Jahrgang $928 Samstag, den $$. August Kummer 6^ ©ieße«- Fallen. 3uug, Junge, war das eine Sache. Ich höre vor- >en und dann ... meine ich, daß jemand den Hahn einer neben Ihr nislten dir "er spwch legte lind wie du er l über ihr ihre Seele Jen lagen, und ent. i Letztes!' hre feinen die feinen es sie von Kante der ein Licht, sahen, wie •er bewegt ter blauer Dagmar!' . und eine Wiedersehn hatte, sch dein Leh. lagmar ist glicht dar atte, stand ug es den terknochen , der Jäh. leid, die er n; ich had ) niqt der wieder zn t anderen^ Tod nicht !äufen; bi' n Priester Kind! fgerissenen fte heiser nicht Dem, eüe. „Lad' noch ein, ziehen in Tages der ; noch am lück gefällt in miissenr ede ausge> s lag wohl einen ZH mmen; die ihrer 86- iße, Han! r sei durch lesindestud! ürzenmagd orden rind ibe Helse» chtlos, wie a Hos bi' sich habe»! flogen die mit seinem wieder dl» adere jefjn, trenn muß man r Spkachi .. )M Äad^ und eine ! sie nicht ■ rein 6ah»> Sorten M da er f« !en rief n «ÄJne^ans 8anb klettern sahen, regten sich in uns viel •LC1)t^ c"'^ß 1 r nahmen uns beide vor, ihn um möglichst | oerfürter Damals also war Budy Peters schon so ein I beim Sohf rn-?2 'rucr Il.ne™ 0llt gesinnten Englishman den Speck nicht I 2iC K-r-e sind listig, sage ich dir, davon kann sich wachen "Niere Mutter sie geboren hat, keinen Begriff I Peters waf?? ^l5 h'/rher hast du, hoffe ich, verstanden. Also der Budy toinmen mir ne,n schwarzen Dutchmanherzen zu dem Entschluß ge- I entleöiae'n auszuwischen. Er wollte sich einfach, der Konkurrenz I Mußt du miiL,rooU c ber, einzige Dragoman von Kapstadt sein. Damals, I "chtstöckiaen )let noch kleine Verhältnisse, und wo heute die I Wann ^user stehen grasten damals die gezähmteii Wildesel. Jeder- I äusainmen nf.f.-s einei! dressierten Pavian. Budy und ich hatten einen I Subn m b,“s nebenbei. I trägt die npmJL ,an den Kerl heran, macht eine Verbeugung, I einen tieben=mvf,J'aA“)e' ,n der es merkwürdig klappert, und rollt mit I blödes Viel, M "Ä9^" ""d falschesten Augen. Ich stehe dabei wie ein I ^ben eg jn ber Buby ist klug, kann ich dir sagen, diese Dutchman I Jimmy wehrte erschrocken ab. „Budy sagte er wollte dem Mann aus Amerika sagen, daß ich die Gewohnheit hatte, in der Dunkelheit zu einem nahegelegenen Tümpel zu gehen und dort zu saufen und auf meine Beute zu warten Mensch Jtrnmy, du kannst dir nicht denken, wie bestialisch ich mir vorkam. In der Gegend war ein ziemlich dichtes Unterholz, ich sollte mich in meiner Haut hinter den Bu,chen verbergen, hin und wieder brüllen und einen Wps°k von meinem Schwanz sehen lassen. Budy wollte dann dafür sorgen, daß der Mann seine Platzpatrone gegen den Mond abdrückte, um sich zufnedenzustellen und niemandem ein Leid anzutun Du denkst vielleicht, Jimmy, ich Hütte diese ganze Geschichte in der Besoffenheit erfunden, aber davon kann keine Rede ein. Ich schwöre dir be, dem fun zehnten Glas Whisky, das ich jetzt trinken werde daß jedes Wort wahr ist. ' ° 1 Also gesagt, getan. Ich fitze eines Abends in meiner Höhle und warte auf die beiden. Gegen Mitternacht höre ich das verabredete Pfeifen, und sogleich breche ich in ein Brüllen aus, daß die Steine von der Decke meiner Hohle A------ ‘ ~ sichtiges Sprecyi sK L I !D?pnMiU,em5sUnb P Extra hierhergekommen, um Löwen zu schießen" — chm SftLÄ™'!".?’" w»de» ... „i, fr?ffe id), unb der Mund steht mir bis zu den Obren auf I tnp£lTbV,e^-n,^treu'>er3<0 an. „Du verstehst Mick falsch" sagt er wir I ^ '. bn, n Wünschen des Herrn Nimmons aus Ntafsachufett/ entaeaen- Iwen sch-L 'Erso°L?!L°^^Llcho!U°wL7lLk I Ich muß gestehen, daß ich den Budy erst nicht verstand Aber dann hnt e™ d'° Sache haarklein auseinanbergefeötS J faqte er ber Mann welcher Nimmons heißt, so kurzsichtig, daß er keinen Hosenknov von einem Wildesel unterscheiden kann. Zweitens ist er so ziktria daß eine hundertiahrrge Großmutter gegen ihn ein junger Athlet ist Wir werden lb"’ Cln'9? dreißig Kilometer hinter den Tafelberg fahren du wirft dir ein Lowenfell umbinden, das ich mir von Lovely Parker leiben werde dem Kneipenwirt, der dir auch nicht unbekanntlein wird 7 j7 und „Halt," sage ich, „kein Wort weiter ... du bist ein Betrüger du । aäoinek«' V nte Mrde ich mich in eine Löwenhaut setzen, eher ziehe ich imfrfukft hlbei an" J 'e mmmer ... wenn der Mann wirklich schießt *U d)^n , L9crl1 E'"E Zielscheibe für Irrsinnige aus Amerika sein rb'! Ein großer Esel, Billy", beginnt er wieder mit seiner ein- ,®timme- „Willst du Geld verdienen oder nicht» Dieser Mann hat Millionen. Sieh dir, bitte, mal die Stickerei auf seiner Keife- 'st em Kunstwerk. Und dieser Mann schießt schlecht. Er kann iilchtp sehen deshalb hat er die blaue Brille. Aber wenn es dir eine Be- bat'ü!in9ckpm v’ toeEbe eine Platzpatrone in den Lauf schieben. Er hat sein Gewehr in der Tasche, und die Tasche trage ich ..." n,as mE icf) iasfe mich von Budy bereden, dem verrückten 7, '^rlkaner aus Massachusetts einen Löwen vorzumachen. Wir pumpen aab eme Haut von