SiehenerKnnilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger inw,?!»wwkwb— iiiii■ ■ ।■ im !i.l_*Pi.i.i. । .1—iji - ■mw—i ——— Jahrgang (928 Samstag, den |5. September Nummer Herbst im Küchengarten. Von Theodor Kramer- Im Quadernschutz in seinen hundert Arten wächst still der Herbst sich aus im Küchengarten. Die Himbeerstauden kriechen welk und klein gleich grauen Raupen über das Gestein. Ein dunkles Glänzen wird im Heller rege, spitzt welkt der Schnittlauch um die Prügelwege. Im Sonnenbrand die Spargelbüsche wehn, aus magrer Erde hebt sich weiß der Kren. Nur träge Hummeln sind es, die noch summen, auf Schneckenhäusern leuchtet blau Verstummen. In braunem Rascheln steht Tomatenglühn, am Boden gelb ein spätes Gurkenbluhn. Die Sonnenblumen drehen sich zur Mauer, die Trauben hängen noch gering und sauer; und schwarze Drosseln schwirren, drei und vier, und picken sie im Schwirren vom Spalier. 3 maginäreMeliebte Von Anton Schnack. So müßte sie sein: mir eines Nachmittags begegnend, da ich nichts vorhabe als in der Manen, gewürzten Lust an den Gärten vorbeizugehen, hinter denen eine steinerne Göttin unter glühenden Dleanber« böschen seit Jahren, seit Frühlingen und Sommern, seit Herbstzeiten und Schneewintern das gleiche undurchschaubare Geheimnis behütet. Ich sehe sie aus einem grünen Pförtchen treten, mit einem Lächeln, von dem ich nicht weiß, ob es ein Lächeln für mich ist oder für die süße Inbrunst der Blumen, über die sie ihr Gesicht verehrend und betrachtend neigte. Ich habe keine Vorstellung von ihrer Gestalt, von ihren Haaren und ihren Augen, von ihrer Stirne und ihrem Mund; ich habe nur das Bewußtsein von ihren Augen, von ihrer Stirne und ihrem Mund; ich habe nur bas Bewußtsein von ihrer großen Kindheit, die eben noch am undurchdringlichen Spiegel des Gewässers stand und bas goldblitzende, schweigsame Rudern der alten Fische betrachtete. Wenn sie mich früge: willst du mit mir träumen? — ich wäre nicht verwundert und mein Ja wäre das selbstverständlichste Wort, das ich je gesprochen. Vielleicht würden dabei die Adern über ihrer makellosen überreinen Schläfe ein wenig aufleuchten für die Zeit eines Herzschlages. Wöhle mit mir — würde sie mich auffordern — den Silberschein der ein» brechenden Nacht oder die von Fliegen durchschwirrte Stille des Nachmittags; wähle den Schatten im Erlengehölz oder die zertrümmerte Steinbank, darüber ein brauner Bogel fein scheues Nest hat; ich werde .unergründlich in meiner Bereitschaft für dich sein und dir so etwas wie eine Nähe geben, die vielleicht den Saum des Glückes gestreift hat; du wirst neben mir sitzen, verloren in eine gute Andacht, mein Traum von den Dingen, von dem hingemeffenen Leben und von den inneren Schicksalsrufen geht in den deinen über und gibt feinem abenteuerlichen Hinslug ein Gestade der Besänftigung und Gelassenheit! ... Sie wird mir die Innenfläche ihrer Hand zeigen, vor der ich erschrecke, so sehr Seele, Weltverlorenheit, Schmerzhaftigkeit und verborgene Bewegtheit ist sie. Das ist dein, wird sie etwas niedergebeugt nachbenkend sagen; du kannst aus dieser Handschale Wasser trinken, Wein oder Tränen, du kannst sie an dein Herz legen oder unter deine Füße und darüber hinwegtreten, als wäre sie Staub, zufällig hergeweht, ober w>s abgefallene, zerknitterte und zersprungene Hornflügelchen eines vor Müdigkeit niedergesunkenen Käfers, der unter den Metallglanz eines knirschenden Rades kam. Sie würde mir ihr kleines Ohr mit den Worten herneigen: flüstere und sprich hinein, was in dir ist, was dich entspannt, was dein Blut verwart ober erleichtert, was dich befreit ober bedrückt, Mildes und Weites, «tstlares und Schmerzendes, Fröhliches und Phantastifches, Schmeichle- Zches und Brau endes, Wildes und Müdes. Dinge, die mich quälen, ^te, die mich zerfleischen, Sätze, die mich beruhigen, Flüche, die mich erschrecken, Verwünschungen, die mich brennen, bas Seltsamste, Kühnst«, das kaum zu Verstehende und Durchschauende will ich verstehen und mit meinem Blute vereinbaren! * Sie wird sich etwas niederneigen, so wie ein Windzug eine Blum« beugt, die frei und ungeschützt an den Feldern entlang wächst. Und fie würde mir ihr Schicksal aussprechen, Tor zu fein, das für mich der Eingang zu den Dingen des Lebens ist; gehe hindurch und kehre zurück. Und ich fühle sie sagen: woher du auch kommst, aus Erinnerungen, aus Irrgänger!, von Gesprächen mit Kindern, aus Einsamkeit, aus Lichtern und Städten, aus Schwermut und Niederlagen, von dem Atem der Frauen her und von den Spielen der Männer, von Meeren und Wäldern, aus langen Wanderungen und Verkommenheiten, ich will es, wenn auch unbegreiflich, begreifen. — Ich liebe — wird sie weitersprechen — ein Gestirn, ich liebe eine Taube, ich liebe die ewige Trauer des Schwans, ixh habe Vertrauen zu einem Kinde, bas über einen Spiegel erstaunt, inj bin beglückt vom Zeitwandel der Natur und der fernen Melodie eines Brunnens, ich träume dem Südflug der Vögel nach und kann mein Herz in ein Gedicht und in das Geheiligtsein eines Gebetes versenken; ich bin gesammelt und voll Eintracht, während du voll Zwietracht und Versuchung bist, voll Ergrünbungssucht und Hunger, voll Getriebenheit und Eroberungsgier, dich an der Welt und ihren Dingen zu versuchen. Ich wüßte nichts, was ich darauf erwidern sollte. Hinter