Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1928 Dienstag, den Z.Februar Nummer N Ern Traum. Von Heinrich Heine. Ich hab' im Traum gemeine!, Mir träumte, du lägest im Grab. Ich machte auf, und die Träne Floß noch von der Wange herab. Ich hab' im Traum gemeinst, Mir träumt', du verließest mich. Ich machte auf, und ich meinte Noch lange bitterlich. Ich hab' im Traume gemeinst. Mir träumte, du bliebest mir gut. Ich machte auf, und noch immer Strömt meine Tränenflut. Das Kartenhaus. Novelle von Alfred Bock. (Nachdruck verboten.) Der Rendant Schmittborn hatte sich nach Tisch auf seinem altertümlichen Sofa ausgestreckt. Obrnohl er zurneilen äußerte, daß ihm der Schlaf als ein großer Dieb die Hälfte feines Lebens stehle, und obrnohl er sich mannhaft dagegen mehrte, am hellichten Tage ein „Nickerchen" zu machen, mar ihm das Mittagschläfchen nachgerade zum Bedürfnis gernorden. In An betracht seines Alters — er hatte die Sechzig überschritten — konnte er mit seiner Gesundheit zufrieden sein. Immerhin hatten sünsunddreißig Dienstjahre und mancherlei Schicksalsschläge ihre Spuren hinterlassen. Wenn er mittags von der Sparkasse kam und das bescheidene Mahl verzehrt hatte, das ihm seine alte Dienerin vorsetzte, fühlte er sich so abgespannt, daß er nur eben die Zeitung zur Hand nahm, um gleich darüber einzuduseln. So ein halbes Stündchen die Augen zu schließen, war eine rnahre Erquickung und half ihm, neue Kräfte zu sammeln. Heute hielt ihn ein Telegramm seines Sohnes mach, der im industrie- reichen Vogtland die Stelle eines Buchhalters bekleidete und für den Abend seine Ankunft meldete. Zwei Töchter, die am Rhein verheiratet rnaren, hatten dem Rendanten nie eine trübe Stunde bereitet, Leonhard, der Jüngste, mar von jeher fein Sorgenkind. Als elfjähriges Bürschchen mar er einmal durchgebrannt, rneil er glaubte, daß er unschuldig bestraft morden sei. Zwei Tage lang hatten die verzmeifelten Eltern den kleinen Ausreißer gesucht. Am dritten kehrte er wohlgemut aus dem nahen Gebirge zurück, wo er sich Herumgetrieben und in der Hütte eines Holz- fchlägers genächtigt hatte. Frau Schmittborn behauptete, der Summe« jungenftreid) ihres Leonhard habe den Grund zu der Krankheit gelegt, an der sie ein paar Jahre später starb. Eigentümlich verfuhr der kleine Leonhard bei der Wahl seiner Kameraden, sofern er nur solche um sich duldete, die seine Führerschaft anerkannten und sich ihm völlig unter« ordneten. Nahm er an einem Gesellschaftsspiel teil und verlor, knuffte er seine Gegner, daß ihnen Hören und Sehen verging, bat er sie hernach wohl auch um Verzeihung, rneil er fühlte, daß es die Leidenschaft war, die ihn beherrschte und fortriß. Dem Rendanten hatte die Energie und auch die Geduld gefehlt, seinen Sohn zu erziehen. Er stand ihm wie einem Fremden gegenüber und suchte in der engeren und weiteren Familie vergeblich nach einer Aehnlichkeit. Der Geometer Schellhorn, der als Hausgenosse manch bösen Auftritt miterlebte, meinte, jeden Tag eine Tracht Prügel sei das beste Rezept, den Hitzeblitz zu kurieren. Dem Rendanten widerstrebte die körperliche- Züchtigung. Kam es gelegentlich doch hierzu, leistete Leonhard Widerstand, wobei den Vater, der von Natur nicht der stärkste mar, die Kraft seines Sprößlings in Erstaunen fetzte. Auf den Rat der Lehrer vertauschte der Obertertianer