SietzenerZamilienblätter Kummer 72 Herrn. 9. Sepkember. lassen, uni dem Leo Tolstoi. Zu seinem 100. Geburtslage am eines Hundertjährigen „ein Zufall, daß mir Tolstoi. Von Siegfried v. Vegesack. Und nur die Kinder und die Toren Erkannten ihn, wie einst den Herrn. Blick war aber weltverloren Und über allen Menschen fern. Was einst das Höchste ihm erschienen: Der Worte wohlgeformte Kunst — uwrf sie hinin heil'ger Brunst, Dem Volk der Armen stumm zu dienen. Und hat, wie Er, jein Kreuz getragen Und seinen Leib daran geschlagen Von Alfons P a q u e t. - .id,net $>er Stift, der heute das Bild lesthalten will, einen Lebenden? Fast ist es nur Mffen, w.e vor achtzehn Jahren das Leben des ' ä riÄSfÄft.’Ä w«ä“ keu eines Waldes zu vergraben. Das Leben T Ä .»X S!nf r2.ben Ä? einPraphet, Tausenden als ein widerlicher phische-/ ^üaoVi h*l‘ • ®!r- “‘ffen heute aus den unzähligen autobiogra- » Romanen verstreut sind, und mit derselben fachen Leut?Leben der großen russischen Gesellschaft wie der ein. bas 'Lnf? walen und m der natürlichen Umgangssprache der Epoche oKenr n‘h " hre Menschen aller Gesellschaftsklassen wiedergeben — vor I T das Le7.n Fvnfe,‘ ^S'büchern, welcher Gedanke es ist, nist'den ™ stfben dieses seltenen Mannes sich müht. Es ist das leiden- Äckstn chu?? "och Umfassen der Gesellschaft mit allen in ihr Wen ' ®erotf|en hinemgetragenen, unverwirklichten Ge- was ihn » ■ fchopfensche, unfertige Element in der Gesellschaft ist es bas GEmnit ei"e 7" Erkenntnissen und Bedenken: Es gibt ewige Gebote des Gewissens, ohne deren Bsr- 6(f)mmen9 ehiL a Gesellschaft nicht besteht. Solange muh sie die Zustandeines Msenhaften Zustandes leiden. Diesen Tolstois Da! Menschlichkeit zu spüren, war das Schicksal feine aedrucktP„EH°raktenst,sck)eandiesem Schriftsteller sind nicht nur glücklichen 5,",olt "Uferen Daten, und di« hohen, sehr »er Dingx 2 e,ne? Lebens. Sondern, daß gerade der Glanz ">h>g«nden »m 9!^ und in Frage gezogen schien durch den beun- für ihn L ‘f!, oul die Kehrseite. Aus diesem doppelten Sehen kam Duttes, das quälende, unablässige Gottsuchertum, die furcht- s Sem Blick war aber weltverloren Und über allen Menschen fern Und nur die Kinder und die Toren Erkannten ihn, wie einst den IL w-” w ™».. WWMJMZHD u ®ÄymÄ0T äs te L SH» §*«« »" ™<»p»fd)cn L«Lm,f,k, -rhM L ftig» lK S’ÄÄ in" U Li-LL-SN,L"LL ferne berühmte „Beichte" und nach ihr die lange Ä bet' Ira ff 1» « r7?h7 Slaak und Kirche der Kritik unterzag Lr Roman A Ü b- I ?5st e u n g ist sein großes Selbstbekenntnis. Ms dieses Werk aL Uneben war, ermßte den Dichter der Gedanke, seine Familie ,u I l flen- um dem Widerspruch zwischen seinem Leben und seinen Ueber» | zeugungen em Ende zu machen. Zwanzig Jahre lana sand »r mAi- I h? bQ3ll‘ s®rft ?? Einern Novembertage 1910 verließ er Jasnaja Pol, I S bt€ Einsamkeit und Stille aufzusuchen. Doch schon am Är^Ä" franf Un& ftarb aUf einer Ä'ÄÄ1 L EWA Ä Ob^es fTen ®°^re tun' nämlich, ihre Familie oerlaflen. Al, ob es so gleichgültig wäre, was endlich über das Leben dieses unas. I ^uren Grestes Macht bekam. Der Gedanke der Heiligung bewegte ibn "noblaffig. Es ist das Schicksal des Menschen Tolstöi^ßdmch & I großes Künstlertum eine ganze Welt an diesem Ringen teilgenommen hat. , Tolstoi sprach ablehnend über Goethe. Er äußerte sich Ziemlich hart über das moderne Theater. Er verfaßte eine Schrift gegen Shake» i LP Cmre' Er konnte die Buntheit, den schnellen Witz, die derben Späße I »IC F esQs3z versteckte Unmoral des großen Briten nicht leidem Er b ???, Reuter als ein Spielzeug für Erwachsene, und schätzte di. "/. sten Dichter, auch die großen, als Unterhalter. Dennoch schrieb er selbst für das Theater und bediente sich auch dieses Mittels der Unter* Haltung, um den Menschen ernste Dinge zu sagen. Auch Tolstoi schüttelt die menschlichen Figuren wie Pfeile in seinem Köcher, auch er steht rot« I «*afeF A°rl uber. icmcn Gestalten, durchschaut sie vollständig, läßt st« I f'rh nach ihrem inneren Gesetz bewegen und erkennt, daß das Bgs» j b05 er agreren und sich in hundert Gestalten, in Beamten, Geistlichen. | Damen, Aerzten, bürgerlichen und bäuerlichen Typen verkörpern läßh der Lnbe fei; ohne das Böse kann es ja überhaupt fein« Offenbarung der Liebe geben. Ohne den uralten sanften Streit zwischen dem Bosen und der Liebe wäre auch das Tolstoische Drama ohne ein« Spannungen und Energien. Seine Technik ist ganz westlich, nur sein Ethos wirkt neu und schwer. Nicht jeder Dichter hat den Mit, die Heldin eines herrlichen Romans schließlich unter den Rädern eine» Schnellzuges enden zu lassen und ihr neben der Kraft, dem Liebreiz, dem LAT 6rjr ?fu3res c^rer Person ein so feickes Gewissen zu geben, das schließlich den Tod fordert. 