GietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (928 Montag, den |0. Dezember Kummer 98 Alter Matrose. > Von Edmund F i n ke. Woher ich bin? — Mich trug das blaue Meer Bon tausend fernen Horizonten her, die Brandung bin ich. wo an buntem Strand ich lebe m i ch. bin selbst mein Vaterland, der Möwe Flug, der wilden Wellen Schaum, der Sehnsucht tiefster, letzter, fernster Traum. Woher ich bin? Das Wehn des Südwinds frag, Die blasse Wolke hoch im trüben Tag, der Palmen leises Rauschen im Passat ... o glücklich der, der keine Heimat hat und weiß nicht Grenze, Stein noch Tor und Herb, warum er lebt, warum er führt ... Ach, um den gelben Mond im Urwaldbaum, indigoblaue Nacht um seinen Saum, stürmische See, Lagune im Atoll, ein Menschenleben süß und unruhvoll, vier Asse schwer in einem Pokerblatt, ein Spiel, das niemand je verloren hat. Ein Mann und doch an allen Fernen krank« lockt mich der Schiffe Holz, der Schenke Stank und unbekannter Inseln schlanke Frau'n, die Lippen heiß, i rs Antlitz sanft und braun; doch trug mein Herz nach keiner noch Begehr, nur nach dem Abschied und der Wiederkehr, Woher ich bin? Vom Rand der Kimmung her trug mich die Ferne über jedes Meer, ich bin die Brandung um den engen Raum, tropischer Sehnsucht zettenlofer Traum, der Palme leises Rauschen im Passat, ihr Lied: Wohl dem, der keine Heimat hat ... Die Räuber. Eine Geschichte vom Baitau. Von Robert R e u m a n n. Wir waren damals alle vier ohne Essen — Stjepan, Bogumil, der Mohammedaner und ich. Es war fünf Tage her, sell wir aus der Kaserne davongelaufen waren, denn „lieber krepieren als für den Fremden die Flinte tragen", sagt schon das Lied. Wir zogen über die leeren Karst- kämme, und dem Mohammedaner mußte Bogumil seine anderen Schuhe geben, denn er hatte wunde Füße bekommen. Oberhalb von Ragusa, am alten Berg, sagt Stjepan: „Brüder, fressen müssen wir, und betteln können wir nicht dort drunten, sonst wirft uns der Kaiser ins Gefängnis. Wir müssen einen suchen, der Geld in der Tasche hat und den Müssen wir dann erschlagen". „Nein", sagt der Mohammedaner, den» er fürchtet sich, und er meinte, daß es fürs erste genug sei, wenn wir aus einem der Gutshöfe Brot und Käse stehlen. „Wenn ihr einen erschlagt und der Kaiser fängt euch, dann wirst er euch nicht ins Ge- fängnis, sondern er hängt euch an einen Strick." Da hörten wir auf ihn und versuchten zu stehlen. Aber in der Gegend haben sie scharfe Hunde, und obgleich Stjepan einen von ihnen mit der Pistole erschoß, war es doch vergebliche Mühe. Tagsüber lagen wir droben hinter der Mauer des alten Forts und schliefen, aber am Abend stiegen wir wieder hinunter zur Küste — auf der anderen Seite, wo die Insel Lacroma ist. „Was ist das?" sagt Bogumil, der die Gegend von früherher kannte. Hatten sie da im letzten Jahr taufend Meter außer der Stadtmauer an der Straße gegen Trebinje zwei von jenen großen Wirtshäusern für die Fremden gebaut. .Hotels ersten Ranges", sagte der Mohammedaner. Wir gingen hin — es war Nacht — und als wir zu dem zweiten Haufe kamen, sahen wir, daß es ein kleineres Haus vor sich hatte wie eine Kuh ihr Kalb. Das war hinausgebaut auf den Felsen über der Küste, und man konnte sehen, daß es aus einem großen Saale bestand, in dem Lichter brannten und hinter den gelben Vorhängen die Schatten von Menschen sich drehten. Der Mohammedaner stieg mit Bogumil über das seitliche Gitter des Gartens und schlich unter Palmen an eines der Fenster. Dann ging er weiter nach hinten, und nach zwei Minuten kam er aus der anderen Seite zurück. „Es ist ein Kasino", sagte er. ,Lm vorderen Saal wird getanzt. Kommt nach hinten." Wir gingen mit ihm. Da war auf der Seite gegen das Meer zu ein kleinerer Saal. Das Fenster stand offen. Es waren aber nur wenig Menschen dort. An einem langen grünen Tisch faß einer mit einem schwarzen Anzug, der hatte schönes, ausgezogenes Haar auf der Lippe und einen Bart vor dem Sinn, der sah aus wie eine kleine schwarze Zwiede! mit einem Schwanz. Ein alter daneben und zwei anoere Männer, die nicht schöner anzusehen waren als irgendwelche Kaufleute aus Sibenik oder Spllt, schauten stumm vor sich auf den Tisch. Ganz unten aber, am anderen Ende der Tafel, saß ein kleiner, straffer Mann ohne Bart und neben ihm eine Frau, die war so schön wie eine Heil.ge und hatte nackte Arme und Schultern, und ein Kleid um den Leib, das leuchtete und glitzerte bei jeder Bewegung. Das w.chtigste aber war, daß Geld auf dem Tisch lag. Bor jedem lag ein ganzer Haufen, und sie gaben einander davon und nahmen einander, aber ohne Streit und mit ruhigen Worten in einer fremden Sprache, indes der Mann mit dem Zwiebelbart einen Drehkreise! vor sich auf dem Tisch hatte und damit spielte, wie bei uns zu Hause die Kinder. Und der Haufen, der vor der Frau lag, war der größte von allen. „Sie gewinnt", jagte der Mohammedaner. Seine Kiefer klapperten gegeneinander, und ich fragte ihn: „Hast du Angst?" Er antwortete nicht, aber dann flüsterte er: „Wenn wir ein Zehntel dessen hätten, was vor ihr auf dem Tisch liegt, kämen wir alle über die Grenze." Stjepan sagte: „Ich wollte wohl daß Milieu so aussähe wie die". ,Lst nicht alles Gold, was glänzt, sagte der Mohammedaner. „Sind auch nicht alle auf Daunen geboren. Sind vielleicht mehr Betrüger und Gauner unter denen als unter uns." Da stand die Frau drinnen