Schmittborn das Gymnasium mit der Realschule, rneil er einen entschiedenen Mangel an Verständnis für die klassischen Sprachen bekundete. Als diese aus seinem Lehrplan verschwunden waren, rückte er zu den besseren Schülern auf. Mit dem Berechtigungsschein zum einjährigen Militärdienst verließ er die Schule und trat beim Bankhaus Döderlein als Lehrling ein. Sich dem Kaufmannsstande zu widmen, mar sein eigenster Wunsch. Herr Söderlein mar mit seinen Leistungen zufrieden, schenkte ihm ein halbes Jahr der vereinbarten Ährzeit und stellte ihn als Handlungsgehilfen an. An den Fähigkeiten seines Sohnes halte der Rendant nie gezweifelt, nun gewahrte er zu jeiner Freude, daß aus dem heißblütigen, felbstbemußten Bürschchen ein ruhiger, überlegter Mensch geworden mar, der gewisfen- haft feine Pflicht erfüllte und sich als zuverlässiger Mitarbeiter seines Lehrherrn bewährte. Zu jener Zeit hatte der Rendant einen Ausflug auf die unweit der Stadt gelegene Wolfshöhe unternommen, wo er sich in der vielbesuchten Burgwirtschaft ein Schöppchen kühlen Moselwein gönnte. Seine Blicke glitten in das grüne Talgelände hernieder und flogen hinauf zu den weißen Wolken, die in wundersamen Gebilden vorüberschrvebten. Hinter den fernen Bergen sank die Sonne, und eine sanfte Röte Überzog den Himmel. In dem "Wanderer stieg ein Frohgefühl auf, daß er bei einem guten Tropfen das alles sehen und genießen durfte. Sas Schicksal hatte ihn hart angefaßt, hatte ihm die Gattin in der Blüte ihrer Jahre genommen. In seiner Verzagtheit hatte ihn damals einzig das Gefühl der Pflicht gegen feine Kinder aufrecht erhalten. Allmählich war er der trüben Gedanken Herr geworden und hatte feinen Seelenfrieden wieder gewonnen. Die Briefe feiner Töchter bekundeten, daß es ihnen wohl erging, daß sich ihre Männer nicht umsonst mühten, ja vom Glück begünstigt waren. Unlängst hatte ihm der Bankier Döderlein gesagt: „Wenn Ihr Leonhard so bleibt wie er ist, (eg ich ihm auf Miacheli hundert Mark zu." Ihn, den Rendanten, hatte noch dazu ein Ereignis besonderer Art in angenehme Erregung versetzt. In der ©taatslotetrie roar ihm ein Gewinn von zweitausend Mark zugefallen. Er spielte nicht aus Geldgier, nur gefiel es ihm, sich von der Laune des Zufalls treiben zu lassen und die Hoffnung auf einen Treffer wie einen schönen Schmetterling vor sich her- fiattern zu sehen. Eben überlegte er, wie er, ohne daß sein Sohn ober sonst jemand davon erfuhr, die zweitausend Mark anlegen solle, als der Staatsanwaltsgehilse Schimpfs, ein auffallend häßlicher und boshafter Mensch, an den Tisch trat und sagte: „Herr Rendant, haben Sie gehört? Wir haben den langen Rodenhausen in der Schlotzgasse beim Ha- farbfpiel erwischt. Ser macht ein Geschäft braus. Sas wußten wir und hatten ihn schon lang auf bem Korn." Ser Rendant, der einer Unter- Haltung mit bem Schreiber aus bem Weg gehen wollte, erroiberte: „Ich hab' nichts gehört. Offen gestanben, 's interessiert mich auch nicht." Der Staatsanwaltsgehilfe lachte hämisch. „'S interessiert Sie vielleicht boch. Einer von ben Gerupften ist Ihr Sohn!" „Lügner!" schrie Schmittborn sich vergessend und schlug mit der flachen Hand auf ben Disch. Das fahle Gesicht bes Schreibers wurde noch um einen Schatten blässer. „Sie dauern mich, Herr Rendant. Sonst tat ich Ihnen den Lügner eintränken. Ihr