SiehenerKimilienbMer Rümmer 5( Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1928 ___ Dienstag, den |7. April " Frühlingsfrühe. Von Hans Franck. i'tt Himmel hat die Erde überwunden! Heut früh hat sie — befreit von bangem Zagen — die Seenaugen endlich aufgeschlagen. Der Schlaf, der sie zur Starre zwang — entschwunden! Das Lüsteblau trinkt sie in vollen Zügen, das Wälderbraun, das Möwenschwingengleißen und findet an dem Braunen, Blauen, Weißen nach mondelangem Dursten kein Genügen. Nie wird die Erde so von Licht bedrängt wie in der Stunde dieser Frühlingsfrühe. Der Winter, der an ihren Wimpern hängt, selbst er macht heute ihr mit Farben Mühe, daß keine fehlt, muß er im Widersprechen die Sonnenstrahlen regenbogenbunt zerbrechen. Der Knabe. Von Willibald O in a n k o w s k i. Wie immer als letzte bei der Mittagstafel erschien Ellen. Der Vater machte em unbehagliches Gesicht und brummte etwas, als Ellen eintrat Dw aber schwenkte einen Brief und schrie: „Ruth kommt!" Die Mitteilung hatte besänftigend gewirkt. Die Mutter lächelte glücklich: „Also kommt sie nun doch endlich einmal, die Prinzessin?" Der Vater wischte sich die Suppe “us Bart und fragte, um mehrere Tone friedlicher: „Wann komnit sie b‘n**?, Kurt sah von seinem Teller gar nicht auf. Er steckte die Linke in die Ho,entasche und sagte ziemlich laut: „Noch mehr Weiber im Hause!" ?er Baker grinste; die Mutter verwies Kurt das Wort mit der Mildes m öer Mutter dein einzigen Sohn Ungehörigkeiten zu verweisen pflegen: «... und dann bedenke, Kurt, du wirst bald sechzehn Jahre alt, da sangt man an ein junger Herr zu werden." Kurt schien keinen Wert darauf zu legen, bald ein junger Herr zu sein, wenigstens machte er eine dementsprechende Bemerkung. Sie würgte sich wstig aus seiner Kehle, denn er hatte Stimmwechsel. Kurt war seit zwei Monaten Sekundaner. Er war so groß, daß er auch unter den Primanern eine gute Figur gemacht hätte. Das hinderte ihn aber nicht, weiterhin mjefreie Hosen und eine Schifferbluse zu tragen. Kurt bestand zu zwei Etteln aus Beinen. Sie waren starkknochig und sahen von weitem un- muber aus. Das kam aber nur von den zahlreichen Schrammen und mgen, die aus mancher verwegenen Exkursion stammten. Sein Kopf war >Nmal und hager wie der einer Remonte. In diesem Kopf standen zwei groke blaue Augen, aus denen die Enttäuschung über tausend unlösbare ^Nksel des Lebens sprach. In die reine, blasse Stirn fiel eine dicke Strähne ?^"ovrauiien Haars. Zwischen der leicht aufgewippten Nase und dem retten Mund blühte munter eine Kolonie humoristischer Sommersprossen. Mr stark. Niemand wagte recht, mit ihm anzubinden wegen F°"ste, die Walnüsse zerdrücken konnten. Aber er war bei seinen mchulern gut angeschrieben, weil er seine mathematischen Lösungen der "nenkgeltlich zur Verfügung stellte. Manche seiner Klassengcnossen, hi„ « n chm»' den größeren Schulmädeln her waren, verachtete er, denn SttTV11”" in seinen Augen ein gefallsüchtiges, kraftloses ®e- k ,ne Ausnahme davon hatte Milly, die Freundin seiner Schwester li/>.iÄ' gemacht, die junge Pferde im Herrensitz ritt. Als er einst sah, daß !1nh X.Uber 1,35 Meter sprang, verminderte sich sein Respekt merklich, ° '«wem er wußte, daß sie sich von dem Primaner Müller den Hof Machen ließ, grüßte er sie nicht mehr. Wuchtendes Vorbild männlicher Kraft erschien ihm der Fleischer, nir" '»t bev gefürchtete Mittelstürmer des Fußballklubs „Phö- Tonniri .Verehrung hing er an seinem Turnlehrer, der von großen