GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang M8 Dienstag, den lH.gedruar Nummer |5 Lied vom Winde. Von Eduard Mörike. Sausewind, Brausewind, Dort und hier! Deine Heimat sage mir! „Kindlein, wir fahren Seit viel vielen Jahren Durch die weit weite Welt, Und möchten's erfragen. Die Antwort erjagen Bei den Bergen, den Meeren, Bei des Himmels klingenden Heeren: Die wissen es nie. Bist du klüger als sie, Magst du es sagen. - Fort, wohlauf! Kommen andre nach, unsre Brüder, Da frag wieder!" Halt an! Gemach, Eine kleine Frist! «agt, wo der Liebe Heimat ist, Ihr Anfang, ihr Ende? ,Wer's nennen könnte! Schelmisches Kind, Lieb' ist wie Wind, Rasch und lebendig. Ruhet nie, Ewig ist sie, Aber nicht immer beständig. — Fort! Wohlauf! Auf! Halt' uns nicht auf! Fort über Stoppel und Wälder und Wiesen! Wenn ich dein Schätzchen seh'. Will ich es grüßen. Kindlein, ade!" Um errre Pfeife Tabak. Eine Anekdote von Wilhelm Schäfer. Kommt einmal „Zum goldenen Engel", der gegen den Markt in Zcoenaar liegt, ein Fremder geritten, wirft dis Zügel dem Hausknecht hin und stapft mit staubigen Stiefeln die Treppe hinauf. Herr Wirt, sagt er barsch und nimmt seinen Hut ab, sich den Schweiß von der Stirn zu wischen, drei Pfeifen Tabak und den besten Barbier. Und ein Zimmer für eine Stunde; denn ich muh zum Abend in Nymwegen sein! Zu Euren Diensten! entgegnet der Wirt und sprengt den Franz über den Platz, den Balthasar Bluewarm zu holen. Er selber bringt den Fremden gemächlich hinauf nach Nummer 2, zwar gegen die Seitengasse, aber mit einer bveitmächtigen Polsterbank und neubezogenen Stühlen, und steigt zur Diele hinab, denn in Holland rauchen sie Tabak aus tönernen Pfeifen, und dis Wirte halten dafür einen Laden. Der Balthasar Bluewarm, als ihm der Franz hitzig hineinschreit, wischt erst seinen Mund ab, weil es gerade Kaffeezeit ist: So eilig hat es der Schweiger gebraucht, als er dem Alba entwischte! Aber er sucht sein bestes Messer aus den andern heraus, läßt sich den Rock von der Frau bürsten, glättet den Hut mit dem Aermel und geht in den „Goldenen Engel", wo ihn der Franz hinauf nach Nummer 2 bringt. Da sitzt der Fremde breitspurig in seinen Reitstiefeln da, mit dem Rücken gegen den Tisch, darauf er die Ellbogen stützt, und raucht seine Pfeife. Kann er rasieren, wenn ich die Augen zuhalte? fragte er und häli sie wahrhaftig geschlossen, als wäre er blind. Wenn ich die meinen ausmachen darf wegen dem Messer! scherzt der Balthasar Bluewarm und wagt kurzerhand an, den Fremden zu seifen, der wie ein Knorren im Wald dasitzt, nur daß er raucht. Hat es der Herr an den Augen? fragt er, .als er das Messer am Riemen abzieht und den seltsamen Mann von der Seite betrachtet. Der aber schüttelt nur seinen Kops und pafft, zornig der Frage, in dicken Zügen, so daß es dem Bluewarm fast für die eigenen Augen zuviel wird, indessen er ihm nach der Ordnung das Kinn und den Hals, die Backen und danach die Rinne unter der Nase abschabt. Habe ich nicht den Koch des Herzogs von Braunschweig rasiert, als er vom Trunk ins Wasser gefallen war, und stank schon An wenig? denkt er für sich und bringt es mit Kunst zu Ende. Fertig! sagt er sodann und fängt an, den Schaum von den Fingern zu wischen, die er zierlich gespreizt hat. Fertig! sagt auch der Mann, steht breit in den Stieseln auf und hält ihm die leere Pfeife unter die Nase: das macht mir so leicht keiner nach! Und. er ist durchaus nicht blind, sondern hat kohlenschwarze Augen. Halten zu Gnaden, was? fragt der Balthasar Bluewarm und packt sein Zeug mit geschäftigen Händen zusammen, weil er gern seine Behendigkeit zeigt. Eine große Pfeife Tabak mit geschlossenen Augen zu rauchen! betont der Mann jedes Wort, als gäbe er einen Bericht von der letzten Schlacht oder gar eine Predigt. Und als dem Barbier der Mund offen bleibt vor solcher Torheit — er hat es nicht an den Augen, sondern im Kopf! denkt er und sagt nur noch mit einem halben Kratzfuß: Sieben Batzen, wenn es beliebt! — fängt der närrische Mann an, vom falschen Genuß des Tabaks zu reden, daß er doch ein Ding für den Geschmack sei; aber die meisten fänden nur ihr Vergnügen daran, den blauen Rauch zu betrachten! Weil sie nicht rauchen können mit geschlossenen Augen! fügt er mißfällig hinzu und fängt an, mit hängenden Beinen durchs Zimmer zu gehen, daß die Bretter unter ihn knarren, indem er mit zwei Fingern das Schabgeld nebst einem Douceur auf den Tisch legt. Der Balthasar Bluewarm will nicht geldgierig scheinen und läßt die Batzen großspurig liegen. Sollte das eine solche Kunst sein? fragte er beiläufig und steht nun auch breitbeinig da, weil er den Fremden für einen Toren zu halten bereits gewiß ist. Der aber greift in die Tasche, darin ihm das Geld anscheinend locker sitzt, zählt acht Silbergulden auf den Tisch und prahlt: Ich wette acht gegen drei, daß Er nicht eine Pfeife Tabak mit geschlossenen Augen zu Ende bringt! Hollah! überlegt der Barbier, der neben seinen Batzen die acht Gul< ! den liegen sieht, so leicht find die Vögel sonst nicht zu verdienen! Er trägt zwar das Geld nicht so locker in der Tasche wie dieser Mann in den Reitstiefeln, der es offenbar dick hat; aber der Wirt, weiß er, wird chm die Gulden schon leihen: Seid Ihr ein Engländer, Herr? trumpft er ihm auf und sagt schon Ihr, weil ec vor seiner Narrheit keinen Respekt mehr hat. Wenn Ihr Euer Geld los werden wollt, ich will die Wette schon halten! Er läuft hinab zum Wirt, der gerade einen Kapaun stopft, und will sich die Gulden leihen. Kaufst du Steine, fragt der zurück, so sieh dich vor, daß sie nicht