Gießener Zamilienbliitter Unterhaltungsbeilage Zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1928 Samstag, -en I. Juli Nummer Abendduft. Bon Wilhelm Schüssen. Es schlief bei Sonnenuntergang Der Schmetterling samt Blume ein, Als ich im Tale Heimwärtssang ITnb stehenblieb zwischenhinein. Die Blume träumt, der Schmetterling Wiegt sich auf ihr. Und holde Lust Trägt hügelher von Ding zu Ding Des Tages atterfeinsten Duft. Brausendes Variets Bon Paul Eipper. I. Tempo, Tempo! Gruudnwtiv unserer Zeit und des Varietetheaters. Daher ist die „Spezialitätenbühne" von allen Vergnügungsstätten anr meisten der Spiegel unseres Jahrhunderts. A>n 31. abends um % 11 Uhr beendet der Artist Apsilou seinen Auftritt in Hamburg. Erschöpft von den zehn Minuten restloser Kraftentfaltung kommt er aus dem Vorhang hinter die Szene. Eben lächelte noch sein Gesicht unter dem Applaus des Publikums, graziös war die Verneigung seiner Dankbarkeit (eiserne Disziplin ermöglicht es ja gerade dem Artisten, immer zu lächeln, anmutig zu sein auch unter der Erschöpfung, ja selbst im Schmerz) — nun eilt er, in seinen Mantel gehüllt, durch den Bühnenkorridvr der Garderobe zu. Kostüm herunter, kalte Brause aufgedreht, frottieren und etwas Gymnastik, Zivllkleider an, die Kostüme in den reisegewohnten Koffer, aus der Tischschublade die Puderquaste schnell noch gerettet — und schon rollt der Karren eines Dienstmanns das Gepäck zum Bahnhof. Der Artist sitzt im Zug, die ganze Nacht, trifft zehn Stunden später in Frankfurt ein, meldet sich beim Direktor, baut seine Geräte auf, bespricht die Musikbegleitung mit der Kapelle, probt zwei Stunden die eigene Arbeit und schläft dann den kurzen Schlaf der Müdigkeit, um 10 klhr am Abend lächelnd und graziös im Scheinwerferlicht zu stehen. !I. Der Artist hat zwei Abende frei im Jahr: Karfreitag und am 24. Dezember. Dreihundertdreiundsechzig Tage arbeitet er, oft auch nachmittags, und kein Morgen ist ohne Probe; denn nur die ununterbrochene Beherrschtheit des Körpers hält ihn auf der Höhe seiner Kunst. So reist er von Monat zu Monat durch Städte und Kontinente; sein Ohr vernimmt die Sprachen vieler Länder; er kennt die Artistenpensionen in Madrid und in San Franzisko, aber über allem Wechsel der Grenzen steht unverrückbar die gleiche Arbeit, seine Freude und feine Existenz. Mr ivird untergeordnet, was zu den bürgerlichen Genüssen zählt; Äusschwerfungen verbieten sich von selbst; Borwärtskommen ist die Devise, seine Rümmer ausbauen, die Sensation steigern, bmnit ber Name immer größer leuchtet auf den Programmzetteln, bis er ein Signal geworden ist, beim Agenten und beim Publikum: „Der große Ypsilon". III. Air bunt sieht eine Barietebühne von hinten aus! Du kommst durch einen Seitengang auf den Hof und stehst einem vergitterten Wagen gegenüber, hinter dessen Eisenstäben Tiger schlafen; aber dein Ohr sangt schon Mä bellende Geschrei der Seelöwen, die unter einem Bretterdach in ihrem Tünrpel um Fische betteln. Du gehst die Laderampe hinauf, eine Rolltür 'st spaltbreit offen, und ivenn du dich an den lächelnden Chinesen vorüber gezwängt hast, die stets und stets auf Bainbusstäbcheu Teller tanzen lassen, dann betrittst btt die weite, nüchterne graue Bühne, wo zwischen angelehnten Kulysen Radfahrer zu vieren übereinander klettern und ein Reckturner im buntleu Trikot seiner Partnerin Unterricht erteilt. Bon» an der Rampe stbstuuliert in amerikanischem Dialekt ein Herr zmn Orchesterraum hinunter bespricht mit dem Kapellmeister einen neuen Trick, weil er will, daß k ^ttkorps zündenderen Abgang habe. Neben der Beleuchterloge aber nn k •lt bet Inspizient mit einer korpulenten Dame, dem „Untermann" ,. "ssbl fabelhaften Sprungkünstlern, um ihr an Hand der Eintragungen daß das blaue Licht in der genau sestgelegten Sekunde auch Mem nach rot geschaltet wurde. eJ*0,6' Elowns bringen einen Ziegenbock, drei Gänse und ein rosiges m Körben herbei, schimpfen holländisch und ftanzösisch durch- ^z-stder, weil es schon fünf Minuten über die Zeit ist, die ihnen vertrags- "en ganzen Bühnenranm zur Probe zuspricht und doch immer noch sechzehn Mann der marokkanischen Pyramidenbauer in weiter Kette den Platz versperren. Rur das kleine Töchterchen des japanischen Hofzauberers lächelt, lächelt stiü, sicher auch im Schlaf. Sie lächelt, ivenn der Vater Dolche durch den Rohrkorb sticht, in dem ihr Körperlein beivegungslos kauert; das Gesichtchen lächelt, ivenn die Füße oben von der Leiter aufs Drahtseil treten, und es wird auch in jener Stunde lächeln, ivenn der Artistentod mit kalt« Faust das Herz berührt. IV. Nirgendwo herrscht eine solche Tradition, diese Liebe zur Familie, tote beim guten Artisten. Die vier Bruder Bronett, Clowns von großem Format, reisen zur Zeit von der Schweiz durchs Rheinland nach London, Skandinavien und voraussichtlich weiter nach Amerika. Seit Jahren geht dte Fahrt und wird viele Jahre weiter dauern. Niemals aber sind sie ohne ihre Mutter. Die heute mehr als sechzigjährige Dame ist das Oberhaupt der Familie geblieben, von allen geliebt, den Söhnen, den Schwiegertöchter« und ber Enkelin. Abend für Abend, in Schweden und in der Schweiz, sitzt sie in ber Garderobe, bespricht alle Neuerungen, richtet die Requistten, sorat für die rechte Unterkunft und beobachtet während der Minuten de» Äw» tritt» kritisch und aufmerksam vorn Zuschauerraum aus Arbeit und Erfolg ihrer Söhne. Eines Abends, als das Berliner Engagement schon seinem Ende zuneigte, gab mir die alte Dame den Stammbaum chres Geschlecht» und sagte mit vielem Stolz: Daraus können Sie