ur.b e zu eine 'teten ufzu- . Es äusch algen te an t mit Ionen gute Arme. । vorn (' if den e und > Rat. Selb, geeilt [ »er et- bleiben r stieß : Selb- . tiefes gangen ie dem höflich it dem )en; sie er zum enschen, Knecht, i einem I ufet an | -hen zu herab- I iter den L d lockig, ! dahin- jetzt an lieg auf .gen vor auf und 5 Tages weil die len. Das I noch!" I und als i sie sich it zurück, Sten und während wußten, en stand erblickte und ent- > kommen Gerührt idienten n ihnen r Härten, Sünder die samt der voll mde mit gen, ols te ange- terwatde ecken zu zug ent> en denn isten erst iah man ine Er- jatt an aus den ah, und aus den -ießen. gerettet zwM ihm >h« |o daß ’s recht! ber, der hat M stweilen ch einen Samstag, den $6. Zum Jahrgang H928 Kummer 48 ÖKBBBBB SietzenerZaMeMStter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Der Dichter. Bon Hermann H e s s e. Nur mir, dem Einsamen, Scheinen des Nachts die unendlichen Sterne, Rauscht der kühle Brunnen sein Zmrberlied, Mir allein, mir, dem Einsamen, Ziehen die farbigen Schatten Wandernder Wolken Träumen gleich übers Gefilü. Nicht Haus noch Acker ist, Nicht Wald noch Jagd noch ©enterb mir gegeben. Mein ist nur, was keinem gehört, Mein ist stürzender Bach hinterm Waldesschleier, Mein das furchtbare Meer, Mein der spielenden Kinder Bogelgeschwirr, Träne und Lied der Verliebten am Abend. Mein auch sind die Tempel der Gatter, Mein ist der Vergangenheit ehrwürdiger Hain. Und nicht mürber der Zukunft Lichtes Himmelsgewölbe ist meine Heimat; Oft in Flügen der Sehnsucht stürmt meine Seele empor, Seliger Menschheit Ziele zu schauen: Liebe, Gesetz besiegend, Liebe von Volk zu Volk! All find' ich sie wieder, edel verwandelt: Landmann, König, Händler, emsiges Schiffsvolk, Hirt und Gärtner, sie alle Feiern dankbar der Zukmrft Wellfest. Einzig der Dichter fehlt, Er, der vereinsamt Schauende, Er, der Menschensehnsucht Träger und blasses Bild, Dessen die Zukunft, dessen die Wetterfüllung Nicht mehr bedarf. Cs welken Viele Kränze auf seinem Grabe, Aber erloschen und blind ist sein Gedächtnis. Das Gelöbnis. Von Friedrich F r e k s a. Die Glocken der Kathedrale zu Pau kündeten die fünfte Stunde. Die Damen und Herren des Hofes der Königin von Navarra gehorchten den mahnenden Klängen und schritten aus ihren Quartieren, um die Fnihmette zu hören. Der Platz vor der Kathedrale lag noch in der blassen Dämmerung des Frühsommertages, doch ringsum leuchteten die Höhen der Pyrenäen im roten Mvrgenglanz. Auf der obersten der Stufen, die zu dem gotischen Portal hinaufführten, stand starr und unbeweglich ein hochgewachsener, noch junger Kriegsmann, dessen staubige Stiefel einen langen, soeben erst beendigten Reiseritt anzeigten. Den einen Zipsel des blauen Reisemantels trug er nad) italienischer Sitte um die linke Schulter geworfen, so daß die Falten, die sich um den Hals flauten, zur Halste sein Gesicht verbargen. Jeder der Damen, die zum Kirchenportal hinausstiegen, warf er einen raschen Mick zu. Aber auf keiner blieben seine Augen hasten. Als die Glocken im Ausläuten waren, kam die Königin Margot selbst Mr Kirche gegangen. Zwölf Hofdamen folgten ihr in Paaren. Gleichsam Mm Gruße lieh der Himmel jetzt über die östlichen Hügel die ersten Sonnenstrahlen gelangen. Wie nun die Damen in ihren burgundischen Gewändern aus Seide und schwerem Brokat, in denen Karmoisin und leuchtendes Grün die herrschenden 5arbeit waren, so langsam dahin- wo.ndellen, gewährten sie einen prächtigen Anblick. Als erste stieg Margot von Navarra die Stufen empor. Sie wurde geleitet von zwei Pagen in «chwarz und Silber, die Brevier, Rosenkranz und Betkissen trugen. Ein tl,!ltes Violett und ein schweres Schwarz waren die Farben des Gewandes der Königin, deren sonst so heiteres Gesicht sehr gedankenvoll «schien. Beim Anblick des Damengesolges trat der junge Ritter einen Schritt ’Of, um die Damen zu mustern. Bei seiner lebhaften Bewegung sank U>> der Mantel von den Schullern und allen ward da ein sonnengerauntes Antlitz erkennbar, das ein dunkler Bart, geschnitten nach der Spanier, umrahmte. Beim Anblick des Edelmanns hiell Mar- ?l;600" Navarra einen Augenblick im Vorwärtsschreiten inne. Die Blicke i Swangen den Ritter, sie anzuschauen. Betroffen durch den e.;i* im Antlitz der Königin lieh der Ritter sich aus ein Knie nieder, bo Verwirrung und seine Hallung schienen Vergebung zu heischen, « Mvor wider alle höfische Zucht den Gruß oergeffen hotte. h.m «9ot non Navarra schritt weiter in das Portal hinein, so dicht an «nienden vorbei, daß der Saum ihres Gewandes weich und seidig fein Knie streifte. Da war ihm, als hörte er die leisen Worte: ,Herr Vetter, wartet auf mich nach der Messe!" Wie im Banne erhob sich der junge Ritter und folgte den Damen nach in die Kirche. Ohne Denken und Sinnen nahm er einen Platz am sechsten Pfeiler des Langschiffes ein, denn ihm war es, als hätte die Königin durch einen Blick ihm diesen Platz angewiesen. Den jungen Edelmann, der einen langen Ritt hinter sich haben mochte, fröstelte. Seltsam und bildhaft erschien ihm gegen die erste morgendliche Frische da draußen der Raum hier innen. Aus der nach Osten gelegenen Seite des Chores erglommen die bunten Fensterscheiben in tiefen, satten, traumhaften Farben. Ihr leuchtender Widerschein spiegelte in rötlichem und bläulichem Schimmer auf dem gegenüberliegenden Pfeiler des Schiffes, wob auf dem Steinboden bunte Schleier und gab den Gesichtern der knienden Frauen den Glanz der Verklärung. Ans weiter Ferne drang das Singen der Betenden zum Rttter om sechsten Pfeiler des Schiffes. Als die Orgel erklang, war es ihm, al« schwebe er über dunklen, brausenden Gewässern. Die Messe war beenbet. lieber dem Altar verflogen die Weihrauchwolken; leise