ihrer Stirne sähe ich die Gedanken eines Engels und eines Teufels zugleich. Sie würde mich anfehen, und ich würde sie verftehen; ich würde sie ansehen, und sie würde mich verstehen, mit einer unzerbrechlichen Klarheit des Wissens, bas nur aus den Kammern berjenigen Herzen kommt, die sich miteinander messen können. Ich habe auch keine Vorstellung von ihrem Alter, denn ihre äti kommt unter allen Altern vor. Das kann eine Fünfzehnjährige sein ober eine Achtzehnjährige, eine Zwanzigjährige ober eine, die schon den Weg zum Alter äeht. Sie wird jenes Gesicht haben, in dem alle Möglichkeiten sind. Ein Gesicht mit allen Möglichkeiten hat auch die Wahrscheinlichkeit der Vollkommenheit ... Sie würde mich nicht, fragen, wer ich sei, was ich wäre, Soldat ob« Dichter, Ackerbau oder Nichtstuer, Schreiber oder Tänzer, Fischer ob« Jäger, reich ober arm, verkommen ober gesittet, ein Trinker ober ein Spieler, ein Phantast ober ein Beschränkter; keine Frage würbe fie an mich stellen, woher ich gekommen sei, aus einem Nachtlokal ober aus einem Korridor oder einem Werkstattraum, und es wäre ihr gleich, ob ich in den Nächten nichts anderes täte als nur Sterne zu zählen oder unergründlichen Träumereien nachzuhängen, Bücher zu schreiben ober den Ranch einer Zigarette in die Luft zu blasen. Was könnte ihr auch das Wissen davon nützen; denn was ich heute nicht bin, kann ich morgen sein, und was ich heute nicht tue, dazu kann mich das Schicksal in der Nacht schon zwingen. Sie würde in den Garten vorausgehen, der sie sah, wenn fie sich den Phantasien ihres Herzens hingab; das ist mein Lieblingsbaum — würde sie zu der Akazie am Wege sagen —; und ich verstehe, daß es. Symbol für fie ist, immer wieder, Jahr für Jahr, in herrlicher Entfaltung zu stehen, goldenblitzenden Bienenschwärmen sich hinzuschenken, tu einem süßen und schweren Blühen sich zu verströmen, wenn auch d« Regen der Trauer und des Schmerzes und der Wind der Gewalt üb« sie hereinbräche. Ach, der Stein ist niedergebrochen. Die Schwermut eines alten Mooses ist über den Kanten seit vielen Jahrzehnten eingewachfen. Hier können wir uns niedersetzen, die Gesichter dem raschelnden Nachmittagswind Hinhalten, das Samtspiel der Schmetterlinge betrachten, die in weißen, blauen und gelben Sögen die Blumenwiese und den Rand des bewegungslosen Gartengewässers übergaukeln. Was willst du, würde ihre leise Stimme klingen: Küsse auf die Hände, Küsse auf den Mund, soll meine Hand in deinen Haaren wühlen, willst du, daß ich dich nur betrachte guten Auges und innerer Verklärung doO, willst du, daß ich dir mein Geheimstes entgegenflüstere, alle Torheit und alle Weisheit meines Blutes; willst du, daß ich mein Herz näher an bas deine rücke, willst du, daß ich mein Blut wie ein Feuer dir entgegen- werfe, willst du, daß ich weine oder mich zu einem schönen und selige» Lächeln bereithalte? Ober soll ich dich fragen, ob du Hunger hast ob« Dürft, ob bu den Vogelflug liebst oder das Scheinen eines Lichtes ans einem Fenster oder ob dir die Akkorde in Moll lieber find als bi« in Dur? Soll ich gehen und dir Blumen dringen? Soll ich ein Spiel mtt dir tun ober für dich über die Wiese jagen? Setze dich neben mich und schweige, würde ich sagen; denn ich bin glücklich! ... Im modernen Sevilla, ebenso wie im ganzen heutigen Spanien, gibt es wenige wirkliche Don Juans, es sei denn, daß man alle die Herren, die den schönen Frauen auf der Straße Schmeicheleien und Komplimente zuflüstern, für Juan Tenorios halten wollte, die Mädchen freuen sich darüber aber in der Oeffentlichkeit nehmen sie davon nur in den aller- feltenste'n Fällen Notiz. In die Heimlichkeit des Hauses einzudringen, ist nun für den andalusischen Don Juan sehr schwer, auch von seinem Degen kann er heute keinen Gebrauch mehr modert. Es kommt hinzu, daß sich die Spanierin im allgemeinen nach keinen» Don Inan sehnt. Die Carmen- Legende hat die Spanierin in einem schiefen Spiegel gezeigt, Sie tragt niemals einen Dolch im Strumpfband, sie ist auch im Kapitel Lieb« nüchterner veranlagt, als man es vorauszusehen pflegt, «is »st in ihren Leidenschaften beherrscht, sie denkt weniger an süße Schwärmer«, sondern sie sucht einen Ehemann und Versorger. So ist sie denn auch im allgemeinen Abenteuern abgeneigt, kleinbürgerlich in ihren Gewohnheiten, und in hunderttausend Vorurteile eingepuppt. Ihr Drang nach Freiheit ist gering, sie fürchtet jeden Tratsch und übt keine Kritik am He^ gebrachten. In Spanien ist das Zeitalter der emanzipierten Frau noch nicht angebrochen, und es werden noch lange Jahrzehnte vergehen, ehe sie für sich dieselben Rechte beanspruchen wird, di« die Nordländerin schon lange besitzt. Ein leerer Flirt ist für sie Zeitverlust. Nun hat das Wort „Liebe" in Spanien, auf die Frau bezogen, nicht ganz denselben Sinn wie in Deutschland oder England. Das Wort „lieben" heißt „querer" und bedeutet gleichzeitig „wollen, verlangen . Das was den Mädchen des Nordens oft das Wesen der Liebe ist, was über das Geschlechtliche und Aeußerliche h-nausgeht, entspricht n.ch un- bedinat ihrem Wesen. Ein Beweis dasür sind die Dichter der spanischen Romantik, deren Verse oft gekünstelt erscheinen. Die Romantik setzt Rawi- tät voraus, die Spanierin ist aber nichts weniger als naiv oder um schuldig Ja das Wort „innocente" (unschuldig) ist