manches sehen, vor allem dte Vielseitigkeit unseres Berufs. Als meine Söhne kleine Jungen» waren, «- zählte ich ihnen im Zirkuswagen, was ich durch meine Mutter von unsere» Borfahren wußte: „Alles haben sie gekonnt, wollt ihr schlecht« sein?" Und so karn's, daß die Clowns nebenbei auch vollkommene Kunstreiter sind, Reckturner, Akrobaten, daß sie Tiere dressiert haben, ein halbes Dutzend Instrumente spielen, während des Schweizer Gastspiels heute deutsch, morgen ftanzösisch ihre Späße treiben und — immer noch Neue» hinzulernen, Jahr um Jahr. Der älteste Vorfahr war Seiltänzer, Zauberer und Kunstreiter und wurde an der Krönunasfeier der Kaiserin Maria Theresia von der Regentin mit kostbaren Geschenken ausgezeichnet. V. Bor ein paar Jahren sah ich in der Berliner Scala einen alten, grauhaarigen Reger, groß und athlettsch, der eine riesenhafte Bambusstange auf seiner linken Schulter balancierte. Oben auf der Stange arbeitete ein Knabe von vielleicht 15 Jahren, Halbblut, zierlich im weißen Seidentrikot. Eine erstklassige Artistennummer, hoch bezahlt und in aller Welt begehrt. Applaus auf offener Szene, bann setzte die Musik aus. Em dumpf« Kehllaut des Untermanns, sein Blick zuckt nach oben — all right; fast zehn Meter übet ihm steht bet Junge auf dem Kopf, Arme und Beine ab- grätscht. Ruck, zuck, die Hände des Regers fassen die Stange am uut«en Ende, ein hell singender Zuruf von oben, der Athlet stemmt den Bambu» von der Schulter auf seine Stirn. Dann steht auch et, Arme und Beine gespreizt; von seiner Stirn steigt das schwankende Rohr senkrecht auf, und am oberen Ende balanciert ruhig, als sei nichts dabei, ber zierlich zart« Knabe auf dem Kopf. Vorhang, dröhenbet Applaus. Ich habe ihn nicht mehr gehört, wett kalter Schweiß mich jäh aus dem Zuschauerraum trieb. Zu Hause notierte ich in meinem Tagebuch die schreckliche Halluzinatton, daß ich für eine Sekunde da oben unter dem Bühnenbach auf dem Bambus einen Totenkopf lächeln sah. Am andern Abend, als wieder die Musik aussetzte, tat der Jüngling einen leis piepsenden Schrei. Damr zrrckt ein heller Körper durch die Lust, dumpf« Fall, die Musik setzt lärmend wieder ein, der Reg« nimmt dte Stange von seiner Stirn, aber schon steht der Knabe wieder auf den Seine» und verbeugt sich hold lächelnd. In der Nacht ist der junge Artist an inneren Blutungen gestorben und — durch die Agentur herbeigerufen — fuhr zur gleichen Stunde von irgendwo her aus bem Reich ein anderes Artistenpaar, um die Lücke auszufüllen. I» den Blumenläden Berlins ob« wurden große Kränze gewunden, Grüß« der Kollegen, die den schmalen Sarg vollkommen bedeckten. Jeder Artist, d« in diesem Monat irgendwo in Berlin arbeitete, ging mit dem Trauerzuo — eine große Familie, die üb« Nationalität und Rasse hinweg die Zunft vereint. Begegnung mit Shaw. Bon Magda von Hattingberg. (Nachdruck verboten.) Wer an einem Sommermorgen durch den Londoner Regentspark nach St. Johns Wood geht, vergißt, daß er sich in einer der größten Städte d« Wett befindet. Alles ist still, grün und frisch. Auf großen Rasenflächen stehen Babywagen, ganze Familie,r fiedeln sich hi« tagsüber an, und der 11. Las Eismeer. Jetzt tut sich rechts der Blick auf einen großen flachen See auf. Kahl find feine Ufer — nein, in einigen Buchten steht emigeS grüne ^mjengras. Hier liegt ein grüner Wasen und da. Auf oder an ibm einjame Höfe, mit fltünen Rasen gegen die Windseite völlig gedeckte Hstuser, die halb als Erdhütten ober -höhlen erscheinen. Die Stirnseite aber mit Tur und Fenstern ist mit Holz verplankt, dieses ist dunkelrot gestrichen. Welche Farben! Ein lichtblauer See im braunen Stumpen der Laven, das Dunkelgrün der Wasen und Hütten und das Tiefrot der Verschalungen, die durch ihre fast vollkommene Lebensleere unermeßlich weit wirkende Skemwuie braun und schwarz. Am Horizont, stehen. mr..den Wir fahren ins Land hinaus. Biele Schafe sieht nmn, viele hornlose Rinder, Herden von kleinen, struppigen Pferden, grüne Wasen. h,er und da und keine Bäume. Was die Temperatur zuließe, verbietet der Wirch. Ueber meilenweite braune Felder geht die Fahrt, aber es ist nicht Herbst, und das Braun ist keine umgebrochene Ackererde, sondern.Lavafeld - Lava, selber, eines nach dem anderen. Da raucht es hoch und stark auf, em fast siedend heißer Bach fließt in der Wüste. Und werter gehts über die braune 9at)a — in der Ferne stehen steinige, völlig kahle, dunkle Gebirgszüge, nur in den Höhen von Schneeflecken weiß gefprenkelt. lonuiae Himmel trägt dazu bei, daß diese Oase ein Paradies für Kinder imb — Hunde wird. Denn nicht nur Babies, auch Hunde aller Rassen und Nichtrassen leben hier ein wahrhaft seliges Dasein. Freilich, Gegensätze von größtem Elend und breitester Fülle stoßen hier vielleicht harter Zusammen als anderswo, aber es wird andererseits m wenigen Landern der teett eine so sorgsam geleitete Kinderfürsorge geben, soviel hilfsbereiten tatkräftigen Willen des Einzelnen wie hier. „Wir haben viel weniger Konflikte im Leben als ihr Deutschen" sagte eine der Vorstandsfrauen^emes meßen BabS.home. „Ihr denkt mehr nach, wrr arbeiten. Diese Worte beben zu denken, denn es ist nicht der Ausdruck der oft erwähnten englischen Nüchternheit, der man Übrigens auch in Dingen der Kunst, in Dingen des geistigen Lebens so wenig begegnet, daß der Begriff im Grunde genommen hinfällig ist. Konzerte finden in der Sapon, also im Mm bis. Ium, statt, und die Menschen versammeln sich um halb drei oder um halb sech- Uhr oft bei glühendster Hitze in den RecitaWmlls, um Musik zu hören. Mrs. Loeb, eine