auf, und der kleine Man« neben ihr stand auf. Sie nahm einen schwarzen Mantel und er nahm einen Hut und einen Spazierstock. „Das Stäbchen wird auch nicht stärker sein als seine Faust", brummte Stjepan und drückte sich als erster übers Gitter auf die Straße hinaus. Wir folgten ihm, stellten uns hinter den Bäumen auf. Da traten die beiden Fremden auch schon aus der hellen Tür und gingen langsam gegen die Stadt. Wir stiegen in den langen Gemüsegarten des zweiten Hotels, liefen neben der Straße her. Überholten die beiden und rannten dann noch auf der Straße selber vier oder fünfhundert Meter weiter voraus, bis zum gesprengten Felsen, wo man nicht ausweichen kann. „Wie machen wir es?" fragte ich. Der Mohammedaner sagte: „Ich stelle mich hier hinauf auf öen Abhang und schaue, ob jemand kommt". „Du bist ein Feigling," jagte Stjepan, „aber wir werden auch ohne dich fertig." Er zog die lange Pistole hervor. „Dem Hahn wird eines aufgebrannt, und das Hühnchen nehmen wir mit." Aber Bogumil, der aus der Gegend war, sagte: „Damit wir den Strick bekommen? Damit sie uns in Ragusa auf dem Kasernenhof an die Wand stellen?" Und so beschlossen wir, mit ihnen tn aller Freundschaft zu reden. Ich hatte noch ein Stück Talglicht In der Tasche, das stellten wir inmitten der Straße, gleich nach der Biegung, auf einen Stein, der Mohammedaner entzündete es, wir setzten uns auf die Straßenbrüstung gegen das Meer hin und warteten. Es war spät, zwei oder drei Uhr, kein Mensch, große Stille. Der Mohammedaner klapperte mit den Kiefern. Stjepan summte. „D Heimat, o trautes Heimatland!" und legte die Pistole neben sich auf den Stein. Bogumil schwieg. Plötzlich Schritte, die beiden Stimmen, die Frau lacht, da kommen sie auch schon um die Ecke. Wie sie das Licht sehen, bleiben sie stehe». Wir sind im Dunkeln. Die Frau wundert sich, lacht. Aber der Mann riecht Lunte, schaut daher und dorthin. Bogumil geht hin, zieht die Kappe, verbeugt sich, fragt nach der Zeit. Sie reden ein paar Worte, da geht auch schon Stjepan m:t der Pistole. Darauf schreit die Frau und fällt um. Sagt der kleine Mann zu mir: „Dummer Teufel, hilf tragen!" Tragen wir die Frau auf die Seite und legen sie ins Gras. Auch der Mohammedaner hilft. Ohnmacht", agt er. Stjepan steht mit feiner Pstole und überlegt, ob er schießen oll. Sagt der Fremde: „Dummer Teufel, was willst du? Siehst nicht, >aß wir ziehen an dem gleichen Strick? Die Frau gehört nicht dir und die Frau gehört nicht mir. Ist die Frau des Bezirkshauptmanns, die dort liegt. Hab ich mich angeschmissen, hab sie hergelockt. Ist die Ver- fluchte nicht ohne Schmuck gekommen? Ich bring sie jetzt nach Hause und hol den Schmuck. Was müßt ihr dummen Teufel dazwifchenkommen?" Stjepan erwidert: .Laben gesehn durch Fenster. Gib her — Geld und Halts Maui". Lacht der Kleine: „Geld! Hast noch nicht Spielgeld gesehn dummer T-use!? Geht auf die Straße mit der Pistole und kennt nicht Geld und Spielgeld! Gib mir fünf Dinar Silber, geb Ich dir Papier was du wüst'. Daraus zieht er grüne Scheine heraus und zeigt sie uns: „Ist das Geld? Ist das Geld? Und bann: „Glaubst du, wenn das Geld ist, bring ich sie noch nach Hause und hol ihren Schmuck?" „Das ist richtig", sagt Bogumil „Das ist nicht Geld, verstehst du? Sonst braucht er den Schmuck nicht!" Stjepan versteht, auch ich versteh, nur der Moh-immedaner tritt von einem Fuß aus den andern und 'sagt: „Was werden wir bekommen von. dem Geschäft?" „3a,‘ schreit der Stjepan. „wirst du Gold und Perlen haben, du Hund, und wir werden nichts haben?" Ueberlegl der Mann. „Wenn ich euch sage. Ich bringe euch her —" „Sann lügst du. So dumm sind wir nicht. Bruder. Wir gehen mit dir. Und die Hälfte gibst du uns, sonst bekommst du den Handschar tn den Bauchs Der Mann überlegt. — „Könnt Ihr leise fein?" „Wir ziehen die Schuhe aus." Wieder überlegt der Mann und zeigt auf die Frau, die liegt wie tot: „Helft sie tragen!" „Wir nehmen sie alle vier zwischen uns aus die Schulter." „Gehen wir." Vor der Mauer legen wir sie ins Gras und der Fremde schüttelt sie, bis sie auswacht. Wie sie uns sieht, schreit sie. Hieraus der Fremde: „Erschrecken Sie nicht. Die Herren haben mir geholfen, Sie tragen. Wir alle bringen Sie bis vor das Haus." Wir gehen. Die Vezirkshaupt- mannschaft ist gleich rechts. Kein Mensch aus der Gasse zu >• Zeit. Sie §rützt, geht hinauf — allein. Wie sie das Tor schließen will, schiebt der iremde den Fuß dazwischen. Sie merkt nichts. Das Tor ist offen. Wir warten. Dann leise ohne L-chuhs hinein. „Hinter mir", sagt der Fremde. Durchs Dunkel, hintereinander. „Wir müssen warten, bis sie eingeschlafen ist", jagt er leise. Wir gehen mit ihm zur anderen Tür hinüber. Er Macht auf, jagt: „Noch leiser". Auf den Socken gehen wir hinein. Er: „Wartet!" Geht wieder hinaus. Es hat sehr lange gedauert. Er kommt nicht. Endlich probiert Stjepan die Tür. Sic ist versperrt. Der Mohammedaner zündet das Talglicht an: die Fenster vergittert. Sagt Bogumil: „Der Hund! Er holt sich den Schmuck!" Er hat ihn nicht geholt. Später haben wir ihn wiederge- iehen. Bei der Verhandlung. War das der Bezirkshauptmann! Ja, unter den großen Herren find auch Lügner. Worauf soll ein armer Mensch sich verlassen ... MitternachlsbaA im Busch. Von A. E. Iohann. Die folgende Erzählung ist dem fesselnd und lebendig geschriebenen Buche „M it 20 Dollar