SiehenerKmilieMätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger )ahrga-lgjy28 Samstag, den -^=- feinem Thron, aus upt umflatterten, nal nii ,Slch, dachte es da, .letzt begreife ich alles. Der liebe Gott meint, das, >ch glühend lieben müsse, um meine Brustfedern durch die Liebesalut meines Herzens rot zu färben.' rJ?ine,r“nc!Lb^e. Seit war feit jenem Tage verflossen, der der fröh- Ute aller Erdentage gewesen ist. Seit jener Zeit hatten Tiere und Meiichendas Paradies verlassen und sich über die Erde verbreitet. Und die Menschen hatten es so weit gebracht, daß sie das Land beackern kann- ten und das Meer zu befahren wußten, sie schafften sich Kleidung Schmuckgerate, ,a, sie hatten schon vor langer Zeit gelei ' " ~ö und mächtige Städte, wie Theben, Rom und Jerusalem, Dann nahte ein neuer Tag, dessen man in der G s'ch selber zu beschauen. Da merkte es, daß es ganz qrau war und haft feine Brust ebenso grau wie alles andere aussah. Das Rotkehlchen drehte und wendete sich h.n und her und spiegelte sich im Wasser, aber es X modjte fern einziges rotes Federchen an sich zu entdecken. Da flog das Vöglein zum lieben Herrgott zurück ÄÄÄ 8Ä- S,S K7 Ä? ÄÄlftÄÄ* 16,16" !Brurta5ar2rri„i,Mrf^°6mi115 Pt°rtc vor..Fn9ft ^stis in feiner kleinen 4sru|t, aber in leichten Bogen flog es naher und näher auf den lieben Herrgott zu und setzte sich schließlich auf seine Hand. Säg®aeinantroartei,:nmti'd,C ***"' 1005 " roii*' "»d bas -netzilch etwas ungeduldig wurde, ihn an beiden Ohren faßte und zu 'hm sprach: „Dein Name ist: Esel, Esel, Esel." 9 nutst "Ehrend er also redete, zog er des Esels Ohren lang und länger, auf daß er ein besseres Gehör bekäme und sich dessen erinnerte, was man >yin jagte. 4" demselben Tage fand auch die Bestrafung der Bienen statt. Denn Biene erschaffen war, begann sie sogleich Honig zu sammeln. Und Ensch und Tier, die den lieblichen Duft einatmeten, kamen herbei, um .h''äu kosten. Aber die Biene wollte alles für sich selber behalten und ver- ,“9*^ durch ihre giftigen Stiche alle, die sich der Honigwabe näherten. Das i ; der liebe Gott, und flugs rief er die Biene herbei, um ihr eine Strafe iE» - gen: „Ich verlieh dir die Gabe Honig zu sammeln, der das aller- L;„e‘ ml.^r,er Schöpfung ist, aber damit gab ich dir nicht das Recht, gegen »," e Nächsten hart zu fein. Nun denke daran, daß jede Biene, die jeinan- düßen hali'^er T°ni9 kosten will, den Stich mit dem Tode zu Elch ja, das war damals, als die Grille blind wurde und die Ameise 9 %^luge( elnbüßte; es gefchah soviel Seltsames an jenem Tage. ' "fr Herr saß den ganzen Tag über erhaben und mild auf seinem unb, eefchuf und hauchte Odem ein, und gegen Abend verfiel er auf, noch einen kleinen grauen Bogel zu erschaffen. '^enke daran, daß du Rotkehlchen heißen sollst!" sagte der liebe Gott SnnhrnL'“09e htmoH nnh " Lf ,-?ch möchte dich nur noch etwas fragen." „Was willst du also wissen?" -o!( 41 denn Rotkehlchen heißen, wenn ich doch vom ?K""bel bis zur «chwanzfpitze ganz grau bin? Warum werde ich Rotkehlchen genannt, wenn ich doch kein einziges rotes Federchen besitze?" ... B"b b"s Bögelein blickte mit feinen großen, schwarzen Augen flehend 3“ G°tt dein Herrn empor und wandte das Köpfchen hin und her. Rund- " „"b 'ckte es Fasanen, deren rotes Gefieder leicht mit Goldstaub ge- fprenfelt war, Papageien mit buschigen, roten Halskragen, Hähne mit mnfiirrmamhni*Z *Lnb '«>•" t P b*e Schmetterlinge, Goldfische unb Rosen. Natürlich dachte das Bogelein bei diesem Anblick, wie wenig dazu ge- ^te — ..unb wenn es nur ein einziger, kleiner Tropfen Farbe auf feiner ä, *Tü™, " ei""" $0«'1 -» “*”■ f“ d-i lein nmrfVin^n 461 »er , unb' '1 merke, baß ich vergessen habe, die Febern m l *4 a^ma.len, aber warte nur einen Augenblick, bann wirb die «ache halb erlebigt sein. , , Doch ber liebe Gott lächelte nur mild unb sprach: „Ich habe dich Rotkehlchen genannt, unb Rotkehlchen sollst du heißen, boch mußt du selber du dir deine roten Brustfedern verdienen magst." Und dann hinnLn H. bl’r ^erc bie Dteud und ließ den Vogel aufs neue in die Welt i;inau5[ianern. Der Vogel flog in tiefem Sinnen durch das Paradies. Was sollte ein bienen? S°9ef' roie er' eigentlich tun, um sich rote Federn zu oer- ® <®a? ^M3>ge, woran er noch zu denken vermochte, war die Wahl feiner Behausung m einem Dornenbusch. Zwischen den Stacheln des dichten Dornenrofengestrupps baute er »ein Nest. Er schien zu hoffen, baß ein Rosenblatt sich an seine kleine Kehle heften würde, um ihr seine Farbe zu verleihen. Auferstehung. Von Hans Scheffler-Breitenbach. Ohren: geöffnet dem Klange, der Ostern heißt! Alle Winden Harfen das Wunder des Auf erstanden. Es ist ein Akkord, der durch die Aeonen kreist, In dem sich alle überirdischen Stimmen fanden. Auaen: so ost ihr das liebe Bild eines Frühlings saht Immer erscheint es euch