Tochter Hans Richters, lud uns ein, am nächsten Tag in ihrem Hause mit Bernhard Shaw zu frühstücken, er sei em Ieiben|d)of * kicher Musikfreund und mürbe sich sehr freuen, Mozart zu hören. Als wir gut festgesetzten Stunde kamen, fanden >v,r eine kleine Gesellschaft von Damen und Herren versammelt. Bald öffnet sich die Ture und Mr. und Mrs. Shaw wurden gemeldet. Der Dichter, schlank, weißhaarig, mit oer um yuttäuut |lcvcll uul „tl„ „„„„„ r. Frifche und Elastizität eines Jünglings, kam lebhaft auf dw Frau des Hauses I cJ^tc’ Berge. Und die kräftigblaue Kuppel des Himmels ruht am zu. Er begrüßt sie, nimmt die Namen der übrigen Gäste m Empfang, Das Auge trinkt sich sarbensait. schüttelt allen die Hände und ist sofort der Mittelpirnkt des kleinen Kreifes. I ^m. d ...... —---------- —- «* Bald darauf wird zu Tisch gegangen. Der berühmte Gast präsidiert, er spricht und lacht, studiert die Menukarte, streicht ein paar Gänge durch, bittet um Gemüse an Stelle des Fisch aerichtes, und während man ißt, staunt und zuhort, beherrscht er die Kon versation wie ein Spieler seinen Ball: er wirft ihn stoa), faicht 'hu auf und verwandelt ihn in ein Prisma, das, durch fernen funkelnden Espr.t bestrahlt, in allen Farben zu schillern, zu leuchten begmick. Er erzählt von der Zeck, FSÄ SMi» ÄBSS. -immer versammelt hatte, ironisch und mit drohendem Funkeln seiner stahlblauen Augen, „warum diese Deutschen und Europäer eigentlich Mozart spielen?" Ich sage, auf ihn weisend: „weil die,e Eng ander Mozart lieben." Worauf er lacht, und während wir beginnen, m em schönes und durchaus unkritisches Zuhören versinkt. Später kommen noch einige Shawsche Selbstverständlichkeiten: daß Sckmbert ein Scharlatan sei, Schumann nicht weiter m Betracht komme und Brahms meist allzuviel Gefühl, um nicht zu sagen, Sentimentalität habe, während ihm Geist gänzlich mangle. Ich war eben rm Behrisf, ihn »u fragen ob Gounods „Faust", die bedeutendste Oper der Welt sei, als die Hausfrau ein Album mid Bayreuther Bildern brachte und das amüsante Fangballspiel paradoxer Bemerkungen unterbrach. Erinnerungen an Wag ner, an Hans Richter wurden erzählt, schöner, laug vergangener Zer gedacht, und als wir uns von den licbcnSitnirbigen Gastgebern »ub ihren Freunden verabschiedeten, bekamen Wir einen herzlichen und sehr un- ironischen Händedruck und Dank des berühmten Dichters nut auf den Weg. heißen, rauchenden Quellen und Springbrunnen, und dessen Kranz nur, die ganze große Insel hemm, dürftig von germanischen Menschen bewohnt ist. Augenwimpern. c f . Am anderen Tag verdichtet sich links der Fahrt der Nebel wi , auf der Höhe des europäischen Nordkaps —zu einer Ungeheuern, mcht ho ) über der Erde liegenden Wolkenbank, sie läßt wenigstens den Fuß desberg gen einsamen Landes, das sie überlagert, frei und uns sehen - die In!« Jaii Meyen. Wir dürfen uns mit dem Wenigen, diesem Fußlupsen Des Wolkenkleides sozusagen, zufriedengeben, denn für gewöhnlich bleck Insel verhüllt. Wir können dunkle vulkanische Grate und LinienZahnen un wiederum einen „Eisberg", wiederum die atmospharisch-mastive B kleidung^eines^toteü Vulkans «sehen ober zu sehen meinen. Unbewohnt ist ^^^Noch"zwel Tage pflügt der Dampfer, fast Nordkurs haltend und das vom großen über die Faröerschwelle gegangenen Golfstromarni ff gehaltene Eismeer aufsuchend das grüngraue Was erfeld, ^-g und stetig rauscht die Bugwelle, so gleichmäßig wie die Uhr klopft. Schonf & m bet bet not bild) en $cü)3 (5ibitien§ unb Ä)ien§, unu - ] stillen Dasein am sauberen Bord des blanken Schisses nichtszuverzi - 'als daß man das Schlafengehen verspätet. Man schaut aus die Uhr - » fast Mitternacht, und noch immer ist Tag, grauer.Tag freilich, ab Und nun wird es überhaupt nicht mehr Nacht, um Mitterna t man eine bleiche Sonne nahe am Horizont sie beschreckt hinter^ schleiern zu erraten, einen Kreis am Himmel, aber tai c ins Meer. ... , Girier Der Unerfahrene wird sich denken, der monatelange Polar ag o sommerlichen Jahreszeit müsse schön, das Fehlen der Nacht ange h^^ — aber es ist quälend. Wtan schlaft em — es ist Tag, man wach m c§ auf — es ist Tag, man erhebt sich morgens (nur die Sonne sagt, ° P Morgen ist) - es ist Tag. Nicht Ausgeschlafenheck kündet eurem i Uhr den Morgen, diese uns fast als Störung der Natur J g^an hat graphische Gegebenheit hat auch unser gewohntes Leben geston. sich mit der fehlenden Nacht um die zugemessene Ruhe betrogem ,^ ehnt sich - es ist, als ob die Körperorgane sich sehnten nach Gesetz der unerbittlichen Weltuhr, das auch rhuen rhr Recht Mr. Ern gewisser Mißmut ist in einem, und die ganze große Reqeg > I ist mißlaunig, man hört die Musikkapelle sprelen - und ist nnßim Weiter fahren wir auf dem schlechten Wüstenwege, und nun senkt sich ter Strich der Straße in eine viel Kilometer lange Schlucht nut steilen Wänden: Ein junger, dicker, schwarzer Lavastrom brach auf, und da- wurde die Schlucht. Und wir stehen auf dem isländischen mittelelterlichen germanischen Tingfelde. _ Der See ist dahinten geblieben, sein Zuflußwasser braust durch die Schlucht. Draußen mäandriert der Fluß in weiten Schotterfeldern unb «ätmiu» 6* «M * Hf»- I -«* SÄÄ SSÜ Ä'ätt I >rnb d°» »kl»,mit dich- WMklMI blld-I ein. WW-, weiße Kirche auf einer grünen Terrasse. Hier also ist das Tingseld. Keine Spur von Gebäuden, keine Fels- terrasse, architektonisch nutzbar gemacht als Bühne oder Kanzel alles ist nur Natur. So hat der isländische Germane getagt und in „.lllmcmner» Versammlungen" das politische Schicksal der Gesamtheit, Fahrten ubers Meer oder die endwsen Stammes- und Fainilienfehden beraten, weil sie nun^em- mal germanisch sind, auch öffentliche unb zum Teil furchtbare Srttenzucht geübt (in einem nahen Wasser sollen bie ehebrecherischen Frauen ertrankt worden sein) - die herbe Welt der Sagas Hingt um uns unb in uns auf. c>>, ter Dänemarkstraße zwischen Jslanb und Grönland, etc ist so breit wie etwa Bremen von Berlin entfernt ist. Der Polarkreis wird uberschrckten. Wir fahren in der offenen warmen Trift des Island umfchlmgenden Go>u itromarmes — ein anderer unb ber stärkere Arm des Jslanbarms hat sich südlich von Island in Richtung Amerika zurückgebogen - dünn,st der ver- Fahrt ins (Eismeer. I = - ffÄtax ä ® I. Island. I . ,, («tj\niant. Das laute Treiben einer müßigen Schiffsgesellschaft ist „Eisland" bedeutet-der Name, und ob es eine ganz von vulkamfchen I 1)ei.