SiehenerZamilieiibMer Kummer 90 szwingen Zwerglein ein Sied von Sankt Martin. Von Fritz Dietrich. Tankt Martin trabt durchs weite Land fftn »/fenr'» #V3en' offener Hand. ®in Vogel krönt ,m hohen All .frommen Ritt mit süßem Schall. Sankt Martin trabt durchs Land. Auf feiner Rüstung Sonne blinkt, r E.er Halm sein Grllßlein winkt. rln Vchch neigt sich dem andern zu: fromme Reiter, du!" Sankt Martin trabt durchs Land. Sankt Martin fröhlichen Gesichts, Im Hause nichts, im Beutel nichts. Die letzte Münze fiel herab. Der Armut zu im Trab, im Trab. Sankt Martin trabt durchs Land. Noch bauscht der Wind den Mantel weit Bald kommt auch seine Scheidenszeit. Wie manches Ringlein glitt schon rasch Ao"' Fmger in die Betteltasch'. } Sankt Martin trabt durchs Land. Sankt Martin trabt und gibt und gibt Und wird zum Bettler, weil er liebt. Mitwandernd über ihm im All Ein Krönlein süßer Vogelschau. Sankt Martin trabt durchs Land. Der Hahn. Von Otto Ernst Hesse. Unterhaltungsbeilaae zum Gießener Anzeiaer Lampe zögerte. Er hatte dielen fflnmV nUe Weiterungen auf. Hat Er eines noch auf dem Bodei ^BiMe ^ T‘r, ^uerrohr kaufen; “* -PÄÄ'ÄS* in * R-um. d-r Ä Üe "«SnMwrtlTwP’ffl, W ZMK-MM gerecht zu werden Ö'tit Und)> f” H^rn auf friedliche Weise s GIMLssLLZs-« sagen " m°,W" ben käuflich erstehen läßt der Nachbar ... ~s äSHSfeSa® ESS:™- mb «-j= ÄÄ» 's, AA?7-'-ÄLS feia? lebens zu wissen von Vorteil sein mußte nnjapiajen Zusammen- bei UMeinOjn V?ru^-F^chichte ist dem zweiten Bande der ,“ lelil,,n Berlin erschienenen Sammlung „D r e i B ü ck, e r entnommen. Die reizend ausgestatteten M-S: L-L-LS3LNL heimgekehrt war, wechselte mit Lich7und Wolken über Nur ein Hahn ün H?l h« Winterschlaf des ostdeutschen Landes lag. zu ahnen. Er krähte." Nachbarhauses schien den kommenden Frühling °r mit"rornig den Federkiel auf das Bütten, dem »o[!te eamoe!" fc^®»r nnh n- fe,^r1tun(tvoI(en Perioden aufzwingen nnn TOonfi, ? .fs'fr.e er, und eine Wut, wie man sie diesem Zwerglein seiner st' klar nicht zugetraut hätte wischte die Falten des Grübelns" ö>is er unb rnn'?ierbasä kost kinnlose Gesicht weiß beherrschteİmvek "fch^ Tür. „Samper0 5 ® ener mit fliegendem Haarbeutel zur stoischen Ruhe des alten Infanteristen, der sieben Jahre auf der -s unb Kosakenpferde geschossen hatte, stieg Lampe Ser rrC£Pr emp?1r- "2Bas wünschen der Herr Magister?" haM' % schrie dieser mit unmelodiöser Stimme. „Hör Er den «en Ged^nek. ff^ormeh bringt mick noch zur Raserei! ... Ich kann Liimb.^ s-r ^'sseu! . . Ich kriege niemals diesen Brief an den Herrn ® «ifÄ roe™ blefes Krähen nicht beseitigt wird! .. ." Äif ?'!LfIanS es aus der Tiefe des Nebenhofes. dm! aMaerem-.?^'s'Z werden zu wollen", bemerkte Lampe und schob er selten zu hiinge?"kam" $l1ört’euteI in ble Mitte des Rückens, wo fraatea^,n®nilCtinC Bemerkungen!" schnob der kleine schiefe Mann. „Ich Pnm. rt " ch "ach dem Grund besagter Kräherei!" er. J£e Gnat>-/?''"^r. .,Der Hahn ist ein wichtiges Tier", replizierte hhinerhof ohn? Hahnber Naturgeschichte erinnern, daß ' jjerr^p ^°”Jicur soll seine unvermeidliche Pflicht tun", schnitt ihm sein Ki °i^^rung ab, „soll aber das Geschrei' darob unterlassen!" ' Kan»^-ü. Kikeriki! tonte es schmetternd. das l>eiden Händen zu den Ohren. Lampe sah besorgt durch licher Sp^^ach^dem Himmel. „Es wird regnen. Euer Gnaden nachmittäg- V — „dich in tröste dich, du Tausendjährige Kalender. Von Professor Dr. Ernst Küster, Gießen. VßampJ raffte sich zusammen; er hatte gefährlichere Stunden des Lebens hinter sich gebracht. „Halten zu Gnaden: es ist ein Hahn. Cr maate leise zu lächeln. „Ich kaufte ihn auf dem Markte. So hat Er einen frivolen Scherz mit mir treiben wollen. drohte der "Magister, den nur die Rücksicht auf seine Gaste in Schranken hielt. „Halten zu Gnaden — nein! ... 3d) wollte Euer Gnaden nur helfen. Er stand stramm wie bei einem Appell norm- König selbst. Kant zuckte die schiefen Schultern, Hippe! mischte sich cm. „Red Er Lamve faf) ihn dankbar an. „Der Nachbar kst unbelehrbar, Ihr Herren. Er hält seinen Hühnerhof für wichtiger als die Buchschretbereien d ^ Herrn Magisters. 