auf em lunges Mädchen angewandt, gleichbedeutend mit dumm. Ein Bürgermadchen, das mit sed)zehn Jahren noch an die blaue Blume der Liebe glauben wurde, müllte reimlos erscheinen. Der Spanier sieht in jungen Mädchen die beginnend/ Frau, wie denn auch das Mädchen im Mann nicht so sehr den Freund und Gefährten, wie den Mann sucht. Auch Don Juan suchte keine Liebe in unserem Sinne. Er selbst sagt von sich, daß er nur eines Tages bedürse, um die Begehrte »erhebt zu machen, eines anderen, um sie zu erobern, eines dritten, um sie zu verlassen und nur weniger Stunden, um sie zu vergessen. Die Spanierin steht noch immer unter strenger Aussicht. Wenn sich in Barcelona das panische Frauenleben auch ganz langsam dem allgemein europäischen zu nähern beginnt, einige Mädchen des bürgerlichen Mittelstandes schon beruflich tätig sind und deshalb eine, wenn auch stark beengte Freiheit für sich beanspruchen, so geht doch in Sevilla kein junges Mädchen, auch keine junge Frau ohne Schutz allein auf die Straße, sie muß vor allem die Straßen meiden, in denen die Herren vor den Cafes zu sitzen pflegen in anderen Städten steht sie unter noch strengerer Aufsicht, eine junge Dame der Gesellschaft kann eigentlich nur spazieren fahren, so daß sie in feine Berührung mit Herren kommen kann. Dafür darf sie am Abend hinter dem vergitterten Balkon stehen und sehnsüchtig warten, bis der vorbeigeht, dem sie gefällt und der sie freien konnte. Hinter dem Gitter erlaubt es auch die Sitte, daß sie mit Herren, die sie begrüßen, plaudert. Oft findet sich denn auch der „Novio , der Bräutigam, der nun allein das Recht besitzt, allabendlich vor ihrem Fenster zu erscheinen, und ihr den Hof zu machen. In manchen Familien darf der Bräutigam nicht vor dem Hochzeitstage das Haus seiner Braut und feiner Schwiegereltern betreten, geschieht es aber doch, !° wird er keine Minute mit ihr allein gelassen. Es ist gänzlich unzulässig, daß Braut und Bräutigam in kleineren Provinzstädten allein spazieren gehen; offiziell dürfen sie sich auch nicht küssen, doch fordert es die Sitte, daß sie einander mit Eifersucht quälen. In den oberen Gesellschaftsschichten sind die Sitten anders und freier. Die große Dame ist ein internationaler Typus und d,e vornehme Spanierin hat einen ganz besonderen Charin. ^bcr selbst m der Madrider Aristokratie gibt es wenige Salons, in denen die Dam« des Hanfes um sich einen Schwarm von Bewunderern schart, n denen ft« fkc et Gewiß gibt es auch in Spanien Romane, aber fte spielen sich.!» heimlich ab, daß'die Welt nur wenig davon erfährt. Es kann keine Gitter geben, die der List einer verliebten Frau zu widerstehen vermögen. Die Unfreiheit der Frau drückt dem spanischen Leden einen besonderen Stempel auf Der Ausländer, der ins Reich Don Juans mit dem Glauben an idie Carmenlegende kommt, wird bald enttäuscht. Er findet keine ronianiischen und leidenschaftlichen Abenteuer, aber er findet leicht eine hübsch« Frau, die ihn am Traualtar erwartet. Die meisten Ausländer, namentlich d> Deutschen, die in Spanien leben, sind mit Spanierinnen verheiratet. Photographie ist Lichtgestaltung. Bon L. Moholy-Nagy. (Nachdruck verboten.) Der Photograph ist Lichtbildner; Photographie ist Gestaltung des ^Wenn in der Photographie nicht das wechselnde, mit anderen Mitteln bisher kaum faßbare Spiel des Lichts die Hauptsache wäre, sonderii die Projektion der Gegenstände in ihrer formalen Erscheinung allem, dann müßten wir jede stäche, lichtarme, graue Photographie, die einen Gegen stand nock) erkennen läßt, für gut erklären Das tut aber heute kein von jenen, die einigermaßen gewohnt sind, Photographie zu sehen. Da ist also die erste, primitivste Erkenntnis für die Handhabung eines noch nicht ganz ausgenützten Mittels. Sie besitzt ihre Gultigkei vor allem aud) dann, wenn man photographische Au^ahmen oyne Kamera ausführen will, d. h. wenn es uns gelingt, das Wefenhaste oes photographischen Versahrens, die Möglichkeiten der lidstempfindlichen Schicht zu Gestaltungszwecken auszunutzen. Nämlich: das wesentliche Werkzeug des photographischen Berfahreii^ ist nickst die Kamera, sondern die lichtempfindliche Schickst, in spezifisch photogravhischen Gesetze und Methoden ergeben sich au- dem Verhalten der Schicht gegenüber denl L.chtwirkungen diesich »»nh jedes Material beeinflußt — je nach Heller oder dunkler, glatte rauher Beschaffenheit — ergeben. . oinic — Erst nach Ergründung dieses Problems — also m St»ctfei u __ wird man das Charakteristische der bisher bekannten M^Leur-i die Verbindung der lichtempfindlichen Schicht m> einer Camera od — untersuchen können. Und man wird auch da zu dem E g ge|»ung daß die Photographie nicht mit malerischer oder zeichnerischer Cei,^^ verwechselt werden darf, daß die Photographie ihrZeigen« Mittel gebiet, ihre eigenen Gesetze in bezug auf die Berwe $ aU5, besitzt, und daß es darauf ankommt, diese Gesetze nach Mogl cy zunutzen und auszubauen. 