-tummt/ man hat sich in Warmes Zeug gewickelt. Das Meer ist grau, und noch jungen, teilweise »och lebenden Kräfte» untenVnb monoton und unendlich, nasser Nebel steht m der Lust und bela,.ct bas Eis bedeckt sie zum guten Teil. Kosmische Feuermacht von unten und kosmische Eismacht von oben, unb dazwischen die braune und schwarze Lavaplatte, in der es noch raucht und rollt, und um sie herum das wecke I vereinsamende Meer — das ist Island. Man nähert sich dem Meer. Als weiße, breite Kuchen hegen die Eismassen auf dem Lande und um die höchsten Erhebungen, die Vulkane sind tote ober augenblicklich nur unter der Eisdecke schlafende. Berge von Eis stehen dem äußeren Bild nach da. Eisberge m einem anderen Sinne, als man sonst zu sagen pflegt. Schwarze, hohe, vulkanische^, bem Land vorgesetzte Klippen sind von Tausenden von Seevogeln umschwirrt, in den dumpfen Rollton des Meeres und das ewige Rauschen der Burgwelle j mischt sich der fremdartige tausendstimmige Vogelschrei. Der Himmel ist trüb, Wolkenbänke schließen sich an die Köpfe der Berge und mögen uns die eigentlichen Köpfe verbergen, diesig ist die Luft über dem Meer; denn obgleich auch hier ein Arm des Golfstroms, em ^wacherer zwar als der, der sich zwischen Orkneyinseln undFaroerndurchpreßt,in weitem Bogen ausschwingt und wieder m ruruckbiegenber 8 förmiger Kurve über Norden nach Osten hinüber sogar Island umschlingt von Norden herunter kommt auch der kalte Polarstrom, der zwar drüben an der Ostküste Grönlands sich vorbeidrückt, dieses durch schwemmende Eisberge und feste Eisbarren unzugänglich machend. Seme Abkühlung wirkt aber bis hierher, unb bie Folge ist diese fast ewige Trübe von Luft.undHimmel. Die mit den Meeresströmungen ziehenden Wmde (umgekehrt, die ®tro mungenziehen mit den Winden) begegnensich hwr und drehen und schrauben sich auf in einer Zyklone, bie jahraus, fahrem südwestlich von Island steht. Das ist bie Geburtsstätte des europäischen schlechten Wetters. Die Lust; die von hierher, ber Erdumdrehung entgegen, kommt, kennen Wir, m br großen Zugstraßen zieht sie mit ihrer Feuchtigkeit ostwärts über Europa hm, bald biese, bald jene Zugstraße wählend. Jede aber ist feucht und naß. Uns jedoch ist der Himmel günstig. Als Wir am anderen Morgen in der „Rauchbucht" (Reykjavik) vor Anker gehen, spannt sich blauer Himmel über das ungeheure bergige Halbrund. Nackt, baumleer, steinig, braun unb schwarz ist das Laub. Nüchterne Häuser stehen am Straub, es riecht nach Fisch und Tran. Hier ist die Hauptstadt eines tote Suddeutschland großen Meerlandes, dessen große Mitte eine Wüste ist von Eisschilden und Vulkanmassen, von eiskalteii Gletscherflüssen und Geröllfeldern unb glüh- Eines Morgens schwimmen zahlreiche Eisschollen bugvorauf, das Schiss tritt in die weiße Herde ein, die auseinander zu treten scheint, wie wenn man auf einer Landstraße einer Schafherde begegnet. Aber die Herde wird dichter^ und die Individuen werden größer, man sieht grünliches Eis, Ueerers, Eis aus Salzwasser, aber auch bläuliches Eis, und man mag Men, daß es Gletschereis ist. Eis aus Süßwasser und also von einem Lande stammend, das man in der Nähe vermuten kann, das man aber in «ebelverhängter Kimme nicht sieht. Und Plötzlich gibt es einen Ruck, das Schiff, das schon mit sehr langsamem Kurs fuhr, stößt gegen eine große Scholle und stoppt. Packeis! xie Scholle gibt den Stoß weiter und knirscht dahinten laut an anderen Schollen auf, ein unheimlicher Knirschton geht durch die stille Welt — die Polarwelt hat aufgeknirscht. Nie wird man diesen Ton vergessen, Ton aus Keltenmund! Und nie wird man den Stoß vergessen, der durch das Schiff ging, als tt an dieser unerbittlichen Grenze anlief! Bor uns dehnt sich weit das Eisfeld, leicht schwankend, leicht schaukelnd, in der Ferne schon starr, mit Krusten und aufgekrempelten Rändern die Paine der weißen Felderflur bezeichnend. Vor uns liegt also der Pol. Oh, gar nicht so weit. Etwa tausend Kilo- Meter weit, so weit nur wie der Durchschnitt Deutschlands lang, wie Rügen von der Zugspitze entfernt ist, liegt der geheimnisvolle Pol, wir sind auf 80° 25' nördlich und 10° 50' östlich. Vor uns das stumpfweiße, von Rand- känzen seiner Schollen und einigen auf die großen gesetzten kleinen Schollen belebte Eisfeld. Vorn von Nebel und hinten und höher von Wolken überlagert, und die Ferne sich verlierend in Nebel und Wollendunkel. Ein schwarzer Strich am Himmel im Norden vor uns ist wohl ein sogenannter Wasserhimmel. Widerschein einer großen Wake im Eise, aber für uns, für die Empfindung steht er am Himmel hingezeichnet, hingezogen, als wollte er ein wahres Ende der Welt bedeuten: Strich! Aus! Man ist leicht enttäuscht. .. - Wer in dieses stille Gefühl tritt ein