sjg.,„.burrnieren erste Preise heimbrachte, und mit offenem Munde be- bert Reklameplakaten die mukulösen Gestalten internationaler "‘9- und Boxkämpfer er vornübergeneigt; die Hände in den Hosentaschen, trieb KonlornnJl M/^st'g^n Füßen nach Möglichkeit einen Stein oder eine leere er tu. vor sich her. Er schien immer etwas zu kauen, und, wenn Daärgerte, knallte er laut mit dem Mittelfinger gegen den man ihn mav seine Sekundanerwürde? Auf der Straße sah auf hpm ^abe, und er bevorzugte den asphaltierten Fahrdamm, Seit fnrZLmit inen benagelten Stiefeln wie auf Rollschuhen daher kam. Rnblarrär», suchte Kurt auch Zigaretten; doch tat er es nicht wegen des 8 icymacks, sondern weil er das für eine Steigerung seiner Männ- wilder, über den Wiesenplan bis zum Sägi einen der wasserlosen Gräben, kreuzte die Ar lichkeii hielt. Seine kleine Schwester Lieschen unterrichtete er zur Zeit im Sd)n>,tnmen unb begönnerte sie wie ein Vater, mit der sechzehnjährige« Gertrud hatte er ständig Händel und trieb dann die Tobende mit Knie- mtkr Aunb '^ ber 'ältesten, dagegen war er ergeben wie ein Sturt sah Ruth erst am Vormittag des nächsten Tages. Sie kam mit Glien den Parkweg herauf. Sie war zwanzig Jahre alt, etwas größer al« o,iHl»rUnÖ Hl!,9 »»t lnngen Schritten. Ein grünes Crepkleid das Nacken und Arme fretlteß, schloß sich eng um die kraftvoll schmale 'Gestalt 7>a« s^stuprzblaue Haar, bubenhaft gestutzt, saß ihr wie eine Kavuze auf hem *“'■6r ** ■" * » w- °Or' b°6 id) Kurt sage, und Sie sagen einfach Ruth zu zerdrücken? fa9k ÄUrt unb rooIke ^uth gewohnheitsmäßig die Finger Tenlttsplatz!"^9^ 9tu1^' "^igen Sie Ihre Kraft am Nachmittag auf de» .. in - _ rle sind in den Don Quijote und den Bauern Sancho Pansa^ge chn^ schassen die beiden Werken Goyas vereinigt, er verbm -„^niirbe Malerei in dem farbig •*gggteSSÄKS’«H«»"» 6™ •*•"** beeÄSÄ&«e hasten Ausgeburten gclefüna'', des ersten Dramas, eigentümlich von den che^enszenen bv „ «, g Quevedo, ; A -n •Mr*,»,'? ”»ffS* em. -- bis zu den Dramen Calder on > n-in Meister von Sara- Gotik bis zu Ribera und dein G r t co.^n - grandiosester Wirkung gossa, dem „letzten Spanier , ist ram,af;6mus des Jnguisitionsrichters zusammengedrängt: der «musame SmatiEU» -es ^on U.’MÄ'LKN£.» ®«*=«---6"d>Me SÄ® SÄÄ'&'S ÄJn, “'S wa® ä S X5'.£Ä MMtzsOMM MMMMtz-M Vorfahren späterer Zeiten, auch der mistigen, und zugleich wird er dvrck Seine künstlerischen Ausdrucksmittel zum Vater der modernen Kunst., SmSi der die flüchtigsten Eindrücke zu erhaschen weiß, em rücksichtsloser Bekenner seiner Stimmungen, ein uberschaumeudes ^m- perament, das wie im Fieber schasst - so wird er der erste reine 3m pressionist der Kunstgeschichte, der der französischen Malerei, «ft einem Delacroix und Daurnier, dann einem Manet und Renoir die Wege weist und durch seine Graphik auch bei uns seit Klinger das große Vorbild wurde. Goya, der Spanier, der Europäer, ist aber zugleich der geniale moderne Mensch, unter den Künstlern nur mit Rembrandt zu ver- aleichen im Leiden und Ringen, in der ungeheuren Kühnheit und Wahrheit mit der er die Geheimnisse seiner Brust offenbart. Häufiger Hai t man eine Parallele zwischen ihm und Beethoven gezogen, dem em- ; 6ißen Zeitgenossen, der ihm geistesverwandt m der Art des Schassens l .F-w„ W SS ihren Arm, fuhr nut ^n Hande a d «ch Ku, II unb stieß das den Kuabeu mitten auf bin Ännb. „JCiaj • g Fall gekommen Diüdchen fo hart zuruck daß es taumelte und beinahet0 j wäre. Erschrocken »" ö lachte: „Bist du Hände. „ O, o , brachte er mir ) I h e>ände wie zwei Männer. ei"ÄÄe Jg °b«“”6 “WS? LLkL, Ä - ’m* 815 - “M” niele Male Und verbarg ihn dann ,orgjam. fh id> NtzKKr-KNML'L»»«!