Gießener ZamilirnbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Iihrgangl928 Reitag, den Dezember Nummer 99 Ihr ungeborenen Gesichte ».. Bon Werner Bock. Ihr ungeborenen Gesichte, Nie steigt ihr aus dem dämmernden Steer, Gefangene im halben Lichte, Winkt ihr aus ewigen Tiefen her. Manchmal in Träumen komm ich euch näher. Ahne schon Form und Farbe und Wort, Doch kaum spürt ihr den sehnenden Späher, Flieht ihr ins Unerreichbare fort. Die Slkvesterglsüren. Bon Charles Dickens. Es gibt nicht viels Menschen — und da es wünschenswert ist, daß ein Erzähler und sein Leser einander so rasch als möglich vollkommen verstehen, so bitte ich, darauf au achten, daß ich meine Bemerkung nicht teuf junge oder kleine Leute beschränke, sondern sie aus alle ausdehne, mögen sie nun klein oder groß, jung oder alt, er t im Aufschießen oder bereits wieder tm Verwelken begriffen sein — ch sage, es gibt nicht viele Menschen, die gern in einer Kirche schlie en. Ich meine damit nicht ein Einschlafen während der Predigt bei warmem Wetter, was wohl hin und wieder vorkommen mag, sondern ein regelrechtes lieber» nachten, und zwar mutterseelenallein. Ich weiß, sehr viele würden schon am hellichien Tag über ein derartiges Beginnen sich höchlich verwunoern. Aber meine Behauptung bezieht sich auf die Nacht. Und diese soll auch den Beweis liefern. Ich verpflichte mich, in einer stürmischen Winternacht, die zu diesem Zweck gewählt werde, meiner Behauptung zu einem glorreichen Sieg zu verhelfen, wenn sich mir ein Gegner aus der Menge allein auf einem alten Friedhof vor ein altes Kirchtor stellt und mich vorher ermächtigt hat, falls es zu feiner Befriedigung notwendig wäre, ihn bis zum Morgen einzusperren. Denn der Nachtwind besitzt eine unheimliche Geschicklichkeit, ein derartiges Gebäude stöhnend zu umkreisen, mit unsichtbarer Hand an Fenstern und Türen zu rütteln und irgendetne Spalte aufzuspüren, durch die er sich Hineinpfeisen kann. Ist er endlich drinnen, so winselt und heult er, um wieder hinauszukommen, wie jemand, der nicht gefunden hat. was er sucht; und dabei begnügt er sich nicht damit, durch die Schiffe zu schleichen, um die Pfeiler zu huschen, die tiefe Orgel zu probieren, sondern schwingt sich auf zur Decke und bemüht sich, das Sparrenwerk zu zerreißen, stürzt sich verzweifelt hinunter auf die Steinfliesen und dringt murrend in die Grüfte. Gleich darauf kommt er verstohlen wieder herauf, chleicht an den Wänden hin und scheint in Flüstertönen die Inschriften, >ie den Toten geweiht sind, zu lesen. Box einigen dersetben bricht er chrill aus, wie tm Gelächter, während er vor andern ächzt und schluchzt wie in großem Schmerz. In der Nähe des Altars stimmt er einen gar aenstiaen Ton an und singt In seiner wilden Weise von Unrecht, Mord, her Gottesverehrung und Troß gegen die Gesetzestafeln, die so oft gebrochen und mit Füßen getreten werden, obschon sie so schön und glatt aussehen, Hu, der Himmel bewahre uns, die wir so gemächlich um das Feuer sitzen! Er hat eine gar schreckliche Stimme — dieser Wind um Mitternacht, wenn er in einer Kirche singt! Aber erst hoch oben tm Turm! Dort brüllen und pfeifen die unheimlichen Windstöße! Hoch oben im Turm, wo sie frei aus- und einziehen können durch manche luftige Oeffnung, sich um die schwindelnde Treppe winden, den stöhnenden Wetterhahn innherwirbeln und sogar das Gemäuer zittern und beben lassen! Hoch oben im Turm, wo der Glockenstuhl ist, wo die eisernen Geländer sich infolge des langjährigen Rostes schuppen: wo die Blei- und Kupferplatten, runzelig vor Alter und Wetterstürzen, unter dem ungewohnten Tritt krachen und seufzen; wo Vögel ihre Kotnester in die Ecken des alten Eichengebälks stopfen, der Staub alt und grau wird, fleckige Spinnen, während ihrer ungestörten Ruhe fett und faul geworden, gemächlich sich von den schwingenden Glocken hin und her pendeln lassen und niemals" die Verbindung mit ihren gesponnenen Luftschlößchen vertieren, ober wie Matrosen in rascher Unruhe hinanklettern, wenn sie sich nicht lieber auf den Boden nieder- lasse», um ein Dutzend hurtiger Füße zur Rettung eines einzigen Lebens in Tätigkeit zu setzen! Hoch oben tm Turm einer alten Kirche, wett über dem Licht und Gemurmel der Stadt, dennoch aber weit unter den fliegenden Wolken, die sie beschatten, ist das wilde, traurige, nächtige Plätzchen, und hoch oben im Turm einer alten Kirche hausen die Glocken, von denen ich spreche. Es waren glaubt mir, alte Glocken. Schon vor Jahrhunderten wvrden diese Glocken von Bischöfen getauft; vor so vielen Jahrhunderten bereits, daß ihr Taufregister feit unvordenklichen Zeiten verlorenging und niemand mehr Ihre Namen wußte. Sie hatten ihre Paten und Patinnen gehabt (nebenbei gesagt, ich für meinen Teil möchte lieber die Verantwortlichkeit übernehmen bei einer Glocke, als bei einem Knaben Gevatter zu stehen) und ohne Zweifel auch ihre silbernen Becher erhalten. Aber die Zeit hatte ihre Taufzeugen dahingerafft und Heinrich der Achte ihre Becher, die er einschmelzen ließ. Und so hängen sie denk jetzt namen- und herrenlos in dem Kirchturm. Wortlos allerdings nicht. Im Gegenteil. Sie hatten klare, laute, luftige, volltönende Stimmen, diese Glocken; und auf dem Rücke;, des Windes fortgetragen, konnte man sie weithin Hörem Sie waren aber viel zu kühne Glocken, als daß sie sich dem Belieben des Windes unterworfen hätten. Denn wenn er ihnen zu launenhaft war, kämpften sie tapfer gegen ihn an und ließen ihre fröhlichen Klänge stolz in ein lauschendes Ohr strömen; sie waren darauf erpicht, in stürmischen Nächten von einer armen Mutter, die bei einem kranken Kinde wachte, ober einer einsamen Frau, deren Gatte zur See war, gehört zu werden. Ja, matt weiß sogar, daß sie hin und wieder einen pustenden Nordwest besiegten, ja ihn sogar „in