GichenerKnnilieiibMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1(928 Samstag, den ty. Januar Nummer 4 An eine Pappel. Von Werner Bock. Du bist so fest mit mir verwachsen, Baum, Wie mit der zähen Erde, die dich nährt. In deiner Krone fasse ich den Raum Des Himmels, morgendlich wie du verklärt. Mit deinen Wurzeln steig' ich in den Schoß Der Mutter, jeder Quelle zugewandt. Geheime Kraft des Mittags macht mich groß: So überrage ich das weite Land. Wenn dir der Abendwind den späten Dust Aus allen Fernen in die Zweige legt. Fühl' ich, wie mich ein Fremdes lockend ruft: Wir lauschen beide stumm und tiefbewegt. Die Nacht läßt dich allein. In meinem Traum Bist du das All, das von dem Tage ruht. Ich bin so ganz wie du, geliebter Baum: Die stille Welt wiegt sich in meinem Blut. Kanzler und Somnambule. Fürst Hardenbergs Altersiragödvk. Von Friedrich v. Oppeln-Bronikowfki. Eine unheimliche Gestalt, wie aus Hoffmanns „Elixiren des Teufels" entsprungen, aber heute vergessen, erschließt FriederikeHähnelsich nur dem Spürsinn des Forschers, der ihr in allen Briefen und Memoiren nachgeht. Und doch hat sie vor hundert Jahren eine tragische Rolle gespielt — als letzte Geliebte des greisen Staatskanzlers Fürsten Harden» berg, dessen Lebensabend sie verbittert und den sie schließlich in den Tod getrieben hat. Friederike Hähnel, eine Bäckers- oder Uhrmacherstochter aus Neubrandenburg, Nichte des „Königlichen Bratenmeisters Boudin", also mit französischem Blut in den Adern, war als französische Bonne nach Berlin gekommen und dort als Somnambule aufgefallen; denn seit den Freiheitskriegen war der sog. „tierische Magnetismus" in Mode gekommen, und die Zeitgenossen wurden von den dunkelste» Erscheinungen des Seelenlebens, Suggestion, Hell- und Fernsehen, ebenso angelockt wie die Gegenwart. Die ersten Geister der Zeit, Fürst Hardenberg, Wilhelm von Humboldt und seine Gattin Karnline, Schleiermacher, Gol- ger, Savigny u. v. a., waren Anhänger des Magnetismus ober Mesmerismus, wie man chn nach F. A. Mesmer, dem erst 1815 gestorbenen Begründer der neuen Heilmethode nannte. Unter den Berliner Aerzten hatte besonders Karl Christian Wolfart sie schon vor dem Kriege verkündet, und feine magnetopathische Anstalt fand immer stärkeren Zulauf. In ihr fand sich auch Friederike Hähnel ein, und so war ve, wie H. v. T r e i t s ch k e in seiner „Deutschen Geschichte" berichtet, im Februar 1817 „dem Fürsten auf einem Zauberabend bei Wolfart begegnet und hatte durch ihre krampfhaften Verzückungen sein weiches Herz im Sturm erobert". Nach diesem vielversprechenden Anfang hatte Wolfarts Kollege und Freund Dr. F. K o r e f f, Hardenbergs Leibarzt und Günstling, Pro- fesior an der Universität Berlin, und seit 1818 auch Bortragender Rat für Kunst und Wissenschaft in der Staatskanzlei, die Somnambule der 1 Fürstin als Gesellschafterin zugeführt, vermutlich, um stets ein bequemes I Medium für feine eigenen Vorführungen und Experimente zur Hand zu haben. Wer er hatte suh gründlich verrechnet. „Die verschmitzte, eigennützige Betrügerin", schreibt der Chronist jener Zeit, Varnhagen o. Ense, übrigens ein Freund Korefss, „betrügt den Fürsten mit Koreff im Einverständnis, und den Arzt selber. Sie wurde darauf des Fürsten Pflegerin — Geliebte kann man es nicht nennen." Aber Varnhagen kannte die letzten Intimitäten des Hardenbergischen Hauses nicht. Aus den von mir benutzten Urkunden ergibt sich deutlich, daß sie auch feine Geliebte war und die letzte Lebenskraft des Greifes zerrüttete; das Pflegen war nur ein Vorwand. „Unerschöpflich in geheimnisvollen Krankheitserscheinungen und in den Künsten sanfter Plünderung", sagt Treitschke, „begleitete sie ihn überall, selbst zu den Kongressen der Monarchen, und ruhte nicht, bis auch seine letzte Ehe, gleich den beiden vorigen, getrennt mürbe.* Umsonst wurde Ko re ff von Freunden, die ihr Spiel durch- Mmten, vor ihr gewarnt; in die „Heiligkeit des Magnetismus" ver- mssen, sah er dis Wahrheit nicht ober wollte sie nicht sehen, und lud mit Erlaubnis des Staatskanzlers sogar den Kultusminister o. Aktenstein z« einer dieser Seancen rin, um ihn von der Wahchrit des Magnetismus »u Überzeugen! Um diese Verhältnisse im Hause des Staatskanzlers recht zu verstehen, mutz man wissen, daß Hardenberg, so groß er als Staatsmann und als At ormer Preußens dasteht, als Mensch doch ein Kind seiner Zeit war. ! Die» Aufklärung, in der feine Jugend wurzelt, hatte neben vielem Guten auch manch Schlimmes gewirkt und eine bodenlose Sittenverwilderuno geschaffen, die in den nachfolgenden Revolutions- und Kriegszetten w» alles aus den Fugen ging, womöglich noch zunahm. Ehebruch, Mätresse» wirtschaft, häufige Ehescheidungen und Wiederoerheiratungen waren an ber Tagesordnung. So geriet auch Hardenberg, ein schöner und galant« Manu, von einer „Eheirrung" in die andere. Seine erste Ehe mit ein« dänischen Gräfin Reventlow war zwar durch deren Schuld in bk -Brurfx» gegangen, denn sie hatte eine Liebschaft mit dem liederlichen Prinzen von Wales angeknüpft, aber die zweite Ehe, mit einer Sran Lenthe die sich seinetwegen hatte scheiden lassen, brach er selbst durch fein Verhältnis zu der Sängerin Eharlotte Schönemann die «neu Schauspieler Langenthal geheiratet hatte und Mutter mehrer« Kinder man Es kam nochmals zu einer Doppelscheidung; Hardenbern SU sich und heiratete sie 1807, zwei Jahre nachdem Goethe Christiane Vulpius zu seiner Frau gemacht batte. Die« affo war Hardenbergs dritte Frau, an deren Stelle sich Friederike Hähnel des Fürsten aus seiner ersten Ehe, biege- schiebens Reichsgrafln Sucte v. Pappcnheim, seit 1817 Gräfin P ü ck» fUnö ®atte haben wenig erbauliche Singe über sie berichtet. Jedenfalls gab sie der jüngeren Nebenbuhlerin in Ton und Auffühnum mcyls nach. ” ' • „ .