Gießener Zamilienblätter _______Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger ■ Jahrgang §928 Dienstag, den 9. Oktober " .......... """ ^°^"Hmmer 81 Herbst. Von Otto E h r h a r t. Noch einmal fliegt ein stilles Leuchten Durch dieser Landschaft weite Fläche. Ein müder Acker brennt und loht. In allen Tiefen liegen Schatten Wie blaues Glas auf sattem Rot. — Kurz ist dein Scheinen jetzt, o Sonne! Gealtert dünkt dein Wesen mir — Doch wahrer. — Weil in jenen Wäldern, Die fern den Horizont umschatten, Die Nacht liegt, die den Winter birgt. ... Wie oft ein Lachen deckt ein Weinen, So, scheint mir, liegt ein Leid versteckt In diesem Sprühen und Verscheinen. ... Ein Leid, — das still bald Schnee bedeckt. Von Asmus Asmuffen, der nie Zufrieden war. Märchen von Hans Friedrich B l u n ck. Von Asmus Asmussen habt ihr auch wohl schon gehört, er war ein Bäcker bei Heide in Dithmarschen und meinte, wie seine Art nun einmal ist, von allem das Gegenteil, was andere Leute meinten. Er blieb aber nicht dabei allein, er hatte auch an der schönen Welt und ihrem Schöpfer und an allen Mitmenschen und an allen Dingen rundum soviel 'auszusetzen, daß es bis über die Erde hinausdrang, was Asmus Asmussen alles besser gemacht hätte. Einmal nun, als der Mann spät abends vorm Backhaus stand und alles Krumme grade wünschte und alles Grade krumm und sich über alles erboste und die Sterne des Bildes wegen gern anders geschoben hätte, zudem den Vollmond langweilig fand, weil man ihn niemals von feiner Backseite zu sehen bekommt, seht, da legte sich ein Wind dicht vor ihm nieder, der lachte ihn aus, stand noch einmal auf und drehte sich rund um ihn. So sah es wenigstens aus, vielleicht war es auch fo, daß der Mann gedreht wurde und der Wind stehenblieb. „Ium Kuckuck," ärgerte Asmus sich, „was nun wohl wieder im Tange ist?" Kurze Zeit darauf kam ein großer glänzender Hund die Straße entlang gelaufen. Er war größer als alle, dis der Bäcker bisher gesehen hatte, und er hätte ihn ganz gern zu sich gelockt. „Ach, laß sein," dachte er, „solange die Hunde nur bellen können, haben sie halben Wert. Hätt' ich die Welt einzurichten gehabt, hätte ich wenigstens ein Tier geschaffen, das Brot herumtragen und unsereins etwas bestellen kann. Dann könnte man was Besinnliches anfangen und brauchte nicht selbst über die Klei- erds hinter den Leuten herzulaufen." Kurz darauf schwirrte ein großer Vogel mit glänzenden Federn hinter dem Hund drein durchs Dunkel. Er war viel größer als die gewöhnlichen Md erweckte Asmussens Neugier. Aber ehe er die Pfeife noch aus dem Mund genommen hatte, war der Vogel vorbeigeflogen. Das märe überhaupt das beste gewesen, wenn Gott gleich Vögel hätte wachsen lassen, genau so groß wie Pferde, die einen auf den Rücken nehmen und ausfahren können, dachte er. Es wäre doch eine Kleinigkeit gewesen, ach, aber auf dieser Erde ist alles viel zu winzig und zimperlich >md unsereins kommt mit seiner Meinung nicht zu Wort. In dem Augenblick kam eine riesengroße Mücke recht auf Asmus Zu, ihre Beine und ihr Rüffel waren fingerdick und der Leib armstark. »Das ist ja wohl eine rechte Spökenstunde heut abend", dachte As- Ufen. Er trat einen Schritt in die Tür zurück, ein Stich von dieser schien ihm eine böse Plage. „Woher kommst du?" fragte er sie. »Ach, sei nur nicht bange," sagte die Mücke, „ich habe mich ein wenig Wjlogen. Aber wo du grade ins andere Land Einblick hast, wirst du Mr schon weiterhelfen." »Das hängt davon ab," knurrte Asmus, „und ich habe auch zuerst Magt, woher du kommst?" Die Mücke nickte freundlich. „Ich habe mich vom Mond verflogen und m>! tnube. Hast du etwas zu trinken für mich? Wenn ich von deiner 'U-h nippe» darf, will ich dir wohl einen Gefallen tun." ^"fnewiß kannst du etwas trinken", sagte der Bäcker neugierig und hob mi, Deckel von einer Milchkanne. „Was für eine Art Gefallen darf ich mit denn wünschen?" W** c ich nicht eben, daß du unzufrieden mit der Erde bist? Viel- M paßt du besser zu unserer weißen Insel, Freund." ein»',»^L"^ch ein grobes Riesenvolk wohne», da hat unser Küster al dose Erfahrungen gemacht", knurrte Asmus. „Nur im Kesselland auf Eurer Seite", lächelte die riesige Mücke sanft. „Auf dem Jenseits ist es lieblicher, da wohnen Wefen, die die Erde verlassen haben, weil es ihnen hier zu ungeschlacht und ruhelos zuging. Es ist em Bolt des Friedens, das da lebt, arbeitet nicht viel und lebt seiner Betrachtung, wie du dir es eben gewünscht hast." Ds_e Mucke steckte ihren Rüssel noch einmal in die Milchkanne. „Soll ich dich nach oben bringen, Bäcker?" »Ach möchte doch erst einen Blick hinüber werfen", sagte der. „Nichts leichter als das," sagte die Mücke sanft, „stell dich hinter mich und steh von yinten durch mein Auge hindurch." Der Backer kroch ihr richtig auf den Rücken und die Mücke richtet« ihre ungeheure Brille erst zur Mondscheibe, so daß der Mann die ge- waltigen Schlunde und Wasserwerke der Riesen sah. Und dann war es sondervar dann krümmte sich der Blick und Asmussen konnte auf die ^cnieite des Mondes sehen. „Sieh," dachte er, „das müssen wir auch noch lernen, so um die Ecke zu gucken. t Könige des Volkes", flüsterte die Mücke. In dem Augenblick sah der Backer deutlich drei Seen zwischen hohen weißen Bergen. Und an jedem See saß ein uralter Mann, hatte eine Angel ausgeworfen und be- trachtete den wippenden Korb, ohne sich zu rühren. Die Männer