in den wilden Weste n" von A. E. I o h a n n entnommen, das im Verlag Ullstein, Berlin, erschienen ist und die abenteuerlichen Schicksale eines jungen Deutschen in Urwald, Steppe, Busch und Stadt anschaulich schildert. Seit Wochen schon ging ein Wispern und Tuscheln um den großen Taudensee, lief die einsamen Straßen entlang, schlich sich auf abgelegenen Pfaden durch den weiten kanadischen Urwald. Trafen sich zwei abends bei den Netzen am See an einer der fischreichen Stellen, so wurde die Nacht lang. Sie sprachen „darüber". Hatte dieser oder jener der Buschformer aus der Sägemühle, in welcher ich arbeitete, etwas zu besorgen, so kam er schier mit mir und den anderen Arbeitern ins Schwatzen „darüber". Oft blieb die Arbeit liegen, und des langen und des breiten wurde mit oll der Umständlichkeit, mit der diese redeungewohnten Männer sprechen, davon erzählt. Drüben, am anderen Ufer des Sees, saß man stundenlang im störe. Der Kaufmann, der eine große Klatschbase war, hatte noch nie einen solchen Zuspruch gehabt. Alle hörten ihm geduldig zu, wenn er seine neuesten Gesch chten auskramte, und brachten bald das Gespräch auf die „große kommende Sache". Tolle Skandale geschehen im Busch, und das Sensationsbedürfnis des storekeeper findet immer neue Nahrung. In der Sägemühle, die dem Iren O'Conell gehört, hat sich der Jonny, der dicke Jonny mit dem halben Ohr, zu seinem halben Ohr auch noch das letzte Glied des kleinen Fingers der rechten Hand abgesägt. Die braunweiße Kuh vom Schweden Johannssen hat verkalbt. Vorgestern sind die Earmen vom Mister Woods und der Tom Gubalke allein Kahn gefahren, aber der storekeeper hat sie doch gesehen, als er seine Netze einzog. „Es ist entsetzlich", sagte der storekeeper, „wie die Verderbnis der Jugend nun auch schon hierher in den Busch bringt." Seine Geschichten sind bedenklich bunt und dispositionslos: aber das stört die Zuhörer wenig, wenn er nur endlich auf das „Eigentliche" zu sprechen kommt, und schließlich steigt auch dieser Vers seines unerschöpflichen Repertoires: Also — beim Mister Mc Callister vom Hügel an der Südseite ist am nächsten Samstag Tanz; er hat ein neues Wohnhaus gebaut, das soll eingeweiht werden: jeder, der kommen will, ist eingeladen. Ob auch Mädchen da sein werden? Oh, eine Menge, zwei sogar aus der Stadt, die bei ihrem Onkel, dem Fischer Gilbert, zu Besuch weilen. Aus Oer Stadt? Es ist kaum zu glauben, wird das ein Fest werden! Um neun ühr abends wird es beginnen und bis zum nächsten Morgen dauern. * Der große Tag war gekommen. Abends nach der Arbeit begann in anserem Holzlager ein Waschen und Putzen, wie ich es auch nur annähernd nie erlebt hatte. Vollbartähnliches Backen- und Kinngestrüpp wurde unter Bechzen und vielem Blutvergießen gerodet. Ich habe mir aus Deutschland eine einfache Haarschneidemaschine mitgenommen. Unter der Bedingung, daß sich alle vorher den Kopf waschen, ließ ich sie aus vielen kanadischen Häuptern in Aktion treten. Mit ihr, einer kleinen Echeere und einem zerbrochenen Kamm wurde ich für vier Stunden Friseur. In der ersten Stunde schnitt ich Treppen und andere kühne Muster in ihre Haarschöpse, nachher ging es besser, und der letzte — der letzte, weil er sich nur nach langem Seelenkampf entschlossen hatte, sich den Kopf zu waschen — wurde unter meinen Händen zu einem jungen Gott mit wohlgescheiteltem Lockenkopf. Gutes Geld hat mir der Abend gebracht: ich nahm für den Haarschnitt 25 Cents und hatte schließlich 22 Dollar verdient. Alle waren mit ihren Frisuren zufrieden und gingen ans Umziehen. Bei einigen war das ein schwieriges Geschäft, da sie nur das blaßen, was sie am Leibe trugen. Aber sie kennen ein ausgezeichnetes Mittel: sie drehen ihre Overalls (lange, bis zu den Schultern reichende Arbeits- Hosen) um, so daß die weniger abgenutzte und saubere Innenseite nach außen gekehrt wird. Schade — dachte ich mir, — daß man das mit einem ölten Smoking in Deuttchland nicht auch so machen kann. Pitty, der kleine, drollige, freche Pitty, der Pferdejunge, stand daneben und sah den anderen bei ihrer Toilette zu. Als ich ihn fragte, worum er nicht auch wenigstens feine Hosen umdrehe, gab er mir sehr böse zur Antwort: ,Meinst du vielleicht, meine Hosen haben drei Seiten?" Gegen die Naturtatsache, daß alle Hosen nur zwei Selten haben, konnte: ich allerdings berechtigte Einwände nicht erheben. Tom besah nur seine schweren Arbeite stiefel aus Gummi ; mit denen konnte er wirklich nicht tanzen. Verzweifelt krempelte er die ganze Hütte um und fand schließlich in einem verstaubten Winkel ein paar ausgediente weiße Stoffschuhe von Charlcy, dem Boß. Um die alten Dinger wieder aufzufrischen, tunkte er sie kräftig insWeizenrnehlfaß, und fertig waren die Tanzschuhe. Es war eine Lust, ihn anzusehen, als er sich uns noch vollendeter Toilette stolz präsentierte: auf dem Kopf trug er einen reichlich invaliden graugrünen Filz, durch dessen Löcher die Sonne schien; um den Hals schlang sich zu seinem schwarzen Arbeitshemd ein gelbes Tuch, das er wer weiß wo aufgetrieben hatte, schließlich die umgekehrten blauen overalls, an den Füßen die Tennisschuhe; so wie er ging und stand, hätte er auf jedem Lumpenball für sein unerhört echtes Kostüm den ersten Preis bekommen. Endlich war es soweit. Wir packten uns in das Auto unseres Maschinisten, einen dem biblischen Alter nahen