Jahrgang 1928 Dienstag, den 10. Januar Nummer S Nixe Binfefutz. Von Eduard M ö r i k e. Des Wassermanns sein Töchterlein tanzt aus dem Eis im Vollmondschein; sie singt und lachet sonder Scheu wohl an des Fischers Haus vorbei. „Ich bin die Jungfer Binlefuß, und meine Fisch' wohl hüten muh, meine Fisch', die sind im Kasten, sie haben kalte Fasten; von Böhmerglas mein Kasten ist — da zähl' ich sie zu jeder Frist. Gell, Fischermatz? Gelt, alter Tropf, dir will der Wind nicht in den Kopf? Komm' mir mit deinen Netzen! Die will ich schön zerfetzen! Dein Mägdlein zwar ist fromm und gut, ihr Schatz ein braves Jägerblut. Drum häng' ich ihr zum Hochzeitsstrauß Ein schüfen Kränzlein vor das Haus, und einen Hecht von Silber schwer, er stammt vom König Artus her, ein Zwergen-Goldschmiedsmeisterstück, wer's hat, dem bringt es eitel Glück: Er läßt sich schuppen Jahr für Jahr, da sind's fünfhundert Gröschlein bar. Ade, mein Kind! Ade für heut! Der Morgenhahn im Dorfe schreit." „gnedich", so daß das elastische Band meiner Zeitphantasie saft bis zum Zerspringen anriß, und der Jasminduft, das Spatzengezwitscher und Mi heiße Sonne sich unheimlich mit dieser regenzerfressenen Inschrift oer» mischten. Seitdem war ich im Mittelalter gewefen; ich wußte, was Mittel- alter war: der seien GOD gnedich sy! Ein anderes Mal spielte ich im großen, düsteren Salon eines alte» Gutshauses. Die Fenster standen weit offen, ein Regen fiel raschelnd auf die tiefgrünen alten Parkbäume und einsam wimmerte es von ber Traufe in die Tonne hinein. Nie sind die Zimmer so heimlich-unheimlich, wie in solchen Stunden: die Möbel duften nach Waschleinüberzügen und Holz, und die ganze Zeit scheint in den dunklen Ecken und Schränken ruhig das Rascheln des Regens abzuwarten. Das ist die rechte Zeit zum Kramen, und jo kramte auch ich in dem knarrenden alten Bücherschrank und fand in seinem Moderduft (der merkwürdigerweise an frischen, feuchten Fichtenwald erinnerte) ein „Deutsches Knabenbuch für das Jahr 1850". Sogleich wurde die Beute auf eine Fensterbank geschleppt und aufgeschlagen. Mein erster Blick siel auf die Zeichnung von einem ungeheuerlichen Riesen- dampfer, einem Monstrum, „das jetzt in England gebaut wird", mit zwei Schornsteinen, vier Masten und gigantischen Schaufelrädern", und darunter stand „Der neue Leviathan. Ich wußte damals natürlich noch nicht, daß dies das Unglücksschiff „Great Castern" war, das mehrere Aktiengesellschaften zugrunde richtete, bevor er überhaupt aufs Wasser tarn, auf. welches sodann Viehherden getrieben wurden, weil man annahm, daß es nicht schaukeln könne, so daß diese dann elend abgeschlachtet werden mußten — das alles wußte ich nicht, sondern nahm die technische Sensation von 1850 mit offenem Munde zur Kenntnis. Aber soviel wußte ich doch, daß dieses Ungetüm eine Spielerei war gegen unsere heutigen Kolosse —, und eben dieser höchst moderne Stolz de» Buches auf seinen höchsten unmodernen, kindlich plumpen Dampfer ritz mich im Fluge durch die dazwischenliegenden sechzig technischen Jahre her und hm, bis mir Angst und bange wurde! Moderduft und Technik hielten meine Phantasie auf dieser Buchseite fest, und erst ein sehr heutiger Kaffeeduft und frische Kümmelkuchen ließen mich die Scharteke frech in die Ecke schleudern. Und die dritte erlebte Vergangenheit, das war ein Mensch. Ein achtzigjähriger Tischler, der in einer alten Windmühle mit abgebrochenen Flügeln seine Werkstatt hatte. Wenn er so, die Pfeife im Munde, hobelt», fing er manchmal mit zitteriger Greisenstimme verschollene Tischlerkieder zu fingen an: Der Tischler mit dem Leimtiegel, _ das ist ein rechter Schweinigel ... Gr hatte 1848 in Berlin als Soldat mitgekämpft und erzählte mir davon kaltblütig, als ob es gestern gewesen wäre. „Na, ha," setzte er dann hinzu, „jetzt seit dem Jahre siebzig ist das ja nu ein einiges Reich.. — diese Nachricht besaß für ihn noch immer einen gewissen Neuigkeitswert! Sein Geld berechnete er insgeheim nach Dahlern, Silbergroschen und „guten" Groschen. Blumen hatten bei ihm gang merkwürdige Namen, wie „Petersburger Treibhauspfefferminz" und so ähnlich. Nach der Ar- beit setzte er sich umständlich die Brille auf und nahm „Paynes Land- kalender" vor, an dessen Humorecke er sich ein Jahr hindurch krank lacht«, bis es ihm von der Nase tropfte. Seinen Sarg hatte er sich selber solid« zurechtgezimmert (mit gedrechselten Beinchen) und ihn in einem Neben- raum aufgestellt. „Wenn ich zu sterben komme," sagte er, „dann leg« ich mich schnell hinein — und wegtragen", hier begann er regelmäM glucksend zu lachen, „wegtragen werden sie mich dann schon müssen: ich zahl' keinen Groschen dafür..." Ich ließ mich von ihm in die Geheimnisse der Politur einweihen, und konnte mich an seiner uralten, prachtvollen Biedermeiersprache nicht satthören: man unterhielt sich mit einem wackeren Jahrhundert! Und iwch wirkte gerade seine frische Erinnerung an jede Einzelheit von anno Toback so unheimlich wie die Runzeln, die hängenden morschen Gesichts- Partien und der magere Greisenhals mit dem steckengebliebenen Adams- apfel. Das war alles so lebendig, daß man dem laufenden Augenblick mißtraute, — und war doch alles so tot! Einmal, kurz vor meiner Abreise, traf ich ihn auf dem Morast, zwischen den Sumpfbirken müde auf und ab gehend. Er sah mich prüfend ins Gesicht und sagte: „Weißt du, das mit der unsterblichen Seele, mit dem Fortleben nach dem Tode — das glaub' ich nicht ... Das wird bloß