hoffnungsvoller Sohn hat die Ladung bereits in der Tasche. Empfehle mich!" Auf bem Heimweg ging ber Rendant mit unsicheren Schritten, wie einer, ber zu tief ins Glas geguckt hat. Sein Leonharb war ein Spieler! Allmächtiger Gott, wie kam der Junge zu der Leidenschaft? Wen der Spielteufel einmal in den Klauen hatte, den ließ er nicht mehr los. Wie- viel mochte ihm der lange Robenhausen abgeluchst haben? Geld verloren! Dem alten Herrn trieb die Angst bas Blut in ben Kopf unb benahm ihm ben Atem. Zu ber Verhandlung gegen den Hasardierer würde sich das halbe Städtchen drängen. Leonhard stand als Zeuge vor den Schranken. Tags darauf würde ihn der Bankier Döderlein zu sich bescheiden. „Leonhard, daß Sie’s nur gleich wissen, einen Spieler duld' ich nicht nn Geschäft. Wir sind geschiedene Leute!" Und nun wohin mit dem Jungen, dem unter solchen Umständen gekündigt worden war? Und die Trätscherei in der Stadt. Gott sei Dank/er, ber Rendant, brauchte sich vor niemand zu verstecken. Er blickte auf fünfunddreißig Dienstjahre zurück, feine Vorgesetzten hatten seine treue Arbeit anerkannt. Und doch, wenn der Mensch sein Bestes getan zu haben glaubte, wurde er erst seiner Schwäche inne. Daß er sich's nur eingestand: als Erzieher seines Sohnes war er wie ein Rohr gewesen, das im Wind hin und her schwankte. Das rächte sich nun. Am selben Abend hatte er Leonhard ins Gebet genommen. Der gab unumwunden zu, daß er gespielt und verloren habe. Um seinen Verpflichtungen nachzukommen, hatte er sich genötigt gesehen, von einem stadtkundigen Wucherer Geld zu borgen. Mit dem langen Rodenhausen war er im Rauchklub „Blaue Wolke" bekannt geworden. Was ihn an den Spieltisch gefesselt und verführt hatte, Summen zu riskieren, die zu seinem Einkommen in gar keinem Verhältnis standen, darüber lautete seine Auskunft verworren. Seinen Reden nach war es weniger die Sucht nach Gewinn als der dämonische Reiz, den Kampf gegen die dunkle geheimnisvolle Macht zu wagen, die über Gewinn unb Verlust entschied. Indessen empfand er bittere Reue unb gelobte mit Hand und Mund, fortan bas Spiel zu meiden. Ser Rendant hatte seines Sohnes Schulden mit dem Lotteriegewinn bezahlt, ber nun eine nicht erwartete unb unliebsame Verwendung fand. Was er befürchtet, erfüllte sich: Leonhard ging feines Postens im Bankhaus Döderlein verlustig. Nachdem er drei Monate lang die Zeitungen durchstöbert und allent- halben vergeblich feine Dienste angeboten hatte, gelang es endlich einem feiner Schwäger, ihm in Plauen, der Hauptstadt des Vogtlandes, eine Stelle zu verschaffen. Dort traf er just zu der Zeit ein, als die Industrie einen gewaltigen Aufschwung nahm. Franzosen, Engländer unb Simen- taner erschienen als Käufer ber berühmten Stickereien auf bem Markt. Arbeitgeber unb Arbeitnehmer verdienten Gelb in Hülle unb Fülle, unb ein Strom fröhlichen, ja üppigen Gebens flutete durch die Stabt unb bas oewerbreiche Eyratal. Als ein gewandter Mensch verstand es Leonhard, sich rasch den neuen Verhältnissen anzupasfen. Sein Haus fertigte ©ar- bißen unb Decken und führte diese nach allen Weltteilen aus. Ueber Art unb Weise der Fabrikation berichtete Leonhard seinem Vater und schilderte mit Humor, wie es seinem Chef gelungen war, die englische Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen. Der Aufenthalt in der Fremde, be- kannte