Ford, und humpelten los, mühselig genug, denn in dem eigentlich viersitzigen Wagen saßen sechs, und zwei standen noch auf den Trittbrettern; wenn wir einen Berg hinauffuhren, mutzten diese beiden abspringen und nebenherlaufen, damit mir nicht steckenblieben. Nach einer Stunde Fahrt tarnen wir an; wir waren die letzten. Alles war schon in vollem Betrieb, wie ich aus dem Empfang schloß, der einem von uns, mit Namen Sunday, bereitet wurde. Wir hielten noch kaum, schon stürmte ein baumlanger Kerl mit einem Hut von dem Umfange eines kleinen Wagenrades aus dem Hause, packte Sunday mit großem Hallo beim Kopf und zerrte ihn so mit Bärenkräften, ohne die Tür zu öffnen, aus dem Auto. Als der arme Sunday, halbtot, nach diesem etwas ungewöhnlichen Transport wieder auf die Beine gekommen war, schüttelten stch die beiden aufs herzlichste die Hände; sie sind nämlich die besten Freunde, und der lange Dicky ist immer ein wenig stürmisch, wenn sie sich lange nicht gesehen haben. Das neue Haus von Mc Callister, in dem gelangt wurde, war noch nicht ganz fertig; es fehlte noch ein Teil des Daches. Durch das große Loch schienen Mond und Sterne; es war gut jo. Staub und Dunst sanden leichten Abzug. Ein schönes Haus hatte er sich gebaut, die Fichtcn- ftämme waren innen mit gehobelten Brettern bekleidet und der Boden richtig gedielt. An den Wänden lagen auf dicken Holzklötzen lange Planken, die je nach Belieben als Stuhl, Klubsessel, Diwan oder Bett benutzt wurden. Die Beleuchtung war für den fünfmal zehn Meter großen Raum etwas spärlich: es brannten drei Petroleumlampen: zwei trübe, blakende Stallaternen und eine Zimmerlampe, der der Schirm abhanden gekommen war; sie gaben mehr Dunst als Licht: ein glücklicher Umstand, denn der Qualm vertrieb ein wenig die zahllosen Moskitos, die um die Tanzenden schwirrten. Alle diese mißlichen Umstände taten indessen der guten Stimmung feinen Abbruch. Das winzige Orchester spielte im Schweiße seines Angesichts unausgesetzt: ein winziges Harmonium, eine Geige und ein anscheinend selbstverfertigtes, zithcrähnl>ches Instrument. Was die Musik an Schönheit vermissen ließ, ersetzte sie durch Ausdauer; nie sah ich eine fleißigere Kapelle. Am Harmonium saß der jüngste McCallister und bemühte sich, mit der Geige Schritt zu halten, die ihm aus unverständ- lichcn Gründen zuweilen um einen Takt vorauseilte. „Hey!" rief Tom, „wie ist die Musik schön" und stürzte sich blindlings ins Gewühl. Und Mädchen waren da; es waren zumeist Mischlinge, denen das indianische Blut leicht anzusehen war, aber es waren doch Mädchen, und den Jungen, die manchmal monatelang nichts Weibliches im Busch zu sehen bekommen, war alles recht, wenn es nur lange bzw. gebobbte Haare hatte. Wenn ich nicht gewußt hätte, um was es sich handelte, hätte ich meinen können, auf einen Maskenball geraten zu fein. Jeder hatte sich so gut herausstaffiert, wie er konnte; einer hatte Cowboyhosen an, schwere Sporenstiefel und ein Lederhemd. Herren ohne Kragen war der Eintritt ohne weiteres erlaubt. Wer eitel und reich genug gewesen war, einen Kragen anzulegen, legte ihn während des Tanzes bald wieder ab, weil es zu heiß war; nur einer nicht: es war Eddy, der Maschinist einer anderen Sägemühle. Der hatte irgendwo einen Smoking aufgelesen, der ihm viel zu weit war und am linken Ellenbogen ein großes Loch aufwies; was tat das? Es war ein Smoking und Eddy der Löwe des Abends. Er trug auch ein steifes Hemd, dazu einen weichen Kragen und eine grünrote Krawatte. Er sah wirklich gut aus. Dazu war Tom mit seinen umgedrehten Arbeitshosen und den weißen Schuhen, von denen der eine inzwischen wieder schwarz geworden, weil Tom in eine Pfütze getreten war. So wurde nun getanzt, was das Zeug hielt. Ich hatte mich schon gefreut, mit meinen in Berlin WW. mühsam erworbenen Charleston-, Black Bottom- und ähnlichen Künsten zu glänzen, konnte sie aber nicht an den Mann oder vielmehr an die Frau bringen. Die tanzten nämlich — Quadrille, Contre und Rheinländer, Walzer und einen mir unbekannten menuettähnlichen Tanz, kaum einen Onestcp. Bei Licht gesehen, unterschieden sich die Tänze nicht wesentlich voneinander; alle tobten, daß die Diele dröhnte und der Schweiß von den Stirnen rann. Selbst ein Tanzmcister fehlte nicht: Me Donald mit der Hasenscharte kommandierte die Tänze und zischte die Kommandos beim Contre, oder was es war, brüllend durch die Zähne, als exerzierte er eine Kompagnie Soldaten. Schon war es weit über Mitternacht: die Sabies, die die jungen Frauen mitgebracht hatten, schrien im Chor; Staub und Dunst waren zum zerschneiden. Draußen balgten sich Tom und Dick im Grase herum und führten einen erbitterten Ringkamps vor einem Kreis von sachverständigen Zuschauern auf. Natürlich ging 'f6 ein Mädchen, selbstverständlich: Kitty hieß das verderbte Wesen. Mancher schwankte verdächtig: er war zu oft an seine Satteltajche oder zu ieim’1” Auto gegangen, um einen Schluck aus der verbotenen Flasche 3» nehmen. Ein Paar nach dem andern verlor sich irgendwo im Busch; ote Eheleute waren längst auf dem Heimweg. Auch ich hatte genug und wollte heim, ich suchte nach den anderen, von denen ich glaubte, daß sie sich vor der Tür herumdrückten: aber oufy nicht einer Netz sich auftreiben; alle hatten sich heimlich, still und u l auf dunklen Pfaden paarweise davongejchlichen. Der Waschinyt, dessen ’jorb rott hierhergerakkert waren, hatte fein Mädchen hlnefngevackk und war irgendwohin verschwunden. Tom hatte im Kamps um Kitty Schegti he nahm ihn mit — wer weiß, wohin? Tom kam erst noch zwei Tagen wieder —! Da stand nun ich, der einzige Brave, allein aus weiter Flur, und weder der Sternenh mmel über mir noch das moralische Gesetz in mir konnten mit Kant darüber hinwcgtrösten, daß ich nun sünszehn Meilen nach Hause lausen mußte. Doch der Himmel verläßt keinen Gerechten: Mc Donald mit der Hasenscharte, der maitre de plaisir, nahm sich tneiner an; um seinen Platz zu erreichen, mußte er in der Nähe meiner Sagemuhle vorbeireiten; vom Gin leutselig gestimmt, bot er mir den zweiten Sitz hinter seinem Rücken auf seinem Gaule an. Mir graute es davor, denn allzuoft hatte sich der Gute zu seiner Satteltasche gestohlen; nun war ihm das Gleichgewicht stark in die Brüche gegangen. Aber schlecht geritten ist immer noch besser als gut gegangen. Ich hals ihm aufs Pferd, kletterte hinter ihn, und langsam stolperten wir in die Rächt hinein; schon nach hundert Schritten schlief er fest; mehr als einmal mußte ich ihn vor einem tiefen Fall bewahren. . So zogen wir schweigend durch den nächtlichen Busch heimwrärts, über uns den strahlenden Sternenhimmel, um uns den unwegsamen, schwarzen Urwald. Es war gegen zwei Uhr nachts. Schon ließ im Osten die erste, milchgraue Dämmerung die Gestirne erblaßen; aber unter den ragenden Tannen und den flüsternden Pappekgebüschen schliefen noch schwarze Schatten. ’ Unser Weg, der lange durch Wald geführt hatte, um eine Krümmung des Seeufers abzuschneiden, senkte sich wieder zum Wasser. Im Schilf raschelten Wind und Wellen, die wilden Enten und Bleßhühner. Aus der stillen Einsamkeit hob sich strahlend der junge kanadische Morgen. Als wir die buschfreie Südwestseite des Sees entlangritten, ging Über dem großen glitzernden Wasser leuchtend die Sonne auf. Ich glitt vorsichtig vom Pferd, band den noch immer schlafenden hasenschart gen Tanzmeister mit einem Riemen am Sattelknopf fest und überließ dem Pferd die Sorge, seinen Herrn richtig nach Hause abzuliefern. Run war ich die ganze schmutzige Gesellschaft los, warf die Kleider ob und sprang von dem steilen Abhang kopfüber in die kalten klaren, schimmernden Fluten, die bald allen Dunst und Staub, alle Anspannung der durchtobten Nacht von mir spülten. London, Paris, Berlin. Trodttlonen europäischer Melkstädte. Bon Dr. Hugo Bieber. Mit Erlaubnis des Metzlerscken Berlags, Stuttgart, teilen wir einen Abschnitt aus Hugo Biebers demnächst erscheinenden Werk „Der Kamps um die Tradition" mit, das die geistes- geichichttiche Entwicklung von 1830 bis 1880 in einer vorbildlich knitschen und liebevollen Darstellung behandelt. Für die deutsche Literatur ist Wien mit Oesterreich, trotz Grillparzer, Raimund, Bauernfekd, Anzengruber, Marie von Ebner-Eschenbach, trotz der Ansiedlung von Hebbel, Laube, Dingelstedt, Wilbrandt und Brahms em Randgebiet geblieben, das zwar bedeutende Kräfte an sich gezogen und hinausgesandt hat, aber für das Gesamtbild der Epoche nicht bestimmend geworden ist. Auch für Berlin hat die Stunde erst später geschlagen. Berlin hat feine so alte und große Tradition des literarischen Lebens w,e die Hauptstädte der andern europäischen Kulturvölker. Wer nach London kommt, betritt die Straßen, auf denen die größten Dichter Englands ihre Menschenbeobachtung erweitert und gesammelt haben; er braucht nicht die Gräber der Westminstevabtei zu besuchen, um der Erinnerung an Chaueer und Shakespeare, an Milton und Byron, an Dickens unö Thackeray zu begegnen. Das Stadtbild Londons, das in bewegten und entscheidenden Szenen der Königsdramen Shakespeares den Schauplatz bildet, ist für Dickens nicht bloß der Hintergrund feiner Roman- Handlungen, es ist ein Herd seiner Inspiration geworden, es bestimmt die Atmosphäre seiner Dichtung; es ist ein wichtiges Lebenselement der modernen englischen Erzählungslikeratur geblieben, nicht bloß des Gesellschaftsromans, der eine andere Bedeutung, wenn auch kaum ein anderes Niveau hat als der deutsche Unterhaltungsroman, sondern einer Dichtung, die aus der Empfänglichkeit für die treibenden Kräfte des Lebens und der Geschichte, aus der Berührung mit der trüben Unterschicht, aus persönlichen und sozialen Konflikten ihren Ernst, ihr Pathos gewonnen hat und ihren Standpunkt mit überlegener Ironie und mit vorbehaltlosem Mut vertritt. Die Physiognomie von Paris, die in Balzacs und Zolos Epik nicht die erste und nicht die letzte, aber eine zwingende Deutung ihrer großartigen und verächtlichen, ihrer erschreckenden und verführerischen Züge gefunden hat, empfing ihre früheste literarische Prägung bereits in mittelalterlichen Verserzählungen, und In Paris, wo um das Jahr 1235 die französische Bibelübersetzung entstand, wo die Königschroniken redigiert und die Debatten an der Universität die nationale Dichtersprache belebten, wo der Rosenroman vollendet worden ist, hat sich der erste großstädtische Bohemien Rutebeuf mit Versen vernehmen lassen, in denen er die Not seines Lebens ausspricht und furchtlos und leidenschaftlich zu politischen Zeitsragen Stellung nimmt. Der Bohemien hat einen anderen Charakter als die mittelalterlichen Vaganten, unter denen es starke, überlegene Geister und tiefe Dichternaturen gegeben hat. Für Rutebeufs