schritten Damen und Herren aus der Kirche; einsam lag an der einen Ecke des Chores vor dem Bilde des heiligen Rochus ein Mönch in weißem Gewände, den Kopf in den Armen vergraben, und betete brünstig. Die Sonnenstrahlen verloschen, die Leuchtkraft der Fenster erstarb, silbernes Grau durchwallte den Raum der Kirche und verlor sich bald in den dunklen Wölbungen. „Herr Vetter, denkt Ihr Eurer Dame so stark, daß Ihr weder Lebendes noch Totes gewahrt?" klang es plötzlich vor dem Ritter. Zuerst erlangten die Ohren des jungen Ritters ihre Kraft für die Wirklichkeit zurück. Er hörte das Rascheln des Brokatkleides, m'.d als er nun seine Augen wiederfand, sah er vor sich das ernste Gesicht der Königin Margot,' die ihn groß und dunkel anschaute. „Ich dachte nicht Ihrer", stammelte er. „Meine Seele war verloren, ich glaubte, meine Dame hier zu finden an Eurer Seite. Aber als ich hier stand, war meine Kraft geschwunden. Denn ich bin zwei Tage und zwei Nächte durchgeritten, allein Leib ward müde und meine Gedanken ruhten." Wieder sah die Königin den Ritter seltsam an. Ihre Blicke geboten, ihr zu folgen, und sie sagte, während sie zum Chor hinaufschritten, wobei die Schleppe ihres Brokatkleides leise über die Stufen strich: „Herr von Bourdeille, erzählt mir von den Kriegszügen in Parma und Piemont." Mit leiser und leidenschaftlicher Stimme erzählte der Ritter der Königin von den Talen des französischen Adels in Italien, bis sie endlich wieder am sechsten Pfeiler des Mittelschiffs standen. „Sagt mir doch, Vetter," fragte die Königin mit veränderter Stimme, „wie habt Ihr Eure Dame, Mademoiselle de la Roche, zu Ferrara tennengelernt?" „Madame," erwiderte der Ritter, dem Zwange der dunklen Augen gehorchend, „Ihr wißt, mein Vater hatte mich nach Ferrara geschickt, um die Künste der Wissenschaften zu studieren. Aber außer der Fechtkunst und den guten französischen Liedern habe ich Wissenschaften und Künste nie geliebt. Sv war ich denn traurig, in der fremden Stadt, in der es keinen Burgunderwein gibt, lerne Bratküchen, keine luftigen Mädchen und keine frohen Frauen wie in Paris. Eines Abends schritt ich durch die Straßen zum Schloß, denn die Frau Herzogin Rene hatte mich zu sich besohlen. Als ich über die Brücke des Schloßgrabens ging, überkam mich die Sehnsucht nach Frankreich und ich fang das Lied unseres Meisters Francois Villon, das er zum Preise der Samen von Paris gedichtet hat. In der Wölbung des Tores wollte ich gerade die letzte Strophe anstimmen, da klangen mir die Worte des Liedes aus dem Dünkel entgegen, gesungen von einer tiefen Frauenstimme. Und wie ich meine Hand ausstreckte, fühlte ich vor mir eine junge, schlanke Gestatt. In den letzten Vers: „Senn der lachende Mund gibt den Preis von Paris" stimmte ich jubelnd mit ein und bann grüßten sich unsere Lippen". Wieder schaute die Königin den Herrn von Bourdeille seltsam an. Zum zweiten Male schritt sie mll chm zum Chore hinauf, allwo noch immer der Mönch im weißen Gewände betend am Boden lag. Von bet Frau Herzogin Reue nmßte der Ritter der Königin erzählen, vom Leben am Hof zu Ferrara und von den itakienischen Samen. Zum anderen Male standen der Rttter und die Königin wie zuvor am sechsten Pfeiler. Da fragte die Königin den Ritter: „Wie nahmt Ihr Abschied von Mademoiselle be la Roche?" .Als ich ins Feld zog, trennten wir uns am Hoftager zu Fontainebleau. Es war stich am Morgen. Die Hörner riefen die Damen und Herren zur königlichen Jagd, ich aber mutzte reiten, tun zum Heere nach Piemont zu gelangen. Mademoiselle de la Roche war zur Jagd gerüstet. Sie trug ein grünes Brokatkleid und um die Schultern einen Marder pelz, denn es waren schon kalte Herbsttage, das Laub war gelb, und rot leuchteten die Beeren der Eberesche. Mademoiselle be la Roche reichte mir vom weihen artigen Studenten ins Kollea ruft, da steht der Plan in ihm fertig da einen Theaterverein zu gründen, nicht bloß zur Erholung und gar nicht ,ur lävviicken Gesellschaft, sondern um am eigenen Leibe die schwierigsten und anziehendste der Künste zu erproben. - Wenn Gotter sich auch Borwürde macht, daß «r albern und dumm dem großen Schauspieler gegenüber gewesen ist, so hat Ekhof ihn doch nicht vergessen. Poet und Schauspieler. Zu Tonrad Ekhofs 150. Todestag. Bon Johannes Günther. Die Göttinger Studentenschaft ist in Aufregung. Eine Schauspieler- Gesellschaft ist am Ort. Was spielt sie? Das große moderne Stück M.ß Sara Sampson" des Herrn Gotthold Ephraim Lessing. Der Abend der Ausführung gestaltet sich zu einem Triumph für die^Komödianten Die Studenten rücken auf die Bühne, sie bringen dreimal Hochrufe aus auf die zarte, so wundersam schmachtend sterbende kleine Sara; Hochrufe aut den Darsteller des Mellesont, auf Conrad Ekhof. Die Schauspielerin nach Hause zu geleiten, ist für die Studenten eine Freude, eine Ehre, eine Pflicht. Den großen Schauspieler Conrad Ekhof laßt man lieber allein gehen. Er hat etwas Dämonisches an sich. Ber der kleinen Sara wußte man doch, wodurch sie bestach! Durch ihre großen irren bangen Augen! Durch ihre zierliche, ängstliche Gestalt, die sich so gar nicht in der schlimmen Welt zurechtfinden konnte! Durch ihre zitternde Stimme! Durch ihre schmalen Hände, mit denen sie in der Todesangst die Bettdecke zupfte. Aber diesem Conrad Ekhof war nicht beizukommen. Als er da hinter den Kulissen stand, sah er überhaupt unansehnlich aus, klein, miekrig, grau, teilnahmslos. Ein Student hatte gesagt, Ekhof sei wie eine Libelle. Wenn sie in der Sonne spielt, wenn sie lyre Reigen schwirrt, dann glitzert und glänzt sie in allen Farben. Untersuchst du aber ihren Zauber, nimmst du sie gar in die Hände, um genau zu erkennen, wo nun die einzelnen herrlichen Farben