«. ft««» ™i "’> ”*b” Zimmer. . . . . . f(caelbafter", sagte die Mutter ziemlich «mK"ZS'°?Hto-kto»" "L«Ä". <4 d-m Kn-to» --ch -» lachte. _____________ Der Maler der spanischen Seele. ebenbürtig war anerliche Folgen hast stt^ihnen beiden Eine Aeußerlichkeit, Re ledoch f h , reisen Mannesalter auf gemein - die Taubheit. Auch Goya verlor m $ sich in ihm, der Höhe seines Lonnens 1«nn£aor'inU5nbI eagKun^eimnd)e, ins Ein- wie bei Beethoven, «ne Wandlung ns ^rag-,G - > ins sam-Dämonische; fein Weg geht «nrner teuer @ßt)Q in (einen Unbetretene, Nie-zu-Betretende. • 1 Unbändigen, so zeigen Selbstbildnissen an.. Rembrandt .n oem WilSem uu° spätere Selbstportrals in &C1” J? | ‘ J^ten Besessenheit der Züge das- 5 die" MeAh'ett°ausgetürmh Seine Entwicklung ist >ene«w bes äJä der Heimat muh er wegen schwerer Hano i Don Juan, bis er einen ÄÄT& fesws ess ÄÄ.SÄ&a Ls- -2 jSm-ÄÄ de- Herricher^ rmrd gft «ofmata »«« unter dem blöden Karl IV. 6d;lciQanfaU erließt. M:rr.± m<>rir »nn äuhercr StGinotit Wenn das spätere Leden Goyas mäst meh von ^utze Niedergangs UstLanbe ‘rWrw'’nmr! All Befreiungskampfes, der einer oraupgyen ue erscheinen dlc Ust,"mrsLinde^ fest feinesMsNEjahren imwegmehr^DagNackte Stn <5ei.0.ltil thoHfr« Athnnheil nnte, sondern nur die Wirklichkeit «° Ä-.» 2°x.dV,2 traute Goya E liebstent ber Supferp fatte «ufto thalUn^ kannte. ' de?„MrieZ°s" beginnen unb «ggSÄ«?f K stehen die „Tauromaqma , d,e schonst Bnyerrtlchun^^o e unb bcr Neste ß&Ä grauerwollsteigaller^ modernen sä*$* - menschlichen Schicksals in grauenhaft»! Nacktheit, oertoipern {j Landhaus-Bildern" erreicht die Kunst Oonas unb Spanien Gipfel, wie ihn kein anderes Bolk aufzuweisen ' «onb >'«' Gegensatz zur klassischen Schönheit, der m diesem iMkla,st,-Y|te l seinem nationalsten Künstler ausgedruckt wird. In ein eine Einir Mistrat i Brief unb d-s pp-.B Anstank Wagistrai benibe Ar bunben, in Unb - 1928 motu Solche Meinung, Hingleiten Sorgen u Flitter uni Weit g unb inteni Artisten e yif Reinh seber Stu nöchstleisti tierbompte reiter. Dei Diese lckre Tier Menschenj tonten »recht den Komm lenbe Tig Umber $ diikcheinw Alfred Bein hea Sirtus. 1 unmut, 3 Aus j mungen Slreiflichi bunt, wic Im fi 6taUung< artiger c den aufft ausgefiill lose Eitzl rodenschr ber Salfi mit Kreii photogra Aus Peitsä-en Sberne ompteu strotzend! reudjen ihr Auss Eben Manege, tr atmet »Reib n irren F Sigaretti denn zu der Pisti durch de Bor «Rübe ium Sc seine Ti Kranz f Keffer Und In den . reitet a Wagenr hä.nzen, renb ui stalls ir nicht zi jlefanti Setten. Der Löwent heute!" fort —, Hinten, Kreuz gesprungen. ein anderer die Gruppe übernehmen. „Mein lieber Geld haben und Der Generalreeder. Erzählung von John B r i n ck m a n. (Fortsetzung.) Und dann sitzt man eines Abends in der Kantine. Der Tabaksqualm bindet die Gesellschaft der weißen und farbigen Artisten in eine Einheit; von Tisch zu Tisch fliegt die Unterhaltung: irgendwo spielt einer auf der Mundharmonika ein russisches Volkslied. Plötzlich kommt die Stallwache herein gelaufen, und schnell schweigt der Scherz der Feier- Heuer," schrieb er, „es ist immer hübsch, wenn Leute geneigt sind, anderen mitzuteilen, die unglücklicherweise keins 'haben. Die gesellschaftlichen Zustände werden dadurch nicht nur etwas ausgeglichen, sondern auch gemütlicher. Wollen erstere aber letzteren