so geredet, aber.in Wirklichkeit ist bann wohl alles aus, es ist alles aus ..." Dann murmelte er noch lange irgendetwas in sich hinein und schüttelte immer wieder den Kopf. Ich wagte nicht, ihm zu antworten und ging, vom Schauder gepackt, schnell weg. Furchtbar ist es, wenn Zeit und Zeit sich berühren. Und wir flüchten von da in den Augenblick — einer spritzenden Welle, einer flackernden Flamme, eines Zentifolienhauches —, in den herrlichen Augenblick, wo sich Zeit und Ewigkeit berühren. Las Erlebnis der Vergangenheit. Von Sigismund von Radeck i. Wenn man über einem Abgrund steht und die riesigen Felswände sich durch die Luft winden sieht bis tief hinab zu den Schächtelchen der Häuser, dann ergreift einen das Unmaß mit körperlichem Schwindel: es scheint einem so außermenschlich, daß man sich hinabstürzen, daß man lieber nicht sein will, wo man so wenig ist. (Im Gegensatz hierzu erfüllt uns der Anblick einer winzigen Puppenstube mit Behagen: dem Betrachter der Tischchen, Stühlchen und Schränkchen krümmen sich zärtlich die Lippen, wie bei Kindern, wenn sie junge Hunde sehen.) Nur sehr selten aber erfahren wir jenen analogen Schauder, der sich bei uns mit einem Blick in den Ze itenab gründ einstellt, weil sich das elastische Band historischer Witterung, welches uns mit den Generationen unserer Ahnen verknüpft, Nur in einem imaginären Raum, dem der Phantasie, in die Länge strecken läßt. Gelingt dies jedoch einmal, so ist bas Gefühl des Unmaßes, ber Verlassenheit und des Entsetzens um nichts geringer wie beim dreidimensionalen Raume, so daß vir den Sonnenstrahl, das Blätterrauschen und den Blumenduft der lebendigen Sekunde doppelt dankbar ergreifen, um uns daran unserer Existenz wieder zü versichern. Es gibt einen grandiosen Ausspruch, zwischen Leben und Tod getan, welchem sich dieses räumliche und dieses zeitliche Uebermaß zu einem furchtbaren Pathos vereinigen; ich meine jenes Wort Napoleons, das im Schatten der Pyramiden erklang: „Vier Jahrtausende schauen auf Tuch herab!" Ich selbst kann mich eigentlich nur dreier Fälle erinnern, wo mich die Vergangenyeit mit einem witternden Schauder gepackt hat, und alle drei liegen in meiner Knabenzeit zurück. An einem heißen Junivormittag spielte ich einmal Ball in den buschigen Parkanlagen, die bas alte Ordensschloß Arensburg auf der Insel Oefel begütigend umwinden. Es herrschte jene schläfrige Pans-Stimmung, durch die das keife Zwitschern im Sande badender Spatzen hindurchklingt. Ich lief meinem Ball durch die Flieder- und Jasmingebüsche nach, und kam an einen totenstillen, sonnigen Platz, wo drei steilaufgerichtete, regenzerfressene Leichensteine meine Aufmerksamkeit fesselten. Ich hielt im Sauf inne und las (unter einem Totenschädel mit gekreuzten Knochen): Barbara Patkul ber seien GOD gnedich sy Ich glaube, daß ich meinen Ball nicht weiter gesucht habe. Ich daß mein angstvolles Starren auf diese Lettern plötzlich alles — &ie unendliche Prozession von Männern und Frauen, die mein teben von dem Leben unter diesem Stein trennte, ich hörte den Stein« Metzen die Buchstaben ausmeißeln, ich fühlte das Sinnen und Glauben dieser Menschen in den großen Buchstaben GOD und den kleinen ®iefjcner#amiliciiblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger tH$ans Gebiet, da- Obrutschew durchforschte, hat eine Grütze die der. jeniqen von etwa halb Europa enhpncht, und die russische Regierung nlnnt im nächsten Jahr zwei große Expeditionen nach diesein Gebiet zu entsenden die nicht nur die neugewonnenen geographischen> Kenntnisse^erweitertsondern auch über die dort wohnenden gänzlich unbekannten Völkerstämme alles wissenswertes Material herbeitragen sollen. *-■ch n ^masi im Jahre 189? hat ein hervorragender, russischer GeoEh namens Tscherski, das Wagnis unternommen, m lenes Gebiet östlich des nordostsibirischen Flusses Jndigirka vorzudnngen, er erlag ledoch nach einem Jahr einer schweren Lungenentzündung. Zu Ehren dieses Pionler^ der Wissenschaft der ein Opfer seiner Forscherarbeit wurde, hat Obmtschew Las von chm entdeckte Mafsiv Tscherski-Gebirge genannt. Auch Obrutschew hat wie er berichtet, seine Aufgabe nicht voll durchfuhren können. Er hat sich' in bezug auf die östliche Ausdehnung des Gebirges.ganz und gar au, die Angaben der Bewohner jener Gegend verlassen müssen, deren Richtigkeit der Nachprüfung bedarf. Immerhin kann stwn Hoffen, daß auf der Erdkarte der „weihe Fleck" an der Stelle, wo Nordostsibirien liegt, all- 'näS wen? w?r wetter Umschau halten? Was wissen wir vom Innern Grönlands? Nichts! Nur von den Randgebieten^ haben wir gan- oberflächliche Routenausnahmen machen können. Auch hier, im Innern Grönlands, ein Gebiet, so grotz wie Europa, das jedem Eindringling seine ungeheuren Eisbarrieren entgegenstellt. Was wissen wir, welche gewaltigen Schätze in den Erdschichten, die von undurchdringlichen Ewpanzern überdeckt sind, unauffindbar eingeschlossen liegen! Oder was wissen imr von den Hochländern Mittelasiens? Hier ha die geographische Wissenschaft erst in großen Umrissen einen Man ausgestellt. Richt anders ist es in den Schnee- und Etsgebieten von Nordkan«da. Auch dort unübersehbare Landgebiete, die kartographisch erst sehr fluchtig> erfaßt sind, und wenn wir die Karte von Südamerika betrachten, erblicken wir auch dort große Helle Flächen, di« uns sagen, was hier für die Wissenschaft im Innern Brasiliens in Bolivien, >u Venezuela usw. noch zu tun übrig bleibt. Das gleiche gilt für