®5 'st eine schwüle, ungesunde Stickluft, die uns aus dem Hause bes greifen Fürsten entgegenquillt. Ein Staatsmann, dem die Zügel ent. gleiten, der aber seine Machtstellung bis zum Tode behaupten will, xx* Wen zwei eifersüchtigen Weibern, die fein Alter verbittern und fein Lebe» Ekurzen, die sein Haus mit Gezänk ober mit hysterischen Krampfan. &foeir^*acV basQ alles übertüncht vom Abendglanz eines groß« Mannes, von dem Luxus der vornehmen Welt, von Szenen toller Aw». S^nheit und grellen Spaßen durchgellt, mit „Magnetismus", politisch« fi’i'S.611 fR'Mfen geröroangert — ein Dunstkreis, der an die tollst« ?5enen Hoffmannscher Erzählungen gemahnt. Alle, die an diesem Leb« aefh-nft mTrh.'n66 begünstigt, geduldet oder ausgenutzt haben, sind dafür gestraft worden — nur Friederike Hähnel nicht. Wir wüßten gern Näheres über ihr Wesen und ihre Erscheinung, ab« em Bild von ihr nicht nachweisbar, und wir besitzen nichts als bk „®nnnerung5blatter ihrer Landsmännin Luise Mühlbach, die 1814 m Neubrandenburg geboren ist und daher wenigstens die Ueberlieferuna kannte auch die Hahne! als halbwüchsiges Mädchen und viel später, in nnhnS-Äe9e-le^n l'n.b S°h°rtAber sie mischt, wie stets, Roman UlU» Wirttichkeit durcheinander. So soll die Hähnel den Fürsten schon lsen Wiener Kongreß (1814—1815) begleitet und die Mecklenburgische Ritterschaft soll ihr damals einen prachtvollen Viererzug mit Equipage grichenkt haben, damit sie in Wien für deren Privilegien wirke! Nur als JtDman- wenn auch gut erfunden, ist daher auch die folgende errtro?rft“n0 3“ ®*rten' bie Sui?c Mühlbach von ihrer Landsmännin „Sie war nach dem gewöhnlichen Begriff der Menschen nicht schön, r-A- ü*r.befaß kene diabolische Häßlichkeit, die in ber Ekstase sich zur große schwarze Augen, welche mit so eigen. - tumlidjem Feuer funkelten, es schwebte um ihre Lippen ein so eiqentum- Mer Zug von Ueppigkett und Weltverachtung, und es klangen von ihr« ,te ,m magnetischen Schlafe lag, so seltsam energische Worte, wAche oft die eigenen Gedanken des Fürsten mit so wunderbarer Divi- nationsgabe wiederholten, daß der Fürst sich davon tief ergriffen und fast DetauDi suhlte. 1 1 m emen dämonischen Einfluß auf den ©reis, und ®rraLJ3urfLeT:Jeit 181,7 ,em Schwiegersohn, wußte nichts Befleres zu tun, als sich mit ihr anzufreunden, um Vorteil daraus zu schlagen. Das war gewiß nicht sehr nobel, aber was tut man nicht für eine — Fürsten» frone! 1 er damalige Graf Puckler ist allen Feinschmeckern durch bas rwch. GM benannte Eis und manchen geistigen Feinschmeckern durch feine Östlichen Reileoriefe bekannt. Andere schätzen ihn als Gartenkünstler von JKusfau, Branitz und Neubabelsberg; außerdem hat er als „liberal« Fürst, als Veschützer Laubes und Bewunderer Heines, stets eine gute Presse gehabt. Als Mensch jedoch ist er weniger schätzenswert: eitel, effekthascherig, aalglatt und skrupellos. Nachdem er sich durch Korest — er gesteht dies selbst — die Gunst seines neuen Schwiegervaters erworben, machte er sich zum Werkzeug der Hahnel, um Koreff zu stürzen und hie Fürstin zu verdrängen. Die Ereignisse kamen beiden zu Hilfe. Schon zu Anfang des Jahres 1820 fand Puckler den Fürsten mit feiner Gattin „hell drouilliert" und Korest m feiner Gunst gesunken. Am Ende des Jahres wurde Korest aus ber Staatskanzlei in das Kultusministerium versetzt, und im Mai 1821 war er beim Fürsten „gänzlich aus dem Sattel gehoben", und durch Friedrich ' Schöll ersetzt, den er selbst in den Dienst des Kanzlers gebracht hatte. Um sich ihrerseits fest in den Sattel zu setzen, hatte Friederike Hähnel eme neue Form für ihr Verhältnis zu Hardenberg gefunden, denn als müsse. Völlig im Banne der Kimsky, ließ er sich von ihr in Verona und auf der anschließenden Reise nach Genua Tag und Nacht umherhetzen und die zuletzt ausbeuten. So brach seine letzte Greisenkraft rasch zusammen, und am 26. November 1822 starb er im Beisein seiner Mörderin am Nervenschlag. Denn daß sie ihn teuflisch in den Tod getrieben hat, ergibt ich deutlich aus dem erschütternden Bericht seines Leibarztes Rust, der m Briefwechsel Pücklers (VI, 363 ff.) abgedruckt ist. In den letzten Krisen einer Krankheit wandte er sich mit Widerwillen von ihr ab; aber sobald eine Besserung eintrat, lächelte er ihr wieder zu, wenn sie sich als seine Pflegerin aufspielte. Sie hat sich noch an der Börse des Sterbenden ver- Kiffen. „Dis v. Kimfkys," schließt der Bericht, „sind von den Berwün- ungen der Fürstlichen Dienerschaft begleitet, nach Berlin oder Mecklenburg abgegangen, nachdem Graf Bernstorff (der Minister des Auswärtigen) ihnen die nötige Reisesumme hat vorschiehen lassen, um sie von dem Kongreßorte (Verona) so schnell als möglich wieder fortzubringen." Die Fürstin Pückler sah sich durch das Testament des Baters enterbt, und ihr leichtfertiger Gatte, der nicht nur ihr Vermögen durchgebracht oder in Muskau verbaut, sondern auch noch 500 000 Taler Schulden gemacht hatte, sah sich zum „Bettelfürsten" degradiert. Um den völligen Zusammenbruch zu verhüten, bot die verarmte, verblühte Frau ihm freiwillig die Scheidung an, damit er sich eine reiche Frau suchen könne. Aber dkser Fischzug mißlang, und der Fürst Pückler mußte zur Feder greifen, um Geld zu verdienen. So erhielt ein jeglicher seinen Lohn — nur Friederike Hähnel nicht. Sie verlegte den Schauplatz ihrer Tätigkeit jetzt nach Rom, wurde dort katholisch und befreundete sich innig mit dem Kardinal Fesch, dem Oheim Napoleons, und dem Jesuitenpater Beck. Unter Gregor XVI. und selbst noch unter Pius IX. spielte sie — nach Th. Mundt, dem Gatten der Luise Mühlbach — eine einflußreiche Rolle am päpstlickien Hose und starb erst 1871 im Besitz großer Reichtümer. Dem Fürsten Pückler waren schon vor Hardenbergs Tode die Äugen über sie aufge- Gesellschafterin der Fürstin, die bereits das Haus verlaßen hatte und völlig verdrängt werden sollte, konnte sie jetzt nicht