3d) kenne den Herrn Magister — halten zu Gnaden! ... Id) dachte mir, der Herr Magister wird das Krähen nicht mehr Horen, wenn er glaubk, den Kräherich verspeist zu haben — halten zu ^Scheffner lachte. Hippel sagte milde: „Schau an, Er ist ein Psycho- logus! Man sich aber nicht gerade seinen Herrn zu seinen Experimenten aussuchen!" Lampe fühlte Wohlwollen. „Ich wollte dem Herr» Magister doch nur helfen " suchte er feine Position zu verbessern, „weil es doch nicht anders n9 “ Er löste seine mMärische Lhattung versuchsweise und schielte nach seilenden Frühlingsrege» heim, nachdem er nod) die beiden Freunde des fvrrn Maaifters zu dem opulenten Hahnenschmaus geladen hatte. ? ®i*efe tete gern bereit, die heitere Gastlichkeit des etzfre^igen Ma- Atfiorr in -?lnfnrud) xu nehmen, fanden flch punfthd), un^ ach^ UJ)i itn ^obenicht ein. Ein Leckerer Bratendlist durchzog das enge Stockwerk, und die Verstaubcheit der Bouteillen auf dem Tisch hätten G»eü schon gezeigt, daü dieser Abend .besonderen Anlatz haben muhte, wenn nicht Kant, nachdem fid) die drei bequem um den ovalen Tisch gruppiert hatten, zu et Lieben ^Freunde," so perorierte er die einigermaßen Verdutzten, lieben Rreunbe ein Tag der Freude bewog mich, tote zu mir zu laden. st,n ^»ind ber mich seit Wochen heftig bekriegt hat, unzulänglich icglicher Humanität und nalurrechilicher Vereinbarung, ist blutig geschlagen wvr- M Er inachte eine kunstvolle Pause. Scheffner und Hippel begannen 3U ^D^u Hahir," holte der vielbelesene Magister pathetisch aus, ,M ein Tier' das in der Geschichte der Menschheit eine nicht unwichtige, ,a I)mbol- h-rste Nolle gespielt hat. Lehnen wir auch den Offenbarungsglauben als wider die Vernunftzwänge gehend ab, so wollen wir uns der empirischen Tatsache nicht verschließen, daß es ein Hahn war, der jenem hunger Betrus zum Anstotz ward, das in sich zu produzieren, was wir als bas böse Gewissen zu bezeichnen uns feit langem gewohnt haben. Ergreifender allerdings noch dünkt mich das Gedächtnis des weifen Sokrates der sterbend feine Freunde bat, ihm nach feinem freiwilligmnfreiwilligen -lb- nicht^lieben Freunde! Dieses Stüblein ist kein athenisches Gefängnis, und ich will keineswegs den Giftbecher trinken, vielmehr mit Ihnen zu guter Gesundheit diesen edlen Wein von Rüdesheim m mich lullen, in der Hoffnung, noch recht lange zu Nutz und Frommen der Gelehrtenwelt meine befd)eibenen Ideen vortragen zu dürfen. Ich bitte Sie aber auch mir, dem zwar nicht Toten ober auch nur Moribunden, vielmehr 'seit heute mittag froher denn je Lebenden, cm Hahnenvpfer zu br”’Bort unten" - und er erwies mit großer Geste durch das Fenster | wm Nachbargrundstück hin — „dort unten wohnte, hauste und krähte er. Störte meine Ruhe und Arbeitskraft, tagtäglich mehr, so daß meine gesamte Ideenwelt ihre zwar nicht prästabilifierte, aber dock) wimer wieder zu stabilisierende Harmonie zu verlieren drohte. Dem biplomutischen Geschick des alten Kriegers Lampe" - der zuckte, eben die Schuß A mit dem Äfeudodahn hereintragend, zusammen und segnete die Einrichtung des Himmels, daß Hähne mit Untergang der Sonne ihre «tangs aufzusuchen pflegen — ,isi es gelungen, den Störensried meines denkerischen Ruhebedürfnisses käuflich zu erwerben. Ich bin ehrlich genug, es einzugestehen, ich fühle eine fast tannibatifd)e Genugtuung, dich' — und damit tippte ci I mit s-eaerischem Zeigefinger dem bräunlich schimmernden und knusprig I bu tenben Geto bes wirklichen Störenfriebes auf die Stelle, an der der schmetternde Klang seiner Stimme zu entstehen pflegte — „dich m diesem für dick) traurigen Zustand vor mir zu sehen. Ader nosic lich, du bist nicht mehr mein Feind! Du wirst befler in mein Blut e ngehen aü bisher Auiaelöst in feinste Atome, wirst du mein Hirn spesien unb nähren, dem du so oft unütz und frevelhaft Kräfte zerstört hast. R>e mehr . wirst, du krähenderweise---" • Unb da geschah das von Lampe nicht Vorausgesehene, cher Rachbar hatte am Abend ein Gerät im Garten liegenlassen. Mu einer ßaterne versehen suchte er es. Der Hahn fuhr aus dem Schlaf, hielt bie ~aterne für die ausgehende Sonne, eine Sinnestäuschung, die man der n.runken- heii seines ersten und bekanntlich tiefsten Schlummers zugute rechnen muß und krähte. Krähte kräftig unb morgenfreubig, krähte schmetternd und setzte sein Bemühen, die Welt von einem neuen ~age zu Überzeugen, um so heftiger fort, als sein Hühnervolk, mit besserem apriorischen Zeit- gesühi ausgerüstet als er, keineswegs daran dachte, eine e.allaterne für Dem klÄnen^Magister ^blieb das Wort im Halse stecken. Hippel und Scheffner sahen erstaunt von dem Redner auf den Hahn, von dem Hahn auf