salsch sind! Es gilt eine Wette! gesteht der Barbier: Und der Mann in Nummer 2 ist ein Narr mit deinem Tabak. Du kannst ihn getrost bei der Zeche scheren, weil er es dick in den Taschen hat! Der Wirt wischt schweigend die Hände ab, geht an den Schrank, darin er tagsüber das Thekengeld hütet, und gibt ihm die Gulden. Aber betrogen wird nicht! sagt der Fremde, als das Geld auf dem Tisch liegt, elf Gulden und das Schabgeld mit dem Douceur. Die Barbiere find Schaumschläger! Ich muß Ihm selber mit diesem Tuch die Augen verbinden, erst dann wird geraucht! Sonst kann ich die Wette nicht halten! Bekommt er es schon mit der Angst? spottet Balthasar Bluewarm für sich: Her mit. der Pfeife und bindet mir zu, was Ihr wollt! Er setzt sich breit auf den Stuhl wie der Fremde, den Rücken gegen den Tisch, darauf die Gulden auf seine Tasche warten, und spreizt die Beine großmächtig ab, wie der andere tat; nur sind die seinen zu kurz. Also los! kommandiert der Fremde, der das Tuch noch einmal befingert hat, daß keine Spalten darin find, schlägt den Feuerstein an und Balthasar Bluewarm beginnt zu rauchen. Wahrhaftig, merkt er, das Zeug schmeckt wenig, wenn man den Rauch nicht sieht. Aber acht Gulden sind reichlich für eine Pfeife. Hätte ich jeden Tag solch einen Narren zu schaben, mir sollte halb Zevenaar bald gehören! Und er qualmt gewaltig draus los, weil er weiß, daß der Wirt seine Pfeife nicht obenhin stopft. Jndesfen geht der Fremde mit schweren Stiefeln hinter dem Tisch auf und ab, weil vor den Beinen des Bluewarm kein rechter Platz ist. Schmeckt ihm das Kraut? fragt er einmal, als wolle er ihm den Geschmack madig machen. Konntest du schweigen, kann ich das Maul an der Pfeife halten, denkt der Barbier, während der andere die Gulden vom Tisch nimmt, als klebten sie an den Fingern, und auch die Batzen dazu. Auf Ehre, Herr, sagt er dann, mir kommt da ein Drang! Ich hoffe, Ihr werdet mich nicht betrügen indessen! Und ist auf Ihr zu Ihr mit dem Barbier, wie der es mit ihm war, als er die Hand auf die Klinke legt. Possen! mahnt sich der Balthasar Bluewarm: Die Schliche sind mir bekannt! Damit er meine Gulden gewinnt, statt ich die seinen, soll ich mich stören lassen! Und zieht an der Pfeife, indessen der Fremde noch einmal Excusez sagt und sich also französisch empfiehlt. Unten begleicht er dem Wirt die Zeche mit Batzen und legt noch zwei Kreuzer dazu für den Franz, ehe er aufsitzt, dem Gaul auf den Hals klopft und seinen Hut schwenkend sogleich einen scharfen Galopp nimmt. Wo aber bleibt der Barbier? denkt der Wirt nach einer Weile und geht hinauf, wo er den Balthasar Bluewarm auf Nummer 2 findet, rauchend mit verbundenen Augen, daß die Kammer blau davon ist. Was Be- imd ein« des aus Die und Nun war es damals in Holland Gitte, daß die Gilden, Zünfte andere Vereinigungen aller Art fich in corpore malen ließen — D'rs MuitTanssMon. Von Dr. Alfred Klop stock, .Heidelberg. Gesichter gezeitigt hatte. (Eine Amsterdamer Schütz enko mpagnie, geführt vvin Hauptmann Franz Banning Cocq hielt Rembrandt gerade für den treibt Ihr für Possen, Gevatter Bluewarm? fragt er erstaunt und ist ' auch auf Ihr zu Ihr mit dem Barbier gekommen, der hartnäckig pafft, ; weil er die letzten Züge an [einem Tabak spürt und die Gulden in seinem Rücken. _ , , . .... Posten? höhnt er in sich hinein. Das haben sie miteinander beredet, mich dennoch zu fangen! schüttelt nur seinen gesalbten Kopf und schmaucht, sein Glück zu vollenden. Der Wirt wittert Unrat; aber da er nichts weiß von den Gulden, will er zuletzt wieder hinab. Gerade da ist der Balthasar Biuewarm fertig, tut noch einige hastige Züge, bis er es schlürfen hört. Fertig! sagt er, steht auf und reißt das Tuch von der Stirn. Aber wie er die Augen herumwirft, liegt nur die dritte Pfeife noch auf dem Tisch, und die Gulden sind fort mit seinen Batzen. Wo ist der Fremde? fährt er den Wirt an; daß der die wehrenden Ellbogen wider ihn hebt, ehe er Antwort gibt: Der ist vorhin nach Nymwegen geritten! Und deine drei Gulden sind mit! stöhnt der Barbier und sinkt auf dem Stuhl, weil ihm übel wird, nicht nur von dem Krallt; und sitzt nicht mehr da mit gespreizten Beinen. Aber der Wirt hält es genau mit der Grammatik: Halloh, sagt er spitz; mich dünkt, es sind deine! Du hast eine teure Pfeife damit geraucht. Hier hast du noch eine, die du auch mitbezahlt hast. schon früh nur ein Problem in seinen Werken verfolgte, nämlich das Licht zu fassen, zu formen, ja, zum Träger alles Dargestellten zu machen, war der Gedanke, eine Anzahl braver Amsterdamer porträtähnlich nebeneinander aufzureihen, unerträglich; er verlegte also den Auszug der Kompagnie, den er wiedergeben wollte, in das Halbdunkel eines gewölbten Torweges, und ließ nur den Hauptmann mit seinem Leutnant hell von dem schräg einfallenden Lichte bescheinen. Alles andere geistert, mit sonderbaren traumhaften Gestalten vermengt, welche gar nichts mit der Compagnie zu tun haben, im Dunkel durcheinander, wo es sich verliert, wieder auftaucht, eine Waffe ober einen Helm aufblitzen läßt, über dem sich sogleich wieder das wogende Geheimnis schließt. Rembrandt schuf aus der Banalität des Vorganges und der Menschen eines seiner größten Werke, eines der erschütterndsten Bilder aller Kunst: und gerade dieses Bild sollte sein Verderben werden. Denn die Amsterdamer Schützenbrüder und mit ihnen die ehrsame Bürgerschaft der <5tabt waren empört. Wie? Was fiel diesem Maler, der sowieso mit seiner Frau ein lockeres und üppiges Leben inmitten aller möglicher Zaubereien und Kuriositäten führte, eigentlich ein? Das