Grund und Boden" schlugen, wie Toby Deck sagte; — denn obgleich man ihn Trotty Veck nannte, hieß er doch Toby, und niemand (außer ihm selbst) konnte ihn ohne ausdrückliche Parlamentsatte zu etwas anderm machen. Er mar zu feiner Zeit so gesetzlich getauft worden, wie der Glocken zu die ihrigen, obschon nicht mit ganz soviel Feierlichkeit ober öffentlichem Jubel. Ich bekenne mich für meinen Teil zu Toby Lecks Glauben; denn ich bin überzeugt, daß er hinreichend Gelegenheit hatte, sich eine richtige Ansicht zu bilden. Was daher Toby Beck sagte, sage ich auch, und ich will auf Tobys Seite stehen, obgleich er den ganzen Tag (und das war eins mühsame Arbeit) vor der Kirchentür zu stehen pflegte. Er war nämlich Dienstmann und wartete dort auf Aufträge. Freilich ein windiger, gänsehäutiger, blaunasiger, rotäugiger, steifzehiger und zähnklappernder Warteplatz zur Winterszeit, wie Toby Beck wohl wußte. Der Wind kam wütend um die Ecke gefahren —' insbesondere der Ostwind — als wenn er sich direkt von den Grenzen ber Erde aufgemacht hätte, nur um Toby anzuschnaufen. 3a, oft schien er den armen Teufel sogar früher zu treffen, als er erwartet hatte; denn wenn er um die Ecke raste und an Toby vorbeifuhr, wirbelte er plötzlich wieder zurück, als wollte erjagen: „Ha, da ist er ja schon!" Unaufhaltsam flog bann Tobys kleine weiße Schürze wie das Röckchen eines unartigen Jungen über seinen Kops, und man (ab das schwache Stöcklein vergeblich in seiner Hand ringen und kämpfen, sah seine Beine in heftige Bewegung geraten, während Toby selbst in schräger Körperhaltung, das Gesicht bald da- bald dorthin wendend, so umhergetrieben und gestoßen wurde, wohl auch zeitweise den Boden unter den Füßen verlor, daß es fast als ein Wunder erschien, wenn er nicht gleich einer Kolonie von Fröschen, Schnecken oder andern tragbaren Geschöpfen in die Lust geführt und an irgendeinem fernen Weltende, wo Dienstmänner unbekannt sind, zum großen Erstaunen der Eingeborenen niebergeregnet wurde. Windig Wetter war übrigens doch eine Art Festtag für Toby, obschon es ihm so roh zusetzte. Das ist Tatsache. Er schien in dem Wind nicht solange auf ein Sechspencestück warten zu müssen wie zu anbern Zeiten. Der Kampf mir dem ungestümen Element lenkte seine Aufmerksamkeit ab und frischte ihn auf, wenn er hungrig ober kleinmütig war. Auch ei« harter Frost ober ein Schneegestöber wurde für ihn zu einem Ereignis und schien ihm in der einen ober andern Weise gutzutun, obschon sich der eigentliche Grund nur schwer angeben ließ. Wie dem übrigens sei« mochte, Wind. Frost, Schnee und vielleicht ein tüchtiger Hagel waren für Toby Beck die rotgebrueften Tage im Kalender. Nasses Weiler war bas schlimmste — die kalte, unfreundliche Feuchtigkeit, die ihn ivle ein nasser Mantel einhüllte — die einzige Art von Mantel, die Toby fein eigen nennen konnte, auf den er aber doch zur (Erhöhung feiner Bebaallchke-t gern verzichtet hätte. Die nassen Tage, wen» der Regen langsam, dicht und hartnäckig niedersäuselte, wenn die Straßen- schlünbe wie sein eigener mit schwefeligem Rebel erfüllt waren, wenn dampfende Sch'rme hin und her gingen und wie ebenso viele Kreisel tanzten, sooft sie auf dem gedrängten Fußweg aneinander anstießen und eine wirbelnde Brause ungemütlicher Tröpfchen von sich schleuderten, wen» die Nässe von dem vorspringenden Gestein der Kirche — tropf, tropf, tropf — auf Toby nieberphimffe und den Strohwisch, auf dem er stand, im Nu zu bloßem Schmutz wandelte — das waren für Ihn Tage der Heimsuchung. Und bann konnte man Toby tatsächlich beobachten, wie er ängstlich und m’t trostlosem, langem Gesicht aus seinem Schlupfwinkel in einer Ecke der Kirchenmauer hervorguckte. Dieser Zufluchtsort war ein so färg« kicher Schutz, daß er zur Sommerszeit nie einen breifern Schotten auf bas fonniae Pf!oste>- warf. a<« ein dicker Spazierstvck. Bald aber kam er wieder heraus, um sich durch Bewegung warmzumachen, trottete er etliche Male hin und her, was seine Laune wieder aufheiterte, und kehrte bann gan» wohlgemut In feine Nische zurück. Man nannte ihn Trotty wegen seines Ganges, der wenigstens Eile an« beuten sollte. Er hätte vielleicht schneller gehen können; aber würde man ihn seines Trottes beraubt haben, so wäre er krank geworben und aeftvtdcn. Dieser Trott bespritzte ihm bet schlechtem Metter den Rock m.t Kot, verursachte ihm Zahllose Unannehmlichkeiten und Beschwerden: Toby hätte ungleich Müheloser marschieren können — aber das war gerade ein Grund mehr, diese schwierige Gangart krampfhaft beizubehalten. Obschon ein schwaches, schmächtiges altes Männlein, war Toby doch ein wahrer Herkules in seinen guten Absichten. Er hatte eine Freude daran, wenn er sein Geld verdienen konnte. Es gewährte ihm ein großes Vergnügen, zu glauben — Toby war sehr arm und konnte nicht gut auf ein Vergnügen verzichten — daß er feines Lohnes auch wert fei. Mit einem Auftrags der ihm einen Schilling oder achtzehn Pence eintrug, oder mit einem kleinen Päckchen in der Hand, steigerte geh fein Mut, an dem es ihm nie gebrach, um ein beträchtliches. Wenn er jo dahin trabte, pflegte er den schnelleren Briefträgern vor seiner Rase zuzurusen, fte sollten ihm aus dem Weg gehen, weil er nicht anders glaubte, als daß er im Lauf der Dinge sie unausbleiblich einholen und niederrennen müsse; auch lebte er der festen Heberzeugung, die freilich nicht oft aus die Probe gestellt wurde, daß er alles zu tragen imstande sei, was ein Mensch zu heben vermöge. Toby trabte daher auch, wenn er an einem nassen Tag aus seinem Winkel hervorlam, um sich zu wärmen. Er trabte, wenn er mit lecken Schuhen eine krumme Linie wieder zusammenlaufender Fußtapsen durch den Kot zog und, mit gebeugten Knien und sein Rohr unter dem Arm, seine frostigen Hände blies oder gegeneinander rieb, da