1. Sie kameralose Aufnahme: das „P h o t o g r a m Wenn man auf ein Auskopierpapier in der - oder bei Z streuten, Tageslicht - ein Objekt legt- kann man beobachten bay^^^ kurzer Zeit die Umriffe des Gegenstandes mit dem zugehörige fflnn bild in Hellen Flächen auf dunklem Grund sormem Das Meiy man mit Kunstlichtpapier bei künstlichem Licht erreichen, Tages- schied, daß der Entstehungsprozeh des Bildes nicht wi licht — im Fortschrcsten beobachtet werden kann. Im Lande Don Juans. i Von E. v. Ungern-Sternberg. Die Heimat Don Juans liegt an den Wassern des Guadalquivir. D«r Guadalauioir ist mit einem Zauder der Romantik umwoben worden, den er vielleicht nicht verdient. Es kommt dabei allerdings auf die Augen an mit denen man den langsam dahinfließenden «trom betracytet. Im weißen Cordova unter der alten Römerbrücke mit den 16 ©tembog n, über die drei Kulturgenerationen, Römer, Mauren und Spanier, dahin gezogen sind ist er schläfrig und lehmgrau, aber wenn er weiter durch graue Olivenpflanzungen, durch Weingärten und grüne Felder lemen Weg nach der Stadt der Abenteuer, der Lieder und «agen, nach Sevilla, bahnt, so ist er breit und stattlich angeschwollen. In feinen Wassern spiegelt sich der Turm der Giralda und erinnert daran, daß auch Seoilla ebenso wie Cordova, eine Maurenstadt war. Heute ist Sevilla neben Zaragossa das Mekka der spanischen Katholiken, di- Stadt des gnadenreichen Heiligenbildes der Jungfrau des Garmen, die Stadt, die unter dem besonderen Schutz der Gottesmutter steht. Im flackernden Glanze gelber Wachskerzen umstehen das Bildnis der Madonna der Kardinal >m glühenden Rot seines Ornates, Bischöfe in violetten Seidentalaren, oi -- liehe Chorknaben in bunten Spitzengewandern und die Schar der Kanonici und Monseigneurs. Und weit im Schiss der Kathedrale knien ernst und grazil die schönen vevillanerinnen, den Blick unter dem Schleier zu Boden gesenkt, ' durch die Finger gleiten schnell die Perlen des Rosenkranzes. So hat auch einst Dona Ines gekniet, als Don 3uan Jie zum erstenmal erblickte. Nur wer Andalusien kennt, wer an den Ufern des Guadalquivir stand, wer durch die Calle de Sierpes und durch tue engen Gassen Sevillas streifte, wer die Frauen in den Kirchen beten und unter den Blumen des Patio eingeschlossen schmachten sah, wer Spanien nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Gefühl erfaßte, kann sich den wirklichen Don Inan der spanischen Ueberlieserung vorstellen. Er war ein Held, nicht nur, weil er die Frauen, wenn notig, mit ber Spitze (eines Degens eroberte, sondern weil sein Mut und sein Selbstvertrauen bis zum Augenblicke ungebrochen blieben, wo das Ueberirdlsa)« an ihn herantrat. Er war Abenteurer, der in die Zeit der Konquistadoren hine>n- paßte, er war aber kein Grübler und Zweifler, zu dem ihn die germanische Dichtung gemacht hat. Bei E. T. A. H o s s m a n n wird Don Juan zum Verächter von Welt und Menschheit, der Triumphe im Vernichten fremden Glückes feiert, man macht« aus ihm einen „peau I en6- breux" der Bnronzeit. Auch der Don Juan Lenaus und Grabbes konnte nie in Sevilla heimisch fein. Mozart charakterisiert ihn richtig als Konquistador des Genusses; aber er war kein heiterer, lebensberauschter Stürmer. Nie ist das Champagnerlied in Sevilla gesungen worden, und niemals konnten die hinter Fenster- und Torgittern gefangenen Frauen sich so leicht verführen lassen. Die ursprüngliche Bearbeitung des Don Juanstofses in Spanien stützt sich auf eine von Moja, Bolivar und C a r n e j o übereinstimmend geschilderte Legende. Dieser Ueberlieserung gemäß sah Don Juan nut zwei anderen jungen Leuten zechend In einer Taverne. Als ihnen der Wein zu Kopf gestiegen war, kam ihnen der Gedanke, aus den onedhof zu gehen. Don Juan grub einen Tatenschädel aus, steckte ihm brennende Kerzen in die Augenhöhlen und durchlies, den Schädel 'über dem Kops haltend, die Straßen Sevillas. Die Vorübergehenden fluchteten und da niemand sich dem wilden Gesellen anschließen wollte, lud er den Totenschädel selbst zu einem Trinkgelage ein. Als er nun am Abend mit seiner Geliebten an ber Tafel saß, erschien ein Skelett auf ber Schwell« unb verkündete ihm den Tod. Den Gebeten seiner Freund,n gelang es, ihn vom Verderben zu retten. Tirso de Molina verfaßt« sein klassisches Stück unter dem Titel „El Burlador de Sevilla" b. h. der Verführer von Sevilla. Dort tötet Don Juan seinen Gegner nicht aus Haß unb Rach«, sondern nur um ein Hindernis wegzurüumen, und reuelos schreitet er über bi« blutige Leiche in die Arme ber Geliebten. Lebe Heuchelei, ja jebe Sentimentalität ist ihm ein Greuel. Er glaubt an bie Unsterblichkeit, an den Himmel unb an die Hölle, aber er ist davon überzeugt, daß ihm durch eine rechtzeitige Beichte alle Sünden vergeben werden. Am bekanntesten ist aber bas Don Inan-Drama, bas der Dichter Josä Z o r i l l a unter dem Titel „Don Juan Tenorio" im Jahre 1844 schrieb und das noch heute ebenso wie vor 84 Jahren am Totentag in allen spanischen Theatern ausgeführt wird. ü . . uci .piyuiuy lupi/iv jiiiv ihm/*. *-/»*-* • j* oaH° neu, daß selbst bas Suchen schon zu schöpferischen Resultaten fühl c.