sollte ein Doelenstück (ein, auf -dem man doch zum mindesten die Gesichter in aller Deutlichkeit erkennen müsse? Und was soll öies Dunkel? Und die merkwürdigen Gestatten, die darin umherfahren, wie das kleine lasterhaft aussehende Mädchen? Gehört das vielleich in eine Schützenkompagnie? Ein schauderhaftes Bild, dessen Annahme verweigert werden muß! Eine Verhöhnung des Bürgertums! Dem Maler werden wir es zeigen! Keinen Auftrag mehr! Hungern (oll der Kerl... Wir hören fi« keifen, die entfesselten Spießer. Sie hatten die materielle Macht, und sie machten wirksamen Gebrauch von ihr. Rembrandt wurde verfemt, konnte kaum etwas verdienen, mußte seine Sammlungen verschleudern, geriet immer tiefer in Rot; Saskia starb, und nur feine Magd, Hendrikje Stoffels, die er später heiratete, blieb bei ihm. Er lebte im Seltfame Künstler Von Dr. Anton Mayer. Künstler sind außergewöhnlich begabte Menschen und haben also auch leicht außergewöhnliche Schicksale; allerdings ist ein gewisses Bohemetum, wie es eine Zeitlang in gewissen, der Kunst nicht fernstehenden Kreisen beliebt war, mit seinem merkwürdigen Gebaren noch kein Beweis für die Genialität. Aber wohl nur selten wird das Leben eines Großen in der Kunst in ganz geraden und von der Bürgerlichkeit vorgeschriebenen Bahnen verlaufen; auch Goethe, der später Staatsminister, Exzellenz und Geheimrat wurde, war in feiner Jugend zeitweilig gar nicht so sehr weit von den sturmumwehten Pfaden eines Christian Günther entfernt, von dem er später selbst sagte, daß ihm sein Leben wie sein Dichten zerronnen seien. Allerdings wird es immer eine Seltenheit bleiben, daß ein Künstlerdasein einen so gleichmäßig freundlichen Verlauf nimmt wie die irdische Laufbahn des in Berlin der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre außerordentlich anerkannten und heute sehr hoch geschätzten Malers Franz Krüger; er führte ein von allen materiellen Sorgen von Anfang an freies, erfolgreiches, von den schönsten Aufträgen ausgefülltes Leben voll behaglichstem Luxus und hinterließ feinen Erben das erstaunliche Vermögen von 750 000 Mark, eine Summe, die im Jahre 1857 einen noch beträchtlich größeren Wert repräsentierte, als sie es in unseren Tagen vermag. Das ist in seiner Art ein, ich möchte sagen, negativ seltsames, dafür aber sehr angenehmes Künstlerschicksal; allerdings fehlte dem braven Meister, der ein treffsicherer Zeichner von großem Geschmack und ein Maler von außerordentlichem Können war, der letzte göttliche Funke, ohne den kein Werk höchsten Ranges entstehen kann, die Genialität. Dagegen ist das Geschick des wohl größten Malergenies aller Zeiten und Länder, das Geschick Rembrandts ein ebenso seltsames wie tragisches gewesen. Seine Laufbahn führte im glücklichen Anfang schnell nach oben; Geld und Ruhm floffen ihm zu, feine Fran Saskia von Uhlenborgh war ihm liebste Gefährtin, welche ein inmitten schöner und wertvoller Kunstsammlungen heiter geführtes Leben voller Freude mit ihm teilte. Er hat sich selbst mit ihr porträtiert: sie sitzt auf seinem Schoß, er hebt ein volles Glas, und beide blicken lachend aus dem Bilde heraus den schauer an: die Zukunft lag ohne Wolken vor ihnen. richtigen Mann, um auch ihre Antlitze der Welt zu überliefern, und dieser nahm den Auftrag an, der ihm verhängnisvoll werden sollte. Ihm, der Gewohnheit, welche zwar herrliche Bilder, wie. die „Doelenstücke' Franz Hals, aber auch recht langweilige Gemälde voll gleichgültiger Das Blut der Säugetiere, und somit auch des Menschen, besteht bet Blutflüssigkeit und den in ihr schwimmenden Blutkörperchen, roten Blutkörperchen haben die lebenswichtige Funktion, den Zellen Geweben des Organismus den Sauerstoff zuzufuhren, der ihnen durch die Atmung in den Lungen übergeben wird Sinkt die Zahl per roten Blutkörperchen des Menschen unter em gewisses Mindestmaß, so reichen die übrig bleibenden zur Ausübung der Atmungsfunktion nicht mehr aus, der Mensch geht an innerer Erstickung zugrunde. Wenn also schwere Blutverluste bei Verletzungen eintreten, oder wenn durch Gifte ober gewisse Erkrankungen die Zahl der roten Blutkörperchen so stark verringert wird, daß lebenbedrohliche Ziistande emtrekn, was liegt bann näher, als einen Ersatz bes verloren gegangenen Blutes durch neu von außen zugeführtes zu versuchen? Von jeher war man M« bestrebt, in solchen Fällen durch lleberleitung (Transfusion) srisch-N Blutes lebensrettend zu wirken. Die Technik einer solchen .Blutuber leitung selbst ist einfach und bietet in der Hand des Geübten keinerlei de andere Schwierigkeiten. Als man nun aber im vorigen Jahrhuiwert de schweren Blutverlusten zum Ersatz des verlorenen Blutes Zierblut de nutzte, zeigte sich bald, daß die Vlutüberleitung recht gefährlich war Schwere Zustände von Blutzerfall, Atemnot, die sogar vom Tode ge folgt fein konnten, traten auf. Auf den ersten Blick erschienen die schweren Folgezustände nach der Einleitung von Tierblut (man verwana vorwiegend das Blut von Lämmern) nicht recht verständlich. Denn ft ! unter dem Mikroskop kann man die Blutkörperchen von Mensch un Elend; aber, das ist das Schöne dabei, die Rache der Spießer schlug doch zum Guten aus: denn aus dem Elend erwuchsen Rembrandt die tiefften und großartigsten, die abgeklärtesten und ergreifendsten seiner Schöpfungen, deren bestes Beispiel das Bildnis der „Staalmeesters", der Vorsteher der Amsterdamer Tuchmachergilde, ist. Es hängt im Reichsmuseum Hollands, in derselben Stadt, nicht weit vom Bilde der Schützengilde, dem man später, in Mißdeutung des Halbdunkels, den Namen „Die Nachtwache" gegeben