sie nur ganz ungenügend gegen die schneidende Kälte durch fadenscheinige grautvollcnc Fäustlinge geschützt waren, an denen nur der Daumen ein e.gnes Appartement und die übrigen Finger eine gemeinschafttiche Herberge hatten. Desgleichen trabte er, wenn er aus die Straße hinausging, um bei dem Schall der Glocken an dem Turm hinauszusehen. Diesen letzten Ausflug machte er mehrere Male des Ta^es; denn die Glocken waren gleichsam feine Gesellschaft, und wenn er ihre stimme hörte, blickte er gern zu ihrem lustigen Wohnsitz hinaus, während er darüber nachdachte, wie sie bewegt wurden, und was für Hämmer auf sie schlügen. Vielleicht hatten fie um so mehr Interesse für ihn, weil es zwischen ihnen und ihm selbst AehnlichVten gab. Sw hingen da oben bei jedem Wetter, in Wind und Regen, sahen nur die Außenseite aller jener Häuser, tarnen den lodernden Feuern, die durch die Fenster leuchteten oder zu den Schornsteinen herauspusteten. niemals nahe und waren nie imstande, an den guten Dingen teilzunehmen, die ohne Unterlaß durch die Haustüren Und Vorhof-Geländer an verschwenderische Köchinnen abgegeben wurden. Viele Gesichter kamen an die Fenster und entfernten sich wieder — bisweilen hübsche Gesichter, jugendliche Gesichter, angenehme Gesichter, hin und wieder aber auch das Gegenteil; doch Toby wußte ebensowenig wie die Glocken (sooft er auch, wenn er müßig in den Straßen stand, Betrachtungen über diese Kleinigkeiten anstellte), woher sie kamen und wohin sie gingen, oder ob im ganzen Jahr nur ein einziges freundliches Wort über ihn gesprochen wurde, wenn sich die Lippen bewegten. Toby war kein Kasuist — seines Wissens wenigstens nicht —, und sch will nicht behaupten, daß er nach und nach sich durch solche Betrachtungen hindurchgerungen oder eine förmliche Heerschau über seine Gedanken abgehalten hatte, ehe er zu den Glocken eine Neigung faßte und seine erst« oberflächliche vermittels zarter Fäden zu einem innigeren Bündnis wob. Was ich aber sagen will und auch sage, ist, daß in derselben Weise, wie Tobys körperliche Funktionen, seine Verdauungsorgane zum Beispiel, vermöge ihrer eignen Schlauheit und ihres mannigfaltigen, ihm unbewußten Zusammenwirkens, besten Kenntnis ihn nicht wenig in Erstaunen gesetzt haben würde, zu einem gewissen Ziel gelangten, auch Seine geistigen Fädigkeiten, ohne daß er dabei wissentlich tätig war, alle >iefe Räder und Federn nebst tausend andern in Bewegung setzten, als sie daran arbeiteten, in ihm eine Neigung zu den Glocken wachzurusen. Und wenn ich gesagt hätte: seine Liebe, jo würde ich auch dies Wort Nicht zurücknehmen, obgleich es kaum ein postender Ausdruck für seine komplizierte Empfindung gewesen märe. Denn da er ein ganz, einfacher Mensch war, verlieh er ihnen einen wundersamen und feierlichen Charakter. Sie waren so geheimnisvoll, weil man sie ost hörte und nie sah, so hoch oben, so weit weg und so voll tiefer, kräftiger Melodie, daß er mit einer Art von Ehrfurcht zu ihnen aufblickte. Ja, wenn er die dunkeln, gewölbten Fenster im Turm betracktete, erwartete er bisweilen es werde ihm etwas zuwinken, das keine Glocke war und doch in jenen Klängen ihm sooft ans Ohr getönt hatte. Dennoch wies Toby mit Entrüstung ein gewisses leises Gerücht zurück, daß die Töne behext seien, weil dadurch die Möglichkeit zuaegeben war, sie stünden mit irgend etroas Bösem im Bund. Mit einem Wort, sie tönten sehr oft in seinen Ohren, besthaftiaren sehr oft seine Gedanken und standen stets hoch in seiner guten Meinung; ost, wenn er lange mit weit offenem Munde hinauf« geschaut hatte, bekam er einen so steifen Racken, daß er nachher, um ihn zu kurieren, ein »der zwei Extragetrabe einlegen mußte. Mit diefer außertourlichen Hebung war er an einem kalten Tage gerade befchäftigt, als der letzte schläfrige Ton der Zwölfuhrglocke wie ein melodisches, bienenartiges Ungeheuer, aber keineswegs ein fleißiges Bienchen, durch den ganzen Turm summte. „Wie, Essenszeit?" sagte Toby, vor der Kirche auf und ab trottend. „Ah!" Tobys Nase war sehr rot; und seine Augenlider waren sehr rot; und er zwinkerte mächtig; und seine Schultern waren dicht an den Ohren, und seine Beine waren sehr steif, und er war Überhaupt auf dem frostigsten Punkt der kühlen Temperatur angelangt. „So, Essenszeit?!" wiederholte Toby, den Fäustling seiner rechten Hand wie einen jugendlichen Boxhandschuh gebrauchend und leine Brust Kchkigend, well sie "sich unterstand, zu frieren. „Ah—h—h—Hst' Hieraus schlug «r für ein paar Minuten einen stillen Trab an. „Es gibt nichts jagte Toby, aufs neue lostrabend; aber mit ünem Male machte er in feinem Trott halt und betastete mit einem schauen Jahres dem er Und „Vater! Vater!" ließ fich die liebliche Stimme abermals vernehmen. Toby hörte es diesmal; er stutzte, blieb stehen, rief feinen Blick zuruck, der weitausgerichtet war, als suche er im Herzen des herannahenden Erleuchtung, und fand sich nun seinem eignen Kinde gegenüber, jetzt ganz nahe in die Augen schaute. Gesicht voll Interests und auch etwas Unrtche seine Rase sorgfältig von unten bis oben. Er war bald damit fertig, denn der Weg war kurz, da er mit einer Nase nicht allzu reichllch gesegnet war. „Ich glaubte schon, sie sei pfutsch," fuhr Toby sott, indem er wieder weiter trabte. „Es stimmt ober alles. Ich könnte fie jedoch wirklich nicht tadeln, wenn fie sich auf und davon machte. Sie hat wohl einen herzlich schweren Dienst in dieser Hundekälte und herzlich wenig zu erwarten — denn ich schnupfe ja nicht. Selbst in den besten Zeiten wird das arme Ding hart geprüft; denn wenn sie schon einmal einen angenehmen Dust erwischt, was auch nicht ost vorkommt, dann entsteigt er gewöhnlich dem Mittagessen eines andern, das von dem Pastetenbäcker nach Haufe getragen wird." Diese Betrachtung erinnerte ihn an die