen verboten. Trotzdem werden hier die Fremden nicht gelyncht, im Gegenteil, man begegnet ihnen aufmerksam und zeigt ihnen alles. Zu unseren Ehren hat man sogar gesungen, denn die Studentenfamilie, bei der wir zu Gast waren, tut sich durch besonderes Musikverständnis hervor. Diese Familien heißen in den amerikanischen Universitäten „Fraternities", und sie haben ein sehr trautes Zusammenleben. Man sang also vor Tisch etwas Frommes, einen Choral; nachher nur akademisch Munteres. Nie vergessen werde ich den Empfang, mit dem die Fraternity uns ehrte. Es war schön, mit den jungen Leuten ins Gespräch zu kommen — denn es sind Kameraden, wenn auch in vielem uns so fremd geartet — aber die alten Damen fragen zu viel. Wenn ich schon dieses fürchterliche „how do you like our country?“ höre. Eine wollte wissen, was wir in Deutschland für neue Harfenmusik haben. Später besichtigten wir, was es zu besichtigen gibt. Vor allem das Stadion; es faßt 60 000 Personen. Ich weiß nicht, ob Städte wie Hamburg ober München dergleichen aufweisen können. Am bemerkenswertesten ist, daß Lawrence als die einzige Stadt im Lande eine eigene Universität für Indianer hat, 100 Schüler, und sie sollen sehr intelligent sein. Ein eigenes Stadion haben sie natürlich auch. Der Indianer wird nicht, wie der Neger, verachtet. Man bringt ihm, dem „Ureinwohner" des Landes, eher eine gewisse Pietät entgegen. Mehr weiß ich von Lawrence im Staate Kansas nicht zu erzählen. San Francisco. Wieder in Kalifornien. Zwischen hier und dem Mittelwesten liegt ein erstaunlicher Eindruck: Grand Canyon, die große Schlucht. Das ist jenes Naturwunder, hoch oben in Arizona, eine der vielen Rekordleistungen Amerikas, nämlich der Rekord einer unwahrscheinlichen Landschaft. Man hätte etwas, wie diesen farbigen Abgrund niemals auf unserer Erde ver- Seit dem Altertum ist die nützliche Biene beliebt und gern von N.-Aern besungen, aber auch die nicht nützliche, sondern nur durch ihr SsMmergezirp erfreuliche Grille oder Zikade fand stets viel Freunde. Pcatsu feiert» und liebte die Zikade, die eifrigste Sängerin des guten Ösvrsvter*. 5t; Gold nachgebildet war sie bei den antiken Damen ein brsrn-zuMer Haarfchmuck. Die jungen Griechinnen spielten mit den Tierchen, Man tst sie in zierliche Körbchen oder Käfige und hielt sie als „Glücksbringer- trr. Haus. Mancher antike Dichter lieh seine Leier dem Tob einer DiebRngsztkate, „die das Glück mit sich sortnimmt.. Ser Brauch, sich zu Beginn des Sommers Grillen zu schenken und dies« nie guter. Gedeihens zu betrachten, ist von Griechenland noch Italien gewandert und hat sich dort bis heute erhalten. Ar-hrckich beliebt tmb Gegenstand anmutiger Kinderlieber ist das Marien- öder Golteskäserchen. Das niedliche rote, schwarzbetupfte Tierchen gilt allerorten als glückbringend und gottgeweiht, wahrend die meisten anderen, die unliebsamen Insekten für Teufelsbrut gelten, vielleicht i» Erinnerung daran, daß die ehrwürdige Mythologie des weisen Mannes, die iranische Ueberlieferung dem Gott des Bösen, Ahriman, die Erschaffung der Jnsektenwelt zuschrieb. In Persien galt und gilt es für fromm und Gott wohlgefällig, schädliche Insekten zu vertilgen, und solches Tun ist Ahcera, dem guten Gott, Ahrimans ewigem Widersacher, geweiht. Wie neuerdings entdeckt wurde, ist übrigens die Beliebtheit des Marienkäferchens logisch begründet, denn es vertilgt in Massen schädliche Kleinwesen. Aus diesem Grunde wird es jetzt in Amerika sogar gezüchtet. Ein anderer wichtiger Käfer, der seit dem Altertum in der Welt der Symbole eine Rolle spielt, ist der Scarabäus. Er gehört in Aegypten zu den heiligen Tieren und wurde als Sinnbild der Schöpferkraft ober des Sonnengottes verehrt, vielfach in Stein geschnitten oder m Ton gebrannt und als Amulett getragen. Diese Verehrung des heiligen Kasers, der nach Art und Familie zu den Mistkäfern gehört (Atemcus sacer) verbreitete sich über das ganze Mittelmeergebiet und umgab das nützliche, den Mist verarbeitende Geschöpf mit großem Nimbus Noch ein Liebling aus der Jnsektenwelt ist das lichtspentende GW- würmchen oder Leuchtkäferchen, das die kürzeste Nacht, die magische Johannisnacht festlich durchschwärmt und durchleuchtet. In südlichen Landern, wo es an Gröhe zunimmt und starkes Licht verbreitet, glüht es zuweilen statt eines Edelsteines im nächtigen Haar einer Schonen als Schmuck. Ein Heiliger soll beim Schein der schwirrenden Insekten fromme Schriften gelesen haben und in der Chronik der Besiedelung von Kanada wird erzählt, daß die Missionare, als sie das Kirchlein von „Ville-Marie" einweihen wollten, kein Oel für die Lampen hatten, und ihr ewiges Licht mit Leuchtkäfern versahen. So wurde das liebliche Liebesglühen mystisch geweiht. Trotz einer ausgesprochenen Schädlichkeit hat der Maikäfer etwas so possierlich gemütliches, daß er bei Kindern stets einen gewissen Erfolg hatte und auch ein Dichtergemüt zu