anderes, ein schreckhaftes, ein grausames, wild aufregendes — ein furchtbares Gerücht läuft über Bord, es heißt plötzlich: Rußland hat mobil gemacht. Es war am 29. Juli 1914. lind da steht es, es gibt keinen Zweifel mehr, auf dem schwarzen Brett auf dem Hinterdeck angeschlagen, dieses Lakonische: Rußland hat mobil gemacht! Wohl hatte uns die drahtlose Telegraphie in den letzten Tagen mit Nachrichten aus Europa versehen, und die Bordzeitung hatte sie im Auszug bekannt gemacht, gefährliche politische Nachrichten, aber sie ließen im ganzen doch Hoffnung. Das aber ist eine ernste Kunde. Doch noch nicht so ernst und so hoffnungslos, daß der Kapitän das Schiff umdrehen müßte. Chinesisches Totenfest. Von Dr. Hans Maier, Leipzig. £>er Verfasser, der erst kürzlich von der Stötznerschen Helung- kiang-Expedition zurückgekehrt ist, stellt uns nachstehend die Schilderung eines chinesischen Totenfestes zur Verfügung, dem er während seines letzten Aufenthalts in China beiwohnte. Es war in einer kleinen Stadt tief im Innern von Nordchina, einem weltverlorenen Orte, weit weit von der Eisenbahn. Ein paar hundert niedriger Lehmhäuser, Bauernhöfe, Kaufbuden, Ställe und Schuppen, alles von einem verfallenen Erdwall umzogen, mit vier altertümlichen Etadttoren, hinter denen im winzigen Torhäuschen einige eisgraue Soldaten in zerlumpter Uniform sich die Zeit mit Opiumrauchen" vertrieben: Ein Stück Mittelalter, das sich trotz Bürgerkrieg und nationaler Modernisierung Chinas hier in der Kleinstadt im menschenleeren und verkehrsarmen Norden des Reiches bis heute erhalten hat. Vor den Toren des Städtchens wälzte ein breiter Fluß seine Wasser durch die weite baumlose Steppe, die sich hier ausdehnte, nur in der Ferne von waldbedeckten Bergen überrragt. . Wir hatten auf unserer Reise durchs Innere einige Tage Aufenthalt m diesem weltvergessenen Städtchen, und in diese Tage fiel gerade ein hoher religiöser Feiertag: das Totenfest. Die Chinesen hatten bisher nur wenige Feiertage: Neujahr, Erntefest und Totenfest. Erst in neuester Zeit wurden zum Andenken an politische Ereignisse der jüngsten chinesischen ^«schichte eine Reihe von Nationalfesttagen eingeführt, die mit großem Pomp begangen werden, während die religiösen Feiertage in den Der« tchroreichen Städten an der Küste ihnen gegenüber zurückgetreten sind Kur im Innern, wo die moderne Aufklärung noch nicht Fuß gefaßt hat, werden sie noch ganz nach altem Brauch gefeiert. Während unsere dem Gedächtnis der Toten gewidmeten Gedenktage Allerseelen und Totensonntag im Spätherbst liegen, wird in China das u-otenfest im Hochsommer gefeiert, mitten in der Zeit reichsten Lebens der Jtatur, wenn überall die Früchte reifen, und die Saaten sich zur Ernte Mm. Wird doch auch der Tod von den Menschen dort nicht als ein Myor.en und Untergehen des Daseins empfunden, sondern als ein Einehen in ein gereiftes, weiter entwickeltes, höheres Leben. chinesische Volksreligion, in der uralte pantheistische Vorstellungen i neben, stellt eine Mischung von Buddhismus und Ahnenverehrung .„■/ ,n welcher der Gedanke der Seelenwanderung mehr oder weniger i,i-0opragt enthalten ist. Die Seelen der Abgeschiedenen leben im Jen- LdL®• lr* beiden mit ihrer Familie und Sippe verbunden und haben tfnatl-c- Einfluß auf deren Schicksal. Die Nachkommen bringen ihnen ven m u 9 Erster, Räucherwerk, Speise und symbolische Nachbildungen Toten ' ^^gegenständen wie Geld, Wagen und Pferde, damit es den bei jenseits nicht an dem Nötigsten mangele. Man betet zu ihnen 'Atigen Familienereignissen, damit die Ahnen gütig über den Geschicken der Familienmitglieder walten mögen. So verfließt für bei Chinesen der Tod in ein neues Leben, von dessen Formen zwar klare Vorstellungen fehlen, das aber, vollkommen und besser als das irttfche Leben, segensreich in Zeit und Ewigkeit weiterwirkt. Schon am frühen Morgen des Festtages — es war der Tag ta Augustvollmondes —, wurden alle Türen des vielräumigen Tempels geöffnet und schon von Tagesbeginn an strömten zahlreiche Pilger herein, um zuerst den Göttern, dann in dem seitlich vom Hauptgebäude gelegenen Ähnentempel den abgeschiedenen Vorfahren zu opfern, und die Glocke am Altar, durch welche die Gottheit herbeigerufen wird, verstummte, bis zum Abend nicht mehr. Ganze Bündel von Räucherstäbchen und ganze Scheiterhaufen aus durchlochten Papierstückchen, das chinesische Geld iim- tierenb, mit papiernen Puppen von Tieren und Vögeln wurden vor den Altären verbrannt, während der Tempeldiener die vorgeschriebenen Gebete murmelte und der Opfernde sich dreimal zu Boden warf und mit der Stirn die Fliesen berührte. Die Hauptfestlichkeiten aber begannen erst am Abend unten am Fluß- ufer. Wie in China die unterweltlichen Gottheiten des Wassers eine besondere hohe Bedeutung haben, so ist das Totenfest in besonderer Weise den Seelen der im Wasser Umgekommenen gewidmet. Als die Dämmerung anbrach, entwickelte sich am Ufer ein geschäftiges Leben. Die ganze Bevölkerung der Stadt, Männer, Frauen, Greife und Kinder versammelte sich hier, und alle brachten aus farbigem Papier gefertigte Schiffchen mit, in welche Lämpchen eingesetzt wurden. Auf Barken, die auf den Fluß hinausruderten, wurden Lämpchen entzündet und dann aufs Wasser gesetzt, um als Opfer für die Toten den Fluß hinabzutreiben. Bald war r der dunkle Fluh, dessen jenseitiges User sich in der Nacht verlor, von Tau- "senden, ja Zehntausenden dieser Lichter übersät, die in ununterbrochenen Reihen langsam dahinglitten, bald ruhig und gleichmäßig abwärtsschwim- mend, bald von Wasserwirbeln