österlich neue Begegnung, Bis der Abendsonne sinkendes Inkarnat Den Tag »erleuchten läßt in mystischer Segnung, eiönde- ihr haltet euch Heist um bunteste Blumen gefaltet, deren reicher Palettenprunk morgen köstlicher wiederkehrt. Daß sich langsam die große Erfüllung des Sommers gestaltet, Und der Herbst allen Früchten Erntereife beschert. Herzen: heute wieder in göttlicher Gnade erhoben! All euer törichtes Zweifeln war elend zu schänden. Die Finsternisse um Golgatha sind zerstoben: Christ ist erstanden! _______ Musik zur Passions- und OsterzerL. Von Professor Ludwig H e fh a.. sen hohen Festen des Kirchenjahres erklingt im vielen Landen, und weitaus am meisten und in bedeutungsvollstem Sinne, in un crem deutschen Vaterlande Musik die Musik, welche den Charakter und die tümlicher Art hat die Weihnachtszeit hervorgezaubert;, nach dieser aber die $S; »iw®. ”« Unentbehrliches geworden, eine feierliche Emkehr un tiefsten Herzens LLSZSSMW-M »nifA im'ichcre aemorben, was wohl bannt zusammenhangt, daß die Figur .4 pin finnültcb nie wieher erreichtes fyiirnnlifcfyes 3nfti’urnentcib 7nb Jnnigkett nachgeben Zwar sind die letzteren achtstimmig unb boppe - chörig und in den Stimmuiigsgehalten reich an den kontrastlerendsten Wlr. schlichter und knapper dargestellt, und nur die Orgel dient zur Vegtenung sä M.-S.» f&bSS^e ^bbbk miel&nenk* Sgtoit^be Solooiotirm- nad) der erschütternden Petrusverleugnung „Und ging hinaus, und i bitterlich". Es wäre unmöglich, die unsterblichen Schönheiten dor nbei Bachscheir Passionswerke hier im einzelnen auszuzahlen, so. mag dm innerung an nod) eines genügen, an die von Meisterhand i ch! Meisterwerk gefügten Choräle, deren Themen ja volkstum ) fpvungs sind und deren Schlichtheit im homophonen vierstimmigen tz dem Hörer tief in die Seele dringt. Neben diesen beiden Riesenwerken konnten kaum andere gewiß ichom und in den meisten Partien hervorragende Werke der vorklassistyen ZeU, wie etwa die Matthäuspassion von dem ech-echt-deutschen Dorlauser: Löch, ^ein-ich Schütz, ihre Volkstümlichkeit in des Wortes größter Bedeutung behaupten. Auch kaum edle und interessante Werke des neunzehnkn Jab SS wie „Christus" von Franz Liszt, oder .n^-zigsten Balliott von Felix Wahr sch. Das wundervolle, in unsererZe», ftanbene Oratorium „Jesus von Nazareth" von Gerhard von Keußl iki ein zu jedem geistlichen Festtag paßendes, die ganze Erdenwandl g Jesu schilderndes Werk, darum mcht als typische Passions- oder uiurnw ""^Von^Liedern für eine Smgstimme mit Begleitung des Klaviers odil der Orgel möchte ich in allererster Linie der geistlichen Gesänge v» W Wolf »ach Gedidsten von M ör ike und dem geistlichen span läi Liederbuch sowie der „Geistlichen Lieder" von Max R e g e r 6°^^. Ostermusiken sind weder in der Komposition im so-reichemaW Händen, noch wird am Osterfelertage so slechrg Musik gemacht, M Palmsonntag und Karfreitag. Das hat eE höchst emsachm, fast > Grund. Die Osterferien versprengen die Mitglieder unserer Chos'-, einem großen Teil aus Lehrern und „beamteter männlich - sjBin61 । kicher Jugend bestehen, gerade etwa am Palm amstag im die vier richtungen der Frühlingssonnen, die sie nach fleißiger Arbeit, n v Io(fj i ach!, so entsetzlich langen Wintersemester ins Freie, m »« ‘ ö die Aber doch. Wir haben aud) schöne Ostermuslk für taus, Äir^ fflil Schule, die sie bann als Vorfeier und Ouartalsabschlutzvorstenrmz Aber es gelang ihm nicht, wie, es keinem nach ihm gelungen ist unb | ouch euch niemals Gelingen wird. \ AK I bah sisine' kleine Brust sich in Begeisterung weitete und es neu zu hoffen ; mavke Adi' dachte es, .meine Brustfedern werden sich von der Sanges- alut^in meiner Seele rot färben.' Aber es gelang ihm nicht, wie es, keinen, nach ihm gelungen ist, und wie es auch euch nicht gelingen wird. ‘ Abermals hörte man ein betrübtes Zwitschern aus den schwachbefiederten Kehlen der jungen Vögelchen. Wir hofften auch auf unseren Mut und auf unsere Tapferkeit. Schon das'erste Rotkehlchen kämpfte mutig mit anderen Vögeln, und ferne Brust Mhtevor Kaw.pfbegier. .Ach' dachte es, .meine Brustfedern wer- sjA oon der Kampfeslust in meinem Herzen rot färben. -Ober es aesiing ihm nichtz wie es keinem nach ihm gelang unb auch feinem von eU(2)toUEnrojübngcn Vögelchen zwitscherten voll Zuversicht, daß sie es dennoch verst che'n wollten, die erstrebte Belohnung zu gewinnen , abe: bet Bogel antwortete ihnen betrübt, daß es ganz unmöglich war Was konnten sic erhoffen, wenn es so vielen aiisgezelchneten Vorfahren ich! gelungen war, das Ziel zu erreichen? Was konnten f-ejemi noch mehr tun als tieben, fingen unb kämpfen? Was vermochteil , Der Bogel vollcnbete feinen Satz nicht, benn aus einem der Tore - Jerusalems^kam eine große Menschenmenge dahergezogen, und de - Scharen stürmten zu dem Hiigelgelande empor, auf dem sich b<^ VogU- "^e^nahten Reiter auf stolzen Rosien,.Kriegsknechte mit langen Spe^ ren Henkersknechte mit Nägeln unb Hämmern, und es zogen feierlich schreitende Priester und Richter, schluchzende Weiber unb allen voran eine Masse wild umherjagendes, niederes Volk herbei, - em roi.:ermarti„ s, heulendes Gefolge von Landstreichergefindel. Der kleine, graue Vogel sah bebend aus dem Rande seines, -bestes. Er fürchtete jeden Augenblick, daß der kleine Dornbusch niedergetrampelt und feine Jungen getötet werden könnten. „Nehmt euch in acht, zwitscherte er den kleinen, wehrlosen Geschöpschen zu, ganz dicht zu- ammen unb gebt keinen Laut von euch! Hier kommt em Pferd, vas dicht über uns hinschreitet! Dort naht ein Kriegsknecht mit eisenbefcylagenen Sandalen! Da stürmt die ganze wilde Horde heran!' Plötzlich stellte der Vogel seine Warnungsrufe ein, er blieb still und f tum in und vertut beinubc bie in ber p*e ctUe feywebten. Dann hüpfte er rasch in sein Nest hinein und breitete die kleinen «ÄfilSÄ. ■*«* Aublick bewahren. Dort sollen drei Misfetäter ans Kreuz geschlagen roCrilnb er breitete seine kleinen Schwingen so weit aus, daß die Jungen nidjts davon ehen konnten. Sie vernahmen nur dröhnende Hammer- fdjlage lautes Wehklagen unb bns tabenbe Geschrei der Volksmenge Das Rotkehlchen folgte beni ganzen furchtbaren Schauspiel "ist Augen, die sich vor Entsetzen weiteten. Es konnte seine Blicke von den drei Un- ^^'^Me"boch^bst Menschen grausam sind!" zwitsiherte der Vogel nach einer Weile. „Es genügt ihnen nicht, diese armen Geschöpfe ans^ Kreuz zu nageln, unb da haben sie beni einen auch noch eine stachlichte Dornen- krone aufs Haupt gepreßt. Ich sehe beutlid), daß bis Dornen seine Stirn verwundet haben, so daß Blut herabfickert. Unb dieser Mann ist so schon und schaut mit so sanften Blicken um sich, bah lebennann ihn lieben müßte. Bei beni Anblick seiner Leiden ist mir, als durchbohre ein spitzer P^Das^Mitt/i? des kleinen Vogels mit dem Dornengekrönten vertiefte sich mehr unb mehr. .. „ . .... , *. „Wenn ich mein Bruder, ber Abler, wäre, wurde ich die Nagel, d e feine Hände durchbohren, herausziehen unb mit den starken Klauen alle feine Peiniger verjagen." . . Das Rotkehlchen sah, wie bas Blut auf bes Gekreuzigten Stirn herab- lieferte unb vermochte nicht, noch länger stille in (einem Nest zu sitzen. „Bin ich and) nur klein unb schwach, so müßte ich bennoch irgenb etwas für biefen armen Gepeinigten tun können", zwitscherte es vor Jul) hin Unb es verließ sein Nest unb flog in bie Luft hinaus. In weiten Bogen umkreiste es mehrmals den Gekreuzigten, ohne baß es wagte, sich ihm zu nähern. Demi es war ein scheuer, kleiner Bogel, ber niemals gewagt hatte, in die Nähe eines Menschen zu kommen. Ader allmählich faßte es Mut, flog auf bie Kreuze zu und zog mit feinem kleinen Schnabel einen spitzen Stachel aus ber Stirn bes Gekreuzigten. Doch während es bies tat, fiel ein Tropfen vom Blute des ^Gekreuzigten auf bie Brust des Vögleins herab. Dieser verbreitete sich schnell unb färbte alle die kleinen, zarten Federn der Kehle ganz rot. Unb ber Gekreuzigte öffnete seine Lippen unb flüsterte bem Vogel zu: „Um deiner Barmherzigkeit willen hast du nun errungen, was dem Geschlecht seit Erschaffung ber Welt erstrebt hat." Als ber Vogel wieder in sein Nest kam, zwitscherte» seine Kleinen ihm zu: „Deine Brust ist ja rot, deine Kehlfeberchen sind roter als Rosen!" „Das ist nur ein Blutstropfen von der Stirn des armen Mannes. Der wird verschwinden, sobald ich in ein Bächlein ober in einer klaren Quelle habe", zwitscherte der Vogel zur Antwort. Aber wie oft auch das Rotkehlchen badete, die rote Farbe verschwand nicht mehr von seiner Brust, unb als seine Kleinen herangewachsen waren, leuchtete bie blutrote Farbe auch auf ihren Brustsedern, wie sie noch bis auf den heutigen Tag auf jedes Rotkehlchens Bruftfebern leuchtet. selbst erheben wollen und doch ohnmächtig zu Boden sinken. Weih und qtou iüqe bet eine (Sninb&ttovb, bet hlet eitles uetmäl)lte uno in liefet Trauer zusammenhielt. Lautlos schwieg die weite Ebene, jebet Ton Dßts sank in dem schweren weihen Teppich des unendlichen Schnees. Dee große Melancholie der Landschast machte uns alle gedrückt und schweigsam, mir murrten und knurrten einander an, wir gingen scheu um uns herum — es war von diesem Frontabschnitt bei bestem Willen nichts zu melden, und es wurde ein Ereianis, als einmal, in später Dämmerung, die russische Artillerie zu schießen begann, und ihre Mündungsseuer wild und rot durch mein farbenentwöhntes Scherenfernrohr zuckten: Und da begann, am Höhepunkt unserer stillen Verzweiflung, an einem Taae, als wir es am wenigsten vermuteten — wir lebten aller Hoffnung bar so vor uns hin — die herrliche Auferstehung dieser toten Landschaft: an diesem Tage schien plötzlich die Sonne. Es war nach