sitzen, dann ist sie schwarz und häßlich. Dieser Student war Friedrich Wilhelm Gotter gewesen Em vornehmer stiller Junge mit einem blassen, eigentlich unschönen Gesicht. An dem Triumphzug der Schauspielerin hatte er sich nicht beteiligt, war einsam seine Straße gegangen. So hatte es der Zufall gefugt, daß er mit dem großen Ekhof zusammentraf. Er wollte wegsehen, er wollte schnell vorbeistreifen, aber etwas bannte ihn, zog ihn magnetisch zu sich. Er mußte aufblicken, sah in Ekhofs Augen, hielt zugleich darauf Ekhofs Hand, hörte Ekhofs Stimme ihm eine gute Rächt wünschen. „Aber als Student kennt man wohl keine Nacht?" fragte die Stimme und scherzte mit unerwarteter Frische. „Der Schlaf gehört dem Philister, nicht?" Und sie sitzen zusammen beim Wein. Zwei Stunden und mehr. Gotter stellte törichte Fragen. Ekhof lächelt gütig. Gotter fühlt sich bedrückt bis zuletzt. Jeder Satz, den der andere ausspricht, klingt ihm zweideutig. Er könnte diesen Mann Heben, und doch müßte er ihn meiden. Er spürt von seinem Geist einen Hauch; dieser Hauch könnte auch giftig fein! „Der Schauspieler ist der echte Künstler", denkt er sich. „So wirr und wild, so chaotisch und ungeschaffen wie er, ist keiner!" Schließlich geht Ekhof davon, oder vielmehr er hebt sich weg. Gotter fitzt noch lange allein, ihn treibt es auch zu dieser Kunst. Und als der Morgen da ist, und der Uhrzeiger den Und nach aber fünf Jahren. Ekhof ist in Gotha Direkteur der Herzog, licken Theatertruppe. Gotter ist daselbst Geheimer Kanzleirat. Das ist viel mit seinen dreißig Jahren. Sie brauchen sich nicht vorsichtig und aus Hmweaen aufzusuchen wie in ©Otters Studenten- und Junglingszeit, sondern das gesellschaftliche Leben führt sie stibstverständUchzusammen. Es will sie sogar verschlingen und sie müssen sich stille Stunden stehle Ick denke" sagt Ekhof, „noch öfters über Ihre Worte nach, -ucy nein, Sck haben' sie ?a nicht gesprochen ich habe sie Ihnen ° ftraae Man muß wohl dankbar sein dem Geschick ... Ja, aber seyei Sie-^da hat man ein Leben daran gearbeitet, Menschengeist einzuhauchen ben Geschöpfen aus Holz und Draht, wie die französische Buhne sie aus baute Des darf ich mich rühmen. Und nun kommen junge Menschen daher, und einer besonders unter ihnen, Friedrich Ludwig Sch roder. Umarmen hätte ich den Bengel können für das, was er versteht! Da hätte ein anderer, wenn er in meiner Person steckte, gesagt, hil h nicht, er versteht zuviel. Das habe ich nicht getan, icf; habe nebe M ausgehalten manches Jahr, und wir haben uns aneinander genebe . Er der Junge, an mir Altem. Warum? Ich weiß es wohl.weü ru weit vorwärts lief, weil er nicht wahr haben wollte, daß tue -tatu der künstlichen Bildung bedürfe. Nun ist mir bas P^b bavongeran! unb macht ohne Zügel und Bügel feine ^"Wucke und d'e Meng runb herum mit ei und ach unb oh! Ekhof steht iern. L- falin Gnadenposten in Gotha. Die Zeit ist über ihn w^gegangem Er k« nicht im entferntesten bas, was Schroder kann. Und ich komme I dazu, mich zu fragen: wozu denn nun gelebt was geäste ?! -Un» Geheime Kanzleirat mit dem Dlchtersinn steht auf am Tisch, n-wmi seinem Schreibtisch ein paar Zettelchen wählt aus unb liest em » auf Ekhof, dessen letzte Zeilen als Mahnung, als Aufruf an die S-Y fp,e’«r lau^n bie Kunst unb adelte den Stand. Orakel Eures Spiels unb Borbilb Eurer Sitten! Orakel Eures Spiels. Keine Erfüllung also, eine WeissaguM eine Weissagung erst. Unb Gotter hält seine Hand auf dem s $ wie auf einem Testament und jagt: „Geliebter alter Mann, muß ch Jünger es Euch sagen, daß die Tür aufgemacht werden muß, am Tausende hindurchgehen?" «etter herab die. Hand zum Abschied, und ich gelobte, ihrer immer zu S SS J&SSSÄftSS entbinde ick Euch von allen Eiden, denn wenn ich Euch nicht mefyr nah Ä habt Ihr nwiner" doch schon vergessen. - Ich aber schwur, ich wolle Wr‘unbmficer[aatebC'märe ich tot, so würden sich Eure Gedanken selbst an meinem Trabe von mir wenden. Da schwur ich ihr zu: ..Eure Nahe würde ich überall spüren und läget Ihr sieben Schuh tief unter der (grbe!" Lächelnd reichte sie mir die Hand und sagte: „Gedenket mein, "°"Jch^ aber habe ^meinen Schwur gehalten und habe ihrer nimmer ^Schweigend schritt die Königin mit dem Ritter das Mittelschiff zum Chor hinaus. Da erhob sich der weiße Mönch, bekreuzigte sich und stahl sich leise mit verhülltem Angesicht aus der Kirche. Meder standen die Königin und der Ritter vor dem sechsten Pfeiler des Mittelschiffs. Da sprach die Königin, und ihre Stimme klang wie eine verstimmte Harfe: „Spürt Ihr nichts unter Euren Fußen, Herr Ick spüre nichts," erwiderte er ihr, „denn ich stehe auf festem Stein. "Senkt Eure Augen und leset!" gebot die Königin. Da erkannte Herr von Bourdeille, daß er auf einer Steinplatte gestanden hatte, in der die Worte in lateinischer Zunge gemeißelt waren: Darunter1 fhmMJas Wappen des Geschlechts de l« Roche und der Sinn hes Todes Wäre Herr Bourdeille nur sieben Tage früher am Ho^lager zu Pau eingetroffen, fo hätte er Mademoiselle de la Roche noch “"^er* Kitter6fd)auteSbie Königin an, ohne dies alles zu fassen. Sie aber sagte: „Sehet, um ein Kleines hättet 8hr sie selbst noch lebend gesprochen. Auf ihrem Totenbett hoffte sie, ihre Gedanken wurden Euch schneller herziehen. Ihre letzte Bitte an mich war, ich sollte Euch fragen, wie ich Euch gefragt habe. Mck ich habe getan, was sie gebeten hat. Ihr seht, wie vermessen dre Schwure der Liebe find. Kniet nieder und lasset uns um Vergebung unserer Sunden beten. Als die Königin und der Herr von Bourdeille gebetet hatten, erhoben sie sich und ber Witter folgte ber Königin tränenlosen Auges, aber nut schwankenden Knien wie im Traume durch bie Kirche, die wieder durchwoben war von den vielfarbigen