bewegt geheimnisvolle Kreise beschreibend, kleiner und kleiner werdend, zuletzt in weiter Ferne verschwindend. Von der Stadt her nahte jetzt mit den unmelodisch wimmernden Tönen chinesiscl)er Leichenzugsmusik eine Prozession dem Fluhufer. Hier waren Opferaltäre aufgestellt, und unter eintönigen Gesängen, Gebeten und Trommelschlag wurden die Speisopfer in den Fluh gestreut und Räucherwerk und laut knallendes Feuerwerk entzündet. In lautloser Stille standen die Menschen und gedachten der Toten. Erst kurz vor Mitternacht endete die eindrucksvolle Feier. Während ich den letzten in der Ferne verlöschenden Lichtern nachschaute, dachte ich, welch schöner und sinnvoller Brauch dies doch war: Die mit dem Strom in die Ferne, in die weite Unendlichkeit treibenden Lichtflammen, Symbole unseres menschlichen Lebens, den Toten geweiht als ein Zeichen des Gedenkens und des Sichbesinnens: Auch wir treiben so, früher oder später verlöschend, im Strome dahin, der einst ins Meer der Ewigkeit einmünden wird. ©telegen. Erzählung von Gottfried Keller. (Schluß.) In solcher Tracht tvar er, ehe er sich zu dem Zuge des törichten Lebens gesellt hatte, auch einen Augenblick auf dem Försterhofe zu Seldwyla erschienen, einem Abkömmling aus uraltem, reinem Volksstamme gleichend, so kühn, sicher, stark und zugleich gelenk bewegte er sich. Ms Küngolt ihn so sah, der er im Vorübergehen ein kaltes wildes Lächeln zugeworfen, wie er es sich im Felde angewöhnt, waren ihre Augen wie geblendet. Während er nun in Welschland lag, war es ihr einziges Tun, über die Vergangenheit zu grübeln und in den glücklichen Tagen der verlorenen Kindheit zu leben. Besonders verweilte ihr Sinnen fast zu jeder Stunde auf jener Waldhöhe, wo die Seldwyler Frauen das vom Tode errettete Kind Dietegen einst in seinem Armensünderhemde gekost und mit Blumen geschmückt hatten, und sie eilte, so oft sie konnte, hinauf und schaute voll Sehnsucht nach dem fernen Südwesten, wo man sagte, daß die drohende Schar der unbezwinglichen Jünglinge sich gelagert habe. Aber in der gleichen Berggegend, welche vom Ruechensteiner Grenz- banne durchschnitten Ivar, kreiste der Ratsschreiber Schafürli herum, der stetsfort nach Heilung des ihm angetanen Schadens oder aber nach Rache dürstete; denn es waltete in Rilechenstein trotz der vermeintlichen Hexerei wegen der Tötung des Schultheißensohnes doch ein offener und geheimer Haß gegen ihn, den er durch den Tod der von den Seldwylern nach Ruechensteiner Ansicht unbestraft gelassenen Küngolt zu sühnen hoffte. Als daher eines Tages die arme Küngolt achtlos gerade auf einem Grenzsteine saß, und zwar so, daß ihre Füße auf dem Ruechensteiner Boden ruhten, trat Schafürli unversehens mit einem Ratsknechte aus den Bäumen hervor, nahm sie gefangen und führte sie' gebunden nach seiner Stadt, wo ihr wegen des durch ihre Zauberei herbeigeführten ungefühnten Todes des Schultheißensohnes sofort von neuem der Prozeß gemacht wurde. In Seldwyla war, zumal in diesen aufgeregten Zeitläufen, niemand mehr, der sich ihrer angenommen hätte, auch wenn ein Erfolg in Aussicht gewesen wäre. Es hieß daher bald, ihr Leben werde wohl dahin sein. Nun war es die einst so schlimme Violände, welche, von Reue und Mitleid erschüttert, sich aufraffte und die einzige Hilfe aufsuchte, die ihr denkbar schien. Sie machte sich auf und wanderte Tag und Nacht gegen Westen, um die Bande des tollen Lebens und Dietegen zu finden. Das Gerücht von dem Treiben der verwegenen Schar leitete sie auch bald auf den rechten Weg und sie sand den Gesuchten, wie er eben mit einigen Gefährten in einer Schenke gleichgültig um Geld würfelte. Sie gab ihm Kunde von dem neuen Unglücke Küngolts und er hörte ihr wider Erwarten aufmerksam zu, sagte aber bann: „Hier kann ich nichts machen! Das ist eine Rechtssache und da die Seldwyler selbst nichts tun, so würde ich le ne zehn Gesellen finden, die mir folgen.würden, um das Kind zu befreien!" Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'fchr UniversitStS-Buch. und Steindruckerei,«. Lange, Gießen. düsteren Natsmänner gerührt wurden und die Zitternde iHi'*- hierauf in aller Fornr mit dem Manne verbunden wurde. ’’•? ’ie Biolands aber, welche von ihrem früheren Wesen und Treiben her alle möglichen Heiratsfülle im Gedächtnisse hatte, erwiderte: „Gewalt ist auch nicht nötig. Die Ruechensteiner haben seit altem her die Satzung, daß eilt zum Tode verurteiltes Weib von jedem Manne gerettet werben kann und demselben übergeben wird, der sie zu ehelichen begehrt und sich auf der Stelle mit ihr trauen läßt!" Dietegen schaute der Sprecherin verwundert und wunderlich ins Gesicht, nicht ohne sein spöttisches Soldatenlücheln. „Ich soll also eine Art Dirne zur Frau uehmerl, meint Ihr ?" sagte er, indem er seinen hervorsprossenden Schnurback drehte nnb sich sehr ungläubig anstellte, obgleich es ihm durch das Antlitz zuckte. „Sag' nicht Dirne", antwortete Violande, „sie ist es nicht!" Und plötzlich in Tränen ausbrechend, ergriff sie Dietegens Hände und fuhr fort: „WaS sie gefehlt hat, ist meine Schuld, laß es mich bekennen; denn ich wollte euch trennen und beide aus dem Hause bringen, um den Baler zu bekommen! Darum habe ich das Kind zu allen seinen Torheiten verleitet!" „Sie hätte sich nicht sollen verleiten lassen", rief Dietegen, „ihre Eltern lind von guter Art geloesen; aber sie ist nicht geraten!" „Und ich schwöre dir bei meiner Seligkeit," rief Biolande, „es ist alles ivie vom Feuer weggebrannt, was sie verunziert hat; sie ist gut und sanft und liebt dich jo, daß sie schon längst sich