andre, die er unbeeMgk gelassen hatte. „Es gibt nichts Regelmäßigeres," fuhr er fort, „als die Wiederkehr der Essenszeit, und nichts Unregelmäßigeres, als die Wiederkehr des Mittag, esiens selbst. Darin besteht ihr großer Unterschied. Ich habe lange dazu gebraucht, es ausfindig zu machen. Möchte doch wisfen, ob sich's nicht für einen Gentleman der Mühe lohnte, diese Beobachtung für die Zeitungen oder für das Parlament zu kaufen!" Toby meinte dies bloß sin Scherz, denn er schüttelte in gravitätischer Verneinung seinen Kopf. „Du mein Himmel!" sagte er, „die Zeitungen sind voll Beobachtungen, und das Parlament auch. Da habe ich eine Nummer von der letzten Woche" — er zog ein sehr schmutziges Blatt aus seiner Tasche und hielt es auf Armeslänge vor sich hin — „nichts als Beobachtungen — nichts als Beobachtungen! Ich möchte fo gerne als irgend jemand Neuigkeiten erfahren," fügte er langsam bei, indem er den Bogen noch ein wenig kleiner zusammensaliete und ihn wieder in jein« Tasche steckte; aber es geht mir fast gegen den Magen, jetzt eine Zeitung zu lesen. Ich erschrecke beinahe davor und weiß nicht, wohin es noch mit uns armen Leuten kommen, was uns noch bevoistehen wird. Gott gebe, daß uns im neuen Jahr etwas Besseres bevorsteht!" „Baier! Vater!" rief eine angenehme Stimme in der Nähe. Aber Toby hörte sie nicht, sondern fuhr fort, hin und her zu trotten und seine Gedanken laut werden zu lassen. „Es ist, als ob wir nichts rechtinachen könnten oder uns niemals Recht werden würde," sagte Toby. „Ms ich jung war, habe ich nicht viel gelernt; und ich kann nicht herauskriegen, ob wir aus der Erde etwas zu schaffen haben oder nicht. Manchmal glaube ich es wohl — wenn wir auch nicht viel hier zu tun haben; manchmal ober meine ich wieder, daß wir nur Eindringlinge find. Mitunter bin ich so verdutzt, daß ich nicht mit mir ins reine kommen kann, ob überhaupt etwas Gutes an uns ist, oder ob uns die Schlechtigkeit angeboren ist. Es sieht aus, als täten mir schreckliche Dinge und fielen ungeheuer beschwerlich: man beklagt sich immer über uns und trifft Verwahrungsmaßregeln. Ob so ober so — jedenfalls sind die Zeitungen von uns voll. Da spricht man von einem Neuen Jahr!" fuhr Toby traurig fort. „Ich kann ebensoviel ertragen wie jemals irgendein Mensch; besser sogar als viele, denn ich bin stark wie ein Löwe, was sich nicht von allen Leuten sagen läßt; aber gefetzt, es wäre wirklich wahr, daß wir kein Recht auf ein Neujahr haben, angenommen, daß wir nur Eindringlinge sind..." Trotty küßte die Lippen, die zu den Augen gehörten, und drückte das blühende Gesicht zwischen seine Hände. „Ei, Herzchen," jagte Trotty, „was gibt's? Ich habe dich heute nicht erwartet, Meg." m „Auch ich habe nicht aufs Kommen gerechnet, Vater, rief M» Mädchen, indem es lächelnd nickte. „Aber da bin ich — und obendrein nicht allein; nicht allein!" „Wie? du willst doch nicht jagen," bemerkte T»tty, neugierig einem bedeckten Korbe blickend, den sie in ihrer Hand trug, „daß du ... „Riech daran, lieber Vater", versetzte Meg. „Riech einmal!" Trotty war eben im Begriff, hastig den Deckel abzuheben, als b® Mädchen scherzend mit der Hand dazwischenfuhr. „Nein, nein, nein*, erwiderte Meg fröhlich rote ein Kind, „too 9** schwind geht's nicht. Ich will nur den Deckelrand ein klein winzig vitzcye» aufheben," fügte sie bei, indem sie ganz sachte ihr Vorhaben aitssul)« und dabei so leise sprach, als fürchte sie, im Innern des Korbes geyori z werden. „So. Also was ist's?" . , Toby schnüffelte ein klein wenig an dem Rande des Korbes und nef entzückt: „El, 's ist heiß!" „'s ist brennend HM", versetzte Meg. Ha ha ha! „ 2 ist heiß." es waren glänzende Augen — Augen, in die eine ganze Welt reuuni konnte, ohne ihnen auf den Grund zu kommen. Dunkle Augen, die die hineinblickenden Augen widerspiegelten, nicht blitzend oder auf Wunsch der Eigentümerin, sondern mit einem klaren, ruhigen, ehrlichen, geduldigen Glanze, der Anspruch auf die Zugehörigkeit zu jenem Licht erhob, das der Himmel ins Dafein rief. Augen, schön, wahr und hvsi- nunqestrahlend — mit so junger und frischer, mit so jchwungkrafügek und Heller Hoffnung, trotz der zwanzig Jahre Arbeit und Armut, tue fie gesehen hatten, daß fie für Trotty Beck zu einer Stimme wurden, die ,hm sagte: „Ich glaube, wir haben hier wohl etwas zu schaffen — wenn auch nicht olelr "Ho ha ha!" brütlte Toby mit einem LuMrung. ,/s P petzend --Aber was ist es Vater?" fragte Meg. ..Vorwärts; Du haft es noch naht erraten. Und du mutzt ernten, was es ist. Ich kann nicht daran öenten. es herauszu nehmen, bis du es erraten hast. Aber «atz dir Zeit! Warte eine -Minute! Ich will ein bitzchen mehr von dein Sette« aurü«f= schieben. Jetzt rate!" Meg war wirklich in Angst, er könnte vielleicht zu rasch das Richtige 1° besold ein wenig zurück, während sie ihm den Korb hlnyE, indem sie Zugleich ihre hübschen Schultern in die Höhe Zog und das Ohr mit der Hand Zuhielt, als könne sie in dieser Weise das richtige Wcnt von Tobys Lippen fern halten. Dabei ließ sie immer ein ianftes Lachen hören. (Fortsetzung folgt.) . OAKuitee Advent. Von Peter W a r m u n fe. Sn diesen Weihnachtslagen erinnere ich mich immer jener bösen Adventszeit vor zwei Jahren. Ich war von einer schweren Krankheit lauin genesen, hatte Zumeist das Zimmer zu hüten und durfte diesen Arrest -nur durch einige Spaziergänge unterbrechen, und wenn ich auch « , n, . wohlige Bewußtsein der wiederlehrenden Gesundheit spurte, so litt ich doch noch unter einer allgemeinen Mattheit und wiederholten Devrestwnen, welche mir diese Periode auch in der als nicht sehr erfreulich erscheinen lassen. Es mutz noch erwähnt werden, daß ich damals mit Frau und Kind ein altes Laudbaus uok der Stadt bewohnte; ein nicht jo altes, datz Spuk und weiße Frauen umgehen