Lampe, von Lampe auf das Fenster. „Lampe," hauchte Kant, der sich gefaßt hatte, „Lampe, was be- i,CU8ampc?fieUte zögernd die Schüssel mit dem SieUvertreter auf den Tisch. Er zitterte leicht und dachte an die Schlacht von Kunersdorf, bei der er wie nie vorher in feinem Leden das fliehen gelernt batte. Der Nachbar hat sich, fcheint's, bereits einen neuen Hahn gefault , versuchte Scheffner die verlorene Sage des Dieners zu retten Ader Kant war nicht gesonnen, diesen Streich ungerochen über sich ergehen zu lassen. „Sehen Sie sich ihn an, den Monsieur , intrimtmerte er? ,So sieht bas leibhaftige böse Gewisfen aus. So sah jener Petrus aus, damals, als der Hahn in Jerusalem krähte. Lampe, Er hat mich betrugen ,vollen! Lampe, ich bin völlig konsterniert! Lampe, was ist das für em berechnete Hoffnungen erwecken - um Kalender handel, ch s- "Sw» »y« sssgtg zu erforschen, de» Zusammenhang zwischen der ^'"erung u. 'Lt: welchen Geschehnissen, deren Spur unverwischbar durch sehr lange I- räume fid) bis auf unsere Tage erhalten hat, so öuvcr a »- SU e i daß wir aus irgendwelche» Befunden, die uns in angst enlWw I Zeiten zurückführen, Rückschlüsse auf irgendwelche Witterungstalapr ^^EGe°solch/ Möglichkeit scheint in der Tat gegeben zustnn. | Es ist b7kannt, daß die Bäume unseres Mma- aUzahrlich u chreE fmlre enen neuen ringförmigen Zuwachsstrelfen zu Der ucreu» früheren Jahren her vorliegenden Holzmasse hinzukoimnen .ß I [nn Jahresring der auf jedem durch einen Baum gelegten Qucrs.-). . | verkennen ist Es wechselt breite, deutlich sichtbare Rn'ge >n t dM«M i uud ungleid)mähig entwickelten. Wir wissen, daß stuach de ntlj, I eines Baumes (eine alljährliche Holzproduktion versche e J ^||( fallen kann: Breite Jahresringe lasten au gutßn Treckci'- schmale Jahresringe auf ungünstige Zeiten auf Rieben gr ß fln6ere I beit auf Jahre, in welchen einem Baum durch 3nfettcntraB Faktoren übel mitgespielt worden ist. Die Regelmutzigk „ Wallung der Baum Ring auf Ring baut gestattet uns, vom Jahre 3ül;rc ober seinem Tode an zuruckzuzahlen unb zu ermitteln, in eiw ^ hlt Zeiten des Mangels für ihn fielen, und in welchen anderen ’omn,en Bedingungen der Außenwelt ihn zu üppiger dewe^produMon^ ließen. Mit Recht hat man den Baum und fein Jahresrn gj )!! ^j!tcrulig ungeschriebenes Archiv bezeichnet, in welchem Bericht uver und Katastrophen über Zeiten reichlicher Ernahrung u iitfrcid)en, berichtet wird. Ein solches Archiv kann viele hundert Ja^e zui: wirb, bis schließlich die Zeit auch einer o widerstandsfähigen J«!! -JrAaiK!* wie es das Holz darstellt, und mit feinen Gewebelagen das ruai | Kalendarium verfällt, das wir uns von ihm versprachen. ^Der'war in ein Nachdenken versunken. Hippel unb Scheffner sahen Nd, an rmb schwiegen. Lampe wischte sich den Schweiß mit dem Aerme von der Stirn? Als der Magister immer noch nichts sagte, winkte Hippel SQ SamlT wg"sA° au?Zchenspitzen zur Tür zurück Als die Türklinke tÄrSÄWÄ » war jener" — unb er deutete in den Garten hinab — „wo war jener den Tag über?" . .„ 3m Hof — wie immer, Euer Gnaden! "Sag Er: hat Er denn nicht gekräht? Immerfort!" Und Lampe fetzte mit dem Wißen- des m diesen .mngen Erfahrenen anfklärend hinzu: „Bei diesem W s-,öcbkt ieliiam' Ennl wandte fid) seinen Freunden zu. „Seltsam! ... Hocytt leiqam. 3* habe es in der Tat nicht gehört. Das heißt: ich habe es Horen msisstn. 'llber ich habe es nicht apperzipiert ..." Unb er versank erneut in Wweftertannte, bah dies ein günstiger Moment war, aus dem Rimmer m entkommen. Hippel griff zu dem Tranchiermesser und begann den unglücklichen Stellvertreter zu zerlegen, während Schefsner nach alter aus den Römern flieg, tarn i d^«eine g*® ®i?men“?SierliSer,nalsrcrlfon| I L »sle'ate lieben Freunde, neben Petrus unb Sokrates mache ich M-MSMWM toiSÄL“i ä'ä« «»,«<•» We wirb wohl ein wenig länger dauern als einen -benb. Man hat erfolgreich versucht, dis Periodik der Maikäfer-Jahre an der Struktur der in ihnen heimgesuchten Bäume für lange Zeiten zurück- zuvcrfolgen, und es kann kein Zweifel bestehen, daß ein genaueres Studium der Holzstrukturen und ihre Abhängigkeit von äußeren Bedingungen uns noch mancherlei andere Aufschlüsse durch das Studium der vor vielen Jahrhunderten abgelagerten Holzringe zu gewinnen. Voraussetzung bleibt dabet natürlich, daß wir unsere Untersuchungen über die Wirkungsweise von Hunger und