diesen grauen Wochen ein ganz unglaubhaftes und prachtvolles Wunder. In Rußland kommt der Frühling über Nacht. Gleich untewbem Schein dieser einen Sonne begannen sich in unserem Dorf kleine Wassernnnen zu bilden, der Schnee schmolz. . „ .. , ... . Aber die ganze Gnade der österlichen Naturseier strömte doch durch die Scherenglüser in- unsere beseelten Augen. Was der über die Landschast gleitende Blick nur in flüchtigem Ungefähr zu erfassen vermag, lehrte uns dieses Wunderglas in tausend beglückenden Einzelheiten. Jetzt wich die Leichenstarre auch aus dieser harten Umgebung, Warben entstanden und die Farben sangen wieder das Lied des Lebens und Werdens. Wir hatten es nicht geahnt, daß zwischen den feindlichen Graben ein kleiner Bach flösse, jetzt hatte er sich plötzlich gemeldet, er lies munter zwischen den Stellungen einher, wußte gar nichts vom Krieg und die Schneemasten hüben und drüben liefen in ihn ab und machten ihn aufschäumen. Was aber unter dem Schnee war: grüne Wiese und eine fette schwarze E^de; was die merkwürdigen Schneeanhäufungen immer bedeutet hatten: zcrstörie weihbedeckte Bauerngehöste, welche jetzt auf einmal die grellen Bemalungen ihrer Wände zeigten; was die Hänge drüben gewesen waren: satigelber Sandbruch — und was alles hinter dieser weihen Melancholie verborgen gewesen war, die wir für die Seele Ruhlands gehalten hatten, das war ein übermächtig strömendes, üppiges Fruchtbarlein, das jetzt seine grünen Halme und bunten Blüten aufreckte; auch die Blumen, waren sie schon in den Scherenaugen nidjt größer als Stecknadelknöpfe, sie erschienen doch, sie leuchteten aus ihrer-saftigen Wiese und nrtqen mit allen Farben zusammen den ewigen Fruhlingsgesang. lieber alle diese Wunder, die mir nach der russischen Winternacht mrt einer ungläubigen Freude erleben mutzten, ragte aber das größte. Immer war uns der Blick in die Ferne versagt geblieben. Wir sahen wohl bis zum Beginn einer Hochfläche, die sich hinter unserer Niederung erhob, aber wir erfuhren niemals, was sich auf ihr begab, weil sie sich immer hinter einen weißen Schleier von Schwermut verbarg. Rum fiel auch diese melancholische Hülle, es war seltsam, aber es geschah: medene hob sich vor unseren Augen, ihr Geheimnis konnte uns nun nicht mehr länger verborgen bleiben, und in aller Ferne, von Sonne umflimmert, iahen wir die goldenen und patiirabezogeuen Kirchtürme einer großen Stadt Wir griffen zur Karte; sie trug einen fremden märchenhaften Namen mib war schon, mit ihlcv. glitzernden Zinnen und feinen prangenden Menschen, uns Kanonieren, Unteroffizieren und Gefreiten entrückt wie eine glänzende Pracht aus den tausendundein Nächten, sie- strahlte und funkelte verheißungsvoll, und ihre ferne Erscheinung vollendete das große Wunder dieser österlichen -und östlichen Auferstehung des heiligen Lebens. BsrÄhmls Ostereier. Bon Alfred Richard Weyer. Wenn man für die Kinder, zur Erholung ihrer Festfreude, die schönen frischen Eier vom Osterhasen in allerlei prächtigen Farben recht bunt leoen läßt, so könnte es nicht schaden, wenn man diese selben Gaben für die Erwachsenen nach den mannigfaltigen Rezepten der internationalen Küche aus die verschiedensten Arten zubereitete, tue nach den Namen berühmter Persönlichkeiten benannt sind. Wenn wir nun schon einmal einige Tage in einer Eierüppigkeit leben sollen und wollen, so können wir uns diesen tutinarifdjen Segen ohne viele Mühe, allerdings nut gewißen Nebenkosten, noch reichhaltiger und vor allem viel geschmackvoller ge- ftOlSen „verlorenen" Eiern nach deutscher Art (aus Sauerkraut, 2Burft= scheiben, Speckschnitten, mit Kalbssaft übergossen) können sich anschließen- die afrikanische Art: auf gerösteten Brotschnitten, Reispilafs, eine gebratene Schilikenscheibe, geschmolzene Tomaten darüber; die amerikanische Art- in Del gebacken und auf Schinkenscheibe ungerichtet, extra Tomatensauce dazu; die andalusische Art: auf halben Tomaten, mit krebsgarnierter Mayonnaise überzogen, mit Zwiebelringen verziert; die engi'sche Art: aus Röstbrot, das mit geschmolzenem, mit Cayennepfeffer vermischten Chesterkäse bestrichen ist; aus bömische Art: auf gebackener Bro scheibe Satze Bechamel, bestreut mit gehacktem Schinken; die baskische Art aus roten Pfesferschoten, gefüllt mit Risotto, dazu Madeirasoge; auf Brüsseler Art. mit Kohlsprossenpüree, mit Rahmsoße übergossen; mit Semmelbroseln bedeckt- auf dänische Art: die halben Eier mit Hummer-Mayonnaise gefüllt; auf holländische Art: auf Röstbrot, mit Luchspuree gefüllt, holländische Soße dazu; auf indische Art: die Reisunterlage stark mit Currypulver gemischt; aus italienische Art: Risotto-Unterlage mit Tomaten vermiscyt; auf Moskauer Art: auf Unterlage von rohem Sauerkraut, dazu Sellene- salnt, Gurken, rote Rüben; auf polnische Art: auf gepilztem Hainmel- hackfleisch; auf