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O Lust, vom Berg zu schauen Weit über Wald und Strom, Hoch über sich den blauen Tief klaren Himmelsdom! Vom Berge Vöglein fliegen Und Wolken so geschwind, Gedanken überfliegen Die Vögel und den Wind. Die Wolken ziehn ernieder, Das Vöglein senkt sich gleich, Gedanken gehn und Lieder Fort bis ins Himmelreich. Reifslisd. Von Josef Freiherrn von Eichen dorff. Durch Feld und Vuchenhallen Bald singend, bald fröhlich still, Recht lustig sei vor allen, Wer's Reisen wählen wlll! Wenn's kaum int Osten glühte, Die Welt noch still und weit: Da weht recht durchs Gemüte Die schöne Blütenzeit! Die Lerch' als Morgenbote Sich in die Lüfte schwingt, Eine frische Reise Durch Wald uno Eichendorffs Taugenichts. Von Reinhold Lindemann, München. Wenn Betrachtungen über das „ewige" Thema: „Was ist deutsch?" heute mehr denn je an der Tagesordnung sind, so ist das sicher nichts Zufälliges. Eine tiefe Unsicherheit, Unklarheit, Verworrenheit unserer augenblicklichen seelischen Lage spricht fick) darin aus. Man möchte Gewißheit über sich selbst, seine letzten Kräfte und Schwächen gewinnen, um aus gewonnener Klarheit heraus die Wege, die in die Zukunft führen, bestimmen zu können. Aber das Merkwürdige und vielleicht gerade unverkennbar Deutsche an derartigen Erörterungen ist, daß sie, trotz all ihrer Jukunftswilligkeit, int Grunde immer wieder das Vergangene und Gewesene preisen, daß die Fragestellung „was ist deutsch?" sich unversehens in die Frage „was war deutsch?" verwandelt und zu einem heimwehverklärten Rückwärtsblicken nach unwiderruflich versunkenen und ver- Nungenen deutschen Welten wird. Auf diese Weise ist uns manches Alte, halb vergessene wieder neu vertraut geworden und Gegenstand einer neuen innigeren Liebe. Vor allem aber beginnen gewisse romantische Dichtungen, die selbst schon in ihrer Entstehungszeit Abschied und Heimwehverklärung versunkener deittscher Welten waren, neue unerhörte Reize auf uns auszuüben und erscheinen heute unserm rückwärts gewandten, verklärendem Blick, der eine Antwort auf die Frage „was ist deutsch? erspähen möchte, im Zauberlichte einer zwiefach verklärten deut- «u 1 '®elt linf) doppelt verklungenen Deutschheit. Hierin gehört denn auch r/Vnbnrffs „wundersam hoch und frei und lieblich erträumte Novelle , wie Thomas M a n n (auf ben einige im folgenden gegebene öOtmulierungen zurücksühren) den „Taugenichts" einmal genannt hat, der ”.or M'wert Jahren geschrieben, heute für uns in diesem Zauberlicht einer doppelten Romantik fdjimmert. Denn die Welt, wohinein Eichendorfs seinen Taugenichts gestellt hat, -7 nicht gestellt hat, die vielmehr diesen Tunichtgut und Tunicht- °°*e ttl*“entD3 treibt und trägt, diese wunderlieblich schwebende und klin- fatA ^ougenichts-Welt traumhaft verwehten Geschehens — sie ist eine Wf- "‘WeU versunkene und verklungene deutsche Welt, aber unver- 9reia)lid)_ von jenem zwiefachen Heimweh verklärt, unwiderstehlich im «iw ln .Heimweh weckend und überhaupt von jenem betörenden „Rosen- geruch des Unwiederbringlichen". Diese Welt der Taugenichts-Novelle — Eichendorfs-Welt — ist völlig schwergewichtslos, ist köst- über und kindliches Spiel, ist nichts als Traum, Musik, selbst- h»,,«!'61185 Gehenlasfen, Fernweh, Heimweh und törichte Seligkeit. Ein Stn)!?5öer31lu6erte5 Künstler-Italien ist hier mit Rom, der heiligen von deren goldenen Kuppeln, Türmen und Zinnen Engel in glän- ^eroanbern bem nahenden Wanderer durch die monderhellte Rächt Laub^ « '?öntt wieder geht's durch nächtlichen Park mit zierlichen Seiht»« Gasthäusern und rosenduftenden Gängen — mit kleinen weißen en' uuwr denen die Schwäne eingeschlafen auf dem Gewässer sitzen ...J1 Leuchtkugelfall über spiegelnden Teichen und plätschernden Wasserkünsten in schweigsam-verschwiegener Nacht. Aber hier ist auch> „Volkstanz im festlichen Sonntagsputz und wan- dernden Leierkasten . Gesang von Studenten, welche „die Hüt'im Morgen- st^hl schwenken und Wmzerjub-el von Hügel zu Hügel, — fröhliche iht^imh Ä sllbernen Fluß hinab, während die Sonne golden ver- Un& Sßatber monduberglänzt zu schimmern beginnen, — Aüdhornerschall, von bem die Berge widerhallen, Posthornrus den rau- Nachtigallenschlag aus abendlichen Tälern... und allüberall ist Frische, Gesundheit, Einsalt, Humor, Drolligkeit und innige Lebenslust gebreitet und „eine stete Bereitschaft zum Liede, zum ^lWe^.Erfrstchenhsten, wunderschönsten Gesänge", dem hier die unver- gleichlichsten Gebilde volksmaßig-romantischer Lyrik gelingen, Lieder wie etwa „Wohin ich geh und schaue ober jenes „Wer in die Fremde will ^ubem mit dem Endruf Grüß' dich, Deutschland, aus Herzensgrund" ca tre-u?P steh n auf der Wacht" ober schließlich — nun frei« stch. schon Nicht mehr volkstümlich, sondern ein Aeußerstes an sinn- berückender Romantik - jene Zauberstrophe, die eine als Maler'^r- kleidete Frau zur Zither auf dem Balkon in die warme Sommernacht wahrend man — so heißt es an jener Stelle — „weit von ben Weinbergen herüber noch zuweilen einen Winzer singen hörte i>a- u*Kl'3&-’n 30rne' "Nb die ganze legend zitterte „Schweigt der Menschen laute Lust: Rauscht die Erde wie in Träumen Wunderbar mit allen Bäumen, Was bem Herzen kaum bewußt. Alte Zeiten, linde Trauer, Und es schweifen leise Schauer Wetterleuchtend durch die Brust". Das ist mit nachempfindenden und nachmalenden Worten gesagt fo- weü sich derartiges überhaupt mit bloßen Worten umschreiben läßt die wunberliebliche Welt der Taugenichts - Novelle. Durch diese Welt aus Traum und Musik laßt Elchendorff seinen Taugenichts — selbst ein Stück ~ auf der Suche nach seinem Mück wandern und in chr all sein^Wünschen und Schnen stillen. Aber