SiehenerKnmlienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1928 Dienstag, -en 17. Januar Nummer S An I. C. Kestner. Von I. W. von Goethe*. Wenn dem Papa sein Pfeifchen schmeckt, Der Doktor Hofrat Grillen heckt Und sie Karlinchen für Liebe verkauft, Die Lotte herüber, hinüber lauft, Lenchen treuherzig und wohlgemut In die Welt hineinlugen tut, Mit dreckigen Händen und Honigschnitten, Mit Löchern im Kopf, nach deutschen Sitten, Die Buben jauchzen mit hellem Häuf Tür ein, Tür aus, Hof ab, Hof auf. Und Ihr mit den blauen Aeugelein Gucket so ganz gelassen darein, ° Als wäret Ihr Männlein von Porzellan, Seid innerlich doch ein wackrer Mann, Treuer Liebhaber und warmer Freunde So laßt des Reichs und Christen Feind Und Rust' und Preuß' und Belial Sich teilen in den Erdenball, Und nur das liebe „teutsche Haus" Nehmt von der großen Teilung aus! Und daß der Weg von hier zu Euch, Wie Jakobs Leiter sei sicher und gleich, Und unser Magen verdau' gesund, So segnen wir Euch mit Herz und Mund. Gott allein die Ehr', Mir mein Weib allein! So kann ich und Er Wohl zufrieden sein. Werthers Lotte. Zu Charlotte Buffs 100. Todestag. Von Dr. Hedwig Fisch man n. Ein Sommertraum voll schmerzvoll heißen Glückes und süß-seliger Leidesqualen, an dessen frühem Ende der Erwachende wie der Märchen- Held eine köstlich strahlende Gabe als Unterpfand aus jenem Traumland in seiner Hand findet — so rauschten jene wundersamen Wetzlarer Wochen von 1772 an dem jungen Goethe vorüber, denen die tränenschwere Blüte des „Wertster" entkeimte. In seinem Mittelpunkt aber, dort, wo die schimmernden Strahlen des Lichtes zu einem verklärenden Schein zusammenfließen, stand, unversengt von den sie umlodernen Flammen- gluten, ruhig und selbstsicher die anmutsvoll« Gestalt Lottes. In dreifacher Spiegelung ist uns das liebliche Bild Charlotte Buffs, vor Gvethes Auge auf gegangen, überkommen: in der unmittelbaren, naturnahen Weife, 'm der sie uns in seinen Briefen an Kestner entgegentritt; in der an dem Medium künstlerischen Willens gebrochenen, mit einer anderen Frauengestalt einsgewordenen Rach- und Umbildung des „Wertster" und in der verhüllenden, distanzierenden Art, mit der der alte Goethe in „Wahrheit und Dichtung" seines lange ausgeträumten Jugendtraumes gedachte. Aber wie verschieden auch der Gesichtswinkel ist, unter dem diese Bilder erschaut sind, so wächst aus ihnen allen die Gestalt eines lebenstüchtigen, seiner Umgebung wohltätigen Menschenkindes empor, das aus sich selbst in untrüglich sicherem Gefühl des Rechten die Gesetze seines Handels empfing. Es ist ein seltsames Spiel des Schicksals, daß Lotte, die Lebensfrohe, Unkomplizierte, zur Heldin des gefühlseligsten Romans wurde, daß die Tränenströme, die dem viel- beweinten Schatten Werthers flössen, auch ihr geweiht waren. Friedvoll und im arbeiterfüllten Gleichmaß waren Lottes Kinder- und Mädchenjastre im trauten „Deutschen Hause" der alten Reichsstadt an der Lohn dahingeglitten, bis das leuchtende Gestirn des jungen Goethe ihre stille Bahn kreuzte. Im kinderreichen Elternhaus teilte sie, die Zwstt- älteste, überall rasch und energisch Zugreifende, früh,zeitig mit der Mutter die Pflichten in dem von Jahr zu Jahr sich vergrößernden Geschwister- kreis, stets mehr eins Sorgende als selbst ein umsorgtes Kind, wenn- M-tch auch ihr die reiche Liebesfülle dieser die Seel« ihrer Kinder ohne Strenge bildenden Mutter galt. Auf Lotte ging, nach ihrem frühen Hrnicheiden, stillschweigend, wie mit Naturnotwendigkei, die Herrschaft m dein verwaisten Hause über. Sie ivard die zuverlässige Stütze ihres Baters, des wackeren, tatkräftigen Deutschordens-Amtmannes Heinrich Diese Verse bilden den Schluß eines launig-heiteren Briefes von Goethe an Kestner, den Verlobten der Charlotte'Buff; Karlinchen und Lenchen find Lottes «Schwestern; mit „Doktor Hofrat" ist der Kammergerichtsprokurator Dietz gemeint, der sich um Karoline Buff bewarb; das „teutsche Haus" ist Lottes Elternhaus in Wetzlar. Buff, defsen liebevoll gezeichnetes Bild im „Wertster" fortlebt. Wie voll Lotte in ihren Pflichenkreis hineinwuchs, dafür zeugen die Worte eines ebenso gerechten wie liebevollen Beurteilers, ihres Bräutigams >inb späteren Gatten, Johann Christian Kestner: '„An sie wandte sich alles, auf ihr Wort geschah alles, und jedes folgte ihrer Anordnung, ja, ihrem Wink... Sie ist die Stütze der Familie, die Liebe, die Achtung derer, die dazu gehören, und das Augenmerk derer, welche dahin kommen." Es war ein gar anmutiges Bild, die Achtzehnjährige, die wilde Horde der elf Geschwister mit sicherer Hand zügeln und umsorgen, ihnen wie in der dem Leben abgelauschteii bekannten Szene des Romans ihr Brot mit liebevollem Wort zuteilen zu festen, alle, mit einer Ausnahme, gleich ihr blond und blauäugig, — die schwarzen Augen der Lotte Werthers stammen von Maximtkane Brentano, — eines hübscher als das andere. In diesen Kreis trat im Frühjahr 1772 der junge Goethe, „em sehr merkwürdiger Mensch", nach den Worten Kestners, um sich nach seines Vaters Absicht am Reichskammergericht „in Praxi umzusehen, der seimgen nach aber, den Homer, Pindar usw. zu studieren und was sein Genie, seine Denkungsart und fein Herz ihm weiter für Beschäftigungen eingeben würden." Das Herz, noch die unvernarbte Wunde tragend, die ihm das schmerzvolle Sichlosreißen von Friederike*) geschlagen, gehätschelt wie ein krankes Kind im sentimentalen Kreis der Darmstädter Freundinnen, schrieb ihm als mächtigster Beherrscher die Wegrichtung vor, verstrickte ihn unversehens in neue Bande. Lottes frische, unverbildete, bei angeborenem Mutterwitz und teilnahmsvollem Interesse für das Geisttge von Buchweisheit gänzlich unbeschwerte Natur — schrieb sie doch noch in späten Jahren den Namen ihres Freundes, ihrer heimischen Mundan entsprechend, beharrlich „Göde" — mußte auf ihn nach der übersteigerten gefühls- und