sollen, doch aber ein weitläufiges und kahles Haus mit Mitterndem Putz und schadhaftem Dach — ein klägliches Asyl, das Me ^uhnungsnot au,zwang. Auch das darf ich Zu berichten nicht ver- gegen, datz ich mich während der Zeit meiner Genesung viel nut okkulter krlr^lUr <> n ,^a“e un$ dadurch, zusamnren mit meinem äugen» bllckttchen Zchtand, in eine überspannte Empfindlichkeit geraten war. welche mich für alles I^ebernatürlrchs unb Wunderbare bstonfcets enlv» fangtrch machte. v In diesem verwitterten Hause herrschte damals die übliche huschende Adventsgeschastigkeit, die ich mir von meinem Stuhle aus mit behaq- licher Freude anjah. Was geschah? Ich wußte es nicht und hatte es nicht zu wissen, das ist das Vorrecht der weihnachtlichen steberrafchungen. Und da ereignete sich, als ich einst an einem warmen Wintersonnentage von etnem kleinen Gange heimkehrte, dieses: ich fand die Tür. die zu einer Zinnnerflucht führte, verschlossen. Weihnachten naht, dachte ich und war durchaus geneigt, diese Sperre Zu achten, da — ein Zweifel war nicht möglich — höre ich hinter der Tür die Stimme eines Menschen, eine unangenehme und widrig krächzende Stimme, welche in mir die Vorstellung eines Räubers oder Erpressers wachrsef. War er hier ein- gestiegen? Auf mein Klopfen erschien meine Frau, nicht besonders erregt, und als ich an ihr vorbei in die Zimmer drang, fand ich sie in dem gewöhnlichen unwohnlichen Zustand, aber leer und ohne eine Spur des fremden Eindringlings. Ich hatte doch hier eine Stimme gehört? Meine Frau: niemand fei hier gewesen, es müsse ein Irrtum vorliegen, ich möge doch suche,t. vielleicht sei der Jemand aus dem Fenster entsprungen? . p/ hatte sich verraten! Die in jedem Menschen schlummernden detektivischen Instinkte erwachten in mir. Als ich mich unbeobachtet glaubte, öffnete ich die einzelnen Fenster und spähte nach Spuren: nichts, kühl und kalt breitete sich der fleckenlose Schnee durch den Garten. Wer als ich mich aufrichtete, stand plötzlich, wie aus der Erde gewachsen meine Frau hinter mir, und ihre Augen funkelten seltsam und grünlich, als sie fragte: „Also doch nicht durch's Fenster?" Hier ging etwas vor. Das war nicht mehr harmloser Adoentszauber, das war etwas Ernsteres, Gefahrvolles vielleicht. Heimliches jedenfalls oder Unheimliches, von dem ich ausgefchloffen werden sollte. Und mm häufte,, sich die Erscheinungen. (Einmal vom Mittagsschlafe jäh auf- schreckend, höre ich aus der Wand eine süße und liebliche Frauenstimme singen. Ja, die Stimme kam aus der Wand. Und es drangen unholde, krächzende Laute aus den Mauern, sie fkuteten durch die Räume, sie stellten sich plötzlich, wenn ich nach Haufe kam, leibhaft vor mich und waren in den frühen Dämmerungen fahle schleppende Gestalten. Und wenn ich mich damals früh zu Bett legen mußte, schlich sich über den dunklen Fußboden ein fernes Heulen, wie von einem klagenden Hunde °ber wilden Tiere. (Ein Kratzen wuchs aus, das langsam in ein Knattern und Saufen überging, es war manchmal, als tickten Morsezeichen durch bie Dunkelheit, als hörte ich «ns weiter gerne das Meer in Winter- ftürmen brausen. Das Merkwürdige aber blieb, daß ich alle diese unheimlichen Laute allein hörte. Mein Junge sah mich dumm an, als ich ihn verstohlen aus» Auhvlen suchte, und meine Frau hatte immer nur ihren schimmernden Glanz in den Augen und Ihre etwas spöttisch-kalte Ablehnung. Sv behielt ich denn schließlich alles kür mich. Sie werden denken, ich hätte Angst oder Besorgnis gesuhlt? Rein. Aber ich begann, mich unter dem Einfluß ?urhin erzählten Umstände für ein besonders begnadetes okkultes Medium zu halten. Ja, ich will nicht verschweigen, daß mich diese Tatsache mit einem gewißen Hochgefühl erfüllte. Ich will zugeben, daß ich in jenen Tagen eifrig um mich spähte, ob ich nicht auch mehr Zu sehen vermöge als die gewöhnliche Sinnenwell, ich wollte Phantome und Naturgeister entdecken, ich sah mich schon meinen Berus plötzlich ab- brechen und mich in einer neuen Welt zurechtfinden. Ja, ich roar hochmütig geworden; ich begann über diese Laute aus dem Jenseits ein gründliches Tagebuch zu führen, um jederzeit aktenkundkiches Material für ein zu schreibendes wissenschaftliches Werk zu haben; ich verachtete we realen Dinge und kehrte mich entschlossen den Geistern entgegen. Ja. >ch war hochmütig und sehr stolz geworden. Um mein durchgeistigtes Grublerhaupt strahlte die Aureole der Ewigkeit. Unter diese,, Umstände» aber wurde mir auch das Christfest selbst eine höchst belanglose und Zu übersetzende Angelegenheit. Natürlich, wer sich den Geistern genaht und von ihnen in Gnaden empfangen worden ist, roird den Geist des Festes mit Kindertand und Lichierftitiern verachten und ich mar, wie man begreifen wird, auf die albernen Ueberrajchungen des. Weihnachtstisches nicht im geringsten neugierig. Etwas doch be- irgtfen, als ich aus dem Weihnachtszimmer „Stille Nacht" klingen hörte, trat ich vor de» Baum: unter ihm stand ein glänzender schwarzer Kasten, in beifen Glätte die Lichter »ich hundertfach brachen — ein Rundfunkapparat. ,, 2ch mutz gestehen, daß mich diese technische Aufklärung meiner okkulten Sensation höchst unangenehm berührt Hai. Welches von Ewiq- kertsaureolen umstrahltes Grüdierhaupt läßt sich gerne mit kalten Wassersturzen überschütten? Welcher Hochmut kommt gerne zu Fall? Mun kann sich leicht denken, daß ich lange Zeit in stillem Kampf stand: rch mochte mein okkultes Privileg nicht zerstören lassen, ich hielt immer noch hartnäckig daran fest; ja. um so hartnäckiger, als tzer Apparat vor mir unbezweifelbare Wirklichkeit war, ich verteidigte meine erschütterte Position auf das letzte und war schon geneigt, den Kasten als Tand und Unfug abzulehnen ... als mir plötzlich aus allen Kerzen des Baumes — und das war nun gar fein okkulter