Ueberfluß, von Wetterkatastrophen und Insektenfraß usw. an denselben Baumarten machen können, die uns in vielhundertsährigen Exemplaren zur Verfügung stehen; denn jede Baumart hat ihre eigene Reaktionsweise und von dem Verhalten der einen darf nicht auf die irgendwelcher anderer Art geschlossen werden. Es fragt sich, ob auch andere Gewächse ihren jährlichen Zuwachs so regelmäßig betätigen und so scharf umgrenzt entstehen lassen, daß man noch in ferne Vergangenheit zurück ihnen ihre Wachstumsleistung nachrechnen und von Quantität und Qualität ihrer jährlichen Produktion B überzeugen kann. Solche Pflanzen gibt es in der Tat, und nament- in den Mooren. Man kann aus dem stockwerkartigen Aufbau der Sproffen noch eine Vorstellung von dem gewinnen, was die Pflanzen vor Jahren und Jahrzehnten durch ihr Wachstum geschaffen haben; aber ob mau mit ihrer Hilfe weiter als einige Jahrzehnte wird zurückgehen kSnnen, muh fraglich bleiben. Auch in anderer Beziehung gewinnen die Moore sllr uns die Bedeutung glaubwürdiger Archive. Das Torfmoos, das den Hauptbestandteil der Hochmoore ausmacht, wächst alljährlich um ein bestimmtes Maß weiter, so daß aus der Mächtigkeit des Torfs, der im Laufe langer Zeiträume aus den Torfmoosstämmchen geworden, das Alter berechnen kann, das jene Moore bereits erreicht haben. Aus der Mächtigkeit des durch feine Pfahlbauten bekannten Federseerieds und aus dem Gewicht der Torffubftanz hat man berechnet, daß die ganze Torfschicht des Rieds jetzt (1928) 2827 Jahre alt ist. Der Untergang des Pfahlbaudorfes, über dem sich das Moos erhebt, muh also ungefähr'im Jahre 900 vor Beginn unserer Zeitrechnung erfolgt sein. Karl Bertsch hat weiterhin berechnet, daß andere Moore ein Alter von 22 000 Jahre hinter sich haben. Wäre es nicht vielleicht möglich, mit Hilfe der Archive, mit welchen wir die Moore verglichen haben, auch Näheres über wichtige Ereignisse zu erfahren, die sich während so langer Zeiträume abgespielt haben, und die wir mit Hilfe der hier angedeuteten Berechnung aus Mächtigkeit und Gewicht der Moorsubstanz wenigstens ungefähr datieren können? Diesem Wunsche bringen diejenigen Arbeiten Erfüllung, welche gerade in den letzten Jahrzehnten mit großem Eifer und hervorragendem Erfolg die sog. „Pollenanalyse" der Moore betrieben haben. Es hat sich herausgeftellt, daß die Pollenkörner derjenigen Pflanzen, welche aus dem Moore wuchsen oder in seiner nächsten Nachbarschaft vorkamen, sich in dem Moore und Torf so gut erhalten haben, daß man sie aus diesem herauswaschen und mikroskopisch untersuchen und auf die Pslanzcnart hin bestimmen kann, der sie angehören. Eine solche Pollenanalyse gibt also 'Ausschluß über den Wechsel der Flora, der sich im Laufe der Jahrhunderte abgespielt hat, welche das Moor bereits erlebt hat. Aus der Zusammensetzung der Baumflora aber dürfen wir Rückschlüsse auf das Klima ziehen, unter dem das Moor sich entwickelt hat. Vielleicht vermögen auch mikroskopische kleine und kurzlebige Organismen Aufschlüsse über die vor vielen Jahren und Jahrhunderten verwirklichten Exiftenchediugungen zu geben, falls sie in einer die Nachrechnung verflossener Zeiträume gestattenden Weife und Anordnung auf uns gelangen. Ein russischer Forscher, Perfilieu, hat letzthin auf dem internationalen Kongreß der Limnologen eine Methode beschrieben, welche gestattet, den in irgendwelchen Gewässern sich absetzenden Schlamm auf die' scharfen Zonen hin zu untersuchen, die sich bei seiner Absetzung gebildet haben und welche durch geeignete Präparation der mikroskopischen Untersuchung zugänglich gemacht werden können. Es wäre von größtem Interesse zu erfahren, ob nicht in diesen feinen Zonen durch Einlagerung gut erhaltener Mikroorganismen, z. B. der Panzer von Kieselalgen' usw., Rückschlüsse auf die Vegetation der Gewässer gezogen werden können und Rückschlüsse auf die Lebensbedingungen, welche vor langen Zeiten die Entwicklung der mikroskopischen Flora beherrscht haben. In einem Falle gelang es Persiliev, das Sediment durch 1620 Jahre hindurch seine Zonenbildung hin zu prüfen. Die Kornkammern der Ameisen. Bon Professur Dr. W. Goetzsch, München. Seit den Tagen Salomos werden die Ameisen den Menschen immer wieder von Moralpredigern als Vorbilder dargestellt, denen die Menschheit nacheisern soll. 