ein Leid angetan hätte, wenn du nicht in der Welt zurückbleiben würdest. Uebrigens gedenke doch dessen, was du ihr schuldest! Würdest du jetzt in deiner Kraft und Schönheit da- steheu, lvenn sie dich nicht aus dem Sarge des Henkers genommen hätte? Und gedenke auch der Mutter Küngolts und ihres braven Baters, die dich erzogen haben wie ihr eigenes Kind. Und bist denn du der einzige Richter über den Fehl eines schwachen Kindes? Hast du selbst noch nie unrecht getan?» Hast du keinen Mann erschlagen in deinen Kriegen, dessen Tod nicht gerade notig gewesen ioäre? Hast du keine Hütten von Armen und Wehrlosen verbrannt? Und lvenn du auch dies nicht getan, hast du immer Barinherzig- leit geübt, wo du es gekonnt hättest?" Dietegen errötete und sagte: „Ick will nichts geschenkt haben und niemandem etwas schuldig bleiben! Wenn eä sich verhält, wie Ihr sagt, mit dem Ruechensteiuischen Rechtsbrauche, so lvill ich hingehen und das Kind zu mir nehmen! Möge Gott mir nnb ihr dann weiter helfen, wenn sie nicht mehr recht tun kann!" Sogleich gab er der gänzlich erschöpften Frau, die ihm nicht Hütte folgen können, einiges Geld, womit sie sich etwas pflegen und zur Rückreise stärken sollte. Er selbst ging augenblicklich, seine Waffen ergreifend, auf und davon, quer durch das Land, und ruhte nicht, bis er die finstere Stadt Ruechen- steirr erblickte. Dort hatten sie nicht lange Spaß gemacht, sondern nach wenig Tagen die Klingelt, die int alten Turme saß, zum Tode verurteilt, und zwar wegen ihres unbescholtenen Baters, der für das Vaterland gefallen sei, aus besonderer Milde zuut Tode durch Enthauptung, statt durch Feuer oder Rad oder eine anders ihrer üblichen Praktiken. Sie. wurde demgemäß zum Tore hiuausgeführt nach bem Richtplatze, barfüßig und mit nichts als dem Armensünderhemde bekleidet, Nacken und Rücken von bem schweren flatternden Haare bedeckt. Schritt für Schritt ging sie ihren Todespfad, in mitten ihrer Peiniger, zuweilend strauchelnd, aber gefaßten Mutes, da sie sich ergeben und aller weiteren Lebens- und Glückeshoffnung entschlagen hatte. „So kann es einem ergehen!" dachte sie mit einem fast merklichen Lächeln, und erst als sie wieder an Dietegen dachte, entfielen ihren Augen süße Tränen; denn sie bedachte auch, daß er ihr sein blühendes Leben danke, und sie fühlte sich durch dieses Erinnern getröstet, so selbstlos und gut war ihr Herz geworben. Schon saß sie auf dem Stuhle und war gewissermaßen froh, daß sie nur sitzen und ausruhen konnte von dem mühseligen Gang. Sie schaute zum letzten Male über das Land hin und in den blauen Schmelz der Ferne. Da verband ihr der Henker die 'Äugen und schickte sich an, ihr das reiche Haar abzunehmen, soweit es unter der Binde hervorguoll, als Dietegen in einiger Entfernung zum Vorschein kam und mächtig rufend seinen Hut und seinen Spieß schwenkte. Gleichzeitig aber, um die Handlung aufzuhalteu, riß er feine Büchse von der Schulter und sandte eine Kugel über den Kopf des Henkers weg. Ueberrascht und erschreckt hielten die Richter inne nnb alles griff zu den Waffen, als der reisige Jüngling in Weiten Sätzen heran und auf das Blutgerüst sprang, daß dasselbe von der Wucht seines Sprunges beinahe zusammeubrach. Die sitzende Küngolt bei der Schulter fassend, da ihre Hände auf den Rücken gebunbeit waren, suchte er eine Weile nach Atem, ehe er sprechen konnte. Die Ruechensteiuer, als sie sahen, daß er allein War und kein weiterer Ueberfall erfolgte, harrten der Dinge, die da kommen sollten, und als et endlich fein Begehren erklären konnte, traten sie zur Beratung der Angelegenheit zusammen. Sowohl ihre Art, an den einmal herrschenden Rechtsgewohnheiten un- verbrüchlich festzuhalten, als das Ansehen, welches Dietegen in diesen kriegerischen Tagen und mit seiner ganzen Erscheinung behauptete, ließen den Handel ohne Schwierigkeit beilegen, nachdem der grämliche Verdruß über die ungewöhnliche Störung einmal überwunden war. Selbst der Ratsschreiber, der sich nicht versagt hatte, sein Amt in dieser Sache selbst zu versehen und sich von dem Untergänge der Hexe zu überzeugen, verbarg sich, so gut er konnte, um den wilden Kriegsmann, dessen Hand er trotz seines Mutes fürchtete, nicht auf sich aufmerksam machen. Der gleiche Priester, der vorher mit der Verurteilten gebetet hatte, mußte nun stehenden Fußes die Trauung auf dem Gerüste vornehmen. Küngolt wurde losgebunden, aus die schwankenden Füße gestellt und befragt, ob sie diesem Manne, der sie zu ehelichen begehre, als seine rechte Ehesrau folgen und ihm ihre Hand geben wolle. Stumm blickte sie zu ihm auf, der das erste war, waS sie nach abgenommener Augenbinde von der Welt wieder sah, und sie blickte tote in einen Traum hinein; doch um, auch wenn es ein solcher wäre, nichts zu verfehlen, nickte sie, da sie nicht reden konnte, mit Geistesgegenwart und geisterhaft drei- ober viermal, und gleich bntauf noch ein paarmal, so daß selbst die , Erst jetzt wurde sie ihm mit Leib und Leben, wie sie stauo ullö ohne Nachwähr noch irgend einigen Anspruch auf Gut oder SchadeneÄ' übergeben, gegen Erlegung der Gebühr für den Trauschein dem und Bezahlung von zehn Kopf WeirtS für den Scharfrichter und seine Knecku als Hochzeitgabe, auch drei Pfund Heller für ein neues Wams dem Achter. Als er alles bezahlt hatte, nahnt Dietegen fern Weib bei der Hand uni verließ mit ihr den Richtplatz. Weil er sie aber nehmen mußte, wie sie »a2 und ging, und sie barfuß und mit nichts als dem Totenhemde bekleidet auch die Jahreszeit noch früh und kühl war, so befand sie sich nicht otl und konnte