™e Technik ist der selbstverständliche Wegbereiter dazu. Nich -«ujmt ijt oer leivilveriranoucye Wegoereuer vuzu. ynu)t der 6,7?!';- sondern der Photographie-Unkundige wird der Analphabet der vurunst jein. a) Aufnahmen von Strukturen, Texturen, Fakturen, in bezug aus ihr Verhalten gegenüber dem Licht (Absorption, Reflexion, Spiegelung, Streuung usw.). v) Aufnahmen in bisher nicht üblicher Art: seltene Sichten, schräg, aufwärts, abwärts, Verzerrungen, Schattenwirkungen, Tonkantraste, Vergrößerungen, Mikroaufnahmen. c) Aufnahmen mit neuartigen Linsensystemen, Konkav- und Konvex- Spiegeln, Stereoaufnahmen auf einer Platte usw. Me Grenzen der Photographie sind nicht abzusehen. Hier ^ist alles Wenn man nun statt eines undurchsichtigen Objektes ein durchsichtiges däet durchscheinendes wählt: Kristall, Glas, Flüssigkeiten, Schleier, Netze, Siebe usw., so erhält man statt harter Silhouettenwirkungen — Abstufungen der Helligkeitswerte. Und wenn man diese Werte bzw. die Objekte nach bestimmten Grundsätzen kombiniert, wird das Ergebnis, je nach Konzentration und Hebung, klarer und reichhaltiger. Die Arbeitsregeln sind allerdings nur in den Umrissen zu fassen, da man es hier mit einem bisher unbekannten Gestaltungsgebiet, mit einer vollkommen neuen Seite der optischen Gestaltungsarbeit, zugleich mit der Umwertung der bisherigen photographischen Arbeit zu tun hat. Wesent- ß* ist: Eine nie versagende Gefühlssicherheit gegenüber den Erscheinungen des Lichtes, — seiner Aktivität in der Helle, seiner Passivität Im Dunkel, — seiner feinsten Strahlenverteilung bis zum vollkommenen Ausgleich der kleinsten und größten Spannungswerte. Es besteht keine Vergleichsmöglichkeit mit dem Material anderer Sestaltungsgebiete. Die Gesetze der Organisation entstehen hier aus der praktischen Arbeit: im Zusammentreffen des menschlichen Organismus mit dem neu gefundenen Stoff. Bisherige Erfahrungen lehren, daß feinste Hebergänge hier von hoher , Intensität sein können, und daß gar zu starke Weiß-Schwarz-Kontraste die Wirkung schwächen. Eine geringe Menge Weiß ist fähig, durch ihre Aktivität große Flächen von tiefftem Schwarz leuchtend im Gleichgewicht zu halten, wobei es weniger auf die Formbildung als auf Menge, Richtung und Lage- beziehungen oder einzelne Lichterscheinungen ankommt. Es ist noch zu bemerken, daß die kameralosen Aufnahmen als Negative von einer wundervollen Weichheit der ineinanderfließenden Grau- werte sind, dagegen die Positive, — die auch von Papiernegativen her- gestellt werden können, — härtere, oft fahle Grauwerte ergeben. Ihre ganz sonderbare Art wird erst nach und nach zur Wirkung kommen. Die Photogrammversuche sind für Laien wie für Photographen von grundlegender Bedeutung. Sie geben reichere und wichtigere Lehren über den Sinn des photographischen Verfahrens als die meist wenig bewußt, oft mechanisch hergestellten Kamera-Aufnahmen. Die Organisation der Lichtwirkung erfolgt hier souverän, so wie sie dem Hersteller richtig erscheint, unabhängig von den Gebundenheiten und Zufälligkeiten der Gegenstände. Die lichtempfindliche Schicht — Platte ober Papier — ist eine tabula rasa, ein unbeschriebenes Blatt, worauf man mit Licht so notieren kann, wie der Maler mit seinen Werkzeugen: Pinsel und Pigment, auf seiner Leinwand souverän arbeitet. Wer einmal bei der Herstellung von kameralosen Photogrammen den Sinn des Lichtschreibens erobert hat, der wird auch am sinnfälligsten mit der Kamera arbeiten können. 2. Kamera-Aufnahmen. Der photographische Apparat hat uns überraschende Möglichkeiten geliefert, mit deren Auswertung wir eben erst beginnen. Diese im photographischen Verfahren ruhenden latenten Heber» raschungen des Optischen wurden uns sehr oft durch Zufallsleistungen ton Amateuren, durch objektive „nichtkünstlerische" Aufnahmen von Naturwissenschaftlern, Ethnographen usw. zugänglich. Durch sie haben wir viel gelernt über das Spezifische, Einzigartige des photographischen Lersahrens, über die Mittel, die uns die Photographie in die Hand gibt. In der Erweiterung des Sehbildes ist selbst das heutige, unvoll- tommene Objektiv schon nicht mehr an die engen Grenzen unseres Auges gebunden. Kein manuelles Gestaltungsmittel (Bleistift, Pinsel usw.) vermag ähnlich gesehene Ausschnitte aus der Welt sestzuhalten. Ebenso unmöglich ist es dem handwerklichen Gestaltungsmittel, bzw. dein Auge, eine Bewegung in ihrem Kern zu fixieren. Auch die Verzerrungsmöglich- feiten des Objektivs — die sog. Fehlaufnahmen — (Hntersicht, Obersicht, Cchvägsicht) sind keineswegs nur negativ zu werten, sondern sie geben eine unvoreingenommene Optik, die unsere an Asfoziationsgesetze gebundenen Augen nicht leisten. Und von dem andern Gesichtspunkt: die Feinheit der Grauwirkungen »gibt eine sublimierte Wirkung, deren Differenzierung den höchstgesteigerten Farbenklängen gleichwertig sein kann. Mit der Nennung dieser Gebiete sind bei weitem nicht die Grenzen her Möglichkeiten gegeben. Obwohl die Photographie schon über hundert Lahre alt ist, Hai der Entwicklungsgang es doch in den letzten Jahren erlaubt, über das Spezifische hinaus die Gestaltungskonsequenzen zu Wen. Erst in den letzten Jahren ist unser Sehen reif geworden für die Erfassung dieser Zusammenhänge. Wenn mir — auf Grund dieser vorläufig fragmentarischen Erkennt- »ifse — ein Programm der praktischen Arbeit anbeuten wollen, müssen * uns zu allererst an das Spezifisch-Photographische halten. In der photographischen Materie liegt unendlich viel verborgen. Um richtige Fingerspitzengefühl für die Eigengefetzmäßigkeit ihrer Mittel ju bekommen, muß man praktische Versuche durchführen. Unter anderem Firnelicht. Von Conrad Ferdinand Meyer. Wie pocht das Herz mir in der Brust Trotz meiner jungen Wanderlust, Wann, heimgewendet, ich erschaut Die Schneegebirge, süß umblaut, Das große stille Leuchten! Ich atmet’ eilig, wie aus Raub, Der Märkte Dunst, der Städte Staub. Ich sah den Kampf. Was sagest du, Mein reines Fimelicht, dazu, Du großes stilles Leuchten? Nie prahlt ich mit der Heimat noch Und liebe sie von Herzen doch! In meinem Wesen und Gedicht Allüberall ist Firnelicht, Das große stille Leuchten! Was kann ich für die Heimat tun, Bevor ich geh im Grabe ruhn? Was geb ich, das dem Tod entflieht? Vielleicht ein Wort, vielleicht ein Sieb, Ein kleines stilles Leuchten! Der Gefangene im Kaukasus. Von Graf Leo N. Tolstoi. (Fortsetzung.) Einst flieg Shilin den Berg hinab, um nachzusehen, wo der Alte lebt. Er gelangt auf einen Steig unb sieht einen Garten mit einer steinernen Mauer; im Garten stehen Kirschbäume unb ein Häuschen mit einem flachen Dach. Wie er nähertritt, sieht er aus Stroh geflochtene Bienenstöcke — fummenb fliegen bie Bienen. Der Alte steht auf den Knien und ist um einen Bienenstock beschäftigt. Hm genauer zu sehen, hebt Shilin ein wenig ben Kops, wobei er mit seinem Fußklotz Geräusch macht. Der Sitte wendet sich, greift hastig aus dem Gürtet bie Pistole unb knallt auf Shilin tos, ber kaum Zeit finbet, hinter ber Mauer sich zu ducken. Der Alte führte Klage bei Abdul, Abdul ruft Shilin, lacht und fragt: „Weshalb gingst du zum Alten?" „Ich hatte nichts Böses im Sinn; wollte nur sehen, wie er lebt." Heber diese Antwort ärgert sich der Sitte, er zischt, brummt, steckt seine Hauer heraus unb broht Shilin mit ben Hänben. Zwar begriff Shilin nicht alles, aber es ward ihm klar, daß der Alte geboten habe, bie Russen zu töten. Shilin forschte bei Abdul: „Was ist das für ein alter Mann?" Darauf antwortete Abbut: „Ein gewichtiger Mann! was für ein Mann! Viele Russen hat er getötet. Unb reich war er. Er besaß brei Frauen unb acht Söhne. Alle wohnten zusammen. Da kamen Russen, zerstörten ben Aul unb töteten ihm sieden Söhne. Ein Sohn ergab sich ben Russen. Der Alte ging zu ben Russen unb übergab sich selbst. Drei Monate lebte er bei ihnen, fand seinen Sohn, tötete ihn und flüchtete. Seit dieser Zeit zog er nicht mehr in ben Krieg, er pilgerte nach Mekka unb betete. Darum hat er einen Turban. Wer in Mekka war, heißt Habschi unb trägt einen Turban. Er liebt nicht beine Brüder; dich zu töten, hat er besohlen; ich aber kann dich nicht töten — ich habe für dich Geld bezahlt; auch habe ich dich lieb gewonnen, Iwan; ich würde dich gar nicht von hier lassen, wenn ich nicht mein Wort gegeben hätte." Er lachte und radebrecht russisch: „Du, Iwan, gut; Abdul gut." IV. Wieder war ein Monat vergangen. Am Tage geht Shilin im Dorfe umher oder seine geschickten Hände verrichten allerlei Hantierungen. Wie aber die Nacht kommt und es im Aul ruhig wird, gräbt er bei sich im Verschlage. Durch bie Steine zu bringen, hielt schwer; emsig arbeitete er mit ber Feile unb grub unterhalb der Wand ein Loch, grabe groß genug zum Durchkriechen. Daß ich nur orbentlich Hmschau halte, denkt er, um bie Richtung nicht zu verfehlen. 1 Da benutzt er eine Zeit, als Abdul fortgefahren mar; nach bem Mittagessen begab er sich hinter ben Aul auf ben Berg, um auszuspähen. Abbul hatte jeboch,'ehe er sich auf ben Weg machte, bem Nogaier befohlen, bie Gefangenen nicht aus ben Augen zu lassen. Der Bursche läuft Shilin nach unb ruft: „Gehe nicht! Der Herr hat's nicht erlaubt. Gleich rufe ich das Volk" Shilin wußte ihn zu bereden. „Ich gehe ja nicht weit," sagte er, „nur auf jenen Berg. Komm mit mir. Im Block laufe ich dir nicht fort. Komm. Morgen will ich dir eine Armbrust unb Pfeile machen." Der Bursche begleitete ihn auf den Berg. Mit dem Kloß an den Beinen zu gehen, ist für Shilin sehr schwer; mühsam schleppt er sich. Oben angekommen, setzt er sich hin und schaut sich nach allen Seiten um. Gegen Süden senkt sich ber Boden, dort weidet eine Pferdeherde unb im Tal liegt ein Aul. Ein anberer Berg strebt steil auf; hinter demselben, ihn überragend, schaut noch ein Berg. Wald dunkelt in den Schluchten. Berge unb Berge — höher unb höher erheben sie sich — und der Schnee oben glitzt wie Zucker. Unb höher als alle bie weißen Berge steht eine Kuppe mächtig da. Ebensolche Berge — im Osten, im Westen. Nebel wallt in den Schluchten, in denen vereinzelte Aule liegen. Das alles ist Tatarengebiet. Shilin blickt nach der russischen Seite: unter ihm, weitab, ein Flüßchen, ein Dorf, .Gärten ringsum; am Flüßchen, gleich kleinen Puppen, sitzen Weiber unb spülen. Dahinter steht ein niebriger Berg, ben zwei mit Walb beftanbene Berge überragen; zwischen den Bergen zieht sich ein matter Schimmer wie ferner Rauch. Shilin er- MM Tage zur gleiten. V. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'sche Aniversitäts-Buch- und Steindrucker«l,D- Lange Wenn t mit aut, den Einspi (eierten Gc Dorten mi sehen. Und ein höfliche [le das lese knbers nm Dill und t einen Weg Nässen rot Alturphilc Wenigen st aber groß« deren keine siehen, wie linder, der Auf bei Bren wat -Preuße einer (eiter »ollen Mai Universität. Ohne g Rümpfen, i atfcelt frei mürbe er 1 lin waren wiederholte wie [ein ^n Gegen Sen Neig lelbft für ’ ieniischen Ml auch tunnel". 3 »ertönte '»Higer füi wachsen Wen Täl feien Sch we journ fpiemache ■eiten in fi wachten di ein später “öfteren S Unb se« ™>)te itn . 