Lichtern der östlichen Fenster. Das Portal schloß sich hinter den beiden, und der Ritter stand geblendet vom Glanz des Sommermorgens. Auf dem Platze vor der Kirche plauderte ein junger Herr lachend mit feiner Dame. Rings um bie beiden leuchtete Licht und Sonne. Da brachen Tranen aus den Augen des Herrn von Bourdeille, daß er sich kaum zu fassen wußte. Die Blicke der Königin aber wanderten von fernem tranenüoerftromten Antlitz fort zu dem Liebespaar, das jubelnd die Straße zum Tor hin- aufzog. . Nünf Jahre später spielt Ekhofs Gesellschaft in Wetzlar, dem bieder, zornigen Städtchen des Reichskammergerichts. Er hort von einem jungen ßeaationsfetretär namens Gotter, der sich auch als Dichter einen Namen gemacht habe Er verfaße hin und her in gelehrten und galanten 3eit- Nisten zierliche Lyrismen und Episteln, er umgehe die klingenden Albernheiten ber Anakreontiker unb folge stets, wenn Worten ber Mahnung Jean Jacques Roufs e a u s „Zurück zur Natur! ist es Ekhof der sich aus ber Gesellschaft ber ehrsamen Honoratioren bie ihn feiert, möglichst halb wegstiehlt und die Mahnung des jungen Poeten aufsucht. Er erkennt ihn gleich. Gotter ist natürlich auch in ber Stomöbie gewesen, hat vom Parterre zur Buhne hin Wiedersehen gefeiert Die Begrüßung ist lebhafter als damals, ist auf feiten Gotters iKon etwas bewußt gespielt, schon in der Ueberzeugung, etwas zu gelten" Aber er hat bie (iebcnsroürbige Zurückgezogenheit, die ihn da- Äs abette noch nicht ganz aufgegebem Ekhof kann in ferner Umgebung ausruben und Gotter wird auch, je langer er bei ihm ist, um so besinnlicher.' Er studiert in feinem Gesicht, nicht mit der schematisierenden Neugier wie der Professor Lavater seine Physiognonnk treibt sondern^ immer noch mit bem Erkenntnisdrang, dem er "ls Künstler als iunaer Künstler folgt. Er hat manches aus bem Leben Ekhofs gehört. Vorsichtig bittet er ben Meister, ihm bies unb jenes jui beftatigen, und er besucht auf ben Wegen ber Erinnerung mit ihm b,e Hohenpunkte feines Lebens. „Höhenpunkte?", fragt Ekhof, »Höhenpunkte ... gewiß: roie ich armes Abvokatenschreiberlein glücklich als Akteur in bie Scfjone« mannsche Gesellschaft eintreten durfte, wie ich merkte, daß ich etwas verstand daß ich die Natur darstellte, wo die andern nur Larven zeigten, wÄ wir' beim Herzog von Mecklenburg als Hosschauspieler angestellt SurbX wie m?in Ruhm, Gott ja, mein Ruhm wuchs auf unseren Retten 'von Stabt zu Stabt, wie wir in Hamburg bas Nationaltheater orünbeten unb ein Lessing vor mir stand, kopfschüttelnd ... in Anbetung nun ja, bas wären Höhenpunkte. Aber bie Tiefen, die haben «ch i® mich gegraben, bie haben an mir gesogen, bie haben mich bei- nahe zersetzt. Wenn ich hungernb unb mißachtet auf bem Schreckstuhl aß unb an ber Feber kaute, wenn ich verlacht würbe wegen meines hutz- liaen Leibes wenn ich jahraus jahrein auf ber Lanbftraße lebte wie ein ^neuner roenT idj meinen Stand bessern und bilden wollte und eine Schauspielerakademie gründete, die aber unter Lachen zusammenkrachte mptin unser Herzog starb und ich NUN mit meuter vermaledeiten „Be. riibmtbeH" roieber auf ber Landstraße umherkroch, wenn unter Schnupf unb Schande bas Nationaltheater zusammensturzte, unb sich der Lessing in sein Antiquitätenkabinett zurückzog unb uns stehen ließ, wo wir ktonben bas finb Tiefen, junger Herr, von betten Sie hier — sitzend im marinen Stübchen, aufrückend in einer festgelegten Beamtenlausbahn - sich nichts träumen lassen." Mit einemmal ist der junge Dichter Gotter fast reif und überlegen. „Sie fluchen alfo den Tiefen? , fragt er. ut^of an wor et Nickis daraus „Ob Sie ein Künstler waren, ob Sie der Kdler wären wenn e n allzu vorsichtiges Geschick Sie von Hohepunk ku ÄhepNkt g'esti et hätte?" Auch darauf sagt Ekhof nichts. Er schweigt überhaupt den Abend über. Sie sind nur mit ihren Gedanken beiein- ander Und es ist schier tragikomisch, wie er, der Alte als er ausbricht, sich vorn Jungen Rat holt: „Sie meinen, man müsse dankbar fein dem Geschick?" * I, n ch rr r- en en it- en en ■!' io« >es rch len ’ts zu ba- ing be- Den on< als ört. mb itte -iß: ine- vas ten, teilt ’ren ater An- tben bei- faß )Utz> ein eine ichte, „Be. impf Ising wir tzend bahn Otter -khof bet >untt neigt nein» richt, bem rzog- s ist ) aus -zeit, tmen. chlen. nein, t als sehen uchen aus- sichen ber. ! Da ihm ; ihM ieben. >il er itatur rannt sieht einen kann selbst ib der t van iedichi ;chau- nnt, eichen ch als f daß Lourdes, die Stabt der Wunder. Von Paul Blum. Auf einem hohen freistehenden Felsrücken tagt das Schloß von Lourdes in den stahlblauen Himmel, mit feinen zerbröckelnden Umfas- KMsmauern und bem malerisch verfallenen Donjon aus bem 14. Jahr- Lnbert. Ringsum ducken sich die Häuschen der Ville Grise, der modern- Ln Altstadt, Schutz suchend vor der immer höher brandenden Flut der Me Blanche, der schönen neuen weißen Stadt mit ihren Klöstern, Spi- Llern, Herbergen und Kaufhäusern, überthront von der marmornen, Blärmigen Basilika, der unbestrittenen Königin dieses Tales. Die ndung der „Grauen Stabt" geht auf die Römer zurück, die an dieser Rette ein Kastell erbauten, die „weiße" ist neueren Ursprungs: sie ver- tantt ihr Entstehen einem kleinen Hirtenmädchen, dem vor bald sieben , ^zehnten der nahen Grotte Massabielle die Mutter Gottes erschien. Die Grotte Massabielle ist weniger hoch, tief und geheimnisvoll als hle Phantasie sie träumte. Auch lauscht man vergebens auf das Riefeln teis wundertätigen Wäfferleins, bas einst auf einen Zanberfchlag bem flirren Felsen entquoll. Es ist unhörbar und unsichtbar. Röhren nehmen B gleich bei seinem Ursprung auf und leiten es in die Badehäuser und Brunnen. Die Gottesmutter aber, die holde Wunder wirkte, steht mar- moroeis, mit