Jahrgang 1928 Dienstag, den 10. Juli und Iwans und Iljas und Pjotrs um ihn hl alle zugleich, als hätte diesmal der Genius nid)! Sexist ein in soll! und s« as @e< Lraun, diesem e Weimer zu Mutier, sie zu- sch mit finde« sie in ii fachet " sagte >ot sich immer i, nicht oorfen. hem« cieg zn wrkam :bte er reichet wohin =s—”—e Nummer SS «r? rie 10 am«, Ersatz, Psaner Knecht, Schach nid uni ii« stach (Elegie. Von Alexander Puschkin. Nachdichtung aus dem Russischen von Sigismund o. Radecki. Der tollen Jahre längst verloschne Lust Drückt wie ein Rausch von gestern meine Brust; Doch der vergangne Schmerz, den ich bewahre. Wird stärker wie ein Wein mit jedem Jahre. Mein Weg ist kalt. Mir kündet Müh' und Sorgen Das Nebelmeer des ungewissen Morgen. Allein ich will, o Freunde, nicht verscheiden, — will leben, um zu denken und zu leiben! Ich weiß, es wird der Freude reiner Kuß Mich rühren zwischen Unruh' und Verdruß; Mich werden wieder Harmonien stillen, Mir werden beim Gedichte Tränen quillen, Und vielleicht wird des Lebens dunkle Grenzen Die Liebe mit noch lächelnd überglänzen! igoltt, id eine illerlei i He« id mit besuch igntite en, ist einer chtdt wissen ihrer ander ische» ibrnni durch afft-, :lM sie t semig, ander« ihe und freier rhm z« rauhen -ündrp worden rsmhen e reich, «de ihm lte, bete neue daß et en uni (in Ton in den ■ in dH ur noch te nach etzt ab- siestA ht noch den Gestaltenden nicht. Als Knabe, als Jüngling, als Mann, selbst als Greis, rmmer wirkt Tolstoi bloß wie irgendeiner von vielen. Er paßt in jeden Rock, unter lebe Mütze: mit solch einem anonymen allrussischen Antlitz kann man ebenso einem Mmisterttsch präsidieren wie betrunken in einer Vagabunden« kneipe spielen, Weißbrot auf dem Markt verkaufen oder im seidenen Meßkleid des Metropoliten das Kreuz über die kniende Menge erheben: nirgends, in keinem Berufe, in keinem Gewände, an keinem russischen Orte fiele dies Antlitz als ein unverkennbares auf. Als Student sieht er aus wie zwölf auf em Dutzend, als Offizier wie irgendein Säbelträger, als Landedelmann wre irgendein Krautjunker. Fährt er im Wagen neben dem weißbärtiaen Diener, so muß man schon sehr gründlich die Photographie abfraqe«, welcher der beiden Alten am Kutschbock eigentlich der Graf ist und welcher der Kutscher; zeigt ihn ein Bild im Gespräch mit den Bauern, und wüßte man s nicht, keiner würde erraten, daß dieser Lew inmitten des Dorf« klungels em Graf ist und sonst noch mlllionenmal mehr als all die Grigors und Iwans und Iljas und Pjotrs um ihn herum. Als wäre dieser eine alle zugleich, als hätte diesmal der Genius nicht die Maske eines besonderen Menschen genommen, sondern sich verkleidet als Volk, so gänzlich anonym, °..aUrus isch wirkt fern Gesicht. Gerade, weil er ganz Rußland enthält tragt Tolstoi kein eigenes, sondern nur das russische Antlitz. nY1 Darum enttäuscht zunächst sein Anblick fast alle, die ihn erstmalig sehe«. Meilenweit sind sie mit der Bahn und von Tula dann im Wagen herüber« gekommen, nun harren sie im Empfangsraum ehrfürchtig des Meisters; leder erwartet innerlich überwältigende Gegenwart, und die Seele formt ihn voraus als mächtigen, majestätischen Mann mit flutendem G ottvaterbart, hochragend und stolz, Gigant und Genie in einer Gestalt. Schon drückt der Schauer der Erwartung jedem die Schultern herab, schon duckt sich der Blick unwillkürlich vor der Riesengestalt des Patriarchen, zu der er im nächsten Augenblick aufschauen soll. Da öffnet sich endlich die Türe, und siehe: ein kleines untersetztes Männchen tritt so behende, daß der Bart weht, mit fast laufenden Schritten herein, hält inne und steht freundlich lächelnd vor dem überraschten Gast. Munter, mit schneller Stimme, plaudert er ihn an, aus leichtem Gelenk bietet er jedem die Hand. Und sie nehmen die Hand, iw tiefsten Herzen erschreckt: Wie? dieses freundlich gemütliche Männchen dieses „flinke Väterchen im Schnee", dies wäre wirklich Leo Nikolajewitsch Tolstoi? Der Vorschauer von Majestät verfliegt; ein wenig ermutigt wagt sich die Neugier empor an sein Gesicht. Aber plötzlich stockt dem Aufschauenden das Blut. Wie ein Panther ist hmter den buschigen Dschungeln der Bräuen ein grauer Blick auf sie los« gesprungen, jener unerhörte Blick Tolstois, den kein gemaltes Bild verrät und von dem einzig doch jeder spricht, der jemals dem Gewaltigen ins Antlitz gesehen. Ein Messerstoß, stahlhart und funkelnd, nagelt dieser Blick jeden Menschen fest. Unmöglich, sich noch zu rühren, sich ihm zu entwinden, ein lebet muß hypnotisch gefesselt bulbett, daß dieser Blick neugierig und schmerz« haft tote eine Sonde ihn bis ganz tief innen durchdringt. Gegen Tolstois ersten Blickstoß gibt es keine Gegenwehr: wie ein Schuß durchschlägt er alle Panzer der Verstellung, tote Diamant zerschneidet er alle Spiegel. Niemand — Turgenjew, Gorki und hundert andere haben es bezeugt — kann lügen vor diesem penetrant durchbohrenden Blicke Tolstois. Aber mir eine Sekunde stößt dieses Auge so hart und prüfend zu. Dann taut die Iris wieder auf, glänzt grau, flirrt von verhaltenem Lächeln oder güttgt stch zu weichem, wohltuendem Glanz. Wie Wolkenschatten über Wasser spielen alle Verwandlungen des Gefühls über diese magischen und ruhelosen Pupillen ständig dahin. Zorn kann sie aufsprühen lassen in einem einzigen kalten Blitz, Unmut sie frosten zu eisklarem Kristall, Güte sie warm übersonnen, Leidenschaft sie entbrennen. Sie können lächeln von innerem Licht, diese geheimnisvollen Sterne, ohne daß der harte Mund sich rührte, und sie können, wenn Musik sie schmelzend macht, „strömend weinen", wie die eines Bauernweibes. Sie können Helligkeit aus sich holen von geisti« ger Genugtuung und plötzlich trüb abdunkeln, überschattet von Melancholie, und sich entziehen und undurchdringlich sein. Sie können beobachten, kalt und unbarmherzig, können schneiden wie ein chirurgisches Messer und durchleuchten wie Röntgenfeuer, und sofort dann wieder überrieselt sein von flirrendem Reflex spielender Neugier — alle Sprachen des Gefühls spreche» sie, diese „beredtesten Augen", die je aus einer Menschenstirn geleuchtet. Und wie immer findet ihnen Gorki das schllderndste Wort: „In seinen Augen besaß Tolstoi hunderk Augen." In diesen Augen, und einzig dank ihnen, hat Tolstois Antlitz Genie. Alle Lichtkraft dieses Blickmenschen erscheint in ihrer Tausendfalt rejlloS gesammelt wie Dostojewskis, des Denkmenschen, Schönheit in der marmornen Wölbung seiner Stirn. Alles andere in Tolstois Gesicht, Bart und Busch, das ist nichts als Umhüllung, Schutzraum und Schale für die eingesenkte Kostbarkeit dieser magisch-magnetischen Lichtsteine, die Wett in sich ziehen und Welt aus stch strahlen, das präziseste Spektrum de» Universums, das unser Jahrhundert gekannt. Nichts wuchert so winzig, daß diese Linsen es nicht noch versichtlichen können; pfellhaft, tote der Habicht aus unfaßbarer Höhe auf eine flüchtende Maus, können sie nieder« lohen auf jede Einzelheit und vermögen doch zugleich alle Weiten des