'Allerdings trifft das, was der weise König in fernen Sprüchen sagt, üt unseren Breiten nicht zu. Bei uns bereitet keine Ameisenart „ihr Brot im Sommer und sammelt ihr Korn in der Ernte". So schädlich gerade wegen ihrer Arbeits-- und Sammelwut uns diese Tiere oftmals sein können — an Getreidevorräten verursachen sie niemals Schaden, und es bestehen daher bei uns auch keine Gesetzesvorschriften wie im Talmud, wo darüber .bestimmt wird, wem die in Ämeisennesterrr gefundenen Körner gehören. Sn den warmen M'ttelmeerländern dagegen sind die körnersammelnden Ameisen — Angehörige der Gattung „Mesior" — eine wohlbekannte Erscheinung, und ihre langen, zum Rest hinführenden Straßen, auf denen die dichtgedrängten Tiere, hin und her eilen und wie ein Perlenband m her Sonne glitzern, müssen auch dem Laien ausfallen. Betrachtet man io-che Straßen genauer, so kann man erkennen, daß die zum Nefieingang hrneilen- den Tiere stets mit einem Samenkorn beladen sind, das sie nut ihren Mundwertzeugen, den Mandibeln, gepackt halten. Gräbt man etwas an den Resteingängen, io sieht man, daß sich verhältnismäßig nahe der Oberslache Vorratskammern befinden. Dort find die Körner ziemlich wahllos auf» gestapelt, oft vermischt mit völlig unbrauchbarem Material w,e Schneckenschalen und dergleichen, ein Zeichen, daß die Ameisen sich bei der eiligen Einsammelarbeit leicht irren können. Daun erst erfolgt die Sortierung, wobei sie eine Art „Dreschen", ein Abstreifen der äußeren Hülle vornehmen. Schließlich liegen dann die so vorbereiteten Samen in den „Kornkammern" etwas tiefer aufgestapelt. Man nahm zuerst an, daß die Ameisen die Keimung künstlich verhinderten, da nie eine solche beobachtet wurde. Eine zweite Meinung ging jedoch dahin, daß die erste Keimung nicht nur nicht verhindert, sondern sogar hervorgerusen wurde. Oft findet man nämlich in der Nähe des Nestes Körner, die dort in Keimung übergehen und bann von den Tieren wieder eingetragen werden. Manchmal lagen auch um das Rest herunr auf den Absattstätten Haufen abgebissener Keimlinge. Dies galt bann als Zeichen dafür, daß die Ameisen ihr Getreide absichtlich einem Mälzungsprozeß unterwerfen — d. h. die Körner erst einige Zeit keimen lassest, wodurch die Stärke in Zucker verwandelt wird. Ist ja doch alles Süße die beliebteste Speise aller Ameisenarten. Andere Arltoren nahmen noch kompliziertere Vorgänge an. Ue betau aber war man auf Vermutungen angewiesen, da. mich niemand gesehen hatte, daß die Tiere die Körner selbst, oder die aus ihnen hergestellten Produkte wirklich fraßeii. Diese wideriprechenden Annahmen zu klären Ivar sofort mein Bestreben, als ich in Neapel und Ragufa aus diese eigenartigen Tiere aufmerksam geworden war und dann in der Literatur keine genügenbe Auskunft über sie erhalten konnte. Es zeigte fick) aber bald, daß man sich nicht mit den einzelnen Jnstmkk- äußerungen begnügen durfte, sondern sich weitgehend in die Biologie und Psychologie dieser Ameisen, vertiefen mußte; denn oftmals gaben scheinbar abseits liegende Beobachtungen ben Schlüssel zur Deutung. So brachte beispielsweise, erst das Studium der Bauarbeiten Ausschluß über die hier in Betracht kommenden Fragen. Diese Bautätigkeit ließ sich besonders gut in beiderseits mit Glaswänden versehenen, aufrecht stehenden Gipsrahmen beobachten, die von oben, unten und von der Seite nach Bedarf befeuchtet werden konnten. Es zeigte sich dort, daß derartig befeuchtete Erdpartien bei uiibeschästigteu Tieren stets den Bauinstinft auslösten. War dies geschehen, so arbeiteten die Tiere äußerst fanatisch. Stundenlang wurden durchschnittlich alle zwei Mnuten von jedem Tier ein Steinchen oder Erdbröckchen nach oben befördert. Dieser Arbeitseifer machte auch vor Körnern nicht Halt, die ich der Erde beimischte, auch sie wurden in gleicher Weise mit hinausbesördert und auf die Absallshaufen getragen. Beim Einträgen der Körner wareii die Ameisen nun ebenso arbeitsstetig wie beim Bau. Brachte man Insassen eines Nestes dazu, gleichzeitig zu bauen und zu sammeln, so kümmerten sich die einzelnen Arbeitsscharen niemals umeinander. Und da beide mit fanatischem Eifer schasste», konnte es vorkommen, daß die Körner gleichzeitig von der einen Arbeitsschar eingeschleppt, von der anderen heraustransportiert wurden. Auch in den.Raturnestern läßt sich eine solche Sinnlosigkeit seststellen, wie Beobachtungen in Palma di Malloria zeigten. Da nun bei feuchtem Wetter gebaut und