Geist und Seele sind die Eindrücke der wachsenden und gärenden Stadt bestimmend gewesen. Aber wie Paris ein Element seines Wesens ist, so ist der Bohemien ein Wesenteil von Paris. Was eine Stadt bedeutet, kommt ebensowohl durch die Menschen zum Ausdruck, die in ihr zu Einfluß und Anerkennung gelangen, wie durch diejenigen, die an ihr zugrunde gehen. Seitdem Überhaupt Paris feine Stadtindividualität zur Geltung und auf dichterische Temperamente zur Wirkung bringen konnte, ist auch Aber wahrend feine Blicke noch an diesem seinen Mädchenkörper auf und nieder glitten, trafen sie in Marias Augen. Marias süße ernste Kinderaugen, die wie tiefe Veilchen sind. schon die Gegensätzlichkeit der Antriebe und Konsequenzen sichtbar geworden, die für das Leben einer Großstadt, die zur Weltstadt bestimmt ist, bezeichnend bleiben wird. Paris hat den Künstlern, die es in seinen Bannkreis zog, das Auge geschärft oder geblendet, es hat den Anreiz zur Beobachtung und das Gefühl der Einsamkeit gesteigert, es Hai den Lebenswillen bestätigt, die Aktivität gestärkt oder den Menschen vom Leben überwältigen lassen, es hat die Intensität der Arbeit und des Rausches erhöht, die künstlerische Gesinnung zur Strenge erzogen und den Auflehnungsdrang entfesselt; es hat Ueberlegenheit und Wachheit des Bewußtseins verliehen, wenn es nicht fein Opfer verzehrte oder vom Ziele ablenkte. Diese vielfältigen, durch die Jahrhunderte vererbten und anwachsenden Erfahrungen von Künstlerschicksalen, von Tragik und Kompromiß, von Ruhm und Lächerlichkeit haben die Atmosphäre der Kunststadt Poris ebenso bestimmt, wie ihre Natur, ihr Landschostsbild, ihre geschichtliche Bedeutung, ihr kulturelles Uebergewicht, ihr Volksleben, ihren Fremdenverkehr. Sc^on das mittelalterliche Paris ist eine Stadt, deren Erlebnis über das Schicksal empfänglicher Menschen entscheiden konnte wie die Gunst oder Ungunst einer Frau. Das hat im fünfzehnten Jahrhundert ein Vorläufer der modernen Seelenbestimmung, der Dichter Francois Villon, erfahren müssen, den eine unterirdische Tradition mit Verlaine verbindet, und während Villon der Stadt erlag, nachdem er sie bis in die Tiefen des Verbrecherischen ausgekostet hatte, fand sie ihren ersten großen Psychologen von unbeirrtem Blick und überlegenem Verstand in Philipp de Commynes, dem Ratgeber dreier Könige. Erst in den letzten fünfzig Jahren hat B e r (l n den Ansatzpunkt der Möglichkeiten erreicht, die für Paris wie für London bereits vor vielen Jahrhunderten gegeben waren. Cs ist auch unter ganz anderen Kultur- bedingungen Reich-Hauptstadt geworden, und wenn Berlin eine ähnliche Bedeutung für Deutschland gewinnen sollte wie die Hauptstädte ajfberer Länder für das Geistesleben ihrer Völker, fo wird diese Entwicklung für absehbare Zeit von den Nachwirkungen der geschichtlichen Voraussetzungen durchkreuzt, unter denen die politische Einigung in die Kulturentwicklung des deutschen Volkes einzugliedern ist. Die deutsche Dichtung hat bisher die Entfaltung ihrer wesentlichen Kräfte nicht der Luft und dem Schotten der Großstadt zu danken gehabt. Goethe ging von Frankfurt nach Weimar und verhielt sich dem „verwegenem Menschenschlag" der Berliner gegenüber zurückhaltend, wenn nicht ablehnend. Eine instinktive Abneigung gegen Bas Wachstum der Städte und seine Begleiterscheinungen bildet einen Hauptzug in der Seelenversasiung des deutschen Dichters. Wien und München, Weimar und Heidelberg, die kleinen Residenzen und Universitätsstädte, auch Fronksurt, Hamburg, Dresden haben größere Anziehiingskraft auf die Dichter ausgeübt, die Landschaften und Städte des deutschen Westens und Südens haben durch ihre geschichtlichen Erinnerungen und durch die sinnliche Anschauung die dichterische Produktivität stärker angeregt. Berlin galt im 18. Jahrhundert als schöne Stadt, seit der Romonttk war es dem Auge und dem Geiste als nüchtern verrufen. Als Hauptstadt des preußischen Staates, beffen Lebensinteressen mit dem Bestände der alten deutschen Reichsverfassung unvereinbar waren, ist Berlin erst sehr spät in den Gesichtskreis der deutschen Bildung getreten; es hat mit seiner größtenteils aus dem Auslande importierten Bevölkerung später als die andern deutschen Kulturzentren einen eigenen Stil entwickeln können, und die Eigenart Berlins, die sich unter den ersten preußischen Königen gebildet hat, ist rasch wieder untergegangen, als Berlin Hauptstadt des Deutschen Reiches geworden war imb in die Weltstadt hineinwuchs. Beate und Maria. Eine Gefchichle um Weihnachten. Von Toni Schwabe. fSchluß.) So vergeht der Herbst, und der Winter kommt. Eines Tages: Wer eigentlich schickt dir Blumen? Sie kommen immer noch. In kleinen Zeitabständen. Aber es ist einerlei, wer sie schickt. Ob- chon es neulich eine blaue Hyazinthe war. Die erste in diesem Jahr, lind blaue Hyazinthen sind immer seine Lieblingsblumen gewesen. Er kann nun wieder ausstehen und im Sessel am Fenster sitzen. Unablässig sieht er aus die Straße hinunter. Und einmal, jo einmal kommt dort ein Mädchen, dos geht wie ein Junge, mit schlenkrigen Bewegungen und ganz leichten Schritten. Und wie sie vorbeikommt und das Gesicht hebt, da sehen sie beide einander an. Und ihr kleines, zer- flattertes, fast ein wenig unschönes Gesicht ist ganz mit Blut übergossen. Vor Schrecken. Sie wußte doch nicht, daß er auf einmal hier