Welt- Bildnis Tolftois. Bon Stefan Ztoeig. Aus dem soeben im Insel-Verlag zu Leipzig erschienenen neuen Buche von Stefan Ztoeig „Drei Dichter ihres Lebens" (Casanova — Stendhal — Tolstoi). Ueberivaldetes Antlitz: mehr Dickicht als Lichtung, jeden Eingang ob« wehrend zur inneren Schau. Breit im Winde wehend, drängt der strömende Patriarchenbart bis hoch hinein in die Wangen, überflutet für Jahrzehnte die sinnliche Lippe und deckt die braunrissige Holzrinde der Haut. Bor die Sttru duschen sich fingerdick und wie Baumwurzeln verfilzt mächtige Augenbrauen, über dem Haupte schäumt, graue Meerflut, die unruhige Gischt der dicht zerrütteten Strähnen: überall wirrt und wuchert in tropischer Ueppigkeit dies urweltliche Wachstum von panisch ergossenem Haar. Genau wie beim Moses des Michelangelo, dem Bildnis des männlichsten Mannes, wird vom Antlitz Tolstois zunächst nichts dem Zublick gewahr als die weiß- schäumige Welle riesigen Gottvaterbarts. So wird man genötigt, um das Nackte und Wesenhafte so überkleideten Gesichts mit der Seele zu erkennen, dies Dickicht des Barts von seinen Zügen toegzuroden (und die Jugendbilder, die bartlosen, helfen sehr solcher Plastischen Enthüllung). Man tnt's und erschrickt. Denn unverkennbar, unleugbar: dieses adeligen Geistmenschen Gesicht ist im Grundriß grob gefügt und nicht anders denn das eines Bauern. Eine niedrige Hütte, rußig und verraucht, eine rechte russische Kibitka, hat hier der Genius sich gewählt für Wohnsitz und Werkstatt, kein griechischer Demiurg, ein lässig ländlicher Schreiner hat dieser weiten Seele die Hausung gezimmert. Plump gehobelt, grobfaserig wie Spaltholz, die niedrigen Querbalken der Stirne über winzigen Angenfenstern, die Haut nur Erde und Lehm, fettig und ohne Glanz. Mitten in dem dumpfen Geviert eine Nase mit weiten, offenen Tiernüstern, breit und breiig wie von einem Fausthieb hingeplättet, hinter struppigem Haar ungeformte lappige Ohren, zwischen einstürzenden Wangenhöhlen ein dicklippiger, mürrischer Mund: durchaus amusische Formen, grobe und fast gemeine Gewöhnlichkeit. Schatten und Düsternis überall, Niederung und Schwere in diesem tragischen Werkmannsgesicht, nirgends ein aufstrebender Schwung, ein flutendes Licht, ein kühn geistiger Ausstieg wie jene Marmorkuppel von Dostojewskis Stirn. Nirgends bricht ein Licht ein, strahlt Glanz auf — toer es leugnet, der verschönert, der lügt: nein, unrettbar bleibt dies ein niederes, versperrtes Gesicht, kein Tempel, sondern ein Gefangenhaus der Gedanken, lichtlos und dumpfig, unheiter und häßlich, und früh weiß er Won selbst, der junge Tolstoi, um seine verlorene Physiognomie. Jede An- Iptelung auf sein Aeußeres „ist ihm unangenehm"; er bezweifelt, daß es Mittals „irdisches. Glück für einen Menschen geben könnte, bet eine so breite Qi n ^cke Lippen und kleine graue Augen hat". Darum versteckt der ^nngimg schon früh seine verhaßten Züge hinter dieser dichten Maske icyivarzlichen Barts, den spät, sehr spät erst das Alter durchsilbert und ehr- l tkytig inacht. Nur das letzte Jahrzehnt lockert das düstere Gewölk, erst tragtscho ?ndlicht fällt ein vergütigter Strahl von Schönheit übet diese > ,9^ niederem, dumpfem Gelaß hat der ewig wandernde Genius bei Herberge genommen, in einer russischen Jedermanns-Physiognomie, 1 1 "er man alles vermuten möchte, nur den Geistmenschen, den Dichter, SiefienerSamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger alls panoranlisch zu umrunben. Sic.können aufbrennen in die Höhe des