bei aller romantischen Traunchastigkeit >st dieser Taugenichtskerl keineswegs eine oerscknoom- kieHcVy'®u^ vielmehr stellt «r einen ganz konsequent durchgesührten ein- heitlichen Typus dar einen Typus von unverkennbarer Deuischhett. Als solchen hat ihn Thomas Mann gelegentlid) einmal klar erkanntund mit eindringlichen Worten sein Bild Umrissen. Wir dürfen einige beson- bers schon formulierte Partien aus seiner Charakteristik hier benutzen. , "®e,r Taugenichts ist ein Müllersjunge, der feinen Schimpfnamen daher hat, daß er daheim zu nichts anderem taugt, als sich in der Sonne 3UA- ®e,i0e öu spielen, und ben sein Vater darum ärgerlich auf bie Wanderschaft schickt, damit er sich draußen sein Brot erwerbe. Nun sagtberJunge, wenn ich ein Taugenichts bin, so ift's gut, so will ich in bie Welt gehen unb mein Glück machen." Und während rechts und links seine Bekannten und Kameraden, wie gestern und vorgestern und immerbac zur Arbeit hinausziehen, graben unb pflügen, streicht er Ewigen Sonntag' im Gemüte, mit seiner Geige burchs Dorf in die freie Jiseit gmaus unb gelangt so, mehr vom Zufall getrieben als eigentlich S°wollt, auf bem Trittbrett eines „köstlichen Reifewagens" mit zwei Xiamen nach Wien, das er, ba er fick) schämte, fein Wanberziel überhaupt md)t zu wissen, breift als sein Reiseziel angegeben hat. Und damit be- S'nnt der „verträumte Reigen seiner deutsch-italienischen Abenteuer, die Geschichte feiner Liebe zur vielschönen Frau", eine Geschichte voll von Verwechslung Verwirrung und Intrige, die sich aber schließlich in kind- liches Wohlgefallen auflöst, und in der sich der Charakter dessen, der sie erlebt und erzählt, so treuherzig-unverantwortlich, fo unverwecbselbar- deutfch offenbart. „®.er Charakter des Taugenichts ist ein Schwanken zwischen völligstem Müßiggang, daß ihm vor Faulheit bie Knochen knacken, unb erwartungsvollem Vagabunbentrieb ins Weite hinaus, zwischen sangesfroh-wandern- der Lebenslust unb Überwältigendem Gefühl der Fremdheit und Verlassenheit auf Erden; — dann wieder befiehlt er sich Gottes Führung zieht seine Violine hervor unb spielt all feine liebsten Stücke durch, daß sie recht fröhlich im einsamen Walde erklingen; gelegentlich ist er auch einmal verdrießlich, daß ihm bie eigene Nasenspitze im Wege ist, wenn er in Gottes freie Welt hinaus sieht, aber meiff ift er humorvoll und ZU Spaß unb Tollheit aufgelegt, babei immer gleich einfältig, schlichtem und tölpenhaft, unb stets von reinstem innigstem Gemüte. „Er ist nicht allein selber nutzlos, sonbern er wünscht auch die Welt nutzlos zu sehen unb als er ein Gärtchen zu bewirtschaften hat, wirft er Kartoffeln unb anderes Gemüse, das er darin findet, hinaus und bebaut es zum Befremden der Leute mit ganz erlesenen Blumen, mit denen er allerdings feine hohe Frau beschenken will unb die also wohl einen Zweck haben, aber nur einen unpraktisch empfindsamen. Er ist aus der Familie der Siebener Samilicnblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Eichendorfs-Preise aus- in der noch ungeheuer Dinge der menschlichen Das tote Kind. Aon Gertrud Ault ch. Die Verfasserin wurde mit dem gezeichnet. Flut und Wogen hindurch, dem irrenden Schisser auf hoher See mit all ihren Häusern und Türmen heraufglänzen und mit dem Klang ihrer Glocken betörend zuläuten soll, so klingt uns hier aus dieser Eichendorsf- Rovelle, durch ein Jahrhundert darüber hingewogte deutsch« Seelen- aeschichte hindurch, eine ganze versunkene deutsche Welt — zur Zeck des Dichters schon Romantik, nun aber für unseren narb aller vergangenen Deuttchhett sehnsüchtig Ausschau haltenden Blick noch einmal Romantik — in allen Zaubern einer zwiefachen Heimwehverklärung entgegen. halten zu können. ,, .. . „Das ist ein Zeichen", sagte Tante Karolme erbleichend. Für alle, die den Humor des Zufalls zu würdigen wissen, ser bemertt, daß der Eimer auf einer Kartoffel stand. ..... Des andern Morgens begab sich nun em Ereigms, über das zu lachen selbst heute nicht nur unstatthaft, sondern reichlich albern wäre. Ich war eben aus der Schule gekommen, als mich vor dem wiu[e eine Frau anhielt mit der Frage, wo hier eine Frau Karolme M. wohne. Sie batte sich bereits an einige Kinder gewandt, die sie nun neugierig umstanden, ohne sedoch Auskunft geben zu können. Ich führte die grau in einem Gefühl übertriebener Wichtigkeit sofort zu meiner Mutter. Diese Begebnisse schildere ich, wie sie mir ganz klar und unverwisch! im Gedächtnis hasten blieben, unter dem Bevbachtungswinkel eines ch jährigen, sehr neugierigen, frühreifen Mädchens, dem in der Schule naty gesagt wurde. Erlebtes sehr wahr und treffend schildern zu können. Sobald die Frau ins Zimmer getreten war, ging sie mit gerötetem Gesicht und ausgebreiteten Armen sofort auf meine Tante zu, wobei si- die Tränen nicht zurückzuhalten vermochte, und sagte tieferregt: „Ja, wop hastig, das sind Sie! Dank meiner Mutter. Ihr Geist hat mich riW Man' schob der Frau einen Stuhl hin und bat sie, sich zu beruhigen Man forschte nach dem Grunde ihres Kommens, aber sie war noit immer so erschüttert, daß sie nur stoßweise, von Tränen unterbrochw und sehr undeutlich sprechen konnte. Es war eine junge, dreißig,«« Frau, ländlich, aber sehr sauber gekleidet. Ich fand an ihr sehr komisch daß sie einen mit einem rote Band eingeslochteten Zopf trug. Später erfuhr ich, daß sie aus einem der kleinen Orte der Nachbarschaft stainM Die Frau hatte einen Armkorb mitgebradjt, den mein Vater, M materialistisch eingestellt, während unserer Unterhaltung auspackte. «- kam ein Huhn zum Vorschein, einige Eier, ein Stuck Butter und weitzck lockeres Brot. „Retten Sie mein Kind", schluchzte die Frau und brach von neuem in Tränen