begeistern wußte. Josef Victor Widmann hat in der „Maikäferkomödie" das Ausschwarmen dieser Tiere aus jahrelangem Erdverließ mit wehmütiger Satire behandelt und ein großartiges Gleichnis mit menschlichem Leben rind Glauben aufgestellt. Zu höchsten Ehren unter den Insekten kam der Schmetterling als Symbol für Psyche, die Seele, und Dante nahm das schone antike Sinn- bild auf, als er die Seele „angelika farfalla, den Engelsfalter nannte. Sind auch nur einige wenige Insekten zu solch allgemeiner Anerkennung und zur Dichterliebe gekommen, unter den Naturforschern hat es einige poetisch gestimmte Naturen gegeben, die Mit absonderlicher Liebe an der gesamten Jnsektenwelt Hingen, ihre Forschung mrt begeisterter Liebe verklärten und ihr Leben diesem «tiidium mst frohem Opfermut widmeten. Ich erinnere an den deutschen Naturforscher Friedrich Wilhelm von Gleichen, der im runden Turm seines alten fränkischen Schloß an rundem Tisch mit rührender Liebe die Monographie der Stubenfliege verfaßte, eines Tierchens, das gewiß m feiner Umgebung nur Ungeduld und Zorii erregt. Gleichen bewunderte die jchil- lernten Flügelchen unter dem von ihm verbesserten Mikroskop und inalte, was er sah, mit sorgfältiger Freude. Er studierte die Pflanzen- und Jnsektenwelt im engsten Zusammenhang erfaßte deren inniges Sichdurchdringen, und beugte sich vor der ,,weisen Natur - der er mit dichterischem Schwung sein bedeutendstes Buch „Das neueste aus dem ^Liebevo^versenkt stch'ein anderer Gelehrter, Rösler, in die Welt der Kleinsten und malt, was er beobachtet, zierlich ab in dem dreibändigen Werk Jnsektenbelustigung", das Einblick gewahrt in die stunmungs- volle behagliche und doch jo tüchtige Forschung des 18. Jahrhundert-- Jüngst wurde der Gedenkstein eines ähnlichen Insektenfreundes und Forschers enthüllt, der ihre Welt mit so hohem Dich erschwung erfaßt ha st daß man ihm den Namen eines „Homer der Insekten gab. 1.5). Fabre war ein Bauer aus der Provence, der in Söngnan bei Orange lebte und sein Leben mit selbstloser glühender Liebe diesem Studium und- mete Er wurde spät, zu spät erkannt und anerkannt. Als die Wissen Last offtziell bei ihm "vorsprach, ihn zu feiern sah er a. und gelahmt aus seinem Bauernstuhl und konnte nicht einmal aufstehen für Den Besuch von Professoren und Behörden zu danken. Er lächelte wohl auch etwas herablassend über die späte Ehrung, denn ferne Freude und fein Stolz war ja die Arbeit selbst gewesen. , Um seinen Studien obzuliegen, hatte er seine eigenartige An g qeschasfen, ein« Pflanzenwildnis, die Insekten amiehen mußte und Gelehrten als Laboratorium diente. In diesem „Harmas l>arrte lauerte mit unsäglicher Geduld auf die Insekten macht A rZtA Lebensumständen bekannt und drang em in die geheimsten Gewoy ^Do'ch diese Geheimnisse belauschte er nicht °ll°m '°ntern m^)i-!- eines mitbegeisterten Handlangers und Dieners Marius Gmgnes.A blttb sein treuer Studiengefährte obwohl ter ,U"gluckliche s t ine- Iugend erblindet war. Er konnte fich also nicht wie fern Meister an Buntheit und dem Formenreichtum der beobachteten Geschöpfe, metallischen Glanz ter Scarabaen und dem vornehmen 1 suni Libellen, am Schmelz ter Schmetterlingsflugel e^euen. es f«f » daß die poetischen Schilderungen Fabres seine Phantasie «E i Aber Marius' Gehör hatte sich m der Blindheit i° “^ier° bb me[betE. schärft, daß er dadurch die einzelnen Insekten erkannte und ' Dem sommerlichen Konzert ihres Surrens, Summens ui reinerti stand er so vertraut gegenüber, wie em guter Kapellnieister l Orchester. Die hörende Beobachtungsgabe des> Marius sehende seines Herrn auf das genaueste, der Blmde konnte inl auf feine eigenartige Mitarbeiterschaft, und beide ForscherL,”- turfaiflii< „Hannes" selige Stunden wachsender Erkenntnis und tiefster 6er gung. Diese fand den höchsten Ausdruck in einer Antwott, cr Forscher dem Geistlichen seiner Gemeinde gab. Auf die Frag. an Gott glaube, antwortete Fabre: „Nun, ich habe nicht nong, zu glauben, denn ich sehe seine Spuren täglich und überall, ihm der Glaube zu tief innerem Wissen geworden. mutet. Wie es lila, dunkelrot, bräunlich in die Tiefe geht — so stellte man sich das Gebirge anderer Planeten vor. — Kalifornien hat sich im Frühling Überraschend verschont. Wahrend es im Winter von einer fatalen Scheinüppigkeit war — zunächst blendend, aber bei näherem Hinsehen kahl — und auch im Sommer wieder bräunlich werden soll, ist es jetzt Ende März, Anfang April, wirklich grün. Ein paar flüchtige Wochen lang hat es atmende Bäume und lebendige Wiesen. Nun endlich ist es eine Landschaft, die man lieben könnte. In San Franzisko war ich nur einige Tage. Aber ich merkte sofort: dieses ist eine Stadt. (Los Angeles, Hollywood sind nur ungegliederte Riesenansammlungen von Häusern und Automobilen.) San Franzisko erinnert mich an Marseille, manchmal auch an Neapel. Es hot die steilsten Straßen, die ich jemals für