saß. Sie tat ihm leib. Er griff sich nach dem Herzen. Sie hatte sich so erschrocken — sie, fein Blut, seine einzige Geliebte. * Einmal, in der Dämmerung, es war ein Sonntagnachmittag, der erste Advent, da tat sich seine Tür auf. Bestimmt: es war kein Schritt auf dem Flur zu hören gewesen. Bestimmt: es hatte feiner vorher ongeklopst. Aber die Tür tat sich sehr leise auf und die kleine Mario kam herein, Worum die kleine Mario ...? Ach nein, es war fo gut, jo lieb von der kleinen Moria, daß sie kam, nach ihm zu sehen. Er griff nach ihren beiden Händen und küßte sie. Er hatte aufstehen wollen, aber sie war ganz leise und schnell auf ihn zu» gegangen und drückte ihn nieder auf den Stuhl, der am Fenster stand und von dem er sich erhoben hotte. Und der große Strauß aus Tannengrün war von Moria. Seine Augen gingen krank und suchend an ihr aus und ab. Ach, war denn nichts in dieser schwesterlichen Erscheinung, das Deale glich? War vielleicht — diese Linie von der Schütter herab über die Hüfte, dieser fang und schmal gereckte Bogen, fast ohne Biegung, war der nicht Beates vielgeliebtem Knabenkörper gleich? Und er griff noch einmal nach Marias Händen — und zog sie an sich — um legte feine Stirn hinein. , w.wr Georg", sagte Maria leise und ernst. Und das Mitleid dieser Worte tat ihm nicht weh. Sie blieb bei ihm und redete merkwürdig frei und selbstsicher so allerlei kteine Alltagsdtnge. Sie hatte eine anmutige Art, auch das Belanglose hübsch und plastisch hinzustellen und eine seltsam zärtliche Stimme, so daß ihm war, als liebkoste sie ihn immerfort, „Maria, warft du es?" „Was war ich, Georg?" „Die mir — die ganze Zelt die Blumen geschickt hat?" Sie lächelte scheu und ihre Augen glänzten. „Hast du — haben sie dich ein bischen gefreut, die Blumen?" „3a, Maria, zuerst freuten sie mich. Nachher machten sie mich traurig. — Und nun — ja: nun freuen sie mich wieder." „Das ist gut, Georg." Es war eine lange Stille. „Soll ich dir Licht anzünden?" „Roch nicht. Bleib noch ein wenig im Dunkeln bei mir." * Und am nächsten Tag. Und am übernächsten Tag. Und an jedem dieser lautlosen Wintertage — in der Dämmerung kam Maria zu ihm. Und nach einer Weile: ,Loll ich nun Licht anzünden?" „Nein, du —laß es noch. Bleib noch ein wenig im Dunkeln bet mir." Am letzten Sonntag vor Weihnachten hatte sie Christrosen mit. „Kühle weiße Schalen, wie deine Hände", sagte er. Und dann: „Maria---" „3a Georg?" „Darf ich einmal — ach du, darf ich einmal ..." Und er sprach nicht weiter, riß nur ihre Hände an sich. Sie ließ sie ihm — zitternd. Er bohrte seine Stirn hinein — in diese kühlen Mädchenhände hinein, die den Schalen der Christrosen glichen. Er hielt diese Hände von unten mit einem heißen Griff. Und so lagen sie auf seinen fiebernden Hand- flächen. — Wie die kühlen Schalen der Christrosen. Und in diese hinein tauchte er seine Stirn. Und dann kam seine Stimme, kam schluchzend und dunkel herauf zu ihr, die mit ekstatisch hochgezogenen Schultern vor ihm stand wie eine kleine Märtyrerin oder eine Heilige. „Maria — Maria — ach laß mich einmal bei dir weinen .. Und während er das sagte, rüttelte ihn das tiefe Schluchzen, und seine Tränen strömten über die offenen Schalen ihrer Handflächen, die kühlen Christrosen glichen. Und über seinem Weinen war still und entrückt, als sekundiere sie einer geistlichen Handlung, Maria mit dem Lächeln der Heiligen, der Märtyrerin. . Georg aber meinte — weinte — meinte. Und 'dazwilchen stieß er in kurzen Rufen das schwere Bekenntnis seines Unglücks hervor, dieser nicht endenwollenden Liebe. Und der Dank gegen sie. die ihm den kühlenden Becher bot, löste sich in reuevollen Worten: „Maria, oh Maria, warum kann ich nicht dich lieben? Warum ist nur der eine Name, nur das eine Heil, das meiner Seele und meinem Blut gegeben ist — Beate...” Es wurde spät. Es wurde dunkel. „Darf ick, dein Licht nicht anzünden, Georg?" „Nein. Maria, noch ein wenig bleib im Dunkeln bet mir." Und sie blieb neben ihm im Dunkeln, Sein Weinen war lange schon still geworden. Wechnachten tarn. Georg konnte nun wieder aufstehen und sich im Zimmer hin und her bewegen. Er war ganz allein und lächelte doch, als ob er jemand neben sich wüßte. Und manchmal sprach er ein paar Worte vor sich hin, wie es Leuten wohl geschieht, die sehr eifrig bet einer Handlung sind. Dabei putzte er an einem kleinen Christbäumchen und behängte es mit Silbersüden, besteckte es mit Lichtern, nmhäufte es mit kleinen Gaben — kindlich und wie für ein Kind — „Heute schenke ich dir, kleine Maria — ja, heute bekommst du von mir geschenkt ..." Seine Bewegungen wurden rascher. Cr freute sich. Oh ja, heute freute er sich a 'f seine kleine Maria. Ein Bote kam Er öffnete ibm selbst die Tur. Der Bote brachte ein kleines, unscheinbares Päckchen. Das Päckchen war gesiegelt und mit einer Handschrift beschrieben, die ihm nicht unbekannt schien. Er öffnete das Päckchen, und dabei empfand er die Schlage seines Herzens schwer, wie müde, stolpernde Schritte. Aber er öffnete das Päckchen. Seine Briefe waren darin, die wenigen Zettel, die er Beate in der Zeit ihrer Liebe aefchrieben hatte. Und bann ein kleiner Ring. Ganz sentimental und hilflos ein kleiner, angebrochener Kinderring, den er als Jun ne einmal der kleinen Beate geschenkt hatte. Ganz sentimental. Unwillkiirl'ch fiel ihm habet das Chopin-Liedchen