aus. „Nur Sie können helfen, kein Arzt kann es mehr. U ich habe solches Vertrauen zu Gott, und als ich ganz verzweifelt zu W um mein Kind betete," da wußte ich, er wird eine arme Mutter er«. Ist es nicht eine wunderbare Gnade, daß er mir diesen Traum Meine Mutter, so wie ich sie kurz vor ihrem Tode sah, erscheint mir Schlafe und sagt: Geh dort und dorthin, in das und das Dorf bei « Stadt die du kennst, den und den Weg. — Und ich fehe den Weg g« genau, vom Bahnhof über die Brücke an den Ziegeleiteichen über großen Wiesen am Fluß, ich. sehe genau den Schatten meiner Mutter " das Gesicht, auf das sie zeigt und das vor mir herlauft. Siehst du, M meine Mutter, und zeigt auf das wandelnde Gesicht, diese iMU »- deinem Kinde Helsen. Nimm Brot und etwas Fleisch mit und mack auf, wenn die Sonne ausgeht. Ich konnte nicht weiter schlafen, so ich über den Traum, und mit dem ersten Zuge fuhr ich ab. ckck ff Vertrauen, es wird mir leichter, Gott wird mir Helsen. Ich fmbe de«, ich finde das Haus. Aber man sagt mir, Sie wären in B., bei Schwester zu Besuch. Man sagt mir Straße und Nummer, abergmn Gott, inzwischen kann das Kind gestorben sein. Kommen Sie kommen Sie sofort." „ ufll „Was fehlt denn dem Kinde?" sagt mein Vater ganz verlegen hilflos, denn er kann weinende Frauen nicht ertragen. jüngsten Söhne und dummen Häuft des Marcyens, von denen niemand etwas erwartet und die dann doch die Aufgabe losen und die Prinzessin nur Frau bekommen. Das heißt, er ist ein Gotteskind, dem es der Herr un Schlafe gibt" — den nicht der Broterwerb aus fühem Nichtstun weckt, iöndern einzig ein dunkler, ihn oft genug recht unbequem bunfenber Trieb draußen in der Welt und der Fremde sein Gluck zu machen. Al° er einmal nach langer Wanderschaft durch Wald und immer wieder Wald des abends endlich in ein kleines Wiesental hinauskommt, das rings von Bergen eingeschlossen und voller roter und gelver Blumen ist, über denen unzählige Schmetterlinge im Adendgolde fjerumflattern „es war aber so einsam dort, als läge die Welt wohl hundert Meilen weg. Nur die Heimchen zirpten, und ein Hirt lag drüben im hohen Grase und blies fo melancholisch auf seiner Schalmei, daß einem das Herz vor Wehmut hätte springen mögen" — da entringt sich seinem Innersten der rin,rende Stoßseufzer: „Ja, wer es so gut hätte, wie so ein Faulenzer! Unsereiner muß sich in der Fremde herumschlagen und immer attent sein! — Aber obwohl das Wandern im Grunde fein eigentliches Lebenselement ist, und er die schöne Wandererde, das frische Krähen der Hahne Über die leise wogenden Kornfelder hin, die schweifenden Lerchen zwischen den Morgenstreifen hoch am Himmel, den ernsten Mittag, die flüsternde Nacht aus dankbarer Seele liebt und innig belauscht, so i,i er in der Welt doch nicht zu Hause, hat in der Regel mcyt Teil an dem Gluck derer die sich in ihr zu yjanfe fühlen. „Alles ist fo froylich, fo denkt er einmal, „um dich kümmert sich kein Mensch. Und so geht es nur überall und immer. Jeder hat fein Plätzchen auf der Erde ausgesteckt, bat einen warmen Ofen, feine Taffe Kaffee, feine Frau, fein Gias Wem zu Abend, und ist fo recht zufrieden. Mir iffs nirgends recht. Es ist, als wäre ich j überall eben zu spät gekommen, als hätte die ganze Welt gar nicht auf mich gerechnet." Oder grenzenlose Weltverlafsenheit bncht überwältigend , über ihn herein in einsamer Nacht, während der Mond scheint, die Wolken ziehen und manchmal ein Stern weit in der Ferne heruntersallt. „So scheint der Mond auch über meines Vaters Mühle, beginnt er zu philo- ophieren, „und auf das weiße gräfliche Schloß. Dort ist nun auch schon alles lange still, die gnädige Frau schläft, und die Wafftrkunfte und Bäume im Garten rauschen noch immerfort wie damals, und allen ists gleich ob ich noch da bin oder in der Fremde ober gestorben. Da kam mir die Welt auf einmal so entsetzlich weit und groß vor und ich so ganz allein darin, daß ich aus Herzensgründe hatte meinen mögen. Und roenn er sich so im tiefsten Grunde überflüssig und von aller Welt verlassen fühlt, dann nimmt er seine Geige von der Wand und spricht zu ihr: „Komm nur her, du getreues Jnstrliment. Unser Reich ist nicht von dieser Welt!" Ist ein solcher Ausspruch nicht Formel und Symbol für das Wesen aller charakteristisch-deutschen Form von Romantik und vielleicht für ein entscheidendes Stückchen Deutschtum überhaupt? Bei all seiner Gemütstiefe und tölpelhaften Einfältigkeit ist der Taugenichts dann auch noch Künstler und Genie, „was nicht seine eigene Behauptung noch die des Dichters ist, aber durch feine Lieder aufs Herrlichste erwiesen ist. Gleichwohl hat sein Wesen nicht den geringsten Einschlag von Exzentrizität, Problematik, Dämonie, Krankhaftigkeit. Nichts ist bezeichnender für ihn, als fein Verhalten zu den wildschonen und über« spannten Reden des Malers in dem römischen Garten — es graut ihm davor, und er schleicht sich einfach davon „und steigt, allein und fröhlich im Herzen, an dem Rebengeländer in das weite von Mondschein beglänzte Tal hinunter". Er ist gesund, wenn auch keineswegs derb, und kann die Verrücktheiten nicht ausstehen. Er ist Volk und hat das gesunde Gemütsleben und die reine Innigkeit unverdorbenen Volkes, die wohl nirgends schöner zum Ausdruck kommt, als an jener Stelle, wo er in Rom — dahin er ebenso willenlos getrieben wird, wie in die Arme feiner viel schönen gnädigen Frau — inmitten eines einsamen Platzes auf steinernem Springbrunnenrand sitzend plötzlich ganz unvermutet in feiner Heimatsprache angeredet wird. „Mir aber, da ich so unverhofft deutsch sprechen hörte, war cs nidjt_anbers im Herzen, als wenn die Glocke aus meinem Dorfe am stillen Sonntagsmorgen plötzlich zu mir