gegenüber aus solchen, noch dazu unerbetenen Mitteilungen Anwartschaft auf eventuelle Auskehrung herleiten und spicken solche Anwartschaft mit abgestandener Moral, dann sind sie bestens Wucherer und verdienen nicht, bezahll zu werden. Ich habe augenblicklich kein Geld, nehme auch bisher kaum soviel ein, als ich für meine Person brauche, sonst wurde ich Ihnen recht gerne dienen. Sie wollen sich also besserer Zeiten getrosten, und wenn Sie das nicht können, beherzigen Sie den Grundsatz, obschon die Ansichten darüber geteilt sein werden — nie etwas Gutes zu tun, damit Ihnen nichts Böses widerfahre. Ergebenst Schwank." Ich kann wohl sagen, daß mir der Verlust meiner Stellung und meines Kapitals bei Maßfelt arg an die Nieren ging, aber als ich diesen infamen Brief gelesen hatte, da fühlte ich, wie mir die Galle überlies und bis in die äußersten Haarspitzen hinaufstieg. Ich bin aber nie der Mann gewesen, ein Spiel als verloren hinzuwerfen, ehe es ganz zu Ende gespielt ist. Noch am selben Abend nach Schluß des Theaters suchte ich ihn bei Milan! auf. Er mar auch richtig da und saß da zwischen seinen vornehmen Kumpanen und hatte ctne Flasche Cliquot vor sich. Er verfärbte sich etwas, als er mich sah. Ich ging gerade auf ihn zu und sah chn so fest an, daß er die Augen wieder zwei Wagen. Ich lockte die Löwin mit ihrem Namen, rollte eine Trans- porttiste heran, den geöffneten Schieber nach dem Tier gewendet. Ader die Löwin kniff aus, immer unter den Wagen entlang. Ich mit der schweren Kiste nach, den ganzen Gang dreimal herauf und herunter. Schließlich hatte ich sie in einem freien Winkel schachmatt gesetzt, dabei aber die Transportkiste so unglücklich plaziert, daß ich nur dann zum Falldeckel gelangen konnte, wenn ich auf drei Schritte an der Löwin vorbeiging. Ungedeckt! Na, mir war einen Augenblick etwas kribbelig. Aber was wollte ich machen? Ich tat, als sehe ich gar nicht die fauchende gelbe Katze, ging ruhig sprechend an ihr vorbei, zog die Kiste heran, das Tier sprang hinein, und dann habe ich den Deckel herunter geklappt. Es war ganz einfach; nur, wenn sie mich angesprungen hätte, wäre ich in dem schmalen Gang eben verloren gewesen. Während des Sommers spielt der Zirkus im Chapitau, dem großen Zelt aus Segeltuch. Und dann stehen hinten auf umzäumten Platz die Wohnwagen der Artisten, einer neben dem andern, eine fliegende Stadt. Die berühmten unter ihnen haben ihren eigenen Wagen, mit einer Veranda, Blumenbrettern vor den Fenstern und einer aufklappbaren Treppenleiter. Meist liegt ein Schäferhund als Wache vor der Tür; abgeschlossen wird nichts. Die andern Artisten aber, die namenlosen, Hausen in Gruppen zusammen, nach Nationalitäten getrennt, hängemattenartig befinden sich drei Schlasstätten übereinander, und mit jedem Ouadratzentt- meler Raum wird gerechnet. Besonders interessant ist der Wagen der Manegenelowns. Da quiekt ein dressiertes Schwein, kluge Pudelhunde und ein Kanarienvogel sitzen friedlich am Boden, überall liegt Flitterzeug, hängen Kostüme, und aus geöffneten Koffern leuchten groteske Requisiten: ein riesengroßer Handschuh, Feuerwehrhelme aus Pappmachee, eine gigantische Sicherheitsnadel, Trompeten, eine Miniaturleiter und eine kaputte Trommel. Gerade chminkt sich der Clown sein Gesicht weiß; ein anderer kommt, mit Sand verklebt, aus der Manege zurück; zwei Kinder hocken im hintersten Winkel des Wagens verkrochen und üben auf blechernen Saxophonen „Valencia! Draußen auf der Wiese dürfen sie das