ein, das mit den rührend eindringlichen Worten: Diesen Ring zum Angedenken Hab ich dir gegeben; Du g 'ob test, ihn zu tragen Für dein ganzes Leben — Run ja. Vielleicht hatte Beate noch irgendeinen Spaß daran, grau« fam zu fein. Wahrscheinlicher aber war es eine dieser kleinen törichten Hilflosigkeiten, die ihrem Wesen immanent waren und unter denen f« selber litt Um solcher Hilflosigkeit willen hatte er sie oft tiefer noch als sonst geliebt, denn man liebt nichts mehr und zärtlicher am Geliebten, als das, was des Schutzes bedarf... Er üeß den kleinen Baum stehen. Gedankenlos fegte seine Hand die Geschenke für Maria zusammen. Einige davon fielen unter den Tisch, Dann nahm er die Zettel mit den verliebten Anreden — Meine Einzige--meine süße Frau--meine Geliebte--- Run, so schreiben wohl alle Leute. Etwas Besonderes war da nicht dahinter. Er nahm den ganzen Plunder und steckte ihn in den Ofen, Auch den Ring dazu. Und dann saß er in seinem Seflei. Mit trockenen heißen Augen und ß nieder auf feine Hände. Drehte sie nach oben und unten. Sie waren t. — Zur Dämmerung dann kam der wohlbekannte Schritt. SDtaria — Er ging ihr entgegen. Er nahm ihre Hand und küßte sie leise und ehrfürchtig. Dann führte er sie zu einem Sessel. Sie sah Ihn erstaunt und mit einem kleinen Lächeln an. „Was ist, Georg?" „Es ist — ich muß dir etwas sagen —" Und während er sprach, ließ er sich neben ihrem Stuhl auf den Teppich niedergleiten. Und er lehnte seinen Kopf nicht an Maria — nur an die Armlehne ihres Stuhls. So saß er nun und sprach das vor sich hin ins dämmernde Zimmer hinein, was er ihr sagen wollte. Und er sagte: „Ich habe nun lange genug nur an mich gedacht und von bir genommen, Maria. Jetzt wird es endlich Zeitz an dich zu denken. Wir Menschen mit dem unlösbaren Schmerz im Herzen sind doch nur di« Vampire, die den Frohen, Lebendigen, Gebefreudigen das Blut weg- saugen und davon ihr eigenes Scheinleben führen. Ach! — keine Phrase! Das alles kann noch nach 3nteressantseinwollen klingen. Und in mir ist kein Funken Gutes mehr. Mein Herz war schön, als es liebte. Nun bin ich nichts als leer. Alles Schöne, alles Glühende hat mich verlassen. Läge ich heute in einem Walde und der Specht klopfte über mir und btt Libellen flögen vorn Wiesenrand herüber — ich gehörte nicht mehr dazu, gehörte nicht mehr in die Natur hinein, und die grüne Erde wäre mir gleichgültig, wie sie gleichgültig ist allen denen, die tot und begraben sind. Kleine Maria, du sollst es endlich wissen, daß du zu einem kommst, der eigentlich tot und begraben ist Daß du dich an einen solchen verschwendest. Denn sieh: es ist verschwenden, wenn Lebendiges sich an Totes gibt. Es ist nicht gut und nicht recht, und ist nicht in der Nat« bestimmt." „Das ist nicht richtig", sagte eine ganz fremde, von wilder Leidenschaft bebende Stimme hinter ihm. Er horchte. War das Marias Stimme? Es war, als ob er plötzlich erwachte. Und er fragte beklommen: „Wat denn, was ist nicht richtig?" Da schrie sie verzweifelt und rückhaltlos, schrie es heraus: ,F)as, wa» du sagst, ist niemals richt'g, denn es blühen Rosen auf Gräbern!" Ganz verwirrt wiederholte er ihre Worte: „Denn es blühen Rosen auf Grabern?" Und auf einmal richtete er sich hoch und wandte sich um nach ihr und sah sie an, als sähe er sie zum erstenmal. Und er fah, daß st« bitterlich weinte. „Maria", sagte er leise und ungläubig. Und oabcl fühlte er, wie plötzlich eine stürmisch heiße Welle sein Herz überflutete — hochtrug — hoch — höher — höher--- „Maria!" rief er laut und glücklich, „oh Maria, du, kann es denn fein, daß du mich — trotz allem — liebst?" Aber sie weinte nur, weinte, meinte. „Es ist meine Siebe, ganz allein meine Liebe!" rief sie zornig zwischen Schluchzen. „Meine Liebe ist es ganz allein. Du sollst sie mir lassen. Sie geht dich nichts an!" Er nahm ihr die Hände vom Gesicht. Er küßte ihre tränennassen Hände. „Komm, Süße du, ich sehe es wohl, daß hier die Rosen blühen, — aber nicht auf Gräbern, du, — nein, wahrlich nicht auf Gräbern — Denn sieh, Maria, heute ist mein Eriösungstag und du bist mich zn erneuern gekommen." Sie ließ ihn reden. Sie ließ ihn küssen. Aber nicht Worte, nicht Küsse erwiderten ihm. Nur ganz schwer unb süß lag sie in seinen Annen. Da wurde er still. „Maria," sagte er, „Maria, du liebst mich. Aber kannst du mir wohl auch von Herzen gut sein? Denn sieh, du bist ein Gnadengeschenk, bar ich mir nie verdient habe." Da lachte sie ganz leise im Dunkeln. „Sei nicht so gerecht," sagte si«, ,chie Liebe ist nicht Gabe und Gegengabe — die Liebe ist eine Lust — ganz allein um ihrer selbst willen!" „So redest du, Maria? Kleine Heilige." ^Oh Georg, warum soll mir die Liede keine Lust sein, da ich bM) auch im Schmerz der Liebe noch die Seligkeit empfinde? Oh Georg — und ich glaubte, du würdest soviel von der Liebe--" Und er hörte wieder, daß sie lachte — ganz leise und süß zwischen Tränen lachte. Ein unbezwingliches Verlangen kam ihm, sie zu sehen, I« so im Hellen Licht zu sehen. „Darf ich Licht machen?" fragte er. „Ach nein — noch ein ganz klein wenig im Dunkeln. ., Und er blieb neben ihr im Dunkeln, bis ihr letztes Weinen, bis IP letztes dazwischen fliehendes Lachen still geworden war. Dann entzündete er das Licht. Das Licht der Heiligen Nacht. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckeretz B. Lange, Giehnil-