schwedische Art: Füllung der halbierten Gier nut Brenn- neffeibutter und dem passierten Eigelb; schließlich noch Toulouser Mode: auf Röstbrot, mit Gänseleberpüree gefüllt, darüber Truffelfoße. Verlassen wir die verschiedenen Erdteile, Lander. Provinzen und Städte und wenden wir uns einigen berühmten Persönlichkeiten zu, die auf der internationalen Speisenkarte, mit anderen, noch viel raffinierteren Eiern prangen. Da ist zunächst Christoph Columbus, dessen E>, entgegengesetzt der historischen Legende, also auszufehen hat: auf halben To- l L „ ofinihiaen aufführt. Man denkt gleich wieder an unfern großen Bach. ' KbasÖfter Oratorium" ift nicht verbürgt echt. Auch ist das, ' * uns öä vorliegt, nicht aus der gleichen Höhe wie ähnliche Kvmpo- w-cn des Altmeisters zu anderen Festen. Wohl konnte man aus der • Ktehungstontate und anderen, deren Bibel- und Choraltexte der Oster- k e nnaehören, ein ganzes neues Osteroratorium von Johann «ebastian l zusammenstellen: aber dies hätte weder die schier unermeßliche äiteratur noch die sonst vorhandene Ostermusik notwendig. Ichhenke hier ) ” an zwei herrliche Werke der vorbachischen Zeit: an die ebenso SÄbe wie in ihrer unendlich schlichten Bauart sofort packende Oster- Le von Christian Ritter, mit dem Emgangschore „Gott hat Äum erwecket". Hier konzertieren zwei geteilte Geigen, Continuo (Orgel, sscmbalo und Streichbässe) in-edlem Wechselgesange mit einem vier- I fijtaen, zwar reich ausgestniteten, aber leicht singbaren Chore, der K Viinfterium der Erweckung erst geheimnisvoll, dann jubelnb ver- i Lei Nun folgen abwechselnd liebliche und ernstere Arietten .für Sopran Xjrftcrc erinnert im Hauptgedanken an die berühmte Plingstkantate E Bach „Mein gläubiges Herze,- frohlocke fing, scherze ) Alt, Tenor | Baß und jede mündet aus in den machtvollen Auferstehungsgesang | L Chores „Wir fingen mit Freuden". Dieses schöne seine und Nicht I ,Imer wiederzugebende Werk sollte man kennen und zu Ostern aussuhren. ^ Cin anderes schönes Chorwerk ist die Osterkantate, die „Historie von der I Auferstehung" von Heinrich S ch ü tz. Das Werk ist erst vor kurzem i.cr Se Äit entrissen worden und erklingtmeines Wi sens zum erstenmal Ä 'Berlin in dieser Osterzell in einer Feier der Akademie. Reich an «ter Schönheit, an der für Schütz so charakteristischen eindrucksvollen | Kmation, kühn in den harmonischen Verbindungen und warm aus I fiefftejn Herzensgrund — das sind die klarsten Kennzeichen- dieses gmu- I ^"uiüer^Chorah^und Gesangbuch birgt neben anderen Dftertoeifen das I unsterbliche „Christ ist erstanden", welches alte rote neue Meister zum Cante finnus manch schöner Osterkompofition verwandt haben. Eine i eigene Weise des Auserstehungsliedes fand Berlivz tn feiner „Dam- nafipn" anaeregt durch die zwar nicht originalen, aber gut ins nran- I zösjicho 'übertragenen Goetheverse des Faust-Osterchores. Auch haben die e I fflneibefdieu Osterglocken manche andere gute Komposttlon beschworen, o I in ben guten Faustbühnenmusiken von ß in Span n tue r, e ß e c e r f, I Weingartner und S ch i l l i n g s. Von Dfterhebern ist nur uor allem i tjn iauchiender Hymnus von Hugo K a u n gegenwärtig: Ostern halleluiah. I So erklingen von ber tragischen Trauerweise des Karfreitags- bis zum Fnihlingsjubellied bes Auferstehungstages nut den dumpsen Glocken der I Vai'sionswvche und dem Hellen Läuten ber Osterglocken unsre Seelen in f Msik, mitschwingend in ihrem Rhythmus und sich erlebend m ihren ui = I melobien. Ostern in der Dachluke. Aon Peter Warmund. In diesen Wochen um Ostern, ba die Auferstehung der Natur mit einem heiligen Symbol geistiger Erneuerung zusammenfallen soll, die I Sonne aber sich immer noch sträubt, ihre Pflicht gegen die aufatmende Erde recht zu erfüllen, während alle Kreatur schon auf das Ende der I kalten Winde harrt und die Hellen sonnendurchgluhten Stunden yerbei- I sthnt — in diesem Zwischenreich von uugeroiffen Stimmungen und auf- I dämmernden Hoffnungen also denke ich oft genug an jene Ostern vor oem | Eiherenfernrohr zurück, ba ich bie Ahnungen dieser Zeit nicht als ein um I mittelbarer Mensch, sondern als ein Subjekt zweier Glaser erlebte, tue l mir damals die Welt zu bebeuten hatten. Das geschah am Ausgange des I zweiten Kriegswinters, ist aber gleichwohl ein friedliches und oun.es | Abenteuer. ’ , . . Das Dorf Oftrowitz lag auf einer steilen und zufälligen Anhohe .gleich | hinter unseren Schützengräben und war von ber russischen Artillerie oft I genug mit argem Streufeuer heimgesucht worden, das es ober doch nicht | verhindert hatte, daß über allem Getrümmer eine ärmliche Bauernkate | emporragfe, ein Blockhaus, aus ausgebleichten grauen Stämmen höchst k fimpcl zusammengefiigt, mit einer Kammer im Erdgeschoß und einem I Bodenraum darüber, der durch das spitze Strohdach abgedeckt war. In | diesem Stroh hatten wir mit vieler Mühe einen unauffälligen Ausschnitt I angebracht, und liier stand nun der eigentliche Held dieser Begebenheit. I das Scherenfernrohr unserer Batterie. Seine beiden Stielaugen blinzelten I über den Dachrand in die Welle. , Ich aber hatte mit Morgengrauen auf einen wohlgefugten Hochsitz, | °uj eine Art Stuhl zu klettern, welcher mich immer wohltätig an utele | Nächte vor heimischen Bartischen erinnerte, die ich oft genug auf diesen i hohen Sitzen verlumpt hatte. Eisgetränke und bunte Liköre freilich fielen ! in dieser Umgebung fort, dafür hatte ich mich mit ben beiden Okularen Weines Scherenfernrohrs zu beschäftigen und weiter nichts zu tun, als die f Landschaft zu beobachten. Um mein Gesicht wehte immer die eisige Kalte - oieier Gegend, über meinem Kopf pfiffen die russischen Granaten, die zuweilen den schwächlichen Versuch machten, unsere Kate als gefährliches i Objekt zu zerschießen, unendliche Wolken von Schnee fielen auf wich herab uni> hinter einem finsteren Himmel zog die Sonne ihre Bahn, verschleieil und unsichtbar, aber doch nach ewigen Gesetzen Tag und Nacht beftinv menb. Der Städter hatte bisher noch nicht Gelegenheit gehabt, in so V cn9cr Berührung mit dem Wesen der Natur zu kommen. Er haue ost I Unug das Wort „Landschaft" gebraucht, ohne doch einmal zu erfassen, | was cs bedeutet. ' I . Landschaft. Wenn ich meinen Scherenapparat vornüber tippte, sah ich ; !T: irrsinniger Verzögerung bie Infanterie in unseren Gräben so nah, als wnnte ich sic mit ber Hand greifen. Wenn ich ihn spielerisch gegen ben I Ruynel hob, sah ich darin ein immerwährendes unverändertes Grau -'er von diesem Zeitvertreib abgesehen, standen meine ischerenaugen gerecht und beobachteten bie Weite des feinblichen Laubes. I „ "Nb da war nun eine unendliche Schwermut über alles hingegossen. I Ä \ortc bie Klagen russischer Gesänge aus ihr. ich verstand auf ein» . mal die gedrückten Seelen aller russischen Menschen, bie sich über sich V läuteten immer noch die Osterglocken ... ©ieS*1 Berantwortltcd: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Derlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, -niaten, gefüllt mit Gänseleber, dazu Chateaubriand-Soße. Die Schrift- ’ steiler werden sich gern ihren größeren Kollegen kulinarisch widmen und in verehrungsvoller Erinnerung an sie schlemmeri,ch sein wollen. Da ist zunächst Balzac, der die Rühreier mit nudelig geschnittenen Trüffeln und Zunge verinifchte und sie auf gebackenen Brotschnitten anrichtete, mit Zwiebelpüree gefüllt. Beranger ließ die Eier auf jungen Artischockenböden backen, gefüllt mit geschmolzenen Tomaten. B r i l l a t - S a v a r i n füllte den Eierkuchen mit Schnepfenfleifch, mit drei Trüffelscheiben verziert, mit Schnepfensaft umkränzt, oder er tat Karpfeninilch hinein und Thunfisch. Grimod d« la Reyniere überkrustete die Eier — besonders lieb war es ihm, wenn sie ein Kiebitz legte — mit Krebsragout, auf Blätterteigkruste gelegt, übergossen mit Soße Mornay. M a r i v a u x vermischte das Rührei mit Trüffelpüree und umlegte es mit ausgehöhlten Tafelpilzen, die mit Hahnenkämmen, Hühnernieren und Trüffeln gefüllt fein mußten. Malier« ließ sich weiche Eier auf Unterlage von Fafche- gefüllten Tomaten anrichten. Nach M ii r g e r nennen sich ebenfalls verlorene Eier auf Artischockenböden, mit gehackter Zunge gestillt, mit Bechamelsoße vermischt und von einer Trüffelscheibe gekrönt. Auf österliche Art bieten sich die Pascal-Eier dar: Kartoffelkruste, Spinatunterlag«, jedes Ei andersfarbig übergoffen mit Mouffeline-Soße, Spinat- farb«, Efpagnole-, Krebs-, Trüffel-Soße, Petersilie verziert. Sardous verlorene Eier werden auf Röstbrot angerichtet, mit Artifchockenpüree gefüllt, mit grünen Spargeln und streifig geschnittenen Trüffeln umlegt, mit ' Bechamelsoße übergossen. Scribe heißt: die Eier mit Hühnerleberpuree I gefüllt, auf Teigkruste. Madame de Sevign«: auf Röstbrot, mit ge- ! dünstetem Salat gefüllt. Aehnlich und vielfach noch raffinierter nahen sich uns die Komponisten, Sängerinnen, Tänzerinnen, Schauspielerinnen, Forscher usw. Auf Rebhuhnragout müssen die weichen Eier nach B e r I i o z serviert werden, mit Tafelpllzen vermischt, mit Wlldsaft bekränzt. Geformt« Eier nach dem Flieger BI« riot kommen in Becherform, die mit Trüffeln, hartem Eiweiß, Hummercorall ausgestreut und mit rohem poschiertem, erkalteten Ei gefüllt ist, alles auf französischen Salat gestürzt. Verloren« Eier nach Boieldieu werden mit in Del gebratenen Tomaten gefüllt und auf Röstbrot gelegt, deutsche Soße darüber. Die heute schon legendäre Prinzessin C h i m a y ließ harte Eier halbieren, mit dem passierten Eigelo füllen, vermischt mit Rahm und Duxelle, mit Soße Bechamel Überkrusten. Unter den Eiern in Tiegeln, „cocottes" genannt, wären die nach Edison zu