herüberklänge." Das ist unvergleichlich innig empfunden und kindlich schlicht gesagt, aber im Grunde ist es nur ein Stück von jener innigen Gotteskindlichkeit des Taugenichts, di« immer bei all seinem Tun und Lassen durchschimmert, die auch vor allem der Liebe zu seiner viel schönen gnädigen Frau den eigentlichen Zauber gibt — dieser ahnungslosen, unberührten Liebe, die bei ihm nur die höchste Form seiner innig-reinen Gotteskindlichkeit dar- ftellt, so wie sich gerade am Schluß, als alle Wirrsal in Reue, Versöhnung und Hochzeit sich auflöst, noch einmal alles besagend offenbart. Denn als „alles, alles gut ist" und er feine hohe Frau haben kann, da sie gottlob nur eine Portiersnichte ist, da ist er „so recht seelenvergnügt und langt eine Handvoll Knackmandeln aus der Tasche, die er noch aus Italien mitgebracht hat. Sie nahm auch davon und wir knackten nun und sahen zufrieden in die stille Gegend hinaus." Einen schöneren Schlußakkord hätte Eichendorff wohl kaum für feine „wundersam hoch und frei und lieblich erträumte Novelle" finden können als diese unvergleichliche Art, mit der hier der Märchenhans seine Prinzessin findet, dieses köstliche Bild, gemischt aus Reinheit, unfreiwillig-kindlichem Humor und naivem Menschsein. Und reines Menfchfein ist überhaupt der letzte Weftnsgrund des Sauge« nichtscharakters. „Er ist Mensch," sagt Thomas Mann, „und er ist es so sehr, daß er überhaupt nichts außerdem sein will und kann: eben deshalb ist er der Taugenichts. Denn man ist selbstverständlich ein Taugenichts, wenn man nichts weiter präftiert, als eben ein Mensch zu fein. Und - dieses sein Menjchtuin ist überzeugend und exemplarisch deutsch, und obgleich sein Format so bescheiden ist, möchte man ausrufen: wahrhaftig, der deutsche Mensch! Fügen wir einschränkend hinzu: wahrhaftig, ein unverkennbares Stück deutscher Mensch — und jedensalls ein schon unwiederbringlich gewesener! Aber trotzdem und vielleicht gerade deshalb hat es nicht minder unsere ganze Verehrung, unsere unverlierbare Liebe — und schimmert für uns im Lichte einer unvergänglichen Schönheit. Wie jene der Sage nach versunkene Stadt aus tiesstem Meeresgrund, durch Es ist unbestritten, daß Kindheitserlebnisse in der noch ungeheuer empfindungsfähigen Seele Eindrücke hinterlasfen, wie sie später in solcher Intensität kaum erreicht werden. Hauptsächlich Singe der menschlichen Beziehung zu den „unheimlichen, übernatürlichen Machten des Jenseits, die heute längst den Reiz eines Problems eingebüßt haben, waren dem Kinds unerhörte Wunder voll grauenhafter Mystik. Ich ermnere mich, daß Begriffe wie Tod, Himmel und Hölle, obwohl von meertiefer Unfaßbarkeit, mich mit Gefühlen schauerlicher, lustgemischter Furcht erfüllten. Ich war in die Welt des Wunderbaren sozusagen hineingeboren. Das Schicksal hatte an unsere Familie reichlich übernatürliche Kräfte verschwendet. Besonders meine Tante Karoline war, wie man heute sagen wurde, medial veranlagt. Unzweifelhaft war sie im Besitz von Kräften, die sie befähigten, Dinge zu tun, die ihre Person in den Augen einer vom Aberglauben erfüllten Volksmasse in den Geruch des Wunderbaren Heiligmäßigen mit Gott verquickte. Doch da sie ihre eigenartigen Fähigkeiten übertrieb und mißbrauchte, nahm man sie später nicht mehr ernst. Eines Tages nun ereignete sich folgendes: Tante Karoline war wieder einmal zu Besuch und hatte uns bald in ihren mystischen Dunst ein- gehüllt. Wir wohnten damals in einem Dorfe nahe einer großen Industriestadt Oderfchlesiens in einer jener malerischen Behausungen, die sich als Bild über dem Sosa sehr gut ausnehmen, in denen zu wohnen man aber niemandem zutrauen sollte. Die einstöckige, baufällige Baracke nut melancholisch herabhängendem Dach zitterte in allen Fugen, so oft ein Wagen oder ein Auto vorüb erfuhr, und es war nichts Wunderliches, daß zuweilen alle Möbel Polka tanzten. Und doch erschraken wir zu Tode, als an jenem merkwürdigen Tage der Wassereimer nicht mur wie verrückt hüpfte, sondern sich wie ein Karussell im Kreise drehte, ohne em- 3a, es hat Scharlach gehabt. Es ging schon ganz gut. Auf einmal bekommt es diese Krämpse und wird ganz blau. Der Arzt ist betrunken und weiß nicht, was noch Zweck hat. Nichts hilft. Nun, es wird sterben, sagt er. Aber es ist mein einziges Kind, meine teure Annetschka." „Sie sollen nicht so weinen, liebe Frau,," sprach da Tante Karoline init dieser leisen, getragenen Stimme, die immer eine tiefe Gemütsbewegung verhält, „wie kann das Kind sterben, wenn Gott es nicht will." Ehe wir nach dem kleinen Nest fuhren, in dem die Frau wohnte, war ich noch Zeuge eines kleinen Disputs zwischen meinen Eltern. Der Vater sagte: „Es n>ar fein Zeichen, das ist alles Unsinn. Wie kann eine Kartoffel ein Zeichen sein?" Die Mutter: „Warum, du Lästerer? Kann Gott sich nicht auch einer Kartoffel bedienen, wenn es ihm gefällt? Und wie willst du wissen, daß du in seinen Augen mehr wert bist als diese Kartoffel?" Uebte schon die unter so rätselhaften Umständen erfolgte Auskunft der Frau auf mein weiches Gemüt einen unauslöschlichen Eindruck aus, so war die nun folgende Nacht der Gipfelpunkt des Erträglichen, das die in Zeit und Raum stark begrenzte Seele eines Kindes zu erleben, das heißt zu erleiden vermag. Wir kamen, als es schon dunkelte, am Bahnhof in P. an. Ich weiß nicht mehr, welchen Weg wir gingen, noch wielange Zeit wir brauchten, um an Ort und Stelle zu sein. Auch Haus und Stube zu beschreiben ist völlig belanglos. Die Tür zur Küche, die nur angelehnt war, ließ durch einen breiten Spalt rauchiges Licht ausströmen. Ueber den Tisch geworfen lag der Mann und sagte tonlos: „Sie ist sogleich gestorben, als du weggingst. Es hat gar keinen