Vorgang — das Wort Ber- rnesientzeitl enigegenftimmerte. Es ist nicht leicht, sich eine Demütigung einzugeftehe!, — aber vor diesen Zitternden Kerzen Ijabe ich es getan, ehrlich, gründlich und tief. Ich hatte mich vermessen, ich war hochmütig und stolz geworden: hier war bie gerechte Belohnung. Die gerechte? Nein, nein: die ganz unverdiente und gütige Belohnung, ein Geschenk, bas mir Freude machen sollte, als Entgelt für meinen ablehnenden Stolz. Und wenn auch niemand in jenen Adventstagen geahnt hat, was in mir vorgegangen war, ich wußte doch davon und das genügte mir schließlich für mich, um mich zu knicken. Und fang der Kasten auch nicht bas Lied der Telekinese, so war es „Stille Nacht" — irgendwo gespielt und durch den Aether in Me Unendlichkeit geworfen. Die Erde, auf der heute die Bäume brennen, hat Wunder genug. John Bunyan. Zu keinem SOG. Geburtstage. Von Professor Dr. W. Fischer, Gießen. Vor wenigen Tagen beging das nickst-hschkirchliche England, das England der Dissidenten, die dreihuntzertjährige Gedächtnisfeier John Bunyans, des großen Nonkonsormistenpredigers des 17. Jahrhunderts, und die ganze angelsächsische Welt reichte sich einmütig die Hönde, den Verfasser der „Christlichen Pilgerfahrt", des nach der englischen Bibel am meisten gelesenen engtkschen Buches, würdig zu ehren. Wer war dieser Mann, den Bernhard Shaw einen .Künstler-Philosophen" genannt hat, und den er mit kühnem Paradox Denkern wie Schopenhauer, Nietzsche und Ibsen an die Seite stellt? Bunyan ist ei» genauer Zeitgenosse Miltons. und die beiden puritanischen Dichter des 17. Jahrhunderts — Milton, der mit dem Geiste des klassischen Altertums Getränkte, der Vollender der künstlerischen Renaissance in England, und Bunyan, der „Kesselflicker" aus Bedfordfhire, der baptistische Wanderprediger mit seiner schlichten, volkstümlichen Erzählungskunst — sie deuten die beiden Pole an, um die die weite religiöse und künstlerische Wett des Puritanismus, dem man jetzt so gerne seine Enge vorwirst, In ihren Anfängen gekreist hat. Bunyan hat uns seine eigene Lebensgeschichte, die für ihn vor allem die Geschichte seiner „Bekehrung" ist, in einer der ergreifendsten Autobiographien Hinterlagen, die die Weltliteratur kennt. Ihr Titel, von barocker Umständlichkeit und drastischer Wortwahl, lautet: „Gnade, die in dem Hauptsünder überströmt; oder, eine kurze und wahrhaftige Erzählung der außerordentlichen Gnade Gottes in Christo, so er feinem armen Diener John Bunyan erwiesen hat, indem er ihn aus dem Dung- haufen erlöst unb zum Glauben feines Gesegneten Sohnes Jesu Christi bekehret hat". Schon als Kind hörte Bunyan im Traume Stimmen von bösen Geistern, und das „Wurmgefühl" des Puritaners wirkte sich in dogmatischen Zweifeln und dem bizarr-kindlichen Wunsche aus, „daß es entweder keine Hölle geben möchte, oder daß ich selbst ein Teufel wäre; denn ich glaubte, sie feien nur Quälgeister; und. falls ich selber einmal dorthin kommen müßte, wollte ich lieber selbst ein Quälgeist fein als »meinerseits gequält zu werden." Diese psychopathisch zu nennenden Anast- vvrstellungen steigerten sich durch den Einfluß des in peinlicher Wörtlichkeit erfaßten kalvinistischen Dogmas von der Vorherbestimmung unb der göttlichen Willkür zu seelischen Krisen, zu Anfällen trostlosester Verzweiflung. Aber mie für Saulus, Augustin, Pascal und viele andere leiben» fchastliche Gottsucher schlug auch für ihn die Stunde der Erlösmig: deutlich hört er eint Stimme, die ihm die Heilsmöglichkeit vorstellt, und ihn der eigenen Hettsgewitzheij teilhaftig werde»» laßt. So zieht er denn iw Lande umher, ein gewaltiger Prediger, die Heilsbotschaft z« künden; und da er sich den scharfen Religionsgefetzen der Stuarts nicht fügen will, wird er zwölf Jahve fang (mit nur kurzen Unterbrechungen) in Haft gehalten. Politische Aemter und kirchliche Ehrenstellen, die man ihm später antrug, schlug er beharrlich aus. An einer Krankheit, die er sich au f ein er seelsorgerischen Reife zu gezogen hatte, ist ber starke Mann, noch nicht ganz sechzig Jahre alt, plötzlich verschieden. Im Kerker ist Bunyans Hauptwerk geschrieben, dasjeinenNamer, «tif immer unsterblich gemacht hat. „Die Christliche Pilgerfahrt aus dieser in die zukünftige Welt. Dargestellt im Bilde eines Traumes" Bon wenlgenStelken längerer dogmatisch-theologischer (Erörterung abgesehen, wirkt dieses xm*U»»ifche Märchen heute noch ebenso frisch und unmittelbar aus die Herzen aller Leser, ber Jungen und der Alten, wie vor dreihundert Jahre«. Während die Jungen sich an den typischen Märchemnotiven der Erzählung ergötze», an der wunderbaren Errettung Christians und feine» Gefährten aus dem Schlöffe des Zweifels und dem Tale der Erniedrigung, tm den spannenden Abenteuern in der Stadt der Eitelkeit und dem glücklichen Einzug des Pilgers in die himmlische Stadt, erbaut sich der Gereifte an der in schlichter Sprache dargebotenen Lebenserfahrung und tiefen Weisheit, die enge Kirchlichkeit weit zurückläßt und auf den Höhen allgemeinsten, in seiner Schwäche und Stärke klar und innig erfaßten Menschentums dahinwandelt. Und selbst da, wo Bunyan sich streng an das kalvinistische Dogma hält, hat er Momente von wahrhafter Großartigkeit, die wie ein Blitz die psychologischen Tiefen christlicher Dogmatik erhellen. So etwa in dem berühmten Schlußsaß, in dem der selbstsicheren Anmaßung des noch in letzter Stunde der Verdammnis geweihten Begleiters Christians das Urteil gesprochen wird: „Da erkannte ich, daß auch von den Pforten des Himmels, gerade so wie aus der irdischen Stadt der Zerstörung, ein Weg zur Hölle führt". Eine spätere Fortsetzung der Allegorie, die Christina, die christliche Pilgerin, mitsamt ihrer Kinderschar die gleiche Straße zum Himmel ziehen läßt, ist als nicht erlebtes sondern gewolltes und