das Innere Australien , für die Südsee und für größere Terle von Celebes und Borneo. Ueberall noch unerschloffene, geheimnisvolles Land, umwittert von der Romantik dunkler Rätsel, Neuland für Entdecker, Zukunftsland für spätere Menschengenerationen, denen Europa zu eng geworden ist. •Useio) eine Fülle von Aufgaben für junge Geographen, die sich am Boden Europas sattgesehen haben. . _ , , . . Und dann endlich Afrika, noch vor wenigen Jahrzehnten „der dunkle Erdteil", bis die Kolonisation der europäischen Machte dre wetten Landflächen erschloß. Und doch: Auch hier, nicht nur in der glühenden tÄrndwüste der Sahara, sondern auch weiter südlich im Innern, große Gebiete, die noch nie der Fuß eines Weihen betrat, auch hier jungfräuliches Forschungsland, das noch im Urzustand sich befindet. Es war vor «Schaffner lieft am kommenden Donnerstag im Goethe-Bund aus eigenen Werken: das Gedicht ist feiner bei der Union Deutschen Verlagsgesellschaft in Stuttgart erschienenen lyrischen Sammlung „Der Kreislauf entnommen. etwa 140 Jahren — man schrieb 1788 als in London die Afrikanische Gesellschaft gegründet wurde, die sich zum Ziel setzte, das Innere Afrikas ,u erforschen da die geographischen Karten von Afrika, die man damals besah, voller Fehler und Irrtümer waren und z.B. zwischen den Was er- weaen des Niger und des Nil eine Verbindung zeigten. Der schottische Arzt Mungo Park unternahm im Auftrag der Gesellschaft Ende 1795 eine Expedition, von der er nach 30 Monaten wieder m -onbon emtraf. Er stellte fest, datz der Niger nicht die Fortsetzung des Senegal ist, sondern daß dieser in östlicher Richtung fließt. Noch vor l°lner chemirehr zog lM Jahre 1799, ebenfalls im Auftrag der Afrikanischen Gesellschaft, der m Hildesheim geborene Friedrich Hornemann nach Afrika mit dem Aus trog, die Lage der alten Handelsstadt Timbuktu genau seflzustellen Zwan. aio Jahre lang galt der junge Deutsche als verschollen. Erft um das ^lahr 1820 erfuhr man, daß Hornemann, kurz bevor er Timbuktu erreichte, einer Krankheit erlegen war. Das war vor 130 Jahren. Inzwischen sind in den letzten Jahron von sranzösischer Seite, mit eigens hierfür kon- struierten Automobilen, zwei große Expeditionen durchgefuhrt wordem die erste ging am 17. Dezember 1922 von Algier ab und errichte nach Durckaueruna der Sahara am 7. Januar 1923 Timbuktu am Niger, !Dte im Oktober 1924 Oran, durchquerte ganz Afn ° und traf nach neun Monaten in Kapstadt ein. Der Zweck dieser beiden Erveditionen (die von dem Pariser Autofabrikanten Citroen veranlaßt wurden), war, verkehrstechnische Studien zu machen, um Grundlagen firr neue Verkehrswege durch Asrika zu schaffen. Seitdem ist Afrika mehrmals auf dem Luftwege überquert worden: von dem Engländer Cobham, der von London aus — er flog am 18. Februar 1926 ab in 94 Flug stunden Kapstadt erreichte und von dort nach Kairo zuruckflog, sowie von dem bekannten Schweizer Militärflieger Walter M i t t e l h o l ö er.der am 7. Dezember 1926 von Zürich abslog und nach inehreren Zwischenlandungen in Kapsttdt landete. Die Flugtechnik hat ein neues Zeitalter der Entdeckuiigen eingeleitet. Die Flüge Byrds und Amundsens zum Nordpol waren die echen Versuche um Flugzeug und Luftschiss in den Dienst der antarktischen For schung zu stellen. Weitere Flüge nach den Erdpolen und nach Hochasicn burftcn in ben nächsten Jahren folgen. Es gibt noch wette Gebiete der Erdoberfläche die zu erfchliehen sind. Arbeit für kommende Generationen. Dann werden allmählich die weihen Flecke auf der Erdkarte verschwinden, die uns noch immer sagen: hier ist unbekanntes ~anb. Winiermotive in der bildenden Kunst. Von Dr. Hedwig Fischmann. Nicht als ein siegreicher, triuniphierender Held, vor dessen klirrendem Schritt weitaus alle Pforten sprangen, ist der Winter ms Reich der Kunst eingezogen. Blind und fühllos war die Menschheit lahrhundertelangau > ” trfiinimomhm Schönheit seines Märchenwunderlandes vorubergegan- 'L'"! bumK 8-'d-s Hauses vor seinem scharfen befreienden Anhauch geflüchtet. Der Winter als grimmer Feind, als Cebeneroter io schroelt sich lange Zeit sein Bild in der Seele der Menschhett- so ward bm vernehmbarer Ausdruck durch den Mund der frühen Dichter, lind wo das Gemüt verschlossen war, die winterliche Wunderwelt in sich zu trinken, da^k^nte sich^ unmöglich eine Hand finden, ihr Abbild liebevoll 3u formen, aS*mennfi/ö"emakrif^ Gestaltungskraft besessen hätte den berücken- bei? Zauber einer Winterlandschaft mit ihren phantastisch h^bwallenden Schneeschleiern, dem Flimmern und Schimmern ihrer Eisgebilde, der arb- losen Vielfarbigkeit und formlosen Geformtheit nachschasfend neu z bilden. Jahrhunderteweit führt der Weg bis zu diesem Ziele, gekennz ch- net durch die ragenden Merksteine der Schöpfungen icner Künstler d , ausgerüstet mit dem geistigen und künstlerischen Werkzeug ihrer Zeit, um iXMämSS» d-c d-» Weg SSb äs Sa.Sn m« Wkr bX3^^^ü6en^en Schinn hervorloht, zum Vorwurf nahm Aber sichtbarer und schärfer betont tritt ber Gegensatz Zwischen be? umhegten Geborgenheit unb ber schwer lastenden Oede der winter •tnxsetinufc. -».vieeB "ägSEzsI:1 —Ä ssrssäSsaÄ SÄTÄTÄfÄWiJ* freudevongroh und klein über die weite Eisfläche, an ber auch die Der Regen. Von Jakob Schaffner«. Hör' zu beim Regen. Ruhe aus. Es loht in diesem lichten Rauschen viel Glanz und Güte um dein Haus. Es schenkt dir Schweigsamkeit, zu laufchen. Es füllt dir deine wilde Welt mit wettgcfaßter Zeitbeschwörung, und zeitlos