tränenseligen Atmosphäre der „Gemeinschaft der Heiligen" wie ein erquickender Quell wirken. Bei einem ländlichen Feste, ähnlich dem im „Wertster" geschilderten, trat ihm zu erstenmal das Mädchen entgegen, das die Seele jener „echt deutschen Idylle" wurde, zu der ,das fruchtbare Land die Prosa und eine rein« Neigung die Poesie hergab. Tage, deren jeder zmn Festtag wurden, reihten sich beglückend aneinander, durchrauscht von dem Wogen reifenden Kornes, vom Lied der Lerchen und Wachtelschlag, erfüllt vom Jubel der K-inderschar des „Deutschen Hauses", der sich Goethe als treuer Spielkamerad zugesellte. Lottes Gefährte auf ihren Wanderungen durch das liebliche Lahntal zu Werthers Lieblingsstätten wie bei den häuslichen Arbeiten, beim Obst- pflücken hoch im Gezweig der Bäume oder abends in trauter Gemeinschaft zu Dreien beim Böhnenputzen, — so glitten die seligen Tage aus einem lieblichen Heute in ein erinnerungsreiches Gestern. War es das Blatt des gemeinsamen Ahnherrn, das, Lotte und Goethe unbewußt, in beider Adern pulste, das sie in dunklem Zwange aneinanderband? Jenes lange vergessenen Bürgermeisters Kornmann des hessischen Lan-d- städtchens Kirchhain, von dem Goethes Großmutter Textor wie die Mutter -des Amtmannes Buff ihre Abstammung herleiteten? Seltsame Wogen des Menschenschicksals, ausemandertreibend durch Jahrhunderte, um dann auf einmal zusammenzu-schlagen in wildem Wirbel -der Leidenschaft! Doch als die reife Kornsaat gefallen war, als die ersten müden Matter sanken, war -der Sominertraum von Wetzlar zu Ende, muht zu Ende sein, um nicht zu dem leidvollen Ausgang des „Wertster" zu f-ührett. Heimlich und qualendurchwühlt, aber nicht schuldlos-schuldig wie von Sosenheim, riß sich Goethe los von der glück- und schmerzgeweihteir Stätte. Doch auch räumlich geschieden, umkreisen seine Gedanken stündlich das geliebte Mädchen, aus bereit reinem Lichtkreis er sich selbst verbannt hatte. Leidenschaftlich hingewühlte Briefe flattern nach Wetzlar, von heißer Zwiesprache kündend, die er mit ihrem Schattenriß in einsaiqer Stube hält, von Träumen, in denen ihm die Entschwundene erscheint. Und auch als Lotte Kestner als Gattin nach Hannover folgt, bleibt Goethe in ununterbrochenem Briefwechsel mit den Freunden, der sich stets um den „Engel" dreht, und verbindet sich ihnen neu als Pate ihres ersten Sohnes. Selbst di« tiefe Verstimmung, die sich des Kestnerschen Ehepaares nach dein Erscheinen des „Werther" bemächtigt statte, vermochte das schöne Verhältnis dieser drei durch tiefste Seelenkümpfe unlösbar verbundenen Menschen nicht dauernd zu trüben. Und wenn sich auch in Weimar, in der lebendigen Gegenwart jener anderen Lotte, bi-e zu tiefst in sein Leben eingegriffen, weich verhüllend« Schleier der Entrücktheit über -das Bild der Wetzlarer Lotte senkten, fo blieb Goethe doch zeitlebens in warmer, rat- und hilfsbereiter Anteilnahme dem Kestnerschen Haufe zu gewandt. Ms Charlotte Kestner mehr als ein Menschenalter nach jenen Wetzlarer Sommertagen noch einmal — nicht ohne schmerzvolle Enttäuschung — den Freund ihrer Jugend wiedersah, da konnte sie dem Mann auf des Lebens höchster Höhe erhobenen Hauptes gegen-ü-bertreten — auch *) Friederike Brion in -Sesenheim. x/ sie rückblickend auf ein reiches, voll erfülltes Menschendasein. Das Leben hatte ihr, sie hatte dem Leben gehalten, was sie einander versprochen: als eine tapfere, nimmer müde Lebensgefährtin mar sie an der Seit« ihres Mannes dahingeschritten, sorgend und schaffend, wie einst im „Deutschen Hause", für die eigene zahlreiche, sie abgöttisch verehrende Kinderschar. In schweren Tagen nach dem Tode des Gatten, in der drückenden Not der Franzosenherrschaft in Hannover hat sie allzeit ihre unermüdliche Tatkraft, ihre wahre Menschenliebe bewährt. Bis an die Schwelle des Todes, die die 75jährige am 16. Januar 1828 überschritt, blieb ihr der heitere Frohsinn getreu, der auch in dem ergreifenden Altersbildnis leise widerklingt, -dem Wilde nbruch die schönen, den tiefsten Sinn dieses köstlich reichen Menschendaseins zusammen fassenden Verse geweiht hat: „Gran ist das Haar, verwelkt ist das Gesicht, An welchem Liebe sehnend einst gehangen, Doch zitternd wie ein süßes Abendlicht Spielt Lächeln noch um Augen, Mund und Wangen. Stört nicht dies Lächeln, steht in Ehrfurcht, schweigt, Sie träumt von einer wunderbaren Stunde, Da sich ein Gott im Kuß zu ihr geneigt Und sie unsterblich ward an seinem Munde." Das Lottehaus zu Wetzlar. Von Prof. Dr. Heinrich Glo «l. Charlotte Kestner geb. Buff, deren Todestag sich am 16. Januar d. I. zum 109. Male jährt, gehört zu den Lieblingsgestalten des deutschen Volkes, dem sie als Urbild der Lotte in Goe thes Werther und als Muster einer deutschen Frau teuer ist. Ihr zu Ehren trügt das städtische Lyzeum zu Wetzlar jetzt den Namen Lotteschule. Ein bleibendes Denkmal für sie ist aber namentlich das Lottehaus zu Wetzlar. Im Hintergrund des am Ende des 13. Jahrhunderts angelegten, noch jetzt von einer mittelalterlichen Ringmauer umgebenen Deutschordenshofes steht das massive Hauptgebäude, das zu Lottes Zeit an den Hofrat Brandt vermietet war, auf der rechten Seite eine Zehntscheune und die Ruine der Elifabethkapelle, links hinten ein spätgotischer Speicher und vorn das langgestreckte, einfache Fachwerkhaus, in dem der Deutfch- ordensamtmann Buff wohnte, und in dem Charlotte Buff am 11. Januar 1753 geboren wurde und ihre glückliche Jugend verlebte. Nachdem 1863 zuerst ein Zimmer des Hauses durch mehrere Wetzlarer Bürger wieder mit den alten Möbeln ausaestattet und als Lottezimmer eingerichtet war, wurde im Jahre 1922 zur Feier des 150. Jubiläums von Goethes Aufenthalt in Wetzlar das ganze Haris der Erinnerung an Lotte, an ihre Familie und an den jungen Goethe geweiht und durch die Stadt Wetzlar stilgemäß und geschmackvoll wiederhergestellt. In diesem Hause hatte Lotte seit 1771 in der