nicht wohl neben dem Manne fortkommen. Er hob {te bäte vom Boden auf den Arm, schob seinen Hut über die Schultern zurückitz schlang sogleich ihre Arme um seinen Nacken, legte ihr Haupt auf das emia« und schlief nach wenigen Schritten ein, die er mit dem Speer in der andern Hand zurücklegte. So wandelte er rüstig weiter auf einsamer Höhe und fühlte, wie sie im Schlafe leise weinte und ihr Atem in süßer Erlösung hei» wurde, und als ihre Tränen seine Stirne benetzten, da wurde es ihm 1U Mctte, als ob er vom seligen Glücke selbst getauft würde, nnb dem rauh«, starken Gesellen rollten die eigenen Tränen über bie Wangen. Aks sie auf der Stelle anlangten, wo er selbst als Kind im Sünde» Hemdchen unter den Frauen gesessen und kürzlich Küngolt gefangen worden war, schien die Märzensonne so hell und Warnt, daß ein kurzes Ausruher erlaubt schien. Dietegen setzte sich auf den Grenzstein und ließ feine reich, Last fachte auf seine Knie nieder; der erste Blick, den die Erwachende ihm gab, und die ersten armen Wörtchen, die sie nun endlich stammelte, bestätigten ihm, daß er nicht sowohl eine Pflicht treu erfüllt, als eine neu, eingegairgen habe, nämtid) diejenige, fo gut und wacker zu werben, daß et des Glückes, das ihn jetzt bejeelte, auch allezeit wert fei. Der Boden um den Markstein her war schon mit Maßliebchen und andern frühen Blumen besät, der Himmel Weit fjerum blau, und kein Ton unterbrad) die Nachmittagsstille, als der Gesang der Buchfinken in den Wäldern. Weiter sprachen sie nun nichts, jvnoern atmeten einträchtiglich in di, laue Lust hinaus; endlich aber erhoben sie sich, und weil der Weg nur noch über weichen Moosboden durch die Bnchenwaldnng abwärts führte nach dem Forsthause, fo gingen sie nun nebenemanber hin. Unversehens griff Küngolt an ihr Goldhaar, welches sie erst jetzt abgeschnitten glaubte, und da sie es iiod) fand, wie es gewesen, stand sie stA nnb sagte zu Dietegen, inbem sie ihn treuherzig ansah: „Kann idj nicht noch ent Brautkränzchen befummelt?" Er sah sich um unb gewahrte eine glänzend grüne Stechpalme. Rasch schnitt er einen starken Zweig vom Strauche, machte einen Kranz darau» unb setzte ihr denselben sorgsam aufs Haupt mit de» Worten: „Es ist ei# rauher Brautkranz, aber wehrhaft, wie unsere Ehre es jederzeit sein soll! Wer sie mit Wort oder Tat beleidigen will, wird die Strafe fühlen!" Er küßte sie hierauf ein einziges Mal fest unter ihrem Kranze und j« ging zufrieden Weiter mit ihm. DaS Forsthaus stand leer und verlassen, als sie es erreichten. Das Gesinde hatte sich wegen der vermeintlichen Hinrichtung teils aus Trau«, teils aus ungetreuem Leichtsinn verlausen und niemand kehrte an diesem Tage mehr zurück. Um so traulicher Wurde das rasch auflebende jrtnge Weid mit jedem Augenblick. Sie eilte von Schrank zu Schrank, von Kammer zu Kammer, unb balb erschien sie in bem köstlichen Brautkleid chrer Mutter, von Welchem sie ihrem jetzigen Manne in jener Nacht erzählt, als sie zu- sammen im gleichett Kinberbettchen gelegen. Dattn beckte sie ben Tisch mit festlichen Sinnen unb trug auf, WaS sie an Speise unb Wem hatte finde» unb bereiten können. In tiefer Stille und Einsamkeit jaßen sie nun nebeneinander, jie in ihrem Kranze und er mit abgelegten Waffen, unb nachdem sie ihr einfachet Mahl genoffen, gingen fie zur Ruhe. „So kann es einem ergehen!" sagte Küngolt heute zum zweiten Male unb mit leichterem Herzen leise vor sich hin, als jie zusrieben au der Seite ihres Mannes lag; denn es blieb immer ein Restchen von Schalkheit in ihr. Dietegen würbe ein angesehener Mann durch das Kriegswejeii, nicht besser als andere jener Zeit, vielmehr ben gleichen Fehlern unterworfen. Er iourbe ein Felbhauptmann, der für ober wider die fremden Herren Partei nahm, Söldner warb, Gold und Beute raffte unb fo von Krieg zu Krieg sein Wesen trieb, gleich den Ersten seines Landes, so daß er emporkam und einen oft gewalttätigen Einfluß übte. Allein mit seiner Frau lebte er in ununterbrochener Eintracht und Ehre und gründete mit ihr ein zahlreich^ Geschlecht, das jetzt noch in Blüte steht in verschiedenen Ländern, wohin der kriegerische Zug der Zeiten die Vorfahren einst getrieben. Violande ihrerseits war bald nach der Hochzeit Dietegens und Küngolt», die ihr zum Tröste gereicht hatte, in ein wirkliches Kloster gegangen und em« wirkliche Nonne geworden, welche den Kindern Küngolts znweilen allerlei Backwerk und Näschereien sandte. Anch gefiel sie sich darin, lvenn Her< Dietegen auf der Höhe seines Ansehens etwa große Gasterei hielt und mn langem Bart unb golbener Ritterkette dasaß, als geistliche Fran auf Besuch zugegen zu sein unb mit einem golbenen Kreuze auf bet Brust, und intrigante höfliche Reden mit den Kriegsherren zu wechseln. Wie Küngolt im Anfänge des sechzehnten Jahrhunderts ausgejeheu, tj noch ans dem Bilde eines guten Malers zu enttiehmen, welches m eine« befamtten Galerie hängt und laut Inschrift ihr Bildnis ist. Man fsem eine schlanke feine Patrizierfrau, deren schölle Gesichtszüge einen geivige tiefen Ernst verkünden, durchblüht aber von sanfter kluger Laune. Auch sie starb noch in guten Jahren an einer Erkältling, flkw) Mutter, der Forstmeisterin, als nämlich ihr Mann in einem der Maumw Feldzüge endlich ums Leben kam und auf dem Friedhöfe eines lornbardM Kirchleins begraben wurde. Sie eilte hin, in der Absicht, ihm ein Grao zu errichten, in der Tat aber, um ungesehen eine lange Regennacht hnw» auf seinem Grabe zu sitzen, so daß ein Fieber sie in zwei Tagen dahwrafi ' und sie an der Seite Dietegens ihre Rllhestatt faitb. __