möglich gehalten hatte; vom Drahtseil gehalten klimmen die Trambahnen nach oben. Das gibt dem Bilde der Stadt etwas Buntes, fast Wildes, und viele großartig weite Ausblicke über Dächer und Hügel zum Meer. .. ' . , Franzisko hat jene wunderbare Atmosphäre von Ausfahrt und Ausbruch, die fast allen großen Hafenstädten eignet. (Es erinnert nicht umsonst an Marseille.) Mischung der Rassen, der Geruch fremder Völkerschaften, charakterisiert das Gesicht solcher Orte. Das Chinesenvierte etwa ist hier nicht wie in Neuyork oder anderswo künstlich erhaltene Sehenswürdigkeit für Fremde, sondern Element, Teil der Stadt. Stehst du überm Goldenen Tor, wo die Vorgebirge sich zum Stillen Ozean öffnen, so ftihlst du dich an ter Pforte zum fernen Osten (vor allem, wenn du dein Dampferblllet nach Japan schon in ter Tasche hast). , . Hafenstädte liebt man, weil man weih, baß man sie bald verlassen darf. Ich erlebe San Franzisko als die letzte amerikanische Station, also schon abfahrtbereit und ohne die letzte Konzentration. Dabei ist es vielleicht die schönste Stadt der Vereinigten Staaten; nut den steilen Straßen, weiten Plätzen und den unvergeßlich schönen Parks, die zur Küste führen. Aber für uns bedeutet es letzte Station vor der Ausfahrt. Insekten und wir. Von Alexander von G l e i ch e n - Ru ß w u r m. Als Meister der Auslegung aller Angstgefühle hat Maeterlinck einmal erwähnt, daß der Menfch einen instinktiven, tief aus seinem Unter« bewutztsein aussteigenden Abscheu gegen die Jnsektenwelt suhle, wie eine Ahnung, als handle es sich um geheimnisvolle Feinde unseres Geschlechts — vielleicht um Erben und Nachfolger unseres Herrschertums. Aehnlichen Empfindungen hat Scheffel Raum gegeben, intern er das Ablösen der großen und größeren durch immer kleinere betrachtete und der Befürchtung das Wort lieh: „Zuletzt triumphier in Saus und Braus das Jnfuforiengesindel." Zuerst in Urzeiten und überall, wo noch Urzustände herrschen, im Urwald und Ursumpf sind nicht die großen und reißenden Tiere die schrecklichsten Feinde, nicht die Schlangen und Vierfüßler, sondern die Kleinen und Kleinsten, die beißenden und stechenden Myriaden quälenden Ungeziefers. Wir stehen vor der Herrschgewalt der Insekten. Sie müssen bas Leben des Urmenschen qualvoll gestaltet haben und noch heute erschweren sie auf das grausamste in manchen Gegenden das Dasein. Heerscharen gewisser Termitenvölker überfallen und vernichten in Tanganyicka und Trinidad noch heute mit regelrechtem Ueber- fall, nicht anders ausgeführt als geschähe er von menschlichen Feinden, _ ganze Dörfer und vertreiben die Einwohner, sie töten und verzehren große Haustiere wie Ziegen und Schweine. Aehnlich verheerend treten Termiten in Australien und Pinna auf. In Indien frißt die Ameise bis zum Oelbild, was europäische Kultur als Schmuck einführen wollte. Es ist dem Menschen oft von überspannten Sozialphilosophen verübelt worden, daß er für die interessante Ameise nicht so viel übrig hat, wie für die Biene, aber in seinem Unterbewußtsein lebt vielleicht das Grausen fort vor einer urweltlichen Ameisenherrschaft — die Ameise war ja schon militärisch und technisch klug ausgebildet, als der Mensch noch hilflos und blöd über die Erde stapfte. Ihre soziale Wissenschaft ist viel ehrwürdiger als seine und wahrscheinlich verhältnismäßig viel vollkommener. So sprach schon Salomo: „Gehe zur Ameise und lerne." Mancher Forscher versuchte schon festzustellen, daß sie im Gesamtreich des organischen Lebens uns in bezug auf Organisation am nächsten kommen, wenn sich das äußere Ansehen auch nicht vergleichen läßt. Sie sind politische Tiere, stellen sich in Schlachtordnung auf und einige Arten haben imperialistische Tendenz, sie unterjochen schwächere Völker. Und dann, wer hat noch nicht gesehen, daß eine Ameise, die in Verlegenheit gerät, wohin sie sich wenden soll, es nicht anders macht als ältere, wichtige Herren im gleichen Fall, sie kratzt sich hinter den Ohren. Doch der Mensch hat im allgemeinen Widerwillen gegen alles, was keuckt, vielbeinig kreucht ober hinterhältig anfliegt. Die meisten ekelt es, sei es in. rmdewußter Erinnerung vor dem noch so bewundernswerten Fliegen und Krabbeln. Nur einige wenige Insekten erfreuen sich von scher einet gewissen Beliebtheit und spielen im Gemütsleben des Menschen eine sympathische Rolle. bie isi- sen an, cs and her, des ichc ge° Veit gten aber Ton jers,. ver- iche, lüh. Jo- 2ün- t es als eklen hing von und gliche twas Er- sictor Tiere ) ein ftellt. 3 als Sinn- mnte. Ancr- ti hat cliäM begei- whem »rjchcr sran- caphie Um- jchil- und stnzen- miges r mit > dem >lt der rdigen inngs- iberts. i For- hatte, Fabre lebte wid< Bitten- »lähmt r den l auch > und lnlage i> dein r und ihren wohn- Häse llarlus seiner in der >, mn k der denn, riefen ch 9«’ eldete. iniens einem : die , sein en im huldi- ie der ob -r n ih" । mnr nur überhaupt von denen, für die sie schufen, beachtet zi wäre u. a. aus die Biographie des schon genannten Leib! Dies mancher Der Künstler und sein Werst. Von Walther A p p e l t (Plauen). soll eine ganz einfache, leichte Plauderei werden, eine lose, in Hinsicht sogar anspruchslose Aneinanderreihung kleiner Züge Lebensgeschichte des einen und andern Künstlers. Episoden, — . — । B.