Lovely Parker, dem Kneipenwirt, bei dem wir einen großen Teil unserer Sachen versetzt hatten. Ich probiere die Haut an mie eine tyrau die Schurze. Die Männer wälzen sich vor Lachen auf de!» fBoben M"nu Budy goß inimer Whisky auf, um mir Mut zu machen' schuß^be'komme7 U°U bem 9)iann aus Amerika schon einen größeren Vor- Wir probten die Sache ein paarmal. Wir hatten eine Küble aus« ?'Est Hohle sollte ich mich fetzen und brüllen. Das Brüllen brüllen? f°" a"9C' 6,5 ld) uor mir selbst Angst bekam. Soll ich mal Büchse anzieht. Weißt du, Jimmy, ich bin kein ängstlicher Mensch, aber damals lief mir ein kalter Schauder am Rücken herunter. Gut also, nach einer Stunde, als ich das Gefühl habe, daß der Lowen- jäqer sich wieder entfernt hat, krieche ich aus meiner Höhle, natürlich m das Fell gewickelt und springe wie ein Karnickel von Busch zu Busch. Auf einmal..." „ , . , , „ Billy trocknete sich den Schweiß von der ettrn.. „Auf einmal, was soll ich dir sagen, habe ich einen Schuß im Bein. Ich werfe das Fell fort, lege mich auf den Rücken und wage nicht, einen Laut von mir zu geben. Nichts rührte sich. Am folgenden Tage bringen mich mitleidige Buren auf ihrem Karren nach Kapstadt. f . Dann habe ich den Vudy zehn Jahre nicht gesehen. Nach zehn Jahren habe ich ihn auf der Straße getroffen hier ganz in der Nähe, und habe ibn gefragt, was sich damals begeben hat." „Mensch!" sagte er. „Wer hätte das gedacht, dieser Mann namens Nimmons war ein Kunstschütze aus Oklahama. Er hat zehn erste Preise gewonnen." „Und das Geld?" frage ich. ■ . ,,, „Geld? Mensch, ich war froh, daß mich der Mann nicht totgeschlagen hat. Er wollte mich ins Zuchthaus bringen wegen Betrugs, und ich habe ibn nur mühsam besänftigt." Als Budy das gesagt hatte, druckte er mir die Hand und verschwand schnell um die Ecke. Ich habe ihm lange nach- qefchen. Und nun, siehst du, habe ich ein lahmes Bein. Himniel und Donner, Jimmy, es ist die höchste Zeit, daß wir noch einen Whisky trinken ..." ArbeUsbörfe in Konstantinopel. Von Robert N e u m a n n. Gemeint ist nicht die amtliche Vermittlungsstelle in Pera und nicht die des französischen Konsulats. Gemeint ist nicht der türkische Matrosen, nachweis am Kai der Douane und nicht das Bureau des englischen Seemannsheims. Die große Arbeitsbörse, die wirkliche, die Arbeitsbörse derer, die nicht mehr zu den Behörden gehen wollen, oder die aus dem und diesem Grunde gar nicht zu den Behörden gegangen sind, die große Arbeitsbörse der Außenseiter liegt drunten in Galata, in der Grande Rue, ihr Amtslokal ist über zehn, zwanzig Kneipen, Bars, Anumer- lokale verteilt und ihre Amtsstunden reichen von neun, zehn Uhr abends bis in das Morgengrau. Auf die nächtliche Gasse, mitten in das Gewirr von Matrosen, Hausierern, Dirnen, Hafenarbeitern, Kindern, fällt aus einer Tur grelle Musik. Ein halbhoher Vorhang, zugezogen, wehrt den Blick in den Raum. Aber über ihn hinweg erschaut man unter papiernen Wimpeln, Girlanden, Lampions einen großen schrägen Spiegel und in ihm einen Ausschnitt der Kneipe: junge Mädchen, zwei drei Paare, zucken im Charleston. Ist man eingetreten, erweist sich das Arrangement als Atrappe, bis auf jene tanzenden Mädchen, die weiter planvoll auf dem nach außen gllviegelten Teil des Parketts sich bewegen, und bis auf eine dürftige IFazKand rechts hinten im Winkel, und bis auf einen Kellner und einen kleinen, kränklich aussehenden Mann in abendländischer Kleidung links hinter der Bar ist das Lokal durchaus leer. Ich bin der einzige Gast. Es mag zu früh fein — erst eine halbe Stunde nach Mitternacht. Ich fetze mich an ein Tischchen, eines der Mädchen kommt zu mir, mustert mich, fragt: „E di un bastimento?' und, ohne eine Antwort abzuwarten, auf deutsch (zwischen diesen beiden Polen ihrer Jnternationalität bin ich nun einmal offenbar durch mein Aeutzeres festgelegt): „Sie arbeiten auf einem Schiff?" Da ich verneine, ruft eine andere herüber: „Mais c’est pour trouver de l’ouvrage!“ Und schon sehe ich mich quer durck) den leeren Raum geleitet, an der Jazzband vorüber, nach einer niederen Tür und in ein Hinterzimmer des großen Lokals. Von dem papierenen Festschmuck des Vorderraumes ist hier nichts zu sehen. Sechs, acht nüchterne Vartischchen, vierzig billige Sessel stehen die Wand entlang. Jener Kellner erscheint für einen Augenblick und schiebt mir lässig und ungefragt ein winziges Schälchen mit schwarzem Kaffee hin. An einem Tisch mir schräg gegenüber sitzen drei Manner und spielen Karten. Zwei von ihnen, gekleidet mit einer gewissen derben Sauberkeit, sind unverkennbar deutsche Arbeiter — Eisendreher, wie ich ihrem Sprechen entnehme. Ihr Spielpartner, in schwarzem Anzug, sorg- fäitia gescheitelt, mit ausgeschnittener Weste und weißer Hemdbrust, hat das "Aussehen eines stellenlosen Kellners. Da ich mich setze, wendet er mir ein gelbes Gesicht zu und sagt deutsch, wienerisch: „Suchen Sie einen Saxophonblüser?" Nein, ich werde ihm keine Arbeit geben, ihm nicht und den andern nicht, die hier warten. Der kleine Franzose am Nebentisch weih das auch und winkt ab, mit einer dürren, braunen Raucherhand, auf der ein Ring blitzt. „Je viens de Batoum“, sagt er. „J’y suis de passage.