ausgetragen wird, geraten viele Körner mit Erde und anderem Abfall an die Restoberfläche, überwiegt dann bei Trockenheit die Tendenz, Körner einzutragen, so werden die Körner gekeimt oder un- gekeimt wieder ins Innere befördert. Eine absichtliche „Mälzung'' des Getreides ist damit absolut nicht bezweckt. Die weitere Verarbeitung ist dann komplizierter. Der Sameninhalt wird nämlich nicht sofort verzehrt, sondern eM von vielen Tiereii gemeinsam, oft stuiidenlaug, zerkaut („Kaugefellschaft ). Auf diese Weise e,rtsteht das „Aineisenbrot", das dann sofort, oder auch nach Deponierung verzehrt wird. Bei dem gemeinsamen Zerkauen, das sich auch bei tierischer Nahrung beobachten läßt, tritt reichlich Speichel aus; dies konnte unmittelbar beobachtet werden. Sowohl das Zerkauen, wie das Bespeicheln bewirkt die Umbildung der Stärke in Zucker. Zerquetschte Körner ergeben auch ohne Zutun der Ameisen nach einiger Zeit mit den üblichen chemischen Methode,i eine Zuckerreaktion, und in reinen Stärkeprodukten (Makkaroni), die kurze Zeit von den Ameisen bearbeitet wurden, ließ sich durch dieselben Methoden ebenfalls Zucker nachweisen. Endlich tonnte auch noch unmittelbar festgestellt werden, daß in den Speicheldrüsen der Ameisen wirklich ein Ferment vorkommt, das Stärke in Zucker zu verwandeln vermag. . _,, , ... ± Die Verwertung der Körner bei Messor gibt, wie zum «Schluß erwähnt sein mag, Hinweise dafür, wie wir uns die Entstehung der berühmten Pilzzuchten bei Atta-Ameisen vorzustellen haben. Bekanntlich stellen diese Insekten aus zerkauten vegetabilischen Substanzen ein Mistbeet her, in welchem Pilze wuchern, deren Knollen die einzige Nahrung der Tiere darstellen. Diese höchst komplizierten Instinkte konnten bisher eigentlich mit keiner einfacheren Gewohnheit minder hochentwickelter Formen in Zusammenhang gebracht werden. Wenn wir aber jetzt wissen, daß die Messvr-Arten Samen einjchleppen und zu einer krümeligen Masse verarbeiten, die sie häufig nicht sofort gebrauchen, sondern ost erst einige Zeit deponieren, so ist nur ein kleiner Schritt vorwärts zu machen, um zu den Mistbeete,, von Atta-Ameisen zu kommen. Wir brauchen uns nur vorzustellen, daß auf solchen beiseite gelegten „Krümeln" zufällig geeignete Pilze wuchern, und nun nicht mehr die Krümel, sondern die Pilze gesressen werden. Der weitere Schritt, daß dann auch pflanzliches Material eingetragen wird, das niemals dstekt zur Nahrung dienen kann, ist bei Messor ebenfalls schon angebahnt. Die Tiere schneiden nämlich oftmals Stückchen von Blättern und Stielen ab rind tragen sie ein, wenn sie in ihrer Sammelwut keine geeigneten Samen finden. Wie aus dem hier Dargestellten hervorgeht, hatte der weise Kömg der Bibel recht, daß „die Ameise ihre Körner einträgt, und daraus ihre Speise bereitet". Die Moral von der Geschichte ist indessen nicht io einfach und eindeutig, wie sie Salomo wohl auffaßt. Die Ameife „weiß" nicht' was sie tut, und warum sie es tut. Sie handelt vielmehr unter dem Zwang, arbeiten zu müssen. (Nachdruck verboten.) (Schluß) verantwortlich: Dr. Hans Thvriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Duch. und Steindruckerei. D. Lange, Gießen. Die ZilberLnsek. Von Ewald Gerhard Seeliger. dicken Tauen und Stahltrossen hatte man sie an die Pfahle des Ufers gefesselt. Noch einen halben Meter mußte der Strom steigen, dann war es ihm ein leichtes das ganze inorfche Holzgerüst auf seinen Rücken zu nehmen und hinabzutragen. Er mußte hinüberschwimmen! Hilde würde es nicht zugeben, aber es war die einzige Rettung. Er stieg hinab. Durch den Stamm gedeckt haschte er nach ihrer Hand und flüsterte ihr ins Ohr: „Ausharren, Hilde, ich bin bald wieder zurück!" Ein langer Kuß, den er ihr auf die Lippen preßte, hinderte sie am Sprechen. Ste erriet, was er vorhatte. „Balthasar!" schrie sie auf und wollte ihn halten. Aber er riß sich los und sprang hinunter. Hier holte er noch einmal tief Atem und warf sich in den Strom Die Smne drohten ihm zu vergehen, als ihn das Wasser mit gewaltiger Schnelligkeit dahinriß. Sein Herz begann zu rasen. Aber er zwang es 3ur Ruhe. Er gewöhnte sich bald an die reißende Bewegung nach vorn, uer Strom hob ihn und trug ihn, daß es ihm keine Mühe machte, an der Luft zu bleiben. Balo aber sah er das Vergebliche seines Tuns. Während er eine Handbreit dem Ufer näher kam, hatten ihn längst die Wasser zwanzig