„rv„ a »I zu verweisen. Unh Thoma erzählt einmal, daß er das jetzt in der Dresdner Galerie befindliche Ziegenbild erstmalig nicht anders loswerden konnte als so, daß er es zu einem kitschigen Kunstvereinsgewinn — zugab. Und selbst bas gelang ihm nicht. Der Käufer behielt zwar begeistert den mit 300 Mark bezahlten Vereinskitsch, aber den Thoma, der nur 100 gesichtet batte, brachte er zurück. Dabei waren es nicht nur Auffassung und Malweise, die den Frühwcrken den Weg in die Oeffentlichkeit erschwerten, sondern — und das will uns gerade bei Thoma unbegreiflich erscheinen 77 auch die zur Darstellung gebrachten Stosse. In dieser Hinsicht kann Thoma freilich mir Millet, Courbet und manch anderem seiner Vor- bilder, wie auch mit Böcklin, Liebermann, Corinth, Käthe Kollwitz usw. Lasten. Die längst zur ernstgenommenen Selbstverständlichkeit gewor- ^nen „juryfreien Kunstausstellungen", von Professor Sanbkuhl ins «den gerufen, kamen erst auf, als diese Künstler sich im großen und ganzen bereits durchgesetzt hatten. Sie haben manches Merkwürdige a^age gefördert, was eben so rasch wieder verschwand, haben aber doch auch Maler wie Nolde entdecken helfen. — Gar nicht genug dankbar annen wir jedenfalls all den Verkannten, Verlästerten und sogar Ver- umdcten dafür sein, daß sie mittig zu ihrem Werk standen und sich nicht ein ^aden Wegen ihrer Erkenntnisse abdrängen ließen. Wohl hat der £. aber andere in Perioden des Zweifels das eigene Können und oh»!/»'. "kk>ergedrückt von kränkenden Mißerfolgen, gering geachtet — ra "fc"ciner hat für die Dauer fein Selbst verleugnet, keiner der ganz »Mr sein Eigentliches im bequemen, einträglichen Kompromiß tn>m«tlnn’^n iossen. Das wird vielmehr immer bleiben, was es von jeher ist: Kennzeichen der Mitelmäßigkeit, wenn nicht vollends der ihr™*-’ S°paart mit Feigheit. Die Kunst verlangt nun einmal von ' n Ungern Opfer — bis'zur Selbstaufopferung. aus der .... . ... die übrigens den Vorzug der Wahrheit haben —, wie sie einem bei ständiger Beschäftigung mit den großen und kleinen Dingen der Kunst und der Kunstgeschichte nebenher immer wieder begegnen. Aussprüche oder Begebenheiten, in denen die Stellung eines Schaffenden zu feinem Werk, oder doch zu Teilen feines Werkes, zum Ausdruck kommt. Tiefsinnige Betrachtungen sollen darüber nicht angestellt werden. Und nur einer gewissen Ordnung halber sei das Kleinmaterial in ein System gebracht, das vielleicht gar keines, sicher aber das einfachste aller etwa in Frage kommenden ist: Ueberjchätzt der Künstler sein Werk oder unterschätzt er es? Selbst wenn wir bedenken, daß das ausgesprochene Urteil nicht immer mit dem inneren des Künstlers übereinzustimmen braucht, — wofür es mannigfache Gründe gibt —, find die Fälle des Unterschätzens die weitaus zahlreicheren. Allerdings wird da, wo strenge Selbst- kritik Handlungen auslöste, eine Nachprüfung meist durch eben diese Handlungen und die von ihnen geschaffenen Tatsachen unmöglich gemacht. Der unlängst verstorbene französische Impressionist Claude Monet hat einmal in späten Jahren einem Sammler eines seiner ältesten Bilder ausgeführt, um es — zum begreiflichen Schrecken des Besitzers — kurzerhand zu zerstören. Es genügte seinen Ansprüchen nicht mehr. Seibl hat von Zeit zu Zeit, und besonders gründlich kurz vor seinem Tode, Skizzen und Entwürfe paketweise dem Feuer übergeben, — unter ebenso entrüstetem wie vergeblichem Protest der ihm Nahestehenden. Eine andere für diesen Künstler charakteristische Merkwürdigkeit war das Zerschneiden von Bildern, die ihm in der Komposition mißglückt schienen, in einzelne Teile. So sind die bekannten „Wildschützen" in der Nationalgalerie nur einer der drei Teile, in die das ursprüngliche Werk fragmentiert wurde. Auf anderen Bildresten, die Leibl immerhin der Erhaltung für würdig erachtete, sind vielfach nur Hände oder Kleiderteile zu sehen. Corinth, der Seibis Tun nach- sühlend zu rechtfertigen sucht, bedauert doch gerade den Verlust der „Wildschützen", die er in unzerschnittenem Zustande sah, ganz außerordentlich. Auch Liebermann hat einmal ein frühes Bild. Badende Knaben, vielfigurig und in Lebensgröße, zerstückelt. Im Gegensatz zu Leibl tat er das jedoch in der klaren Absicht, das Werk restlos zu vernichten. Durch einen Zufall blieben die Reste dennoch erhalten, wurden rund ein halbes Jahrhundert später wieder zusammengesetzt und — von fremder Hand — ergänzt, — mit dem Erfolg, daß Liebermann selbst den damaligen, überkritischen Gewaltakt bedauerte. Bon Wilhelm Busch, bem Zeichner- und