brausend überfällt es dich mit glitzernder Erhörung. Verliere dich in diesen Klang. Da ist kein Bangen und kein Drangen. Es rieselt voller Ueberschwang. Es schwillt mit freudigem Verhängen. Hier bade dir dein Denken frei. Hier sollst du dein Begehren kühlen. Hier singt der große Strom vorbei. Hier muht du deine Liebe fühlen. Die unbekannte Erde. Die „weißen Flecke" auf der Landkarte. Von Dr. Friedrich Krüger. ßs ist für sehr viele von uns, die wir in dem dichtbesiedelten Mttwi- europa leben, im Lärni der großen Städte, in meter Boden seinen Besitzer hat, em schwer vorstellbarer Gedanke daß es beute noch auf un erer Erde, — und zwar nicht nur an den vereinen molen — weite Landgebiete gibt, die nach durchaus unerforscht sind, lind wer sich die Mühe macht, unsere Erdkarte einmal genauer zu studleren, wird Ästaunt ein übe? die vielen „weißen Flecke", die sie enthalt. Es find jene Stellen, die unser lückenhaftes Wissen andeuten und uns mit- ein .«**- G-i-W-r SE Obrutschew, von einer geographischen Forschungsreise aus Ostsibt - rien heimaekehrt und er berichtet tm „Geographical Journal, bat, e hort drüben im fernsten Norbostsibirien, wo man bisher eine roette Tiefebene vermutete, ein gewaltiges Gebirge entdeckt habe, daß an Große den Kaukasus bei weitem übertrifft. Die Ausdehnungen des Gebirgsmasfws find: 1000 Kilometer Länge und 300 Kilometer Breite. Die horsten V g erreichen 3300 Meter. Also ein Gebiet von hochalpinwn Charakter, bedeckt mtt ewiaem Schnee, zum großen Teil unzugänglich wegen der. steilen Höhen und wegen der Eismassen, die unüberwindbare Hinderniste a f- kritisierende und gestikulierende Zuschauernrenge ihren wohl gemessenen ^Doch “in reichster Vielgestaltigkeit findet die winterliche Landschaft in der holländischen Malerei des 17. Jahrhundert ihre Widerspiegelung. Hier, wo sich alljährlich das fröhlichste Treiben auf den zugefrorenen, das Land durchziehenden Kanälen entfaltet, die Monate hindurch die eigentlichen Pulsadern des Lebens bilden, mußte der liebevoll der heimatlichen Scholle zugewandte Blick des Künstlers auch die Welt des winterlichen Hollands in sich ausnehmen, der sie mit der tiefen Wahrheitsliebe nachgestaltete, die dieser Malergeneration eignet. Als der früheste Vertreter dieser Bestrebungen tritt uns Avercamp entgegen, der mit emsiger Treue die von unzähligen wimmelnden Schlittschuhläufern, schlittensahren- den und sich mit einem damals beliebten Kugelspiel vergnügenden Menschen bis in die tiefste Tiefe belebte Eisfläche als fein besonderes L>eb- lingsmotiv zur wiederholten Darstellung bringt. Aber das Gefühl für den einzigartigen Stimmungswert, für die atmosphärischen Reize dieses Landschaftsbildes klingt erst in den Gemälden seiner jüngeren Zeitgenossen, eines Aert vanderReer, Jan van Gayen oder Esaias v an de r Velde mit. Kaum einer der Künstler, die der holländischen Landschaftsmalerei jener Zeit ihr Gepräge gegeben haben, ist an der winterlichen Schönheit seiner Heimat vorübergegangen, jeder hat in ihre Gestaltung seine persönliche Note hineingetragen. So liebte es Isaak van Ostade in seinen zahlreichen Winterbildern, den Bogen einer Brücke, einem dunkeln Rahmen gleich, über das frohe Treiben auf dem Eise zu spannen, indessen Adriaen van der Veldes Sunft ein glückliches Gleichgewicht zwischen den die Landschaft belebenden, in Haltung und Bewegung lndivl- dualisierten Menschen, die nicht mehr zur bloßen Staffage herabgedruckt waren, und der Erhabenheit und Größe ihrer Umwelt herzustellen wugte. Doch den persönlichen Stimmungsgehalt hat erst der frühgeborene Romantiker der holländischen Landschaft Jacob v a n R u i s d a e l seinen Winter- bildern verliehen, die freilich in seinem Werk nur vereinzelt auftreten. Drückend lastet der Himmel über den schneebedeckten Hausern, eine schwermutsvolle Trauer entströmt dieser von wenigen dunkeln Gestalten mehr betonten als belebten Einsamkeit. Ueber Zeit und Raum spannen sich von hier verwandte Wesen bindende Fäden zu den Winterbildern eines Caspar David Friedrich, zu jenen düster», schicksalhaften Gestaltungen der Winterlandschast, in deren kronenberaubten, jchneebeladenen Baumen, den schweigsamen Wächtern an Hünengräbern oder Fnedhofspforten, alle Trauer und Verlassenheit des Todes zu raunen scheint. Eine andere Welt, ein anderer Geist spricht aus den Winterdarstellun- qen des Rokoko. Rur als Erhöher der Lebenslust, mit Schlittengeklingel und blitzenden Schlittschuhgleiten konnte der seiner grimmen Strenge beraubte Herrscher Einzug halten in diese festfreudige Zeck. Die zierlichen, dem rahmenden Rokokoschnörkel sich anpassenden Schlittschuhläufer, wie sie der Stift eines Nilson gestaltet hat, sind ebenso bezeichnend für die Auffassung dieser Epoche wie die eng aneinander geschmiegten und doch so pieleriich fröhlichen, einen ins Niedliche übersetzten Winter verkörpernden Putten auf dem durch und durch malerisch empfundenen Relief von Bo ucha rdon. In Deutschland lag es wie ein düsteres Verhängnis, über der Wieder- aeburt der Winterlandschaft aus dem Geiste der Malerei. In einer Zeit, da unsere größten Dichter, da K l o p st o ck wie G o e t h e m Wort und Tat laut Zeugnis ablegtcn für das neu erschlossene Reich der Wmter- schönheit, da fehlte das im gleichen Sinne eingestellte Malerauge. Wie eine bittere Ironie erscheint es, daß jener Künstler, der zum Illustrator unserer Klassiker berufen war, daß Chodowieckl gleich den alten Meistern der Kalenderbilder den