hat. So weit war man vom Berftcmdnis Rembrandts entfernt, daß man seine Lichtmalerei für nächtliche Finsternis hielt. Um dieselbe Zeit als Rembrandt in Amsterdam lebte, wollte in Rom der Cavaliere Bernini den Bau der Pcterskirche vollenden. Er beschloß, die Seiten der mächtigen Fassade mit zwei Türmen zu krönen, feeren Bau dann auch zugleich in Angriff genommen wurde. Aber kaum waren sie fertig, fea neigte sich der eine von ihnen bedenklich, 'bas Mauerwerk bekam Risse, kurz, höchste Einsturzgefahr drohte. Es blieb nichts anderes übrig, als die prunkvollen Bauten schleunigst wieder abzutragen, welche Blamage für den stolzen Meister, den berühmtesten Architekten Italiens, der sogar am Hofe des französischen Sonnenkönigs geglänzt und dort den Begriff der „Karikatur" in witzigen Porträts der Hofgesellschaft geschaffen hatte! Er mußte irgend etwas finden, um sich zu rehabilitieren; sein Genie ließ ihn die Niederlage in glänzenden Sieg verwandeln und gab ihm die Idee zur Umgestaltung des Petersplatzes in die noch heute bestehende Form. Er umgab den Platz mit mächtigen Kolonnaden, die sich wie Arme um das gewaltige Bauwerk legen, symbolisch zu deuten als die Arme der allumfassenden katholischen Kirche, ästhetisch aber eine der hervorragendsten Architekturleistungen der Baugeschichte bezeichnend, feeren Dasein wir einem Konstruktionsfehler beim Bau der Turme vsr- danken. Manchmal haben auch die Irrtümer ihr Gutes, wenigstens wenn sie von genialen Menschen begangen werden. Das römische 17. Jahrhundert war reich an interessanten Baumeistern. Die neugewonnene Freiheit des Denkens, die sich in der Vorstellung des heliozentrischen Systems im Gegensatz zmn bisher gültigen geozentrischen bemerkbar machte, ließ im Verein mit den Bestrebungen der Gegen- ' Deformation eine leidenschaftliche und bewegte Kunst entstehen, dw befmi- ders in der Architektur neue und überraschende Formen zeitigte. Bie häufig beinahe zügellose Wildheit der Kirchen und Profanbmiten jener Zeit ist bis in unsere Taae hinein die Zielscheibe grimmigen Hasses aller klassizistisch eingestellten Betrachter gewesen, und der am meisten nut Zorn und Spott heimgesuchte Name ihrer Erzeuger war Franceseo Borromino. Ein unbezähmbarer Drang nach Bewegung charakteri- : fiert seine Werke, feine Fassaden verlassen die Geraden, um Wellenlinien zu schlagen, die Wände seiner Jnnenräume sind in vielen Winkeln ge= ' krümmt, Gesimse springen vor, die Türme seiner Kirchen, wie^der von St. Ivo della Sapienzia, drehen sich spiralförmig in lustigem Tanz gen Himmel, oder werden, wie der von St. Andrea brette fratte, nanj omn immer leichter und leichter, bis sie fast zu entschweben scheinen. Alle Re- ' nungen der Menschenseele find in dielen Bauten ausgedruckt Freude und •: Sehnsucht, Trauer, leidenschaftliches Verlangen bis ,rur selbstverge, enen, ' über den Menschen herauswachsenden wilden Ekstase. All dies lebte im ' Schöpfer dieser Werke und hob ihn über den Alltag, wenn Demütigungen . und Kränkungen ihn trafen, aber der Ueberschwong war zu mel ,ur den : Einzelnen. Er kämpfte sein ganzes Leben mit den Dämonen der tunst ; leriscljen Besessenheit, bis er am Ende doch unterlag und mit 68 Jahren f sich feen Segen durch die Brust rannte — ein Kunstlerdasein, das an seinem eignen Feuer verbrannte. . . i Das seltsamste aber von allen Geschicken, die jemals Schaffende betroffen haben, scheint mir zu fein, daß Beethove n taub werden mußte. Welch eine überteuflifche Ironie liegt dann ^wen Menschen, der aam Musik ist von den Klängen der Außenwelt abzusclpieiden! Und doch, auch hier hat sich jene mephistophelische Kraft bewahrt, die stets | das Bose will und stets 'das Gute schafft: denn gerade in der Stille seiner i Taubheit, nickt mehr durch irdisches Tonen gestört, konnte Beeihov.n Werke vollenden, die im großen Ganzen, wie vor allem die letzten i.mar- i tette, zu den gewaltigsten mustkaiisci-en Offenbarungen gehören So ist » eine merkwürdige Tatsache, dost die bedeutendsten Werke haustl au ! widrigen Umständen entstanden sind, mag ihnen nun der Haßder Pfah bürger ein Baukonstruktionsfehler, ungeoandigte Leidenschaft oder kor- perliches Gebrechen zu Grimde gelegen haben. an sich. „Minele, du hast recht. Mut gefunden, sein Wort einzu- zu sprechen. Zwei Wochen hatte trüge er ein Brandmal auf der ihr zu stehen. Nein, das hielt er Stimmen festtadfroher Menschen, die Sonne herein und malte auf straften ihn Lügen. _ . . „Leonhard," sprach sie mit tiefem Emst, „entweder du sagst mir jetzt die Wahrheit oder ich muß glauben, du hast mich nicht lieb!" Er wich ihrem Blick aus und trat injien Erker. Zwei Wochen hatte er verstreichen lassen, ohne daß er den mx ‘ ° 1 “ *" lösen und freimütig mit seiner Braut er sich hingeschleppt. Es war ihm, als ©tim. Und nun gar als Heuchler vor erschütterlich. _ , . .. Während er fein Herz erleichterte, saß Hermine regungslos, in ihrem Gesicht aber malten sich Schrecken und Sorge. Sie erinnerte sich eines Tages aus ihrer Kindheit, der sich unauslöschlich chrem Gedächnis eingeprägt hatte. Sie war zehn Jahre alt geworden. Auf dem Tisch stand ein mächtiger Kringel, inmitten brannten zehn kleine rote Kerzen. Allerlei Geschenke lagen umher, die ihr die Eltern zeigten. Da öffnete sich die Tür und der Onkel Grützner trat herein, ein Zeitungsblatt in der Hand. „Nun werden's die Spatzen auf den Dächern pfeifen," rief er totenblaß, „er wird steckbrieflich verfolgt." „Großer Gott, die Schande!" schrie die Mutter auf und brach ohnmächtig zusammen. Später erfuhr sie, um wäs es sich handelte. Der