Meter und noch mehr stromab gerissen. Er gab das Schwimmen auf und ließ sich abwärts treiben, gerade auf die Brücke zu. * . Verkehr stockte dort. Sie war gesperrt, weil man ihren Einsturz ^e.surchtete. Mit dicken Tauen und Stahltrosien hatte man sie an die Und hatte er bis jetzt sehnlichst gewünscht, daß ein vaar Briickenbalken gegen tue Eiche a„schwimmen möchten, schob er nun diesen Wunsch wie etwas Furchtbares von sich. Wenn die Eiche vor dem Anprall brach oder den Boden fahren lieh, so waren sie beide dem Untergänge geweiht. Nach neuen Möglichkeiten zermarterte er sein Hirn. Nichts ließ sich finden. Nur eins: Ausharren! Und Hilde lag in seinen Armen, ohne sich zu rühren. Er glaubte ste schlafend, doch sie ruhte nur wie gebannt voil dem Latisck)en auf den näher schleichenden Tod. Wenn er jetzt käme, plötzlich, unerwartet, und sie hinunterrisse in tue Tiefe! Und ein wildes Verlangen regte sich in Balthasar. Er wollte sie noch tiefer in |eilte Arme reißen und sie trinken, in langen, hastigen Zügen, wie einen Todestrank. Durch den Taumel zum ewigen Schlaf Hatte er nicht ein Recht dazu? In seinen Adern brannte das Blut, gepeitscht vom Verlangen seiner Jugend. Und er beugte sich zu ihr hinab, und der Duft des jungen Körpers lockte und umschmeichelte seine Sinne. Aber er küßte sie nicht. Es hielt ihn etwas zurück. Je heftiger das Begehren mürbe, um so stärker wurde das Gefühl seiner eigenen Kraft. Und er wollte nicht den Tod, sondern das Leben. Vom Kampf ermattet, suchte er mit der Hand einen Stützpunkt am 3oben ®r griff ins Wasser. Die Flut hatte den Wall der Insel erreicht und schickte die ersten Boten über ihren Kamm. Das Unterwasser stand noch bedeutend tiefer, und die Wehre donnerten noch immer im fürchterlichen Gleichtakt. „Hilde!" rief Balthasar leise. Sie schauderte zusammen und öffnete die Augen. „Wir müssen hinauf!" Die Angst preßte ihr die Kehle zusammen, nur ein dumpfer Laut der Qual entrang sich ihrer Brust. Schlaff hingen ihrs Arme. „Komm, Hilde, komm! Ich helfe dir!" Mit zitternden Händen griff sie nach dem knorrigen Stamm, ihre .Knie zitterten. „Ich kann nicht, Balthasar, ich kann nicht." Mit einem Wehschrei sank sie in seine Arme. Er hob sie und spannte seine Kräfte aufs äußerste an Endlich hatte er sie bis auf den untersten Ast gebracht. Hier erholte sie sich etwas und stieg mit seiner Hilfe weiter bis zu einer Astgabel, die ein bequemes Sitzen ermöglichte. Eben ging die Sonne auf. „Wir müssen sterben!" flüsterte Hilde tonlos und lehnte sich geschlos- senen Auges gegen den dicken Stamm. Ihre im Schoß gefalteten Hände waren we,ß und bebten wie im Fieber. Auch aus ihrem Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen. Balthasar wollte höher hinauf, um Umschau zu halten. „Richt fort! Bei mir bfeiben! Ich falle!" Doch Balthasar beruhigte sie, bettete ihr Haupt auf seinen weichen >Hlz, riß seinen Rock in Streifen, die er zu einem haltbaren Tau zu- mmmentnotete und band sie damit fest an den Stamm. Jetzt erst rannte sie wieder die Augen zu öffnen Doch die ungefesselte Wut des Stromes, der unter ihr tobte, warf sie sofort wieder in lähmendes Grauen zurück. „Mut, Liebste, und ausharren. Die Eiche hält." Da gab sie mit schwachem Druck seins Hand frei. Er stieg zum Wipfel. Nun war der Strom nichts weiter, als eine glitzernde hinabgleitende Evene. Die beiden Wehre waren verschwunden, die Silberinsel bis auf einen kleinen Kreis um den Fuß der Eiche, und vom Damm zur Stadt spannte sich die weißgelbe brodelnde Fläche Kein Boot, kein Retter weit umher. Die Pioniere waren längst in den Dörfern am Unterwasser, die stets am meisten von den Ueberlchwem- munaen zu leiden hatten. ,Unb hier oben wurde das, was lange in seinem Innern gärte, zum Entschluß. . Nur ein einziger Mensch war auf der Brücke, zwei Pfeiler nach der» ! P!C1,3U' ^U5 Vrust löste sich ein wilder Schrei. Der Marn | horchte aus, erblickte ihn, schrie auch und warf ihm einen Rettunasrln» zu. Allein Balthasar war längst durch die Brücke gerissen worden und der Äorkrmg schwamm weit hinter ihm her ' un° „„Die Leute am Ufer hatten ihn längst aus dem Gesicht verloren und begnügen, nach der nächsten Station eine Depesche S senden, daß em Mensch unterwegs fei. ’ ’ äU ^iter ab Seine Kräfte verließen ihn allmählich. Nicht weit vor ihm her schwamm ein alter, halbverdorrter Weiden, stamm vorbei, auf den strebte er zu. n Aber das Holz machte schnellere Fahrt, als Balthasar. Gewaltig arikk ni-aim'mfUm>e>S 3t! erhaschen. Und obgleich die Entfernung nicht mehr Leben ter betrug, wurde es doch eine lange Jagd auf Tod und Zweimal war er nahe daran, zu versinken, nur der Gedanke an Hilde 3,!