blauer Schärpe, so wie sie einst der Hirtin Bernadette koubirous erschien, in einer natürlichen ovalen Rische des Gesteins, Io hoch, daß sie den Blick zum Aufschauen zwingt, und um ihr Haupt Wht ein Strahlenkranz mit den Worten, die damals die verzückte Hirtin vernahm: „Je suis l’immaculee Conception!" Zwei riesige Kerzen hallen unter der Nische flammende Wacht, zahllose andere Fackeln von frommen Händen stets erneut, erhellen die Grotte Tag und Nacht, füllen le mit lauwarmem Dust und wächsernem Schnee und schwärzen Wände und Decken, an denen Hunderte aufgehängter Krücken, Weihgeschenke Veheilter, von der Wunderkraft der heiligen Quelle Zeugnis geben, lausende durchwandeln Tag für Tag die Grotte, küssen den Fels an et;er bestimmten Stelle unterhalb des Bildes, reiben Medaillen, Kreuz- Jen, Kettchen daran, um sie durch die Berührung mit dem heiligen estein zu weihen. Vor dem Gitter aber, das nur durch einen engen Durchlaß Ein- und Ausgang gewährt, knien Betende im Staube, ge« Kulten Hauptes, die Arme in Kreuzform ausgebreitet, Rosenkränze in ' Üen Händen, Gebete murmelnd. An der Grotte flieht breit, klar, berg» 8, ber Gave vorbei. Sein Plätschern klingt, eine leise eintönige nne, in den Chor der Verzückten. * Vor den Badehäusern flauen sich Hunderte von Bahren und Rollwägelchen. Die Kranken, die Lahmen, die Krüppel warten auf das feilungbringenbe Bad. Ein freiwilliger Samariterdienst, meist aus pen- nonierten hohen Beamten und Militärs, zum Teil Trägern der tönenb- ften Namen des französischen Hochadels bestehend, besorgt die Beförderung ber Leidenden aus den Spitälern in die Bäder und auch wohl wieder zurück; denn die Fälle, daß Bahren und Wägelchen nach bem Bade Überflüssig geworden sind, gehören nicht eben zu den alltäglichen Ereignissen. Arn späten Nachmittag, wenn die Badezeit vorüber ist, dürfen auch Gesunde die Baderäume betreten. Man sieht darin kleine, durch Borhänge getrennte Zellen mit wannenartigen Steinbehältern, in denen trübes, schmutziggraues Wasser steht. Die Ergiebigkeit der Üuelle ist begrenzt, auch gestattet der große Andrang kein öfteres Wechseln des Wassers, das nur zweimal den Tag erneuert wird ... «Mais ca n’a aucune importance", versichert die Führerin, „C’est de l'eau miraculeuse". Und offenbar unter dem Bann dieser Worte über» oinbet eine Gruppe schlichtgekleideter Frauen und Männer ihre Hemmungen und einer nach dem anderen bückt sich, um Hände und Ge- ßcht in bem wundertätigen Wasser zu netzen. In den Gassen und Gäßchen, die zur Grotte führen, blüht ber Profit. der Umgebung ber Heiligtümer reiht sich Geschäft an Geschäft. An- Rtstarten, bank ber gegenseitigen Unterbietung billiger als sonstwo in Frankreich, Rosenkränze, Halsketten, Mebaillen, Statuetten, Heiligen- mlder, Flaschen und Becher zum Schöpfen des Wunderwassers, Kuchen, Pastillen und Bonbons, mit dem heiligen Naß bereitet ober damit ge= lullt, werben hier in sehr geschäftstüchtiger Art feilgeboten. Und es be= r kühri komisch und peinlich zugleich, die Heilige von Lourdes, an bereit Mioser Herzenseinfalt auch Zolas kritischer Geist nicht zweifelte, zur Schutzpatronin des Kommerzes erniedrigt zu sehen. Als ob verwandt- Mstliche Beziehungen zur Begnadeten eine Gewähr für die Qualität wr Waren böten, rühmt sich ein Ladenbesitzer, der Sohn des Bruders «er Bernadette zu fein, ein anderer nennt sich ihren Schwesterfohn, ■ e,n Dritter macht den Genius loci zu feinem stillen Kompagnon, indem ?F ®eren Anblick und Berührung sich zuweilen die Wunder- taufpnS»- t.erei9nen. Bei Einbruch der Dunkelheit schreitet eine viel- btt'fflrA» *‘9e Menge, Männer und Frauen, Kinder und Greise, von 8enh au.5 über die majestätischen Rampen der Basilika, Fackeln tra- nnb einen Marienhymnus singend, zieht als endlose feurige Schlange über den Riesenplatz und sammelt sich dann zu begeistert« Huldigung, ein singendes, brausendes, leuchtendes Meer, vor dem Te«- pel der Gottesmutter. Zwei Stunden lang ertönt' in allen Sprachen taf traditionelle Preislied der Allheilenden und jede ber zahllosen Strophe» klingt in ein mehrfach wiederholtes und moduliertes Ave Maria aus, das die Tausende durch Rasse, Nation, Stand und Charakter Getrennt« in einträchtigem Jubel zum nächtlichen Himmel emporsenden. Und üb« dem wogenden Flammenmeer strahlt die Basilika in festlicher Beleuchtung, die die Konturen der Fenster, Türme und Türmchen aufglänze» macht, gegenüber prangt das von farbigen Lichtern umrahmte Standbild der „Gekrönten Maria" und vom--Gipfel des 3er verkündet ein. flammendes Kreuz der inbrünstigen Menge ein tröstliches „In hoc signo vinces" — in diesem Zeichen wirst du siegen! * Die magische Atmosphäre dieser Stadt des Leidens und des Wunders tötet die Skepsis und erstickt den Spott. 3n vielen stärkt, in manchen weckt sie den Glauben, in allen, die einer menschlichen Regung fähig sind, das Erbarmen. Diese furchtbare Ansammlung menschlichen Elends, diese Hunderte von Kranken in ihrer tragischen Hilflosigkeit, diese blassen und fiebrigen, gedunsenen ober ausgehöhlten Gesichter, diese verkrümmten Glieder, geschwollenen Körper, Arme und Beine, verdrehte Hälse, gläserne Augen, aus denen — man weiß nicht recht — Ergebung, Gläubigkeit ober stumpfe Verzweiflung spricht, diese namenlos erschütternde Heerschau menschlichen Jammers, die Im Wunder ihre letzte Zuflucht Kt, all das wühlt auf, erweicht auch bas härteste Gemüt, macht die jen feucht und schnürt die Kehlen zu. Lourdes, Schule des allheilenden Erbarmens und der Menschlichkeit, Schule der Hoffnung und der Zuversicht, des Traumes und der Ekstase! Solange es Menschen geben wirb, bie leiden und schmachten, solche, ole unter der Last des Daseins keuchend zum Himmel aufblicken, und