Dichterhumoristen, der auch als ernster Lebcnsschilderer Wertvolles schuf, wird erzählt, daß er in gewissen Abständen Stapel von Oelbildern im Garten aufschichtete, um sie, als sei das ganz selbstverständlich, zu verbrennen. Anderes hatte er mit diesen Bildern, deren rein persönlicher Zweck im Augenblick ihres Entstehens erfüllt war, von vornherein nicht vorgehabt. Gleichwohl sollen sich darunter immer wieder Werke befunden haben, die alle Voraussetzungen, ihren Schöpfer zu überleben, erfüllten. Nicht viel anders als Busch die verbrannten Bilder bewertete, mag Cezanne, wenn wir nicht Zerstreutheit als entschuldigenden Grund annehmen wollen, die Arbeiten eingeschätzt haben, die er achtlos — oft bis zu dreien und vieren am Tage — im Gelände stehen Uetz, wo sie gerade enftanben waren. Auch die Tatsache gehört wohl noch hierher, freilich mit Einschränkungen, daß Künstler ihre Werke oft zu Spottpreisen abgeben. (Die leider noch zahlreicheren Fälle, in denen die bittere Not sie dazu zwingt, stehen auf einem anderen Blatt.) Ms Spottpreife empfinden wir es heute, wenn Dürer zu Lebzeiten seine herrlichen Holzschnitte für je eine Mark verkaufte ober gar gegen Trinkhörner, Handschuhe und anderes vertauschte. In Wahrheit aber mögen bas, bei ber rein handwerklichen Einordnung des künstlerischen Schaffens, für jene Zeit durchaus angemessene Gegenleistungen gewesen sein. Viel schmerzlicher müssen uns die Mittel berühren, die große Künstler neuerer Epochen anwenden mußten, um nur überhaupt von denen, für die sie schufen, beachtet zu werden. Hier Freilich hat es auch Künstler gegeben, die in selbstgefälliger und natürlicher, meist unberechtigter Ueberschätzung ihres Schafsens diese Opfer von den andern, wenn nicht gar von den Meistern der Vergangenheit gebracht sehen wollten. Beschränken wir uns darauf, das krasseste Beispiel solch eitler Ueberheblichkeit anzuführen: der mehr durch Reklamelärm und äußere Absonderlichkeiten als durch sein Schaffen „berühmte" italienische Futuristenhäuptling Marinelli machte einmal durch seine oder seiner Anhänger Forderung von sich reden, die klassischen Schöpfungen des Mittelalters und ber Renaissance knrzerkanb zu zerstören (unb für unliebsame Kritiker bie Tobesstrafe einzusühren!!!). Eine anbere als ihre Kunst, anbere als ihre Werke, verkündeten diese „Künstler", sollten hinfort keine Daseinsberechtigung mehr haben. Wir sehen also, — unb es könnte durch mehr als die angeführten Beispiele belegt werden —: bie Frage, wie der Künstler zu seinem Werk sich stellt, ist meist ober immer zugleich bie Frage, wie er bas Werk anbercr wertet unb achtet. Und wir können ganz allgemein sagen: Gerechtigkeit gegen bie Schaffenstenbenzen anderer, die den eigenen fremd ober gar entgegengesetzt finb, ist eine ber wichtigsten Voraussetzungen, bie ein Künstler erfüllen muß, um als Mensch unb Schöpfer ernst genommen zu werben. Ohne sie bars er nicht erwarten, daß bie Mit- unb Nachwelt sich ber etwaigen selbstbewußten Würdigung seines Werkes anschließt, — ober sich bie Mühe macht, eine vielleicht zu strenge Eigenkriük als solche zu erweisen. Ein Fest auf Hadersievhuus. Novelle von Theobor Storm. (Fortsetzung.) Als bie Hochzeit auf dem Hof ber Braut gehalten war, zog Claus Lembeck nach der Insel zu seinem Burgbau; der Baumeister hatte ihn gerufen, denn zwischen den Werkleuten, ba bie borkigen Männer meist auf Seefahrt waren, befand sich viel fremdes und wüstes Volk, so daß des mächtigen Bauherrn eigene Person vonnöten war; auch stand bas Werk so weit gediehen, als dieser den Plan genehmigt hatte. Die jungen Ehesponsen aber zogen in der Frühe eines heiteren Aprilmorgens mit einem Gefolge von Dienern, Amtleuten und Frauen zu Wagen und zu Rosse nordwärts hinauf durch Schleswig nach bem Schlosse Dorning. Sie sahen nicht in weichen Kissen: nebeneinanber, aber jeder auf eigenem Rosse — Frau Wulfhild auf ihrem lichten Schimmel, auf seinem schwarzen Hengste Rolf — waren sie an ber Spitze bes Zuges geritten; boch oftmals brängten bie Tiere sich zusammen; bann warf bas Weib sich mit ber Brust zu ihm hinüber, bah Rolf nur kaum ben Hengst bezwingen konnte. Der Tag war heiß geworden, und es war schon Nachmittag, als sie ben Weg zur Burg hinaufzogen. Ms sie oben burch ben ersten Mauerring geritten waren unb bie Husen ihrer Pferde auf die Zugbrücke schlugen, die über ben tiefen Zwinger herabgelassen worden, sah Frau Wulfhild unter sich hinab aus das Heer von spitzen Pfählen, womit ber Graben ungefüllt war: im selben Augenblick brang von drunten hinter einer Pforte ein wild Geheul herauf. „Was ist bas?" frug sie ben jungen Ehegemahl. s „Da brunten, Wulfhild? Das sind meines Vaters liebste Hunde; er läßt sie nachts im Graben laufen, sobald die Brücke aufgezogen ist. Wir wollen sie töten lasten, denn es sind grimmige Wölfe, und statt der Spitzpfähle ein Würzgärtlein mit Blumen pflanzen!" „So?" sprach sie