5 europäische Theater ist Tolstoi ein Seitenweg der natura» listischen Epoche, und doch zugleich Fortschritt auf dem Hauptweq aller dramatischen Kunst. Tolstoi behauptete, das Theater nicht zu lieben, doch gab es eine Zeit, wo er es genau studierte. Fast immer stellt das Tol» stoische Stuck eine Art Predigt dar, die beim Zuschauer neben dem Interesse an dramatisierten Familienvorgängen ein Empfinden hinter» lagt, als habe man ihm, während er da saß, die Taschen abgeklopst, ein wenig in seine Geschäftsbücher hineingeschaut, die Hutnummer festgestellt und seine eigenen Familienangelegenheiten unliebsam in die Debatte gezogen. Man tröstet sich dann damit, zu sagen: das ist russisch. Figuren wie diesen Fedsa, oder wie diesen Gutsbesitzer, oder diesen Bauern gibt es bei uns im Westen gar nicht. Solche Sachen wie den „Lebenden Leichnam gibt es nur in Rußland. Aber das Leben ist inzwischen auch im Westen sozusagen russischer geworden. Wie wäre sonst der Erfolg zu erklären, den auch bei uns die Tolstoischen Stücke haben. Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1928" *) A-ul, zweisilbig: ein Tatarendorf. Der Gefangene im Kaukasus. Von Graf Leo N. Tolstoi. I. Shilin war Offizier im Kaukasus. ™ .. ,. .ut Einst erhielt er einen Brief aus der Hemmt, ine alte Mutier schreibt ihm: Ich bin alt geworden und möchte vor memem Ende den gelrebtM Sohn Wiedersehen. Komm, um von mir Abschied zu nehmen. und dann tritt mit Gott deinen Dienst wieder an. Ich habe drr eine Braut ausgesucht, sie ist klug und gut und hat Grundbesitz — vielleicht heiratest bU Shllin "wurde^nachdenklich. In der Tat, die Mutetr ist schwach geworden, sann er; vielleicht bekomme ich sie nicht mehr zu sehen. Ich will reiien- und steht mir die Braut an, ich kann >a auch heiraten. Er ging zu seinem Oberst, nahm Urlaub, verabschiedete sich von den Kameraden, stellte seinen Soldaten vier Wedro Branntwein zum Abschied und bereitete sich zur Fahrt. . . m , h Damals war Krieg im Kaukasus. Bei -tage wie bei Nacht wur^n die Wege beunruhigt; kaum hatte einer von den Russen die Festung verlassen, so töteten ihn die Tataren oder schleppten ihn m die Berge. Deshalb wurde befohlen, daß zweimal in der Woche von Festungi »u Seftung ein Zug unter Bedeckung abginge: vorn und hinten Soldaten, M der M^Es^wa^im Sommer. Frühmorgens hatte sich hinter der Festung ein Wagenzug versammelt, die Bedeckung trat heraus, und man begab sich auf die Reise. Shilin ritt, sein Wagen mit dem Gepäck ging im ^Man hatte fünfundzwanzig Werst zurückzulegen. Langsam ging der Wagenzug. Bald blieben die Soldaten stehen, bald fiel em Rad ab oder ein Pferd stand still, so daß alles wartete. - Die Sonne war schon über Mittag, und der Zug hatte erst die Halste des Weges zurückgelegt. Staub und Hitze, und die Sonne brennt, nirgends ist Schutz zu finden. Nackte Steppe; kein Baum, kein Busch Shilln, der vorausgeritten war, hält an und wartet auf den Zug; hinter sich vernimmt er ein Hornsignal — also wieder bleibt der Zug stehen. Da denkt Shilin: soll ich nicht allein reiten ohne die Soldaten? Unter mir ist ein gutes Pferd, überfallen mich die Tataren — ich galoppiere davon. . Wie er den Plan überdenkt, sprengt zu ihm em anderer Offizier, Kostylin, mit einer Flinte, und sagt: „Wollen wir allein reiten, Shilin, kann s vor Hunger nicht aushalten, und es ist eine so furchtbare Hitze. Mein Hemd ist zum Auswringen." .... ,, Kostylin, ein dicker Manu, ist ganz rot im Gesicht, der Schweiß fließt nur so von ihm, Shilin überlegt und sagt: „Ist die Flinte geladen?" „Geladen." . . „Reiten wir. Eine Vedingimg jedoch: daß wir nicht auseinander- kommen." Ist es nicht doch das Wesentliche, daß Tolstoi den ganzen Zimespalt zwischen ^Sehen und Denken in sich aufnahm? Daß er niemals Dichter nt ohne den Denker. Die bloße artistische Darstellung der Welt ist nichts, aber auch die bloße Predigt, die Entsagung, das Einsiedlertum ist nicht alles In unserer Zeit liegt ein besonderes Verlangen. Ungeheure Kräfte der end e ru n g " wachs en in ihrem schoße Man muh die Dinge andern. Miln fnnn hie Dinge änbern. Man (oll sie andern. m Neben dem uns entrückten, heute 100jährigen Tolstoi stehen andere Gestalten lebende und gestorbene, doch gewaltige, suhrende Menschen unserer Zeit eines großen, noch unabsehbaren Überganges. Muh am, abgernb sthmerzhaft, zuweilen auch gewaltsam vollzieht sich ^ Ablösung aus den alten Dingen. Wir haben glänzende philosophische Systeme, die in großen Handlungen und Staatsformen münden, und wir haben einsame Beispiele eines neuen aufopfernden Lebens, einer neuen aUTnenju)- liehen Bindung. Im Nachlasse Tolstois ist eine „Erzählung des Monch- priesters Isidor". Nur wenige Seiten: die Geschichte eines ehemaliger ^ardeofsiziers, der Einsiedler geworden ist, und sich nn Zwejjel verzehrt, ob nicht auch seine Frömmigkeit nichts als ^ne furchtbare Sebstge^ig- keit ist. Die letzte Bemerkung des Mönches tragt em Datum. 