mehr auftreten Sie hatte also (am 3. Juni 1821) auf Hardenbergs Dotatwnsgut Neuhardenberg, einen Beamten v. Kimsky geheiratet, der sich zu dieser Strohmannsrolle hergab; fortan blieb sie des Fürsten unzertrennliche Begleiterin und der böse Geist seines Alters. Der Hauptschlag gegen die Fürstin wurde ,m Herbst 1821 geführt, als diese und Soreff sich zur Kur in Teplitz befanden. Den Auftakt bildete ein Brief voller Winkelzüge und Unaufrichtigkeiten, worin Hardenberg seine Frau salbungsvoll bat, einen «strich unter die Vergangenheit zu setzen und zu ihm zurückzukehre». Alle die „gräueloollen Dinge", .die sie der nuninehrigen Frau v. Kimsky vorwerfe, beruhten auf gemeinen Klatschereien; sie sei der Spielball des opferfremden Einflusses geworden. Darum sei es unvenneidlich, daß Koreff aus Berlin entfernt werde. Er selbst behalte sich jedoch das Recht vor, in seinem Hause zu sehen und Umgang zu haben, mit wem er wolle. Sie sollte also mit ihrer Nebenbuhlerin wieder unter einem Dache Hausen; wo nicht, wurde ihr die Trennung „ohne Eklat" in Aussicht gestellt. , Mit dieser Epistel in der Tasche reiste Pückler nach Teplitz, um die Entscheidung zu erzwingen. Natürlich nur aus Liebe und Anhänglichkeit zu seinem Schwiegervater, um ihm ein ruhiges Alter zu sichern — sagte er. Er selbst hat Szenen, die sich in Teplitz abspielten, in seinen Briefen an den Schwiegervater geschildert. Die aufs äußerste gereizte Fürstin erging sich in Schmähungen und drohte mit Enthüllungen, während Koreff, in seiner Ehre und in seinem ganzen Dasein bedroht, schluchzend zusammenbrach, denn dies Ende hatte er nicht erwartet, nachdem er dem Fürsten durch seine Heilkunst das Leben verlängert und ihn einmal vom Tode gerettet hatte. Der Mephistopheles Pückler aber — so nennt Barnhagen ihn mit Recht — lachte sich ins Fäustchen, als er die beiden weinend und schon halb besiegt an seinem Bette stehen sah. Di« Fürstin fügte sich notgedrungen in die Trennung; so blieb ihr wenigstens eine Altersversorgung. Sie zog nach Dresden, denn in Preußen zu bleiben, wurde ihr abgeschlagen, und starb dort 1854 hochbetagt. Koreff dagegen kämpfte weiter, tun sich wenigstens einen anständigen Abgang zu sichern. Da sein Schicksal jetzt in Pücklers Hand lag, demütigte er sich so weit, ihn um seine Protektion zu bitten, und dieser sagte sie ihm zu, um sich, wie er schreibt, „keinen bitteren Feind auf den Hals zu laden". So vollständig hatte das Verhältnis beider Männer sich umgekehrt! Eine härtere Natur hätte vielleicht aufgetrumpft, gleich der Fürstin mit Enthüllungen gedroht, aber wahrscheinlich nur einen Skandal herbeigeführt, der ihm zeitlebens angehaftet hätte. Koreff dagegen wollte gleichfalls jeden „Eklat" vermeiden und suchte nun zu retten, was noch zu retten war. Er mußte seine Professur an der Berliner Universität, seine Stellung im Kultusministerium aufgeben und wurde in schonender Form pensioniert. Im April 1822 verließ er Berlin auf Nimmerwiedersehen und wandte sich wieder nach Paris, wo er schon sieben Jugendjahre verlebt hatte; dort ist er 1851 als bekannter deutscher Modearzt und als Wegebereiter seines Freundes E. T. A. Hoffmann gestorben. An demselben Tage, wo dieser dämonische Dichter in Berlin bestattet wurde (28. Juni 1822), gab Fürst Hardenberg ein kleines Herrendiner, um seinen Schwiegersohn mehreren Fürsten und Grafen in hohen Staatsstellungen als neugebackenen Fürsten v. Pückler-Muskau vorzustellen. Das war der Lohn dafür, daß er Friederike Hähnel zur Alleinherrscherin gemacht hatte. Außer ihm hatte der König bisher nur Hardenberg selbst und Blücher gefürstet, ein Kleeblatt, das, wie Pückler selbst sagte, nicht recht zusammenpaßte. Aber er sollte feiner neuen Fürstenkrone nicht froh werden. Die Hälfte der Gäste behandelte ihn eiskalt, so daß Hardenberg selbst sich seiner Protektion schämte. Und als Pückler ihn im Herbst bat, ihn in seinem Gefolge zum Kongreß nach Verona mitzunehmen, lehnte ber Staatskanzler dies glatt ab. Dagegen erlaubte er Frau v. Kimsky auf ihre zudringlichen Bitten hin, ihm mit ihrem Strohmann nachzureisen, obwohl sein neuer Leibarzt, der Generalchirurg Rust, sich nach Kräften dagegen sträubte und auch auf den üblen Eindruck hinwies, den ihr Erscheinen auf den König und auf den ganzen Kongreß machen gangen, und noch als Greis schrieb er voll Abscheu von ihr: „Könnt* ich an den Teufel und an Besessenheit glauben, ich hielte gewiß Frau v. Kimsky für eine der ersten Besessenen. Ich habe in meinem Leben nur zwei solche weiblichen Ungeheuer kennengelernt. Mich schaudert noch jedesmal, wenn ich daran denke." Zwei berühmte Asienreisen. Von Dr. Alphons Robe l. Das Jahrtausend zwischen 500 und 1500 nach Christus, welches wir das Mittelalter zu nennen gewohnt sind, können wir fast mit dem gleichen Rechte, wie wir von den letzten 400 Jahren als der Kolonialepoche Europas sprechen, das kolonialimperialistische Zeitalter nennen. Denn damals wurden Welteroberungen von Asien und noch nicht von Europa aus versucht. Und es gab noch keine Kolonialreiche mit europäischen Mutterländern, dafür aber solche mit dem Sitz in Asien. Wir als Europäer sehen die Weltgeschichte ja in einer merkwürdigen und falschen Perspektive, die unrichtige Verkürzungen mit sich bringt. Was war denn nn Mittelalter dieses Europa? Ein zurückgebliebener Anhängsel des asiatischen Länderblocks. Damals hatte, tausend Jahre lang, Europa eine unbedeutende und kleinstädtisch anmutende Geschichte. Welt Politik wurde nicht mehr in Rom und noch nicht in Madrid und London, sondern in Bagdad, Samarkand und Peking gemacht. Europa lebte in ganz kleinen Verhältnissen. Es ist immerfort bedroht, verliert seine Grenzländer an Asien und zweimal steht selbst sein zentralster Raum, Mitteleuropa, in unmittelbarer Gefahr, eine asiatische Randprovinz zu werden. Das war das