hatten alle große Augensäcke und hängende Unterlippen vor Uralter aber sie waren gewißlich zufrieden, das sah man ihren Gesichtern an; es ging eine 2trt Schlafen von ihren Blicken aus. Der dritte Greis aber hatte die Angelrute schon sinken lassen. Er hielt die Augen verzückt vor sich auf den Rand von See und Stein gerichtet und lächelte in sich hinein. «Ku," sagte Asmus halb erfreut, „mehr hat man da nicht zu tun?" „Alas willst du, diese benötigen nicht mehr und wenn sie einen Fisch fangen, leben sie ein Jahr davon." „Was sagst du," knurrte der Bäcker, „mehr haben sie nicht nötig?" Er rieb.sich die Augen, ste taten ihm weh von dem weißen Licht muf dem Eisgestein der Mondberge. „Brauchen ihre Frauen denn nicht mal 'ne bunte Jacke und werfen sie nicht mal mit der Bossel? Na, ja, — einen schonen Hof werden die Könige wohl hinterm Berg noch haben?" „Nichts dergleichen, Freund", sagte die Mücke sanftmütig. „Wozu noch Hofe besitzen, wenn man glückselig ist; wozu bosseln, wenn doch alle gleich stark sind, und Frauen — ach, diese Alten sterben nicht aus. Frauen haben nur noch die wilden Riesen im Kesselland." '.Was sagst du da?" fragte der Bäcker und kletterte vorsichtig der Mucke vom Rücken herab. „Ist das wirklich alles?" Sein Gesicht verzog sich ein wenig, er wiegte den Kopf. „Du bist nicht boje, wenn ich s mir noch einmal überlege," sagte er, „dergleichen kann man nicht im Hoppla entscheiden." Asmus woüte scherzen. „Mau weiß za auch nicht, wieviel von Eurer Art da oben wohnt." »Ach," antwortete die gute Mücke, „wir stechen nicht mehr, wir trinken kein Blut, wir sind nur noch die friedlichen Sänger der Könige. Aber wie du willst, vielleicht komme ich einmal wieder." Sprach's und flog singend in den Weltraum auf. Es war inzwischen etwas heller geworden. Asmus Asmussen hatte Backhaus und Feuer und Brote vergessen, so verrückt war die Nacht um ihn. Er hatte eigentlich Reue, daß er die Mücke so ohne Gegendienst hatte fortfliegen lassen. Ach, tröstete er sich dann, diefe Jammerlappen da oben waren doch nicht das Rechte für dich, Asmus Asmuffen! Du mußt etwas haben, wo du zeigen kannst, was für ’n Kerl du bist. Wenn auf Erden alles ein Dreck ist, der Mond kann einem auch nur halb gefallen Wie der Bäcker so bedenklich vor der Tür steht und nicht mit sich zurecht kommt, geht das erste Rot im Osten auf und drüben läuft aus einmal der große glänzende Hund und der bunte Vogel fliegt wieder vorbei. Sie sehen aber wunderschön aus, der Vogel voll glitzernder blutroter und goldener Federn und der Schäferhund mit klugen Augen und einem prachtvollen silbergeströmten Fell. Asmus winkt ihm mit der Pfeife. „Donnerja", denkt er. „Die gefallen mir besser als die Spökenmücke aus dem Mondschein." Und er ruft noch einmal. Da kommen die zwei denn ja auch gleich gesprungen aufgeregt wie Kinder. Sie sind sehr glücklich und erzählen, wie sie sich in der Dunkel- heit verirrt hätten. Oh, diese schwarzen Nächte auf Erden! Was, denkt der Bäcker, wieder welche von einer andern Welt? Und er steht sich die beiden genau an. Fröhlich sind sie und tänzeln von einem Bein aufs andere vor Ungeduld und sind dabei so schön und bunt; seine Augen reichen kaum aus für all die Farben. „Wohin wollt ihr denn?" fragt der Bäcker. Wohin sie wollten? wiederholten die beiden. Einen Verwünscher suchten sie, hier herum wohnte jemand, der ständig die Erde los sein wollte, den könnten sie brauchen. „Hm," sagt Asmus, „woher kommt ihr denn?" „Woher wir kommen? Von dem schönsten, was es auf der Welt gibt, von der Sonne selbst!" - ■ „Das ist gewiß gelogen/ sagt der Bäcker, „es soll alles Feuer und Schwefel da oben [ein." Da müssen die beiden ja lachen! Ob er denn niemals die dunklen Welten in der Sonne sähe? — Ach, die seien unendlich viel größer als alle Länder und Meere auf Erden und soviel schöner und soviel schönerl Donnerwetter, denkt der Bäcker, das will ich dem Schulmeister erzählen. Und laut sagt er: vielleicht hätten sie den gerade vor sich, der einmal wechseln möchte. „Oh," sagen sie beide, „dann haben wir auch Mut, dich um etwas zu bitten." „So?", sagt Asmus beleidigt; er gibt nicht gern, er nimmt lieber. „Herrlich und köstlich und warm und reich ist unser Land," sagen die beiden, „und alles, was es hier auf Erden gibt, ist nur ein müder Abglanz. Und alles wäre Frieden und Freundschaft in unserer Welt, wenn da nicht ein paar Riesen hausten, die von Eurer Erde zu uns hinüber geflüchtet sind. Ach, das ist ein dummes, plumpes Volk! Und nun wollen wir gern einiges von den Menschen bei uns haben, die doch zehnmal klüger und stärker und weiser als Riesen sind." Als er das hörte, macht Asmus mit einem höflichen Kratzfuß, man kann verlegen werden bei soviel Hochachtung. Ja, und nun wollten sie wissen — „Hm", sagt Asmus, er ist sehr vorsichtig und findet doch die zwei Tiere so wunderschön in der ersten roten Morgensonne; sein vergrämtes Herz schlägt ordentlich höher. „Hm," knurrt er wieder, „erst solltet ihr mir aber mehr von da oben erzählen!" „Ungeheure Wälder, die an einem Tag aus der Erde wachsen" — jubelt der bunte Vogel. „Ein böses Unkraut!" denkt der Bäcker. „Steine, die so glänzen, daß die Augen brennen," sagt der Hund, „und niemals Nacht, Asmus, ein einziges ungeheures Licht nach allen Seiten. Hätten da nicht auf einmal die Riesen auf den Felsen gestanden, es wäre kein Fehl noch Tadel an Gottes schöner