“ Und er warte eigentlich aus eine Passage nach Rouen, Cherbourg. Oder auch nad) Marseille, in Gottes Namen. Inzwischen suche er irgendeine Beschäftigung. „Man will nicht müßig gehen", sagt er. Und: „Sie kennen Paris?" Dann wieder: als Korrespondent, als Buchbalter. Oh, aud) als Handlungsdiener. Es sei ja nur für den Augenblick, sagt er mit einer weltmännischen Handbewegung und bestellt nachlässig einen zweiten Kaffee für sieben Piaster. Aus einem Winkel kommt ein massiger, farbloser Mensch, mit völlig farblosen Haaren, setzt sich zu mir und stellt sich vor. „Ich heiße Leversohn, Leversohn aus Charkow", sagt er in einem kaum mehr verständlichen Jiddisch. Er kommt aus Palästina, aus Tel wiw. „Man hat uns gesagt, wir sollen hinuntergehen. Wir sind hinuntergegangen, viele Menschen. Es war kein Brot, es war keine Arbeit. Es war kein Handel, es war kein Geld. Viele sind gestorben. Viele find nach Rußland zurück. Mit einem Frachtschiff bin ich gekommen nad) Zypern. Mit einem andern Frachtschiff bin ich gekommen nach Smyrna. In Smyrna hab' ich kein Geld gehabt, hab' gearbeitet im Hafen ein halbes Jahr lang. Zu Fuß fein ich von Smyrna gekommen bis Konstantinopel. Hier bin ich. Ohne Arbeit, ohne Geld. Hier find wir hundert und hundert so wie ich. Wir wollen zurück nach Rußland." Er hebt den langen Arm und deutet mit feiner plumpen zitternden Hand nach einem schlanken, straffen, dunkelgekleideten, slawischen Mann mit gestutztem Schnurrbart, der abseits itzt „Auch die er Herr ist aus Rußland", sagt er. Der andere merkt, daß von ihm die Rede ist, hat offenbar nicht verstanden, lächelt verbindlich mit weißen Zähnen, verbeugt sich. , . Inzwischen ist Streit ausgebrochen. Jener Kleine, den ich im vorderen Raume hinter der Bar gesehen hatte und der offenbar der Inhaber des Lokals ist, steht dünn, mager, unscheinbar vor den beiden Metallarbeitern, die sich drohend erhoben haben und auf ihn einreden, Das sei ein Schwindel, erklären sie. Nun seien sie schon drei Nachh hier und kein einziger Arbeitgeber sei noch gekommen. „Man ver' mki ein Geld und hat nichts davon", sagt der ältere. Der Kleine erregt sich, Nachmitmtags, gegen sieben, sei einer gekommen, em Herr, em Ingenieur aus Angora, und habe Arbeiter gesucht. Aber da sei selbstver- tändlich niemand zugegegen gewesen. Ob das etwa seine schuld fei? cknd — er wendet sich an die anderen — die Herrschaften alle könne« bezeugen, daß erst vor vier Tagen jene griechischen Mädchen, die drei, vom Platze weg hier im Lokal engagiert worden seien. Der Franzose bestätigte das mit einem wissenden Lächeln. Für griechische Mädchen ei immer Nachfrage, sagt er. Die andern zucken die Achseln. Anderswe st es nicht aussichtsreicher. Besser, man bleibt schon hier im Lokal. Der Inhaber wendet sich inzwischen nach dem dunklen Winkel neben der Toilette und sagt: „Et vous?" Nun erst bemerke ich, daß dort o« einem Tischchen zwei Frauen sitzen. Die ältere, schwarz gekleidet, füns- undvierziq vielleicht, mit einem gelbbraunen, ungewöhnlich mageren, seh, strengen Gesicht. Aufreckst fitzend, wachen Blicks und bewegungslos. Di« jüngere, offenbar ihre Tochter, weißen Seidenschal um das Haar, hat den Arm auf den Tisch und das rosig junge, ein wenig zu volle Gesicht auf den Arm gelegt. Sie schläft. Sie atmet in langen, unbeschwerten Atemzügen, halb offenen Mundes. Unter dem Anruf ist die Mutter einen Augenblick hochgezuckt. Doch sie antwortet nicht. Sitzt, wachen Blicks. Sitzt und wartet. „Armenierinnen", sagt mir der Franzose ins Ohr. „Fliichl- linae von den Massakers. Sollen Aristokratinnen sein. Aber kann man das wissen? Sie leben allein. Alle Männer sind von den Türken utn= gebracht worden. Siebzehn Männer aus ihrer Familie haben sie massakriert." Der Inhaber hat sich mit einem Achselzucken nach dm vorderen Raume gewandt. Einen Augenblick lang schlagt durch die ze- össneie Tür Gelächter, Kreischen und das Hämmern der Jazzmusik Hier ist inzwischen große Lebendigkeit eingezogen; Matrosen all« Farben und Rationalitäten auf Landurlaub, ein paar kleine Handlung-- gehilfen in allzu abendländischer Kleidung, dann dienstfreies stotet- personal aus Pera, das sich eine gute Nacht machen will. Man tanzt. Die Dunkelhaarige, die mich empfangen hat, setzt sich zu mir. „Atrovato?