nicht, sonst schimpfen die Ballett- mädchen, die — neunzig an der Zahl — auf drei Wohnwagen verteilt, eben ihr Mittagsschläfchen halten. Um fünf Uhr morgens beginnt der Stalldienft. Ab 7 Uhr wird in bei Manege geprobt. Jeder Artist hat seine bestimmte Stunde, jeder wacht eifersüchtiq, daß ihm keine Minute weggenommen wird, denn die Proben sind unentbehrlich für alle, Tag für Tag. Meist bleibt der Raubtierkasig über Nacht aufgebaut in der Manege stehen, und daher proben die Doinp- tcurc zuerst. Inzwischen turnen die marokkanischen Parterreakrobaten m allen Gängen, und auch die Japaner finden irgendwo einen Winkel, um Balanceübungen zu unternehmen. Wo immer du am Morgen in einen Zirkus kommst, gib acht! Nie bist du sicher, ob nicht an der nächsten Biegung ein Elefant auf den Vorderbeinen steht oder eine türkische Bauchtänzerin ihre Schlangen auslüftet. UeberaU liegen Seile, Drahtschlingen und Bambusstangen über den Wegen, und mehr als einmal ist mit ein aufsässiger Ziegenbock — ans Ans jahrzehntelanger Vertrautheit mit den reifenden Zirkusunterneh- mungen Europas feien zur Bekräftigung des vorher Gesagten einige Streiflichter gegeben, frohe Ausschnitte und tragische, zusammenhanglos, bunt, wie das Zirkusleben selbst. Im sesten Gebäude führt der Reitergang aus der Manege nach den Stallungen. Seitlich davon sind die Artistengarderoben, meist ein schlauch- artiger enger Korridor, eigentlich nichts weiter als der Hohlraum unter ben aufsteigenden Rängen des Zufchauerrunds. Solch eine Garderobe wird ausgefüllt durch einen langen Tifch an der Wand. Davor steht eine lehnen- laje Sitzbank und gegenüber befinden sich die schmalen, eisernen Garderobenschränke. Es gibt keinen Komfort dort; schirmlose Glühbirnen sind an der Kalkwand sestgemacht, Spiegelscherben lehnen da und Pappschachteln mit Kreide, Puder und Schminke. Hin und wieder steckt eine Postkartenphotographie an der Mauer. Auf dem Tisch aber liegen die Requisiten: Revolver, Eisensrangeil, Peitschen, Ledergamaschen, eine Frackkrawatte, Nasen aus Papier und Sterne Sporen. Da sitzen nun die Männer, Stallmeister, Schulreiter, ompteure und Akrobaten, ziehen die roten Uniformen mit den goldstrotzenden Fangschnüren an, säubern das Beschläge des Zaumzeugs, rauchen ihre Pfeifen, schlafen vielleicht noch fünf Minuten oder prüfen ihr Aussehen mit einem letzten kritischen Blick. Eben kommt der junge Voltigenreiter von seinem Auftritt aus der Manege. Das weihseidene Sporthemd klebt ihm auf Brust und Rücken, v atmet stoßweise und ruft noch unter der Tür dem Pserdeburfchen zu: »Reib mir den Maestoso gut trocken und lockere die Bandage am hin- «ren Fuß!" Dann zieht er sich das Kostüm aus, raucht schnell eine Cigarette und steht eins zwei drei wieder in der Stallmeisteruniform da; benn zu den Pflichten eines jungen Reiters gehört, den ganzen Abend an bet Piste zu stehen: Herrendienst, drei Stunden lang, ununterbrochen nur »urch den eigenen Auftritt. Vor mir fitzt der alte Eisbärendompteur, vor sich eine Holzkiste, in die tt Rübenschnitzel schneidet. Er ist noch in Zivil, feine Nummer kommt erst ium Schluß des Programms. Aber den ganzen Abend arbeitet er für sture Tiere. Sauber wird jede Rübe geschält; schließlich holt er noch einen Aanz Feigen für die jungen Bären; jede einzelne schneidet er mit seinem Messer entzwei, zu sehen, ob sie wurmfrei ist. Und dabei erzählt er, erzählt mir die Geschichte, wie er vor acht Jahren u> den Zirkus kam, morgens gegen neun Uhr, und die Burschen