sinnend. „Nein, nein, laß mir die Wölfe! Ihr habt einen weisen Vater, Rolf!" „Nach Euerem Willen, hohe Herrin!" rief ber Ritter fröhlich. Aber vor ihnen vom Pfortenturm blies itzt ber Wächter immer mächtiger, unb brunten aus ber weit offenen Torfahrt brang Getöse unb Waffenschall; ba spornten sie ihre Rosse unb sprengten ihrem Geleite voran hinein. In ber Mitte bes Hofes, um bie schon grünenbe, gewaltige Linde, standen Burgleute und Gesinde und begrüßten sie mit lautem Zuruf: „Heil Ritter Lembeck, unserem Herrn! Heil seiner schönen Fraue, Heil!" Sie zügelten ihre Roste, und Wulfhilds Auge flog wie herrschend über bie bichte Schar; als aber bie Leute jetzt zurücktraten, mürbe ein Brunnen bloß, in dessen steinernem Ueberbau ber Eimer hing. „Ha, Wasser!" rief sie. „Wer reicht mir zum Willkomm einen Trunk bort aus ber Tiefe?" Da stürzten Männer unb Weiber an ben Brunnen, unb sie hatten ben Eimer abgerissen; aber er hing zum Glück in Ketten unb fuhr raffelnd in die Tiefe. Bald trat ber Burgwart mit einem Glaspokale aus bem Schloßtor, unb, nachbem er mit bem klaren Quell gefüllt war, bot ber Alte ihn ber Herrin bar. Sie hob ihn auf, baß bie Sonnenstrahlen hindurchblitzten; bann trank sie unb rief: „Das Wasser ist gut hier auf ber Burghöh; aber, ihr Leute, Fran Wulshilb wird auch sorgen, bah es an Met unb Fleisch nicht sehle!" Da erhob sich neuer Zuruf, unb bazwischen scholl von brautzen bas bumpfe Geheul ber Wölfe. Rolf Lembeck aber flüsterte zu seinem Weibe: , Du wirst gefährlich, Wulshilb: bu willst olles, mich unb meine Leute! Sie lächelte nur; boch als sie brinnen im Gemach ben schönen Mann allein hatte, umschlang sie ihn mit ihren festen Armen: „Dich will ich, dich. Rolf! Was kümmert mich das anbere!" , Der junge Eheherr sah ihr in bie zärtlichen Augen, als ob er Rätsel lösen solle. t Im Hofe braufeen war es allmählich leer geworben; nur Gasparb, der Rabe, ben bie Herrin nicht zurückgelassen hatte, saß noch unter ber ßinbe auf ber Steinbank, bie um ihren Stamm herumlief. Sinnenb safe er- er konnte seine Herrin: es war vom Blut bes grofeen Gerhard in ihr- bie Kunkel war ihr nicht genug. Mitunter fuhr ein dünnes Lachen biir’rfi seine schmalen Lippen; bann, wie mifebitligenb, schüttelte er ben Kovs: „Hüt bich, Frau Wulshilb!" — leis, doch in scharfen Akzenten, rief er gegen bas Burgtor hin — „ber Vogel ist noch nicht dein eigen! den ein das Iulfest dreizehn Kühe jählingi schwarzes Shit? Des Herrn Gericht! , ©ieS«11 Verantwortlich: Dr. Hans Lhyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univerf itötS-Buch- und Eteinbruckerei. D. Lange Aber bevor er ,Ade, du mein — Aber niemand antwortete ihr. Die Schloßfrau hatte die Hand " ■ Der Rabe hatte gekrächzt: ein Hauch des noch verborgenen Wetters mochte ihn gestreift haben; woher es koinmen sollte, wußte er nicht. Ich aber will es jetzt erzählen. - ~ , r Eine Meile von Dorning gegen Osten, hinter dem Dor,e Hammelef lag das später im sechzehnten Jahrhundert abgebrochen« Schloß Haderslev- huus; man nannte es auch eine Bergfeste, denn wie jenes lag es in diesem höhenarmen Lande auf einem Hügel von wenig über achtzig Schuh. Alter Buchenwald bedeckte diesen und begrub fast das Schloß in feinen Wipfeln; aber auch nach Osten breitete er sich aus, doch so, daß dort ein schmaler Sandweg dicht an der jäh abfallenden Hugelwand vor- überführte und den Hinaufblickenden den oberen Teil des stumpfen Schloh- turms sehen ließ. Wer etwas weiter ging, gelangte an eine von den ältesten Bäumen überwölbte Auffahrt, die in Windungen zum Schloß emporführte; wer nicht dahingehörte oder dort nichts $u_ fdjaffen hatte, den brachte der Weg, um taufend Schritte weiter, in die Stadt hinab. — Bor Beginn jenes Sandweges aber führte ein anderer, breiterer Weg zu Westen in weitem Bogen um den Schloßhügel und durch die freie Landschaft nach demselben Ziel«. Dies war der gewöhnliche Stadtweg; denn in dem anderen war vor Jahren ein Bauernbursch vom Wolf zerrißen „Nein, Ningang, nicht wie Asche!" rief der Knabe; „ich ftch es: tm Norden, weit hinaus, stieg schwarzer Nebel aus der Erde und schwimmt wie eine Wolke auf uns zu; seht nur, es wird ganz finster hier! Kommt, kommt mit hinaus!" Die Kind«'' faßten beide die Hand des Baiers; und er lieg sich von ihnen ans dem Gemach und nach dem stumpfen Turm hinaufziehen: auch die. Mutter mit der älteren Tochter und die beiden älteren toöfjne fließen auf dem Wege aus Hallen unb Gemächern zu ihnen. Als sie die Platte des Turms erstiegen hatten, stand schon, ein Teil des Gesindes dort ituh wich ehrerbietig an die Seite; alle schwiegen, nur die alte Schaffnerii', flüsterte mit ihrer heiseren Stimme zu dem einen oder anderen: „Die Zeichen des Herrn erfüllen sich! Wißt Ihr noch, da um das Iulfest dreizehn Kühe jählings wild geworden? Und da wir nach dem Backen das erste Gerstenbrot anschnitten, schnitten wir nicht in schwarzes Blut? Des Herrn