Führung des großen Haushalts die früh verstorbene, innig geliebte Mutter zu ersetzen, von der sie nicht nur die Anmut, sondern auch den praktischen Sinn geerbt hatte. Alle Räume sind jetzt den Besuchern geöffnet, mehrere davon waren früher natürlich Schlafzimmer der großen Familie, die im Goethejahre 1772, abgesehen von dem Gesinde, aus dem alten Vater, 7 Söhnen und 5 Töchtern bestand. Aus dem Flur treten wir links in das Wohnzimmer der Familie, in dem dem jungen Goethe „das reizendste Schauspiel in die Augen fiel, das er je gesehen", nämlich Lotte, die ihren Geschwistern das Brot schnitt und liebevoll austeilte. Diese im Werther so wunderschön geschilderte und für Lottes ganzes Leben symbolische Szene ist von vielen Malern wieder- gegeben; entzückend ist besonders W. Kaulbachs hier in farbiger Ausführung an der Wand hängendes Bild. Dieses und die beiden dahinter liegenden Zimmer enthalten Rokokomöbel, wie Tisch mit Damenbrett, Schreibtisch, Polsterstühle, ferner Porträts von Lotte und einigen ihrer Freundinnen, von Goethe und seinen Iugendbekannten wie dem Gießener Professor Höpfner, Merck, Lenz, Klinger, Gotter und von Breidenbach. An der Wand sehen wir Wetzlarer Ansichten, besonders von (Beißel und von Stuhl, in Schaukästen Gebrauchsgegenstände der Familie Buff, wie Bratenbesteck, Schere, Brille, Lorgnon, Spindeluhr, Serviettenringe, gestickte Geldbörsen, sowie Stammbuchblätter von Lotte, Joh. Christian Kestner, mit dem sie sich 1773 vermählte, und einigen Söhnen des Paares aus dem Jahre 1799. Rechts vom Flur liegt die Küche mit geschwärztem Kamin, alter Wanduhr, geschnitzter Truhe, festem Bauerntisch, einigem Zinn- und Messing- gerüt, dahinter ein Wirtschafts- oder Gesindezimmer mit Schränken, eisen- beschlagenem Koffer und Spinnrädern. Das im ersten Stock gelegene große Staats- und Gesellschaftszimmer versetzt uns besonders In die Zeit, wo Lotte hier frohsinnig ihre Märsche spielte, und wo der gesetzte Verlobte Kestner und der feurige Verehrer Goethe u. a. hier ein- und ausgingen. Es sieht ungefähr so aus wie damals. Die Wände tragen noch die alten Tapeten mit Urnen und den verschnörkelten Gestalten der Venus, der Diana und anderer Göttinnen. Die schönen Rokokomöbel, so zwei Tische mit eingelegter Arbeit, ein Sofa, die Polster- und Rohrstühle mit hoher Rückenlehne, der große Spiegel mit Konsole, zwei niedliche kleine Wandspiegel, das Spinett und der eiserne Ofen stammen aus dem Besitze der Familie Buff. Üeber dem Sofa hängen zwei Porträts, ein vorzügliches in Oel des Amtmanns und ein nicht gerade gut gelungenes Pastellbild Lottes, gegenüber zwei Schattenrisse von Goethe und Lotte und ein Goethebildnis, Kupferstich von Schmoll. Das Nebenzimmer bietet zwei eigenhändige Briefe Goethes an seinen jungen Freund Hans Buff von 1773 und 1775. Briefe Losies, Kestners, des Amtsmanns, Hans Buffs, ein Zeichenheft Lottes mit Vorlagen zu Stickereien, Albumblätter von Lottes Geschwistern, Kusinen und Vettern, das Stammbuch Hans Buffs, zwei Originalfilhouetten Lottes sowie die von Kestner, ihren Geschwistern Hans, Wilhelm, Friedrich, Helene, Sophie, drei Kusinen und der Frau Amtmann Buff. An der Wand Wiedergaben des bekannten Schröderschen Pastellbildes der Lotte vom Jahre 1782 und mehrere Gipsmedaillons mit Goethes Porträt. In einem Glas- fchrank, auf dem eine Klauersche Goethebüste steht, prangt ein herrlich bemaltes Porzellan-Kaffeeserviee, das sich aus dem Besitz von Lottes Bruder Fritz, der am Anfang des 19. Jahrhunderts als pensionierter niederländischer Major in Wetzlar lebte, wieder in Wetzlar eingefunden hat; er schenkte es einst seiner Tochter Sophie zur Hochzeit mit dem Ritter- gutsbesitzer Karl von Heyden. Ein drittes und viertes Zimmer in diesem Stockwerk sind die eigentlichen Wertherzimmer. Hier liegen unter Glas die wichtigsten deutschen Wertherausgaben von der ersten Weyaandschen des Jahres 1774 bis zur Gegenwart, sowie Uebersetzungen des Werther in französischer, englischer, holländischer, schwedischer, dänischer, spanischer, sogar hebräischer (in Jaffa in Palästina gedruckt) und japanischer Sprache (diese kürzlich von einem japanischen Professor geschenkt). Manche Ausgaben sind illustriert, besonders von Chodowiecki. Durch jahrelanges, eifriges Sammeln ist es gelungen, die umfangreiche zum Teil sehr seltene, freilich nicht immer sehr wertvolle Wertherliteratur in den vielen Schaukästen dieser beiden Zimmer annähernd vollständig zu vereinigen. Alle vorhandenen Schätze können nicht ausgelegt werden; aus dem Ausgelegten hebe ich hier einiges hervor. Von den vielen Nachahmungen und Seitenstücken des Werther haben eigenen poetischen Wert fast mir A. S. von Goue, „Masuren oder der junge Werther, ein Trauerspiel aus den Jllyriffen", 1775, Lenz, „Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden", 1776, Martin Miller, „Siegwart, eine Klostergeschichte, 1776, und Ugo Fos- colo, „Ultime lettere di Jacopo Orsis", 1791. Aus der Flut der Werther-Romane nenne ich nur Stockmann, „Die Leiden der jungen Wertherin", 1775, E. A. A. v o n G ö ch h a u f e n, „Das Wertherfieber", ein unvollendetes Familienstück 1776, La köret de Hohen- elbe on Albert de Weltzlar (so!), traduit de L’Anglais, 1807. Ernste Dramen sind z. B. die Wertheriaden: „Werther", bürgerliches Trauerspiel in Prosa und drei Akten, 1778, und M a s s e n e t s Oper (drame lyrique) „Werther", 1886, Lustspiele: „Albert und Lotte oder Die Tugend bei der größten Armut", 1777, „Werther ober Die Verirrungen eines empfindsamen HMe"2", Vaudeville-Posse von Duval, Berlin 1826. Zu der Parodie „Die Fkeuden des jungen Werthers" von Fr. Nicolai, über die sich der junge Goethe so ärgerte, kommt das Machwerk „Und er erschoß sich nicht", 1778. Neben den empfindsamen, zum Teil schwülstigen Werthergedichten sieht man Bretschneiders „Entsetzliche Mordgeschichte von dem jungen Werther" in Bänkelsängerversen, 