Onkel Selmar in Altenburg hatte Haus und Hof verspielt, war zum Betrüger geworden und hatte Frau und Kinder schmäh- Dcrs Kartenhaus. > Novelle von Alfred Bock. (Schluß.) (Nachdruck verboten.) „Leonhard," sprach sie sich erhebend, „so warst du noch nie. Unfc daß du so sein kannst, tut mir sehr weh! Du hast vorhin gesagt, du warst mehr verärgert geroefen als krank. Du bist's notf). Zwischen Brautleuten darf's keine Heimlichkeiten geben. Was hast du? „Was soll ich denn haben?" stotterte er, seine Heftigkeit bereuend. „Du warft letzt schon so sonderbar", sprach sie weiter. „Der OnkÄ, auf den du so aufgebracht bist, hat dich noch in Schutz genommen, wie du fort warst. Wenn so ein Hesse in ein fremdes Haus kommt, hat er gemeint, zittern die Nägel an der Wand und man darf nicht jedes WoÄ auf die Goldwaage legen. Er kennte euch von feiner Militärzeit her. Ich war still und habe bei mir gedacht, mit solchen Späßchen kann man dein eigentümliches Gehaben nicht wegputzen. Ich weih, 's geht etwas mit dir vor." „Hat mein Vater an dich geschrieben?" fuhr s ihm heraus. „Nein, er hat nickt an mich geschrieben", antwortete sie überrascht. „Aber nun gibst du ja selbst zu, daß du etwas vor mir vertauschelst." „Ich vertusche! nichts." Seine verstörte Miene, seine unsichere Stimme nicht immer nahe Verwandte die geeigneten Spender des Blutes zu fei» brauchen. Denn die Mitglieder einer Familie brauchen durchaus nicht derselben Blutgruppe anzugehören. Die Blutgruppen kommen nun innerhalb der Bevölkerung nicht in gleichmäßiger Verteilung vor. Am häufigsten (zu je 40 Prozent) sind die Blutgruppen 0 und A, seltener (15 und 5 Prozent) sind die Blutgruppen B und AB vertreten. Da könnte es für einen Angehörigen der beiden letzteren Gruppen manchmal schwer sein, einen geeigneten Blutspender zu finden. Aber glücklicherweise kann man, wie eine einfache Ueberlegung zeigt und wie die Praxis bestätigt hat, sich hier helfen. Denn die Blu6 körperchen der Gruppe 0 können ja niemals zusammengeballt werden, da sie durch das Fehlen jeglicher Merkmale, die die Verklumpungsfähigkeit bedingen, gekennzeichnet sind. Spritzt man also Blut der Gruppe 0 irgendeinem Individuum ein, so kann es niemals verklumpt werden. Die Blut- flüssigkeit der Gruppe 0 beherbergt nun zwar ihrerseits verklumpende Gegenstoffe. Aber diese kommen praktisch nicht in Frage. Denn wenn man Blut der Gruppe 0 einem Individuum einer anderen Blutgruppe einspritzt, so wird ja die Blutflüssigkeit des Spenders von der des Empfän- gers rasch so sehr verdünnt, daß ihre Wirkungsfähigkeit erlischt. Daraus folgt also, daß man das Blut der Gruppe 0 immer zur Transfusion ver- wenden tann. Ein Angehöriger der Blutgruppe 0 ist, wie man sich aus- drückt, ein Universalspender, und damit ist auch die Möglichkeit gegeben, ohne größere Schwierigkeit den Angehörigen der selten vorkommenden Blutgruppen im Notfälle zu helfen. .... . Entstanden ist die Blutgruppenlehre aus gänzlich vorurteilsfreier und nicht auf praktische Zwecke gerichteter Forschung. Sie hat, wie wir eben ausgeführt haben, zur Folge gehabt, daß lebensrettende Operationen mH Hilfe von Methoden, die sie uns gelehrt hat, zum Heile der Kranken au* führbar geworden find, die vorher fo gefährlich waren, daß man auf sie schon gänzlich verzichtet hatte. Und wenn ich hinzufüge, daß die Ber- roenbbarteit für die Frage der Bluttransfusion nur eine von vielen prat» tischen Folgerungen aus der Lehre von den Blutgruppen ist, so zeigt sich auch hier wieder di« Berechtigung des Wortes, das der groß« Physiker Bolzmann geprägt hat, daß nichts prattifdjer ist als eint gute Theorie. nicht länger aus. Er eilte auf fie zu und preßte sie ’» drückt mich was. Und muh heraus!" Von der Straße' herauf klangen die Durch das geöffnete Erkerfenster lugte dem Estrich ein goldenes Viereck. Ein Schmetterling hatte sich in die Stube verirrt und flatterte ängstlich hin und her. Leonhard nahm feinen Platz wieder ein, Hermine ließ sich ihm gegenüber nieder. Zuerst kam's zögernd über seine Sippen, bann floß es wie ein Strom. Er erzählte von seiner Heimkehr und von ber Unterredung, die er mit seinem Vater gehabt. Getreulich, wie der alte Herr es ihm auf die Seele gebunden, schilderte er den Tag, da er als Spieler vor Gericht Zeugnis abgelegt, nannte die Summe, die er jenesmal eingebüßt hatte und bekannte, bah er auch in Plauen einem Spielkränzchen angehört habe. Die Liebe zu feiner Braut, beteuerte er, fei für ihn zum Prüfstein unb Wächter geworden. Unter sein vergangenes Leben habe er einen Strich gemacht unb sein Entschluß, nicht mehr zu spielen, sei un- Tier kaum ober gar nicht unterscheiden; und auch mit den gewöhnlichen ' Hilfsmitteln des Chemikers gelingt es nicht Unterschiebe in ber Zusammensetzung der Blutkörperchen unb des Blutfarbstoffes aufzufinden. Wohl aber fand man bald, daß auch im Reagenzglase Blut und Blut- flüsfiakeit verschiedener Tierarten sich nicht miteinander vertragen, und gegen Ende des vorigen Jahrhunderts konnte die Wissenschaft der Jm- munitätsleljre bartun, daß die Gewebe, also auch bas Blut vergebener Tierarten vollständig verschieben sind, so baß die Erklärung für bas schädliche Wirken der Einverleibung artfremden Tierblutes im Menschen ßefunben war. Es stellte sich als ein allgemeines Prinzip heraus, daß jeder tierische Organismus bestrebt ist, feine Arteigenheit aufrecht zu erhalten. Der tierische Organismus greift ihm eingespritzte artfremde Zellen sogleich an unb zerstört sie. Unb zwar bedient er sich zur Abwehr nicht zu ihm gehörigen Materials ganz eigenartiger