Sonne." „Ja," brummt Asmus mißtrauisch, „und warum soll gerade ich nach oben kommen?" Der wunderglänzende Vogel und der Hund sehen ihn erstaunt an. „Du hast die Erde verwünscht? Komm zu uns, wir wollen die von dem Felsen in die Höhlen jagen." „Aha, deshalb", brummt Asmus, jetzt hat er es ja heraus und grinst. „Damit der Unfriede von der Sanne geht", loben sie den Mann noch. „Hilf uns doch, Asmus!" Der nimmt die Pfeife aus dem Mund und blinzelt listig mit den Augen. „Ja, ob ich dazu nun wohl der Rechte bin?" sagt der Bäcker sehr langsam und kratzt sich am Ohrlappen. „Ich will mich erst noch mal mit dem Schiffer und dem Burgvogt besprechen, das sind zwei, die fürchten sich vor Tod und Teufel nicht." Ob die denn auch übersichtig wären, fragen die Gäste. Das würde sich bald ergeben, sagte der Bäcker. Da werden der Hund und der Vogel sehr traurig. Nein, das ginge nicht, sie dürften nur die Uebersichtigen fragen. Er hätte doch eben so sehr geklagt, ob er denn keine Sehnsucht zur Sonne hätte? Ach, wenn er wüßte, wie herrlich das ewige Licht an den Rändern ihrer Welt und wie gewaltig die stürzenden Flammen und die wogenden Länder seien. „Feuer und Licht," sagt der Bäcker, „sind gewiß schöne Dinge, aber sie können auch bösen Brand stiften. Ach," seufzte er, „schließlich kommt alles auf Gottes Vorsehung an, damit sollten sie sich auch trösten." Die beiden lassen die Köpfe traurig niederfinken und sehen noch einmal wunderherrlich aus in ihrer Traurigkeit. Dann nicken sie und wandern weiter. Asmus Asmussen sieht ihnen eine Weile nach, bis ihre roten Kleider mit dem aufgehenden Sonnenrot verschmelzen. Seine Stirn zuckt auf und ab. Einmal ist es, als wollte er sie zurückrufen. Dann schlägt er die Tür zu. „Jungenskram," knurrt er, — „Riesen verjagen, hö, grab was für die Summen." Er geht seufzend in seine Schlafkammer. „Alles verkehrt," murrt er, — „alles die verkehrte Welt, auch da draußen." Das deutsche Theater seit 1918. Von Dr. Arthur Eloesser. Zur Erinnerung an das Jahrzehnt des Wiederaufbaues, das Ende 1928 seit Kriegsschluß vergangen ist, erscheint unter dem Titel „Zehn Jahre deutsche Geschichte, 1918 bis 1928" ein Gedenkwerk im Verlag Otto Stollberg. Die einzelnen Gebiete werden von den besten Kennern behandelt. Wir bringen hier einen interessanten Abschnitt aus dem Beitrag, der dem Theater gewidmet ist. Das Erlebnis des Krieges und der Revolution gab einen neuen Gehalt an Vorstellungen und Forderungen. Das Theater sollte kein Spiegel der Zeit mehr fein, wie Shakespeare sagt, sondern eine Willensbearbeitung für die Zukunft, also eher ein Zauberspiegel, in dem sich die Vision des nächsten Jahrhunderts ankündigte. Die gedanklich erledigte Gegenwart verdiente nicht mehr zu existieren, sie sollte auch als Bild, als ruhende Szenerie kaum noch vorhanden fein. Diese spiritualistische Gesinnung verlangte das dekorationslose Theater und die Aufhebung der Rampe, die als Grenzstrich die passive Bildhaftigkeit der Bühne schützte. Das Publikum sollte wie von einer Tribüne direkt angesprochen werden. Die Neuerung diente also mit anderen Mitteln derselben Tendenz, aus der die Arena des Großen Schauspielhauses von Reinhardt entstanden war. Es entwickelte sich der Typus der Stücke, in dem vor irgendeiner Masse Mensch, vor dem Chorus der Zukunft ein Sprecher auftrat, der uns in die neugeordnete Welt hinüberredete. Der Sprecher mußte ekstatisch sein, mit der Windstärke seines Temperaments, seiner Lunge, seiner Gebärde überzeugen. Unsere Schauspieler haben damals das Schreien gelernt und sich eine Heiserkeit zugezogen, die auch heute kaum behoben ist. Hatte es draußen eine Revolution gegeben, so sollte das zeitgemäße Theater den Braud oder wenigstens den Feuer, ichein weiter erhalten. Das russische Beispiel griff hinüber, der amtliche Proletkult der Sowjetregierung, an sich charakteristischer, vor allem nationaler, weil dort eine wirkliche Revolution stattgesunden hatte, weil dort das Theater kein so bedeutendes Erbgut an Tradition, an Gemeinbesitz zu vergessen hatte. Unsere Bewegung war viel mehr literarisch, sie hat sich nicht einmal die Volksbühne unterwerfen können. Keine Vergangenheit kann still liegen. Jede Neuerung des Theaters will auch alten Besitz einverleiben. Der Expressionismus, in feiner Erwartung neuer tragender Werke, richtete zunächst die vorhandenen Bestände der Literatur ein. Ich denke an eine modernisierte Aufführung von Hauptmanns „Webern", die bis dahin naive, kindliche Wesen waren, die in der Verzweiflung des Hungers einmal um sich geschlagen hatten. Die expressionistische Revision machte aus ihnen klassenbewußte Proletarier und eine Sturmkolonne, die sehr bewußt und methodisch vorging. Auch die Klassiker wurden neu herausgegeben. Wir erlebten von Pis- cator eine Aufführung der „Räuber", in der Spiegelberg, bei Schiller ein Taschendieb, zu einem Trotzki befördert, in der Karl Moor, verdächtiger Aristokrat, zu einem Kerensky ober Menschewisten herabgesetzt war. Die Regie drang auf unbedingte Aktualität, bas Theater sollte nichts als Handlung und Willensausdruck des gegenwärtigen Menschen seien. Wenn Zehner in einer denkwürdigen Vorstellung „Richard III." gab, so sollte es nicht mehr die psychologische Führung einer Biographie werden: das Drama erklärt nicht, motiviert nicht, ruht vor allem nicht, sondern es handelt in jedem Augenblick in einer einzigen, geraden