1776. Welche seltsamen Blüten die Wertherbegeisterung trieb, und wie der Roman zu Volksbelustigungen verwertet wurde, zeigen Werther als „pantomimisch Original Tragischer Ballett" vom Ballettmeister Schmal- ö g g e r in Preßburg, 1777, und „Werthers Zusammenkunft mit Loitchen im Elysium" als Feuerwerk von M e l l i n a, Wien 1809, bearbeitet. In einem anderen Kasten liegen die ersten, zum Teil ganz begeisterten Rezensionen des „Werther", z.B. von Claudius, Garve, Wieland, H e i n f e. Der geschichtliche Stoff wurde verglichen in von Treiben • b ad) s „Berichtigung der Geschichte Werthers", 1775. Ganz verurteilt würbe ber Werther z. B. burch ben Hamburger Hauptpastor Göze, 1775 unb durch die Schrift von Sch l e t t w e i n „Des jungen Werthers Zuruf aus ber Ewigkeit an die noch lebenden Menschen". Ein moralisierendes Buch im Anschluß an den Werther ist z. B. auch das „über den Selbstmord" von Pfarrer Lehs, 1786. Alles zeugt von der ungeheuren Wir- kung des Romans, in dem Goethe mit unnachahmlicher Kunst darstellte, was er in der Reichskammergerichtsstadt unb besonders im deutschen Hause erlebte, empfand und litt. . Es fehlen dicht die neueren Bücher über Goethes Wetzlarer Zeit unb über Lotte sowie feuilletonissische Aufsätze über bie Wertherstabt aus ber „Gartenlaube", ber „Leipziger Illustrierten Zeitung", „Der Jugenb' und anderen Zeitschriften. Erfreut werben mir. namentlich burch die an den Wänden hängenden Stiche nach Chodowiecki, Angelika Kaufs- mann, Daniel Berger, F. H. Ramberg, Bartolozzi unb Toni Johanna t. Immer mieber kehren darin in verschiedener Fassung die Gegenstände: Lotte schneidet das Brot, Lotte am Klavier, Lotte und Albert bei dem greifen Landpfarrer, Werther kniet vor Lotte, Lotte gibt dem Boten Werthers die Pistolen Alberts, Lotte an Werthers Grabe. Ein Phantasiestück wie alle diese Bilder ist aud) her getonte Stich Whites, „Lotte mit Muff", nach B u n b u r y. Aber in die Wirklichkeit führt uns wieder die Photographie des schönen, eindrucksvollen Porträts ber fast 70jährigen Frau Hofrat Charlotte Kestner, bie Hansen 1822, sechs Jahre vor ihrem Ende, in Del malte. Die unter der Photographie stehenden Verse E. v. Wildenbruchs schreiben Lotte sentimentale Regungen in bezug auf Goethe zu, bie ihr fern lagen; aber sie erinnern uns daß, genau genommen, der Werther und die gesamte Wertherliteratur ihr verdankt wird. Kurz, die interessanten Sammlungen find von großem literarischem und kulturgeschichtlichem Werte, und im ganzen Lottehause fühlen wir uns von Goethes unb von Lottes Geist umweht. Die Familie Baff unb ihre Beziehunaen zu Gießen. Von Staatsrat a.D. Dr. h. c. C. Schliephake, Darmstadt. Auf dem Gartenkirchhofe vor dem Aegidientor in Hannover steht ein schlichter Grabstein mit ber noch schlichteren Inschrift: „Hier ruht Charlotte Sophie Henriette geb. Buff, geb. 11. Januar 1753, geft. 16. Januar 1828. Der Grabstein deckt die sterblichen Reste einer Frau, deren Gestalt für alle Zeiten mit dem Zauber ewiger Jugend, aber auch mit dem Zauber des treu sorgenden deutschen Hausmütterchens umgeben ist — von Werthers Lotte. Einhundert Jahre find am 16. dieses Monats verflossen, seitdem s i e nach einem gesegneten, aber auch an Sorgen reichen Leben von hier ao- berufen wurde. An einem solchen (Erinnerungstage rufen wir uns gerne diese edle Frauengestalt, die durch bie Huldigungen, bie ihr Goethe wahrend feines Aufenthaltes in Wetzlar barbrachte und durch das liebliche und anmutige Bild, das er in den „Leiden des jungen Werthers" von ihr entwarf, romantisch verklärt wurde, in das Gedächtnis zurück. In der freien Reichsstadt Wetzlar, wo ihr Vater Hemrick) AdamBuff als Amtmann des Deutschen Ordens, waltete, stand ihre Wiege. Hier leitete sie nach dem frühen Tode ihrer Mutter das Hauswesen ihres Vaters und behütete mütterlich die zahlreichen jüngeren Geschwister, bie Mädchen und die Buben, „die übereinander krabbeln wie junge Katzen", hier lernte Goethe sie kennen und lieben, und durch ihn wurde Wetzlar zur Wertherstadt. Hatte so Lotte den Mittelpuirkt ihres Lebens, bis I. C. Kestner sie nach Hannover entführte, in Wetzlar und kam sie nur vorübergehend zum Besuche ihrer Verwandten und Bekannten nach Gießen, so hatte und hat doch die Familie Buff als solche mehr und nähere Beziehungen zu Gießen, es müßte denn festgestellt werden, daß die schon im 18. Jahr- ?wndert in Wetzlar vorkommenden Personen dieses Namens zu den Vor- ahren unserer Buffs gehörens. Die Beziehungen der Familie Buff zu (Kloster bei Straßburg), das er 54 Jahre regiert hatte. Gießen im Rahmen einer kurzen Familiengeschichte 31t schildern, ist Aufgabe dieser Zeilen. In der Mitte des 16. Jahrhunderts wanderte Steffen Boff, von Schwaibach bei Braunfels kommend, in dem Städtä)en Butzbach ein, wurde 1563 Bürger und betrieb dort nach Verheiratung mit Katharina oder Margarethe (Löwer?) von Marburg das Bäckerhandwerk. Sein Sohn Ludwig übernahm nach dem friihen Tode des Vaters das Geschäft und heiratete die einer Butzbacher Bäcker- und Ratsverwandten- famrlie angehörende Margarethe Schlich (1597). Auch dessen Sohn Johann Henrich Boff blieb dem Bäckerhandwerk treu, bei der Wahl seiner besseren Hälfte aber zog er das nahrhafte Metzgergewerbe vor, indem er 1639 Anna Sophia Krecker, die Tochter eines Ratsverwandten und Metzgers, zum Traualtar führte. Ein Sohn des Johann Henrich, Johann Jacob Buff, geb. 1648, wurde Präzeptor in Nidda später in Gießen und sein Sohn Simon Heinrich war praeceptor chassicus daselbst. Auf diesen Zweig der Familie, von dessen weiteren Schicksalen nur bekannt ist, daß eine Tochter des letztgenannten den Professor Wolf in Gießen hc.ratete, bezieht sich das in der Mauer der alten Friedhofskapelle in Gießen eingemauerte Epitaph mit der Inschrift: „Dieses Jmmhoffsche Epitaphium ist von beiderseits Blutsfreunden Johann Jacob Buffen, Praeceptor und Organist und Simon Rietschen, Bürger und Messerschmied, beide zu Gießen, zu der ihrigen Grabstätte renoviert. 