Kräfte, die man mit dem Kamen der Antikörper bezeichnet hat. Wie nun bei dem Löschen eines Brandes ber Wasserschaden häufig größer ist als ber durch bas Feuer angerichtete, so kann es auch hier fein: der Körper des Menschen wehrt sich gegen das eingespritzte Tierblut. Im Verlause dieses Kampfes treten aber Erscheinungen auf, die durch den Zerfall der fremden Blutkörperchen bedingt sind unb bie ben Erfolg der Abwehr gänzlich in Frage stellen können, d. h. sie können schwere Schädigung, ja sogar den Tod des Menschen zur Folge haben. So war also die wisienschaftliche Grundlage für die Erfcchrungstat- sache gegeben, daß die Einverleibung von Tierblut unerträglich für den Menschen ist. Da aber die ärztliche Praxis immer wieder nach ber Möglichkeit bes Ersatzes von Blut verlangte, um bas Schreckgespenst bes Verblutungstodes zu bannen, kam man natürlich sehr bald barauf, nicht Tierblut überzuleiten, sondern Menschenblut. Hier muhte ja bas feinbfeiige Verhalten gegenüber dem artfremden Blut Wegfällen, unb man konnte hoffen, durch bas Blut eines anderen Menschen verlorenes Blut wirklich zu ersetzen. Aber trotzdem erlebte man eine schwere Enttäuschung. In einer gan- zen Reihe von Fällen hatte die Blutüberleitung von Mensch auf Mensch einen vollen Erfolg, in anderen wieder traten schwerste Zwischenfälle auf, die sich in nichts von denen unterschieden, die man nach ber Ueberleitung von Tierblut gesehen hatte. Gegen solche Zwischenfälle war man auch nicht geschützt, wenn man bas Blut ber nächsten Verwandten, der Eltern, ber Geschwister, für den Eingriff benutzte. Auch hier war es die Serumforschung, die Ordnung in diese unübersichtlichen Verhältnisse brachte, und zwar war es ber Wiener Forscher Land st einer, dem wir auf diesem Gebiet bie wichtigsten Aufschlüsse verdanken. Er zeigte sich nämlich, baß in bezug auf bas Verhalten bes Bültes die Menschen nicht einheitlicher Art sind. Man kann unter ihnen vielmehr ©nippen unterscheiden. Bringt man wechselseitig Blutkörperchen unb Blutflüssigkeit zweier Individuen, die verschiedenen Gruppen angehören, im Reagenzglas zusammen, so beobachtet man, wie die Blutkörperchen, die sich in natürlichem Zustande in einer gleichmäßigen Aufschwemmung befinden, zusammengeballt, verklumpt (agglutiniert) werden. Es bilden sich große Pakete zusammengeklebter Blutkörperchen. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß, wenn solch eine Zusammenballung von Blutkörperchen im lebenden Organismus selbst eintritt, sie von schweren Folgen für diesen begleitet sein muß. Man kann vier Blutgruppen unterscheiden, die dadurch bestimmt sind, daß die Blutkörperchen der Menschen ein Merkmal A ober ein Merkmal B ober beibe Merkmale A + B, ober schließlich überhaupt kein Merkmal (0) besitzen. Den Merkmalen der Blutkörperchen stehen nun Eigen- , schäften der Seren gegenüber, unb zwar berart, daß bie Seren immer diejenigen zusammenballenden Eigenschaften besitzen, zu denen bie passen - . den Merkmale im eigenen Blut fehlen. D. h. also, bie Blutflüssigkeit ber Gruppe 0 verklumpt die Blutkörperchen sämtlicher anderer ©nippen, wahrend im Gegensatz dazu die Blutflüssigkeit der Gruppe AB jede verklumpende Eigenschaft vermissen läßt. Die Blutflüssigkeiten der Gruppe A und B verklumpten wechselseitig ihre Blutkörperchen und naturgemäß auch die der Gruppe AB. Die Zugehörigkeit zu einer der vier Blutgruppen ist eine Eigenschaft, die sich während des ganzen Lebens eines Menschen unter keinen Umständen verändert. Waren die auf den Beobachtungen Landsteiners gegründeten Schlußfolgerungen richttg, jo mußten die unliebsamen Zwi- 'schenfälle bei der Blutüberleitung sich vermeiden lassen, wenn man darauf achtete, nur bei Menschen ber gleichen Blutgruppe die Transfusion vorzunehmen. Und in der Tat, seitdem man vor der Blutüberleitung bie Blutgruppe der Menschen bestimmt und nur das Blut innerhalb gleicher Gruppen zur Blutüberleitung verwendet, bleiben die schweren Erscheinungen nach ber Bluttransfusion aus. Insbesondere die Amerikaner haben bas in einer sehr großen Zahl von Fällen wohl cinmanbfrei bar« fietan. Seitdem gilt die Bluttransfusion als eine vollberechtigte unb unge- ähnliche Methobe ärztlichen Handelns unb Helfens. Schon im Weltkriege würbe bie Blutgruppe eines jeben amerikanischen Soldaten festgestellt unb in sein Soldbuch eingeschrieben, unb auf ber anderen Seite wurden Blutspender bekannter Gruppenzugehörigkeit bereitgestellt, so daß im vorkommenden Falle ohne jeden Zeitverlust die entsprechende Bluttransfusion ausgesührt werden konnte. Mit dem praktischen Sinn, der der amerikanischen Nation eigen ist, wurde dort eine Organisation zur Bereitstellung von Blutspendern auch für Friedensver- HäÜnisfe geschaffen. Zu vielen größeren Krankenhäusern gehört ein Stab von gewerblich angestellten Blutspendern, deren Blutgruppe bekannt ist, und deren Gesundheitszustand überwacht wirb, so daß im Notfälle für jede Blutgruppe rasch Leute bereit sinb, um bie lebensrettenbe Operation ausführen zu können. Wenn auch unsere Verhältnisse einen berartigen Apparat kaum erforbern, so wirb in ben größeren Kliniken bei Aerzten unb Pflegepersonal doch vielfach die Blutgruppe bestimmt, so daß auch bei uns bie Blutüberleitung jederzeit vorgenommen werben kann, wenn M nicht unter ben Angehörigen bes Kranken rechtzeitig ein geeigneter Blutspender finden sollte. Die Erkenntnis, daß nur bie Gruppengleichheit einen einroanbfreien Ausfall ber Bluttransfusion gewährleistet, macht auch verstänblich, baß llch im Sttch gelassen. Jahrelang hatte die Mutter sich über die Ehrlosigkeit ihres Bruders gegrämt Bon ihrem Bater hatte sie mehr als einmal die Worte gehört: „Die Spiclratte hat die ganze Familie bekleckert'" Jetzt enthüllte Leonhard seine verhängnisvolle Leidenschaft. Der eigne Vater traute ihm nicht, ja er traute sich selber nicht. Anders war's nicht zu erklären, daß er volle vierzehn Tage mit seinem Geständnis gewartet hatte. Und es war ihr, als sei mit einem Male der Helle Schein ihres Glückes erloschen, als schaue sie in eine trostlose Finsternis. Da Leonhard geendet hatte, stand sie auf und sagte, sich mühsam beherrschend: , , _ , „Dein Vater ist ein seltner Mann, den ich hochachten muß. s ist nur gut, daß der Onkel nichts ahnt. Gerade heraus, Leonhard: So lieb ich dich Hobe, wenn ich wüßte, daß du das Spielen nicht lassen kannst, würde ich dich bitten? gib mich wieder frei!