er, fei in jeder Hinsicht heilsam für ihn. Einmal sammelte er gediegene Kenntnisse, dann sei er immerfort gezwungen, all seine Kräfte anzuspannen, wenn er sich in dem großen Betriebe behaupten wolle. Nach anderthalb Jahren wurde sein Gehalt erhöht. Der Stendant schrieo an seine Töchter, Leonhard scheine bei den Sachsen festen tfufe gefaßt zu haben, er glaube der Sorge um ihn nun enthoben zu sein, dessenungeachtet war im tiefsten Grunde seiner Seele das Mißtrauen noch lebendig, das sich seit der Affäre mit dem langen Rydenhausen in ihm eingenistet. Leonhard hatte dem Laster des Spiels gefrönt, hatte eine beträchtliche Summe eingebüßt. Es gab keinen Spieler, der nicht wieder zu gewinnen hofste, was er verloren hatte. Die besten Vorsätze schmolzen an der Glut der Leidenschaft. Irgendeine Gelegenheit, und die unselige Neigung würde auss neue geweckt. Den Rendanten ließ der Gedanke nicht los, eines Tages werde eine Hiobspost aus Plauen kommen. Er litt förmlich unter dieser Vorstellung, zumal er sie in sich verschloß und es vermied, sich gegen irgend jemand auszusprechen.-- Zwei Jahre war Leonhard der Heimat fern geblieben. Da er jetzt unvermutet und — wie sein Vater wußte, — inmitten einer lebhaften Geschäftsperiode seinen Besuch ankündigte, bemächtigte sich des alten Herrn eine große Aufregung. Zwei Möglichkeiten, erwog er, gab es: entweder der Junge hatte sich mit seinem Prinzipal überworfen, oder er war wieder auf Abwege geraten, hatte gespielt und Verluste gehabt. Das letztere war das Wahrscheinliche. Diesmal war Schmittborn fest entschlossen, sich nicht breit schlagen zu lassen und keinen Pfennig herauszurücken. Er würde dem leichtsinnigen Burschen den Standpunkt klar machen, würde mit den Worten schließen: das letzte, was ich für dich bezahle, ist die Ueberfahrt nach Amerika. Da gehörst du hin! Kaum daß sich der Rendant heut nach Tisch niedergelegt hatte, stand i er gegen seine Gewohnheit wieder auf und lief von einem Zimmer in ’ das andere. Später auf der Sparkasse zeigte er sich so gereizt, daß jein alter Kollege Zimmermann die Aeutzerung tat: „Schmittborn, was ist denn in Sie gefahren? Ich glaub'. Sie werden krank, sind's vielleicht schon." „Möglich!" erwiderte der Rendant, griff zu Hui und Stock und verließ das Geschäftszimmer. Als er nach einem Gang durch den Stadtwald gegen Abend seine Flurtüre Öffnete, stand Leonhard vor ihm. „Grüß Gott, Vater! Da bin ich schon!" rief er herzlich. „Wann bist du gekommen?" fragte der Rendant kühl. „Mit dem Fünfuhrzug", antwortete der Leonhard, über den wenig freundlichen Empfang betroffen, den ihm fein Vater zuteil werden ließ. „Ich hab' dich erst um sieben erwartet", bemerkte der Rendant. Sie gingen in die Wohnstube, wo Dortel, die treue Dienerin, bereits den Tisch gedeckt und mit einem Blumenstrauß geschmückt hatte. Der alte Herr ließ sich ermattet auf seinem Sofa nieder und dachte: „Nun wird die Bombe platzen!" Leonhard aber sagte: „Wenn diris recht ist, Vater, bitt’ ich die Dortel, daß sie das Essen bringt. Du wirst denken, ich komme aus Hungerburg. Der Zug hat sich nirgends länger aufgehalten. Ich hab' mich seit heut' morgen um fünf mit ein paar Schnippel Wurst behelfen müssen und fall schier um." „Laß anrichten", gebot der Rendant und sprach bei sich: „Wenn ein Mensch so fidel ausschaut wie der