1703." Ein anderer Sohn des Johann Henrich, der 1640 geborene Henrich Buff, studierte Theologie und wurde 1669 Kaplan und später Oberpfarrer in Münzenberg. Er heiratete Anna Catharina, Tochter des Gcrichts- schreibers und Försters Petri zu Crainfeld und starb 1724. Der in die Mauer des alten Friedhofs zu Münzenberg eingelassene Grabstein zeigt die Wappen Petri und Buff, welches letztere mit mehr oder weniger Aenderungen heute noch von der Familie gefichrt wird, und meldet, daß dem Ehepaar 4 Söhne und 5 Töchter geboren wurden. Von den Töchtern heirateten drei in die Pfarrfamilien Sturm, Faust und Plötz bzw. Hahnenfels. Bon den Söhnen wurde einer, Johann Paul, verheiratet mit einer Haberkorn, Oberschultheiß zu Crainfeld, ein unterer Amtsschreiber zu Steinfurth und ein dritter, M. Joh. David Buff, verheiratet mit einer Hölcker von Lich, Pfarrer in Partenstein. Stammvater der heute noch existierenden Familie wurde der älteste Sohn Christoph Buff, Pfarrer zu Steinbach und Schiffenberg. Sesn Dienst war ein recht beschwerlicher, da er in Steinbach wohnte, aber jeden Sonntag schon um 9 Uhr Gottesdienst in der Schiffenberger Kirche abhalten mußte, nachdem vorher in Steinbach eine Andacht stattgefunden hatte und gar viele Spänne waren mit dem Komtur wegen der Pfarremolumente auszutragen. Aber auch manche schöne Stunde wird der lebensfrohe Pastor auf der herrlichen Terrasse oder in dem traulichen Erkerstübchen bei einem Glase Wein mit den Ordensrittern oder dem Deutschordensverwalter Bodenburg verlebt haben. Christoph Buff war in erster Ehe mit einer Haberkorn, in zweiter Ehe mit einer Tochter des Pfarrers Seipp zu Reichelsheim i. d. W. verheiratet. Der letztere gehörte einer Gießener Bürgersfamilie an, die bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts zurückverfolgt werden kann. Christoph starb 1756 in Steinbach, nachdem er 50 Jahre lang den genannten Kirchen vorgestanden hatte. Nach dem noch erhaltenen Grabstein, der mit den Wappen der Buff, 'Haberkorn und Seipp versehen ist, hatte er 8 Söhne und 4 Töchter, von welchen letzteren drei die Pfarrer Prescher, Crecelius und Sartorius heirateten. Bon den Söhnen setzten fünf die Familie fort. Der älteste Sohn Georg Wilhelm Buff, hessischer Dragonermajor in Wetzlar, hinterließ nur Töchter, die keine Nachkommen hatten. Der zweitälteste Sohn Heinrich Adam Buff, Deutschordensamtmann in Wetzlar begründete die Linie I. Er hatte in Gießen Jura studiert, zog aber einen mehr praktischen Beruf der Ausübung der Juristerei vor. Mit seiner Ehefrau, einer Tochter des hessischen Majors Feyler in Wetzlar, erzielte er 16 Kinder, von denen sechs jung starben. Ein Kind war hübscher als das andere, weshalb Frau Buff in Wetzlar „die Frau mit den vielen schönen Kindern" genannt wurde. Das älteste Kind Karoline ähnlichte dem Reichskammergerichts-Advo- kalen und Prvkuratvr Johann Jacob Dietz, einem Vetter Goethes. Dessen ältester Sohn Georg Dietz wurde 1822 Hofgerichtsdirektor in Gießen. Seine Tochter Dorothea, Ehegatttn des Steuerrats Schuster in Gießen, war das Patenkind von Werthers Lotte und deren heute in Gießen Abende Tochter Emma, bewahrt gemeinsam mit ihrem kunstverständigen Gatten, dem Generalleutnant a. D. Klingelhösfer, einem Gießener Kinde, treulich die Erinnerungen ihrer Familie aus der Wertherzeit, unter denen stch em Originalbild von Lotte aus ihrer Jugendzeit befindet. - , 1“s 3»eite Kind des Ordensamtmanns war Lotte, verheiratet mit Hvsrat Kestner in Hannover. Ihre Nachkommenschaft ist eine überaus große. Sie felbft ljatte 8 Söhne und 4 Töchter. Am bekanntesten unter Wnen find August, der hannoverische Ministerresident zu Rom, der zu- ammen nut einem Enkel Lottes, Hermann Kestner, das Kestnermuseum m Hannover begründete und Charlotte Kestner, 1877 fast neunzigjährig, ™ .. ’i" gestorben, deren ehrwürdige geistvolle Züge durch ein es Anselm Feuerbachs der Nachwelt überliefert Itno. Der Sohn Lottes, Karl Kestner, hatte sich als Fabrikbe- ’) 1470 stirbt Johann Boff aus Wetslar, Meister zu Steffansfelden. Mer in dem damals und leider auch heute wieder französischen Dtf Thann int Elsaß niedergelassen und Salome Fran?aise Baullrain de St. Urbain heimgeführt. Dessen Nachkommen verehelichten sich ausschließlich in angesehene Schweizer und französische Familien. So heiratete seine Enkelin Eugenie Kestner, deren Mutter eine Tochter des französischen Generals Rigau war, den Kaufmann Risler zu Thann, deren Tochter Eugenie aber den 3uler Ferry, französischer Unterrichtsminister zu Paris, eine andere Enkelin Celine Kestner wurde die Frau des Senators August Scheurer- Kestner zu Paris, dem die französische Republik im Luxemburg-Park in Paris ein Denkmal errichtete; eine weitere Enkelin, Hortense Kestner, aber wurde dem französischen Mnisterpräsidenten Charles Flocquet angetraut. Zahlreiche Nachkommen von Werthers Lotte haben über See eine neue Heimat gefunden; nach Gießen ist nur einer ihrer Urenkel, Adolf Philippi, der als Professor an der Landesuniversität wirkte, auf längere Zeit gekommen. Von den anderen Kindern des Deutschordensamtmanns haben nur noch die Nachkommen des Deutschordenszinsreuters Ernst Buff in Marburg und des niederländischen Hauptmanns i. P. Ludwig Buff in Rödelheim Konnex mit Gießen gehabt. Vier Enkelinnen des ersteren, Martha, Louise, Amalie und Friederike waren lange Jahre als Haushälterinnen ufro. in Gießener Familien tätig. Der Sohn des letzteren, des Hemdenmatzes auf dem bekannten Kaulbachschen Loüebild, war Heinrich Buff, Professor der Chemie an der Universität Gießen. „Er gehörte zu dem Kreis der Gelehrten, die sich gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts hin um die mächtige Persönlichkeit Liebigs geschart und durch ihr wunderbares Zusammenwirken an der kleinen