Sinn, über deinen verrückten Traum zu reden. Schick die Frau nach Haus. Die Leute lachen schon über uns." Wir traten in die kleine Schlafstube, die der Küche gegenüber tag. Auf dem einen Bett, das längs der Wand stand, lag weiß überdeckt die kleine Leiche des dreijährigen Kindes. Die Frau schrie wie ein Tier auf, warf sich zur Erde, riß das Laken zurück und streichelte und küßte das Kind, das bläulich angelaufen, aber mit geschlossenen Augen dalag. Die Aermchen waren am Körper angedrückt. Tante Karoline griff eines der erstarrten Händchen und sagte nach einiger Sammlung leise, aber bestimmt: „Sie ist nicht tot. Und wenn sie tot ist, wird Gott sie wieder erwecken," „Gewiß," höhnte der Mann, „am jüngsten Tage, gute Frau." Man hatte mir in der Kammer eine Schlafstatt zurechtgemacht, ohne ionft von mir Notiz zu nehmen. Aber ich war so erregt von allem, das ich zugetragen hatte, daß ich nicht schlafen konnte und bat, mich mit icr Tante wachen zu lassen. Inzwischen war der Knecht mit dem Fuhrwerk aus der totabt zurückgekommen und hatte den Sarg gebracht. Der Arzt würde erst morgen kommen, den Totenschein auszustellen, er habe sowieso gewußt, daß das Kind sterben werde. Also bettete man das kleine Wesen in den Sarg, nachdem meine Tante es selbst gewaschen und eingekleidet hatte, da man so spät die Totenfrau nicht holen wollte. Die Mutter schmückte es mit Myrten und unzähligen Heiligenbildchen und war untröstlich darüber, daß man die Händchen nicht auf der Brust zu falten vermochte. Die Arme waren starr und kalt und mußten am Körper angelegt bleiben. Nur mit Mühe und äußerster Ueberrebung gelang es dem Manne, seine Fran, die untröstlich meinte, aus dem Totenzimmer herauszubekommen, zu dem man die geräumige Wohnstube mit Kerzen und Kreuzen hergerichtet hatte, und die grau ging erst hinaus, als Tante Karoline wünschte, mit dem Kinde alleingelassen zu werden. Der Regulator, den man vergessen hatte, abzustellen, schlug elf Uhr, als meine Tante mir einen Rosenkranz in die Hand drückte und sagte: „Bede. Du hast Gnade bei Gott, weil dein Herz noch rein ist." Das bewegte mich tief, und ließ mir Goti und den Tod weniger streng und unerbittlich erscheinen. Während ich erst mit inbrünstigem Eifer, später aber automatisch Perlen und „Gegrüßt seist du" zwischen Fingern und Lippen abrollen ließ, setzte Tante Karoline sich dicht an den Sarg, nachdem sie die Lichter an der einen Seite verlöscht und fortgestellt hatte. Dann versank sie in eine lange, fast atemlose Gebetsstarre, die ihren Geist weit fortzuführen schien, ihre Gestalt aber mit einem geheimnisvollen Grauen übergoß. Ms sie wie aus langer Ohnmacht wieder zu sich kam, sagte sie zu mir mit leisem Vorwurf: „Du betest schlecht. Laß es fein. Christus hat zu mir gesagt, daß das Kind leben wird. Es ist wie bei der Tochter des Sairus. Der Glaube wird helfen." Darauf beugte sie sich über das starre kleine Gesichtchen, faßte die kalten blauen Händchen, riß bas Totcngewanb auseinander und rieb mit einer ununterbrochenen, streichenden Bewegung immer über die Arme hinauf, kreisend über die Brust nach dem Herzen zu. Dann, was mich fast bis zum Zerspringen der Puls« entsetzte, nahm sie den Leichnam heraus, preßte ihn fest an sich und ging immer im Zimmer herum, ihren Atem am Munde des Kindes, indem sie unverständliche leise Beschwörungen ober Gebete murmelte. In meinem Herzen war nur Furcht unb Unglaube. Wie konnte jemanb, der bereits im Sarge lag, wieder lebendig werden? Welch ein Frevel, dem Tode die sichere Beute entreißen zu wollen. Was würde geschehen? Schreckliches mußte sich ereignen. Selbst als das leise Zucken, das über die starren Glieder des Kindes lief, stärker und anhaltender wurde, glaubte ich, daß ein wahnsinniger Spuk entfesselt sei, Rache zu üben — Und als ganz plötzlich das Kleine die Augen aufschlug, die Aermchen krümmte' und mit rostigem Stimm« chen „Mamuscha" lallte, lief ich, meiner nicht mehr mächtig, mit hellem Geschrei aus der Stube und erwachte erst nach geraumer Zeit aus der ersten und einzigen Ohnmacht meines Lebens. Was nützt es mir heute, zu wissen, daß das Kind nur in einem epileptischen Starrkrampf lag. Alle Symptome dieser geheimnisvollen Totenerweckung und ihrer ebenso wunderbaren Einleitung durch den seltsamen Traum haben sich als ein unausrottbares Mysterium meinem Gedächtnis eingeprägt, das aber nichts Schreckhaftes mehr hat, sondern wie «ne lächelnde Garantie für das Wunderbare unserer ewigen Kindheit ist. Auch Bilder habe« romantische Schicksale. Von Karl G i 11 b r ü ck. Niemand kann bestreiten, daß die deutsche Kriminalpolizei diesmal schnell und mit hervorragendem Erfolg gearbeitet hat. Am 17. Februar waren Diebe im Auto von Berlin aufgebrochen, in der Nacht vom 19. zum 20. Februar ereignete sich ein Einbruch auf Schloß Kadolzburg, bei dem zwei Altartaseln, die vermutlich von Lucas Cranach stammen, geraubt wurden, und schon in den ersten Tagen des Monats März konnte der Urheber des Verbrechens, der Kunsthändler Lippmann, hinter Schloß und Riegel gesetzt werden; sogar die entwendeten Kunstgegenstände sind bereits wieder zur' Stelle geschasst worden. Wenn man bedenkt, daß oft Jahrzehnte vergehen, ehe geraubte Bilder ihrem rechtmäßigen Besitzer wieder zugeführt werden können, muß man diese kriminalistische Leistung besonders anerkennen. Das letzte große Verbrechen dieser Art, das sich vor ungefähr zehn Monaten ereignete, konnte bisher nicht aufgeklärt werden. Am 28. April 1927 wurden aus dem Moskauer Museum für die Schönen Künste fünf weltberühmte Gemälde gestohlen, nämlich Rembrandts „Christus", Tizians „Ecce homo“, Correggios „Heilige Familie", der „Heilige Johannes" von Carlo Dolce