* fragt sie und bestellt einen Kognak. Ob sie Italienerin sei? „No, Spaniol. Da ich weiterfrage: Spanierin aus Barcelona. Als Kind herubsrM- kommen, dann, nach dem Tod der Eltern, und obwohl doch die reichst! Tante in Barcelona ... Warum wohl alle Mädchen an allen Orten 6er Erde die gleiche Geschichte erzählen? Erst später fällt mir cm, daß st offenbar Spaniolin ist, spaniolische Jüdin aus Konstantinopel, und dch nur meine ungeschickte Frage sie die Geschichte von Barcelona erzähle» ließ. Die anderen Mädchen sind durchweg Griechinnen, meist aus AM fröhliche schwarzhaargie, plumpe Geschöpfe ohne jedes klassische Gben- maß. Eine — aber die ist zugleich auch Trommlerin bet der JgWiM — stammt aus Odessa. Oh, sie haben Arbeit gefunden, sie trinken Kognak sie warten nicht in den Hinterzimmern. Der Inhaber setzt sich zu mir, noch immer erregt über jenes A- Ömit den Eisendrehern. Er lagt: „Warum kommen die Leute nad; antinopel? Warum gehen sie nicht nad) Haufe? — Well man st an der Grenze sestnehmen würde! Glauben Sie dock) nicht, wo- st fugen. Alle haben sie etwas ausgefressen. Leichtsinn und Leichtsinn. 3a - feben Sie! Sehen Sie!" In einem wirbelnden Zweifchritt, schlanke M zerin um die Taille gefaßt, dreht fid) jener Straffe Verbindliche E dem Hinterzimmer vorüber. Er lächelt weißzahmg unter dein 1“)®^ Schnurrbart, tanzt tanzt. „Da sehen Sie!" sagt der Lokalinhaber. ,,U» rufst eher Offizier, vor den Bolschewisten geflohen. Sie können ihn eM gieren als Dolmetsch. Sie können ihn engagieren als Kammerdiena- 11 nb wahrscheinlich aud) für Schlimmeres. Das nimmt jede Arbeit, hat kein Hemd am Leibe. Aber das tanzt." Der Rufst merkt daß ° ihm die Rede ist. Im Tanze bückt er sich verbindlich, lächelt h-nM« Die Jazzmusik dröhnt, man lacht, ruft, redet, Zigarettenrauch W in der Luft. .... . , Die Tür tut sich auf und aus dem Hinterzimmer kommt.die■ ätw Hierin mit ihrer Tochter. Die beiden gehen Arm in Arm sehr lang!« den Blick geradeaus gerichtet, durch die Menge und treten aus Gasse hinaus. Rundsunksensationen. Von Frank Warschauer. Telepathie im Rundfunk. v Eigentlich hat ja der ganze Rundfunk etwas Magisches; nicht magisch, wenn ich plötzlich in meiner Stube emen Hern London ober Wien sprechen höre, ober, wenn, wie es kurzmy mn plötzlich Stimmen aus Reuyork da sinb? Also ist es gar nid) !’i । liegenb, baß man aud) einmal ben Versuch gemacht Hot, > Feststellungen zu machen, bic gleichsam bie wisienschiistliche ö treffen. Freilich in ber Wissenschaft hat das natürlich andere .a im Mittelalter, man sagt jetzt Telepathie unb $) eil t en® gemerkt: nicht Fernsehen, denn das fällt bereits in die Ka S technischen Möglichkeiten. . , Mr( Schon vor einiger Zeit ist in Englanb ein Versuch dieser K worben. Es handelte sich barum, festzustellen, ob babci ni jji, Uebertragung klanglicher Wesensäußerungen des Mensche" » sondern auch die von Gedanken und Vorstellungen, die miy ~ oder Bilder gebunden sind. Denn dies versteht man ja unt „ das Vermögen, Gedanken anderer Menschen.kennenzulernen, Situationen, in denen sie sich befinden und ähnliches, oyn den betreffenden Personen irgend eine physikalisch nachweisbare Verbindung durch Sprache oder andere Mitteilungsmittel besteht. Der telepathisch Begabte weiß in gewissen Augenblicken, was um bestimmte Personen in diesem Moment vorgeht; so wird es wenigstens von den Gläubigen dieses Gebietes behauptet. Wenn eine Person sich scharf eine bestimmte Zeichnung vorstellt mit der Absicht, sie einer telepathisch veranlagten zweiten geistig zu übermitteln, so soll dies möglich sein, auch wenn einige Kilometer Weges samt Häusern und Wäldern zwischen ihnen liegen. Und da man im Rundfunk nun eine so schöne Gelegenheit hat, mit einem großen Kreis von Menschen in Verbindung zu treten, so ist es in der Tat naheliegend, einmal zu versuchen, ob hier tatsächlich etwas derartiges möglich ist. Im Ausnahmeraum befindet sich ein Experimentator, der sich bestimmte Worte, Zahlen, Farben, Namen intensiv vorstellt; wohlgemerkt: im eisigen Schweigen; und nun soll festgcstellt werden, ob von den zahlreichen Zuhörern einer etwas merkt, und zwar das Richtige ... In England verlief das Experiment ziemlich positiv. Eine ganze Anzahl von Personen fanden die richtige Lösung. Die Anhänger der Tele- pachie jubelten. Aber einige böse Leute behaupteten, daß es selbst bei dieser Methodik nicht mit rechten Dingen zugegangen fein sollte; die richtigen Eindrücke mancher Hörer seien reine Zufallssache .. . Und das veranlaßte nun den Grafen Arco und den Dr. Herzberg in Berlin zu einem Versuch, der noch.weit schlauer angelegt war, als der englische. Um nämlich herauszubekommen, welche Rolle der Zufall hierbei spipelt, wurden zwei Gruppen von Experimenten vorge- nommen: und in der einen wurden die Hörer sozusagen auf schnöde Weise betrogen. Man redete ihnen nämlich ein, daß die vor dem Mikrophon sitzenden Experimentatoren in diesem Augenblick an Namen, Weben, Zahlen dächten — in Wirklichkeit aber saßen diese ruhig vor einem Sessel und lasen die Zeitung. So ging es allen Zuhörern, die zu dein Expriment aufgerufen waren: denen, deren Name mit dem Buchstaben A bis K beginnt. Dann kam die zweite Gruppe an die Reihe: di« Leute von L bis Z, und diesmal dachten sich die beiden Herren wirklich etwas. Den Hörern wurde aufgegeben, in beiden Fällen mitzuteilen, was ihnen an Zahlen, Namen, Farben während dieser Zeit in den Sinn gekommen sei. Vieriausendfünfhundert Hörer antworteten