hessischen Universität an der Lahn während einiger Jahrzehnte einen Anziehungspunkt für die aufstrebende Generation der heimsichen Forscher aller Nationen geschaffen hatten. Dort hat Buff während eines Zeitraums von vier Dezennien eine Lehrtätigkeit geübt, deren segensreicher Erfolg in der dankbaren Erinnerung feiner Zuhörer fortlebt und gleichzeitig ein Forscherleben entfaltet, wie es nicht schöner gedacht werden kannH." Liebig, Buff und der berühmte Professor der Chemie v. Hofmann aus Gießen, waren außer durch die Forschertätigkeit noch dadurch verbunden, daß alle drei mit Moldenbauerischen Töchtern verheiratet waren, und zwar Buff in zweiter Ehe. In erster Ehe hatte er eine Schwester des Professors v. Hofmann zur Frau. Eine Tochter Buffs, Helene, war an den Professor der Theologie, Stade, in Gießen verheiratet, eine andere. Meta, reichte einem Gießener Jugendfreunde, dem bekannten Forscher v. Jhering die Hand zum Bunde. Die Söhne ließen sich auswärts nieder. Adolf wurde Archivar in Augsburg, Heinrich Fabrikant in Krefeld, Georg Baurat in Dessau und Rudi Arzt in Köln. Die II. Linie der Familie wurde von dem sechsten Kinde des Steinbacher Pfarrers^ Johann Georg, der 1773 als Metropolitan in Gladenbach starb und mit einer Haberkorn verheiratet war, begründet. Dessen älteste Tochter ehelichte den Pfarrer Sttack in Queckborn; zu ihren Nachkommen gehört Professor Adolf Strack, der verdienstvolle Begründer der Vereinigung für Volkskunde in Hessen. Ein weiterer Nachkomme dieser Linie war Hofgerichtsadvokat Ludw. Buff in Gießen, der eine Kempf aus der bekannten Gießener Familie zur Frau hatte. Von ihren Kindern blieb nur Elisabeth Buff, die 1909 unverheiratet in Gießen starb, in der Heimat wohnen, während alle übrigen in der neuen Welt eine neue Heimat suchten. Ein Sohn des Metropolitans war ferner Johann Friedrich Christoph Buff, Superintendent in Gießen und verheiratet mit einer Giehnerin, der Tochter des dortigen Superintendeitten Bechtold. Seiner Gießener Gemeinde stand er 42 Jahre lang vor und erwarb sich durch feine wahre Frömmigkeit und feine Herzensgüte die Achtung und Liebe aller. Eine feiner Töchter verheiratete sich mit dem Hvfgerichtsafsefsvr Freiherr v. Rieffell in Gießen; dessen Tochter war die Ehefrau des bekannten bärtigen Professors der Medizin Wernher. Eine andere ehelichte den Hofrat Ebel daselbst und eine dritte den Direktor des Oberschulrats in Darmstadt, Christian Knorr, dessen Sohn mehrere Jahre als Landgerichtspräsident in Gießen tätig war und feine Töchter dorthin verheiratete. Die III. Linie, die von dem Oberförster Buff in Marburg ihren Ausgang nahm, kann ich übergehen, da sie mit Gießen keinerlei Berührungspunkte hatte und hat. Die IV. Linie hatte als Stammhalter den Regierungsrat Friedrich Christoph Buff in Gießen, dessen Frau eine Tochter des dortigen Archivrats Wagner war. Dessen ältester Sohn Wilhelm, Gräfl. Limpnrg. Rat in Burgfarrenbach, verpflanzte die Familie nach Bayern. Der zweite Sohn des Regierungsrats Buff war Justizamtmann in Battenberg. Aus feiner Ehe mit einer Tochter des Pfarrers Heß in Hohensiel stammte der 1859 als Oberbergrat in Osnabrück gestorbene Karl Ludwig Christian Buff, zu dessen Nachkommen die beiden Bürgermeister der freien Stadt Bremen, Carl Buff und Clemens Buff und der Professor der Chemie am Deutschen Polytechnikum in Prag, Heinrich Ludwig Buff, zählen. Die in seinem Berufe gemachten schmerzensreichen Erfahrungen legte letzterer in einer Abhandlung „lieber das Studium der Chemie" nieder. Sein reines edles Streben, verbunden mit einem wahren, warmen, männlichen Charakter fand nach dem Tode mehr Anerkennung als im Leben. (S. Allg. deutsche Biographie.) Eine Tochter des Regierungsrats Buff heiratete der Geheime Regierungsrat Meyer in Gießen. Die V. Linie wurde begründet von dem jüngsten Sohne des Steinbacher Pfarrers, Georg Carl Buff. Er erhielt 1761 die Pfarrstelle in Nieder-Wöllftadt, die von da ab bis 1883, also 122 Jahr lang, von der Familie bekleidet wurde. Mit feiner Ehefrau Anne Elif. Hoffmann, aus der ©rünberger Familie dieses Namens, der auch der tapfere Kommandant von Landau, Kaiser!. Generalwachtmeister Hoffmann v. Löwenfeld, der längere Jahre Obrist des Gießener Kreisregiments mar, angehört, erzielte er 6 Söhne und eine Tochter, verheiratet an den Oberkammerrat Geyger in Afstuheim. Der älteste Sohn Georg wurde ebenfalls Pfarrer in Meder-Wöll- stadt. Aus seiner Ehe mit einer Tochter des Amtskellers Geyger in Assen-, heim stammt Ludwig Buff, ein begabter Jurist, der schon in seinem 36. Lebensjahre, als er eben Hofgerichtsrat in Darmstadt geworden war, s) Worte des Professors v. Hofmann in Berkin. WMWWWWM l - Druck und Verlag: Vrühl'sche Univerfitäts-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Dietzen- Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. i 6 < 1 <1 i (Fortsetzung.) An, Morgen wird Rene Cardillac durch einen Dolch,totz ermordet aufgefunden. Niemand ist bei ihm, als sein Geselle Olivier Bruston und die Tochter. In Oliviers „ Kammer, unter andern, findet man einen Dolch von frischem Blute gefärbt, der genau in dieWunde patzt. — Cnrdillac ist, sprach Olivier, in der Nacht vor meinen Augen niedergestoßen worden. — Man wollte ihn berauben? — Das weitz ich nicht! — Du gingst mit ihm, und es n>ar dir nicht möglich, dem Mörder zu wehren? Ihn festzuhalten? Um Hilfe zu rufen? — Fünfzehn, wohl zwanzig Schritte vor mir ging der Meister, ich folgte ihm. Warum in aller Welt so entfernt? — Der Meister wollt' es so. — Was hatte überhaupt Meister Cardillac so spät auf der Strotze zu tun? — Das kann ich nicht sagen. — Sonst ist er aber doch niemals nach neun Uhr abends aus dem Haus« gekommen? — Hier stockt Olivier, er ist bestürzt, er seufzt, er vergießt Tränen, er beteuert bei allem, was heilig, daß Cardillac wirklich in jener Nacht ausgegangen sei und seinen Tod