und „Das Leiden Christi" von Vittore P i f a n o. Die Gemälde waren nach Schätzungen, die eher zu niedrig als zu hoch gegriffen waren, mindestens 1! Millionen Mark wert; ihr Verlust ist unersetzlich, doch konnte bisher kein« Spur von den Dieben ermittelt werden. In deutschen Galerien sind große Bilderdiebstähle verhältnismäßig selten. In der Inflationszeit wurden kostbare Gemälde bekanntlich zu den vielbegehrten Sachwerten gerechnet, nach denen jeder — auch der Einbrecher — großes Verlangen hatte. So wurde im Jahre 1921 aus dem Privatkontor der Vankfirma Emil Heckfcher & Co. in Hamburg ein echter Rembrandt gestohlen, unb ein anberes Bilbnis desselben Meisters, „Apostel Paulus im Gesängnis", verschwand ein Jahr darauf aus der Stuttgarter Gemäldegalerie, tauchte aber einige Zeit später wieder in London auf. Im folgenden Jahr drangen Einbrecher in die Münchener Villa Lanbach unb verschleppten aus ihr eine große Anzahl Gemälde, unter denen sich Werke von Frans Hals, dem jüngeren Holbein und Lucas C r a n a ck befanden. Bei diesem Einbruch sind die Verbrecher ganz besonders geschickt vorgegangen; sie müssen übrigens mit Fachleuten zusammengearbeitet haben, da es ihnen gelang, gerade die wertvollsten Stücke der Sammlung zu entwenden. Weniger wählerisch waren vor dem Krieg Petersburger Diebe, die in der von ihnen heimgesuchten Gemäldegalerie 71 Bilder stahlen, in der Hoffnung, daß sich darunter auch wertvolle Gemälde befinden würden. Seltener, als man gewöhnlich annimmt, stiehlt der Gemäldedieb aus Sammelwut ober Kunstleibenschast. Nur verhältnismäßig wenige, besonders reiche Leute können sich den Luxus leisten, eine wirklich wertvolle Gemäldegalerie anzulegen, und diesen Millionären fehlt meist nicht das Geld, noch irgendein von ihnen besonders begehrtes Stück zur Vervollständigung ihrer Sammlung zu erwerben. Der typische Verbrecher aus Sammelwut ist der Büchermarder, der di« Bibliotheken heimsucht und sich _ nus Liebe zum Gegenstand, nicht aus materieller Not — seltene Handschriften ober kostbare alte Drucke aneignet. Im Fall Lippmann hat man es nun mit einem Menschen zu tun, der von einem inneren Zwang, einer tragischen Liebe zu wertvollen Gemälben dazu getrieben wurde, den Einbruch in die Kadolzburg anzuzetteln; Lippmann, der in Erpresserhände gefallen war, hat vielmehr versucht, aus dem Diebstahl materiellen Nutzen zu ziehen, um seinen finanziellen Verpflichtungen nachkommen zu können. Er hätte sich dabei freilich als ausgezeichneter Kenner des Kunsthandels sagen müssen, daß das kostbarste Meisterwerk in Diebeshänden wertlos ist, weil der Käufekpreis begrenzt ist und gestohlene Bilder daher unverkäuslich sind. Lippmann sagte sich wahrscheinlich, daß die beiden Altarbilder, die erst vor einem Jahr von dem Nürnberger Kunsthistoriker Dr. Nagel auf dem Schloß Kadolzburg entdeckt wurden, vorläufig im Kunsthandel noch wenig bekannt geworden seien und glaubte, baß es genügen werde, die beiden Altartafeln zu zerschneiden unb in vier Gemälde zu verwandeln, um ihren Ursprung zu vertuschen. Daß wertvolle Gemälde für den Dieb fast stets unverkäuflich find, mußte auch der Arbeiter Perugia erfahren, der im Jahre 1911 Lio- nardos „Mona Lisa" aus dem Louvre stahl. Zwei Jahre hielt er das Bild verborgen; als er es bann verkaufen wollte, wurde er schon bei dem ersten Versuch festgenommen. Der Diebstahl der „Mona Lisa" hat übrigens seinerzeit recht ansteckend gewirkt; bald daraus wurde das berühmte Kloster San Marco in Florenz beraubt, und der Einbrecher stahl die „Madonna delle Stelle" von Fra Angelico. Im gleichen Jahr wurde auch in bas Museum von Benime eingebrochen. Soweit man feststellen kann, hatten die Diebe nicht bie Möglichkeit, aus ihrem Verbrechen irgenbwelcheii Vorteil zu ziehen. Daß es tatsächlich sehr schwer ist, berühmte Bilder, die in Tausenden von Reproduktionen in der ganzen Welt bekannt sind, zu „verschärfen", wie man es in der Gaunersprache nennt, geht auch aus einem Fall hervor, der sich vor ungefähr zwanzig Jahren beim Berliner Kaiser-Friedrich-Museum ereignet hat. Mit großer Mühe war es einem Sieb gelungen, ein Gemälde zu entwenden; nachdem er dafür die Zuchthausstrafe riskiert hatte, wußte er schließlich mit feiner Beute weiter nichts anzufangen, als die Leinwand zusammenzurollen und an bas Museum zurückzuschicken. In einem anderen Fall, der nun allerdings schon ein halbes Jahrhundert zurückliegt, ist es einem Verbrecher aber gelungen, für die Rücklieferung des gestohlenen Bildes 100 000 Mk. zu erhalten. Im Jahre 1876 hatte nämlich der Kunsthändler Agnew das berühmte „Bildnis der Herzogin von Devonshire" von G a i n s d o r o u g h für 208 000 Mk. gekauft; er hängte es in eine Stahlkammer, aus der es kurz darauf auf niemals aufgeklärte Weife verschwand. Vergeblich versuchte man, bas kostbare Bild aufzuspüren; kurze Zeit hoffte die Polizei, die Diebe doch noch ausfindig zu machen, da die Verbrecher den Kunsthändler Anew zu erpressen versuchten unb den Kriminalisten dadurch einen Fingerzeig gaben. Bald bemerkten aber die Diebe, daß ihr Crpressungsversuch für sie selbst gefährlich werden könnte, und 20 Jahre lang hörte man nichts mehr von dem Gemälde. Eines Tages jedoch begegnete ein englischer Kriminalbeamter in einer Londoner Straße einem Mann, den man in britischen Kriminalkreisen unter dem Spitznamen „Napoleon der Diebe" kannte. Es war dies ein Verbrecher, der in seiner Jugend häufig in Londoner Gefängnissen gesessen hatte, aber später so vorsichtig geworden war, daß man ihm nichts mehr nachweisen konnte. Der „Napoleon der Diebe" machte nun dem Kriminalbeamten den Vorschlag, das verschwundene Bild wieder zu beschaffen, wenn jede weitere Nachforschung