auch. Eifrig wurden ihre Mitteilungen geprüft. Und siehe da — es stellte sich heraus, daß bei den betrogenen Leuten von A bis K etwa ebensoviel richtige Lösungen waren, wie bei den wirklich in das Experiment Einbegrisfenen von L bis Z... Hieraus die scharfsinnigen Experimentatoren schlossen, daß es mit der Telepathie im Rundfunk, mit dem Fern fühlen, leider doch nichts sei. Man muß sich schon vorläufig mit dem Fern hören begnügen. Die Todesstrahlen. Von dieser unerfreulichen Erfindung war vor einiger Zeit ziemlich viel die Rede. Ein Ingenieur wollte eine Sorte Strahlen entdeckt haben, die geeignet seien, sämtliche Lebewesen in einiger Entfernung umzubringen. Bei näherem Zusehen, erwiesen sich allerdings Nachrichten über diese menschenfreundliche Erfindung als unrichtig. Leider — das muß man schon sagen — stellt sich aber jetzt heraus, daß die Technik auch in dieser Hinsicht weiter fortschreitet. Das Problem ist nämlich identisch mit zwei anderen, an denen intensiv gearbeitet wird: dem der Konzentration von Radiowellen in eine bestimmte Richtung und zweitens, unmittelbar damit zusammenhängend, dem der elektrischen Kraftübertragung. Bekanntlich strahlen die Radiowellen gleichmäßig nach allen Seiten aus, wodurch nur ein minimaler Bruchteil der am Sender verwandten Energie zu dem Empfänger gelangt. Da sich aber, wie Heinrich Hertz zeigte, diese Wellen in jeder Hinsicht so verhalten wie die Lichtstrahlen, so muh es möglich fein, etwas Aehnliches mit ihnen vorzunehmen, wie es bei der Konzentration von Licht noch einer bestimmten Richtung etwa durch einen Parabolspiegel geschieht. Dazu aber ist nötig, daß ein Spiegel vorhanden ist, dessen Größe zum mindesten gleich der einer Wellenlänge ist. Somit bei Welle Königswusterhausen 1250 Meter. Einen solchen Spiegel kann es natürlich nicht geben. Wohl kann die obige Bedingung erfüllt sein, wenn man mit ganz kurzen Wellen unter 50 Meter arbeitet, und das tut in der Tat auch M a r e o n i, der ja ein System dieser Art für die Nachrichtenübermittlung erfolgreich entwickelt hat. Wenn cs nun möglich wäre, in einem solchen Strahl starke Energiewengen auszukenden, so hätte dies die Folge, daß überall dort, wo ein solcher Strahl die Luft durchschneiden würde, diese ionisiert, d. h. elektrisch äußerst leitfähig gemacht würde, im Gegensatz von ihrem sonstigen Zustand. Sie Müßte dann einen brauchbaren Leiter für Elektrizität ergeben wsd könnte nun dabei dieselbe Funktion übernehmen, wie die bünnen Kupferdrähte der Hochspannungsfernleitungen. Wenn man zwei solche Strahlen parallel nebeneinander leiten würde, so könnte man sie mit den beiden Polen eines Hochspannnungstranssormators verbinden und auf viefe Weife die Strecke als Hochspannungsleitung benutzen. Um dies zu verwirklichen, ist, wie kürzlich ein hervorragender amerikanischer Ingenieur k e.lncr Fachzeitschrift ausführte, eigentlich nichts notwendig, als die Konstruktion von Apparaten und Röhren, die Wellen von etwa zehn vientmieter Länge mit großer Energie hervorbringen. Das ist zwar heute "icht möglich, wird es aber in kurzer Zeit bestimmt fein. . Em auf biefe Weife fortgeleiteter Hochspannungsstrom könnte in Entfernung erstens so verwandt werden, wie jeder andere, «Much als Kraftquelle. Wer aber eine solche unsichtbare Luftleitung ri« & ’ ^iUde, der müßte denselben Effekt verspüren, wie wenn er an wu.'LHochspannungsleitung aus Metall geraten märe: das heißt, er ’Tas Isfort tot sein. Hier hätte man also tatsächlich die berüchigten ^vbesstrahlcn vor sich ... Soli auIlO ober bleiben sie, wenn wahricheinlich auch nur für kurze M der Menschheit noch erspart. Abschied. Von Hermann Hesse. Drunten pfeift ein Zug durchs grüne Land — Morgen, morgen fahr' auch ich davon! Letzte Blumen pflückt verirrt die Hand, Und sie welken, eh ich fort bin, schon. Abschiednehmen ist ein bittres Kraut, Wächst an jedem Fleck, den ich geliebt; Keine Stätte, die ich mir gebaut, Heimat wird und Heimatfrieden gibt. In mir selber muß die Heimat fein, Jede andre welkt so schnell hinab, Jede ließ mich gar so bald allein, Der ich alle meine Liebe gab. Tief im Wesen trag' ich einen Keim, Der wird stille größer Tag für Tag: Wenn er reif ist, bin ich ganz daheim, Und cs ruht der ewige Pendelschlag. Ein Fest aus Haderslevhuus. Novelle von Theodor Stör m. (Schluß.) „So spat?" Rolf Lembeck war es, als habe er unsichtbar einen Schlag erhalten. „Laß ihn hierher kommen!" Es ritt dann einet in den Hof, und als er näher kam, erkannte der Ritter bei dem Mondlicht, das über den Seitenbau hereinschien, daß er bunt und lustig gekleidet war: von der Achsel hing ihm ein lichtrot Seidengeschnür, auch solche Feder von der Haubenkappe. Als er aber schwerfällig von seinem weißen Pferd gestiegen und, das Tier dem Knechte übergebend, mit entblößtem Haupte vor den Ritter getreten mar, sah dieser, daß es ein alter Mann sei, dessen weißer Knebelbart über einem zahnlosen Munde hing. Der verneigte sich und begann eine lange, kaum verständliche