Vorwärtsbewegung. Die Situationen bedingen sich nicht mehr, bereiten sich nicht gegenseitig vor, sie türmen sich übereinander. Warum wurde Richard so? Er ist eben so. Ein fertiger Höllenbraten. Die blutrote Wand hinter ihm sagt es auch. — Um auf das Wesentliche zu kommen, man spielte deko- rationslos, bann mit einer armen Dekoration, die von der Natur nichts entlehnt haben wollte. Die Alpenlandschaft im „Teil" war ein mit schwarzen Tüchern verhängtes Treppensystem. Der bewegte Mensch soll nicht vor einem Bilde stehen, das ihn in seine passive Ruhe zog. Die Bühne sollte ihm einen Raum geben, den nicht die Wirklichkeit vorschreibt, der vielmehr dem Sinn des Stückes anliegt. Der Raum vergeistigt sich also und spielt mit, bringt sogar das Spiel hervor, also eigentlich ein Seelenraum. Daher grundsätzlich auch unteilbar; es gibt in dieser Inszenierung keine Räume. Das europäische Drama ist zugleich Zustand und Bewegung, wie ein feiner Kenner gesagt hat. Der Sinn dieser spiritualistischen Stilisierung bestand darin, daß das Zuständliche möglichst unterdrückt, die Bewegung mit größter Energie auf das Ende gerichtet wurde. In dieser Auffassung sollten auch die Menschen nicht aus ihren Zuständen oder Stimmungen bestehen, sondern im wesentlichen aus ihren Handlungen, die weder vorbereitet, noch ineinander verflochten werden sollten. Drama des Willens, das in die Darsteller eine fauchende Energie treibt, das sie zu Explosionsmotoren macht. Das hält kein Dichter und auch nicht Shakespeare aus. Die Schauspieler aber wurden überspannt. Ihre Stimme schrie und ihre Geste schrie. Es entstand ein Typus, den man am besten Plakatschauspieler nennt, der einer aufgetriebenen und mit dem Zeigefinger betonten Gebärde. Den Darstellern, die sich immer in den Superlativ trieben, ist es bis heute schwer geworden, auf den Positiv wieder herunter zu kommen. Ueberspannung wird leicht zur Erstarrung. Es drohte ein neuer Akademismus, ein neuer Schwulst der Deklamation, nur daß früher mit mehr Kultur gesprochen wurde. Der Expressionismus hat eine ganze Generation unserer Schauspieler, ob sie an ihn glaubten oder zu ihm angehalten wurden, in ihrer Entwicklung geschädigt oder mindestens aufgehalten. unterstützen, mu wegungen und Gebärden angepaht fein. Die Anpassung hat sich allerdings meistens in umgekehrter Weise vollzogen, so daß der Schauspieler zum Sklaven des über ihn verhängten Raumes wurde. Die Bretter Der Bühne wurden aufgebrochen. Der ebene Boden, der die gemalte Dekoration abschloh, sei zu ausdruckslos, um {eine Kunst allein 3u tragen. Der Spielraum sollte gebrochen, in mehreren Höhen gestuft und oaim auch in die Vertikale verlegt werden. Da der Mensch nicht fliegen ran«, braucht er Treppen und Gerüste. Diese Klettergerüste im kubischen mij- bau haben unsere Regisseure den Russen gutgläubig nachgebaut, -w haben sogar erlebt, daß die Schauspieler selbst Kostüme, die wie happ- kartons aussahen, zu kubischen Figuren vereckt wurden; sie gmgen a wandelnde Räume durch den Raum. Der Wortführer der ruhych Bühne stellt sich etwa einen Helden vor, der einen gewaltigen uchry gegen Gott erhoben hat; er verläßt die Erde, um seine ekstatische y ousforberung dem Himmel entgegen zu schleudern, lieber einen -Berg Bühnenbauten klimmt er immer höher und höher. Die Sijnamir Raumes, man hat sie auch die Musikalität genannt, soll seine S heroische Gebärde mittönen und vertausendfachen. Was ist das für eine Dichtung? Ich hoffe, daß sie nicht 9ei4l.ic ® ist. Faust erhebt Aufruhr gegen (Bott, ohne fein Studierzimmer u 9 feinen Schlafrock zu verlassen. Was ihn bewegt, was uns bei g > * gedanklich, ist seelisch. Ist vor allem eine Wellenbewegung, die a s nieder geht. Wenn der Raum schon mitspielen, Hüttlingen, wem 0 Instrumentation zu der Stimme des Menschen geben soll, muy Josef Kainz sagte: Man gebe mir ein Loch, wo ich raustommen kann, und genug Platz zum Spielen, mehr brauche ich nicht. Der Stil, wie er ihn noch meinte, wuchs aus dem Darsteller, solange nicht nach einer von außen ausgeprägten Formel der Stilbühne gesucht wurde. Wir Deutschen haben nicht allein danach gesucht und nach allen Seiten experimentiert. Wir haben nach der Revolution die russische Hilfe etwas unbedenklich angenommen, wobei auch politische Gründe bei gewissen Unternehmungen mitspielten. Die tatsächlich oder mindestens in ihrer Gesinnung verstaatlichte russische Bühne, die von der Vergangenheit nichts wissen will und soll, hat sich mit sehr neuen und sehr festen Prinzipien gesichert. Die russische Bühnenkunst hat besonders den Raum heilig gesprochen. Der Schauspieler offenbart seine Kunst durch den Körper, sagt einer ihrer Wortführer. Die Bühne muß den Körper des Schauspielers iß in ihrer Raumgestaltung dem Rhythmus feiner De- Gebärden angepaßt fein. Die Anpassung hat sich aller- Kathedrale, vor dem Fenster, Astfreien, darstellt, von Flaubert dich- Die Wasserkur. Von Alfred Bock. (Fortsetzung.) Am folgenden Nachmittag klopfte der Direktor an die Tür des guten Amandus, der sich trotz des ärztlichen Verbots nach Tisch ein Schläfchen gegönnt hatte und schlaftrunken öffnete. „Was verschafft mir die Ehre, Herr Direktor?" „Ich habe Sie um eine kurze Unterredung zu ersuchen." „Nehmen Sie Platz, Herr Direktor." Dieser maß den guten Amandus mit einem verächtlichen Blicke und blieb in seiner ganzen Länge vor ihm stehen. „Meine Frau hat wäh- rend