Winter wieder durch das Medium häuslicher Geborgenheit erschaute. Erst der ins Monumentale strebende R e t h c l, der in seinem Hannibalszug das Ringen der Söhne des Südens mit der nordischen Natur gestaltete, ward der Bahnbrecher einer größeren und tieferen Auffassung des Winters in der deutschen Kunst, neben der aber auch die anmutig Winter und Weihnachten zu einer innigen Einheit verschmelzende Art eines Schwind und Ludwig Richter, einer andern Gefühlswelt entsprossen, gleichberechttgt ihren Platz behaupten konnte. Doch schon in jenen Jahren, da der junge Goethe flammend das Evangelium der winterlichen' Schönheit nach Weimar trug, traten tm fernen Westen die Schöpfer einer neuen Landschastsmalerei, die zugleich eine siegreiche malerische Eroberung der Winterwelt bedeutete, mit Constable und Turner ins Leben. Turner, der Maler des Lichts und der Atmosphäre, für deren letzte, feinste Werte, für deren unendliche Bewegtheit er das nachfühlende, nachtastende Organ besaß, war der berufenste Schöpfer des neuen Winterbildes. In seinem „Schiff tm Schneesturm , in diesem Gewoge kreisender, flimmernder Schnee- und Flutenwirbel um das fast verschwindende Schiff in ihrer Mitte, sprengte er d,e Schranken, die eine in die Bande altüberlieferter Sehensgewohnheiten gefesselte Kunst von dem Erfassen jener letzten Imponderabilien der aus Licht und Dust und Dunst gewobenen Winteratmosphäre geschieden hat. Von hier fuhrt der Weg hinüber zu den französischen Impressionisten, zu dem Ringen eines Monet mit den Geheimnissen der winterlichen Landschaft. Als ein vertrauter Freund und vollkommeineir Genosse, der die Winter den Skandinaviern im Leben ist, zog er auch in die Kunst dieser reifer ein, von der nur einige Gipfelschöpfungen des 19. und 20. Jahrhunderts erwähnt seien. Mit einer in der Schule des französischen Impressionismus von hemmenden Fesseln befreiten Darstellungskrast hat Karl Nord- st r ö m in Schweden bahnbrechend und revolutionär mit den von feierlicher Stille und abweisender Unnahbarkeit erfüllten Winterlandschasten gewirkt, während sein Zeitgenosse Liljefors, im Innersten verbunden mit der ländlichen Natur im Wandel der Jahreszeiten, ihre große Einsamkeit durch liebevoll belauschtes Tierleben mildert. Und heruber- ragend in die neueste Zeit, krönend das Ringen des Nordens um die Gestaltung der Winterlandschaft, stehen die monumentalen Bilder des Norwegers Munch, dessen „Schimmelgespann im Schnee" oder „Schneeschipper" mit der grandiosen Wucht ihrer weißen Massigkeit die machtvolle Derkörpening der niederzwingenden Gewalt des nordischen Winters bedeuten. Von den Miniaturen der Stundenbücher zu der packenden Größe dieser Bilder — wie weit, wie stationenreich der Weg. Und weit und reich an ungeahnten Wundern, wie die schweigende Unermehlichkeit des Winters selbst, führt er hinein in das Zukunftsreich der Kunst. Das Fräulein von Seuderi. Bon E. T. A. H o f f m a n n. (Fortsetzung.) Die Seubert gab ihr das geöffnete Kästchen, und die Marquise konnte sich, als sie das köstliche Geschmeide erblickte, des lauten Ausrufs der Ve» wunderung nicht erwehren. Sie nahm den Halspymuck, die Armbänder heraus und trat damit an das Fenster, wo sie bald die Juwelen an der Sonne spielen lieh, bald die zierliche Goldarbeit ganz nahe vor die Augen hielt, um nur recht zu erschauen, mit welcher wundervollen Kunst jedes kleine Häkchen der verschlungenen Ketten gearbeitet war. Auf einmal wandte sich die Marquise rasch um nach dem Fraulein und rief: Wißt Ihr wohl, Fräulein, daß diese Armbänder, diesen Hals- schmuck niemand anders gearbeitet haben kann, als Rens Cardillac? — Rene Cardillac war damals der geschickteste Goldarbeiter in Paris, einer der kunstreichsten und zugleich sonderbarsten Menschen seiner Zeit. Eher klein als groß, aber breitschultrig und von starkem, muskulösem Körperbau hatte Cardillac, hoch in die fünfziger Jahre vorgerückt, noch die Kraft, die Beweglichkeit des Jünglings. Von dieser Kraft, die ungewöhnlich zu nennen, zeigte auch das dicke, trduje, rötliche Haupthaar und das gedrungene, gleißende Antlitz. Wäre Cardillac nicht in ganz Paris als der rechtlichste Ehrenmann, uneigennützig, offen, ohne Hinterhalt, stets zu helfen bereit, bekannt gewesen, sein ganz besonderer Blick aus kleinen, tiefliegenden, grün funkelnden Augen hätten ihn in den Verdacht heimlicher Tücke und Bosheit bringen können. Wie gejagt, Cardillac war in seiner Kunst der Geschickteste nicht sowohl in Paris, als vielleicht über- Haupt seiner Zeit. Innig vertraut mit der Natur der Edelsteine, muffte er sie auf eine Art zu behandeln und zu fassen, daß der Schmuck, der erst für unscheinbar gegolten, aus Cardillacs Werkstatt hervorging in glänzender Pracht. Jeden- Auftrag übernahm er mit brennender Begierde und machte einen Preis, der, jo geringe war er, mit der Arbeit ick keinem Verhältnis zu stehen schien. Dann lieh ihm das Werk keine Ruhe, Tag und Nacht hörte man ihn in seiner Werkstatt hämmern und oft, war die Arbeit beinahe vollendet, mißfiel ihm plötzlich die Form, er zweifelte an der Zierlichkeit irgendeiner Fassung der Juwelen, irgendeines kleinen Häkchens — Anlaß genug, die ganze Arbeit wieder in den Schrnelzllegel zu werfen und von neuem anzufangen. So wurde jede Arbeit ein remes, unübertreffliches Meisterwerk, das den Besteller in Erstaunen setzte. Aber nun war es kaum möglich, die fertige Arbeit von chm zu erhalten. Unter tausend Vorwänden hielt er den Besteller