erstemal bet »em Arabereinfall an der Loire und das anderemal an der Oder in Schlesien vor der Schlacht gegen die Mongolen. Europa gleicht in jenen Jahrhunderten einer bedrohten Festung, die vergeblich versucht, frei zu atmen. Der größte Versuch, in einem Ausfälle sich ostwärts Luft zu machen, mißlingt-" denn die Kreuzzüge, so wichtig sie für die innerpolitische Geschichte Europas sind, waren machtpolitisch ein grandioser Fehlschlag. Gleich zu Beginn dieses Zeitabschnittes waren — eine schreckliche Vorhut Asiens — die Hunnen über Europa gefegt. Fortab wehten Asiens Fahnen allenthalben, mancherorts Jahrhunderte lang, mancherorts nur einige Wochen: über Palermo, Sardinien und Marseille, über Sevilla, Cordoba und Granada, über südfranzösischen Fluhtälern, an Elbe, Oder und Donau, von Moskaus Türmen und selbst über Roms rauchenden Trümmern. Nicht anders als heute Europas Fahnen von den ~ürmen Kairos, Schanghais, Bagdads, Delhis, Marokkos, Batavias wehen. Ungarn und der Balkan waren regelrechte mongolische Kolonien, Spanien em arabisches, Rußland'ein mongolisches Dominion. c .. „ Besser als Geschichtszahlen aufzuzählen, ist es, zwei merkwürdigen Reisen zu folgen, um so einen Begriff von diesen asiatischen Kolomalreichen zu erhalten. Der eine der beiden Weltreisenden war em Chinese, der andere ein Europäer. Der Chiese hieß Yuan T schwang. Es handelt sich um einen Buddhisten, der ein Zeitgenosse Mohammeds war. Irgendwo am Gelben Flusse geboren, brach er aus seiner Heimat eines Tages auf, um das Mutterland des Buddhismus, Indien, aufzusuchen. Er zog anscheinend zunächst durch die chinesische Provinz Kansu, dann am Richthofeimebirge entlang und wanderte jene Straßen, die in unseren Tagen Sv en H ed lN gezogen ist. Er war schon in Zentralasien, als er endüch die chinesische Grenze überschritt. Damit kam er in einen anderen Machtbereich, den der Türken, die hier in Ostturkestan saßen. Sie wohnten in Zelten und auch der Hof war in Zelten untergebracht. Yuan Tschwang hat uns em färben- prächtiges Bild jenes Fürstenhofes überliefert, ?u?/dem En sieht daß d« Tatsache des Zeitlebens kein Beweis für eine zivilisatorische Rückständigkeit war Das Zelt des Fürsten hatte prachtvolle Goldstickereien, der Fürst selbst trug ein Kleid aus grünem Atlas, und seine Würdenträger trugen sich in Brokat. Man saß in den Zelten auf faubercn Matten (ww heute noch mel- fach im Orient); Musik war beliebt, die Küche gut und der Chinese lE den Wein. Von dort ist der Pilger weitergewandert wahrscheinlich durch die gleiche Gegend, in der in unseren Tagen die deutschen Turf an- erpebitionen ihre Ausgrabungen gemacht haben. Auch in Sarmakand ist er gewesen, und von dort wandte er sich wohl südwärts, vielleicht auf der gleichen Straße, auf der schon Alexander derGroßenach Indien gezogen war Doch ging der Grwche durchf bas wilde Kabultal, der Chinese aber bestieg die Paßhohe von Khacher, auf ber aud) heute die Straße von Afghanistan nach Indien geht. Indien sarcki 9)Jan in einem durchaus traurigen Zustand.Es litt noch unter den schicklichen Verwüstungen, welche die weißen Hunnen hundert Jahre vorher anaerichtet hatten. Puan sah noch zerstörte Städte, viele Rinnen, entvölkerte Gebiete. Uebrigens waren es dieselben Türken gewesen, deren Zeltlager und Hauptquartier der Chinese nördlich der Berge gesehen hatte, die dieser Fremdherrschaft ein Ende gemacht hatten. Ihnen verdankte Indien seine Freiheit, denn das gewaltige Reich der weißen Hunnen, das über Indien, Afghanistan, Buchara sich erstreckt hatte, war von ihnrn zer- trümmert worden. Sechzehn Jahre blieb Puan Tschwang außer Landes, dann kehrte er fast den gleichen Weg, den er gekommen war wieder an den Gelben Fluß Chinas zurück. Mittlerweile ^r mne uiteryation^ Berühmtheit aus ihm geworden. Er ward an den chinesischen Katserh»! berufen und mußte dort eingehend von dem Turkenreich und dm Verhaltt Nissen des indischen Landes berichten. Denn m Peking und Nankingbe- achtete man gespannt die Entwicklung in Mittel- und Vorderasten. Mrssio- na'r« Mohammeds waren damals schon in Kanton angekommen. Der Gnesische Kaiser mochte einen Vormarsch der Araber nach AknMrch^N und deshalb die Widerstandsfähigkeit Indiens und Turkestans ftftstellen. Die Araber aber wandten sich bann bekanntlich mehr nach Westm als nach Ostm. In Europa entstanden arabische Kolomalspharm: Spanien, Sardiniens Sizilim. Nordasrika wurde eine breite Machtbasis furben po« tischen Islam? Gegen Osten wandte er sich m-r WgÄ'S wollte'-man nicht durch Kriegszüge aufs Spiel fetzm. ständig dunkle Flut war die ungeheure in der Runde. Doch keine Bewegung Seeleins. Wald und Grasplatz lagen des kleinen Paradieses gestört wor- mochte sie jetzt sein? Suchend schweiften seine Blicke unterbrach die stille Oberfläche des lo ruhig, als ob nie der Friede Den wäre. Ein ungeahntes Gefühl des Grauens beschlich William, als er blt Riesenschlange um den Baum geschlungen sah. Er hatte die Büchse erhoben und den hin und her schwingenden Kops mit Kimme und Kam zu vereinigen gesucht. Ein guter Schütze war er, doch bei dem lM- sicheren Dämmer da oben wäre der Schuh ;— würdig eines Kunst- schützen, der im Anschlag das Ziel erfassend die Kugel aus dem Laufe schmeißt. Auf einen der vielen Ringel schießen? Bei seinen zwei Patrons zwecklos. Wo saß das Leben dieses scheußlichen Reptils, das ^eich einem sagenhaften Untier der Vorzeit plötzlich in seinem Urwaldparodie« aufgetaucht war? Die Schlange glitt auf einen starken Ast hinaus, der etwa zehn Meter vom Boden entfernt sich wagrecht erftredte, und fing an, den langen Leib auf den Boden hinab aufzurollen. Der Schweiß brach aus seinem ganzen Körper; zur Flucht wandte sich William gum erstenmal in seinem Leben. In diesem Augenblick befiel ihn eine seltsame Schwäche. Eine große Leere fühlte er plötzlich in seinem Hirn; die