solche, die ewig vom Glück gemieden, sich doch ewig nach ihm sehnen, wirst du das Ziel Tausender und Abertausender bleiben, und deine strahlende Grotte der „Leuchtturm der Illusion, sinnfälliger Triumph des Un» möglichen über die unerbittliche Realität ... Dielegen. Erzählung von Gottfried Keller. (Fortsetzung.) Dieser Vorschlag erhielt den Beifall der Seldwyker, und so lieh Kün- golt, wohl zufrieden, ihren Dietegen nicht mehr von der Hand, sondern hielt ihn fest beisich. Das Pärchen nahm sich in der Tat höchst anmutig aus; auch das Mädchen trug einen üppigen Kranz auf dem Köpfchen und war in Grün und Rot gekleidet. Deshalb gingen sie wie ein Bild aus alter Märchenzeit vor dem fröhlichen Volke her, als dieses endlich beim glühenden Abendrot berghinunter heimwärts zog. Bald jedoch trennte sich ber Forstmeister von bem Zuge unb ging mit den Kindern seitwärts nach feinem Forsthause, welches unweit ber Stabt im Walde lag. Ein dunkler Baumgang führte zu dem Haufe, in welchem die stille Frau des Försters faß und mit Erstaunen die Kinder eintreten sah. Sogleich sammelte sich auch das Gesinde, und während die Frau den müden Kindern zu essen gab, erzählte der Mann das Abenteuer mit dem Knaben. Der war aber jetzt gänzlich erschöpft, auch fror es ihn in seiner allzuleichten Tracht; daher wurde herumgefragt, wer den Ankömmling für die erste Nacht in seinem Bette aufnehmen wolle? Tiber die Knechte, sowie die Magd wichen scheu zurück und hüteten sich, ein Kind zu berühren, das soeben am Galgen gehangen hatte. Da rief Küngolt eifrig: „Er soll in meinem Bettchen schlafen, es ist groß genug für uns beide!" Als hierüber alles lachte, sagte die Forstmeisterin freundlich: „Das soll er, mein Kind!" Und den Jungen liebevoll betrachtend, setzte sie hinzu: „Gleich als der arme Schelm hereintrat, befiel mich eine sonderbare Ahnung, als ob ein guter Engel erschiene, der uns noch zum Heil gereichen würde. Soviel ist sicher nach meinem Gefühle: Unheil wird er uns nicht bringen!" Damit führte sie die Kinder in das Kämmerchen neben ber großen Stube und beförderte sie zu Bette. Dietegen, welcher kaum mehr sah und hörte, was um ihn vorging, machte die gewohnten Bewegungen, um sich zu entkleiden; da er aber sozusagen schon im Hemd war, so machten feine schlaftrunkenen vergeblichen Versuche einen fo komischen Eindruck auf das Mädchen, welches inzwischen schon unter die Decke geschlüpft war, daß es vor Vergnügen laut auflachte und rief: „Q seht mir den Hemdlemann! Er will sich immer ausziehen und hat doch weder Wäms- chen noch Stiefelchen an!" Auch die Mutter mußte lächeln und sagte: „Geh in Gottes Namen nur in deinem Armesünderhemdchen zu Bett, du lieber Schelm! Es ist ja ganz neu und dazu von guter Leinwand! Wahrlich, die bösen Leute zu Ruechenstein betreiben ihre Greuel wenigstens mit einem gewissen Aufwand!" Damit deckte sie die Kinder behaglich zu und konnte sich nicht enthalten, beide zu küssen, fo daß nun Dietegen herrlicher aufgehoben war, als er es sich am Morgen ober je in feinem Leben geträumt hätte. Aber feine Augen waren schon geschlossen und feine Seele in tiefem Schlafe. „Nun hat er aber gar nicht gebetet!“ sagte Küngolt halblaut und bekümmert, worauf die Mutter erwiderte: „So bete du auch für ihn, mein Kindchen!" und in die Stube zurückging. In der Tat sprach das Mädchen nun zwei Vaterunser, eines für sich und eines für feinen Schlas- tameraben, worauf es still wurde im dunklen Kämmerlein. Geraume Zeit nach Mitternacht erwachte Dietegen, weil nun erst ihn sein Hals zu schmerzen begann von dem unfreundlichen Strick. Das Gemach mar ganz hell vom Mondschein, abet er konnte sich durchaus nicht entsinnen, wo er mar und mas aus ihm geworden fei. Nur das erkannte er, daß es ihm, vom Halsweh abgesehen, unendlich wohl ergehe. Das Fenster stand offen, ein Brunnen klang lieblich herein, die silberne Nacht webte flüsternd in den Waldbäumen, über welchen der Mond schwebte: alles dies schien ihm unbegreiflich und wunderbar, da er noch nie den Wald, weder bei Tag noch bei Nacht, gesehen hatte. Er fchaute, er horchte, endlich richtete er sich auf und sah neben sich Küngoltchen Hegen, welcher der Mond gerade ins Gesicht schien. Sie lag still, aber ganz wach, weil sie vor Freiiae und Auf rgang nichr schlafen konnte. Deshalb glänzten ihr« Augen weit geöffnet und ihr Mund lächelte, als ihr der nahe Dietegen ins Gesicht schaute und sich nun besann. „Warum schläfst du nicht? Du mußt schlafen!" sagte das Mädchen: allein er klagte nun, daß ihm der Hals weh täte. Sogleich schlang Kün- galt ihre zarten Aermchen um seinen Hals -und schmiegte mitleidig ihre Wangen an die ("einigen, und wirklich glaubte er bald nichts mehr von dem Schmerze zu verspüren, so heilsam schien ihm dies/r Verband. Nun plauderten sie halblaut; Dietegen mußte von sich erzählen; allein er war einsilbig, weil er nicht viel zu saAn wußte, was ihn freute, und vom erlebten Elend konnte er keine Darstellung machen, weil er noch keinen Gegensatz davon kannte, den heutigen Abend ausgenommen. Doch fiel ihm plötzlich sein Vergnügen mit der Armbrust ein, das er seither ganz vergessen, und er erzählte von dem alten Krämer, wie der ihn in die Tinte gebracht, wie er aber herrlich geschossen habe länger als eine Stunde, und wie er sich nur wieder eine solche Armbrust wünsche. „Armbrüste und Schießzeug hat mein Vater genug, da kannst du gleich morgen anfangen zu schießen, soviel du willst!" sagte Küngoltchen, und nun fing sie an herzuzählen, was alles für gute Dinge und schöne Sachen im Hause seien, was sie selbst für Hauptsachen in einer kleinen Truhe besitze, zwei goldene Regenbogenschüsselchen, ein Halsband von Bernstein, ein Legendenbüchlein mit bunten Heiligen und auch