Ansprache; doch der Ritter fiel ihm in die Rede: „Ich habe keine Lust am Ueberfüiffigen; mach es dir bequem, fag’s kurz, was dein Herr von mir begehrt! Mir klang's, als jollt'st du mich gar zur Hochzeit laben?" „Ihr habet recht gehört, Herr Ritter," sprach der Bote; „ich aber dank Euch für den Richtsteig." „Zur Hochzeit?" frug Rolf Lembeck sinnend. „Man pflegt sonst solche Ladung am hellen Morgen zu bestellen!" „Verzeihet, Herr! Ich bin nur der älteste der Knechte und bin geritten wie der Herr mich ausgesandt." „So sprich denn, wessen Hochzeit gilt es? Will Euer Herr der Witwenschaft Valet geben?" Da schien der Bote sich mühsam aufzuraffen, und erst nach einer Weile sprach er: „Die Jungfrau Dagmar, des Herrn letztes Kind ist cs, zu deren Festtag ich Euere Gegenwart erbitten soll." Der Ritter schwieg, in seinem Hirn erstickte er den Schrei: „Du lügst!" Nur fein Antlitz wurde braun und wieder blaß; aber der Bote sah es nicht, beim der Ritter saß im tiefen Lindenschatten. Mit trockener Stimme sprach er endlich: „So sag mir, wie heißt der Mann, dem solch Glück gefallen ist?" „Herr," erwiderte der Alic, „ein schneller Freier ist es gewesen! Ich sah ihn nicht und ward sein Name mir nicht genannt; doch soll er weit in der Welt bekannt fein. Es fehlt an ritterbürt’gen Zeugen: drum wollet der Jungfrau die erbetene Ehre antun! Wenn Ihr mit Mondesaufgang kommet, wird es recht fein!" Wieder schwieg der Ritter, und der Bote stand harrend vor ihm. Einzelne Knechte'mit trüben Hornleuchten gingen über den Hof, und wenn im Flügel die Tür nach der Gesindestube aufging, flog ein Lichtschein durch die Mauerschatten; im Brunnen fielen die Tropfen von dem Eimer tönend in die Tiefe. Da kam ein junger Schritt vorüber. „Gehrt, bist du es?" rief der Ritter. „Ich bin es, Herr!" „So nimm den Boten mit dir und laß ihm guten Trunk gebens" „Und was für Kunde," frug dieser, „bring ich meinem Herrn?" „Geh nur, wo Jungfrau Dagmar hochzeitet, darf ich nicht fehlen!" Sie gingen, und der Ritter faß wieder auf der Lindenbank. Vergebens bohrte sein Verstand an diesen Rätseln; aber in seinem Innern kochte es vor Weh und Grimm. * Am nächsten Tage, da schon die Abendschatten fielen, stand in einem Burgaemache Gaspard der Rabe vor feinem Herrn; die Augen des klugen Gesichtleins blickten fast ermüdet. „Du siehst übet aus; was ist dir?" fprach der Ritter, der mit aufgestütztem Arm am Tische saß. „Herr, für uns ist üble Zeit", erwiderte der Schreiber und sah dem andern in die verwachten hohlen Augen. „Wenn Jhr's erlaubt, Ihr gleichet selber kaum einem Hochzeitsgast!" Ein schweres Atmen war die einzige Antwort. „Herr!" rief Gaspard plötzlich, „geht nicht, wohin man Euch geladen hat!" Wie abwesend sah ihn der Ritter an: „Meinst du? Weshalb nicht, Gaspard?" „Verzeihet, wenn ich von Eueren letzten Tagen mehr weih, als Ihr denket" — und Gaspard ließ den Kopf auf die Seite sinken — „Ihr seid doch unschuldig in Euerem Herzen! Herr, traut nicht den Dänen!" „Du weißt, mich hat keine Däne geloben!" „Er ist des Königs Mann." Tonlos erwiderte der Ritter: „So sprich, wenn du Unholdes von ihm wahrgenommen hast!" „Herr!" sprach Gaspard und legte die Hand auf feine schmale Brust; „soweit unsere Herrin nicht meinen Dienst begehret, der er vorab ge- höret, sind Kopf und Hund die Eueren! Ich bin noch in der Nacht dem Bote» nachgegangen und habe bis zum Morgenrot die Burg umschlichen, dann noch von Vormittag bis Mittag: es ist, als sei sie zugemauert; kein Tor, kein Schlupfpförtlein hat sich aufgetan; ich hab nichts wahrgs- nommen. Doch — was soll Euch die Hochzeit? — Der Schloßhauptmann wird einen dänischen Junker sich geholet haben und mit dem das arme Kind zusammenschmieden lassen. Euch aber wird man aus den Hochzeitsbechern Hohn und Weh zu trinken geben! Wer weih, -Ihr trinkst wohl den Tod daraus! Bleibt, geht nicht, lieber Herr!" Er wollte ihm zu Füßen fallen; aber Rolf ergriff ihn bei den Schultern und sah mit blitzenden Augen in die seinen: „Da du es ehrlich meinst, so hör mich, Gaspard!" Er schrie es, daß es in dem weiten Raume von den Wänden^ hallte: „Und wenn auch in den Tod, ich muß! Dies Kind hat mir die Seele ausgetrunken!" „Ruf mir de» Junker!" fuhr er nach einer Weile fort. „Er soll mein schwarzes Gewand bringen; das ziemt mir bei dieser Hochzeit! Und auch — mein allcrschürfstes Schwert! — Ihr beide, wenn's euch gelüstet, dürft mich begleiten!" Um ein paar Stunden später ritten sie dahin, und schon trabten die Pferde in dem Sandweg und im Schutze des dunklen Waldes. Ein leichter Wind hatte sich aufgemacht, und Wolken zogen über den Mond; über ihnen rauschte es in de» Wipfeln. Rolf Lembeck, der voranritt, hatte auf dem Weg kein Wort verloren; als sie der Burg sich nahten, drückte er die linke Faust auf seine Brust, als müsse er dem Blute wehren, sie zu sprenge». Auch Gaspard hatte genug an Sorg' und Neubegier und ließ die Zunge ruhen; nur Junker Gehrt stieß mitunter seiner Stute die Sporen in dei Weichen, daß