Arme, welche die Büchse schußbereit gehalten hatten, sanken nieder, hingen schlaff an den Seiten. . Das riesige Untier beeilte sich gar nicht. Es wußte, daß eine Beuk, die es sich auserkoren, ihm so leicht nicht mehr entging. Wie durch einen fernen Rebel sah William, daß der Kopf der Schlange den Boden erreicht hatte. Beinahe die Hälfte der Ringel lief noch um den Ast da oben. Ein vages Erstaunen keimte in dem unbeweglich dastebenden Mann. Ja, war denn das möglich? Gab es denn so etwas? Der Zoologe, der wußte, daß die Länge der größten von Südamerika gekommenen Schlangenhaut im British 2Rufeum in ßonbon zehn Parbs nicht überschreitet, regte sich in ihm. Es schoß ihm durch den Kopf daß Omiste ihm von unbekannten Riesenfchlangen benchtet hatte, als sie nach Kreuzung des Nebenflusses des Yata noch lange plaudernd am Feuer faßen. In den Sümpfen und Clinches zwischen den Bata und dem Rogo aguado=See sollten sie Hausen, auf dessen Ober- fläche große schwimmende Inseln einhertrieben. Vollkommen verlassen und menschenleer lag das Land dort, niemand war noch bis dahin vor- gedningem reßte in bem Mann das Erstaunen, daß er an einen Fleck gebannt dastehen mußte, während sein Gehirn so klar all die ihm von außen zufließenden Gedanken aufgriff und zerlegte. Es kam ihm vor, als ob ein zweiter Greybroke, nur Strahlenmaterie, nur schwebender Geist, ein vom Hellen Sonnenstrahl getroffener lichter ^leck un Walde, in dem die Stäubchen flimmernd aus und nieder schwebten, neben dem gelähmten Greybroke von Fleisch und Blut stände und sein eigenes materielles Ich, sowie die Außenwelt in sachlicher Knick einer Betrachtung unterziehe. Die letzten Ringel der Schlange hattetn sich vom Ast gelost, schwer pluinpste das Hinterteil des langen Leibes durch das Gebüsch hindurch aus den Boden. Zu einem riesigen Klumpen zogen sich die schwarzen Reifen zusammen. Die Schlange schwang den breiten Kopf zuruck zum Stoß der auch einen Ochsen umgeworfen hätte. Den Mann kam plötzlich der Wunsch an, sich der Schlange freiwillig in den Rachen zu WC!JffiilIiam", klang da die Helle melodische Stimme Aemilias durch den Wald, kam in 'ihrer ganzen Frauensüße herübergeschwebt durch die grüne Dschungel. „William, äcamä Aemilia!" Die beiden Greybrokes vereinigten sich. Mit einem Ruck kehrte die Besinnung wieder. Unwillkürlich flog die Büchse an die Wange. Sos mit Nitroglyzerin geladene Geschoß mit zweihundert Kilogramm Aus- schlaqskraft traf die Schlange in den Hals am Kopfanfatz, stoppte den Stoß so plötzlich mitten in der Luft, als ob der Kopf des Untiers an eine unsichtbare Wand, die durch den Wald lief, angerannt wäre. Doch zu weit verzweigt war das Leben in dem riesigen Tier. Wieder schwang der Kopf zurück," und wieder hallte der Schuß durch den WlM. Sterbend sank das Haupt in den großen Knäuel der Ringel, die sich lösten und in krampfhaften Zuckungen auf dem Waldboden auf und nieder tanzten. .. r, . , j. William wandte sich und sprang wie ein gehetzter Hiftch durch «e Büsche, mit einem Schluchzen wie ein Kind in die Arme Aemilias. Am Rande des Waldes auf ihren Mann wartend, hatte die Frau eine unbestimmte Ahnung von Unheil befallen, ein düsteres Grauen, als Ob ein unabwendbares Verhängnis über sie hereingebrochen wäre. Durch die Büsche gedämpft war das Zischen der Schlange an ihr Ohr gedrungen, nachher Schweigen, das nur der Fall des Hinterteils der Schlange auf den Boden unterbrochen hatte, und immer nur dasselbe reglose Schweigen. ... „ . „ _ . .. In dem Ruf „William, William, koimsi zu Aemilia , hatte sich die Angst des liebenden Weibes gelöst und ihrem Mann das Leben gerettet. Eng aneinander geschmiegt horchten sie in den Wald hinein, wo das Schlagen und Brechen der Aefte allmählich ruhiger wurde und abstarb. „Die Schlange?" fragte Aemilia zitternd. „Die Schlange," sagte William, sich straffend, „sie ist tot. Ein Weilchen warteten sie noch und gingen dann in den Wald hm- ein. In weitem Umkreis war das Gebüsch zerstampft und niedergedrückt. Zu einem wirren Knäuel verschlungen lag das Untier da, der breite Kopf schlaff am Boden, die scheußliche Zunge weit hervorgestreckt. Aemilia warnte William, die Schlange anzuruhren, da immer noch Leben in den vielen Ringeln sein könne. Mit einem Stock stieß er mw sicherer Entfernung in die Schuppenhaut. Und siehe, noch zogen sich di« Muskeln zusammen, suchten den Feind zu fassen und zu erdrücken. Lianen, die sie hinter dem Kopf der Schlange verschnürten, wandten sie um die Bäume gleich einem Flaschenzuge und schafften so den rit- sigen Körper auf den Grasplatz hinaus. Monito faß noch immer auf [einem Ast und war durch nichts zu bewegen, herunterzukommen. William schritt den Körper der Schlange ab. Zwanzig Schritte. Der beinahe sechs Fuß hohe Mann wußte, daß ein jeder seiner Schritte annähernd ein Darb betrage. Zwanzig Hards! Die Haut muhte der Nachwelt erhalten werden. Doppelt so lang war sie wie die größte, die er je gesehen hatte. •> Er stockte und blieb stehen. In Schlangenlinie den Grashang hinab lief eine breite Spur. Es loh aus, als ob ein lebendiger Baumstamm sich hinabgewälzt hätte und in das Wasser gerollt wäre. „Boa", sagte Aemilia ruhig. William schauderte. Nur fünfzig Schritte von seiner Frau und dem Kinde entfernt war das Reptil dahingeglitten, das ihnen mit einem Druck seiner Muskeln alle Knochen zerbrechen konnte. Ein riesiges Tier wußte es sein. Die Spur war gut einen Fuß breit, das Gras voll- ’ von der Schwere des mächtigen Körpers niedergedrückt. In die Riesenschlange hineingeglitten. Wo „Komm schnell zum Hause hinüber", sagte William. „Es ist für euch nicht sicher draußen, wenn so ein Untier in der Nähe ist." Kaum hundert Schritte trennten sie noch von ihrer Behausung. Rasch liefen sie hinüber. „Monito", rief William, dem der anhängliche Afsengreis schon von weitem schnatternd