absichtlich wiederholtes Kunstwerk wesentlich schwächer. Das eigentliche Gegenstück zu Christians himmlischer Reise, und in seiner Art ein Werk von beträchtlicher Bedeutung, ist „Das Leben und Sterben des Herrn Schlecht", ein Mittelding zwischen Crbauungsbuch und dialogisierter Erzählung, das den Laster- und Höllenweg eines typischen Vertreters der englischen Mittelklasse zum Vorwurf hat. Mit seiner unmittelbaren, auf jede künstlerische Ausarbeitung verzichtenden, oft brutalen Schilderung kleinbürgerlicher Umwelt ist das Buch eine wichtige Vorstufe des bürgerlich-realistischen Romans des 18. Jahrhunderts und eine Fundgrube für soziologische Literaturbetrachtung; aber das didaktische Beiwerk, die Ueberwucherung des dürftigen Handlungsfadens durch dogmatisterende Ethik und die allzu geradlinige Psychologie zeigen immer wieder, wie dem Puritaner Bunyan eine „interesselose" Kunstübung gänzlich ferne lag. Sein letztes großes Werk, die umfangreiche, verwickelte und anspruchsvolle Allegorie „Der Heilige Krieg", unternimmt nichts Geringeres, als die zentralen christlichen Heilswahrheiten von der Erlösung der Sünde durch Christi Opfertod, vom Kampf des Teufels und der Gottheit um die Menschenseele, in den Rahmen einer umständlichen Kriegs- und Schlachterhandlung einzuspannen. Selbst zu Milionischer Maschinerie, zu Teufelsversammlungen und Gottheitsberatungen, versteigt sich hier sein Ehrgeiz. Da aber auch hier der Stil und die Allgemeinvorstellung des Dichters im Bürgerlich-Tatsächlichen oder Buchstäblich-Biblischen und Dogmatischen haften bleibt und sein Gedankenflug zu mythosschasfenden Höhen sich nicht erheben kann, ist der Eindruck des Ganzen, trotz einiger eindrucksvollen Szenen, ein ausgeklügelter und gekünstelter. So hat sich also auch bei Bunyans Werken, die durch zahlreiche Predigten, Traktate und Streitschriften einen stattlichen Umfang erreichten, di« sondernde Zeit als eine gerechte literarische Richterin erwiesen. Sein Gesamtwert ist eines der weitestausludenden Denkmäler des bürgerlichen Frühpuritanismus und entwicklungsgefchicktlich von größter Bedeutung für die Entfaltung religiös bedingter Profanliteratur. In das Bewußtsein der Weltliteraten ist er freilich nur mit seinem ewig frischen „Pilgrim's Progress" eingezogen. Daneben aber verdiente seine Seelen- beickte „Gra~e Abounding in the Chief of Sinners", die ein lebendiges Besitztum aller religiös interessierten Angelsachsen bildet, ob ihrer tragischen Wahrhaftigkeit auch außerhalb der englisch sprechenden Völker einen Ehrenplatz in der Literatur echter, ungeschminkter Lebens- dokumenie. Auf dem $crum her Trierer Temvelstsdt. Ausgrabung und Erhaltung des Tempelbejirks. Von Kurt H o tz e l. Der im Weichbild der Stadt Trier, im Altbachtale zwischen den Ruinen der Kaiserthermen und des Amphitheaters, aufgefundene römische Tempelbezirk erweist sich im Laufe der seit 1924 ununterbrochen vorgenommenen Grabungen immer mehr als ein geschichtliches Denkmal von höchster Bedeutung. Professor Siegfried L o e s ch ck e . dem Ausgrabungsleiter, ist es gelungen, hier in dem unbekannten Gelände zwischen einer Bahnlinie und einigen Fabriken auf einem Gebiet von 300 mal 300 Meter eine vollständige T e m p e l st a d t in ihren Grundrissen, Mauerresten, Säulenhallen, Denkmälern usw. zutage zu fördern. Es hat sich in den letzten Monaten mit Sicherheit ergeben, daß diese Tempelstadt sich um ein Forum gruppierte, das seinerseits wiederum auf der Stätte eines prähistorischen Marktes liegt. Und auf dem nach neuesten Feststellungen in den Jahren 270 bis 275 durch die Germanen zerstörten Dempelbezirk erheben sich dann die ersten fränkischen Bauten — so daß hier in einzigartiger Weise ein bisher wenig bekanntes Zeitalter rheinischer und deutscher Geschichte im vollständigen Zusammenhang durch interessante Zeugnisse ausgehellt wird. Bisher hatte man eine große Anzahl einzelner Tempel in diesem Gelände ausgegraben: meist Heiligtümer in der Art der Feldkapellen der christlichen Zeit. Auch Umoangtempel mit Holz- oder Steinsäulen, nordische Bauformen mit hohem Giebeldach oder Pultdach waren zutage getreten. Daneben erschienen rein hellenistische Reste. An Götterbildern sanden sich neben den römischen Göttern, den olympischen also, vor allem einheimische Gottheiten, die uns hier zum ersten Male mit Namen genormt wurden. Inschriften verzeichneten an weiblichen Segens- und Mutdergottheiten die bisher unbekannten Aveta, Ritona, Icovellauna, dazu die Pferdegöttin Fpona. Besonders interessant war der Fund eines’ gut erhaltenen Steinbildes des stiergestaltigen einheimischen Wassergottes, das in der Tempelumrahmung stand, nahe bei dem Heiligtum einer der Segensgöttinnen, deren Sitzbild auch noch an der ursprünglichen Stelle und zwar vor dem zweizelligen Tempel gefunden wurde. Die Schlüße, die sich anaesichts dieser Götterbilder auf die Seelenverfassung unserer rheinischen Porfahren ziehen lassen, sind für die Volkskunde sehr wichtig. Die bäurische Kultur ist danach hochentwickelt gewesen, und der Bilderreichtum des Kultes üvertrjfst in manchem Sinne den römischen. Etwa dreißig solcher Kapellen-Tempel hat man im Laufe der Jahre gefunden. Die Zahl vermehrt sich noch dauernd. Nun schließen sich aber nach den neuesten Grabungen im Nordwesten an diese Kleinbautei, große Vierecke an, die in sich geschlossen sind. Säulenhallen umzogen diese weiten Höfs, deren Bestimmung verschieden ist. Inmitten des Mauergewirrs der Kleinbauten liegt der nördlichste dieser Großbauten. Man fand an dieser Stelle im vorigen Jahre den Mithras-Tempel. Im Kellergeschoß eines großangelegten, zweiflüglichen Priesterhauses — von Mariius Martialis erbaut — lag das Mithräum, das erst in konstantinischer Zeit durch die Christen zerstört wurde: ein Zeugnis für den schweren