und Be- rener aufgeregt im Gang standen. Eine Löwin war ausgekommen; beim Wagenwäschen war der Wärter unvorsichtig gewesen, die tyaUtüre blieb Wngen, und jetzt spazierte das Tier unter den Käfigwagen herum, knur- n » 11’V1 nervös gereizt. Man hatte die beiden Enden des Raubtier- ualls mit Kisten und Brettern verrammelt, so daß die Löwin wenigstens uuht zu den Pferden hinüber wechseln konnte. Aber schon waren die Äetk^n lltrö®5 geworden, sie trompeteten wild und zerrten an ihren ».Der Bärendompteur, damals schon 25 Jahre im Fach, fragte, wo der t’^^anbificr sei, zu dessen Gruppe der Ausreißer gehörte. „Hat Urlaub wte! Was blieb mir weiter übrig — so fuhr er in feiner Erzählung ich nahm einen Knüppel und turnte über die Barrikaden hinweg, mitten, bei den Leoparden saß das Biest, ganz tief in der Ecke zwischen Hinter dem Jirkusvorhang. Von Paul E i p p e r. , , . einem alten Konduitenbuch der Artistenfamilie Bronett las ich .in? Eintragung aus dem Jahre 1821, woselbst der hochwohllöbliche fflwiftrai der Freien und Hansastadt Lübeck dem Kunstreiter Goldkette mit «rief unb Siegel bestätigt, „daß er sich hierorts anständig aufgeführt und L np Publikum durch seine Künste erfreuet habe". Anständig aufgeführt! — Dies dem Kunstreiter zu bestätigen, hielt der ffiaaiftrat für angebracht; galten doch Seiltänzer, Zirkusleute und wan- hmibe Artisten als Menschen zweiter Klasse, als Zigeuner und Vagabunden, im Jahre 1821. Und — wir wollen ehrlich sein — rümpft nicht auch noch im Jahre M mancher Bürger die Rase, wenn er von Zirkusleuten hört? Solche Ansicht zeugt vom gleichen Unverständnis des Urteilers wie jene Meinung, daß das Zirkusleben ein romantisch ungebundenes spielerisches fiinaleiten sei, von einem Tag zum andern, heute hier, morgen dort, ohne Sorgen und ohne Pflichten. Ein bißchen Musik, ein paar Kunststücke, filitter und Tand. Weit gefehlt! Kaum nirgendwo herrscht größere Disziplin, wird mehr und intensiver gearbeitet als beim Zirkus. Wie auch alle wahrhaftigen Kräften ernste, in sich gekehrte Menschen sind, von Zunftsstolz erfüllt, aif Reinheit der Familie und der Stammesfolge bedacht. Sie wissen zu leier Stunde des Tages, daß in den zehn Minuten des Auftritts die Höchstleistung gegeben werden muh an Kraft, Mut und Geist, vom Raub- tierbompteur ebenso wie vom Trapezturner, vom Clown und vom Herrenreiter Denn neben jedem Auftritt steht unsichtbar irgendwo der Tod. Diese Sachlichkeit interessiert uns am Zirkusmenschen. Hinzu kommt seine Tierverbundenheit und schließlich die großartige Einstellung dieser Wenschengmppe zur Umwelt. Sie stören keine Grenzen, weder Zollschranken noch Sprachenwechsel; und auch der letzte Pferdebursche rade- diecht den Wortschatz des täglichen Lebens in vielen Völkerzungen. Kommt noch hinzu die Vielfalt edler Tiere: buntscheckige Pferde, brüllende Tiger, possierliche Bären, riesenhafte Elefanten und — unter schmetternder Blechmusik — der Zauber der vielgestuften, immer wechselnden, durcheinander wirbelnden Vorstellungen. Aisred Polgar, einer der feinsinnigsten Köpfe heutiger Literatur, schloß Beinen großen kunstkritischen Aussatz: wenn Sie schwanken, ob sie ins Heater oder ins Akademische Theater gehen sollen, gehen Sie m den Müs. Da haben Sie Natur und den sieghaften Menschen, Kraft und Anmut, Witz und Tapferkeit. Und Kunst, die von können kommt. stunde. t , ... , Vor etwa 20 Minuten hatte der Elefantendompteur noch mitten unter uns gesessen; dann war er hinten nach dem Stall