entgegenzulaufen pflegte, wenn er die Stimme seines Herrn hörte. So sttll hielt Monito, wenn er ihm den Kopf kraute und ihm in ruhigen, gleichmäßigen Tönen etwas erzählte. Aus dem Wipfel des höchsten Baumes klang die Antwort Mouitos, kläglich wimmernd, als ob eine unbekannte Gefahr ihm furchtbaren Schreck einflöße. Wer Monito war weder in dem dichten Laubdach zu «Hennen, noch das unsichtbare Etwas, daß ihn in solche Furcht versetzte. William öffnete die Tür des Hags und rannte in den Garten. Alles beim alten, die Pflanzungen unversehrt. „Monito, Monito" rufend, sprang er in den Wald hinein. Nur ein paar Schritte. Ein Hissen und Zischen über ihm wie von einem überladenen Ventil ließ ihn den Kopf heben. Hoch droben in der Krone eines Baumes sah er Monito auf den äußersten dünnen Zweigen unbeweglich sitzen, wie hypnotisiert auf einen Punkt starrend. Um den Stamm in vielen Ringeln gewunden suchte eine ungeheure schwarze Riesenschlange den Affen zu erreichen. Doch die Aeste waren 8u schwach für das viele Zentner schwere Gewicht. Enttäuscht schwang das Untier den flachen, breitgedrückten Kopf hin und her, aus dem die gespaltene schwarze Zunge läng hervorzüngelte. Da hörte die Schlange den Ruf Williams und glitt in langen schwarzen Ringeln, die kein Ende nehmen wollten, am Baum herunter. Sie hatte das große weihe Tber, das da unten inmitten des Grüns stand, bemerkt. Die Beute schien mehr zu lohnen als der kleine Happen auf bem Baurn, den sie doch nicht erreichen konnte. *) Wir entnehmen die nachfolgende Schilderung dem im Verlage Strecker & Schröder in Stuttgart erschienenen, ungemein spannenden Reisebuch „Sie Wildnis ruft" von Rudolf 3 i en ft Doch lassen wir dieses Jahrhundert und wenden wir uns einer späteren «eit zu Den europäischen Weltreisenden des Mittelalters wollen wir bereiten' Marco Polo. Marco Polos Vater und fein Onkel waren schon In Peking gewesen und von dort mit dem ausdrücklichen Auftrage des Mongolenkaifers K u b l a i zurückgekehrt, den Papst zu bitten, ihm eine L,uwhl Theologen zu senden und mit diesen wieder an seinen Hof zu kommen Während sie sich in Italien darum bemühten, gingen in diesem Lande chreckliche Singe vor sich. Konradin wurde hingerichtet, und der tupft befand sich im Kampfe mit einem Gegenpapst. Die SBerfudje der ®o[os d)higcn fehl, sie mußten schließlich allein nach Ostasien zurückkehren. Sn Rom, wie in ganz Europa, hatte man damals eben noch keine rechte Borstellung von der Bedeutung der asiatischen Gebiete; man konnte die Größen Verhältnisse nicht beurteilen und hielt alles außerhalb Europas kür zurückgebliebenes Heidentum. In Peking dagege kannte man Europa, imd der Hof suchte Verbindungen anzuknüpfen. Die europäische Enge war van so merkwürdiger, als das Mongolenreich bis unmittelbar vor Europa, ja in Europa hinein reichte. Es konnte eines Tages geschehen, daß Italien, Deutschland, Ostrom mongolische Kolonien wurden. Rußland wie Bagdad Wit Mesopotamien standen damals unter mongolischer Herrschaft. Als die beiden älteren Polos die Ostafienreise ein zweites Mal antraten, nahmen sie den jungen Marco mit. Die Reife ging über Jerusalem »ach Bagdad, wo also bereits das mongolische Weltreich erreicht war. Die Weiterreise vollzog fick) also dauernd in einem Staate. Die Reiseroute ist gewesen: Basra, Bender-Abbas, Turkestan, Gobi, Gelber Fluß, Peking. Rach sechzehn Jahren ging die Rückreise zur See über Ceylon, Indien, Senftscher Meerbusen, und dann zu Land weiter über Mesopotamien, einasien, Konstantinopel nach Italien (die Polos waren Beneziaer). Und wieder bekommen wir einen Begriff von dem engen Horizonte dieses Europa, wenn wir hören, daß niemand den Polos ihre Reiseberichte glauben wollte. Denn Europa wollte es nicht glauben, daß außerhalb feiner Grenzen die Welt größer und zivilisierter war als hierzulande. Die Polos ober hatten mit eigenen Augen die ungeheuren staatspolitifchen, technischen und kulturellen Leistungen 6er Mongolen gesehen, die ein Weltreich von Peking und Karakorum aus leiteten, das ganz Ostasien, Zentralasien, Persien, Teile Indiens, den Kaukasus, Mesopotamien und Südrühland umfaßte. Erft die neuere Geschichtsforschung Hai die Berichte Marco Polos Schritt für Schritt bestätigt und erhellt, wie albern die Spöttereien über die „Aufschneider" aus Venedig seitens der Zeitgenossen gewesen sind. Keine bessere Bestätigung läßt sich für Polo denken als die der modernsten Forschung: in chinesischen Annalen fand man seinen Namen, und die Jahre stimmen genau. Der Kamps mit der Riesenschlange. Von Rudolf Dien ft1). - «ruck uad Derla«: Brühl'sch» UniversitLtS-Buch- und SteinLrvckerei, *X. ß«»fle. ©US»»- Derarttwortlich: Dr. HanS Thyrivt. Das Fräulein von Seubert Von (8. T. A. Hoffman n. (Fortsetzung.) Scho» andern Tages gedachte die Seubert, sich mit dem Schmuck zu dem Goldschmied zu begeben. Doch war es, als hatten alle schönen Geister von ganz Paris sich verabredet, gerade an dem Morgen das Fräulein mit Versen, Schauspielen, Anekdoten zu bestürmen. Kaum hatte la Cha- pelle die Szene eines Trauerspiels geendet und schlau versichert, daß er nun wohl Racine zu schlagen gedenke, als dieser selbst eintrat, und ihn mit irgendeines Königs pathetischer Rede zu Boden schlug, bis Boileau seine Leuchtkugeln in den schwarzen tragischen Himmel steigen ließ, um nur nicht ewig von der Kolonnade des Louvre schwatzen zu hören, in die ihn der architektische Dottor Perrault hineingeengt. Hoher Mittag war geworden, die Scuderi mußte zur Herzogin Montan- sier, und so blieb der Besuch bei Meister Rene Cardillac bis zum sanft weggezogen und sich dann bemüht, eine Wtmde auf der linken ruft des Vaters mit Wundbalsam zu waschen und zu verbinden. Währenddessen sei des Vaters Besinnung zurückgekehrt, er habe zu röcheln aufgehört, und fte, dann aber Olivier mit seelenvollem Blick