unserer zehnjährigen Ehe stets zu Ueberspanntheiten geneigt. Ich etoas straff und schaffte mir so ein einigermaßen erträgliches Leben. Seit einiger Zeit mache ich die Wahrnehmung, daß sich meine Frau nicht mehr um die Wirtschaft kümmert. Die Kinder lau en mit schmutzigen Ohren herum. In unserer Wohnung herrscht eine Unordnung, daß kein Durchkommen mehr ist. Meine Frau aber sitzt an ihrem Schreibtisch und — schriftstellert. Ich habe vergeblich nachgeforscht, wer ihr diese Narrenspossen in den Kopf gesetzt hat. Seit gestern abend weih ich, daß der Unfug auf Ihren Einfluß zurückzuführen ist. Herr, ich frage Sie, rote kommen Sie dazu, sich in meine Ehe zu mischen?" Amandus' linkes Bein begann zu zittern und er hatte die Empfindung, als ob er zu Boden schlagen müßte. „Sie fassen die Sache falsch auf, Herr Direktor", stotterte er. Ich habe gar kein Recht — es ist mir gar nicht eingefallen, mich um Ihre internen Angelegenheiten zu kümmern. Ihre Frau Gemahlin hat viel- „Wagen Sie nicht zu leugnen", donnerte der Direktor. „Sic haben sich in das Vertrauen meiner Frau geschlichen —" „Wer hat Ihnen das gesagt?" „Das ist meine Sache. Sie haben meine Frau mit verrückten Ideen vollgepfropft. Sie haben geschürt und gehetzt —* „Ich? Verleumdung, gemeine Verleumdung!" „«^Hitzen Sie sich weiter nicht. Für mich hört die Diskussion hier auf. Meine Frau will das Joch ihrer Ehe abschütteln. Ihre Eigenart Das graue Haus am Ufer. Von Kurt Kersten. Eingekeilt zwischen Schieferbergen, ausgebrcitet über bucklige Hügel liegt Rouen, die alte Stadt der Normandie, in der die I u n q s rau von R-Jr J? n 3c öer£^?nnt unö Flaubert geboren wurde. Die Stadt taucht plötzlich auf nachdem man im rasenden Tempo seincabwärts gefahren ist mitten im Frühling; eine Fahrt durch ein heiteres Land von Wiesen und Garten, immer irn Angesicht des Stromes, an dessen Usern herrliche Pappeln stehen, so daß man unwillkürlich an die großen Impressionisten des letzten Jahrhunderts denkt, die dies Land malerisch entdeckt haben. Idyll verschwindet, wenn man das dunstüberlagerte Rouen mit Kranen, Masten, Docks und hohen Eisenbrücken sieht, romantische Ironie - >p-he Turme, umflackert von allem Gewirr der Gotik, ragen empor. Wenn man einen Tunnel passiert hat, rückt die Stadt wieder in die gerne und plötzlich steht man auf einem neuen, noch nicht vollendeten Bahnhof, geht durch schnurgerade, lange Straßen einer alten Stadt, mit ,P^mPen runden Türmen, riesig weiten Platzen, stillen Winkeln. Die Geschichte von Jahrhunderten wird lebendig. m t" Rouen nach Kirchen, der Jungfrau von Orleans und Gustave Flaubert man denkt an den furchtbaren Haß, mit dem Flaubert die Burger der Stadt verfolgte. beweglich sein wie die Seele des Menschen. Das ist die schwülttiae Er- sindung eines Intellektuellen, eines Artisten, und eine Art Kunstgewerbe das kehr pedantisch betrieben werden kann. Diese Stereometrie des Raumes, von unseren Regisseuren bereitwillig ausgenommen, wurde viel schiielle r 3 u ei n e r Last, als die Anspruchslosigkeit der alten gemalten Kulisse, die für sich keine große Bedeutung beanspruchte. Der Alternde haßte die Stadt so sehr, daß er flußabwärts außerhalb der Stadt wohnte und sie mied. Hier war er geboren — man zeigt im Krankenhaus sein Geburtszimmer. Hier liegt er begraben, aber im Geaen- satz zu den Burgern dieser Stadt entstand sein Werk, hier wurde gegen ihn gehetzt und intrigiert, hier war er der Prophet, der nichts galt, und es war wie ein Faustschlag, als der Küster in der Kathedrale, vor dem Fenster das die Legende St. Julians, des Gastfreien, darstellt, von Flaubert dichterisch gestaltet, vor allem erwähnte, er wäre der Sohn eines berühmten ja, eines sehr berühmten Arztes gewesen. die hohen Eisengerüste der Verladebrücke auf, unter der die höchsten Schiff« dahinfahrcn können. Jenem Riesendock gegenüber aber liegt ein einsamer grüner Fleck Erde gana nahe am Fluß, am Fuße der Hänge, die langsam zu den Höhen hmansteigen, und den Lauf des Stromes geruhig begleiten. . "Ifh hobe unten, am Flusse ein weißes Haus; ich ließ die Gartenmauer nut Rosen bepflanzen auch den Pavillon am Ufer. Um ein Uhr nachts im Juli, beim hellen Mondenschein sehe ich von dort den Fischern zu —“ so schrieb Flaubert. „ Der weiße Pavillon ist grau geworden, der Mörtel bröckelt ab, die blühen nicht mehr, sind verschwunden, und in der stillen Stunde nach Mitternacht tritt niemand heraus, um den Fischern zuzusehen. Das Wohnhaus flauberts ist langst niedergerissen, dort haben sie — grausamer Witz des Lebens — eine Papierfabrik gebaut, der Fleck Erde, den Flaubert besessen, auf dem er wie ein Mönch hauste und arbeitete, taaelana um einen einzigen Ausdruck rang, auf dem „Madame Bovary", „Salambo" "Das^trage Herz" Die Versuchung des heiligen Antonius", „Bouvard und Pecuchet geschaffen wurden — unter so furchtbaren Anstrengungen und Opfern, dieser — es läßt sich nicht anders sagen — heilige Fleck Erde ,st eingeengt und lagert wie eine winzige Kostbarkeit zwi chen Fabriken und Docks. EinrStück Garten ist erhalten mit Statuen, einer Säule aus Karthago, einer Büste des Dichters. Und im Winkel steht jener Pavillon mit zwei Fenstern nach jeder Seite, einstöckig, einräumig, eine schmale Treppe fuhrt hinauf in den Raum, in dem Flaubert nie gearbeitet Hat in dem er ruhte nach qualvoll durcharbeiteten Nächten. Da saß er an der offenen Tür und sah auf den Fluß, auf die Segler, die hinausfuhren nach Afrika, Amerika, da sann dies Genie der Arbeit, dieser große Künstler faltbare Raffer, dieser weiche Mensch, fanatisiert, wenn es ums Schaffen ging, dieser Schöpfer, den sie vergessen möchten, weil er so tief durchdrungen war von der Verantwortung gegenüber dem Werk, weil er verwarf und wieder verwarf, weil er ein Heiliger war in seinem Beruf und ein Genie gewesen ist. Da haben sie in einem Raum Reliquien gesammelt; den Tisch, an dem er arbetete, die riesigen Gänsekiele, mit denen er schrieb, Bilder, Stöcke, Briefe, Photographien, Tücher, Andenken an die afrikanische Reise, man W.