gegangen um zu sehen, ob sich seine Tiere hingelegt haben. Bei der Ronde hat ihn nun die Wache gefunden — tot. Vielleicht war der große Bulle erschrocken, man kann es nur vermuten. Elefanten sind unberechenbar. Er wird zugepackt haben, schon ist der Menschenkörper mit dem Rüssel hochgeschleudert, dann laßt ihn der Elefant fallen und kniet sich darauf. Morgen muß ein anderer die Gruppe übernehmen. ko dicht zusammenkniff, daß »an bei» Weiße» keine Spur zu sehen war. „Hast du diesen Bries geschrieben, Gustav?" sagte ich und hielt ihm sein schuftiges Billett hin. Er nahm es, bejah’ es und gab es mir bann kaltblütig zurück. „Du hast es also geschrieben, Gustav? Und das Schlußwort ist auch von dir? Tue niemand Gutes, damit dir nichts Böses widerfahre?" Er legte sich in den Stuhl hintenüber und strich sich gelogen seinen Schnurrbart, wagte aber nicht mich anzusehen. „Der Grundsatz ist also auch von dir ?!", rief ich. Er rührte sich nicht, er hotte kein Widerwort, aber seine weiße Stirn unter dem schwarzen, krausen Haar wurde rot wie ein Ziegelstein. „Nun, bann will ich dir nur sagen, daß du ein infamer Lausebengel bist. Ich nehme hier bie Herren zu Zeugen, daß ich bir bas unter deine schuftige Nase gesagt habe und daß du bas hast hinnehmeii müssen, ohne etwas bamiber zu haben. Und mir soll es recht sein, Ka- iioille, wenn der Bettelvogt dich einmal aus einer Schiebkarre wegsöhrt und in der Kirchhofsecke wie einen toten Hund einscharrt." Damit ging ich. Die Gesellschaft, die dort saß, sah mich verdutzt an. In der Tür sah ich mich noch einmal nach Schwank um. Der hatte sich nun nach einem der Leutnants hingebeugt, und ich konnte deutlich sehen, wie er lachte und mit seinem Finger ein Kreuz über seine Stirne machte, als wenn er ihm andeuten wollte, daß ich nicht recht richtig unter meinem Dache fei. Erst als ich draußen war, fiel mir ein, daß ich in meiner kockeiiben Wut Plattdeutsch statt Schwedisch zu Schwank gesprochen hatte, und daß somit wohl keiner von seinen Kumpanen mich verstanden hatte, wie meine Absicht gewesen war. Na, schadet nicht, dachte ich. Schwank hat es wenigstens verstanden. Ich schkies die Nacht zum ersten Male sehr schön, nachdem ich mich so ausgesprochen hotte. Die Galle ging ganz in der natürlichen Richtung, die sie gehen konnte, von mir ab, denn ich Hobe heute und diesen Tag noch einen gesunden Magen. Mein Kopf war wieder klar. Dos ist ein schlechter Baum, der aus den ersten Schlag fällt, dachte ich, faßte Lotting an den Kopf und gab ihr einen Kuh wie Heinrich vorhin seiner Emilie. „Ich will dir etwas sagen," sagte ich zu ihr, „wir gehen nun noch Rostock. Die Schiffahrt ist wieder frei, ich werde dort Setzschiffer"), und wenn das nicht geht, fahre ich wieder als Steuermann. Hungern sollst du nicht, Lotting, so lange ich Knochen im Leibe habe, und wenn ich Holz hauen muß." Nun, ein paar Kläpperschulden hatten wir, daß war ober nicht von Bedeutung. Lotting hatte noch fünfzig Taler von dem Geld übrig, das ich ihr zurückließ, als ich nach Cadix und Barcelona ging. Ich muhte zwar ? noch eine schöne, goldene Repetieruhr, die ich in Havanna bei der Ver- steigerung der Sachen eines Engländers gekauft hatte, der dort am Gelben Fieber gestorben war, und die unter Brüdern fünfundzwanzig Pfund wert war, für fünfzehn Pfund unter der Hand losschlagen, aber das half nichts. So mochten wir uns denn reisefertig, Lotting, der Junge und ich. Eine pofsende Gelegenheit fand sich in Helfingör, und nach drei Tagen