nennen: auf Hllhnersafche, umkränzt mit Trüffelsoße: die nach Gladstone: mit Austernragout, Trüffelscheibe darauf: die nach Ros- s i n i: mit Gänseleberpüree, Trüffelsoße darüber. Ueberkrustete Eier nach Admiral de Ruyter: abwechselnd Lagen von Kartoffelscheiben, geschnittene hart« Eier, Salzhering, gebackene Karpfenmilch, mit Sahne übergoffen, mit Parmesan bestreut. Verlorene Eier mit Makkarom- krusteln, darüber Soße Mornay mit Tomatenpüree, in der Röhre glafiert — wurden der göttlichen Eleonore D u s« zu Ehren benannt. Setzeier nut gebratenen Tafelpllzen heißen nach G o u n o d und sind mit Tomatensoße zu bekränzen. Nach der G r i m a I d i werden kleine Eierkuchen, mit Parmesan vermischt, in größere eingerollt und mit Krebspüree vermischt. Nach Jenny Lind fülle man die verlorenen Eier auf Röstbrot mit Blumenkohlpüree, Bearnaise darüber. Nach Lesseps nennen sich die Rühreier mit Kalbshirn mit Kapern, in brauner Butter zubereitet. Die kürzlich verstorbene Serpentintänzerin Loie Fuller legte das verlorene Ei auf Röstbrot, übergoß es mit Hummersoße. Setzeier mit Hommel- nieren, bekränzt mit Trüffelsoße, tragen den Namen Meyerbeers. Mozarts verlorene Eier auf Röstbrot sind mit Kalbsleberpüree zu füllen und mit getrüffelter Rahmsohe zu übergießen. Rührei nach Offenbach sind mit Krebsschwänzen, Sardellenschnitten, mariniertem Thunfisch zu vermischen und mit gebackenen Brotdreiecken zu umlegen. Gratinierte Eier nach der Tänzerin Otero kommen in gebratenen aus- gehöhlten Kartoffeln, darüber Bechamel-Soße und Parmesan. Der Eierkuchen mit geschnittenen Artifchockenböden und Trüffeln heißt der Sängerin P a 11 i zu Ehren. Womit wir es, um unseren Fcsttagsmagen etwas zu schonen, für diese Ostern genug sein lassen wollen. Guten Appetit! Ausflug in die Jugend. Eine Ostergeschichte von Hans v. Hülsen. Ein Jahr gab es in Thomas Brandeyfers Leben, das er später, wenn er auf die im allgemeinen stillen und völlig gleichmäßig verlaufenden Pfade seiner Existenz zurückblickte, gern das „schicksalsvolle" nannte — bei sich, versteht sich, denn andern gegenüber sprach er niemals von diesem schicksalsvollen Jahre, das wäre ihm als einem Landgerichtsrat nicht angemessen erschienen. Er saß nun längst in Amt und Würden droben in der alten Hansestadt am blauen Meere, hatte Frau und Kinder, drei wilde Jungen, die, wie man so sagte, zu den schönsten Hoffnungen berechtigten. Seine Sturm- und Drangzeit lag längst hinter ihm, der Kreis des bürgerlichen Lebens hatte ihn eingefangen, unter gleichmäßiger Arbeit verrannen die Tage, wohlgeordnet nach dem Kompaß des Sommerurlaubs: in einförmigem Trott zog der Wanderer feine Straße durchs Leben. Wer ihm das früher vorausgesagt hatte ... ha, den hätte er ausgelacht. Damals war er ein flotter Bursch oder auch erst ein krasser Fuchs der „Baltia", der Himmel hing ihm voller Geigen, das Wort Resignation fand sich nicht in seinem Wörterbuch ... „Herrgottnochmal — man ist doch nur einmal jung!"sprach Thomas Brandeyser manchmal vor sich hin, wenn er, über dicke Aktenbände gebeugt, in seinem Amtszimmer auf dem Landgericht an jene längst verstossenen Tage zurückdachte: und dann strich er sich mit der flachen Hand über das langsam schütter werdende Haar und fühlte im Herzen, daß er ja längst resigniert hatte und ansing, alt zu werden im stillen Hafen ... Wie kam es nur, daß er gerade in diesem Jahre so besonders oft und so besonders innig zurückdachte an jene lang versunkene Jugendzeit? War es der hochentwickelte Sinn des Juristen für „Termine" — da jenes schicksalsvolle Jahr und jener Ostertag nun gerade zwei Jahrzehnte zurücklagen? Oder lag es daran, daß dies Jahr mit feinem unwahrfchMi frühen, schon den März sommerlich erwärmenden Frühling so gei. jenem Frühling vor zwanzig Jahren glich — damals? Der LandgM rat hob den Kopf ... ihm war, als husche dies kleine Wörtchen „Danich immer wieder durch die Aktenfolianten und schaue ihn spöttisch-lSH, an, den alten Mann ... Manchmal trat seine Frau zu ihm, wenn er abends noch am Sd)rfs tische sah und Reste aufarbeitete, fuhr ihm mit der Hand über die und fragte: Was er habe?, denn sie hatte ihn still und versonnen x sich hin lächeln gesehen. Aber er gab eine ausweichende Antwort: vieltz wußte er auch selbst nicht, was er „hatte", vielleicht ahnte er es, ‘ dumpf und traumhaft von ferne. Doch in einer schlaflosen Nacht vor dem Dfterfeft sah er sie beim wieder vor sich, seine Jugend, wie er sie als flotter Balte bin* durchträumt, durchjauchzt. Und da zwang ihn ein übermächtiges Qejii, wie er es [eit langem nicht gekannt, vom Lager aufzustehen. Er ins Arbeitszimmer, holte aus dem Schub des Schreibtisches hervor, Ix allein von jener Zeit noch übrig war: Band und Mütze der „BM sah sie lange an, ließ das schmale, zweifarbige Moireband durchs Finger gleiten und probierte sogar