einen schönen Schnecken, in welchem eine kleine Muttergottes sitze in Gold und roter Seide, mit einem Glasscheibchen bedeckt. Auch gehöre ihr ein vergoldeter silberner Lössel mit einem gewundenen Stiel, mit dem dürfe sie aber erst essen, wenn sie einst groß sei und einen Mann habe; dann bekomme sie zur Hochzeit den Brautschmuck ihrer Mutter und deren blaues Brokatkleid, welches ganz allein aufrecht stehen könne, ohne daß jemand drin stecke. Hierauf schwieg sie ein Weilchen; dann ihren Schlafgesellen fester an sich schließend, sagte sie leiser: „Du, Dietegen!" — „Was?" fragte er, und sie erwiderte: „Du mußt mein Mann werden, wenn wir groß sind, du gehörst mein! Willst du freiwillig?" — „Ja freilich", sagte er. „So gib “mir die Hand darauf!" meinte die Heiratslustige; er tat es, und nach diesem Eheversprechen schliefen sie endlich ein und erwachten nicht, bis die Sonne schon hoch am Himmel stand. Denn die gute Mutter hatte absichtlich, um den Knaben seine Erholung zu gönnen, auch ihr Kind nicht geweckt. Jetzt aber trat sie sorglich in die Kammer, ein vollständiges Knaben- gewand auf dem Arme 'tragend. Vor zwei Jahren war ihr von einer gefällten Eiche ein Sohn erschlagen worden, dessen Kleider, obgleich er ein Jahr älter gewesen als Dietegen, diesen recht sein mochten, da er vollkommen die Größe jenes verlorenen Kindes besaß. Es war das Feiertagskleid, welches sie mit Leid und Weh aufbewahrt; darum war sie mit der Sonne aufgestanden, um einige bunte Bänder davon abzutrennen, welche dasselbe zierten, und die Schlitze zuzunähen, die das seidene Un- terfutter durchschimmern ließen. Ihre Tränen waren über dieser Arbeit wieder geflossen, als sie die rote Seide, welche wie ein verlorener Frühling hervorglänzte, allmählich hinter dem schwarzen Tuche des Wämschens und der kleinen Pumphose verschwinden sah. Aber ein süßer Trost beschlich sie, da ihr das Schicksal jetzt ein so schönes, dem Tod abgejagtes Menschenkind zusandte, welches sie mit der dunklen Hülle ihres eigenen Kindes bekleiden konnte, und sie ließ nicht nur aus Eile, sondern absichtlich die helle Seide darunter, wie das verborgene Feuer ihres eigenen Herzens: denn sie meinte es viel besser und lieblicher mit allen Wesen, als sie in ihrer Stille zu zeigen vermochte. Wenn der Junge sich gut an« ließ, so wollte sie die Schlitze wieder auf trennen; er sollte das Kleid ohnehin nur einige Tage für die Woche tragen, bis ein handfesteres Werkelkleid gezimmert war. Während sie aber dem Knaben Anleitung angab, das ungewohnte Staatskleid sich anzuziehen, war Küngoltchen längst aus dem Bett und hatte unversehens das abgelegte Galgenhemd erwischt und ans Mutwillen sich über den Kopf gezogen, so daß sie jetzt darin herumspazierte und es auf dem Boden nachschleppte. Dazu trug sie die Hände auf dem Rücken, wie wenn sie gebunden wären, und fang: „Ich bin ein armes Sünderlein und habe keinen Strumpf am 'Rein!" Darüber erschrak die Forstmeisterin tödlich und erbleichte. „Um Christi willen," sagte sie dennoch sanft und leise, „wer lehrt dich nur solche schlimmen Späße!" und sie nahm dem vergnügten Kind das böse Hemd. Dietegen aber ergriff es voll Zorn und zerriß es mit wenig Zügen in zwanzig Stücke. Nun die Kinder angekleidet waren, ging es endlich zum Frühstück in die Stube. Es war in der Frühe B-mt gebacken worden, daher gab es frische Kümmelkuchen zu der Milchsuppe, und statt des kleinen Extra- brötchens, das sonst für Küngolt sorglich gebildet und gebacken werden mußte, daß es in seiner Gestalt den großen Broten gleich sah, waren heute zwei gemacht worden, und das Mädchen ruhte nicht, bis Dietegen das vollkommenere gewählt hatte. Er aß ohne Schüchternheit alles, was man ihm gab, wie wenn er von fremden bösen Leuten in das Vaterhaus zurückgekommen wäre. Aber er war ganz still dabei und besah sich fortwährend die freundliche milde Frau, die helle Stube und die stattlichen Geräte; als er gegessen, setzte er diese Betrachtungen fort, denn di« Wände waren mit Tannenholz getäfert und mit buntem Blumenwerk übermalt und in den Fenstern glänzten zwei gemalte Scheiben mit den Wappen des Mannes und der Frau. Als er auch das Büfett mit dem blanken Zinngeschirr aufmerksam beschaut, erinnerte er sich plötzlich des schmutzigen Silberkännchens, das ihn ins Unglück gebracht, und der unfreundlichen Bettelvogtswohnung, und in der Meinung, er müsse wieder dahin zurückkehren, sagte er ängstlich: „Muß ich jetzt wieder nach Haus gehen? Ich weiß den Weg nicht!" ,, »Den brauchst du auch nicht' zu wissen," sagte die Mutter gerührt und streichelte ihm das Sinn; „hast du noch nicht gemerkt, daß du bei uns cfo iben mutzt? Geh jetzt mit ihm herum, Küngoltchen, und zeig' ihm das Hans und den Wald und alles, aber geht nicht zu weit!" Da nahm ihn Küngoltchen bei der Hand und führte ihn in des fforft« meifiers Kammer, wo er seine Waffen bewahrte. Sechs oder sieben schöne Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl Armbrüste hingen dork, ferner Jagdspieße, Hirschfänger, Weidmesser und Dolche; auch des Forstmeisters langes Schwert stand in einer Ecke. Distegen beschaute alles, ohne ein Wort zu sprechen, aber mit glänzenden Augen; Küngolt stieg auf einen Stuhl, um ihm die Armbrüste herunter, zureichen, von denen einige mit eingelegter Arbeit künstlich verzier« waren. Er bewunderte alles mit ehrerbietigen Blicken, wie etwa ein talentvoller Junge sich in der Werkstatt eines großen Malers umsisht während dieser nicht zu Hause ist. Küngolts Versprechen, eine Schief belustigung anzustellen, konnte freilich nicht ausgeführt werden, weit dh Bolzen in einem Kasten verschlossen waren; dafür gab sie ihm einen schönen kurzen Spieß in die Hand, damit er eine Waffe trage, und führte ihn