über die Art, wie es gestohlen worden war, eingestellt werden würde, der Dieb volle Straflosigkeit zugesichert erhielte und 5000 Pfund Sterling für den Nachweis des Ortes, an dem das Kunstwerk zu finden sei, bezahlt werden mürben. Der Scheck über die 100 000 Mark wurde bis zur Rückgabe des Bildes in einer Londoner Bank hmterlegt, dann fuhr Herr Anew in eine südamerikanische Stadt und fand dort das ihm seinerzeit entwendete Gemälde. Damit schien der Fall zwar nicht aufgeklärt, dach endgültig erledigt zu sein. Später aber stellte es sich heraus, daß Pisrpont Morgan den berühmten Gainsborough ebenfalls gekauft hatte und dabei die Verpflichtung eingegangen war, über das Geschäft nichts verlauten zu lassen. Der Milliardär, der auf den Besitz des Meilterwerkes sehr stolz war, konnte jedoch nicht reinen Mund halten, und so erfuhr man allmählich, daß ein zweites Exemplar des 1876 gestohlenen Bildes in Morgans Palast hing. Niemals ist klargestellt worden, wer die Kopie und wer das Original besitzt, aber man vermutet, daß Morgans Eigentum das echte Gemälde ist. Wilhelm und Caroline Herschel. Ein astronomisches Geschwisterpaar. Von Professor Dr. Adolf Marc u j e, Berlin. In der Geschichte der Wissenschaften kommen besondere Familiendynastien vor, welche von Generation zu Generation Großes leisten und unsterblichen Rrchm erringen. Eine der glänzendsten in der Geschichte der Himmelskunde stellt die Familie Herschel dar, welche in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts von einem einfachen hannoverschen Militär- musiker, dem späteren Astronomen W. Herschel begründet wurde und bis vor 55 Jahren zuletzt in John Herschel die höchsten Triumphe feierte. Die Geschichte dieser Familie erscheint uns heute auch vom Gesichtspunkte der Frauenbewegung überaus interessant; denn wir begegnen da einer weiblichen Kraft, die sich hervorragend wissenschaftlich betätigte. Allgemein bekannt dürste das Riesen-Spiegelteleskop W. Herschels sein, mit dem er die wichtigsten astronomischen Entdeckungen ausführte, bekannt in weiten Kreisen sind wohl auch die astronomischen Arbeiten von John Herschel, der die Entdeckungen seines Baters durch ein genaues Studium des südlichen Sternenhimmels fortsetzte, aber weniger allgemein bekannt dürfte es sein, daß Wilhelm Herschels Schwester Caroline nicht nur die treue wissenschaftliche Gefährtin ihres Bruders war, sondern auch selbst astronomische Entdeckungen und Arbeiten von großem Verdienst ausführte. Im folgenden soll nun ein kurzer Abriß des Lebens und Wirkens von Wilhelm Herschel, der sich mit unbeugsamer Energie vom einfachen Militärmuftker zum bedeutenden Gelehrten aufschwang, gegeben werden, und zugleich soll Leben und Wirken jener einzigartigen Frau Caroline Herschel geschildert werden, die aus wissenschaftlicher Hingabe an den von ihr verehrten Bruder Wilhelm selbst Bedeutendes leistete. Schon mit 14 Jahren» war Wilhelm, der wie seine Geschwister durch großes musikalisches Talent sich auszeichnete, ein tüchtiger Hoboe- und Violinspieler, und auch seine Kenntnisse im Französischen und in der Mathematik wurden sehr gelobt. Caroline dagegen besuchte die Schule nur kurze Zeit; ihre völlig ungebildete Mutier wollte die Tochter zu Hause in der Wirtschaft behalten; und so lernte Caroline auch in reiferen Jahren kaum mehr als die Anfangsgründe des Unterrichts. Nur in Abwesenheit feer Mutter erhielt sie vom Vater Klavier- und sonstigen Unterricht, und erst viel später, als sie mit ihrem Bruder Wichelm in England lebte, studierte sie mit ihm Mathematik. Dann vermochte aber auch diese merkwürdig« Frau die mühsamsten Berechnungen zur Auswertung der astronomischen Beobachtungen ihres Bruders auszuführen und Sternkatalogs zusammenzustellen, die selbst einem Astronomen Ehre gemacht hätten. Wenn auch die ganze Familie Herschel durchaus musikalisch war, so lagen doch philosophische, physikalische und mathematische Probleme ihrem Horizont nicht fern. Bald darauf wurde das Regiment fees alten Herschel nach England versetzt, wohin auch seine Familie ihm folgte. Wilhelm blieb nur noch kurze Zeit beim Regiment und versuchte dann sich selbständig zu machen. Es gelang ihm nach schweren Entbehrungen als Organist und Musikdirektor eine ziemlich einträgliche Stellung zu finden. Kaum befreit von der Sorge um das tägliche Leben, ging Wilhelm «daran, seine wissenschaftliche Ausbildung zu vervollständigen. Mathematik, alte, wie moderne Sprachen trieb er mit Feuereifer, Physik und Astronomie bildeten die Hauptquellen der Lernbegierde dieses genialen Mannes und Musikers. Kaum hatte er in einem Laden zu Bath ein kleines, nur dreioiertel Meter langes Fernrohr gefunden, als er dieses auch sogleich zur Himmelsbeobachtung verwandte. Bald genügte ihm das kleine Jtistrument nicht mehr, er wollte eben mehr sehen als die anderen, und, da seine bescheidenen Mittel ihm die Beschaffung eines großen Fernrohres nicht erlaubten, beschloß er, selbst eins zu bauen. Von einem Quäker, der sich früher mit Spiegelschleifen beschäftigt hatte, kaufte er das ganze Werkzeug und seine nicht vollendeten Spiegel. Mit illrermenschlichsm Eifer ging er ans Werk, erfand ein neues Verfahren zum Schleifen gekrümmter Spiegel und begann endlich damit, ein großes, fast sieben Meter langes Spiegelteleskop zu konstruieren. Seine Schwester Caroline half ihm bei dieser Arbeit, die Tag und Nacht fortgesetzt wurde. Damit er beim Schleifen und Drehen nicht müde wurde, las ihm die Schwester Werke wie Don Quichote und Tausend und eine Nacht vor, ja sogar während der Mahlzeiten gönnte sich der aus der Harmonie der Töne zur Harmonie der Sphären übergeheicke Wilhelm keine Ruhe, so daß Caroline ihm