Gericht! O alle Heiligen, seid unsre Helfer!" . . . .. ______ ihres Mannes ergriffen, und bald lagen olle Kinderhände in der feinen; denn schon hatte das schwarze, worden, und die Leute gingen dort nicht gern. Die feste Burg, von deren Ursprung schon derzeit keine Kunde gewesen zu sein scheint, war mit den Wäldern und sonstigem Landbezirk seit Jahren im Psandbesitz des Dänenkönigs Waldemar Atterdag, wenngleich sie zu dem Leibgeding der Witwe des Herzogs Erich gehörte. Em schles- wiqscher Ritter, Hans Ravenstrupp, faß als Schloßhauptmann des Königs dort ein Mann von gewaltigem Körperbau. Halbwüchsig war er emft ein wilder Ge ell gewesen und von rascher Faust; er hatte den eigenen Bruder einmal fast im jähen Zorn erschlagen. Doch je mehr [eine mächtige Gestalt sich auswuchs, je mehr er gefürchtet, ja als überlegener Streitentscheider aufgerufen wurde, um so milder wurden [eine Sitten; dazu hals ihm auch sein froh und gut Gemüt, das ihm der Herr mit auf Me Welt gegeben hatte. So war er ein glücklicher und fester Mann geworden. In einigen Händeln feines Königs hatte er grimmig und mit Glück gefochten; kam er dann heim mit seinen Burgleuten, so standen vor d-r offenen Torfahrt fein zartes dunkles Eheweib, drei «ohne und zwei Töchter, alle voll Kraft und Wohlgestalt, und schwenkten grüne Buchenzweige in den Händen; dann sprang er von seinem Streithengst, und sie gingen über den Hof in das große Tor der untern Halle, das erst vor wenigen Jahrzehnten von der Herzogin hier gebrochen war; und Gluck und Friede gingen mit. Zogen an Sommerabenden dann Wanderer und Reiter unten durch den Sand weg, jo hörten sie manches Mal em Zachen ober Rufen von frohen Kinderftimmen über sich; dazu wohl eme tiefe Männerstimme, die beruhigend dazwischen sprach. Sie gegarte dein Ritter Hans Ravenstrupv, der hier feine Abendmuße mit Frau und Kindern teilte- denn der Burggarten, den ausnahmsweise, dieser fürstliche Bau besaß, lag dort hinter starken Mauerzinnen. Die Hugelwand freilich fiel hier steil und kahl hinab; aber hart daran war eine üahsche Pappel, derzeit eine Seltenheit hierzulande, fo hoch hinaufgewachsen, daß fie die Maner wohl um zwanzig Schuh noch überragte. An einem ihrer oberen Zweiglein flatterte jetzt an leichtem Faden ein Kunstschmetterling aus bunten Hahnenfedern, den die ältere Schwester Hellwig angefertigt und den der Baier dort befestigt hatte. Der älteste Knabe stand hmter Würzebeeten an dem Taxusbusche, seine gespannte Armbrust tn der Sage; die Jüngste, die kleine süße Dagmar, hatte die Mutter aus den Arm genommen, damit sie alles sehen könne. Nun fam aufs neu Lufthauch, der den Sommerovgel flattern macyie. „schieß. rief öer Baier, und der Bolzen flog von des Knaben Armbrust; eine tfeber stob aus dem Schmetterling und wurde von dem Winde hoch in die Luft getrogen. Da klatschten alle in die Hände, der Vater und die Mutier auch, und die süße Dagmar schlug ihr Kinderlack-en auf und ließ mchl ab, sich ihre Händchen rot zu patschen. seiner Erde. Ein paar Monde schien dann das Sterben im Schlosse aufzuhalien; da eines Tages trat die Schloßfrau zu ihrem Eheherrn in fein Gemach, gekrümmten Leibes, mit entstelltem Antlitz. „Benedikte!" schrie er. „Ja, Hans, ich muß nun auch von dir!" „Du nicht! Du nicht, Benedikte!" Und er streckte feine Arme nach ihr aus. „Herr Gott, wo bist du? Herr, schütze deine Menschen!" sie berührete, war sie mit ihrer letzten Kraft entflohen. Herzenstrauter! O süße Dagmar!" So rief sie noch von Norden kommende Dunstgespenst sich über sie gebreitet und sank in furchtbarem Schweigen auf die Erde. „Kommt!" sprach der Ritter leise, indem er mit den Seinen zuerst die Treppenstufen hinabstieg. Und alle folgten ihm nach unten zu der kleinen Burgkapelle, deren Torklinke nur noch mit tappender Hand zu finden war. Drinnen aber zogen schwarze Nebelflocken unter der ge. wölbten Decke und verbargen das Antlitz des crucifixus über dem Haupt- altar; und von dem Bilde der Mutter Gottes scholl die zerrissene Stimme der alten Schaffnerin: „O heilige Jungfrau, deine Augen! Wo sind deine Augen?" Alle tagen auf ihren Knien in den Stühlen und beteten stumm und schrien mit gerungenen Händen zu Gott und allen seinen Helfern. Sie hätten es sich sparen können; denn der schwarze Tod war ge. kommen, der die Welt leer fraß, und gegen den nichts hals als sterben. In selbiger Nacht noch blies er den jüngsten Knaben an, und sein Eingeweide brannte, seine Lippen wurden wie Ruß, und am dritte» Tage war statt des schönen Knaben ein schreckhafter blauschwarzer Leich, nam auf dem in Todesqual zerwühlten Bette; dann griff er nach der schönen ältesten Tochter; bann nach den beiden andern Söhnen; unb fie starben alle, alle. Hallen unb Gemächer bufteten Tag für Tag noch frischem Gras unb Tymian, das gegen die böse Pestluft überall gestreut wurde; aber die Mutter Erde unb ihre Kräuter hatten keine Heilkraft