'Kondor N" in ’) Wie wart in b Shilin kroch in das Loch und wühlte es breiter, so daß auch Kostylin durchzukriegen vermochte. Und nun harren sie, bis es im Aul still wird. Als alle sich zur Ruhe begeben hatten, kroch Shilin heraus und flüsterte Kostylin zu: „Folge mir!" Kostylin folgte ihm, wobei er mit dem Fuß an einen Stein stieß, so daß ein Geräusch entstand. Abdul aber besah einen Hüter, einen ge- fleckten Hund, einen bissigen Köter; er hieß Uljaschin. Der Vorsicht halber hatte ihn Shilin häufig gefüttert Uljaschin hörte das Geräusch und kam mit Gebell angelaufen; ihm folgten die anderen Hunde. Shilin ließ einen leisen Pfiff ertönen und warf einen Fladen hin. Uljaschin erkannte ihn, wedelte mit dem Schwanz und hörte auf zu bellen. Abdul hatte das Bellen vernommen und rief ihm aus der Hütte zu. Shilin aber kraute dem Hunde hinter den Ohren. Uljaschin hält sich jetzt ganz still, reibt sich an Shilins Füßen und wedelt dabei. Durch den Verschlag geborgen, warteten sie, bis es wieder ganz still wurde; nur eine Ziege horte man leise meckern und tief unten Wild- wasser über Steinchen rauschen. Es ist völlillg dunkel, die Sterne stehen hoch am Himmel, rot geht über den Bergen, gleich Hörnern, der Mond aus. In den Gehängen sackt sich der Nebel und nimmt eine Farbe an wie Milch. Leise erhebt sich Shilin unb winkt dem Gefährten. Und dabei denkt er: Er ist in der Tat ganz schwach gewmdei . M» soll ich mit ihm beginnen? Den Kameraden verlassen, das geyr nu & „Stehe nur auf," hebt er an, „setze dich auf meinen Rucken, «9 " dich tragen, da du nicht mehr gehen kannst." . unter Er nahm Kostylin auf den Rucken, griff ihm mit den Hano die Schenkel und schleppte ihn auf den Weg. willen; „Drück' nicht mit den Händen an meiner Kehle, um Gor halte dich an den Schultern." __ aU(f> et Schwer preßt Shilin die Last; auch seine Fuße stnb diu g. ist völlig abgemattet. Er geht geduckt, versucht verschiedene _ wirft Kostylin herauf, damit derselbe höher auf ihm ZU l>8 . so schleppt er ihn mit unsäglicher Mühe. . , Gietzr«- innert sich, wo die Sonne, als er in der Festung lebte, aufging, wo sie unterging. Dort im Tal, sinnt er, muß unsere Festung sem — dorthin, zwischen diese beiden Berge, muß er fliehen. Die Sonne neigte sich zum Untergang; rötlicher Schimmer umwob die weißen Berge; und nun wurde es dunkel und schwarze «chatten senkten sich; Nebel stieg aus den Schluchten; im Tal. wo die ersehnte Festung liegt, glüht es wie Feuer. Shilin lugt scharf aus — und da ruft es in ihm: der Rauch im Tai ist von der russischen Fettung. Es wurde schon spät. Vom Minaret rief der Mulla. Man treibt die Herde zusammen, die Kühe brüllen. Der Bursche fordert ihn auf, zu- rückzugehen. Shilin aber kann sich nur schwer trennen Sie gingen beim. Jetzt kenne ich die Richtung denkt Shilin; die Stunde der Flucht ist gekommen. Er wollte schon tn dieser Nacht fliehen. Der Mond war im Abnehmen, das Dunkel mußte seine Flucht begun- ftigen. Zum Unglück für ihn kehrten die Tataren bereits am Abend zurück. Sie kamen nicht wie sonst, wo sie Vieh vor sich hertrieben und lustig einritten. Dieses Mal hatten sie nichts erbeutet; statt der Beute hatten sie auf dem Sattel einen Toten, den Bruder des Roten. Sie waren böse angekommen. Alle versammelien sich zur Beerdigung. Auch Shilin trat aus feinem Verschlage. Man hatte den Toten in Leinwand gehüllt. Ohne Sarg trugen sie ihn unter die Platanen hinter dem Dorf und legten ihn auf das Gras. Der Mulla kam. L.ie Alten »raten zu» summen, umbanden ihre Mützen tnif Handtüchern, entblößten die r5Utze und hockten bei dem Toten. Vorn der Mulla, hinter ihm in zwei Reihen je drei Alte. Gesenkten Hauptes schwiegen sie lange. Englich hebt der Mulla den Kopf und ruft: „AllahI" Sie heben die Köpfe, senken sie wieder und sitzen lange schweigend, regungslos da. Wieder hebt der Mulla den Kopf. „Allah. Allah!" hallt es wieder. Wieder Schweigen — der Tote auf dem Grafe und die Lebendigen regen sich nicht. Nur der Wind ist zu hören, rote er in den Blättern der Platanen rauscht. Nun lieft der Mulla das Gebet, alle erheben sich und tragen auf ihren Armen den Toten zur Grube; wie ein Keller zieht sich dieselbe unter der Erde hin. Sie fassen den —oteti an Armen und Seinen, biegen ihn ein, lassen ihn sitzend tn setn Grab und legen ihm die Hände auf dem Leib zurecht. Der Nogaier bringt grünes Schilfrohr. Sie füllen mit demselben die Grude; dann wird sie rasch verschüttet; man stampft die Erde glatt und stellt am Kopfende einen Stein aufrecht. Wieder hocken sie am Grabe und schweigen lange. . „Allah! Allah! Allah!" seufzten sie und standen auf. Der Rote verteilte Geld unter die Alten, dann nahm er eine Peitsche, schlug sich damit dreimal an die Stirn und ging nach Hause. Am anderen Morgen steht Shilin, wie der Rote eine Stute aus dem Dorfe führt; drei Tataren folgen ihm. Der Rote wirft seinen Ha brock ab und krempt die Aermel auf. Was für stramme Arme! Er zieht den Dolch und schärft ihn an einem Schleifstein. Die Tataren drucken den Kopf der Stute nach oben, der Rote tritt herzu, durcstchneidet ihr die Kehle, wirst sie nieder, beginnt sie zu enthäuten, indem er mit seinen derben Fäusten reißt. Weiber und Mädchen kamen herbei und wuschen die Eingeweide. Dann zerlegten sie die Stute und schleppten sie in die Hütte des Roten. Dort versammelte sich das ganze Dorf, um die Totem Behutsam schleichen sie vorwärts. Als