nun in den Forst hinaus. Zunächst kamen sie durch einen eingelegten Wildgarten, in welchem die Stadt zahmes Rotwild pflegen ließ, damit es ja nie an einem guten Braten fehle zu chren öffentlichen Schmause, reien. Das Mädchen lockte einen Hirsch herbei und einige Rehe; solch, Tiere hatte Dietegen bisher nur tot gesehen; er stand deshalb ganz ver- zückt mit seinem Spieß auf der Schulter und konnte sich nicht satt schauen an dem Stehen und Gehen des schönen Wildes. Begierig streckte er ble Hand aus nach dem stolzen Hirsch, um ihn zu streicheln, und als derselbe mit einem Satze seitwärts sprang und lässig davontrabte, lief er ihm auf. jubelnd und jauchzend nach und sprang mit ihm um die Wette im weiten Kreise herum. Es war vielleicht das erstemal in seinem Leben, daß er auf diese Weise seine Glieder brauchte und seiner Lebenslust inne ward, und der Hirsch, voll Anmut und Kraft, schien den behenden Knaben zu [einem Vergnügen zu verlocken und, indem er vor ihm floh, seine schönsten Sprünge zu üben. Doch Dietegen wurde wieder still und beschaulich, als sie den Hoch, wald betraten, in welchem die Tannen und die Eichen, die Fichten und die Buchen, der Ahorn und die Linde dicht ineinander zum Himmel wuchsen. Das Eichhörnchen blitzte rötlich von Stamm zu Stamm, die Spechte hämmerten, hoch in der Luft schrien die Raubvögel und tausend Geheimnisse rauschten unsichtbar in den Laub krönen und im dichten Ge> stände. Küngolt lachte wie närrisch, weil der arme Dietegen nichts noi allem verstand und kannte, obgleich er in einem Berg- und Waldstädtche» aufgewachsen, und sie wußte ihm alles geläufig zu weisen und zu be- nennen. Sie zeigte ihm den Häher, der hoch in den Zweigen saß, und de« bunten Specht, der eben um einen Stamm herumkletterte, und über olle» wunderte er sich höchiich, und daß die Bäume und Sträucher so vielt Namen hatten. Nicht einmal die Haselnuß- und die Brombeersträucher hatte er gekannt. Sie kamen an einen rauschenden Bach, in welchen, von ihren Füßen aufgescheucht, eben eine Schlange schlüpfte und davon- schwamm ober sich in bett Steinen verkroch. Schnell riß sie ihm ben Spieß aus ber Hand unb wollte bamit in dem Wasser herumstechen, um die Schlange aufzustöbern. Aber als Dietegen sah, baß sie die blankgeschliffene Waffe mißhandeln wollte, nahm er ihr dieselbe stracks wieder aus de» Händen und machte sie aufmerksam, wie sie die glänzende scharf« Spitze an ben Steinen verderben würbe. „Das ist wohlgetan von bir, bu wirst gut zu brauchen sein!" sagte plötzlich ber Forstmeister, der mit einem Knechte hinter ben Kindern stand. Sie hatten ihn wegen des Bachge- räusches nicht kommen hören. Der Knecht trug einen geschossenen Auerhahn an ber Hanb, denn sie waren in ber Morgenfrühe schon ausgewogen. Dietegen durfte ben prächtigen Vogel an seinen Spieß hängen unb übet ber Schulter vorantragen, baß die entfächerten Flügel seine schlanke» Hüften umhüllten, unb ber Forstmeister betrachtete voll Wohlgefallen bei schönen Knaben und verhieß, einen rechten Gesellen aus ihm zu machen. Vorberhand jeboch sollte er nur notdürftig etwas lesen unb schreibe» lernen unb mußte zu diesem Ende hin jeden Tag mit Küngoltchen zur Stabt gehen, wo in einem Nonnen- unb in einem Mönchskloster für die Bürgerkinder einiger Unterricht erteilt würbe. 'Aber bie Hauptunterwei- sung erhielt Dietegen auf dem Hin- unb Herwege, auf welchem bas Mädchen ihm bie Welt auftat unb ihm Auskmfft gab über alles, was am Wege ftanb ober barüber lief. Hierbei.befolgte bie kleine Lehrjungfer eine Erziehungsart von eigentümlicher Erfinbung. Sie neckte, hänselte und belog den unwissenden und leichtgläubigen Knaben erst über alle Singt, indem sie ihm bie dicksten Bären unb Erfindungen aufbanb, und wen» er bann ihre Lügen unb Märchen gutmütig glaubte und sich darüber verwunderte, so beschämte sie ihn mit ber Erklärung, daß alles nicht wahr fei; nachdem sie ihm dann seinen blinden Glauben spottend verwiese», verkündigte sie ihm mit. großer Weisheit den wahren Bestand der Welt, so weit er ihrem Kinderköpfchen bekannt war, und er befliß sich errötend eines größeren Scharfsinnes, bis sie ihm eine neue Falle stellte. Nach und nach aber wurde er dadurch gewitzigt, den Weltlauf bester zu verstehen, was ein anderer Junge zu feinem Schrecken erfahren mußte; den« als dieser es dem Mädchen nachtun wollte und den Dietegen mit einem frechen Aufschnitt bewirtete, schlug ber ihn unverweilt ins Gesicht Küngolt, hierüber verblüfft, war neugierig, ob sich ein solcher Zorn auch gegen sie wenben könnte, und probierte den Schiller auf ber Stelle, aber sachte, mit neuen Lügen. Von ihr jeboch nahm er alles an, unb sie setz« ihren wunderlichen Unterricht kecklich fort, bis sie entdeckte, daß « gutmütig mit ihren Lügen zu spielen anfing und einen zierlichen Gegen- unterricht begann, indem er ihre mutwilligen Erfindungen mit nicht unwitzigen Ouerzügen durchkreuzte, so daß sie manchmal auf ein glattes EU gesetzt wurde. Da fand sie, baß es Zeit fei, ihn aus dieser Schule entlassen und einen Schritt weiter zu führen. Sie begann ihn jetzt 3* tyrannisieren, daß er fast in ärgere Dienstbarkeit verfiel, als er einst W dem Bettelvogt erduldet hatte. Alles gab sie ihm zu tragen, zu heben,3» holen und zu verrichten; jeden Augenblick mußte er um sie sein, ihr W« Wasser schöpfen, die Bäume schütteln, die Nüsse aufklopfen, da« Korbche halten und bie Schuhe binden; und selbst ihr das Haar zu strählen un° zu flechten, wollte sie ihn abrichten; aber das schlug er ab. Do ffflnio. unb zankte sie mit ihm, und als ihn die Mutter unterstützte und fle Ruhe verwies, wurde sie sogar gegen diese ungebärdig. (Fortsetzung folgt.)__________ sch« UniversitätS-Buch» und Steindruckerei, R. Lang«,