sie wild emporstieg; er mußte seinem inner» Jauchzen Luft geben, denn er dachte an den Reigentanz mit hold geschmückten Jungfrüulei», dem er entgegenreite. „Gaspard!" rief er; „mir ist — hört Ihr die Flöten und Geigen von der Burg herunter?" > Doch Gaspar lachte verdrossen: „Euch Junge» ist leicht gepfiffen; ich hör die Wetterfahnen auf den kleinen Türmchen kreischen." „Ei was! Ihr habt doch feine Ohren!" Aber er blieb ohne Antwort. Sie wandten die Pferde in den finsteren Baumgang und trabten den Anberg zu der Burg hinauf. Ein heller Schein drang durch zwei offene Tore und über der Ringmauer ihnen entgegen. „Joseph und heilige Jungfrau!" rief der Junker; „da brennt das Wachs von einem ganzen Sommer!" „Ja, Junker," sagte Gaspard, „Euere Jugend wird nicht verborge» bleiben." So ritten sie über die Brücke durch die Torfahrt in de» Innern Hof, wo der gewaltige Bau vor ihnen aufstieg; aus seinen vielen kleinen Fensterhohlen schoß eine Flut von Ker,zenstrahlen auf sie zu; nur links am Flügel ragte der stumpfe Turm lichtlos in die Sternennacht. Ihren geblendeten Augen war der Hof bis an die Mauern voll von Menschen; aber ein hochzeitliches Treibe» schien es nicht; es war, als ob sie nur die Köpfe wandte» und leise zueinander raunten. Als die Reiter von ihren Rossen gesprungen und Diener vorgetreten waren, die ihnen die Tiere fortführten, stand ein großer Mann mit todblassem Antlitz unter grauem Haupthaar vor dem Ritter; zwei Diener mit Windlichtern, deren Flammen im Nachtwind wehten, waren ihm zur Seite. Da die Herren sich im Fackelscheine sahen, stutzten sie einen Augenblick, ein jeder über des andern schwarze Tracht; dann sprach der graue Mann: „Nehmt Dank, Herr Ritter, von mir und für mein Kind! Ihr durftet hier heut nicht fehlen!" „So dacht ich auch", erwiderte der andere beklommen. „Doch wollet mich nun führen, Herr Schloßhauptmann, auf daß ich Wunsch und Ehrerbietung der Braut zu Füßen lege!" Der alte Ritter, der seinen Gust mit starrem Aug gemustert hatte, neigte das Haupt und faßte dessen Hand; die Diener mit den Lichtern schritten ihnen voran, durch die schweigenden Menschen dem Treppenturm im Hochbau zu. Als sie hineintraten, blickte Gaspard, der mit dem Junker folgte, durch eine offene Tür, die seitwärts in die untere Halle ging; es brannten viele Kerzen dort, sonst war es leer; nur mitten auf den Fliesen schlief ein großer Hund. Aber der Hausherr führte sie die Wendelstiege zum oberen Stock hinan. Da sprach Rolf Lembeck im Emporsteige»: „Der Hof ist voll Menschen, Herr; was ist es so totenstille hier?" Der Schloßhauptmann aber warf das Haupt zurück: „Mein Kind hat viel Leid gelitten," sprach er; „es bedarf der Ruhe." Sie waren in eine große Halle eingetreten, an deren einer Seite sich viele Tiirön, im Grunde ein geschlossenes Doppeltor befand; vor diesem war ein niedriger Aufbau, mit weißem Sammettuch behangen; ein beiden Seiten der Halle standen Männer und Frauen, alle in feierlicher Ruhe und in schwarzen Gewändern; nur an dem Doppeltor stand ein Priester in weißem Meßkleid. Dem jungen Ritter, da er sich umsah, ward der Atem schwer. „Herr Schloßhauptmann," sprach er wieder, „wollet mir sagen: ich sah noch nimmer eine Hochzeit mit so dunkeln Gästen!" Der aber erwiderte: „Seit drei Tagen hat mein Kind sich Schwarz zur Leibfarb« angenommen; es ist wohl seltsam, doch es ist mein letztes — so muh ich ihr den Wille» tun. Geduldet Euch, die Braut wird bald erscheinen!" Rolf Lembeck schwieg, und unter all den Menschen war es wieder lautlos still. Da nahte sich ein Rauschen hinter den geschlossene». Toren, ein Zug von langsamen Schritten wurde hörbar, und indem die Tore sich öffneten, scholl, von jungen Frauenstimmen gesungen, ein De profundis wie von den Sternen nieder. Ein Schauer schlug Rolf Lembeck durch die Glieder: aber schon hatte der Zug der Jungfrauen die Schwelle überschritten. Er streckte sich und hob den Kopf; fo stand er wie erstarrt, und nur sein Auge wurde wie das eines Raubvogels. Er sah die singenden Jungfrauen eine Totenlade von den Schultern heben und sie auf die Sammetbühne niederlassen; er sah in weißen Sterbegwändern ein Weib — nein, nicht ein Weib; ’nus weißen Binden sah ein totes Kinderantlitz — da ließ der Bann von ihm- ein furchtbarer Schrei scholl durch die Halle. Der Gesang riß ab, und mit erhobenen 'Armen brach Rolf Lembeck durch die Menschen; er stürzte sich über de» Sarg und preßte seine Lippen auf tote Antlitz seiner Liebe: „O Dagmar, das ist unsere Hochzeit!" Da ging ein Rausche» durch die Menge, die Schwerter flogen aus den Scheiden, und Schrei und Rufe schollen durcheinander: „Wer ift’s? Der Lembeck? Packt den Tollen, den Leichenschünder! Schlagt ihn nieder!" Der Priester ober streckte die Hände nach dem Kühne» und schrie: „Anathema!" Nur der jungen Sängerinnen eine, die der Blick auf seinem blauen Äug' gestreift hatte, sank in die Knie und betete: „O Gott der Liebe, erbarm dich ihrer beider!" Rolf Lembeck regte sich