hin von Woche zu Woche, von Monat zu Monat. Vergebens bot man ihm das Doppelte für die Arbeit, nicht einen Louis mehr als den bedungenen Preis wollte er nehmen. Muhte er dann endlich dem Andringen des Bestellers weichen und den Schmuck herausgeben, so konnte er sich aller Zeichen des tiefsten Verdrusses, ja einer Innern Wut, die in ihm kochte, nicht erwehren. Halle er ein bedeutenderes, vorzüglich reiches Werk, vielleicht viele Tausende an Wert bei der Kostbarkeit der Juwelen, bei der überzierlichen Goldarbell, abliefern müssen, so war er imstande, wie unsinnig umherzulausen, sich, seine Arbeit, alles um sich her verwünschend. Aber so wie einer hinter ihm herrannte und laut schrie: Rens Cardillac, möchtet Ihr nicht einen schönen Halsschmuck machen für meine Braut — Armbänder für mein Mädchen usw., dann stand er plötzlich still, blitzte den an mit seinen kleinen Augen und fragte, die Hände reibend: Was habt Ihr denn? Der zieht nun ein Schächtelchen hervor und spricht: Hier sind Juwelen, viel Sonderliches ist es nicht, gemeines Zeug, doch unter Euer» Händen — Cardillac läßt ihn nicht ausreden, reiht ihm das Schächtelchen aus den Händen, nimmt die Juwelen heraus, die wirklich nicht viel werk find, hält sie gegen das Licht und ruft voll Entzücken: Ho, ho — gemeines Zeug? Mitnichten! Hübsche Steine — herrliche Steine, laßt mich nur machen! Und wenn es Euch auf eine Handvoll Louis nicht ankommt, so will ich noch ein paar Steinchen hineinbringen, die Euch in die Augen funkeln sollen wie die liebe Sonne selbst. — Der spricht: Ich überlasse Euch alles, Meister Rene, und zahle, was Ihr wollt! Ohne Unterschied, wag er nun ein reicher Bürgersmann ober ein vornehmer Herr vom Hofe [ein, wirft sich Cardillac ungestüm an seinen Hals, unb drückt und küßt ihn und spricht, nun sei er wieder ganz glücklich und in acht Tagen werde die Arbeit fertig {ein. Er rennt über Hals unb Kops nach Hause, hinein in bie Werkstall, hämmert barauf los, unb in acht Tagen ist ein Meisterwerk zustande gebracht. Aber so wie der, der es bestellte, kommt, mit Freuden bie geforberte geringe Summe bezahlen, und den fertigen Schmuck mituchmen will, wird Cardillac verdrießlich, grob, trotzig. Aber Meister Cardillac, bedenkt, morgen ist meine Hochzeit. Was schert mich Eure Hochzeit, fragt in vierzehn Tagen wieder nach. Der Schmuck ist fertig, hier liegt das Geld, ich muh ihn haben. — Unb ich sage Euch, daß ich noch manches an dem Schmuck ändern muß, unb ihn heute nicht herausgeben werde. — Und ich sage Euch, daß wenn Ihr mir den Schmuck, den ich Euch allenfalls doppelt bezahlen will, nicht herausgebt im guten, Ihr mich gleich mit Argenfons dienstbaren Trabanten anrücken sehen sollt. — Nun so quäle Euch der Satan mit hundert glühenden Kneipzangen, und hänge drei Zentner an den Halsschmuck, damit er Eure Braut erdroßle! Und damit steckt Cardillac dem Bräutigam den Schmuck in die Busentasche, ergreift ihn beim Ann, wirst ihn zur Stuben- tür hinaus, daß er die ganze Treppe hinabpoltert, und lacht rote der Teufel zum Fenster hinaus, wenn er sieht, wie der arme junge Mensch, das Schnupftuch vor der blutigen Nase, aus dem Hause hinaus hin«. Gar nicht zu erklären war es auch, daß Cardillac oft, wenn er mit Enchusiasmus eine Arbeit übernahm, plötzlich den Besteller mit allen Zeichen des im Innersten aufgeregten Gemüts, mit ben erschütterndsten Beteuerungen, ja unter Schluchzen und Tränen, bei der Jungfrau und allen Heiligen beschwor, ihm das unternommene Werk zu erlassen. Manche der von dem Könige, von dem Volke geachtetsten Personen Hatten bereits große Summen geboten, um nur das kleinste Werk von Cardillac 3u erhalten. Er warf sich dem Könige zu Füßen, und flehte um die Huld, nichts für ihn arbeiten zu dürfen. Ebenso verweigerte er der Maintenon jede Bestellung, ja mit dem Ausdruck des Abscheues und Entsetzens verwarf er den Auftrag derselben, einen kleinen, mit dem Emblemen der Kunst verzierten Ring zu fertigen, den Racine von ihr erhalten sollte. Ich wette, sprach daher die Maintenon, ich wette, daß Cardillac, schicke ich auch hin zu ihm, um wenigstens zu erfahren, für wen er diesen Schmuck fertigte, sich weigert herzukommen, weil er vielleicht eine Bestellung fürchtet und doch durchaus nichts für mich arbeiten will. Wiewohl er seit einiger Zeit abzulassen scheint von seinem starren Eigensinn; denn wie ich höre, arbeitet er jetzt fleißiger als je, und liefert seine Arbeit ab auf der Stelle, jedoch noch immer mit tiefem Verdruß und weggewandtem Gesicht. — Die Scuderi, der auch viel daran gelegen, daß, sei es noch möglich, der Schmuck bald in die Hände des rechtmäßigen Eigentümers komme, meinte, daß man dem Meister Sonderling ja gleich sagen lassen könne, wie man keine Arbeit, sondern nur sein Urteil über Juwelen verlange. Das billigte die Marquise. Es wurde nach Cardillac geschickt und, als sei er schon auf dem Wege gewesen, trat er nach Verlauf weniger Zeit in das Zimnier. Er schien, als er die Scuderi erblickte, betreten und wie einer, der, von dem Unerwarteten plötzlich getroffen, die Ansprüche des Schicklichen, wie sie der Augenblick darbietet, vergißt, neigte er sich zuerst tief und ehrfurchtsvoll vor dieser ehrwürdigen Datnc, und wandte sich dann erst zur Marquise. Die frug ihn hastig, indem sie auf das Geschmeide wies, das auf dem dunkelgrün behängten Tisch funkelte, ob das feine Arbeit sei? Cardillac warf kaum einen Blick darauf und packte, der Marquise ins Gesicht