mehr; es war, als ob selbst Gott ber Herr bie Macht verloren habe auf Es wurde alles anders. — Einige Jahre später, es mar «n einem Nachmittag des Septembers 1349, da ber Ritter mit seinem «chreiber an ber Arbeit saß, kamen die damals elfjährige Dagmar und ber um em Jahr ältere Bniber Axel mit erschreckten Gesichtern zu ihm hereingefturzt. Etwas unwillig blickte er auf; „Was ist? Was habt ihr Kinder? Sie waren fast außer Atem; aber Dagmar, das schmachnge Ding, war, wie um Furchtbares zu erzählen, mit erhobenen Armen vor ihn ^"^Ra°cht!" rief sie. „Es wird Rächt, Vater!" Unb aus dem schmalen Gesicktlein sahen die schwarzen Augen zu ihm auf. Der Ritter blickte um sich: sie hatte recht, die Sonne war verloschen; bie Wände des Gemaches ftanben öd und lichtlos. . „Ja, Herr," fugte der Schreiber; es fällt wie Asche aus die zurück. Er hatte ihr folgen wollen, aber ein bewußtloser Schrecken halle ihn festgehalten; dann ging er taumelnd nach ihrem Ehegemach; aber es war leer, und seiner Sinne unmächtig, sank er auf das große Bett. Die Schaffnerin, die noch lebte, fand ihn am anderen Tage; aber sie erkannte, daß bas große Sterben ihn nicht ergriffen habe. Währenb fie ihn pflegte, war fein Weib verschwunden, und Dagmar, um die sich niemand kümmerte, das blauschwarze Haar wirr um ihr blaßes Gesichtchen, lief, nach der Mutter weinend, durch Hall' und Gänge. Da wollte eine der Dirnen ein Gewandstück aus einer entlegenen Kammer holen; aber schreiend stürzt« fie zurück, denn auf einem alten, dort stehenden Bette lag ein schwarzer Leichnam, dem die Abendsonne das Gesicht beschien. Da die anderen Dirnen hinzukamen, sahen fie, es sei bie Schloßfrau, die einsam hier gestorben war. Als der Ritter aus seinem Wirrsal aufwachte, war sein Weid nicht mehr im Haufe. Die Kinder lagen drunten auf dem nahen Kirchhof; der aber hatte lang schon keine Erde mehr für neue Tote; seitwärts vom Walde war eine Niederung, dort hatte man mit Pfählen ein Vier«? ausgeschlagen, wohin nun alle gebracht wurden, die der Tod erschlug. Draußen auf dem „Pestacker" war auch de« Ritters Weib vergraben worden; so erzählte man ihm jetzt. Er erwiderte kein Wort auf diese Kunde; aber er erhob sich bald von seiner Bettstatt. Den Gürtel lose um den grauen Leibrock geschlungen, die Otterkappe in die Augen gedrückt, schritt er langsam durch alle Hallen und sich kreuzenden Gänge des ganzen Baues, treppauf und -ab; mitunter riß er eine Tür in ihren schweren Angeln auf, er stand wie hintersinnig auf der Schwelle und blickte in das düstere Gemach; aber die Zellen waren alle leer und totenstill; wo die Aelteste geschlafen hatte, lag in ber Fensterbrüstung noch bas verhungerte Rotkehlchen, bas ber kleine Axel ihr einst gefangen und jubelnd heimgebracht hatte; niemand hatte die Zellen öffnen dürfen, seitdem bie jugendlichen Gestatten als furchtbare Leichen dort herausgehoben waren. Das Leben unb die Arbeit tag danieder, alle Ordnung und Gefchöst war aufgelöst; aber jeden Tag, morgens und wenn die Sonne nkocr- fank, machte ber Ritter feine düsteren Gänge durch die Burg; er rechne« nicht mit sich, weshalb; es war auch Sonstiges nicht für ihn zu tun. Ein paarmal war Dagmar ihm keife nachgefchlichen, aber er fab W rückwärts; auch als fie in Angst und Sehnsucht stärker auftrat, Mchlin nur seine Hände auf dem Rücken sich fester ineinander, und ohne sonmge Bewegung schritt er weiter. Da blieb fie stehen, legte die Finger auf iPr zitternden Lippen und verschluckte ein paar Tränen, di« ihr aus oe Augen fielen; bann kehrte fie nm und suchte bei ber alten Schastnem ihren stillen Unterschlupf. Nur einmal, da bei feinem Vorübergehen bas blasse Gesichtlein W so stumm und flehend angesehen hatte, ging er aus seinem Toten» nicht weiter. Er gedachte plötzlich einer Base feines toten Weibes, M einst in ihrer Jugend am Trüringer Hofe auf kurze Zeit zu den aeww Frauen gezählt worden fei; denn fie verstand zu lesen und zu fchrem'; hatte sogar ben Virgilium studiert; auch Paramentenstickerei und v w Künste hatte fie verstanden. Sie war nun alt und lebte in einer nein- Stabt von einem Rentlein, welches ihr die Sippe gab. Der Ritter ging in fein Gemach; er setzte sich an fernen Sem unb lud bie Base ein, zu Zucht unb Lehre Dagmars in fein J kommen. Unb nicht lange, so war fie mit ihrem kleinen Hausrm gerückt; darunter befanden sich ein Päckchen Pergamentrollen un schriebener Blätter, eine sauber geschnitzte Mutter Gottes und eine » Anzahl von Glasscheiben, für welche man auf ihr Verlangen dos' nur mit dünnen Därmen bespannte Fenster ihrer Kammer zuncy»-^ Seitdem lebte und schlief Dagmar mit ber Base. „Wir wollen » mitsammen haben, Kind!" sagte die Alte, da sie zum erftenmai dem Mädchen in ihren breiten Sessel fetzte. ! (Fortsetzung folgt.) ___—- s 3 ’S rat am fiel ha! bei 0’f< Eck ber am Ehi gro netz Lus unt fan koa Ichti !' m Big! Han' rtu 5 bie ins 8 Wer Prä! 5 iS (I! bau 3