vor dem Spiegel die Mütze...4 dann tat er etwas, was er sich selber nie zugetraut und was er, so stz | es ihm später, traumwandlerisch vollführte: er kleidete sich leise an i: i schlich sich aus dem Hause in die schon durchsonnte Aprilfrühe. Der Frühwagen der Straßenbahn führte ihn aus der Stadt, d« menschenleere Straßen, nach dem kleinen Vorort, der sich verschlaft! den Rand weiter, alter Wälder schmiegte. Drei Haltestellen vor i» Endpunkte flieg er aus, an der gleichen Stelle, wie damals, als ne die Pferdebahn hier fuhr. Damals war er auch so an einem strahl«»!, Frühlingsmorgen hinausgefahren, mit ihr, um die heut wie damals- feine Erinnerung, all feine zage, uneingeftanbene Sehnsucht kreiste- 6 sänne Auf dem Langenmarkte hatten sie sich getroffen, damals, in d ersten Morgenfrühe, noch ganz schlaftrunken waren ihre hubfchm, m teren, kornblumenblauen Augen gewesen, und er hatte sie erst recht m! geküßt, während die Pferdebahn davontrudelte und sie hinausroaM - in die frische Gotlesnalnr, dem Walde zu ... Allein und doch nicht alle ging Thomas Brandeyser die alten Pfade: sie, bereit liebliche Ech feine Erinnerung beschwor, ging neben ihm, es war ihm, als führtei sie bei der Hand, wie damals, als hörte er ihr silbernes Lachen, ir damals, als fühlte er den warmen Strom ihres Blutes, wie damals,, Damals' Das Wort, bas er im Wachtraum so oft gehört, die ich. Wochenlang, es warb ihm plötzlich lebendig; die kleinen gefiederten Ä- qer auf den schon zactbelaubten Zweigen, Amsel und Drostei, riest« ihm zu: Damals! Damals! ... Umfangen von stillem WaldessrM Hand in Hand, schritten Thomas und Susanne durch den Tann-ii nabelüberliite Grund federte unter ihrem Fuß, das taufriscye SOloos R t ihre Tritte auf; die langen Haare junger Birken hingen bis zur K herab, die Morgensonne malte weichgoldene Arabesken auf die schiW Wege' auf denen man nur enganeinbergeschmiegt wandeln konnte.» hüpfte ein kleiner Quellbach den moosigen Abhang hinao, uoer re blanke Kiesel hinweg, murmelnd und schwätzend — und Susanne out sich, fing Wasser in der hohlen Hand und netzte sich und Th-imsl! heißen Lippen ... Wie hübsch war sie in ihrem blautarierten Kleid.» । weizenblonde Haar trug sie in Schnecken über den Ohren auiammt^ steckt, und ihre schöngewölbte Brust atmete ruhig. Ihre Hand war ® I wie eine Kinderhand, aber kräftig war ihr Druck. Sie schlang den w s um seinen Nacken und zog ihn hernieder auf den trockenen, sonnemm« ■ Waldgrund. Durch den zackigen Laubrahmen des Waldes sthunmeriek schöne Bild: fern, in der großen, bunten Ebene, die alte Stadt unJ» gendunst ... massige und zierliche Türme über dem Meer von JW Sankt Marien und Sankt Katharinen und der schlanke Rathaustum. und durch die Ebene schlängelte sich das breite Sllberband des Strom Ganz nahe aber, zu Füßen des Waldhügels, das Dor,: sa)mucke i> ferchen und kleine Villen, herumgebaut um die alte, zweiturmige KW kirche, deren blaues Schieferdach in der Morgensonne schimmerte- Hinten, weit hinter der bunten Ebene, blaute das Meer, unermeM * bis es mit dem Horizonte verschmolz ... Ach, stürmisches Blut.»- stürmische Hingabe! Ach, Seligkeit der Jugend! Wollte sie ewig tw Horch: vom Kloster drunten klang es heraus. Osterglockengelant ...» Thomas Brandeyser reckte die Arme aus, die Geliebte zu umfangen,® griff ins Leere ... stöhnend sank er zurück, ihm war, als hätte er Leere dieser zwei Lebensjahrzehnte gegriffen ... & Schritte (langen hinter ihm, fröhliche Strnnnen von Mensch-ä ü ist gut sein!" rief ein kräftiger Männerbaß: „Wie geschaffen M nick!" Verwirrt hob er den Kopf, strich di« trockenen- Tannennaden dem Haare. Ein Menfchenanttitz schob sich vor sein. Gesicht, Gelacht dröhnte, Landgerichtsrat Pollinger, Kollege und Duzfreund, MS kräftig auf die Schulter: „Nanu, Brandeyser, was machst du dem» oller 'Schwede?! Und so ganz alleine, ohne die Gaitun die teure- • \ sind wir denn doch ein besseres Ehepaar, was, Magda? >, Thomas Brandeyser hatte sich verwirrt aufgerichtet, er W'; Gattin des Freundes die Hand, er wollte eine Erklärung für ein I fames Treiben stammeln, aber zum Glück ließ ihn Pollinger nchL ‘ Reden kommen: „Das ist aber charmant, daß wir dich hier auw . haben! Wir haben uns auf einen kleinen Osterspaziergang gew nach „Faust", wir wollten hier ein bißchen frühstücken ... na, i reicht wohl für dreie, was? ... Hier, kannst dich gleich nutzum A ! brich mal freundlichst der Roten den Hols ..." Und schon packte tne aus ihrer Handtafckfe die Brote aufs sorgsam mitgebrachte ^laio. „ Jugend — ade!, dachte Thomas Brandeyser, indem er betit in knallen ließ und behutsam die ineinandergeschobenen Silverve r- füllte; lebt wohl für immer!, dachte er, und ihm war, als styw j farme in ihrem blauweißen Kleide davon und würde zu Alchen am Himmel und zerginge vor dem geblendeten Auge ...