sie an die Moschee fomv.cn lugt der Mulla vom Minaret: er ruft das Volk zur Andacht. Lange Nüssen sie warten, bis alle in der Moschee sind. Und nun ist es wie- ÖCi SOtU @ott! Sie bekreuzen sich und gehen. Sie gehen die Steile hj». unter überschreiten das Flüßchen, durchwandern das Tal. Dichter Nebel umgibt sie. lieber ihnen blinken die Sterne. Nach den Sternen bestimmt Shilin die Richtung. So frisch, so leicht geht es sich im Nebel, nur ble abgetretenen Stiesel sind unbequem und hindern am Schreiten. SW» wirft deshalb die (einigen ab, geht barfuß, springt von Stein zu Stein und blickt dabei nach den Sternen. Kostylin begann zurückzubleiben. „Geh' langsamer!" ruft er. „Die verdammten Stiefel haben mir dst Füße wundgerieben." „Nimm sie ab, du wirst es gleich leichter haben. Auch Kostylin ging jetzt barfuß. Aber es mar noch schlimmer für ch» Die Steine machen den Füßen Schnittwunden und immer bleibt er z«. rück. Shilin sagt ihm: , , „Die Füße werden wieder heil werden, wenn du sie abreibst; hole» le uns aber ein, so töten sie uns." Kostylin gibt keine Antwort, ächzend schleppt er sich weiter. Sangt gingen sie im Tal. Rechter Hand begannen Hunde zu bellen. Horchenblieb Shilin stehen, schaute sich um, kroch aufwärts, indem er mit de, Händen tastete. Eh" sagte er, „wir irrten uns, sind zu sehr nach rechts gegangen. Hier ist ein fremder Aul. Von oben aus konnte ich ihn gemalten. Wir müssen zurück, links bergauf. Hier muß der Wald sein." Kostylin bittet: „Warte ein wenig, laß mich atmen. Meine üutzt sind blutig." „ Eh, Brüderchen, sie werden wieder heil werde». , Eilends ging Shilin zurück nach links den Berg hinauf tn den Wald. Mühsam folgt Kostylin und ächzt laut. Shilin gebietet Ruhe und eilt weiter. , _ „ .„ _, Jetzt waren sie oben und betraten den Wald, zerrißen sich an bee Dornen die Kleider, daß sie in Fetzen hingen, kamen auf einen Steig unb eilten weiter. Halt! Horch! Wie mit Hufen stampft es auf dem Wege. Lauschend, regungslos bleiben sie stehen. Da sie nichts mehr vernehmen, gehen sie weiter — und wieder beginnt das Stampfen. Bleiben sie stehen, so ist u ruhig Shilin kroch vorwärts, wo schwaches Mondlicht auf den Weg fällt: was er vor sich steht, ist wie ein Pferd, und doch ist es kein Pferd, auf dem Pferde befindet sich etwas Wunderbares, nicht Menschenahn. liebes. Und er hort, wie es schnaubt. Er pfeift leise. Da jagt es vom äßegt ab in den Wald hinein, wie Sturmwind faust es und bricht die Aeste. Kostylin vergeht fast vor Agnst. Shilin aber lacht und sagt: „Das ist ein Hirsch. Hörst du, wie fein Geweih das Gehölz durch- bricht? Wir fürchten ihn, und er fürchtet uns." Sie ginge» weiter. Der Morgen kann Nicht mehr fern fein. Di» (ta auf dem rechten Wege find, wissen sie nicht. Zwar scheint es Shilin, daß er auf demselben Wege in die Gefangenschaft geschleppt wurde, daß a bis zur Festung nur noch an zehn Werst sein könnte. Em untragbar« Kennzeichen ist indes nicht vorhanden. Wenig läßt stch in der Nacht u» terscheiden. Jetzt sind sie aus freies Feld angelangt. Kostylin setzt sich am Waldesrand und sagt: ,, Wie du willst, ich aber gehe nicht weiter, meine Fuße tragen miq nicht." Shilin sprach auf ihn ein. Ich kann nicht — ich werde nicht hinkommen — ich kann Nicht. Shilin hielt nicht länger an sich, vor Zorn spuckte er aus und ga» dem Kameraden derbe Worte. Noch einmal raffte sich Kostylin zusammen unb ging. So waren sie weitere vier Werst gegangen. Der Nebel verdichtete sich noch mehr, man vermochte nicht vor sich zu blicken und die Sterne tau 3U Mötzlich vernehmen sie Pferdeftampfen und Ausschlagen der Hufe «ms Steine. Shilin legt sich nieder und horcht an der Erde. Richtig, es nähert sich ihnen ein Reiter. ,..., . mnrf.„ Sie eilen vom Wege fort, setzen sich hinter Gebüsch und warten. Shilin kriecht an den Weg und lugt hin — cm reitender Tatar trem eine Kuh. MVwIÄÄM.»: Soll M M wW* Steh' auf. Komm." Kostylin stand auf unb sank um. . ,,, „Ich kann nicht ... bei Gott! ich kann nicht ... die Kräfte w '^Ein 'schwerer feister Mann, in Schweiß gebadet; wie der Nebel: A kalt umwehte, wie am Gestein seine Füße zerrissen, war er ganz h I 0en3Jlit Gewalt brachte ihn Shilin in die Hohe. Lor Schmerz schreü Kostylin laut aus. Fast vergingen Shilin vor Schreck die Stmie. # „Was schreist du! Noch ist uns der Tatar nahe. Wie leicht kann feier zu begehen. Zu Ehren des Toten aßen sie drei Tage lang von der Stute und tranken Busa. Alle Tataren waren im Aul. Am vierten Tage zur Mittagszeit rüsten sie sich wieder zur Abfahrt — sie führen die Pferde vor satteln und reiten: wohl an zehn Mann, der Rote unter ihnen. Nur Abdul blieb zu Hause. Die Nächte waren noch völlig dunkel; am Himmel stand die Sichel des zunehmenden Mondes. „Heut müssen wir fort", vertraut Shilin seinem Gefährten. Kostylin verrät Angst. . „ „Wie stellen wir es an? Wir kennen ja den Weg nicht. „Ich kenne den Weg." . „In einer Nacht können wir uns nicht in Sicherheit bringen. „So bleiben wir vorläufig im Walde. Ich habe Fladen für uns auf- gespart. Was willst du hier sitzen? Gut, wenn man das Geld schickt. Aber bringt man es nicht zusammen? Die Tataren sind jetzt böse, weil die Russen ihnen einen Mann getötet haben. Sie sprechen davon, bah sie uns töten wollen." Nach langem Zögern entschloß sich Kostylin, ben Gefährten zu be-