gefunden habe. Nun merkt aber wohl auf, mein Fräulein. Erwiesen ist es bis zur vollkommensten Gewißheit, daß Cardillac in jener Nacht das Haus nicht verließ, mithin ist Oliviers Behauptung, er sei mit ihm wirklich ausgegangen, eine freche Lüge. Die Haustür ist mit einem schweren Schloß versehen, das bei dem Auf- und Zuschließen ein durchdringendes Geräusch macht, dann aber bewegt sich der Torflügel widrig knarrend und heulend in den Angeln, so daß, wie es angestellts Versuche bewährt haben, selbst im obersten Stock des Hauses das Getöse widerhallt. Nun wohnt in dem untersten Stock, also dicht neben der Haustür, der alte Meister Claude Patru mit seiner Aufwärterin, einer Person von beinahe achtzig Jahren, aber noch munter und rührig. Diese beiden Personen hörten, wie Cardillac nach seiner gewöhnlichen Weise an jenem Abend Punkt neun Uhr die Treppe hinabkam, die Tür mit vielem Geräusch verschloß und verrammelte, dann wieder hinauf stieg, den Abendsegen laut las und bann, wie man es an dem Zuschlägen der Tür vernehmen konnte, in sein Schlafzimmer ging. Meister Claude leidet an Schlaflosigkeit, wie es alten Leuten wohl zu gehen pflegt. Auch in jener Nacht konnte er kein Auge zutun. | Die Aufwärterin schlug daher, es mochte halb zehn Uhr sein, in der Küche, in die sie über den Hausflur gehend gelangt, Licht an und setzt? sich zum ' Meister Claude an den Tisch mit einer alten Chronik, in der sie las, während der Alte seinen Gedanken nachhängend bald sich in den Lehnstuhl setzte, bald wieder austtand, und um Müdigkeit und Schlas zu gewinnen, im Zimmer leise und langsam aus und ab schritt. Es blieb alles still und ruhig bis nach Mitternacht. Da horte sie über sich scharfe Tritte, ! einen harten Fall, als stürze eine schwere Last zu Boden, und gleich darauf ein dumpfes Stöhnen. In beide kam eine seltsame Angst und Beklommenheit. Die Schauer der entsetzlichen Tat, die eben begangen, gingen bei ihnen vorüber. Mit dem hellen Morgen trat bann ans Licht, was in der Finsternis begonnen. Aber, fiel die Scuderi ein, aber um aller Heiligen willen, könnt Ihr bei allen Umständen, die ich erst weitläufig erzählte, Euch denn irgendeinen Anlaß zu dieser Tat der Hölle denken? — Hm, erwiderte la Regnie, Cardillac war nicht arm — im Besitz vortrefflicher Steine. — Bekam, fuhr die Scuderi fort, bekam denn nicht alles die Tochter? — Ihr vergeßt, daß Olivier Cardillacs Schwiegersohn werden sollte. Er mußte vielleicht teilen oder gar nur für andere morden, sprach la Regnie. — Teilen, für andere morden? fragte die Scuderi in vollem Erstaunen. Wißt, fuhr der Präsident fort, wißt, mein Fräulein, daß Olivier schon längst geblutet hätte auf dem Greveplatz, stünde seine Tat nicht in Beziehung mit dem dicht verschleierten Geheimnis, das bisher so bedrohlich über ganz Paris waltete. Olivier gehört offenbar zu jener verruchten Bande, die alle Aufmerksamkeit, alle Mühe, alles Forschen der Gerichts- Höfe verspottend ihre Streick)e sicher und ungestraft zu führen wußte. Durch ihn wird — muß alles klar werden. Die Wunde Cardillacs ist denen ganz ähnlich, die alle auf den Straßen, in den Häusern Ermordete und Beraubte trugen. Dann aber das Entscheidendste, seit der Zeit, daß Olivier Brufson verhaftet ist, haben alle Mordtaten, alle Beraubungen aufgehört. Sicher sind die Straßen zur Nachtzeit wie am Tage. Beweis genug, daß Olivier vielleicht an der Spitze jener Mordbande stand. Noch will er nicht bekennen, aber es gibt Mittel, ihn sprechen zu machen wider seinen Willen. — Und Madelon, ries die Scuderi, und Madelon, die treue, unschuldig« Taube. — Ei, sprach la Regnie mit einem giftigen Lächeln, ei, wer steht mir dafür, daß sie nicht mit im Stomptottjft. Was ist ihr an dem Vater gelegen, nur dem Mordbuben gelten ihre Tränen. — Was sagt Ihr, fchrie die Scuderi, es ist nicht möglich: den Vater! dieses Mädchen! — Oh, fuhr la Regnie fort, oh, denkt doch nur an die Brinvillier! Ihr möget «s mir verzeihen, wenn ich mich vielleicht bald genötigt sehe, Euch Euren Schützling zu entreißen unb in die Gonciergerie werfen zu lassen. — Der Scw beri ging ein Grausen an bei diesem entsetzlichen Verdacht. Es war ihr, als könne vor diesem schrecklichen Manne keine Treue, feine Tugend bestehen, als spähe er in den tiefsten, geheimsten Gedanken Mord unb Blutschuld. Sie stand auf. Seid menschlich, das war alles, was, sie beklommen, muh- sam atmend hervorbringen konnte. Schon im Begriff, die Treppe hinabzu- fteiqen bis zu der der'Präsident sie mit zeremoniöfer Artigkeit begleitet hatte, tarn ihr, selbst wußte sie nicht wie, ein seltsamer Gedanke Ward es mir wohl erlaubt fein, den unglücklichen Olivier Brufson zu sehen? So fragte sie den Präsidenten, sich rasch umwendend. Dieser schaute sie nut bedenklicher Miene an, bann verzog sich sein Gesicht in jenes widrige Lächeln das ihm eigen. Gewiß, sagte er, gewiß wollt Ihr nun, mein würdiges Fräulein, Euerm Gefühl, der inner» Stimme mehr vertrauend als dem, was vor unfern Augen geschehen, selbst Oliviers Schuld oder Unschuld prüfen. Scheut Ihr nicht den düstern Aufenthalt des Verorechens, ist es Euch nicht gehässig, die Bilder der Verworfenheit in allen Abstusun- qen zu sehen, so sollen für Euch in zwei Stunden die Tore der Goncicrgene offen fein. Man wird Euch diesen Olivier, dessen Schicksal Cure Teilnahme erregt, vorstellen. . __ In der Tat konnte sich die Scuderi von der Schuld des jungen, Menschen nicht überzeugen. Silles sprach wider ihn, ja kein Richter in bet Welt hätte anders gehandelt wie la Regnie, bei solch entscheidenden Tatsachen. Aber das Bild häuslichen Glücks, wie es Madelon mit den lebendigsten Zügen der Scuderi vor Augen gestellt, überstrahlte jeden bösen Verdacht, und so mochte sie lieber ein unerklärliches Geheimnis annehmen, als daran glauben, wogegen ihr ganzes Inneres sich empörte. . s Sie gedachte, sich von Olivier noch einmal alles, wie es sich in jener verhängnisvollen Nacht begeben, erzählen zu lasten, und soviel.möglich in ein Geheimnis zu bringen, das vielleicht den Richtern verschlossen geblieben, weil es wertlos schien, sich weiter darum zu bekümmern. In der Conciergerie angekommen, führte man die Senden in ein großes, Helles Gemach. Nicht lange darauf vernahm sie Keitengeras eu Olivier Brusfon wurde gebracht. Doch sowie er in die Tür trat, sank auq die Scuderi ohnmächtig nieder. Als sie sich erholt hatte, war Olivier ve schwunden. Sie verlangte mit Heftigkeit, daß man sie nach bem .wage» j bringe, fort, augenblicklich fort wollte sie aus den Gemächern der frevem I den Verruchtheit. (Fortsetzung folgt.)