öas Bild des Hauses, das nun abgerissen wurde und der Papier- fabrik Platz machte. Man sieht Briefe von M a u p a f f a n t, das Bild der Geliebten, in einem Winkel sieht man eine Photographie des Grab- mals der Bovary auf dem Friedhof von Ry — der Grabstein ist Der« ^muiiben; die Nachkommen fluchten, weil eine Frau ihrer Familie zu Weltruf gekommen war, sie ließen den Gedenkstein wegschaffen, das Grab ist namenlos. Niemand weiß mehr, wo die Bovary begraben liegt. Man sieht Blätter aus Manuskripten, Hausrat, Kleinigkeiten — rührend zufammengetragen — in dieser kleinen Kammer. Der alte Koch Flauberts ist vor einigen Jahren gestorben, ein Invalide von Verdun ist zum Wächter gesetzt, ein zutraulicher, bescheidener Mensch. Die Stadt Rouen sorgt für ihn und diesen Fleck Erde, den man nicht vergißt. Wenn man geht, sieht man auf der Höhe eine alte Ruine, ein Frachtdampfer gleitet schwer den Fluß hinab, die Maschinen keuchen — gen -westen stößt der Fluß gegen die grünen Hänge, die hart ans Ufer treten, er muß ihnen weichen und scheint einen See zu bilden, verschwindet. — Eine Fähre bringt Arbeiter ans andere Ufer in die Docks zur Nachtarbeit. Männer mit hageren, müden, bleichen Gesichtern. Eine Sirene heult drohend auf. Still, einsam träumt im Grünen das kleine graue Hau? am Ufer, ohne Rosen, ohne Herrn, winzig, der Welt gehörend. Die Bürger von Rouen haben sich gerächt, haben ihm ein Denkmal gefegt — aber in einem Winkel. Etwas abseits auf schmalem Platz, hart an der Straße, steht der große Hasser in einer stillen Gegend, einsam auf 6T C"LSt0(f^n,an h"* m leinen besten Jahren bargefteUt, als er mfhcfiwJ nie mrfu°ar — tm 2°^' .D^ne $ut' frei- herausfordernd, un- Metifd^ als wolle er zu sprechen beginnen — zu den Bürgern der Stadt, zu den Bouvards und Peeuchets. ' An das arme Mädchen von Orleans erinnert in dieser Stadt fast nichts iwtzdem man sich so sehr bemüht, das Andenken der Geopferten zu wahrem Aber außer der Kathedrale steht kaum noch ein Haus aus jener Zeit. In dem Turm, der ihren Namen trägt, hat sie nie gesessen. Die Säle, in denen fic verhort und verurteilt wurde, sind nicht mehr. Am düsteren, fenfte " Ä mTnth" a tern bischöflichen Schlosses in einer engen, krummen S™1 gebückten, zusammengebrochenen Häusern sind zwei Tafeln an- ? auf denen man lieft, daß das Bauernmädchen aus Lothringen hert rourbf)aU C unf$ult"9 verurteilt und zwanzig Jahre später rehabili- „.®an E“u6 die halbe Stadt durchqueren, um auf den Platz zu gelangen § verbrannt wurde. Jahrzehntelang hat man sich um die ber, b” ftanb, in dessen Flammen die innirh0. Befreierin verkohlte Nach Forschungen, die mit aller philo- 2E Genauigkeit angestellt wurden, glauben sie endlich die Stelle h'?abrn- -Rus dem Marktplatz stehen zwei lange Hallen, an n ^frfi„6n„bC!V'e ™ chnung des Platzes, wie er früher aussah, ist auch zu sehen. Das wnh °r-^r ^antafie freies Spiel. In der Halle hinter den nÄ hat der Schlachter Emile Boivin seinen Platz: sauber abgehäutet K H S £en bork frisch geschlachtet zwanzig Schafe — in Reihe und J.,,, „ "P, ömtii trat em Arbeiter auf mich zu, begann von Rouen und r3rQb en' vaa den Folgen der Teuerung, dem Abbau, den schlechten bi hii emMm eleAben Seben ~ l° ^hob sich die Not des Tages an o , L^.cmschen Stelle, vor den geschlachteten Schafen, mitten in der mmt um die Ecke bog, traten auf die Treppe des Justizpalastes flt hi», in L1?1 unb diskutierten sehr lebhaft — ich weiß nicht, wie ornudnn^n jPrfe^en m dieser stabt, in der vor vierhundert Jahren ein «auenoouer Justizmord begangen wurde. Und sodann fuhr ich nach °n der Seine entlang, abwärts zum Landhaus Flauberts. * an ben Ufern der Seine zeigt sich unvermutet dem überraschten O-n 0anl vvderes Bild als im Gasfengewirr der inneren Stadt, des terFnnh?cn' bas auf Schritt und Tritt eine Tradition von Jahrhunderten Mein/ 0-?"-~b,en Quais liegen große Frachtdampfer, Kräne, Masten, ScrnrfX X pepse eiserne Gerüste, Speicher, es schreit in allen bet mLf. ?er Welt. Bis Rouen fahren Seeschiffe. Seit Kriegsende hat sich (EurnnnJi gewaltig entwickelt, von Rouen fährt man nach den Hären der ben Austen Afrikas, nach Amerika. Zehn Kilometer dehnt sich » '{|,„aus;JRouen ist eine Schlagader Frankreichs. ’P hwr bas Mädchen von Orleans, vergessen Kathedralen, Cime vnd verschlafene Winkel des späten Mittelalters, aus ihrer bet u ’Pan 'N die Weite; und wenn man flußabwärts fährt, öffnet auf „ breiter und breiter die Arme, dann taucht ein gewaltiges Dock Iaqfrn .peekiangenen Jahr vollendet, riesige Bäuche von Schiffsungetümen ingekeilt in den Docks, wendet man sich noch einmal um, tauchen loll sich in der Freiheit erst entwickeln, vermutlich unter Ihrer Beihilfe —" „Sir dürfen mich nicht ungestraft beleidigen, Herr