‘ Kraftanspannung an. Das Blut wich aus den Finget bedrängte das Herz. Schweiß rann ihm von der Stirn, aber er strebte vorwärts. Es war ihm, als hinge an dem Weidenbaume seine inettung. ’ endlich erreichte er ihn. Er war nicht imstande, hinaufzuklettern Erschlafft hing er zwischen den Aestep. Die Arme versagten ihm den Dienst, und nur mit den Zahnen konnte er sich festhalten. ” Unb io trieb er stromab, hundert Meter um hundert Meter, und sai> '"cht rechts und nicht links, nicht vorwärts und nicht rückwärts. 9 über den Nacken hielt er steif und die Zähne zusammengepreßt. Es kamen ja noch andere Brücken, und einmal mußte man ihn ja zemg genug bemerken. ' 1 Unb Hilde? Da entflammte feine Kraft aufs neue. Er zog sich auf den Stamm b.naus und hielt Umschau. Mitten durch den Wald der weit unterhM der ätnbt lag, führte ihn. der Strom. Er ritz einen Zweig vom Weidenbaum unb schwenkte ihn schreiend über dem Kopfe. Keine Stimme, die Antwort gab, nur ein großer Raubvogel schwebte lautlosen Fluges über bem Strom. Hin unb her wand sich der Strom, unbewohnt die Ufer, meilenweit die Damme entfernt. Plötzlich schaute Balthasar auf. Da tagen mitten im Wasser drei bemannte Boote, und zwölf schwingende Ruder in jedem boten der Strömung Trotz. Balthasar schrie unb schwenkte seinen Zweig. Er hörte ein lautes Baumes 0' Unb eil15 ber Boote steuerte gerade in die Richtungslinie des Er griff nach dem Bord des Pontons, unb zehn Hände auf einmal rissen ihn aus dem Wasser. Es waren die Pioniere, die durch die Depesche gerufen waren, mitten tm Strom eine Wache aufzustellen. Balthasar fuhr hastig in die bargereichten Kleider, sog an der Flasche, die cym ein Gutmütiger an die Lippen hielt, und hatte dabei nur einen Gedanken: Hilde! „Ich muß nach der Stadt!" „Wirb wohl keine Eile haben", meinte brummend der Unteroffizier. „Ich muß!" schrie ihn Balthasar an. daß er erschreckt zurückwich. „Na, dann lauf, der Damin ist noch ganz." Unb Balthasar lies, wie er ' noch nie in seinem Leben gelaufen war, mit hungrigem Magen, mit bloßem Kopse, in Stiefeln, die ihm zu weit waren, immer auf dem Kamme des Dammes am Wasser entlang. In weniger als einer Viertelstunde hatte er den großen Wald durchquert. Dörfer schwanden in seinem Rücken und neue tauchten vor ihm auf. ■ Nach dem tiefen Stand der Sonne zu urteilen, konnte es noch nicht über sieben Uhr morgens fein. Schon glänzten die Kuppeln der fünf Kirchtürme des Städtchens durch das Grün der Bäume. Dann sah er die alte, dickkövfige Brücke, die noch immer zusammenhielt. Er ließ sie rechter Hand liegen und stürmte auf die rote Mühle zu. Bis an die Knie reichte ihm das Wasser im Muhlenhofe, er watete hindurch und wollte nach dem Müller rufen. Aber die Stimme versagte ihm den Dienst. Erschöpft lehnte er am Moste» der erhöhten Haustür. Ein Mühlenbursche lief nach der Mühle. „Der Müller", keuchte Balthasar. „Da kommt er schon." Als Moritz Kraufe Balthasars ansichtig wurde, wußte er nicht so- fort, ob seine Wut ober seine Verwunderung größer sei; jedenfalls sagte er kein Wort. „Hilde ist auf der Silberinsel", stieß Balthasar, lallend vor Schwäche, noch heraus, dann brach er bewußtlos zusammen. Einen Augenblick zögerte der Müller/ dann hob er Balthasar auf, trug ihn in fein Zimmer unb gebot feiner Wirtin, ihn zu Bett zu bringen. «Der Kerl ist total verrückt", murmelte er, als er an Hildes Zimmer klopfte. Als er aber keine Antwort erhielt, wurde ihm bonge, und kurzerhand stieß er die Tür auf. Hildes Bett war unberührt. Da schrie er laut nach feinen Leuten, sprang mit ihnen ins Boot unb stieß hinüber, um seine Tochter zu retten. Ms er ihre Bande löste und sie mit starkem Arm emporhob, da flüsterte sie lächelnd und glücklich: „Balthasar!" Balthasar Bubke aber lag im Beit und mußte sehr heißen Fliedertee trinken. Und er träumte darauf, er wäre im Himmel und Hilde sei ein Engel geworden mit glänzenden Flügeln. Daß sie aber wirklich an seiner Seite war, das merkte er erst, als Moritz Krause die Tür von draußen leise ins Schloß gezogen hatte, und Hilde mit lautem Freudenschrei ihm an die Brust sank.