angeschaut, ihre Hand ergriffen, sie in Oliviers Hand gelegt und beide heftig gedrückt. Beide, Olivier und sie, wären bei dem Lager des Vaters auf die Knie gefallen, er habe sich mit einem schneidenden Laut in die Höhe gerichtet, fei aber gleich wieder zurückgesunken und mit einem tiefen Seufzer verschieden. Run hätten sie beide laut gejammert und geklagt. Olivier habe erzählt, wie der Meister auf einem Gange, den er mit ihm auf fein Geheiß in der Nacht habe machen müssen, in seiner Gegenwart ermordet worden, und wie er mit der größten Anstrengung den schweren Man«, den er nicht auf den Tod verwundet gehalten, nach Hause getragen. Sowie der Morgen angebrochen, wären die Hausleute, denen bas Gepolter, das laute Weinen und Jammern in der Nacht ausgefallen, heraufgekommen und hätten sie noch ganz trostlos bei der Leiche kniend gesunden. Nun sei Lärm entstanden, die Marechaussöe eingedrungen und Olivier al» Mörder seines Meisters ins Gefängnis geschleppt worden. Madelon fügt» nun die rührendste Schilderung von der Tugend, der Frömmigkeit, d« Treue ihres geliebten Oliviers hinzu. Wie er den Meister, als sei er feie eigner Vater, hoch in Ehren gehalten, wie dieser seine Liebe in vollem Maß erwidert, wie er ihn trotz seiner Armut zum Eidam erkoren, roeil (eine Geschicklichkeit seiner Treue, seinem edlen Gemüt gleichgekommen. Da» alles erzählte Madelon aus dem innersten Herzen heraus und schloß damit, daß, wenn Olivier in ihrem Beisein dem Vater den Dolch in die Brust gestoßen hätte, sie dies eher für ein Blendwerk des Satans halten, als Daran glauben würde, daß Olivier eines solchen entsetzlichen, grauenvollen Verbrechens fähig sein könne. Die Scuderi, von Madelons namenlosen Leiden auf das tiefst« gerührt und ganz geneigt, den armen Olivier für unschuldig zu halten, zog Erkundigungen ein und fand alles bestätigt, was Madelon über das häusliche Verhältnis des Meisters mit feinem Gesellen erzählt hatte. Die Hausleute, die Nachbarn rühmten einstimmig den Olivier als bas Muster eines fittigen, frommen, treuen, fleißigen Betragens, niemand wußte Böse» von ihm, und ■ boch, war von ber gräßlichen Tai die Rede, zuckte jeder die Achseln und meinte, darin liege etwas Unbegreifliches. Olivier, vor die Chambre Siebente gestellt, leugnete, wie die Seubert vernahm, mit der größten Standhaftigkeit, mit dem hellsten Freimut Me ihm angeschuldigte Tat und behauptete, daß sein Meister in feiner Gegenwart auf der Straße angefallen und niedergestoßen worden, daß er ihn aber noch lebendig nach Hause geschleppt, wo er sehr bald verschieden fet Auch dies stimmte also mit Madelons Erzählung überein. Immer und immer wieder lieh sich die Scuderi die kleinsten Umstände des schrecklichen Ereignistes wiederholen. Sie forschte genau, ob jemals ein Streit zwischen Meister und Gesellen vorgefallen, ob vielleicht Olivier nickt ganz frei von jenem Jähzorn sei, der oft wie ein blinder Wahnsinn Me gutmütigsten Menschen überfüllt und zu Taten verleitet, die alle Willkür des Handelns auszuschließen scheinen. Doch je begeisterter Madelon von dem ruhigen häuslichen Glück sprach, in dem die drei Menschen in-innigster Liebe verbunden lebten, desto mehr verschwand jeder Schatten des Ver- dachts wider den auf den Tod angeklagten Olivier. Genau alles prüfend, davon ausgehend, daß Olivier unerachtet alles dessen, was laut für seine Unschuld spräche, dennoch Cardillacs Mörder gewesen, fand die Seubert im Reich ber Möglichkeiten keinen Beweggrund zu der entsetzlichen Tat, die in jedem Fall Oliviers Glück zerstören mußte. Er ist arm, aber geschickt. Es gelingt ihm, die Zuneigung des berühmten Meisters zu gewinnen, er liebt die Tochter, der Meister begünstigt seine Liebe, Glück, Wohlstand für sein ganzes Leben wird ihm erschlossen! Sei es aber nun, daß, Gott weiß, auf welche Weise gereizt. Olivier vom Zorn übermannt, feinen Wohltäter, seinen Vater mörderisch anfiel, welche teuflische Heuchelei gebärt dazu, nach der Tat sich so zu betragen, als es wirklich geschah! Mtt der festen Ueberzeugung von Oliviers Unschuld faßte die Scuderi den Entschluß, den unschuldigen Jüngling zu retten, koste es, was es wolle. Es schien ihr, ehe sie die Huld dos Königs selbst vielleicht anruse, am geratensten, sich an den Präsidenten la Regnie zu wenden, ihn auf alle Umstände, die für Oliviers Unschuld sprechen mußten, aufmerksam zu machen, und so vielleicht in des Präsidenten Seele eine innere, dem Aw < geklagten günstige Ueberzeugung zu erwecken, die sich wohltätig den Rich- ‘ lern 'mitteilen sollte. ' La Regnie empfing die Seubert mit ber hohen Achtung, aut die Mt würdige Dame, von dem Könige selbst hoch geschätzt, gerechten Anspruch machen konnte. Er hörte ruhig alles an, was sie über die entsetzliche Tat, über Oliviers Verhältnisse, über seinen Charakter vorbrachte. Ein feine», beinahe hämisches Lächeln war indesien alles, womit er bewies, daß die Beteuerungen, die von häufigen Tränen begleiteten Ermahnungen, wle jeder Richter nicht der Feind des Angeklagten fein, sondern auch auf alle» achten müsse, was zu seinen Gunsten spräche, nicht an gänzlich taub« Ohren vorüber glitten. Als das Fräulein nun endlich ganz erschöpft, Mt Tränen von den Augen wegtrocknend, schwieg, fing la Regnie an: 6» ist ganz Eures vortrefflichen Herzens würdig, mein Fräulein, daß Mk, gerührt von den Tränen eines jungen verliebten Mädchens, alles glaubt, was sie vorbringt, ja daß Ihr nicht fähig seid, den Gedanken einer entsetzlichen Untat zu fassen, aber anders ist es mit dem Richter, ber gewohnt ist, frecher Heuchelei bie Larve abzureißen. Wohl mag es nicht meine» Amtes fein, jedem, der mich fragt, den Gang eines Kriminalprozesses U entwickeln. Fräulein, ich tue meine Pflicht, wenig kümmert mich das Urte» der Welt. Zittern sollen die Bösewichter vor der Chambre Siebente,»« keine Strafe kennt