Direktor. Ich verlange, daß Sie —" „Nur keine künstliche Erregung, mein Herr. Sie sind sich über die Folgen Ihrer Handlungsweise längst klar geworden. Ich für meine Person halte meine Frau nicht zurück, wenn sie gehen will. Und Sie, Herr Doktor, haben freie Hand. Ich leiste zu Ihren Gunsten auf meine Frau Verzicht. Damit bin ich meiner Pflichten ledig. Das wollte ich Ihnen mitteilen. Adieu!" * Der Direktor verließ mit dröhnenden Schritten das Zimmer, hinter ihm fiel die Tür krachend ins Schloß. Amandus heulte vor Wut auf. „Daß muß ich mir bieten lassen, von diesem Kerl — in Stücke möcht' ich ihn zerreißen!" Er schlug mit der geballten Faust aus den Waschtisch, daß die Wasserflasche klirrend herab- i prang und am Boden in tausend Scherben zerschellte. Nach dieser Kraftäußerung, die einen Zweikampf mit dem Direktor symbolisieren sollte, trat eine Reaktion ein. Er warf sich aufs Bett, lieh die Arme schlaff herunterhängen, bohrte den Kopf tief in die Kissen und monologisierte: „Ich bin sehr krank. Ich habe wieder den Druck im Hinterkopf. Und das Ohrensausen! Der ganze Kurerfolg ist hin! Ich bin da in eine gräßliche Kalamität geraten — wenn ich nur nicht den Verstand darüber verliere. Nein, zum Teufel! Ich muß bei klaren Sinnen bleiben. Ist denn ein Wort über meine Lippen gekommen, das diese Frau günstig für sich deuten konnte? War es nicht das pure Mitleid, daß ich mit Engelsgeduld ihre Jeremiaden über mich ergehen lieh? Hat sie nicht feit Wochen mit ihren Ketten gerasselt, daß einem das Trommelfell weh tat? Habe ich ihr etwa versprochen, sie aus ihrem Kerker zu entführen? Mir dämmert, diese Frau treibt ein gefährliches Spiel. Sie will sich an meine Rockschöße hängen. Und mit den vier armen Würmern! Mir läuft es eiskalt über den Rücken. Nein, bei Gott! so schlecht kann sie nicht sein. Oder sollte meine Menschenkenntnis so klüglich Schiffbruch leiden? Habe ich nicht gleich bei meiner Ankunft die übelsten Erfahrungen gemacht? Ränkesucht und Niedertracht lauern hier in jeder Ecke. Ha! ich hab'sl War ich denn mit Blindheit geschlagen? Die Majorin und der Referendar! Bon diesem sauberen Paare kann man alles erwarten. Sie haben die Denunzianten gespielt, und der Herr Direktor gefällt sich in der Rolle des beleidigten Ehemanns. Warum? Weil er sich seine Frau vom Halse schaffen will. Er ergreift die Gelegenheit beim Schopf und tritt mir seine Gattin höchst edelmütig ab, ungefähr so, wie man einem Trödler ein abgelegtes Kleidungsstück auf den Karren wirft. Ich danke, Herr Direktor! Ich bin ein ausgemachter Hampel, das weiß ich, aber als dekorierter Esel trete ich hier nicht auf." Amandus erhob sich und schrill mit Grandezza in seinem Zimmer auf und ab. Seine Gestalt hatte etwas Martialisches und in seinen Augen glühte ein unheimliches Feuer. Plötzlich fühlte er einen Stich im Rücken und knickte zusammen wie ein Rohr. Mein Rückenmark! stöhnte er. Ich bin todkrank. Ich ruiniere mich. Ich werde hier geopfert. Cs gibt nur ein Rrttungsmittel: Flucht, schleunige Flucht! In nervöser Hast langte er eine Karte aus feiner Schreibmappe hervor und warf ein paar Zeilen an Doktor Wenderoth hin. Eine unangenehme Nachricht, schrieb er, die ihn soeben erreicht, nötige ihn, unverzüglich die Heimreise anzutreten. Er klingelte dem Zimmermädchen und befahl ihm, das Billett erst nach dem Abendbrot Herrn Doktor Wenderoth ausMhändigen. Dann raffte er feine Effekten zusammen und ließ sie in die Postkutsche bringen, die die Verbindung mit der nächsten Bahnstation herstellte. Indes sich's die Kurgäste an der Abendtafel wohl fein ließen, gelang es dem guten Amandus, in aller Stille zu entwischen. Er drückte dem Postillon ein Fünfmarkstück in die Hand. Dieser hieb auf die Pferde los, daß die Funken stoben und die altertümliche Postchaise wie ein Gummiball auf der holprigen Landstraße hin und her flog. In vierzig Minuten legte der Flüchtling die acht Kilometer bis zur Station zurück und hatte bis zur Abfahrt des Zuges noch reichlich Zeit, sich in einem guten Wirtshaus für die Nachtfahrt zu stärken. Als er eine Stunde später ins CoupS stieg, hörte er einen Wagen vor dem Bahnhofsgebäude anfahren, Gepäckstücke wurden eiligst angerollt und da die Lokomotive eben anzog, fo schien es zweifelhaft, ob man die verspäteten Passagiere noch befördert hatte. Amandus atmete erleichtert auf und streckte sich behaglich auf den weichen Polstern aus. Er hatte nun Muße, darüber nachzudenken, wie er Mutter und Kusine die Notwendigkeit seiner Flucht aus Wilhelmsbad verständlich machen solle. Nach seiner Art hatte er nur hin und wieder eine Postkarte nach Hause geschickt und jedesmal betont, daß er gewillt sei, seinen Aufenthalt in Wilhelmsbad bis zum Beginn des iWinter- semeflers auszudehnen. Es war jetzt nicht schwer, den Damen etwas vorzuslunkern, aber es schien ihm unwürdig, mit einer Unwahrheit über die Schwelle des Elternhauses zu treten. Unter ergebnislosen Grübeleien schwand ihm die Nacht. Im Osten glomm der junge Tag empor, um sechs Uhr brauste der Schnellzug in die Bahnhofhalle der Unioerfi» ■ tätsstadt. Amandus winkte einen Gepäckträger herbei und gab ihm die Weisung, Koffer und Reifetuch in die Wohnung zu schaffen, er selbst schritt durch den Wartesaal zweiter Klasse dem Ausgang zu. Da traf der Kiang einer bekannten Stimme fein Ohr: „Geliebter Freund!" Er wandte sich nm und [ein Herzschlag stockte. Vor ihm stand die Direktorin und dahinter mit Übernächtigen Gesichtern das Kinderquartett. „Geliebter Freund, hier sind wir. Welche Freude!" Amandus wurde es schwarz vor den Augen und er nahm mit bebender Hand die Brille ab. „Was — woher — ich kann gar nicht — wie kommen Sie denn —" „Geliebter Freund, wir sind in diesem Augenblick mit dem Schnell- 3"g angekommen. Wahrscheinlich haben wir ahnungslos die Fahrt zusammen gemacht. Ach, welch ein Trost, daß ich Sie gleich —' „Wo wollen Sie hin, Frau Direktor?" „Sagt Ihnen das nicht eine innere Stimme, lieber Freund? Ich f,™ auf der Flucht. Ich — ich beabsichtige, mich Ihrer Mutter zu Fußen zu werfen —" „Wem? Meiner Mutter?" „Wenn sie fo hochherzig ist wie ihr Sohn, wird sie mir und meinen Kindern ein Plätzchen an ihrem Herd nicht verweigern." Amandus überfiel ein jäher Zorn. „Das ist ganz unmöglich, grau Direktor." „Wie, lieber Freund?" „Meine Mutter ist eine alte, schwache Frau. Jede Aufregung würde ihr schaden." „Wir könnten vielleicht hier warten. Wenn Sie sie vorbereiten wollten —" „Das kann ich nicht. Sie suchen eine Unterkunft, Frau Direktor?" „Ja, werter Freund!" „Gut, hier steht der Hotelwagen. Im Hotel „Zur Post" finden Sie ausgezeichnetes Quartier." Die Direktorin machte eine Bewegung nach dem Herzen. „Wenn Sie meinen, daß ich da —" „Entschieden — Sie sind da vortrefflich aufgehoben." Das Kinderquartett stimmte einen Klagegesang an, denn es hatte Kaffeedurst und die Unterredung dauerte ihm zu lange. Amandus schob die Direktorin in den Omnibus, die Mädchen kletterten nach. „Ich muß ein paar Stunden ausruhen," verabschiedete sich Amandus, „ich spreche später bei Ihnen vor. Auf Wiedersehen!" Der Wagen rollte davon, aber der gute Amandus blieb wie angewurzelt stehen. „Offenbar," murmelte er, „hat der Verstand dieser Frau gelitten. Sie ist wie eine Furie hinter mir her, sie wird mich nicht mehr loslassen. Ich werde ihr die Tür weisen, sie wird wiederkommen mit ihren vier Würmern. Ich werde sie fragen: „Was wollen Sie von mir?" Sie wird behaupten, ich hätte ihr Gott weiß was für Zugeständnisse gemacht. Sie wird das vor aller Welt wiederholen, die ganze Stabt läuft zusammen, man wird ihr natürlich Glauben schenken, man wird über mich herfallen und ich werde öffentlich an den Pranger gestellt. Ich werde toben wie ein Wilder. Man holt ihren Mann herbei. Der wird mit teuflischem Grinsen die Aussagen seiner flüchtigen Hälfte bestätigen, und dann hab' ich sie — hab' ich sie mit den vier Würmern!" Er fuchtelte verzweifelt mit den Händen in der Luft herum, erst ater bemerkte, daß sich ein Häuflein Neugieriger um ihn versammelt hatte, raffte er sich auf und eilte in großen Sätzen seiner Wohnung zu. Da lag das Elternhaus mit dem schmucken Vorgärtchen vor ihm. Durch das Staket schimmerte ein helles Kleid. „Tritt? Und so früh?" Sie schaute empor. „Jesus, Maria, Joseph, der Amandus!" „Guten Morgen, Tilli! Schläft die Mutter noch?" „Jawohl, fest —" Dem Blondkopf war der Schreck in alle Glieder gefahren. „Was ist denn passiert, Amandus?" „Nichts, liebes Kind." „Dein erbärmliches Aussehen straft dich Lügen. Komm mal mit, Wasserkurgast!" Sie zog den Widerstrebenden in die Geißblattlaube und nahm ihn scharf ins Verhör. Amandus wand sich wie ein Wurm, aber Tilli setzte ihm so heftig zu, daß er nach kurzem Widerstand die Waffen streckte. Heiß tropfte es von seinen Wimpern und er machte seinem gepreßten Herzen durch ein umfassendes Geständnis Luft. Schweigend nahm ihm Tilli die Beichte ab, bann sah sie ihn voll an. „Amanbus, hast du bir biefer Frau gegenüber nichts vorzuwerfen?" „Nichts," beteuerte Amandus, „ich fchwör's bei allem, was mir heilig ist." „Zum Kuckuck! Und du läßt dich fo ins Bockshorn jagen?" „Liebe Tilli, es sind höhere Mächte, die feindlich in mein Leben eingreifen. Ich bin völlig wehrlos —" „Das sind dumme Redensarten! Deine Nerven scheinen sich in einer trostlosen Verfassung zu befinden." „Allerdings, liebe Tilli." „Du gehst jetzt in dein Zimmer. Die Rieke soll dir Kaffee kochen. Der Mutter werde ich hernach sagen, daß du wieder da bist. Du verläßt mir teilte Minute das Haus." „Wenn du denkst, liebe Tilli —" „Ich werde dagegen die Direktorin aufsuchen —" „Du?" „Gewiß, ich werde dich von dieser Klette befreien." „Und bas stellst du dir so leicht vor?" „bei ruhig, Amandus, ich werde dich loseifen." „Da mühte ein Wunder geschehen." „Daran magst du immerhin glauben. Du verhältst Dich jetzt vollkommen passiv in dieser Sache und wartest die Dinge ab." Amandus begab sich in fein Arbeitszimmer. Rings von den Botten nickten ihm die wohlgeordneten Bücher wie alte Bekannte vertraulich z«, auf feinem Schreibtische lag das ausgebreitete Manuskript noch genau so da, wie er es vor fünf Wochen verlassen hatte. Und auf dem Papier war fein Stäubchen zu sehen. Das feuerte ordentlich zur Arbeit an. ®r beugte sich über das Oktavblatt, das er zuletzt beschrieben hatte. Der Schwm b bedurfte der Feile. Ein neuer Jdeenstrom flutete durch sein Gehirn. Feder flog leise knirschend über die glatte Fläche des Papiers, Blau w Blakt füllte sich und in der nächsten Stunde hatte Amandus über |« • Geschichte des deutschen Romans die Direktorin mitsamt ihren vier « mern vergessen. (Schluß folgt.) ----- Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. - Druck und Verlag: BrLhl'sche Universitäts-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Gieß-».