die Bissen zur Ernährung in «den Mund stecken mußte. Nachdem das Spiegelteleskop mit rastloser Energie fertiggestellt war, beobachtete Herschel, unterstützt von seiner Schwester, den Sternenhimmel und teilte die Resultate seiner Arbeiten erst in «der na tu rwiss ens chaftli chen Gesellschaft in Bath und dann der Astronomischen Gesellschaft in London mit. Und bald sollten sich Eifer und Geschick dieses seltenen Mannes glänzend belohnen. In der Nacht vom 13. März 1781 untersuchte er einige schwache Sterne in der Konstellation der Zwillinge, als er aus ein Gestirn, das einen scheibenförmigen Anblick zeigte, besonders aufmerksam wurde. Er fand, daß dieses Gestirn sich unter den Fixsternen langsam bewegte, und entdeckte aus diese Weise den vorletzten, damals äußersten Planeten Uranus in unserem Sonnensystem. Durch diese Entdeckung kam Herschel in die Reihe der ersten Astronomen; mit einem Schlage hatte er die damals bekannten, bei Saturn liegenden Grenzen unseres Planetenverdoppelt und einen großen Planeten entdeckt, der in 84 Jahren um die Sonne kreist und eine 16 mal so große Masse wie die Erde besitzt. Uebrigens hatte Herschel bei der Entdeckung des Uranus in der Tat auch insofern Glück, als elf Tage später dieser' Planet stationär gewesen wäre und dann längere Zeit keine Eigenbewegung am Himmel verraten hätte. Bald nach seiner Ernennung znm „Royal Astronomer" verlieh Herschel den Ort Bach und lebte in einem Gartenhause zu Datchet, wo Caroline sparsam und geschickt waltete, fleißig und aufopfernd dem Bruder half, Dort wurde ein Spiegelteleskop von zehn Meter Brennweite konstruiert, an dem Wilhelm Herschel unter Assistenz seiner Schwester wertvolle Beobachtungen anstellte. Im Jahre 1786 siedelte Herschel nach Slough bei Windsor über, wa er feen größten Teil seiner unsterblichen Arbeiten ausführte. Er baut« zunächst mit pekuniärer Unterstützung des Königs ein Spiegelteleskop von 13 Meter Focallänge. Während dieser gewaltigen Arbeit veröffentlichte er 1786 seinen ersten großen Katolog von Nebelflecken, die er in der Zahl von 1000 fast alle selbst entdeckt hatte. Auch Caroline führte in Clough eine Reihe selbständiger astronomischer Entdeckungen aus; sie fand u. a. acht Kometen, von denen fünf ganz neu waren. Trotzdem blieb sie ihr ganzes Leben lang die bescheidene Schülerin ihres großen Bruders, der sich 1788 mit einem liebenswürdigen und reichen Mädchen verheiratete und somit aller materieller Sorgen überhoben war. Nur Caroline, die ihren Bruder bis zur Eifersucht liebte, konnte sich an den neuen Zustand der Dinge nicht gewöhnen. Sie verließ das Haus des Bruders, und behielt nur noch gegen ein mäßiges Gehalt die Stelle einer Assistentin auf seiner Sternwarte, wo sie Tag und Nacht unermüdlich tätig war und in der Arbeit allein Trost fand. In diese Zeit fallen auch ■ zwei ihrer wichtigsten wissenschaftlichen Leistungen, die 1798 von der Londoner königlichen Gesellschaft der Wissenschaften veröffentlicht wurden, nämlich ein Katalog von 800 Sternen und ein Generalverzeichnis zu allen von Flamsteed im britischen Katalog beobachteten Fixsternen. So verflossen Jahrzehnte gemeinsamer Arbeit von Wilhelm uni) Caroline Herschel auf «der Sternwarte zu Slough. Wilhelm wurde mit , Ehrenbezeugungen überhäuft; feie Oxforder Universität verlieh ihm den „Doktor juris", und alle gelehrten Gesellschaften machten ihn zu ihrem Mitgliede. 1816 endlich wurde er Sir William Herschel. Seine Sternwarte war der Wallfahrtsort berühmter Männer und auch unbekannter Neugieriger, feie den großen Astronomen und sein selbstgefertigtes F«rn- j rohr sehen wollten. « Aber auch feie Riesenkräfte eines Wilhelm Herschel begannen allmählich I sich aufzuzehren; als sein Sohn John (geboren 1792) nach Absolvierung « der Universitätsstufeien seine glänzende Laufbahn als Astronom und Mathematiker antrat, begann «feie Gesundheit von Sir William bedenklich s zu wanken, und 1822 starb er im 84. Jahre eines mühe- und arbeitsreichen Lebens. Seine Schwester fühlte sich durch diesen Schicksalsschlag wie ver- « nichtet; 50 Jahre hatte sie, an «feer Seite des genialen Bruders, ihm und - feer Wissenschaft treu und selbstlos gedient., Gleich nach der Beisetzung * verließ Caroline Herschel «den englischen Boden, um «feie letzten Jahre ihres Lebens in der Vaterstadt Hannover zu »erbringen. Allmählich erholte sie sich von dem größten Schmerz ihres Lebens, begann ihre Lebenserinnerungen zu schreiben und trat in schriftliche Beziehungen zu ihrem berühmten Reffen Sir John Herschel, auf den sie nunmehr all ihre Liebe übertrug. Aber auch aus ihrem Altensitz zu Hannover rastete sie nicht, sondern beendete in ihrem 75. Lebensjahre ihr bedeutendstes astronomisches Werk: „Einen Katalog von 2500 Nebelflecken und Stern- । hausen, beobachtet von Wilhelm Herschel." Für dieses große Werk erhien i sie die große goldene Medaille der Londoner Astronomischen Gesellschast j «die sie zugleich zum Ehrenmitgliede ernannte. Noch fast ein Vierteljahr- j hundert lebte Caroline Herschel von allen geachtet und geliebt zu Han- l nover, wo sie die Besuche feer bedeutendsten Naturforscher wie Blumnr- « bach, Humboldt und Gauß empfing. Eine letzte große Lebensfreude wuwc « ihr zuteil, als ihr berühmter Neffe Sir John Herschel nach seiner ruhmreichen Expedition von feer südlichen Halbkugel heimkehrte und sie m Hannover wisfeersah. Im Alter von 98 Jahren starb diese merkwürdige Frau, feie sich in ihren Sarg eine Locke des Bruders und einen alten astronomischen Almanach, den sie beide gemeinschaftlich benutzten, legen ließ. Verantwortlich: Dr. Hans Tchyriot. — Druck und Verlag: Brühk'sche Universitäts-Vuch. und Steindruckerei, V. Lange, Dietzen.