starrend, Armbänder und Halsschmuck schnell ein in das Kästchen, das daneben stand, und das er mit Heftigkeit von sich weg schob. Run sprach er, indem ein häßliches Lächeln auf seinem roten Antlitz gleißte: In der Tat, Frau Marquise, man mutz Rens Cardillacs Arbeit schlecht kennen, um nur einen Augenblick zu glauben, datz irgendein anderer Goldschmied in der Welt solchen Schmuck fassen könne. Freilich ist das meine Arbeit. — So sagt denn, fuhr die Marquise fort, für wen ihr diesen Schmuck gefertigt habt. — Für mich ganz allein, erwiderte Cardillac, ja Ihr möget, fuhr er fort, als beide die Maintenon und die Scuderi ihn ganz verwundert anblickten, jene voll Mißtrauen, diese voll banger Erwartung, wie sich nun die Sache wenden würde, ja Ihr möget das nun seltsam finden, Frau Marquise, aber es ist dem so. Bloh der schönen Arbeit willen suchte ich meine besten Steine zusammen, und arbeitete aus Freude daran fleißiger und sorgfältiger als jemals. Vor weniger Zeit verschwand der Schmuck aus meiner Werkstatt auf unbegreifliche Weise. — Dem Himmel sei es gedankt, rief dis Scuderi, indem ihr die Augen vor Freude funkelten, und sie rasch und behende wie ein junges Mädchen von ihrem Lehnsessel aufsprang, auf den Cardillac losschritt und beide Hände auf seine Schultern legte; empfangt, sprach sie dann, empfangt, Meister Rens, das Eigentum, das Euch verruchte Spitzbuben raubten, wieder zurück. Nun erzählte sie ausführlich, wie sie zu dem Schmuck gekommen. Cardillac hörte alles schweigend mit niedergeschlagenen Augen an. Nur mitunter stietz er ein unvernehmliches Hm! So! Ei! Hoho! aus und warf bald die Hände auf den Rücken, bald streichelte er leise Kinn und Wange. Als nun die Scuderi geendet, war es, als kämpfe Cardillac mit ganz besonderen Gedanken, die währenddessen ihm gekommen , und als wolle irgendein Entschluß sich nicht fügen und fördern. Er rieb sich die Stirn, er seuszte, er fuhr mit der Hand über die Augen, wohl gar um heroorbrechenden Tränen zu steuern. Endlich ergriff er das Kästchen, das ihm die Scuderi darbot, ließ sich auf ein Knie langsam nieder und sprach: Euch, edles, ehrwürdiges Fräulein, hat das Verhängnis diesen Schmuck bestimmt. Ja, nun weih ich es erst, datz ich während der Arbeit an Euch dachte, ja für Euch arbeitete. Verschmäht es nicht, diesen Schmuck als das Beste, was ich wohl seit langer Zeit gemacht, von mir anzunehmen und zu tragen. — Ei, ei, erwiderte die Scuderi anmutig scherzend, wo denkt Ihr hin, Meister RenS, steht es mir denn an,;- in meinen Jahren mich noch so herauszuputzen mit blanken Steinen? Und wie kommt Ihr denn dazu, mich so überreich zu beschenken? Geht, geht, Meister Rens, wär' ich schön wie die Marquise de Fontange und reich, in der Tat, ich ließe den Schmuck nicht aus den Händen, aber was soll diesen welken Armen die eitle Pracht, was soll diesem verhülltem Hals der glänzende Putz? — Cardillac hatte sich indessen erhoben und sprach, wie außer sich, mit verwildertem Blick, indem er fortwährend das Kästchen der Scuderi hinhielt: Tut mir die Barmherzigkeit, Fräulein, und nehmt den Schmuck. Ihr glaubt es nicht, welche tiefe Verehrung ich für Eure Tugend, für Eure hohen Verdienste im Herzen trage! Nehmt doch mein geringes Geschenk nur für das Bestreben an, Euch recht meine innerste Gesinnung zu beweisen. — Als nun die Scuderi immer noch zögerte, nahm die Maintenon das Kästchen aus Cardillacs Händen, sprechend: Nun beim Himmel, Fräulein, immer redet Ihr von Euren hohen Jahren, was haben wir, ich und Ihr mit den Jahren zu schaffen und ihrer Last! Und tut Ihr denn nicht eben wie ein junges verschämtes Ding, das gern zu- langen möchte nach der dargebotenen süßen Frucht, könnte das nur geschehen ohne Hand und ohne Finger. Schlagt dem macfern Meister Renö nicht ab, das freiwillig als Geschenk zu empfangen, was taufend andere nicht erhalten können, alles Goldes, alles Bittens und Flehens unerachtet. Die Maintenon hatte der Scuderi das Kästchen währenddessen auf- gedrungen und nun stürzte Cardillac nieder auf die Knie, küßte der Scuderi den Rock, die Hände, stöhnte — seufzte — weinte — schluchzte — sprang auf — rannte wie unsinnig, Sessel — Tische umstürzend, daß Porzellan, Gläser zusammenklirrten, in toller Hast von bannen. Ganz erschrocken ries die Scuderi: Um aller Heiligen willen, was widerfährt dem Menschen! Doch die Marquise, in besonders heiterer Laune bis zu sonst ihr ganz fremdem Mutwillen, schlug eine helle Lache auf und sprach: Da haben roir’s Fräulein, Meister Renö ist in Euch sterblich verliebt, und beginnt nach richtigem Brauch und bewährter Sitte echter Galanterie Euer Herz zu bestürmen mit reichen Geschenken. Die Maintenon führte diesen Sck^rz weiter aus, indem sie die Scuderi ermahnte, nicht zu grausam zu sein gegen den verzweifelten Liebhaber, und diese wurde, Raum gebend angeborner Laune, hingerissen in den sprudelnden Strom tausend lustiger Einfälle. Sie meinte, daß sie, stünden die Sachen nun einmal so, endlich besiegt, wohl nicht werde umhin können, der Welt das unerhörte Beispiel einer dreiundsiebzigjährigen Goldschmiedsbraut von untadeligem Adel auszustellen. Die Maintenon erbot sich, die Brautkrone zu flechten und sie über die Pflichten einer guten Hausfrau zu belehren, wovon freilich so ein kleiner Kiekindiewelt von Mädchen nicht viel wissen könne. Da nun endlich die Scuderi aufstand, um die Marquise zu verlassen, wurde sie alles lachenden Scherzes ungeachtet doch wieder sehr ernst, als