nicht, sein scharfes Schwert hing ruhig in der Scheide. Plötzlich drang ihm die Stimme Gaspards in das Ohr: „Flieht! Flieht, Herr! Der Junker und ich versperren hier den Weg!" Er riß das Haupt empor; er sah die Schwerter glitzern, und wie Gespenster drangen die schwarzen Gestalten auf ihn ein; schon fiel Gaspard neben ihm zu Boden; da fuhr es wie düsterer Wetterschein ihm durch das Hirn: noch eines Atemzuges Dauer, dann hob er mit jähem Griff die tote Liebste aus ihrer Lade und entfloh. Durch den tobenden Lärm, der sich erhob, klang die mächtige Stimme des Schloßhauptmanns: „Zurück! — mein Kind — mein Fest — und auch der Verfluchte!" Aber Rolf Lembeck war nicht mehr in der Halle. Die Tote an sich pressend, die Auge» wie im Wahnsinn auf das süße, starre Antlitz heftend, war er durch den dahinter liegenden Saal geflohen; die Tür gegenüber warf er eben zu. Der Saal war teer: die Kerzen flammten; Rolf aber floh, er wußte nicht wohin; nur irgendwo allein, in Sicherheit mit ihr! Nur eine, noch eine stille letzte Stunde mit der Toten! Ob jemand folge, daran dachte er nicht; er kam durch eine Tür in kleine düstere Gemächer, wo nur ein Mondstreif auf das stille Antlitz fiel; eine Treppe tiefer öffnete er eine große Tür, da schlug der Kerzenglanz aus einer weiten Halle ihm entgegen; von der Mitte des Fußbodens erhob sich ein gewaltiger Hund und rannte mit heiserem Knurren auf ihn zu. Rolf schloß die Tote fester an sich und hatte schon die Hand am Schwert, da sprang das große Tier mit zärtlichem Winseln an ihm auf. „Heudan, du bist es ,Heudan!" rief er und stand einen Augenblick und legte die Hand liebkosend auf den Kopf des Tieres. Aber drüben von der Turmtreppe aus trat die furchtbare Gestalt des Schloßhauptmanns ihm entgegen; ein Wutgefchrei flog zu ihm hinüber, da floh er durch dieselbe Tür zurück und warf sie hinter sich ins Schloß. Noch einen finsteren Raum, dann stieß sein Fuß an eine Treppenstiege; er klamm hinauf, da kam es hinter ihm — nein, es war nur der Hund. Die Treppe wand sich höher, nur hier und da ein Mauerloch, durch das die Nachtluft zog, bann ihm zu Haupte» eine offene Luke. Er stieg hindurch und warf sie zu. Es war die Platte des stumpfen Turmes, die er erklommen hatte; vom Hofe drunten kam kein Laut herauf, es schien dort alles leer geworden. Sanft rauschte der Lindenwipfel aus der Tiefe, denn der Abendwind war fast entschlafen; über ihm flammte der Himmel in feinen Millionen Sternen, und von Süden schimmerte die Bucht des Kleinen Beltes; über die Wasser hatte der Mondschein eine Brücke von Licht geworfen. Rolf lag auf beiden Knie», die Liebste in feinem Schoß. „Weg mit den Totenbinde»!" sprach er leise und löste die breiten weißen Bänder, die das zarte Haupt umschlossen hielten; wie traurige Freude flog es durch feine Augen, als jetzt das schwarze Seidenhaar' hervorquoll: „Jo, du bist es, süße, heilige Dagmar!" Da schollen Schritte von der Wendelstiege her; rasch und zornig kamen sie heraus. Er sprang empor; er lief zur Brüstung und hielt die Tote auf beide» Armen in den weiten Himmelsraum hinaus: da war noch Platz für sie und ihn; auf Erden nicht mehr! !— Plötzlich wandte er den Kopf, die Falltür war aufgeschlagen, und mit halbem Leibe ragte dik Gestalt des Schloßhauptmannes daraus hervor. 'Aber er flieg nicht weiter; mit entsetzten Augen streckte er die Arme auf und rief in bitterem Flehen: „Rolf! Rolf Lembeck, gib mir mein Kind! Was gilt dir noch der tote Leib?" Der aber wandte seine Augen wieder zu dem bleichen Antlitz: Dagmar!" rief er; „Süße, Selige! Breit' deine Flügel nun und nimm mich mit dir!" Er schlang die Arme fest um ihre» Leib: da war mit einem Satz der greise Mann ihm in dem Rücken; er stürzte vor und griff nach ihm, doch feine Faust fuhr in das Leere. Ihr war, als flog ein Schatten ihm vorüber; er sah jenseits der Brüstung, wie in der Sternennacht, die Sterbekleider seines Kindes wehen; dann nichts mehr, nur von unten auf der Nachhall eines schweren Falles. Der Abendhauch fuhr über die leere Turmdecke; der Hund stand mit den Bordertatzsn auf de» Zinnen und sah winselnd in die Tiefe. Da war sei» Zorn als wie ein Rauch verflogen; er fiel auf yw? Knie und faltete die Hände: „Herrgott, so nimm sie beide gnädig m dein Reich!" Und über ihm flimmerten hie Nachtgestirne in ihrer stummen, unerschütterlichen Ruhe. So endete» zwei schöne Menschenblüte», und so endet diese Märe; es war, wie es in unserem alten Liede heißt: „Daß Liebe stets nur Leiden am letzten Ende gibt." „Und die andern?" fragt ihr, „was ward aus denen?" , — Die andern? — Ich habe von ihnen weiter nichts erkunde können; es gab ja Klöster derzeit, in die hinein sich ein beraubtes, »w ein verpfuschtes Leben flüchten konnte! Was liegt daran? Die Geraum, die ihre Schritte machten, find feit Jahrhunderten verhallt und wero nimmernrehr gehört werden. ■_ Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Aniverfitäts-Buch. und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.