^ starb. Er erzeugte mit Auguste Reifenstein, der anerkannten Tochter des Prinzen Carl zu Solms - Braunfels und der Luise Christine Kunz zu Braunfels vier stattliche Söhne, die von der Mutter in Gießen erzogen wurden. Wilhelm, der älteste, war zuerst Hofgerichtsrat in Gießen, bann Reichsoberhandelsgerichtsrat und feit 1879 Reichsge- ridjtsrat in Leipzig. Er führte die Tochter des Hofgerichtsrats Muller, einer alteingesessenen Gießener Familie entstammend, heim. Von deren Söhnen war Friedrich Buff ebenfalls Reichsgerichtsrat in Leipzig und trat 1927 in den Ruhestand: der Sohn Carl aber widmete sich, nachdem er in Gießen unb Leipzig Jura studiert und fleißig den Schläger geschwungen hatte, der Gesangeskunst. Als lyrischer Tenor entzückte Carl Buff, der aus Anhänglichkeit an die Heimatstadt den Künstlernamen Hans Gießen angenommen hatte, in so manchem Konzert das Gießener Publikum, reichen Beifall erntend. Allzu früh schied dieser begabte, liebenswürdige Künstler 1907 aus dieser Welt. Sius der Ehe des zweiten Sohnes des Hofgerichtsrats Suff, des Apothekers Carl Buff in Gladenbach, mit einer Tochter des Gymasiallehrers Völker zu Gietzen ging nur eine Tochter Julie hervor, die feit langen Jahren in Gießen lebt. Der jüngste Sohn Ernst, der als Bergoerwalter in Dux in Böhmen starb, war ein bildhübscher Mensch unb schneidiger Student. Er ist vereinigt auf dem bekannten Gießener Studentenbild, eine Mensur auf dem Schiffenberg darstellend, bei der er einer der Paukanten ist. Der zweitjüngste Sohn starb als K. K. Lieutenant schon in den sechziger Jahren. Ein Sohn des zweiten Nieder-Wöllstädter Pfarrers war auch Ernst Buff, der 1883 starb und der letzte Pfarrer aus dieser Familie in dieser Wetterauer Gemeinde war. Von den weiteren Söhnen des ersten Nieder-Wöllstädter Pfarrers war Ludwig Buff, Kcimmerassestor in Listen heim. Dessen Sohn Georg wurde 1832 Hofgerichtsassessor, 1835 Hofgerichtsrat und 1862 Hosgerichtspräsident in Gießen. Er war langjähriger Präsident der 2. Kammer, so namentlich 1870/71 und später lebenslängliches Mitglied der 1. Kammer. Auch war er Ehrendoktor der Landesunioersität — eine Würde, die damals höher als heute bewertet wurde. Er war der letzte Präsident des Gießener Hof- gcrichts, das 1879 aufgehoben wurde und starb, 86 Jahre alt, 1890. Seine Frau, eine Tochter des Kirchenrats und Gymafialdirektors Keller in Büdingen, war bereits 1839 dem damals in Gießen grassierenden Typhus, gleichzeitig mit ihrer Mutter, zum Opfer gefallen. An Gießen unb feiner Umgebung, namentlich am Schiffenberg, ben er allsonntäglich aufzusuchen pflegte, hing G. Buff mit großer Liebe unb schlug deshalb wiederholt Berufungen in höhere Stellen aus. Seine älteste Tochter Marie, die 1921 im Alter von 87 Jahren starb, heiratete den Domänrat Schliephake in Gießen, deffen Sohn, Sanitätsrat F. Schliephake, heute noch als praktischer Arzt in Gießen tätig ist. Die Ehefrau des letzteren, eine geb. Zoppritz, ist eine Enkelin des bekannten Profestors der Chemie, Dr. Will und eine Urenkelin des Professors der Medizin Balser in Gießen, der einer alten Gießener Familie angehört und dem die Baiserstiftung in der Wilhelm- straße in Gießen ihre Entstehung verdankt. Auch ein Urenkel Georg Buffs, Dr.-Jng. Alf Schliephake, ist feit kurzem wieder in dem lieben Gießert tätig. m Der einzige Sohn des Hofgerichtspräsidenten Buss war der Oberstleutnant a. D. Georg »uff, der im Kriege 1870/71 die Leibkompagnie des 2. Hest. Regiments Nr. 116 mit Auszeichnung führte und nicht nur wegen feiner militärischen Tüchtigkeit, sondern auch wegen seiner Stattlichkeit, großen Stärke und Trinkfestigkeit bekannt war. Ein Sohn des erstell Pfarrers Buff in Nieder-Wöllftadt war ferner ber geistliche Inspektor Karl Buff in Battenberg. Einer seiner Urenkel, Hermann Suff, ist, ebenso wie fein Sohn, Kaufmann in Gießen, wahrend dessen Bruder Carl, der in Gießen seine Ausbildung erhielt, als Pfarrer in ben Bereinigten Staaten wirkt. Ob noch weitere Nachkommen des geistlichen Inspektors Beziehungen zu Gießen haben, ist mir nicht bekannt 1 Nur einen kleinen Auszug aus ber Geschichte ber Familie Suff konnte ich hier geben. Mitglieder der Familie, die weniger bekannt geworden sind oder keinerlei Beziehungen zu Gießen gehabt haben oder haben, mußte ich übergehen und mich im wesentlichen auf eine genealogische Auszählung beschränken. Aus ihr dürfte sich alles schon ergeben, wie nahe die Familie seit über 200 Jahren mit Gießen verbunden ist, insbesondere wenn berücksichtigt wird, daß die Mehrzahl auch der hier nicht genannten männlichen Familienglieder die Universität Gießen besuchte und häufig auch die Bänke des Pios in den Neuen Säuen ober des Gymastums nm Brand ober in der Südanlage mit mehr ober weniger Erfolg drückt«. Die meisten Leute, die an Gießen kein gutes Haar lasten, haben Gießen nie tennengelernt. Unsere Buffs aber kannten und kennen und deshalb liebten und lieben sie die alte an ber Lahn zwischen Gleiberg und Schissenberq malerisch gelegene Stadt. Möge sie blühen und gedeihen unb möge sie uns trotz ber Ungunst ber Zeiten auch als Universitätsstadt erhalten bleiben! Das Fräulein von Scnderr. Von E. T. A. H o f f m a n n.