Endkamps de» Christentums mit der durchaus verwandten Mithras-Religion, ein Kampf, der im ganzen Abendlande ausgekochten wurde bis weit in den Orient hinein. Das hier gefundene Sockelrelief des Mithras-Altars ist übrigen» von ganz besonderer Schönheit. Cs stellt die Geburt eines Mtthrasknaben dar. Unter diesem Mithras-Priester-Haus und Mithräum traten nun rost- artig gelegte schwere längliche Sandsteinblöcke zutage, die sich als Sitzreihen eines Theaters im Kultbezirk herausstellten. Diese» Theater füllte einen der großen in sich geschlossenen Viereckräume im Tempelbezirk aus. Eine verhältnismäßig kleine Podiumbühne wurde darin, nach Nordwesten gelegen, auch gefunden. Auf den erwähnten primitiven Sitzsteinen, die amphitheatralisch geordnet |inb, findet matt vielfach die Namen der Sitzinhaber. Parallel zur nördlichen Außenmauer des Theaters läuft in größerer Entfernung ein neugesundener Aquädukt. Er brachte das Wasser von den Bergen, die Trier auf dieser der Mosel entgegengesetzten Seite umrahmen. Weiterhin läuft diesem Zuge parallel die Umfassungsmauer des ganzen Tempelbezirks, der eine Säulenhalle vorgelegt war, die rund um die Tempelstadt lief. Westlich von diesen Anlagen fand man schon vor längerer Zeit den größten der Jnnenhöfe, der Binnenvierecke des Bezirks: einen noch nicht ganz durchforschten Raum, dessen Westwand in zwei Apsiden ausgebuchtet war. Inmitten der Mauer zwischen diesen Apsisbauten fand sich ein umfänglicher Torbau, der als der Haupteingang zum Tempelbezirk anzusehen ist. Das mit Apsiden versehene Viereck aber wurde als das Forum, als der Markt der Tempelstadt erkannt. Es liegt in dem rechtwinklig gehaltenen Fluchtlinienplan der augusteischen Stadtgründung Triers. Wahrscheinlich ist dieses Forum und dieser Temvelbezirk von den Römern auf altem Kultbvden der Einheimischen, der Bauen, errichtet worden, um der Landbevölkerung vor der eigentlichen neuen römischen Regierungsstadt einen schon gewohnten Sammelplatz zu geben. Kluge römische Kolonialpolitik schuf also hier ein unsterbliches Denkmal einheimischen Kultes. In derselben Fluchtlinienrichtung fand ma.n auch letzthin einen in der ersten r m-schen Zeit errichteten Tempel mit Umgang aus Holzfäulen, deren Steinfundamente noch vorhanden sind. Neben dem Forum aber, nach Westen, entdeckte Professor Loeschcke einen Binnenhof von nahezu d-rselbev Größe wm das Forum. In seiner Mitte fanden sich Reste eines größeren Tempels. Die Umfassungsmauer dieses Vierecks zeigte im Westzuge sehr gut erhaltene Nischenbauten, über deren Bestimmung noch keine Klarheit herrscht. Der ganze Hof war innen wieder von einer Säulenhalle umzogen, l^tb parallel zu ihm entdeckte man noch einmal Mauerreste, die auf eine ähnliche Hofanlage schließen lassen. Angesichts der Großartigkeit dieser Funde erscheint es dringend geboten, die vollständige Ausgrabung des Tempelbezirkes zu ermöglichen. Das Gelände ist zugänglich. Die Mittel sind bisher vom Reich, Land und anderen Stellen aufgebracht worden. Die Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, die auch das Erscheinen her ersten Buchveröffentlichung von Loeschcke über die Ausgrabungen „Die Erforschung des Temvelbezirkes im A'Uachtale zu Trier" ermöglichte, hat sich besonders darum bemüht. Möchten die betreffenden Stellen das große wissenschaftliche Werk nun auch zum Ziele führen lassen! Die Grabungen haben nun bereits eine Fülle von Museumsstücken ergeben, die zwei neueingerichtete Räume des Trierer Provinzialmuseums füllen. Biele Kleinfunde sind noch nickt geordnet und aufgestellt. Aber schließlich besteht doch der Wert und Reiz dieser Ausgrabungen In den an Ort und Stelle sichtbaren Funden, in den Bauten des Tempelbezirks selber. Es sind jetzt schon zwischen den hochgetürmten Hügeln der aus« geschachteten Erde eindrucksvolle Mauerzüge sichtbar. Wenn nun das Erdreich planiert würde, so wären die Reste allein schon eine einzigartige Sehenswürdigkeit — zumal sie nicht unübersehbare Züge eines von der Phantasie des Laien schwer zu rekonstruierenden Gesamtbaues sind, sondern jeder in sich ein deutlich erkennbares Bauwerk ist. Professor Loeschcke schlägt nun vor, einen der charakteristischen Um- gangtempel im Bau zu rekonstruieren. Ein vollständiges Modell dasllr ist in einer kleinen Plastik erhalten, die, in Stein gehauen, einen solchen Temvelbau darstellt. Ferner könnte die Umfassungsmauer mit einigen Säulen aufgerichtet werden, das Forum wäre im, wesentlichen leicht zu rekonstruieren und das Ganze als Grünanlage zugänglich zu machen. Damit würde nicht nur der Stadt Trier, sondern der ganzen Nation und weiterhin der schon heute sehr interessierten Kulturwelt im Rheinland ein Denkmal heim-'scher und römischer Vorgeschichte geschaffen, dessen Einzigartigkeit durch die welthistorische Bedeutung der römischen Kaiserstadt Trier zum Beginn der geschichtlichen Zeit Nordeuropas bezeichnet wird. Hier durchdringen sich, jedem sichtbar, die Kulturelemente, aus denen die spätere eurovöische Kultur erwuchs. Hier an Rhein und Mofel liegt die Wurzel, von hier ans breitete sich das Frankenreich aus, dessen erste Siedlung in römischen Mauern hier im Trierer Temvelbezirk deutlich erkennbar ist. In allen anderen Städten römischen Ursprunaes an Rhein und Donau liegen die zweitausend'ährigen Bauten, meist Kirchen, wohl auf immer verborgen. Hier in Trier hat die Gunst des Schicksals d>e Erde offen gelassen. Eine durch diesen Bezirk geplante Straße läßt sich ieid)t “*”’ legen. Die Vorbedingungen einer großzügigen Erhaltung sind issgeven. Und gerade hier an der umkämpften deutschen Westmark wäre diese er« Haltung eines antiken Nationalheiligtums eine historische Tat. Verantwortlich: Dr. HanS Thyrtot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Stetndruckerei, 3$. Lange, Gieße».