liefen wir in den Hofen von Warnemünde ein. Meine Schwester Stining stand gerade in der Tür, als wir die Wokrenier Straße hinaufkamen, und schrie: „Herr Jesus, Gottes Sohn, bas ist ja wohl unser Martin?" Und meine Schwester Mining — eure beiden Tanten, Gott habe sie beide selig — hatte bas in der Küche gehört, wo sie gerade Pfannkuchen buk, unb hatte sich so erschrocken, daß sie den Pfannkuchen, den sie gerade wenden wollte, ins Feuer warf. Sie freuten sich aber wie kleine Kinder, als sie mich gesund nach so vielen Jahren wiedersahen, und hatten soviel zu erzählen und besahen sich Lotting von unten bis oben und kniffen dich so freundlich in die Backen, daß du wieder einmal wie ein kleiner Hund winseln mußtest. Mein alter Vater aber konnte nichts sagen, er lallte nur noch unverständlich, denn den alten Mann hatte der Schlag schon vor Jahr und Tag lahmgelegt; aber mit den Augen sprach er so verständlich, wie der Pastor auf der Kanzel. Mit dem Kopse nickte er immerzu und mit feiner gesunden Hand streichelte er Lotting in einem fort über die Backen und das Flachshaar, und als ich dich ihm nach dem Sofa heraufreichte, liefen ihm die hellen Tränen über die Backen, und Lotting küßte sie ihn, ab. Na, nach nicht ganz vierzehn Tagen war der alte Herr sanft und selig eingeschlafen. Wir begruben ihn und betrauerten ihn, mußten uns aber doch sagen, daß der liebe Herrgott gnädig gegen ihn gewesen war, denn er war sich schon selbst zur Last. Stining und Mining weinten viel, aber sie faßten sich hernach, und dazu trugen Lotting unb du, Hans, nicht wenig bei. Der Alte hatte nicht viel hinterlassen, als aber alles zusammenkam, waren es doch für jeden von uns dreien achtzehnhunderi Taler. Und da sprach ich denn mit Schiffsbaumeister Ramm, unb der „Agamemnon" wurde auf den Stapel gelegt. Meine Schwestern gaben mir ihr bißchen unaufgefordert her, Diekmann unb Cornelsen waren meine Korrespondentreeder. Die Brigg wurde auf vierzehntaufend Taler veranschlagt und perakkordiert, fix und fertig, und sollte neunzig Kommerzlast tragen. Das war damals ein großes Fahrzeug. Obwohl das Geld nach den Kriegs- zahren sehr knapp war, brachte ich die Parten^) doch richtig alle an den Mann, nur die letzten vier Vierundsechzigstel, mit denen blieb ich hängen. Na, das war fatal. Denn wenn ein Schiss klar- werden soll, so sind es die Reeder, die es klar machen können. Nun war damals ein Agent in der Stabt, der auch mein Schulkumpan bei Rolle mit Schwank zusammen gewesen war, und den wir Jungen „Möpper" genannt hatten, unb den ich auch Agent Möpper nennen will. Der rief mich vor Gastwirt Kälerts Tür an, wo nun die „Sonne" steht. „Hör einmal, lieber Martin, ich höre, daß du dir eine Brigg banst und noch einige Parten nicht untergebracht hast; du tust mir den Gefallen und überläßt die mir. Wie viel sind es doch?" „Vier, Möpper", sagte ich. „Ach, nicht mehr? Und die kosten?" ^Zweihundert Taler das Part", sagte ich. „Nicht mehr? Ach, das ist ja tune Bagatelle. Macht mir ’ne wahre Freude, dir dienen zu können; hätte früher gewußt, hätte mehr gezeichnet." Wer mar froher als J Möpper zeichnete und es ging los. Ich fetzte einen mächtigen Treibt dahinter. Als aber das erste Quartal eingezahlt werden sollte, roer u nicht bezahlte, war mein lieber Agent Möpper. Als ich wegen des des bei ihm vor sprach, sagte er: „Ach, mein Junge, bas macht niM Ich bin zur Zeit stark liiert mit Hamburg, das macht aber nie, Nnd ich j .Eine tolieben «ch hin, fed Hngel e «lüget h