15. S p tember 1902. Das ist ein Datum, an dem viele von uns schon gmeot haben. Das Problem der Erzählung, scheinbar ganz aus ber russischen Religi'ösität genommen, fast mittelalterlich, ist doch zeitlos; besteht denn dieser Konflikt nicht ewig? Ein solches unerbittliches Denken will mehr als nur die Ausschöpfung unserer Gegenwart, es will, wie das ganz tiefe Denken des Christentums, die ganze-Zukunft. . , . Es wird stark darauf aumerksam gemacht, daß Tolstoi Vegetarier war daß er ohne diesen Standpunkt, der die Abkehr vom Fleischessen als die Grundlage wahren Menschentums bezeichnet, gar nicht denkbar gewesen sei daß die wenigen Obstbaiikolonien m Deutschland, wie auch die Siedlungen der Duchoborzen in Rußland und Kanada, die ihre Lebensweise nach den Gedanken Tolstois eingerichtet haben, die niedrigste-Sterb- lickkeitsuiier haben. Wir wissen ebenso, daß viele Gedanken —olfrots noch nicht verwirklicht sind, mit einem Achselzucken stellt mn M erfüllbar beiseite. Sie sind unbequem, sie scheinen aK6*1 erprobten be- währten lebensnotwendigen Gewohnheiten unserer Gesellschaft zu wider- sprechen. Und wenn man Tolstoi als einen der großen Wer der des heutigen Rußland bezeichnet, so ist doch m dem heutigen Rußland der soziale Gedanke Tolstois nur in der Form der Gewaltausubung verwirklicht nicht in der Form, die er meinte, und von der er sich die grüßen 'Wirkung versprach. Wir können hier nicht urteilen. Es ist uns heute nur möglich die Größe des Künstlertums und der persönlichen Lebenskraft zu ermessen, die in dieser ungewöhnlichen Erscheinung Tolstois zum Ausdruck kam. Aber vielleicht uurd einmal die «aat, die der Bauer Tolstoi ausstreute, länger dauern als das künstlerische Werk, das die Lebensspanne des Grafen Leo Tolstoi so breit überleit. Und sie reiten voran auf dem Wege, reiten über die Steppe, unter» halten sich und spähen dabei nach beiden Seiten. Weit kann man in der Kmim^st die Steppe zu Ende, jo führt der Weg zwijchen zwei Bergen in einen Paß. Da hebt Shilin an. . ., Man muh auf den Berg reifen und nachschauen, sonst greift man n?nh» mir wissen gar nicht wie, vom Berge an." Kostylin aber entgegnet: „Was ist da nachzusehen? Wollen wir auf dem Wege reiten." Mdn,"^agte"er) "warte du hier unten, ich will oben einen Augen- ^^Und"tt°lleß""7s"Pferd nach links auf den Berg traben. Es war ein Iagdpserd für hundert Rubel hatte er es als Fullen in der Herde ge= rm.ft nnh Mbft xuaerittb - schnell, als hätte es Flügel, trug es ihn die Steile hinauf. Kaum war er oben, siehe, in geringer Entfernung von ihm hnftpn berittene Tu tuten ... UN dreißig MUNN. Ct 1UY> s unv wendete- auch die Tataren sahen ihn, jagten ihm nach, nahmen wahrend des Reitens die Flinten aus dem Futteral. Mit verhängten Zugern lieh Shilin se?n Pferd bergab laufen und rief. Kostylin an: „Die Flinte kenommenl" Und zu dem Pferde: „Mein Herzchen, trage mich heraus, stolpere nicht — stolperst du, so bin ich ver.oren. Kostnlin indes, statt zu warten, jagte, sobald er die -laiaren erbacLe, de- Testung zu so schnell er vermochte. Bald von einer, bald von der anbe?en ©e8ite$ trieb je fein Pferd an. Am Staube ist zu merken, w.e das Pferd mit dem Schwanz schlagt. Shilin begreift, daß seine Sache schlecht steht —.die ü-mte ist fod, mit dem Säbel allein läßt sich nichts machen. Er jagt zurück noch bentt er 7u entkommen. Aber sechs Mann sprengen von der weite, schneiden ihm den Weg ab. Sein Pferd ist zwar gut, jene indes haben ned) bessere Pferde. Er greift in die Zügel, will wieder umkehren, aber das Pfe'-d einmal im Jagen, fchnellt weiter — gerade auf die Feinde los Ein Tatar mit einem roten Bart auf eimnn grauen Pferde nähert sich Er grinst und hält die Flinte in Bereitschaft. Ick kenne euch Teufel, denkt Shilin. Fangen fic einen lebendig, fo stecken sie ihn in eine Grube und peitschen ihn. Lebendig sollen sie "^ObchÄch^dcht groß von Wuchs, war Shilin ein mutiger Mann Er meist nach seinem Säbel, läßt das Pferd gerade auf den roteni Shann Pos unb denkt dabei: entweder tritt ihn mein Pferd nieder odcr ich mache ihn mit dem Säbel unschädlich. mar Shilin nicht auf die Entfernung eines Pferdes heran- aeritter? als Schüsse, von hinten abgegeben, sein Pferd trafen — mit chler Gewalt schllig es auf die Erde und fiel auf den Fuß feines Reiters. (fr mill ück erheben aber schon sitzen auf ihm -wer dieser übelriechenden Tataren und 'binden ihm die Hände auf den ^ucten' reißt er sich los und drängt die Feinde von sich ab, aber noch dre. bringen von den Pferden und schlagen mit Kolben °Ä s»nen Kopsi m,irh es ihm wirr vor den Augen und er wankte. Die Tataren er griffen ihn, banden ihm mit ihren überzähligen Sattelgurteln die Hande am Rücken zusammen und machten einen tatarischen Knoten. Man M g chm db Mibe ab zog seine Stiefel aus, alles durchwuhtten sie, da L die Uh7 M sie und jerriffen die Uniform. «gj sich nach seinem Pferde um. Sein Herzenspferd, wie es auf die weite aefallen tvar so lag es noch und schlug mit den Fußen; ein Poch klafs ihm im Kopf und pfeifend quillt das schwarze Blut, benetzt eine z sch in der Runde den Staub. ,, ffin Tatar nähert iid) dem Pferde und nimmt vorsichtig den waim abX W« Kehle Ein Zi chen aus dem Halse — ein Zucken Des rrorpen- Sattel und Geschirr nehmen die Tataren ab. D-r Rotbärtige sitzt wieder auf. Und nun heben sie Shilin zu ihm auf den Satt , 7r nicht falle, binden sie ihn mit einem Gürtel an den Rucken Vordermannes — und fort in die Berge. Hinter dem Tataren sitzt Shilin, schaukelt undtaumelnBor sich den breiten Tatarenrücken, den sehnigen Hals, und glanzend rundet s cy glattrasierte Hinterkopf. Shilins Kopf tft arg zersch agen Blut ttg! aebaden Über den Augen. Und er vermag sich auf dem Pferde zurechtzurücken und das Blut «bäumijd)en ©o fe,t mb b.e Arme zu sammengefchnürt, bah es ihn mi wchlufselbein schmerzt. ßanae ritten sie von Berg zu Berg, setzten durch eine einen Fluß, gelangten auf einen Weg unb ritten im -tat wett - - Wie gern hätte Shilin sich ben Weg gemerkt - ^Jeine jl waren mit Blut verklebt unb er vermochte nicht, fidj utnswenDen Es begann zu dämmern; sie setzten noch> über emen F uß. auf einen breiten Felsen kamen, wirbelte Rauch auf, Hunde » an - sie waren im Aul*). Die Tataren sahen ab, Zatarenjungen^ herzu, drängten sich um den Gefangenen, grohlten, , chz warfen ihn mit Steinen. ,~hi(in a01n Die tolle Jugend wird von dem Roten sortge>agt,der wy Pferde hebt und in befehlendem Ton einen »uf 'rbW" ^^en, er Nogaier kommt, stark heben sich in seinem Gesicht die Backenk weg tränt nur ein Hemd. Das Hemd ist abgerissen, d.e Brus ... » herbei: ruft ihm etwas zu. Sogleich schafft der Arbeiter einen t 6 Krampe zwei Eichenklötze mit Eisenringen, an einem der Ringe unb ein Schloß. ben Block Shilin werben bie Hände losgebunben, man setzt mn m bantl unb führt ihn in einen Verschlag; er wirb b*n?mgef “r ejn wenig schließt sich bie Tür. Er taumelt auf ben Mist. Als e haben, gelegen, tappte er in der Dunkelheit, um die weichste unb legte sich nieder. II. Shilin sand wenig Schlaf. Die Nächte waren kurz. Durch eine Ritze im Holz er, wie es zu tagen beginnt. Mühsam richtet «r sich aus, chleppt sich zur Wand und erweitert die Ritze. In das Tal führt, wie er durch die Ritze bemerkt, ein Weg, rechter band steht eine Hütte, zwei Bäume neben ihr. Auf der Schwelle liegt ,n schwarzer Hund, eine Ziege weidet mit den Zicklein — sie wedeln mit den Schwänzchen. Er sieht — den Berg heraus kommt eine junge latarin in farbigem Hemd ohne Gürtel, in Hofen und Stiefeln, den ggnf mit dem Kaftan bedeckt, und auf dem Kopf ein großer, blecherner «asserkrug. Sie hat schwer zu schleppen, geht gebückt, an der Hand schrt sic einen kleinen rasierten Tataren, der nur mit einem Hemde ^kleidet ist. Die Tatarin geht mit dem Krug in die Hütte, aus der M der Rotbärtige tritt — im seidenen Halbrock, einen silbernen Dolch n, Gürtel, mit Schuhen auf dem kahlen Fuß, auf dem Kopf ist eine hohe schwarze Lammfellmütze nach hinten gesetzt. Er reckt sich, glättet seinen Bart, bleibt ein wenig stehen, rüst etwas dem Arbeiter zu und gebt weiter. Zwei junge Burschen treiben Pferde zur Tränke. Andere von diesen Rangen mit rasiertem Kopf, im Hemd, ohne Hose, versammeln sich, nähern sich dem Verschlage und stecken trockenes Reisig durch die Ritze. Wie Shilin sie anschreit, nehmen sie Reißaus — ihre nackten Knie alänzen. Shilin möchte trinken, sein Hals ist trocken. Er wünscht, man möchte ihn jetzt aussuchen. Horch — man öffnet die Tür. Der rote Tatar tritt ein, mit ihm ein anderer Tatar, kleiner, mit schwarzem Haar. Die schwarzen Augen glänzen, er ist rotbäckig, den spärlichen Bart trägt er beschnitten; sein Gesicht sieht lustig aus, immer lacht er. Er ist noch besser gekleidet als der Rote: Tressen schmücken den dunkelblauseidenen Haib- ”oet, ein großer Dolch mit reichem isilbergriff steckt im Gürtel; auch die roten Sasfianpantoffeln sind mit Silber benäht; die dünnen Pantoffeln stecken in dicken Schuhen. Auf dem Kopf sitzt eine hohe weiße Lamrn- sellmlltze. Der rote Tatar murmelt etwas, als ob er schimpfe, bleibt an der Schwelle stehen, lehnt sich an die Tür, spielt mit seinem Dolch und dabei schielt er wie ein Wolf auf Shilin. Ser Schwarze aber, rasch, lebhaft, als befände er sich aus Sprung- sedern, geht gerade auf Shilin zu, hockt nieder zu ihm, fletscht die Zähne, dopst ihm auf die Schulter, zwinkert mit den Augen, schnalzt mit der Zunge und schwatzt für Shilin unverständliche Worte. „Zu trinkenl gebt Wasser!" ächzt Shilin. Der Schwarze lacht und schwatzt weiter. Mit Lippen und Händen macht Shilin deutlich, daß er trinken wolle. Jetzt begreift der Schwarze, wieder lacht er, wirft einen Blick durch die Tür und ruft: „Dina!" Ein schlankes zierliches, etwa dreizehnjähriges Mädchen kommt ange- laufen; die Aehnlichkeit mit dem Schwarzen ist unverkennbar; sichtlich ist es seine Tochter; das sind dieselben schwarzglänzenden Augen in dem schönen Gesicht. Sie ist in ein langes dunkelblaues Hemd mit breiten Aermeln ohne Gürtel gekleidet, rotbesäumt sind Brust und Aermel. Sie trägt Hosen und Pantosseln, die Pantoffeln stecken in Schuhen mit hohen hacken. Den Halsschmuck bildet eine Keile aus russischen Halbrubeln. Sie trägt den Kopf unbedeckt — über der schwarzen Flechte ruht ein Band mit Metallplatten und einem silbernen Rubel. Der Vater ruft ihr einige Worte zu. Sie läuft fort, kommt wieder mit einem Blechkrug, reicht dem Gefangenen Wasser, hockt nieder und biegt sich so, daß ihre Knie die Schultern überragen. Mit weitoffenen Augen sieht sie auf Shilin, wie er trinkt, als fei er irgendein Tier. Wie ihr Shilin den Krug zurückreichen will, springt sie fort wie eine wilde Ziege. Ihr Vater lacht laut auf und ruft ihr nach. Sie kehrt um, nimmt den Krug, läuft hinaus, kommt schnell zurück mit ungesäuertem Brot aus einem Brettchen, hockt nieder und läßt die Augen nicht von Ehilin. Die Tataren gehen und verschließen die Tür. Kurze Zeit darauf kommt der Nogaier und macht ihm Zeichen. Auch er versteht nicht Russisch. Indes begreift Shilin, er solle dem Boten folgen. (Fortsetzung folgt.) Tolstoi und Deutschland. Von Dr. Paul Landau. Die Wirkung des genialen Menschen hat Tolstoi selbst einmal mit Oer der überall hindringenden, alles befruchtenden Sonnenstrahlen ver- lstichen. So ist auch fein Einfluß, der des Menfchen, des Dichters, des Denkers, des Gottsuchers, weltweit wie der des Himmelslichtes. Man braucht nur einmal die von B i r u t o f f in dem Band „Tolstoi und der Orient" vereinigten Zeugnisse zu betrachten, um zu erkennen, wie wichtig ein Schaffen für das geistige Erwachen des Ostens wurde, das wir ich! erleben. Der große indische Revolutionär Gandhi hat von ihm den entscheidenden Anstoß erhalten, und so geht die ganze von Gandhi entfachte Bewegung auf den Weisen von Jasnaja Poljana zurück. Der «nuskops des russischen Sehers blickt freilich ebenso nach Osten wie nach besten, und vieles an (einer Erscheinung steht dem Morgenland näher dem Abendland. Aber, wenn der Heilige und Prophet bei uns Weniger fruchtbaren Boden fand, so ist dafür der Künstler um so leidenschaftlicher bewundert worden. Tolstois Stellung zu Deutschland und in unserem Geistesleben ist ein in der reichen Tolstoi-Literatur wenig de- mndeltes Kapitel, das doch gerade den Deutschen besonders beschäs- btzen muß. r Was verdankte Tolstoi dem deutschen Wesen, der deutschen Kultur? zunächst einmal stießt deutsches Blut in seinen Adern, denn sein Ur- M 'st im Jahre 1353 aus Deutschland nach Rußland eingewandert. 1,6 Familie hieß früher Dick, wie Tolstoi selbst Raphael L o e w e n - seid erzählte, und der Name Tolstoi ist ja nur eine Ueberjetmug des deutschen Wortes. In zwanzig Generationen war freilich das Geschlecht ganz russich geworden, und Tolstoi hat in sich einen tiefen Gegensatz zu allem „Westlichen", auch zu Deutschland, empfunden. Doch am Eingang seiner bewußten Kindheit, die er so unvergleichlich geschildert, steht der deutsche Hauslehrer Feodor Iwanowitsch, der ihn liebte, als wenn er {ein eigener Sohn wäre und dem er feine Kenntnis der deutschen Sprache verdankte. Viel stärker als der deutsche Lehrer hat auf ihn der russische Pilger Grischa gewirkt, der ihm das Evangelium der Muttererde brachte. Die Bildung, die sich der junge Leutnant und Student aneignete, geht nicht tief, aber sie war im wesentlichen deutsch. Tolstoi berichtet in seiner Schrift über die Bedeutung von Wissenschaft und Kunst, daß die Lehre Hegels in der Zeit, da er ins Leben trat, „das Wesenselement aller Dinge" war. So hat er sich denn mit diesem Philosophen, der auch noch in seinen späteren Tagebüchern erscheint, viel beschäftigt, ist von ihm rückwärts zu Kant und vorwärts zu Feuerbach und Marx geschritten. Größer war der Einfluß Schopenhauers, dessen so stark östlich orientierter Lehre er „am ehesten zustimmte", während er N ietzsche völlig ablebnte und den „Zarathustra^ für „wahnsinnig" erklärte. Mehr aufgewühlt als durch das deutsche Denken wurde er durch die deutsche Musik, durch Bach und Beethoven, deren übermächtige „Berauschung" er in den Jahren seiner religiösen Einkehr als schädlich und sündhaft brandmarkte. Wagner stand ihm fern; den „Siegfried" bezeichnete er als „Kasperle-Theater". In dieser kunstfeindlichen Epoche verdammte er auch Goethe. „Was hat er denn Gutes gewirkt?" fragte er. „Gewiß lese ich manches von ihm gern, aber das wirklich Schöne aus seinen Werken wurde höchstens zwei Bände füllen." Da er den „ethischen Zug" bei ihm vermißte, ist es begreiflich, daß er Schiller höher stellte. Unter den modernen deutschen Dichtern ließ er nur den ihm geistesverwandten Wilhelm v. Potenz gelten, dessen „Büttnerbauer" er für den besten deutschen Roman erklärte; die russische Uebersetzung dieses Buches hat er durch ein Vorwort, eine Jeremiade gegen die moderne Kultur und Nietzsche, eingeleitet. Einen Ehrenplatz in feiner Bibliothek hatten die Werke Berthold Auerbachs, den er seinen Lieblingsschriftsteller nannte; er verdankte ihm den Hinweis auf die Bedeutung der Volkserziehung, und er hatte sich io in seine Menschen hineingelebt, daß er sich Auerbach, als er ihn in Dresden besuchte, als einen feiner Helden, den Volkserzieher Eugen Baumann, vorstellte. Ueberhaupt fühlte sich der russische Gras am meisten der deutschen Pädagogik verpflichtet; um deutsche Schulen und Kindergärten kennenzulernen, kam er 1860 nach Deutschland, beschäftigte sich mit den Werken F r ö d e l s und W. H. Riehls, vertiefte sich in Luther, über den er nach dem Besuch der Wartburg in jein Tagebuch schrieb: „Luther ist groß". So ist seine Gründung von Bauern- schulen in Jasnaja Poljana und anderwärts, überhaupt fein langjähriges pädagogisches Wirken durch das deutsche Vorbild bestimmt worden. In seinen Dichtungen aber tritt eher eine deutschfeindliche Richtung zutage, seiner Abneigung gegen das von ihnen in Rußland hauptsächlich verkörperte „Westlertum" entsprechend. Die Deutschen erscheinen bei ihm zumeist als herzlos und berechnet, pedantisch und eingebildet, werden als Söhne der Finsternis den wahren Kindern des Lichts, den russischen Bauern, gcgenübergcfteUt. Dieser Haltung des Dichters mag es mit zuzuschreiben sein, daß er bei uns, die wir sonst so bereitwillig alles Fremde aufnehmen, verhältnismäßig spät bekannt wurde. Tolstois Ruhm ist in Frankreich gemacht worden, wo die französische Uebersetzung von „Krieg und Frieden" 1884 zuerst Bewunderer fand, wo Melchior de Vogue das „Licht aus dem Osten" verkündete und 1890 die Veröffentlichung der „Kreutzerfonate" im „Figaro" ein Welterfolg wurde. Nach der Bibliographie von Dragana w steht Deutschland in der zeitlichen Folge, in der Tolstoi bet den verschiedenen Völkern bekannt geworden ist, an neunter Stelle; dafür übertrifft cs in der Zahl der Tolstoi gewidmeten Schriften alle anderen Nationen bei weitem. Als ein Unterhaliungsschriststeller, wie so viele andere, ward der Dichter den Deutschen zum erstenmal vorgestellt, als 1882 bei Uebersetzung der beiden Erzählungen „Luzern" und „Familien- gliick" bei Reclam erschien. Der moderne Gefellschaftsroman „Anna Karenina", der sich durch seinen pikanten Stoff empfahl, wurde, schon sechs Jahre nach dem Erscheinen, 1884 übertragen. Vorzügliche Verdeutschungen boten Wilhelm Wo 1 fsohn, der Freund Fontanes, mit der Uebersetzung von „Polikuschka" 1885 und Dr. Ernst Stange, der Erzieher von Tolstois Kindern, mit der von „Krieg und Frieden" (1886). Die großen Bekenntnisschriften, die seine „Bekehrung" schilderten, erschienen sofort deutsch, so 1884 „Worin besteht mein Glaube?", 1886 „Meine Beichte". Tolstoi war eine lebendige Macht unter uns geworden. Während sich die „Alten" von seinem kühnen Realismus und dem fanatischen Ernst seiner Forderungen entsetzt abwandten, und diesen „wunderlichen Heiligen" für „zu russisch" erklärten, feierten die Jungen ihn enthusiastisch als den Vertreter einer urtümlich gesunden Welt, als einen „Riesen der Kunst". Georg Brandes bot 1888 in seinem deutsch- geschriebenen Tolstoi-Essay das erste psychologisch tiefschürfende, umfassende Bild seiner Persönlichkeit. Der unvergleichliche Beobachter und Gestalter der Wirklichkeit und des Seelenlebens war es, der die Naturalisten um 1890 so begeisterte und sie unter feinen Einfluß brachte. Dieser zeigt sich am stärksten in Hauptmanns Erstlingsdrama „Vor Sonnenaufgang", das ohne Tolstois „Macht der Finsternis nicht denkbar ist und dessen Held Loth Tolstoische Ideen vertritt, dhne daß sich freilich dies „klassische" Werk des deutschen Naturalismus zu der wundersamen Verklärung des letzten Aktes des russischen Dramas hatte auf- schwingen können. Tolstoi gehörte jedenfalls zu den wichtigsten Paten dieser Literaturrevolution. Doch war es hauptsächlich die künstlerische Seite seines Schassens, die in den 90er Jahren sich wirksam zeigte. Auch das Menschliche seiner Erscheinung fesselte nur als Eigenart des Dichters wie die ersten größeren Schriften über ihn, von Eugen Zadel und Raphael Loewenfeld, zeigen. Loewenfeld unternahm die erste beutfebe Gesamtausgabe seiner Werke, die nach mancherlei Zwischenfällen Ichließlich von Eugen Diederichs übernommen unb zu Ende geführt, die ganze Größe und Breite seines Wesens und Werkes asfen- barte. Nun trat um die Jahrhundertwende, als sich romantische und religiöse Stimmungen regten, der Denker, der Gesellschaftskritiker und Gottsucher deutlicher in. den deutschen Gesichtskreis. Ein Dichter wie Emil Gott, suchte ihm auch im Leben nachzufolgen, sein „Schüler" Eugen Heinrich Schmitt brachte seine Ideen in eine systematische Form, von der Tolstoi erklärte, er sei nie besser verstanden worden. Aber erst das ergreifende Ende dieses Daseins, seine letzte Pilgerfahrt, sein Tod in ewiger Gotisuche und Menschenliebe stellte der Menschheit sein Evangelium so recht vor Augen, und die Veröffentlichungen aus dem Nachlaß vertieften das Bild seines menschlichen und seines ewigen Wesens. Der Künstler wurde nun eins mit dem Propheten. Der „Lebende Leichnam" und „Das Licht scheinet in der Finsternis" wurden große Erfolge auf der deutschen Bühne, die seine Lehren verbreiteten. Die Tragik seiner Natur brach elementar hervor aus einem Werk, wie „Pater Sergius", während andere Erzählungen des Nachlasses, wie die herrliche „Chadschi Murat", sein einzigartiges Künstlertum neu enthüllten. Besuch in Iasna;a PokZana. Erinnerungen an Tolstoi. Von W. W. W e r e s s a j e w. Weressajew ist in Deutschland durch seine grauenhaft realistischen Schilderungen des russisch-japanischen Krieges bekanntgeworden, den er als Arzt miterlebt hat. In den Jahren 1902 bis 1903 übermittelte mir ein guter Bekannter Tolstois wiederholt die Einladung Tolstois, ihn zu besuchen. Tolstoi hatte mein Buch „Memoiren eines Arztes" gelesen und sich darüber begeistert geäußert. Ich konnte mich lange nicht entschließen, die Einladung anzunehmen, bis ich endlich im August 1903 Mut fand und mich in Begleitung eines liberalen Abgeordneten G. aus Tula und eines mir bekannten Kreisarztes nach Iasnaja Poljana begab. Wir wurden von Sophia Andrejewna, der Gattin Tolstois, freundlich und liebenswürdig empfangen. Auf einer JBeranba faßen um den Kaffee tisch die Tochter Alexandra, der Sohn Leo, der Hausarzt und noch einige Erwachsene und Kinder. Leo Nikolajewitsch befand sich gerade mit seinen Enkelkindern auf einem Spaziergange. Rach dem Kaffee führte uns Sophia Andrejewna in den Garten. Unter anderem bemerkte sie, daß sie eine lange Erzählung geschrieben habe. „Werden Sie sie drucken lasten?" — Sophia Andrejewna antwortete lächelnd: „Wie kann die Frau Leo Tolstois ihre Werke veröffentlichen!? Ich habe das Manuskript dem Rumjanzew-Museum übergeben, — mag man nach meinem Tode damit machen, was man will." Als wir wieder auf der Veranda saßen, bemerkte jemand: „Leo Nikolajewitsch ist vom Spaziergang zurückgekehrt." Das Herz stockte mir. Kurz darauf hieß es: „Er hat sich zur Ruhe begeben." Eine Stunde später: „Er ist ausgestanden — wird sofort erscheinen." Ich war fehb erregt. Und bald vernahm man schnelle, leichte Schritte. In der Innentür erschien Leo Nikolajewitsch. Das erste, worüber ich in Erstaunen geriet, war seine kleine Figur. Ich hatte ihn mir hochgewachsen und breitschultrig vorgestellt. Aber da kam ein kleines vertrocknetes altes Männchen mit nach vorn stehenden Schultern, allerdings mit schnellen jugendlichen Bewegungen, obwohl er eben erst eine schwere Krankheit überstanden hatte. Er begrüßte uns und setzte sich. Mir fielen noch seine wundervollen Hände auf. Und nun mar’s, als ob diese Hände die Zügel ergriffen, mit der gewohnten Bewegung des sichern Fahrers — und die Unterhaltung glitt leicht, einfach, hin, nnmerklich wurden alle ins Gespräch gezogen. Er sprach mit mir über meine „Memoiren" und wandte sich dann an den Kreisarzt: „Sie teilen wahrscheinlich in vielen Punkten die Meinung Wikenti Wikentewitschs?" (Woher hatte er nur schon meinen Vor- und Vatersnamen erfahren?) Der Arzt verzog die Miene und antwortete aus feiner Ecke heraus: „So ist es." Nichts deutete auf einen Empfang von Fremden hin. Es war, als ob wir alle gute Bekannte wären. Er fragte jeden nach feinem Namen und nannte ihn dann immer mit dem Vor- und Vatersnamen, ohne sich ein einziges Mal zu irren. Er hörte allen aufmerksam und interessiert zu, man hatte den Eindruck, als ob jeder von uns ihn interessiere. Aber ich glaube, hier gab es tatsächlich noch etwas anderes — als ob er wirklich für uns alle ein lebendiges Interesse hegte. Leo Nikolajewitsch wandte sich wieder an den Arzt und kam auf sein Herz zu sprechen, fragte, ob er die verordnete Tropfenzahl beibehalten sollte. Der Arzt fühlte seinen Puls, während Leo Nikolajewitsch ihn in demütiger, kindlicher Erwartung ansah. Das Mittagessen war bereit. Wir stiegen hinauf in den zweiten Stock. Aus der Treppe fragte mich Tolstoi: „Sind Sie verheiratet?" „Ja." „Haben Sie Kinder?" „Nein." Tolstoi wurde ernst: „Und sind Sie schon lange verheiratet?" „Sechs Jahre." Er schwieg. In seine Augen geriet aber ein harter Ausdruck, ich fühlte — er änderte plötzlich sein Verhalten. Er war wie zuvor höflich und freundlich, aber der warme Blick war verschwunden. Ein großer Saal, leuchtendes Parkett, alle" Porträrts an den Wänden, in der Ecke eine Marmorbüste Tolstois. Ein langer Tisch. Behandschuhte Lakaien bedienten. Leo Nikolajewitsch wurden besondere vegetarische Speisen gereicht. Er fragte mich, weshalb ich in Tula lebe. Ich erwiderte, ich sei vom Innenminister dorthin verschickt worden. Tolstoi seufzte und sagte neiderfüllt: „Mich hat man kein einziges Mal verschickt, ich habe noch nie im Gefängnis gesessen, nie durfte ich dies Glück erleben." Nach dem Essen schlug uns Leo Nikolajewitsch einen Spaziergang vor. Tolstoi schritt leicht und elastisch aus, der Wind zerrte feinen lange» silbernen Bart. Er sprach über die Notwendigkeit moralischer Verzoll, kommnung, sprach vom höchsten Glück, das dem Menschen durch hü Liebe beschieden würde. Ich sagte: „Aber wenn der Mensch diese Lieb« nicht im Herzen trägt? Sein Verstand kann einsehen, daß eine fott« Liebe das höchste Glück birgt, aber ihm fehlt jede unmittelbare, lebendig, Empfindung dafür. Das ist die größte Tragik, die ein Mensch erleben kann." Tolstoi zuckte die Achseln: „Ich verstehe Sie nicht. Wenn der Mensch eingesehen hat, daß das Glück in der Liebe besteht, wird er auch in Liebe (eben. Wenn ich mich in einem dunklen Zimmer befinde und sehe, daß das Nebenzimmer erleuchtet ist und ich selbst Licht brauch« — soll ich dann nicht dorthin gehen, wo das Licht brennt?" „Leo Nikolajewitsch, aber alle ihre Helden beweisen, daß dies nicht so einfach ist. Sie erkennen völlig klar, wo das Licht ist, besitzen jedoch nicht die Kraft, zu ihm zu gehen." Offensichtlich suchte Tolstoi diese „Tragik" aufrichtig zu verstehen, «, fragte aus, hörte aufmerksam und ernst zu. „Entschuldigen Sie, ich verstehe es nicht." Ich erzählte Tolstoi den Fall eines mir bekannten jungen Mädchens, Langsam und sicher ging es für feine Freundin zugrunde. Seine znr!« Gesundheit, seine Lieblingsbeschäftigungen, alles gab es hin, ohne sich sogar zu fragen, ob die Freundin solcher Opfer wert fei. Ich erzählt« den Fall in der naiven Voraussetzung, er würde Tolstoi besonders be- rühren: lehrt er doch so nachdrücklich, daß die wahre Liebe nichts von ihren Erfolgen wisse und auch nicht wissen wolle. Und plötzlich — plötz, lich sah ich: Tolstois Antlitz hatte sich ungeduldig und fast so leiderfüllt verändert, als ob er nicht atmen könnte. Er hob die Schultern und rief aus: „Um Gottes willen!" Ich war ganz fassungslos. Beim Wort „Tragik" lief es ihm aber wie ein Schauer über den Rücken. Ein höhnisches Lächeln zuckte um feinen Mund: „Tragik ... Wie oft kam Turgenjew und sagte auch immer: „Tragik, Tragi—i—k." Und so sprach er das Wort aus, daß man sich vor sich selbst schämte und di« sonderbare Frage auftauchte: Gibt es denn wirklich im Leben irgendein« Tragik? Dann sprach Tolstoi über Metschnikows „Essai de la Philosophie Optimiste". Unwillig und Höhnisch ließ er sich über di« „Unwissenheit" Metschnikows aus. „Er, Professor Metschnikow will .., die Natur verbessern! Er weiß besser als die Natur, was wir brauchen und was nicht! Die Chinesen haben ein Wort „Schu", das bedeutet — Achtung. Nicht Achtung vor jemanden, für etwas, sondern einfach Achtung — Ächtung, vor allem, für alles! Achtung vor dem Unkraut, einfach deshalb, weil es wächst, vor der Wolke am Himmel, vor dem schmutzigen Wege mit dem Wasser in den Radspuren. Wann werden wir endlich diese Achtung vor dem Leben haben? Nebenbei: in allen mir bekannten Uebertragungen wird das Wort „Schn" Konfuses folgendermaßen übersetzt: Tue dem anderen nicht, was bu nicht willst, daß es dir angetan wird!" Es wäre interessant zu erfahren, woher Tolstoi die Auslegung dieses Wortes gekommen ist. Vielleicht aus dem Verkehr mit den gebildeten Chinesen, die ihn besuchen. Wir kehrten wieder zurück und tranken Tee. Sophia Andrejewna legte Patience. Unser Reisegefährte, der Abgeordnete G., holte eine vollständige Sammlung der erschienenen Nummern der Zeitschrift „Die Befreiung" herbei, die zu jener Zeit zu erscheinen begann. Tolstoi jagte: „Ach, das ist sehr interessant. Danke! Werde es bestimmt lesen. ' El durchblätterte die Zeitschrift, während G. über sein Programm und feine Aufgaben sprach. „Politische Freiheit!" — Tolstoi winkte verächtlich ab.— „Ist ganz unwichtig und unnötig. Wichtig ist moralische Vervollkommnung, wichtig ist Liebe — dies und nicht die- Freiheit wird brüderlich« Beziehungen zwischen den Menschen schaffen." G. begann herablassend zu widerlegen: „Ader Leo Nikolajewitsch, 61« müssen doch zugeben — politische Freiheit ist notwendig — z. B. gerat)« deshalb, damit man die Liebe, von der Sie sprechen, verkünden kann. Und von oben herab in demselben herablassenden Tone, wie sich Erwachsene mit einem sehr netten, aber wenig klugen Kinde unterhalten, begann G. feine Ansichten über die Vorteile politischer Freiheit auszu- legen. Wie dumm war das! Wie dumm war das! Dachte er wirklich, Tolstoi habe diese Erwiderungen noch nicht gehört und tonnte ihn mit dieser Banalität überzeugen! Und der Ton, dieser ekelhafte, selbstgefällig — herablassende Ton! Und plötzlich wurde mein liberaler Abgeordneter Luft, ein Nichts. Als ob er aus dem Zimmer verschwunden wäre, sah ihn Tolstoi nicht mehr und lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema. Im Sessel mit ausgestreckten Beinen und gelangweilt mit den Fingern spielend, saß Leo der Sohn da. Er hat rote Haare, sein Kopf ist sehr klein. Auf seinem gelangweilten Gesicht konnte man lesen. „Ihnen ist da« neu, mir aber ist das schon so über!" Leo Nikolajewitschs Gesicht war blaß geworden. Man merkte ihm an, daß er übermüdet war. W standen auf und begannen uns zu verabschieden. Unter einem leuchcen- den Sternenhimmel fuhr unser Wagen durch die dunkelblaue AuM nacht. Ich erinnerte mich an das berühmte Repinskische Gemälde stois, auf dem er barfuß dasteht, die Hände durch den Gürtel gesteau mit sanftem Gesicht. Ich fühlte, wie falsch und tendenziös dieses Poma ist. Tolstoi hatte nichts d* Christus, nichts van Franz von Assifp, nm) von der Repinskischen Porträtfigur. Dieser Gang, diese schnellen, letcyr Bewegungen, die kleinen Augen unter dichten Brauen, die in fo lichem Feuer aufleuchten, und dieser beißende Hohn! Sein Berya. gegenüber der Tat des viel aufopfernden Mädchens! Und dieses Y« näd'ige Zurückführen aller Gespräche auf die Notwendigkeit snormW Vervollkommnung, und die graue Langeweile, die auf diesen Gefpram lastet. Als man mich daheim fragte, welchen Eindruck Tolstoi auf“/ gemacht hatte, antwortete ich offenherzig: „Hätte ich ihn zufällig ten gelernt und nicht gewußt, daß er — Tolstoi märe, würde ich • «, recht stumpfsinniger Tolstoiane'r, inkonsequent und widerfprucy • mag man mit ihm über Astronomie oder über Tomatenkultur IP alles wird er sofort auf moralische Vervollkommnung, auf meve z führen, die er völlig verzerrt hat, weil er dauernd von ihr jpr’.qt • _— Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch-- und Steinbruckerei, R. Lange, Gieße