als Blut und Feuer. Ader von Euch, mein würdig«« Fräulein, mach? ich nicht für ein Ungeheuer gehalten werden an Har« und Grausamkeit, darum vergönnt mir, daß ich Euch mit wenigen Wormf die Blutschuld des jungen Bösewichts, der, dem Himmel sei es gebann. der Racke verfallen ist, klar vor Augen lege. Euer scharfsinniger Gern wird bann selbst die Gutmütigkeit verschmähen, bie Euch Ehre macht, mn ober gar nicht anstehen würde. (Fortsetzung fmgt)~ andern Morgen verschoben. Die Scuderi fühlte sich von einer besonderen Unruhe gepeinigt. Beständig vor Augen stand ihr der Jüngling und aus dem tiefsten Innern wollte sich eine dunkle Erinnerung aufregen, als habe sie dies Antlitz, diese Züge schon gesehen. Den leisesten Schlummer störten ängstliche Träume, es war ihr, als habe sie leichtsinnig, ja strafwürdig versäumt, die Hand hilfreich zu erfassen, die der Unglückliche, in den Abgrund versinkend, nach ihr emporgestreckt, ja als sei es an ihr gewesen, irgendeinem verderblichen Ereignis, einem heillosen Verbrechen zu steuern! Sowie es nur hoher Morgen, ließ sie sich ankleiden und fuhr, mit dem Schmuckkästchen versehen, zu dem Goldschmied hin. Nach der Straße Nicaise, dorthin, wo Cardillac wohnte, strömte das Volk, sammelte sich vor der Haustüre — schrie, lärmte, tobte — wollte stürmend hinein, mit Mühe abgehalten von der Marechaussäe, bie bas Haus umstellt. Im wilden, verwirrten Getöse riefen zornige Stimmen: Zerreißt, zermalmt den verfluchten Mörder! — Endlich erscheint Desgrais mit zahlreicher Mannschaft, die bildet durch den dicksten Haufen eine Gasse. Die Haustür springt auf, ein Mensch mit Ketten belastet, wird hinaus- gebrachi und unter den greulichsten Verwünschungen des wütenden Pöbels fortgeschleppt. — In dem Augenblick, als die Scuderi halb entseelt vor Schreck und furchtbarer Ahnung dies gewahrt, bringt ein gellendes Jammergeschrei ihr in die Ohren. Vor, weiter vor! ruft sie ganz außer sich dem Kutscher z>.i, der mit einer geschickten raschen Wendung den dicken Haufen auseinanderstäubt und dicht vor Cardillacs Haustür hält. Da sieht die Seubert Desgrais und zu seinen Füßen ein junges Mädchen, schön wie der Tag, mit aufgelösten Haaren, wilde Angst, trostlose Verzweiflung im Antlitz, die hält seine .Knie umschlungen und ruft mit dem Ton des entsetzlichsten, schneidendsten Todesschmerzes: Er ist ja unschuldig! Er ist unschuldig! Vergebens sind Desgrais', vergebens seiner Leute Bemühungen, sie loszureißen, sie vom Boden aufzurichten. Ein starker, ungeschlachter Kerl ergreift endlich mit plumpen Fäusten die Arme, zerrt sie mit Gewalt weg von Desgrais, strauchelt ungeschickt, läßt das Mädchen fahren, die hinabschlägt die steinernen Stufen, und lautlos — tot auf der Straße liegen bleibt. Länger kann die Scuderi sich nicht halten. In Christus Namen, was ist geschehen, was geht hier vor? ruft sie, öffnet den Schlag, steigt aus. — Ehrerbietig weicht das Volk der würdigen Dame, die als sie sieht, wie ein paar mitleidige Weiber das Mädchen aufgehoben, auf die Stufen gesetzt haben, ihr die Stirn mit kaltem Wasser reiben, sich dem Desgrais nähert, und mit Heftigkeit ihre Frage wiederholt. — Es ist das Entsetzliche geschehen, spricht Desgrais, Renö Cardillac wurde heute morgen durch einen Dolchstich ermordet aufgefunden. Sein Geselle Olivier Brusson ist ber Mörder. Eben wurde er fortgeführt ins Gefängnis. — Und das Mädchen? ruft die Scuderi. — Ist, fällt Desgrais ein, ist Ma- beton, Cardillacs Tochter. Der verruchte Mensch war ihr Geliebter. Nun weint und heult sie, und schreit einmal übers andere, daß Olivier unschuldig sei, ganz unschuldig. Am Ende weiß sie von ber Tat und ich mutz sie auch nach ber Conciergerie bringen lassen. Desgrais warf, als er btes sagte, einen tückischen, schadenfrohen Blick auf das Mädchen, vor dem bie Scuderi erbebte. Eben begann das Mädchen leise zu atmen, twch keines Lauts, keiner Bewegung mächtig, mit geschlossenen Augen lag sie da, und man wußte nicht was zu tun, sie in Haus bringen oder ihr noch langer beistehen bis zum Erwachen. Tief bewegt, Tränen in den Augen, blickte die Scuderi den unschuldsvollen Engel an, ihr graute vor Desgrais und seinen Gefellen. Da polterte es dumpf die Treppe herab, man brachte Cardillacs Leichnam. Schnell entschlossen rief die Scuderi laut: Ich nehme bas Mädcben mit mir, Ihr möget für das übrige sorgen, Desgrais! Em dumpfes Murmeln des Beifalls lief durch das Volk. Die Weiber hoben das Mädchen in die Hohe, alles drängte sich hinzu, hunderte Hände muhten sich ihnen beizustehen, und wie in den Lüsten schwebend wurde bas Mab- chen in bie Kutsche getragen, inbem Segnungen der würdigen Dame, die bie Unschuld dem Blutgericht entrissen, von allen Lippen strömten. Serons des berühmtesten Arztes in Paris, Bemühungen gelang es endlich, Madelon, bie stundenlang in starrer Bewußtlosigkeit gelegen, wie- der zu fi* selbst zu bringen. Die Scuderi vollendete, was der Arzt begonnen, indem sie manchen milden Hoffnungsstrahl leuchten ließ in des Mädchens Seele, bis ein heftiger Tränenstrom, der ihr aus den äugen stürzte, ihr Luft machte. Sie vermochte, indem nur dann und wann bre Uebermarht des durchbohrendsten Schmerzes die Worte in tiefem Schluchzen erstickre, zu erzählen, wie sich alles begeben. Um Mitternacht war sie durch leises Klopfen an ihrer Stubentur geweckt worden, und hatte Oliviers Stimme vernommen, der sie beschworen, doch nur gleich aufzustehen, weil der Vater im Sterben liege. Entsetzt fei sie aufgesprungen und habe die Tür geöffnet. Olivier, bleich und entstellt, von Schweiß triefend, sei, das Licht in der Hand, mit wankenden Schritten nach der Werkstatt gegangen, sie ihm gefolgt. Da habe ber Vater gelegen mit starren Augen und geröchelt im Todeskampfe. Jammernd habe sie sich auf ihn gestürzt, und nun erst sein blutiges Hemd bemerkt. Olivier habe