“ „Hermine!" brauste er auf, „du glaubst mir nicht?" „Ich möchte dir gern glauben, sagte sie traurig. „Das heißt soviel, du glaubst mir nicht", tat er sehr gekränkt. Sie schwieg. Er ergriff ihre Hand. .. ... . j .. . , t „Hermine, wenn ich meiner nicht sicher wäre, gäbe ich dir jetzt mein Wort zurück. Ich verspreche es dir auf Ehre und Gewissen, ich rühr keine Karte mehr an!" ' Der Onkel erschien, und das Gespräch wurde unterbrochen. Der Optiker war in der besten Laune. Ein Streit, den er mit einem Lieferanten gehabt, war diesen Morgen zu feiner vollen Zufriedenheit beigelegt worden. Er hatte von Rathenow Deck- und Objektivgläser bezogen. Diese waren zum großen Teil gertrümmert angekommen. Briefe waren gewechselt worden, hüben und drüben waren spitze Worte gefallen. Endlich hatte sich die Firma bereit erklärt, den Schaden zu tragen. „’s ist mir lieb," sagte Herr Grützner behaglich, „daß die Herren nachgegeben haben. Ans Gericht laufen, ist nicht mein Fall. Wer einen Prozeß anfängt, setzt in die Lotterie." Man ging zu Tisch. Der Onkel zeigte sich als em starker Esser, Leonhard stocherte auf seinem Teller herum, ohne den Gerichten ine Beachtung zu schenken, die sie verdienten. Nachmittags wurde ein Ausflug gemacht. Man schloß sich einer größeren Gesellschaft an. Nahe bei der Rentzschmühle waren Vorbereitungen getroffen worden, die Stadtgäste zu empfangen. Man lagerte sich mitten im Wald, erquickte sich an kühlem Bier, und die Festtagsstimmung erreichte ihren Höhepunkt, als der Lehrer Vogel, der aus Augsburg stammte, Schnadahüpfel in bayerischer Mundart fang. Alle schwammen in einem Meer von Fröhlichkeit, nur auf dem Brautpaar lastete ein Druck, der nicht weichen wollte. Abends kehrte Leonhard nach Plauen zurück. , Als er, dort angelangt, eben im Begriff war, die Trambahn zu besteigen, redete ihn ein Bekannter an. „Schmittborn, Sie werden in der „Traube erwartet. Ihr Kollege Köhler hat feine Spendierhosen an und setzt eine Bowle." Er überlegte und fand, daß es vernünftiger sei, ferne Mißstimmung von den Geistern der Bowle verscheuchen zu lassen, als sich dal)eim ichlas- lo- im Bett herumzuwälzen. Er fühlte wieder den stechenden Schmerz im Kopf. Kein Wunder nach all der Aufregung. Alsbald schlug er den Weg nach dem Gasthaus „Zur Traube" ein, das in der Nähe des unteren Bahnhofs tag. Es war eine Kneipe, in der meist kleine Leute verkehrten, doch hielt der Wirt ein besonderes Zimmer für bessere Herren. Darm waren zehn oder zwölf junge Kaufleute um eine leidlich geratene Pfik- sichbowle versammelt. Leonhard, der späte Gast, wurde mit lautem Hallo empfangen. Herr Köhler, der Spender der Bowle, dem die Kameraden wegen seiner ausfallenden Schlankheit den Spitznamen „Zwirn" beigelegt hatten, erhob sich und gebot Silentium. „Meine Herren," rief er, sich in den Hüften wiegend, „ich bin weg! Schmittborn, bi-efer blinde Hesse und Deserteur tritt hier als Deus ex machina auf, nachdem er uns monatelang geschnitten hat. Ich bin dafür, daß er zunächst mal einen Ganzen pro poena trinkt." Ein gezwungenes Lächeln auf den Lippen goß Leonhard einen „Ganzen" hinunter. , t ri „Meine Herren," plätscherte Zwirn weiter, „nichtsdestoweniger erkläre ich hiermit: Leonhard Schmittborn ist mein Freund. Meine Herren, Freunde sind wie Melonen, man muß oft zehn probieren, bis man eine gute findet. Schmittborn ist ein guter Freund. Meine Herren, ich selbst [jafce meine Vorzüge und meine Schwächen. Vielleicht mehr Schwächen als Vorzüge. Aber etwas werden Sie mir zugeben: ein Neidhammel bin ich nicht. Ich habe mich riesig gefreut, daß mein lieber Freund und Kollege Leonhard Schmittborn in unserer Nachbarstadt Greiz feine Coeurdame gefunden hat. Meine Herren, ich habe den Vorzug, Fräulein Hermine Schneider zu kennen und kann nur sagen: Hut ab! Sie ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein Vorbild echter Weiblichkeit. Meine Herren, Coeur ist Trumpf. Das Brautpaar lebe hoch!" „Hoch, hoch, hoch!" stimmten alle begeistert ein. Zwirn, der Redner, stieß mit dem Bräutigam an. „Mensch, was siehst du denn so verdattert aus?" „Ich verdattert? Das bilb’ft du dir ein", sagte Leonhard verwirrt und leerte hastig sein Glas. Gegen Mitternacht trat das „Spielkränzchen" in feine Rechte, die Karten wurden herbeigeholt. Leonhard schwankte, ob er gehen oder bleiben solle. Warum denn gehen? Damit stellte er sich doch nur ein Armutszeugnis aus. Oder fürchtete er etwa feine Schwäche? Zum Lachen! Er war gegen jede Versuchung gefeit. Und damit Punktum. Er blieb. Es wurde beschloßen, „Häufeln" zu spielen. Die Bank sollte Zwirn Übernehmen. Der wandte sich an Leonhard. „Du machst dach mit?“ „Nein." „Nanu?" „Ich mache nicht mit.