ihr das Schmuckkästchen zur Hand kam. Sie sprach: Doch, Fran Marquise, werde ich mich dieses Schmuckes niemals bedienen können. Er ist mag es sich nun zugetragen haben wie es will, einmal in den Händen jener höllischen Gesellen gewesen, die mit der Frechheit des Teufels, jawohl gar in verdammtem Bündnis mit ihm, rauben und morden. Mir graust vor dem Blute, das an dem funkelnden Geschmeide zu kleben scheint. Und nun hat selbst Cardillacs Betragen, ich mutz es gestehen, für mich etwas sonderbar Aengstliches und Unheimliches. Nicht erwehren kann ich mich einer dunklen Ahnung, daß hinter diesem allem irgendein grauenvolles, entsetzliches Geheimnis verborgen, und bringe ich mir die ganze Sache recht deutlich vor Augen mit jedem Umstande, jo kann ich doch wieder gar nicht auch nur ahnen, worin das Geheimnis bestehe, und wie überhaupt der ehrliche, wackere Meister Rens, das Vorbild eines guten, frommen Bürgers, mit irgend etwas Bösem, Verdammlichen zu tun haben soll. Soviel ist aber gewiß, daß ich niemals mich unterstehen werde, den Schmuck anzulegen. Die Marquise meinte, das hieße die Skrupel zu weit treiben; als nun aber die Scuderi sie auf ihr Gewissen fragte, was sie in ihrer, der Scuderi Lage, wohl tun würde, antwortete sie ernst und fest: Weit eher den Schmuck in die Seine werfen, als ihn jemals tragen. Den Auftritt mit dem Meister Rens brachte die Scuderi in gar anmutige Verse, diez sie den folgenden Abend in den Gemächern der Maintenon dem Könige vorlas. Wohl mag es fein, daß sie auf Kosten Meister Renes, alle Schauer unheimlicher Ahnung besiegend, das ergötzliche Bild der dreiundsiebzigjährigen Goldschmiedsbraut von uraltem Adel mit lebendigen Farben darzustellen gewußt. Genug, der König lachte bis ins Innerste hinein und schwur, daß Boileau Desprsaux seinen Meister gefunden, weshalb der Scuderi Gedicht für das Wichtigste galt, das jemals geschrieben. Mehrere Monate waren vergangen, als der Zusall es wollte, daß die Scuderi in der Glaskutsche der Herzogin von Montansier über den Poni- neuf fuhr. Roch war die Erfindung der zierlichen Glaskuischen so neu, daß das neugierige Volk sich zudrängte, wenn ein Fuhrwerk der Art auf den Straßen erschien. So kam es denn auch, daß der gaffende Pöbel auf dem Ponineuf die Kutsche der Montansier umringte, beinahe den Schritt der Pferde hemmend. Da vernahm die Scuderi plötzlich ein Geschimpfe und Gefluche und gewahrte, wie ein Mensch mit Faustschlögen und Rippenstößen sich Platz machte durch die dickste Masse. Und wie er näher kam, trafen sie die durchbohrenden Blicke eines todbleichen, gramverstörten Jünglingsantlitzes. Unverwandt schaute der junge Mensch sie an, während er mit Ellbogen und Fäusten rüstig vor sich wegarbeitete, bis er an den Schlag des Wagens kam, den er mit stürmender Hastigkeit aufritz, der Scuderi einen Zettel in den Schoß warf, und Stöße, Faustschläge austeilend und empfangend, verschwand, wie er gekommen. Mit einem Schrei des Entsetzens war, so wie der Mensch am Kutschenschlage erschien, die Martiniere, die sich bei der Scuderi befand, entseelt in die Wagen- kisien zurückgesunken. Vergebens riß die Scuderi an der Schnur, rief dem Kutscher zu, der, wie vom bösen Geiste getrieben, peitschte auf die Pferde los, die den Schaum vor den Mäulern wegspritzend, um sich schlugen, sich bäumten, endlich in scharfem Trab fortdonnerten über die Brücke. Die Scuderi goß ihr Riechfläschchen über die ohnmächtige Frau aus, die endlich die Augen aufschlug und zitternd und bebend, sich krampfhaft festklammernd an die Herrschaft, Angst und Entsetzen im bleichen Antlitz, mühsam stöhnte: Um der heiligen Jungfrau willen, was wollte der fürchterliche Mensch? Ach, er war es ja, er war es, derselbe, der Euch in jener jchaucrvollen Nacht das Kästchen brachte! — Die Scuderi beruhigte die Arme, indem sie ihr vorstellte, daß ja durchaus nichts Böses- geschehen, und daß es nur darauf ankomme, zu wissen, was der Zettel enthalte. Sie schlug das Blättchen auseinander und fand die Worte: Ein böses Verhängnis, das Ihr abwenden konntet, stößt mich in den Abgrund! Ich beschwöre Euch, wie der Sohn die Mutter, von der er nicht lassen kann, in der vollsten Glut kindlicher Liebe, den Halsschmuck und die Armbänder, die Ihr durch mich erhieltet, unter irgendeinem Vorwand — um irgend etwas daran bessern — ändern zu -ssen, zum Meister Rens Cardillac zu schaffen; Euer Wohl, Euer L.oen hängt davon ab. Tut Ihr es nicht bis übermorgen, so bringe ich in Eure Wohnung und ermorde mich vor Euren Augen! Nun ist es gewiß, sprach die Scuderi, als sie dies gelesen, datz, mag der geheimnisvolle Mensch auch wirklich zu der Bande verruchter Diebe und Mörder gehören, er doch gegen mich nichts -Böses im Schilde führt. Wäre es ihm gelungen, mich in jener Nacht zu sprechen, wer weih, welches fonberbare Ereignis, welch dunkles Verhältnis der Dinge mir klar worden, von dem'ich jetzt auch nur die leiseste Ahnung vergebens in meiner Seele suche. Mag aber auch die Sache sich nun verhalten wie sie will, bas, was mir in diesem Blatt geboten wird, werde ich tun, und geschähe es auch nur, um den unseligen Schmuck loszuwerden, der mir ein höllischer Talisman des Bösen selbst dünkt. Cardillac wird ihn doch wohl nun feiner alten Sitte getreu, nicht so leicht wieder aus den Händen geben wollen. (Fortsetzung folgt.) verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und lverlag: Brühl'sche Aniversitats-Duch- und Steindruckerei, Lange, Dießen.