Geistigen und ebenso im Dunkel der Seele hellsichtig schweifen wie im oberen Reich. Sie haben Gut und Reinheit genug, diese Funkkristalle, um in Ekstase zu Gott emporzublicken, und haben den Mut, selbst dem Nichts, dem mebusischen, prüfend in das versteinernde Antlitz zu sehen. Nichts wird diesem Auge unmöglich, nur eines vielleicht: tatlos zu fein, zu dösen, zu dämmern, die reine ruhende Freude, das Glück und die Gnade des Traums. Denn zwanghaft muß, kaum daß das Lid sich auftut, dieses Auge auf Beute gehen, unbarmherzig wach, unerbittlich illusionslos. Es wird jeden Wahn durchstoßen, jede Lüge entlarven, jeden Glauben zertrümmern: vor diesem Wahrauge wird alles nackt. Furchtbar darum immer, wenn er diesen stahlgrauen Dolch gegen sich selber zückt: dann stößt seine Schneide mörderisch hart bis ins innerste Herz. Wer ein solches Auge hat, der sieht wahr, dem gehört die Welt und alles Wissen. Aber man wird nicht glücklich mit solchen ewig wahren, ewig wachen Augen. Tolstois Flucht. Von Philipp Witkop. Im Verlag des Volksverbandes der Bücherfreunde erschien die schöne Tolstoi-Monographie des Freiburger Universitätsprofessors Philipp Witkop. Er hat sich in diesem Werk, neben der Darstellung des äußeren Lebensverlaufs, die Aufgabe gestellt, den inneren Zwiespalt Tolstois zu gestalten: „den Gegensatz von ungebändigter Natur und fremd übernommener Geistigkeit, Leibeigenschaft und Zivilisation." Wie dieser Kanrpf in seinen letzten Lebenstagen, da Tolstoi Jasnaja Poljana fluchtartig verlassen hat, erlischt, mag das Schlußkapitel dieses Buches zeigen. Das ist der tiefste Sinn dieser Flucht: Tolstoi mußte der Menschheit sein Bild als Vorbild vollenden, den letzten Akt seines Lebensdramas gestalten, den Helden zur Einheit und zum Siege führen. Die weitere Verwirklichung war ihm kaum deutlich. Sein Arzt und Jünger Duschan Petrowitsch Makowitzky, begleitete ihn. Beide zusammen hatten nur zweiunddreißig Rubel mitgenommen und planten, über Rostow, Odessa, Konstantinopel nach Bulgarien zu reisen. Ein Traum von welt- ferner Rückkehr zur Matur und zu Gott umschwebte ihn — „wie die Inder ungefähr mit sechzig Jahren in den Wald gehen" — indes schon die Spitzel, Reporter und Photographen seinen Spuren folgten. „Bemüht Euch," schrieb er seinen Kindern, „die Mutter zu trösten, für die mich ein Gefühl aufrichtigen Mitleids und inniger Liebe erfüllt", und sein Tagebuch grübelt prophetisch am ersten Abend der Flucht: „Unterwegs dachte ich die ganze Zeit über einen Ausweg aus meiner und ihrer Lage nach und konnte keinen finden; es muß sich aber einer finden, ob man will oder nicht, und es wird wohl ein ganz anderer sein, als wir vermuten; darum soll man nur daran denken, daß man keine Sünde begeht. Was kommen muß, wird kommen." Am ersten Tage fuhr er bis Koselsk im Gouvernement Kaluga, übernachtete im Kloster Optina und besuchte am nächsten Tage seine Schwester Maria Nikolajewa im nahen Nonnenkloster Schamardino. Früh am 31. Oktober verließ er die Klosterherberge, bestieg in Koselsk den Zug und löste mit dem Arzt und seiner inzwischen nachgekommenen Tochter Alexandra Fahrkarten nach Rostow am Don. Mittags aber stellten sich Fieber und Schüttelfrost ein. Auf der nächsten größeren Station, in Astapowo, mußte er den Zug verlassen. Der Bahnhofsvorsteher, ein Verehrer seiner Schriften, stellte dem Kranken zwei Zimmer zur Verfügung. Eine Lungenentzündung entwickelte sich. Seine Fieberträume verraten die Angst, an der Weiterreise gehindert zu werden: „Nur fort, nur fort, sonst holt man mich ein!" Er beschwört seine Tochter, die Familie weder über seine Krankheit, noch seinen Aufenthaltsort zu verständigen. Aber sein Zustand wird täglich ernster und hoffnungsloser. Kinder und Freunde treffen ein, bedeutende Aerzte werden herbeigerufen. Von der Schriftleitung des „Rußkoje Slowo" über Ort und Krankheit benachrichtigt, erscheint seine Frau, die sich am Tage der Flucht verzweifelnd in den Gutsteich gestürzt hat. Die Kinder und Aerzte verweigern ihr den Zutritt. Der Sterbende selber diktiert ein Telegramm an die Kinder, die er noch mit der Mutter in Jasnaja Poljana glaubt: „Zustand besser, das Herz aber so schwach, daß Wiedersehen mit Mama für mich verderblich wäre." Indes Telegramme des Generalgouvernerrrs und Gendarmeriechess hin und her fliegen, Offiziere und Unteroffiziere zur Aufrechterhaltung der Ordnung befohlen werden, indes Berichterstatter aller großen russischen Zeitungen sich sammeln und Eisenbahnwagen zu Notwohnungen Herrichten, indes Photographen und Kinematographen ihre Apparate zücken und das traurigste und schamloseste aller Bilder festhalten: wie Tolstois Fran durch das verhängte Fenster des Stationshauses nach ihrem sterbenden Gatten sucht, sinnt dieser am Tode noch über die ewigen Fragen, in Angst und Mühe, noch jetzt das letzte, erlösende Wort zu finden: „Nimm das Notizbuch, die Feder und schreibe," sagt er der Tochter, „Gott ist jenes unbegrenzte All, von dem der Mensch sich als einen begrenzten Teil fühlt. In Wirklichkeit existiert nur Gott allein. Der Mensch ist die Offenbarung Gottes in Stoff, Zeit und Raum. Je mehr die Offenbarung Gottes im Menschen mit den Offenbarungen anderer Wesen sich vereinigt, um so mehr existiert er. Die Vereinigung dieses seines Lebens mit dem Leben anderer Wesen geschieht durch Liebe." Neue medizinische Autoritäten treffen von Moskau ein, sechs Aerzte weilen am Krankenlager. „Auf der Erde sind Millionen Menschen, von denen viele leiden. Weshalb sind denn alle bei mir allein?" Aus Wesenstiefen ringt sich sein Seufzer: „Aber die Bauern — wie sterben die Bauern!" Brechenden Auges ruft er Sergej, den Sohn, heran: „Serjoscha I Die Wahrheit ... ich liebe viel ...“ Die Wahrheit, der die Liebe den Weg weist: das war die Botschaft seines ganzen Lebens gewesen, das war sein letzter, verhauchter Läut. Am 7. — nach unserer Zeitrechnung am 20. — November 1910, morgens 6 Uhr starb er. Am 9. wurde er in Jasnaja Poljana begraben. Kein Geistlicher war zugegen. Bauern schaufelten sein Grab. Bauern hoben den Sarg, Bauern trugen an langen Stangen die Inschrift voraus: „Leo Nikolajewitsch! Das Andenken an Deine Güte wird unter uns nicht sterben. Die verwaisten Bauern von Jasnaja Poljana!" Beim Tode seines jüngsten, siebenjährigen Sohnes hat Tolstoi seiner alten Freundin Worte geschrieben, die den Sinn eines erfüllten Lebens deuten; sie könnten seine Grabschrift sein: „Er lebte, um in sich die Liebe zu mehren, um in der Liebe zu wachsen, weil dies wohlgefällig ist dem, der ihn ins Leben sandte; er lebte, um uns mit dieser Liebe zu durchdringen und die in ihm aufgesproßte Liebe nach seinem Heimgang zu dem, der die Liebe ist, uns zu hinterlassen, daß wir uns alle in Liebe finden." Die Kerze. Von Graf Leo N. Tolstoi. Verschiedener Art waren die Herrschaften zur Zeit der Leibeigenschaft. Es gab solche, die an Gott und ihre Sterbestunde dachten und Mitleid mit den Menschen fühlten; es gab aber auch solche, welche, ohne übrigens über die Toten böse Nachrede zu halten, nicht besser waren als Hunde. Schlimmer indes konnte keiner sein als die Verwalter, die aus den Leibeigenen hervorgegangen waren. Im Schmutz geboren, dann zum Herrschen erkoren! Gerade sie plackten am meisten. So ein Gutsverwalter nistete sich im herrschaftlichen Besitz ein. Die Bauern waren in der Frone. Biel Land war vorhanden, gutes Land, und Wasser und Wiesen und Wälder; für alle hätte es genügt, für den Herrn wie für die Bauern. Aber der Herr stellte als Verwalter einen seiner Leibeigenen aus einem anderen Erbgut an. Der Verwalter riß alle Macht an sich und setzte sich den Bauern auf den Nacken. Er selbst war verheiratet und Vater von zwei verheirateten Töch- tern, hatte sich Geld erworben, konnte also leben ohne Sünde; aber er war neidisch und sank im Sündenpfuhl ein. Sein Uebermut begann damit, daß er die Bauern außer der Zeit in den Frondienst schickte. Er richtete eine Ziegelbrennerei ein, Weiber und Männer ließ er dort arbeiten — und die Ziegel verkaufte er. Um beim Gutsherrn Klage zu führen, gingen die Bauern nach Moskau, drangen aber nicht durch. Der Verwalter aber kam dahinter, daß man über ihn Beschwerde geführt hatte, und wollte sich rächen. Von nun ab wurde das Leben der Bauern noch schlechter. Unter den Bauern gab es Leute ohne Treue und Glauben: sie machten die Angeber, wodurch sie sich und ihren Nächsten schadeten. Allmählich kam es dazu, daß der Verwalter von den Bauerir gefürchtet wurde, als sei et ein wildes Tier. Fährt er durch das Dorf, so verkriechen sich alle vor ihm wie vor einem Wolf, gleichviel wohin, nur ihm nicht vor die Augen zu kommen. Er bemerkt es wohl und erbost sich noch mehr darüber, daß man ihn fürchtet. Schläge, gehäufte Arbeit — die Bauern konnten die Qual kaum ertragen. Es war vorgekommen, daß man Bösewichte solcher Art Umbrachte. Die Bauern dachten darüber nach und versammelten sich geheim. Die Kühneren unter ihnen sagten frei heraus: Werden wir noch lange folchen Bösewicht dulden? So einen totzuschlagen ist keine Sünde. Einmal, kurz vor Ostern, kamen sie im Walde zusammen. Der Verwalter hatte befohlen, den herrschaftlichen Wald zu säubern. Es war zur Mittagszeit, als sie sich versammelten und redeten. „Wie sollen wir weiter leben? Er rottet uns mit der Wurzel aus. Weder Tag noch Nacht haben wir Ruhe, nicht wir und nicht unsere Weiber. Ist ihm etwas nicht gelegen, gleich bindet und peitscht er uns. Von seinen Hieben ist Ssemjon gestorben; und welche Qual mußte Anißima im Block erdulden! Was warten wir länger! Heut abend wird er Herkommen. Ist er wieder niederträchtig, reißen wir ihn vom Pferde — ein Hieb mit dem Beil und die Sache hat ein Ende. Wie ein Hund wird er verscharrt — weg ist er. Nur eine Bedingung: alle stehen für einen, keiner spielt den Verräter." So redete Waßilij Minajew. Der hatte die meiste Wut auf den Verwalter. Jede Woche peitschte ihn derselbe, hatte chm die Frau abspenstig gemacht und zu sich als Köchin genommen. Am Abend, kam der Verwalter geritten. Sofort schimpfte er, man schlage die Bäume nicht auf die rechte Weise. Zufällig fand er unter den gefällten Bäumen eine kleine Linde. „Ich hatte nicht befohlen, Linden zu fällen", schrie er. „Wer hat die Linde gefällt? Sprecht! Schnell! Oder ich werde alle peitschen." ~~ Er fragte ans, in wessen Reihe die Linde gestanden. Man wies ach Ssidor. Der Verwalter packte ihn, schlug ihm das Gesicht blutig. Auch Waßilij peitschte er, weil er dessen Haufen zu klein fand. Dann fuhr er nach Hause. Wieder versammelten sich am Abend die Bauern und Waßilij begann zu reden: „Eh, Brüder — nicht Menschen, sondern Sperlinge. Alle für einen wollten wir stehen — komrnt's aber zur Sache, kneifen sie aus. Ganz so war's, als die Sperlinge sich gegen den Habicht verschworen hatten. Nicht verraten! nur nicht verraten! Wir wollen füreinander stehen! Kommt aber der Habicht angeflogen — husch, alle unter die Brennesseln. Der Habicht packt den, welchen er braucht, und schleppt ihn fort. Die Sperlinge hüpfen hervor: tschiwik, tschiwik — es fehlt einer. Wer fehlt? Wanjka fehlt. Mb Wanjka hat es auch nicht anders verdient. So, Brüder, ist's auch mit euch. Wollt ihr nicht verraten, so schweigt doch still. Wie er sich den Ssidor vornahm, da hätten wir, einer für alle, mit dem Bösewichte ein Ende machen sollen. Nicht verraten! nur nicht verraten! Alle für einen! Wie er aber losgesprungen ist — husch, alle unter die Brennesseln." i^$ral?,rbCa? ^Echten wurden laut, die Bauern kamen nicht überein: mt Waßuij stimmen die einen, die anderen halten sich an Peter. etarnftOstersonntag gefeiert. Am Wend kommt der vlarost mit den Schreibern und sagt: ha'Ade! ?Sn?-°IUitto' bet $erroa,ter' befiehlt: morgen sollt ihr die Der Starost ging mit den Schreibern durch das ganze Dorf und traf me Anordnung — eine Partie sollte jenseits des Flusses arbeiten, die Adere am großen Wege. Die Bauern jammerten, aber gehorchten: am Won agmorgen machten sie sich auf und begannen zu pflügen. In der Kirche dl? Bauern Mügen^E^' über°n begehen die Menschen den Feiertag — J-W Ssemjonowitsch wachte auf, es war nicht ,nehr ganz früh, und Nimbgang. Seme Frau und die verwitwete Tochter (sie war zum Feiertag zu Besuch gekommen) putzten sich, setzten sich in die Teleaa 6amotomnn,a,Fr sw zurückgekehrt waren, stellte die Magd den vamowar auf, auch Michail Sscm;onowitsch erschien und sie tranken Tee Rach dem Tee rauchte er seine Pfeife an und ließ den Starosten kommen. »Hast du die Bauern zum Pflügen ausgeschickt?" „Habe sie geschickt, Michail Ssemjonowitsch." »Sind alle draußen?" „Sind alle draußen, habe selbst ihnen die Plätze angewiesen." bmä°«KiEn die Plätze angewiesen, hm — aber pflügen sie auch? Fahre Lc JÄ "ach und sage ihnen, daß ich am Nachmittag kommen werde. gepflügt werden — muß gut gepflügt werden. Finde H schlechte Arbeit, so werde ich nicht auf den Feiertag sehen." „Zu Befehl." JJJ0? 10ar gegangen, Michail Ssemjonowitsch aber ruft ihn zurück, ild r^9en u"b weiß nicht recht, wie er es anfangen solle, er dreht ■' sich, rappelt sich endlich zusammen und hebt an: I3“/. die Schurken über mich reden, wer schimpft und I m n“ U'^und hmterbrmge es mir. Ich kenne die Schurken — arbeiten I toten hna~v 0UL?lr ®ette rhe9en' iid> räkeln, fressen, den Feiertag I ktan 'benrpn rCn ^aß man pflügen muß, um was vor sich zu bringen, I Hbre nur ordentlich zu, sage mir alles wieder, ich j ■ eile mich taub unb russisch nicht verstehend, obgleich bie Bezeichnung für J Rubel sehr einfach unb bas Wort Strafe im Russischen ein Frembwort aus bem Deutschen ist. „Er soll gehen», sagt ber Kommanbant zum beutlidjen Slerger bes braven, gesetzlich gesinnten Kommunisten: vielleicht hat alletbmgs auch ber vorgezeigte 'Sonderausweis ber Moskauer Volkskommissariats für Bildung, des „Aar- komprozeß», ioie die amerikanisch abgekürzte Titelbezeichnung heißt, getonft. Auf dem Schwarzen Meere: Die Seefahrt nach Nvworossisk ist kein Vergnügen. Das Schiff ist sehr klein, es ist ein ehemaliger Küstendampser, der früher nur ben Lokalverkehr versah, jetzt aber, feitbem bie großen, russischen Dampfer ber Schwarzmeerslotte, von Wrangel entführt, in Bizerta bei ben Franzosen verfaulen, ben großen russischen Schwarzmeci- bienft tun muß. Der Dampfer ist so überlaufen, baß man lauern muß, ob ein Platz auf ben Bänken an Deck frei wirb unb sich schleunigst auf ben noch vom Vorgänger warmen Sitz verfügen muß. Alle Schrecken bet Seekrankheit herrschen an einem stürmischen Tage bei ben vielen Kindern unb Frauen. Der Dampfer ist jetzt in bet spatsommerlichen Jahreszeit wohl beshalb so überfüllt, weil bie berühmten russischen Kurorte an bei politischen unb kolchischen Küste sich von Besuchern entleeren. Es sind, scheint mir, heimfahrenbe Sowjetbeamte, Schauspieler unb anbete Leute, bie in ben großen nationalisierten Hotels von Gagry, Sotschi u. a. ihren Staatsurlaub verbrachten. Die Steppe: Von Nvworossisk geht es in zweitägiger Eisenbahnsahck durch bie Kubansteppe (in bet ich leibet bie landwirtschaftliche Krupp- Konzession nicht sehe, denn die Maiiytschnieberung kreuzen wir bei Nachh über Jekakerinodar, „Katharinas Geschenk", das heute Kraßnoarme,ez, Notsoldatenstadt", heißt, zurück an die Wolga. Die lange Eisenbahm-P in dem seht bequemen Zuge ist ein Spaß, man ißt Krebse, die man ptzind- weise an ben dörflichen Haltestellen billig lauft, trinkt Wem aus ber Stirn ober dem Kaukasus, meist Probukt bet Deutschen, dazu, bet in Rußland sehr teuer ist, beim Wein wirb offenbar als unproletarischer Luxus ausgeM und kann leben. Der Wagenschasfner — jeder Wagen hat seinen eigenen Schaffner — macht den Diener, unb es ist überhaupt m Rußland gut teilen, freilich das Rübelchen muß man auch heute locker sitzen haben. In dicht Steppe an ben kleinen Bahnhöfen hocken die Russen», bie Kolonisten- und bie Kalmückenweibet, in strenget Dehnung übrigens auf einer bestimmten Linie gehalten, jede ihr Kramlädchen vor sich, bas oft nur aus einem gebratenen Huhn, einem kinderfaustgroßen Klümpchen Butter oder einem K besteht. Die Arbuse, die Wassermelone, die in Moskau noch einen Ham» Rubel und an der Wolga noch zwanzig oder zehn Kopeken fleloftet ba, kostet hier drei oder auch zwei Kopeken, also vier Pfennige, es ist Y » ein außerordentliches Arbusenjahr. Aber wir smd auch der Atbusen M und so lasse ich mich von den ftumitten Blicken des alten KalmuckcnmuM chens nicht rühren. Als sie sieht, baß sie für ihren rührenden Großhmd« keinen Käufer finbet, nimmt sie bie Arbuse auf bie erhobene Hand trabt im Abenbschein zurück in die Steppe zu ihrem, wer weiß, w,e entfernten Dorfe. , Es ist ein großartiges Bild, wie das eine Weib mit ber emen w l vor bem roten Abend über dem geraden Horizont steht und emsam m Steppe verschwindet. Tolstois Wohnhaus in Moskau: Tolstois blockernes Stadthaus «« Holz im Stadtviertel draußen vor bem Tore Moskaus an unserer Brücke ist bas letzte, was wir in Rußland besuchen. Merkwürdig, in manchen Dingen, an bie wir heutigen Europäer Anforderungen.^ also bie bet Leibespflege, die vornehmen Russen lebten imdwoyi leben. Freilich, wenn man an Goethes Waschkümpchen m jemetn in Weimar denkt —! Aber mit Ehrfurcht stehen wir m des Dichte» bem öertoilberten Garten hinaus gelegener kleiner Arbeitsstil« , Ehrfurcht auch geht man burch bas Tolstoi-Museum im Junern wo eine Verwandte Tolstois, eine aristokratische Dame, tn “Srfet Sitte wie ein Schatten aus vergangener Zeit durch die maiu ■ unb bie von ihrem hohen Verwandten herrührenden Andenken e