“ „Sei nicht komisch." „Ich spiele nicht mehr." „Hannebambel!" warf Zwirn spöttisch hin. „Du kannst darüber denken, wie du willst," erwiderte Leonhard gelassen, „ich spiel nicht mehr." Alle rissen ihre Witze. „Sie möchten wohl, Schmittborn, und dürfen nicht?" „Deubel auch, Sie markieren jetzt schon den Pantoffelhelden?" „Freiheit, die ich meine!" „Meine Herren, ich will Ihnen das Rätsel lösen. Schmittborn ist Fatalist: Glück in der Liede, Unglück im Spiel/' „Ja, wenn's um Nüsse ginge." „I wo, Schmittborn spielt künftig nur noch um Bohnen." „’s geht nichts über ein ruhiges Familienglück." Diese und andere Sticheleien prallten an Leonhard wirkungslos ab, „Na denn nicht!" sagte Zwirn und mischte die Karten. Von dem Augenblick an, da das Häufeln begann, verschwand bet heitere sorglose Ausdruck ans den Gesichtern und machte einer gespannten Aufmerksamkeit Platz. Der Bankhalter legte der Zahl der Spieler gemäß gleidje Karteu- häufchen auf den Tisch, zuletzt eins für sich. Die Häufchen wurden mit Geldstücken besetzt, jenes ausgenommen, das dem Bankhalter gehörte, Darauf wurde Häufchen für Häufchen umgekehrt. Die unterste Karte gai den Ausschlag: Zwirn hatte gewonnen und strich den Einsatz ein. Dem ersten Spiel folgte das zweite, dem zweiten das dritte. Und |o fort. Die Lust in dem von Tabaksrauch und den Dünsten des Weins erfüllten Raum war drückend heiß. Alle saßen sie schweißtriefend mit roten Köpfen da. Gold- und Silderstücke rollten hin und her. Das Glück bück dem Bankhalter treu. Die Aufregung wuchs. Verstand und Gefchicklichkck waren ausgeschaltet, hier regierte einzig die Macht, die den Zufall zmn Schicksal erhob. Die Arme über der Brust verschränkt schaute Leonhard zu. Scheinbai gleichmütig. In der Tat folgte er mit fieberhafter Spannung dem V-r- lauf des Spiels. Dieser Zwirn hatte einen Dusel, nicht zu begreifen, j An seinem Platz haftete das Glück. Ja, der Platz hatte auch seine Bedeutung. Das letztemal hatte er, Leonhard, gegenüber gesessen, hatte Pech i über Pech gehabt. Herrgott, wenn er jetzt einspränge und die Van! \ übernähme? Das konnte ein Coup werden. Sie waren ihm ohnedies ! Revanche schuldig. Auf ihre Verschwiegenheit konnte er bauen. Eine Unruhe erfaßte ihn, die er wie einen körperlichen Schmerz empfand. 3er Funke, der in der Asche glomm, loderte zur Flamme empor. Umsonst daß fein besseres Gefühl sich aufbäumte, umsonst, daß er jeden Nm anftrengte, den Brand zu ersticken. Hinter ihm stand grinsend der Dämon und goß Del darauf. „Alles für mich!" rief Zwirn mit heiserer Stimme und raffte die Einsätze zusammen. Bor ihm lag das Geld gehäuft. ; ' Nun stand er auf und ging auf Leonhard zu. „Tritt einen Augenblick für mich ein, ich bin gleich wieder da." IDer leere Stuhl Zimms zog Leonhard mit der Gewalt eines Meg- neten an. Vor seinen Augen tanzten rote Lichter. Ein Schwindel purfte ■ ihn. Rasch, daß er einen Halt gewann. Er taumelte vorwärts. Und glitt ; auf dem Platz des Bankhalters nieder. „Los, los!" drängten alle, in der Hoffnung, daß sich das Blatt z« ihren Gunsten wende. Leonhard nahm die Karten zur Hand und begonn zu mischen. Plötzlich schnellte er in die Höhe, warf das Spiel auf beit Tisch und stürzte unter dem Geschimpf und Gejohle der Kumpane hinaiii, Draußen empfing ihn Regen und Sturm. Die Straße war von kärglichem Licht erhellt, daß alles"in unbestimmten Linien verschwamm. Fernher klang ein dumpfes Grollen. Wie von bösen Geistern gehetzt, rannte Leonhard voran. Den weite« Weg in seine Wohnung legte er in einer knappen Viertelstunde zurück Mit zitternden Händen öffnete er die Haustür und stolperte bis Treppe hinauf. In seiner Stube warf er sich aufs Bett rind preßte bi( Hände wider die hämmernden Schläfen. Was war geschehen? Ein Mensch war wortbrüchig geworden. Ei s hatte seiner Braut auf Ehre und Gewissen versprochen, keine wj mehr anzurühren. Und hatte es doch getan. Zwar hatte er nicht gejpiclt aber doch so gut wie gespielt. Und das nächste Mal würde er unterliegen, würde er wieder in seine alte Leidenschaft verfallen. Er stöhnte laut auf. Wenn er diese Nacht in Vergessenheit begrub. Seiner Braut wur« nichts zu Ohren kommen. In wenigen Monaten war sie feine tfraii s Dann würde er ein neues Leben beginnen. Ein Leden wie im Hnnmet Vielleicht! Vielleicht auch ein Geben der Lüge und Pein. „Wenn ich wußte, daß du das Spielen nicht lassen kannst," hatte seine Braut zu ihm &■ sprachen, „würde ich dich bitten: gib mich wieder frei." Er konnte M Spielen nicht lassen, dessen war er heute nacht inne geworden. Darum » er jetzt, was er tun mußte: er gab sie frei! , Er erhob sich, ging zum Waschtisch und übergoß den brennenb« Kopf mit erfrischendem Wasser. Darauf legte er Papier und Schreibzeug zurecht, ließ sich nieder und schrieb an seine Braut. Vom nahen Kirchturm schlug es sechs. Um dieses Stunde wurde M Postkasten drunten am Haus geleert. Rasch faltete er die Bogen zusammen verschloß und adressierte sie. Dann eilte er hinunter. Der Postbeamte, ein betagter Mann, den er vom Geschäft kannte, hatte eben seinen Sack in den Kasten geschoben. Polternd siete die Postsachen herab. Jetzt bemerkte er den jungen Mann, der m - bleichem übernächtigen Gesicht aus der Tür trat. „Nu schon so früh, Herr Schmittborn?" ! „Guten Morgen, Herr Lohmann", bot ihm Leonhard die Zeit. bitte, ein Brief. Der längste, den ich in meinem Leben gefchrieben have Und der traurigste!" setzte er mit erstickter Stimme hinzu. Der Alte nahm den Brief entgegen. „Geben Sie man her. Das kommt alles in einen Beutel. Sprach's und trottete weiter. Derantwortlick: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen-