GietzenerLamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zrhrgang (928 0-enstag, den 8. Mai Nummer 37 Ge- Betrachtung. Von Hans Friedrich B l u n ck. Und jedes Ding, das deine Hand berührt, Ist dir ein Wunder. Spürst du's nicht? Der Stein, aus unbeiannter Saat gewachsen. Das Rad um die bewegten Achsen Und einer Schwalbe Flug zum Licht. Und jedes Denken, das dein Stirnjoch spürt, Und jeder schnelle Viutschlag deiner Brust, Und jeder Traum, der deine Nacht durchzittert, Und jede Liebe, die dein Äug' umgittert: Ein Wunderreis, des Sämanns unbewußt. Tragödie eines Wunderkindes. Von Leo M a t t h i a s. desmeM, ’«<' «erbet MWt «n. E.n gleiches, '"er mud erständlich. - Junqbier der Snaffefte4 schon M öden. Sein nicht trat. " tonnten, 'ine anbete jfition unj iolle dabei, 2ch glaube den Tara, [fangen er. nnafjerung eiße mexi. is, die uni am Tage, rabten wir n der Weg Itiertreiber Maultier, irt werde« e des Aus. kensch und der Spart- hnen selbst nten ganz Sic kennen nupt keine „Besten'. Jelegenbeii Mestizen, ’tte.n wohl iner selbst nicht, auf nn fragen r t s e e r< tfpringen? Teil dieser te Ertlich. ? Ertüchti- r aus den domi! der als solcher sozusagen »erragende nterlicgen, g oon der arau« ein unkt aus die Sache ich in die noerseK« erscheinen, er Sri t nenne: Derwische, iihren - n Lippen allen auf mer wir. halb ent' rahiumm i sie dazn holen, !» rstounlich n Willen riauf der sehe« im erstaun, aus Mo- Volk - n Besitz' id Zwak mühsam )ar. Uns ische, di« Kultur- sten. Di« ist da« ter Linie ? Natur- lewußter ticht ih» Ganz tm Gegensatz zu jenen unzähligen Kindern, die mit zehn Jahren berühmt um) mit zwanzig vergessen sind, verlief die Ruhmeskurve Jacque Cnchlons von seiner Kindheit ab aufwärts. Auch findet man in seinem Leben keinen lener Betreuer, die sich bis zu ihrem Tode von einem "* - I”’™ p"---» - l-m- Crichton bestimmte bereits mit zehn Jahren seine Studien selbst Eeine Eltern schottische Adlige aus der Grafschaft Perth, waren ae unb Fechtkünste zu bewundern als jene erstaunlichen gestigen Fahig.eiten, durch die er schon damals in Edinborough Auf- ba eine9 Tages hörten, daß ihr Sohn einen be= S11fa Setter Schottlands besiegt hatte, hielten sie seine Ausbildung sur beendet und liegen ihn zurückkommen. Moan^n°Khah' "““V® °ber am gleichen Tage, nicht vierund- ? Kunden zu bleiben, falls man ihm nicht erlaube, zum Ab- geftattetetner Stublcn nac^ ^aris 3U geben. Widerstrebend wurde es ihm b°™uf "erläßt der Fünfzehnjährige, nur von einem Diener Et- Schottland und betritt — vollkommen unbekannt, nur m't einigen Empfehlungen in der Tasche —an einem Herbsttag des Jahres 1S/S Den Kontlnent. Infn3,n Paris nngekommen, mietet er drei Zimmer, sendet seinen Diener °lvrt zu einem Drucker, der eine Stunde später auch er Meint, und gibt 'hm emen beschriebenen Zettel mit dem Auftrag, den Text eiligst IRnrifs ^llc'^spater hing an sämtlichen Türen sämtlicher Colleges von ®rX>„a jacque Crichton, Edelmann, gebürtig aus der IniirJ, r ..? m Schottland, bereit sei, jedem, der dazu Luft ver- te, sich mit ihm zu messen, auf irgendwelche Fragen in zwölf snb 3”ar in Vers oder Prosa, Rede und Antwort zu stehen. lemandem fiel es ein, die Ankündigung ernst zu nehmen. v. Rompart war 23 Jahre alt, Frau des berühmten Gram- 6amminn„Unb emen,[° betannt durch ihre Häßlichkeit wie durch ihre mluiig von Volkstrachten und Spitzen. den von Crichton durch den Abbs Corde und machte sofort Erschlag, die Herausforderung anzunehmen. es ein Scharlatan ist, werden wir wenigstens das Ver- ?vven, einen Schotten in feinem Kostüm zu sehen", meinte sie. tbiderte Corden’c^* vorschreiben, mit nackten Knien zu kommen", er- i'Ur' unUr'k- Teilen Sie ihm mit, daß Sie die Herausforderung er dieser Bedingung annehmen.' „Man wird über mich lachen." ..Denn"«!? über Ihren Witz lachen', erklärte Frau v. Rompart. Sdiaulni.t u -f Bedingung stellen, weiß ganz Paris, daß Sie uns ein Geniel c„0. "vürn, und man wird Ihnen dafür dankbar sein. — XÄÄ deh-rrschen Sie, Corde?" spanisch • $' ""ieinisch, Hebräisch, Aramäisch, Italienisch und etwas 9fiir2m«rhin£l E sechs. — Ich werde mit Herrn v. Rompart sprechen. in i"m s‘~"«»»Sn.»-- liÄTSÄ'Ä ÄÄJf" •• IV. cXnh^tbhi<.Pla hören" 9^b°"' ble Diskussionsredner, die sie nicht sehen Man hatte sogar einige Frauen zugelafsen. Die saßen links vom Katheder unter den weißgetünchten Bogen einer Galerie, die sich um •un bm,n.ften e?al 3og. Unmittelbar unter ihnen hatten die Gelehrten ihre Platze, wahrend der Raum rechts vom Katheder, dort wo die Fenster lagen, für Crichton frei blieb. fam N'cht. Man wartete zehn Minuten, fünfzehn Minuten. Man fing an, zu trampeln. Es waren etwa zwanzig Minuten vergangen, als die öffentliche Stimme schließlich feinen Namen in den Saal rief. Atemlos sprang er auf das Podium. Es war nicht nur Frau v. Rompart, die ihn sofort liebte. Sie er- Zahlte spater, sie habe es im ersten Augenblick gar nicht bedauern können daß er nicht sein schottisches Kostüm trug; — der Eindruck des blonN & fünfzehnjährigen sei „zu hinreißend" gewesen. Und dieses Gefühl muß ganz allgemein gewesen fein, denn als sich Crichton Der- neigte und die aufregende Mitteilung machte, daß er zu spät gekommen sei weil man ihn auf der Straße überfallen habe, empfand man die Gelegenheit, Zunge und Hände sprechen lassen zu dürfen, wie eine Er- lofung, und beglückwünschte ihn zu dem überstandenen Abenteuer durch Zurufe und Klatschen. Dann begann der Wettstreit. Grätiger erhob sich, drückte das Barett fest auf den Kopf, und fragte if>n, nachdem die üblichen Begrüßungsformeln hin und her gegeben waren, ob er Arabisch verstände. Crichton bejahte und Scaliger forderte ihn daraufhin auf, ihm die Philosophie des Alkendi mit wenigen Worten zu entwickeln. Als Crichton dies tat und auch noch einige Fragen ohne Zögern beantwortet hatte, stand ein Zweiter auf und unterhielt fak) mit ihm lateinisch über das Buch „De insomnis* des Hnppokrates Dann erhob sich Corde und fragte ihn aramäisch, warum das vierte und siebente Kapitel des Buches „Esra" „chaldäisch" geschrieben sei. Und als Crichton auch darauf eine Antwort wußte, erkundigte sich ein Baske Zugrunde gehen kann jeder. Aber burdj ein Uebermaß von U^U °mmSn — vne jene Rennpferde, die sich im Lauf ihre MuskeGander zerreißen, weil die Kraft stärker ist als das Fleisch —, dieser Tod trifft nur wenige. Es ist daher zu verstehen, daß man die Geschichte Jacque Erich- ton s einige Jahrhundert lang nicht vergessen konnte. Tragik ist seltener als der Ruhm, und daß beides sich verbindet, und nod) dazu im Leben eines Kindes, dafür gibt es im letzten Jahrtausend vielleicht nur dieses eine Beispiel. 1 Crichton muß seiner Sache sehr sicher gewesen sein. Er verließ sich iz aus die Wirkung dieser Geste. Er muh wohl die Ueberzeugung zu siegen. ganz aus die Wirkung dieser Geste. Er muh wohl die Ueberzeugung gehabt haben, daß es ihm gelingen mühte, auch ohne Massen oder Worte bewilligen. Der Herzog lehnte ab. Vincent entschloß sich, Crichton zu beseitigen. , Llls Crichton an einem Sommerobend von einem Spaziergang heim- kam, wurde er von vier maskierten Männern überfallen. Es gelang ihm,' drei so schwer zu verwunden, daß sie den Kampf aufgaben; der vierte blieb. „ „ Crichton zerschnitt ihm mit dem Florett die Maske. Vincent sah ihn an. ~ Crichton errötete und versuchte zu lächeln. Dann bat er scherzend um Entschuldigung, dah er einige Male so heftig zugestoßen habe, "wer es sei ihm auch nicht einen Augenblick der Gedanke gekommen, daß Freunde ihn überfallen könnten. Er hoffe, dah Vincent unverletzt sei. Darauf hob er sein Florett, faßte es, umgekehrt, an der Spitze und überreichte es seinem Schüler. So wenig ein Kultur irgendeiner Zeit sich ohne jede Beeinflussung in völliger Isoliertheit entwickeln kann, so wenig kann die höchste und sublimste Funktion einer Kultur, kann die Religion einer Zeit oder eines Volkes ein gänzlich abgeschlossenes Einzelleben fuhren. Am allerwenigsten die höheren Formen, die Geistesreligionen. Sie Naturreligionen der kulturell tiefstehenden Völker sind außerordentlich formenreich, die frei schweifende Phantasie des naturnahen Menschen schafft sich immer neue Religionsformen. Das logisch gehemmte Denken und Fuhlen der hoher stehenden Geisteskulturen führt vielfach ganz zwangsläufig die gleichen Wege jo daß die Geistesreligionen sich ost naher stehen als die Natur- reliqiönen es tun können. Sind solche Geistesreligwnen gleichzeitig oder kommen die Kulturen, denen ste entsproßen sind, mit einander in Ve- rührung, so verstärken sich in der Regel die Beziehungen durch bewußte oder unbewußte Angleichung oder Entlehnung ohnehin verwandter Gedanken und Formen Es ist also nicht immer gerechtfertigt, aus noch so starken Aehnlichkeiten die völlige Abhängigkeit der einen von der anderen Glaubenslehre abzuleiten, wie das vielfach geschieht, es sind vielmehr in jedem Falle die Entwicklungsgänge einer jeden genau zu erkunden Es hat im Altertum drei Religionen gegeben, die zueinander aller- stärkste Beziehungen ausweisen und die doch aus ganz verschiedenen Quellen geflossen sind, die Lehren von Mithras, von Wodan und von Christus. Es sind sämtlich Religionen des Lichtes, bei Mnhras und Wodan anfangs noch als Naturerscheinung, die gerade m diesem Falle sehr leicht und ost in das ethische Gebiet gesteigert w,rd, bei der jüngsten von ihnen, dem Christentum, fehlt die Vorstufe der. Naturreligion und es beginnt von Ansang an als eine ethische Religionssorm iöie Mithras-Lehre stammt aus dem arischen Orient, aus Persien, sie ist in den kleinasiatischen Bergländern bereits im 14.3af)rt)unbert vor Christi nachweisbar. Von Haus aus ist sie eine Religion des Lichtes als Naturerscheinung gewesen, noch im hochstentwlckchten Stadium haben sich die urtümlichen, aus der Urzeit stammenden Kultformen erhalten, die ganz untrügliche Zeichen höchsten Alters sind, die Hohle als Kultorh die Tierverkleidungen im Gottesdienst und mancher andere Zug. Der Mtthrazismus hat unter allen höheren Glaubensformen wohl die reichste Geschichte erlebt und hat stärkste Wandlungen durchgemacht, doch keine, die nicht aus dem innersten Kern seiner Lehre geflossen wäre. Dw Entwicklung geht klar und folgerichtig von der Naturreligion zur Geistes- religim.besonderes Kennzeichen des Mithrastums ist seine zu allen Zeiten beispiellose Toleranz gegenüber anderen Glaubensformen. Schon ziemlich früh fand sie eine theologische Festigung durch Aufnahme in das System der zoroastrischen Religion und weiterhin durch dis Zusammen- treffen mit der chaldaischen Theologie. Das letztere bedeutet vor allem einen Wendepunkt in der Geschichte des Mithrastums: Mithras ist nun nicht mehr der Gott des Lichts, sondern des gewaltigen Lichtkorpers selbst der Sonne. Diese Erweiterung bringt in das Mithrastum einen logischen Zwiespalt, der niemals ausgeglichen worden ist: wird auch Mitbras aanz allgemein als „Sol invictus“, als unbesiegbare Sonne, bezeichne? sc?steht doch neben ihm der alte Sonnengott als eine zweite I P?sm>, und die mancherlei Versuche, das Verhältnis der beiden zuem wider zu klären, verraten am besten den Dualismus Schon im One wird der Licht- und Sonnengott gesteigert zum Gotte des Guten um der Gerechtigkeit. Dieser ethischen Höhe verdankt die M'thraslehr vor allem ihre ungeheure Verbreitung über das gesamte Gebiet des g 8 Römerreiches, zumal da Mithras als Gottheit militanscher q beim römischen Heere größte Verehrung genoß, das seine Lehre über 6r hat das Abenteuer mit seinem Leben bezahlt. Vincent nahm das Florett, roarf es hin und stürzte sich aus ihn. Crichton war 22 Jahre alt, als er starb. Mithras, Wodan, Christus. Von Professor Dr. Friedrich Behn, Mainz. in seiner Heimatsprache nach dem Namen des ersten christlichen Apostels tn N' Eaen°und Sprachen mürben immer bunter. Man fragte ihn griechis/und italienisch, spanisch und hebräisch. Er antwortete schnell. Auch zeigte "er kimSpuren rangmübunm Ermatte sogar Kraft genug O a? Tawa t interpellierte, russisch, und gleich daraus einem Aussen däniick Man applaudierte, lachte. Die Aufmerksamkeit war wieder angespannt Es wird sogar berichtet, daß im Publikum Wetten abgeschwsie wurden,' wieviel Fragen ober Sprachen er tn einer stunde cnw.asien roÜffiine solche Wette soll den Anlaß gegeben haben, die Diskussion schließlich abzubrechen. Denn nach einem Gespräch zwischen Crichton und einem Ungarn, erbot sich, ohne daß dies vereinbart war, plötzlich em merikanischer Priester, und sprach ihn im Nahoail, dem mexikanischen Jdwm an Crichton aber geriet nicht in Verlegenheit. Er zögerte nur einen Augenblick warf sich dänn hoch und erwiderte übermütig und mit dem Lächeln dessen, der selbst durch eine Niederlage nicht besiegt wird, zum erstenmal — französisch und in Versen. Der Applaus donnerte. Scaliger sprang auf und umarmte ihn. Corde Kielt eine Rede und nannte ihn em „gerne monstreux . Frau v. Nompart verließ ihren Balkon und bat Corde, ihre dieses Genie vorzustellen. Noch am gleichen Abend gab sie zu Ehren dieses Schotts ein Essen. In Gegenwart sämtlicher Gelehrten überreichte Scaliger Crichton bas Erinnerungszeichen an feinen Sieg: einen Diamanten. Crichton bankte unb eröffnete mit Frau v. Rompart ben -00113. Am nächsten Tage beteiligte er sich an einem Ringturnier, dem Tennis des Jahrhunderts, und wurde als fünfzehnjähriger Sieger zum Meister der „bague" ernannt. Die Tatsachen sind fo unglaublich, daß ich befürchte, man wird mir nicht glauben/Aber in jedem Konversationslexikon der Welt findet man chuae feilen über Jacgue Crichton. Auch kann jeder dort Nachlesen, daß dieser junge Mann in sämtlichen Städten Europas die gleichen Triumphe feierte w"e in Paris, und daß er mit zwanzig Jahren jo viele Sprachen und ein so ungeheures Wiffen beherrschte, daß eine Zeitgenossen schließlich behauptet^: Er wisse mehr als ein Mensch wissen kann unb er fei ■Ö 8.1«™ <>°--i°lch™ *** * Crichton schließlich bestimmte, eine Stellung als Erzieher am Hof des Herzogs von Mantua anzunehmen. Mantua war kleiner als Paris, London oder Rom Er konnte sich hier für eine gewisse Zeit verstecken. Eine aste Freundschaft mit seinem Schüler Vincent, dem Sohn des Herzogs, erleichterte ihm ben (5ntid)(u§. , , Diese Freundschaft wäre wahrscheinlich auch immer unverändert geblieben wenn der Schotte nicht eines Tages von einem Mord an einem mantuanischen Offizier erfahren hatte, und darauf den [eltfamen Ent- fcbluft kante die Witwe dieses Mannes zu rachen. Es war tatsächlich ein seltsamer Einfall. Er kannte diesen Mann gar nicht. Er war niemals seiner Frau begegnet (die Behauptung, daß er Beziehungen zu ihr unterhielt, ist längst miberlegt). Er hatte ganz offenbar kein? andere Absicht, als einmal die Gerechtigkeit zu spielen, und er tat das wahrscheinlich, weil sich keine bessere Gelegenheit bot, um zu einem Abenteuer zu kommen, vielleicht aber auch: weil ihn gerade das Unpersönliche einer solchen Rache lockte. Er entdeckte auch bald den Mörder unb tötete ihn im Duell. Vincent aber konnte ihn von jenem Tage ab nicht mehr lieben. Er verstand ebensowenig wie ein Korse, dessen Blutrache em Fremder aus sich nimmt, daß Motiv, bas Crichton bewegen konnte, einen Menschen ohne Haß ober Nutzen umzubringen. Er sah in Crichton e,nen ,un- abligen Mörder". Der Gedanke einer ausgleichenben Gerechtigkeit entsetzte ihn. Es gab Richter, die von Amts wegen verpflichtet waren, Menschen zu verurteilen — aber Crichton war kein Richter. Was gwg ihn also dieser Mord an? Warum rächte er, der Privatmann, einen Offizier, ben er nicht kannte, an einem Gegner, ben er auch nicht kannte Vincent fing an, sich Crichton zu entfremben. Er konnte nicht aufhören, seine Fähigkeiten zu berounbern, aber er bemühte sich, sie zu verkleinern. Zu bem allgemeinen Grauen kam auch bald eine ganz bestimmte Furcht: — Wenn dieser Schotte überall seinen Degen zag, wo einer auf der Straße liegen blieb, so konnte man ihn eines Tages zum Gegner haben. Die Liebe wurde Haß. Die Bewunderung kehrte sich in Neid. Die Existenz des Schotten wurde ihm schließlich zum Anlaß ständiger Erregung. Er bat seinen Vater, ihm einen anderen Erzieher zu Sie ^Formen des Kultes sind überall die gleichen, und bie W tümer des Gottes gleichen sich vollkommen, ob sie nun lchott q-n Grenzwall stehen oder in der Wüste Arabiens. Im Zeichen des Mithras lammetten ich alle die, denen die in bloßem Formalismus erstarr Staatsreligion des römischen Reiches keine innere Vefnedigung zu bieten vermochte, die nach religiöfer Vertiefung luchten und sie ben kalten Göttern des offiziellen Kultes nicht sanden, ^er, g h auch mehrere römische Kaiser zu den Verehrern des Mithras d ente auch der Adel der Hauptstadt, vorwiegend war doch das Mityra bie Religion der Armen und Unterdrückten. Von^ Verfolgung durch staatlichen Organe hörten wir nichts, das Mithrastum stellte> scheinend niemals in Gegensatz zum Staat Das ist der Gegne bem bas junge Christentum brei Jahrhunderte ang. einen euntt^ Enbkampf um bie Weltherrschaft anfechten mußte, bis ber Kaiser C 0 n st a n t i n s ihm ben Sieg brachte. Qulian, Noch einmal flackerte der Mithrasglaube auf, als Kaiser 3 ben bie Kirchengeschichte deswegen ben "2l0tiu^'0 ?Jer Harsch» genannt hat, die alte Lehre wieder erheben wollte. Als dieser 1^ aber im Osten gefallen war, da war auch das Schicksa m^jajon tums entschieden. Mit unbeschreiblichem Haß hat die s g 1 g„uren bann gegen die unterlegene Lehre gewütet und fanatisch alle >yr zu Staub zermalmt. Das Zerstärungswerk ist gelungen,von Uqen Büchern des Mithrastums ist keine Seite gerettet roortien, müssen uns den Inhalt seiner Lehre aus den Bildwerk n gelegentlichen Angaben antiker Schriftsteller rekonstruieren, M $||((, bie letzteren oft tendenziös gehalten sind. Immerhin entbot n fiin, bilder aus den Mithrasheiligtiimern eine Menge von wer ,jch,at weifen auf die Lehren dieser Religion, ber ihre allzugrotze ■ damit bem Christentum zum Verhängnis wurde Auf dem s vor zwei Jahren in Sieburg gefunben wurde befindet sehr wertvolle Darstellung, die In allen andern Bilderzyklen " aus einem Baumstamme wachsen drei Aeste heraus, und jeder von ihnen trägt einen Mithraskopf. Der Sinn dieser Darstellung kann nicht zweifelhaft sein: es ist das Abbild der Trinität. Daß diese Lehre auch im Mithrastum enthalten war, konnte man schon früher aus einer versprengten Schriftftellernotiz entnehmen, doch stand diese noch isoliert und and nicht viel Zutrauen. Das Dieburger Bild ist kurz vor 200 n. Chr. verfertigt. Um diese Zeit also lehrte man im Mithrastum die Dreieinigkeit bereits dogmatisch, während das Christentum zwar diese Glaubens- orm auch schon kannte, doch erst mehr als ein Jahrhundert später, auf hem Konzil von Nicaea 325, zur dogmatischen Fixierung kam. Daß der Gedanke dem Mithrastum entnommen sei, ist damit natürlich nicht bewiesen, obwohl die Möglichkeit bei dem um fast anderthalb Jahrtausende höheren Alter der Mithrasreligion gewiß zuzugeben ist. In allen bisher aufgedeckten Mithräen steht im Mittelpunkt der Verehrung das Bild des Gottes, wie er als Symbol der Zeugung und Befruchtung den Stier opfert. Im Mittelpunkt des Dieburger Bildes dagegen finden wir eine ganz abweichende Darstellung, Mithras als reitenden Jäger, begleitet von drei Hunden. Das besagt, daß man wenigstens hier sich unter Mithras etwas anderes vorgestellt haben muß. Wenn wir nun überall sehen, wie bei dem Vordringen der Mithraslehre in andere Länder die bisherigen Landesgottheiten des Lichtes und des Himmels dem neuen Hotte angeglichen werden, so daß er in Babylonien den Schamasch, in Phrygien den Men, bei den Griechen den Helios, bei den Römern den 6ol in sich aufnimmt, so wäre es auffallend, wenn in Germanien, wo der Glaube an Mithras besonders verbreitet gewesen zu sein scheint, nicht das gleiche vor sich gegangen sein sollte. Die ihm entsprechende Gestalt der germanischen Götterwelt ist nun aber Wodan, und er wurde ja gerade im Odenwalde und seinen Nachbargebieten als der „wilde Jäger" verehrt und lebt in dieser Gestalt noch heute dort fort. Dieburg liegt am Fuße des Odenwaldes, und einen Mithras zu Pferde haben wir noch zweimal im gleichen Gebiet: in Heidelberg und Osterburken. Im Odenwalde liegen die einzigen mitteldeutschen Kultstätten Wodans, die wir kennen: auf dem heiligenberg in Heidelberg und auf dem Greinberg bei Miltenberg a. M. An beiden Orten wird Wodan inschriftlich als Mercurius Cimbrius oder Cimbrianus bezeichnet. Wir verdanken T a c i t u s die Nachricht, daß die Germanen als höchsten Gott den Mercurius verehrt hätten. Das klingt sehr sonderbar, und man frit sich um die Deutung dieser Nachricht viel bemüht, doch bisher ohne einen gesicherten Erfolg. Wir müssen es also vorerst einfach als Tatsache hinnehmen, daß die Römer, einem auch von den Griechen geübten Brauche folgend, die germanischen Götter mit den Namen römischer Gottheiten bezeichneten und dabei den germanischen Lichtgott mit dem römischen Handelsgott gleichsetzten. Unter den zahlreichen Bildwerken und Weihinschriften an Mercurius aus dem Rheinland mag sich oft der Gcrmanen- gott verbergen. Und so wird es auch selbstverständlich, ba& im Dieburger Mithrasheiligtum das Kultbild selbst so gut wie unverletzt wiedergcfunden wurde, eine Merkurstatue aber, die im Varraum stand, in ungezählte Etüde zerschlagen wurde. Die christlichen Zerstörer des Heiligtums sahen also in dem Merkur den eigentlichen Träger des Kultus in diesem Tempel, nicht Mithras in seiner orientalischen Gestalt. Und in einem anderen Mithrasheiligtum ganz in der Nähe, bei S t o ck st a d t am Main, sind auf einer Inschrift Merkur und Mithras einfach gleichgefetzt, d. h. nicht der persische Licytgott dem römischen Handelsgott, sondern der Lichtgott dem chm nahverwandten germanischen Lichtgott Wodan. So fällt aus dem neuen Mithrastempel von Dieburg auch ein Lichtstrahl aus die ideale Götterwelt unseres eigenen Volkes, die an ethischer Höhe dem Persergott nicht nachsteht. Probleme der Fernsteuerung. Von Anton L ü b k e. Zu den interessantesten Ergebnissen auf radiotechnischem Gebiete ge- n>ren das führerlose Fahr- und Flugzeug. Obwohl darüber bisher noch ehr wenig in der Oeffentlichkeit bekannt geworden ist, hat dieses seltene Sebiet radiotechnischen Schaffens bereits eine recht interessante Ge- chichte hinter sich. Der Gedanke der drahtlosen Fernsteuerung von Flug- und Fahrzeugen geht auf das Jahr 1899 zurück. Der Lehrer A. Vogler m Kamenz war es, der in diesem Jahre zuerst eine diesbezügliche Erfindung machte und zum Patent anmeldete. Gleichzeitig mit ihm ging beim damals kaiserlichen Patentamt eine Patentanmeldung von einem Kubaner Professor Fitzgerald ein, der den gleichen Gegenstand behandelte. Vogler, der heute noch in Sachsen lebt, wurde im Jahre 1899 •w einem Preise vom Reichsmarineamt ausgezeichnet. Voglers Erfindung entstand durch einen Zufall. Er konstruierte ein kleines Boot mit ^».forderlichen Apparaten, und führte dieses im Jahre 1899 im Mulchen Freibad Kamenz und auf der Erzgebirgsausstellung in Frei- ®rfolg oor. Um aus der Ferne das Boot steuern zu können, rächte er am Maste des Bootes elektrische Signallampen verschiedener starben an, denen in gleicher Weise wie den Steuerapparaten im Schiff äugeführt wurde. Der Erfinder konnte auch nach Einbau einer R» Vr ? sichre nebst Zubehör das Modellschiff mit ultravioletten teilte 6n 'teuern' ro*c das Zentralblatt für Elektrotechnik seinerzeit mit« 00N Vogler und Fitzgerald stammende Idee wirkte sich in den Jahren rveiter aus. Der Studienrat Christoph Wirth-Nürn- ouf v it 9te ebenfalls mit der Idee, und es gelang ihm, gestützt Urerfindung, mit Hilfe der Teledynamik, wie er sein System bei i • Gegenstände aus weiter Ferne zu bewegen. So gelangen ihm wln». E" drahtlosen Versuchen Glocken- und Lichtsignale, einen Re- Mteü ° q manuc^e Kruft abzuschießen und Maschinen an- und ab« 8in„. 'r brachte sogar aus weiter Ferne Minen zur Entzündung. Slürnho $tl'e der elektrischen Radiowelle. Don der Motorgesellschaft füflunn^9 rt”rrrbe ’i)m dann das Eleklroboot „Prinz Ludwig" zur Ver- Unternah av m** dem er aus dem Dutzendteich in Nürnberg Versuche 9m Erfolge erregten einen größeren Kreis von Interessenten. yre 1911 wurde auf Veranlassung des Flottenvereins die Versuche mit verblüffenden Erfolgen auf dem Wannsee wiederholt. Das Boot konnte mittels einer am Ufer ausgestellten Funkenstation alle Bewegungen ausführen. Jedes Kommando wurde vom Fernlenkboot durch verschiedenfarbig automatisch aufglllhende Lampen zurückgemeldet. In der Folgezeit fand die Idee auch bei anderen Erfindern Beachtung. Beispielsweise beschäftigte sich im Jahre 1913 mit ihr auch Anton Flett n e r, der Erfinder des Schiffsrotors. Flettner meldete gemeinsam mit den Felten-Guilleaume-Lahmeyerwerken in Frankfurt a. M. ein diesbezügliches Patent an. Zuerst wollte Flettner auf Veranlassung des Inhabers des Frankfurter Zirkus Schumann mit feiner Idee Pferde lenken. Der Versuch mißglückte aber an der Störrigkeit der Tiere. Flettner ruhte aber mit seiner einmal gefaßten Idee nicht. Zu Anfang des Krieges bekam sie erneut Bedeutung. Kein Geringerer als Graf Z e p p e- l i n interessierte sich lebhaft dafür. Er selbst trug sich mit dem Gedanken, feine Luftschiffe von der Erde aus zu steuern und auch Waffen int Luftschiff auf diese Weise in Tätigkeit setzen zu lassen. Flettner wandte seine Idee auch auf Landfahrzeuge an, als man während des Krieges nach immer neuen Verteidigungsmöglichkeiten suchte. In den Sommertagen des Jahres 1915 sahen die Berliner in ihren Straßen sich ein merkwürdiges Fahrzeug bewegen. Es war ein ferngelenkter Flettnertank, mit dem es möglich [ein sollte, über Schützengräben hinweg ohne Bemannung setzen zu können und auch Drahtverhaue automatisch zu zerschneiden. Die Berlin-Anhaltische Maschinenbau- Ä.-G. und das Kriegsministerium wurden für die Erfindung gewonnen, von den militärischen Sachverständigen wurde sie aber abgelehnt. Auch in der Flotte wurde das Fernsteuersystem angewendet. Es ist von diesen interessanten Vorgängen in der Oesfentlichkeit bisher wenig bekannt geworden. England registrierte die Tatsache, daß die Deutschen in der Nordsee ferngesteuerte Unterseeboote verwenden, in seinem Fachblatt „electrica! World", das in Band 70, Seite 1135 eingehend darauf verwies, aber nicht glauben wollte, daß die Boote vom Ufer, sondern von einem Flugzeug drahtlos gelenkt würden. Wie die Lenkung geschah und welche Erfolge dabei erzielt wurden, ist niemals offenbar geworden. Die Versuche, ferngelenkte Fahrzeuge zu bauen, wurden in den Jahren nach dem Kriege emsig fortgesetzt, und man kann heute sagen, daß die technische Vervollkommnung auch hier bedeutend fortgeschritten ist. Im Jahre 1923 beschäftigte sich auch schon Italien mit dem Gedanken, ferngelenkte Schisse und Flugzeuge zu bauen. Der Italiener Ermano F i a m m e baute 1923 ein Flugzeug, das durch elektrische Wellen von der Erde aus gelenkt werden konnte. Im Jahre 1924 wurde die Grundlage der bisher gewonnenen Erfahrungen auch in der italienischen Flotte zum Lau von ferngelenkten Schiffen verwendet. Es wurde der Torpedobootszerstörer Cosenz und das Versuchsschiff 223 zu diesem Zwecke bereitgestellt. Im Vorderteil dieses Versuchsschisfes wurden der Empfangsapparat und sieben Selektoren, welche zur Aufnahme der von der Sendestation gegebenen Wellen dienen sollten, angebracht, und zu beiden Seiten standen je eine Akkumulatorenbatterie von 40 Bolt mit insgesamt 400 Amperestunden zur Speisung der Hilfsmotoren, welche zum Antrieb und zur Steuerung benutzt wurden. In italienischen technischen Zeitschriften wurde seinerzeit betont, daß die Erfindung Fiammes eine große Zukunftsmög- l'chkeit für kommende Kriege haben könnte, weil dadurch auf drahtlosem Wege Torpedos, Minen, Fahrzeuge und Flugzeuge gelenkt werden können, ohne eigne Menschenleben in Gefahr zu bringen. Amerika, das auf dem Gebiete der elektrischen Welle bedeutend weiter fortgeschritten ist als Europa, widmet sich der Aufgabe, ferngelenkte Flugzeuge zu schaffen, mit besonderem Ernste. Der Chefredakteur der amerikanischen Radiozeitschrift „Radio News", Hugo Gernsback, wies schon vor Jahren auf die Zukunftsmöglichkeit ferngesteuerter Flugzeuge hin, indem er schrieb: „Das ferngelenkte Flugzeug, ausgestattet mit Selenaugen, steigt auf und wird über das entsprechende Gebiet hinge- chickt. Während jeder Sekunde seines Fluges sieht der Ingenieur an einer Sendestelle, mag er auch Hunderte von Kilometer von der Sende- telle entfernt sein, alles das, was um das Flugzeug herum vor sich geht, so genau, als säße er selbst in diesem Flugzeug. Ja, er sieht es noch besser, denn er sieht ja gleichzeitig, was in allen Himmelsrichtungen geschieht, was man bei unmittelbarer Beobachtung niemals kann " Den Rekord mit drahtlos gelenkten Flugzeugen stellte im vorigen Lahre Philadelphia auf, wo es gelang, ein großes Flugzeug auf einer fast 400 Kilometer langen Strecke drahtlos zu lenken. Das Flugzeug durchflog ohne Piloten die gesamte Strecke ohne Unfall und landete auch glatt, ohne Beschädigung davonzutragen. Auch die Versuche, von einem Luftschiff aus ein Torpedo auf ein zu zerstörendes Schiff zu lenken, glückten in Amerika restlos. In Frankreich wurde ein ferngelenktes Flugzeug im Jahre 1926 praktisch in den Dienst gestellt. Das Flugzeug, das nicht bemannt war, wurde von einer Sendestelle aus gelenkt und durch Fernwirkung Post an einer bestimmten Stelle abgeworfen. In Tokio wurden diese Versuche im Jahre 1927 durch französische Ingenieure für militärische Zwecke ebenfalls erfolgreich angestellt. Deutschland ist durch das Luftfahrtabkommen der Bau von ferngelenkten Flugzeugen untersagt Auch mit ferngelenkten Schiffen hat Frankreich Versuche angestellt. Im Oktober 1927 wurde der bedeutsame Versuch unternommen, ein Unterseeboot auf drahtlosem Wege zu lenken. Die französische Marineverwaltung hatte zu diesem Zwecke ein entsprechendes Unterseeboot bauen lassen. Der Tor- pedd tauchte in der Seine unter und gehorchte genau den Befehlen, die der große Eiffelturmsender gab. Die Versuche glückten tadellos. Obwohl Deutschland der Bau von ferngeleiteten Flugzeugen untersagt ist, rastet es nicht, die vor 30 Jahren zum ersten Male ausgetauchte Idee immer mehr zu vervollkommnen und sie dort anzuwenden, wo ihm die Bewegungsfreiheit gegeben ist. Die deutsche Marineleitung scheint von der Brauchbarkeit ferngelenkter Schiffe so überzeugt zu sein, daß sie in letzter Zeit, nachdem die Erfindung weitgehend großtechnisch verbessert worden ist, das alle Linienschiff „Zahringen" für Versuchszwecke bereit- gestellt hat. Daß über die Funktion und die Verbesserung derartiger Einrichtungen non den Erftndern und den sich damit beschäftigenden Stellen der Schleier des Geheimnisses gebreitet wird und man nicht so leicht Einzel- beiten darüber erfährt, liegt auf der Hand. Jedenfalls steht aber fest, daß man nach all den jahrelangen Versuchen allmählich zu positiven praktischen Erfolgen gekommen ist, die längst weit über die Modellversuche hinausgewachsen und großtechnisch erprobt sind, so daß der Radiowelle neben den anderen Erfindungen ein weites Tor einer neuen Wunderwelt offensteht. Jussuf und Adduvah Von Albert $). Rausch. (Sortierung.) Die häufige Abwesenheit des Prinzen und das Geheimnis, welches diese einsamen Ritte umgab, erregten natürlich die Neugierde seiner Umgebung. Viele glaubten, daß seine heimlichen Besuche einer Geliebten gälten, der Sohn des Sriegsminifters aber, Ali, ein heimtückischer und mißtrauischer Mensch, ahnte, daß es ganz andere Dinge waren, die den Prinzen so oft sortlockten, und beschloß, die Sache auszuforschen. Er gedachte dabei eines sehr deutlichen Winkes, den ihm der Bey selbst vor der Abreise gegeben hatte: genau über das Treiben des jungen Jussuf zu wachen und dem Hofe einen Bericht zu erstatten, wenn irgend etwas Außergewöhnliches Vorfälle. Es war aber auch ein Gefühl der Rache, das ihn antrieb: denn er hatte sich wochenlang im stillen um die Gunst des Prinzen bemüht, jedoch vollkommen vergebens, da gerade sein düsteres Wesen der offenen und auf das Heitere gerichteten Natur Jussufs zuwider war. Diese Abneigung schmerzte ihn um so mehr, als fein Vater, ein äußerst ehrgeiziger Mann, der bei dem Fürsten in hohem Ansehen stand, ihm fast befohlen hatte, die Freundschaft des Prinzen um jeden Preis zu erringen und darüber zu wachen, daß nicht irgendein anderer, vor allem nicht der Sohn des Oberbefehlshabers Said, ihm zuvorkomme. Um nun selbst nicht in den Verdacht eines Spions zu geraten, bestach Ali einen Berber, der sich schon des öfteren zu allerhand Auskundschaftungen hergegeben hatte und dem Prinzen völlig unbekannt war, in einer gewissen Entfernung hinter Jussuf herzureiten und auf das genaueste auszuspüren, wohin dieser sich begebe. Es dauerte keine sieben Tage, da fand sich eines Abends der Berber bei Ali ein und sagte: „Herr, laßt mir die Zunge aus dem Munde reißen, wenn ich nicht die Wahrheit spreche: Zu keinem anderen reitet der Prinz als zu dem Sohn des Olivenhandlers Almansor, der das schone Landgut am Fuß der Berge besitzt. Als ich ausgespäht hatte, wohin sich die beiden Jünglinge am liebsten begaben, schlich ich in das dichte Myrtengebüsch, das die kleine Anhöhe bedeckt und hielt mich vorsichtig verborgen. So hörte ich alle ihre Reden. Vieles Gelehrte sagten sie, das ich nicht verstand, auch Strophen lasen sie vor ... Schließlich tarnen sie auf das, was Euch zu hören wertvoll fein wird: ,Ach, seufzte der Prinz, wenn es doch mein Vater erlaubte, daß ich mit dir auf die Hochschule von Kahira zöge! Nichts konnte mir wichtiger fein, als mein Wissen zu bereichern und die Stern- und Erdkunde zu erlernen. Denn das W ssen eines Fürsten darf keine Grenzen haben, um so weniger, als die meisten seiner Umgebung doch nur von mittelmäßiger oder dürftiger Begabung sind, und auch selten ihren Sinn auf etwas anderes gerichtet haben als auf den Krieg und allerhand Beutezüge, die ihren Säckel füllen. Ich weiß ja, daß meine Heirat mit der Tochter des Prinzen Sadi in Kahira beschlossen ist und sich bald verwirklichen wird: damit wäre ja der beste Anlaß gegeben, in diese Stadt zu ziehen und eine Zeit lang dort zu leben. Doch wie dem auch sei, Abdullah, laß uns nicht traurig werden noch den Mut verlieren. Die Zeit wird kommen, wo wir unsere Pläne verwirklichen können. Wenn ich einundzwanzig Jahre alt bin, fällt mir die Herrschaft über die Provinz vom Kairovan zu. Bis dahin kannst auch du, zumal du ja drei Jahre älter bist als ich, deine Ausbildung vollendet haben und mein Ratgeber werden. Bin ich aber erst einmal Herr von Tunis, so werde ich dich zum Großwesir ernennen, da mir niemand geeigneter scheint als du, eine so schwierige Stellung auszufüllen. Dann mag das Volk sehen, daß sich auch mit Weisheit und Milde eine Herrschaft führen läßt; die Kriegsleute aber werde ich auf ihren Platz verweisen und ihnen in meinem Lande nicht mehr an Einfluß gönnen, als ihnen von Rechts wegen zukommt. Denn niemals werde ich zulassen, daß dieser Ali, der in der unverblümtesten Weise um meine Gunst wirbt, und nicht ein Mittel scheut, sich vorzudrängen, bei mir die gleiche Rolle spielt wie fein Vater bei dem meinen. Wenn es sich erweist, daß er wirkliche Verdienste hat und etwas von dem Heere versteht, will ich ihm gerne die Stellung geben, die ihm dann zukommt. Doch in meiner Nähe wird er nicht länger fein, als es die Geschäfte des Staates nötig machen. Ich prüfe schon heute die Fähigkeiten aller, die mich umgeben und beobachte stillschweigend ihr Reden und ihr Tun, so daß ich im voraus weiß, was ich von jedem einzelnen zu halten habe. Ich glaube, es werden manche sehr überrascht sein, wenn sich die Dinge einmal anders wenden als sie denken.' — So sprach der Prinz, mein gnädiger Herr, und wenn Ihr wollt, will ich Wort für Wort vor dem Bey wiederholen." „Es ist gut, sagte Ali. Du haftest mit deinem Leben für die Wahrheit deiner Erzählung. Hier diese Sklaven sind die Zeugen für deine Aussage." Damit schlug er einen Vorhang beiseite, hinter dem zwei schwarze Nubier mit entblößten Schwertern standen. „Ich hafte Euch dafür, entgegnete ruhig der Berber. Allah sei mit Euch." Er kreuzte die Arme auf der Brust und ging davon. In der gleichen Nacht noch schrieb Ali einen langen Brief an den Bey und befahl dem Berber, noch vor Tagesanbruch dieses Schreiben nach Tunis zu bringen. Jussuf ahnte nichts von dem, was hinter feinem Rücken geschah Er ritt, wie immer, jeden zweiten Tag zu Abdullah hinaus und genoß die schönen Stunden in der Nähe des Freundes. Und gerade an dem Abend, wo seine Anwesenheit in der Stadt großes Unheil hätte vermeiden können, kehrte er zum erstenmal gar nicht in den Palast zurück, da sich die Gespräche bis tief in die Nacht hingezogen hatten. Es war vielleicht eine Stunde vergangen, seit sich alle zur Ruhe begeben hatten, als plötzlich Trompetensignale die Schläfer vom Lager scheuchten. Die Hunde erhoben ein wütendes Geheul, die Pferde in den Ställen zerrten an den Ketten, fremdes Stimmengewirr schlug in die Gemächer empor. Abdullah und der Prinz stürzten an das Fenster im oberen Geschoß des Hauses. Sie sahen im Mondlicht Waffen blitzen und silbernes Geschirr an prächtig gezäumten Pferden aufleuchten. Bunte Gewänder und Rüstungen schimmerten in der Helle, es waren zum mindesten fünfzig Leute, die vor dem Gehöft standen. „Wir sind verraten, rief Jussuf, ich erkenne die Gestalt meines Vaters." Eine Stimme schallte vom Hose heraus: „Im Namen des Bey: laßt alle ungehindert etntreten, die Einlaß begehren. „Was sollen mir tun?" flüsterte Jussuf, seine Stirne mit der Hand fassend ... Mein Gott, was sollen wir tun? Wenn dir ein Unglück geschieht, fo bin ich schuld daran!" „Was soll mir geschehen? beruhigte Abdullah, was habe ich getan, das eine Strafe verdiente? Ich fürchte nur, der Zorn deines Vaters schlägt auf dich! Und ich bin es, der dein Unheil verschuldet!" Da tönte zum zweiten Male der Rus aus dem hellerleuchteten Hof. Und Abdullah, kurz entschlossen, sandte einen Sklaven, um zu öffnen, und befahl ihm, die Eintretenden in den großen Empfangsraum zu geleiten und ihnen das Kommen des Hausherrn anzuzeigen. Der Bey und der Großwesir traten in das Zimmer, Soldaten mit brennenden Fackeln stellten sich an den Wänden auf, und schon horte man die Schritte der Niedersteigenden auf der marmornen Treppe. Erhobenen Hauptes, bleich, aber vollkommen ihrer selbst sicher, traten Jussuf und Abdullah durch die offene Tür in den trübrot erleuchteten Raum und blieben vor dem Fürsten stehen. Lange herrschte tödliches Schweigen. Dann sagte der Bey, ohne die Augen von seinem Sohne zu wenden: „Den Prinzen auf ein Pferd und nach Hause in den Palast, dessen Türen bewacht werden — und den dort in Ketten und in den Kerker!" Da schrie Jussuf auf: „Vater! Das wollt Ihr mir und meinem Freunde tun? Was hat mein Freund verbrochen, um eine solche Strafe zu verdienen? Rächt Euch an mir, solange Ihr wollt! Aber laßt Abdullah frei, der mir nichts alles Siebes erwies und Euren Dank, aber nicht Euren Haß verdiente. Wie könnt Ihr Verleumdern das Ohr leihen, anstatt mich selbst zu hören, ehe Ihr auf folche Grausamkeiten sinnt!" „Es hilft dir nichts, daß du hier den Edelmütigen spielst! Ich weiß, was ich weiß. Auch habe ich es satt, mich über deine Launen uni Umtriebe zu ärgern. Denen aber, die sich zu Dienern deiner unfinnigen Pläne machen, weil sie dumm genug sind, einen Lohn zu erhoffen, der ihnen nicht sicherer als ein Vogel auf dem Dach, will ich zeigen, wie man solcher Vermessenheit begegnet. Kein Wort mehr. Es ist spät genug, und mich gelüftet nach Ruhe." Da legte Jussuf seine Arme um den Hals Abdullahs und begann ,fu weinen, so schmerzlich und lautlos, daß selbst der Großwesir, der kein weicher Mann war und viel an Leid und Schändlichkeit gesehen hatte, in seinen Bart griff und sein dunkles Haupt schüttelte, indes er den Bey ansah, als ob er sagen wollte, daß einer, der solche Tränen für einen Freund vergießen könne, doch unmöglich ein Empörer sei. Doch der Fürst, ganz die Beute feiner Wut, rief den Soldaten zu: „Beendet dieses Possenspiel und reißt sie auseinander!" Da sagte Abdullah mit tiefer, ruhiger Stimme zu Jussuf: „Höre auf zu meinen, mein armer Freund! Zeige den Mut, der den Unschuldigen kennzeichnet. Vielleicht will Allah uns prüfen: verderben will er uns gewiß nicht. Sei meiner Liebe und meiner Treue gewiß, was auch kommen mag!" Seit diesem Tage waren schon viele Wochen ins Land gegangen. Jussuf lebte in strenger Bewachung aus einer einsamen Burg am Dtcer, nördlich von Karthago. Abdullah aber lag in dem Kerker von Tunis. Da kam eines Tages ein Bote aus dem Paläste und brachte die Aufforderung des Fürsten, der Prinz möge sich unverzüglich in dis Stadt begeben, da seine Mutter erkrankt sei und ihn zu sehen wiiniche. Die Fürstin hatte ihr Ruhebett in den Garten tragen lassen. Sie Ing in der milden Abendsonne, dicht bei dem Springbrunnen, dessen Geräusch sie liebte, da es ihren traurigen Gedanken eine gewisse Schlösng- teil und Ermattung gab. Der Himmel hatte einen rosenen Schein, die bläulichen Säulenschatten lagen auf purpur überstrahlter Erde. Unverwandt waren die Augen der Fürstin noch der Tür gerichtet, durch dn Jussuf eintreten mußte. Die Minuten schienen Stunden, und sie fürajrc« Schon, daß man ihre Botschaft nicht ausgerichtet habe. Da hörte i“ lästige Schritte auf den Fliesen, das Klirren von Säbeln — un*LP darauf tauchte zwischen den beiden schmalen Säulen die Wantc' dunkle Gestalt Jussuf» auf. Und sie breitete die Arme aus, wie wenn sie ihn durch die Lust 3 sich herüberziehen könne, und lächelte ihm entgegen. Er aber sank vo ihren Füßen zusammen und barg seinen Kopf an ihren Hüsten, w er es oft als kleiner Knabe getan hatte, wenn ihn die Wärterin jo* holen wollte. Da winkte die Fürstin den Aerzten, den beiden Dll1^ .. der Woche und den Mägden, beiseite zu treten, und blieb allein m ihrem Sohne in der schonen, lauen Abendluft. Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl sch« UniversitLtS.Buch. und Steindruckerei. Ä. Lang«,