Leonhard, sollte man meinen, er konnte nicht viel auf dem Kerbholz haben. Oder er muß schon tief gesunken sein." Die Dortel trug das Essen auf. Der Ankömmling verschlang den leckeren Braten in großen Stücken, während der Rendant in Schweigen verharrte und nur ein paar Bissen zu sich nahm. Erst als Leonhard Messer und Gabel hingelegt hatte, hob er an: „Du bist über Hals und Kopf hierhergereist. Was ist denn eigentlich passiert?" Leonhard lächelte. „Du wirst dich wundern, Vater. Ich habe mich verlobt." Der Rendant hatte das Gefühl, als fiele ihm ein Stein vom Herzen. „Du hast dich verlobt? Mit wem?" „Mit einem Hebert prächtigen Mädchen, Vater. Sie heißt Hermine Schneider und wohnt in Greiz." „Krieg die Krammenot! Wo habt ihr euch denn kennengelernt?" „Das ist ein ganzer Roman. Und weil ich dir alles erzählen, auch mancherlei mit dir überlegen wollte, habe ich den Chef um zwei Tage Urlaub gebeten. Er wollte erst nicht dran. Wir haben nämlich schrecklich viel zu tun. Hernach hat er doch Ja gesagt." Seit Eingang des Telegramms hatten die Gedanken des alten Herrn nur den einen Punkt umkreist: „Was mag der Junge wieder angestellt haben?" Nun er seine Besorgnisse sich in nichts auflöfen sah, schlug seine Stimmung um und er sagte mit einem Anflug von Gemütlichkeit: „Da bin ich wirklich gespannt!" Leonhard begann: „Am zweiten Pfingsttag haben wir eine Spritztour nach Jocketa gemacht. Du bist doch ein großer Naturfreund, Vater. Die Gegend müßt'st du tennentemen. Ich sage dir: herrlich! Der Weg zieht sich alsfort an der Elster hin. Die brubelt, daß man fein eigen Wort nicht versteht. Und die Wälder, Vater. Der Staat all'! Und erst die Felsen. Die werden abends lebendig und glotzen einen an wie wilde Männer mtt feurigen Augen, das es einen überläuft. Wenn man die Teufelskanzel hinter sich hat, steht man die Elstertalbrücke. Das ist ein wahres Wunderwerk. Don da geht's herauf nach Jocketa. Wir waren unser drei, der Herr Kohler, der Lagerist, der Herr Prestinari, der für uns reift, und ich. Wie wir nach Jocketa in den Gasthof kommen, ist da ein Trubel, nicht zu beschreiben und kein Platz zu kriegen. Der Herr Prestinari spricht: „Wir gehen ein Haus weiter!" Ich sagte: „Habt doch ein bißchen Geduld!" 'S hat den Herren aber nicht gepaßt. Und sie zogen ab. Ich blieb und guckte mich um wie ein Luchs. Und sah, da stand ein Soldat auf und schnallte um. An dem Tisch sah noch ein ältlicher Mann und ein junges Mädchen. Ich machte mich herbei und fragte: „Ist der Platz frei?" „Ja," sagte der Herr, „der Platz ist frei." Nun war ich glücklich untergebracht. 'S hat nicht lange gedauert, da hat der Herr mit mir zu sprechen angefangen. Was man so spricht. Ich horte, er war aus Greiz, und das Fräulein war sein Schwesterkind. Daß ich ein Ausländer war, hatte er gleich gemerkt. Und er fragt, wo ich dann her wär. Jetzt pass' acht, Vater. Man sollt's nicht für möglich halten. Und 's ist doch wahr. Wie ich ihm Rede und Antwort gab, kommt heraus, er hatte hier als Soldat im Lazarett gelegen und der Onkel Louis hak ihn operiert." „Der Onkel Louis?" warf der Rendant dazwischen, „das ist kurios! „Nun war der Herr Grützner — sck hieß nämlich der Herr — sehr freundlich," fuhr Leonhard {ort, „und stellte mir auch seine Nichte vor: „Fräulein Schneider!" Eine Schönheit auf den ersten Mick ist sie nicht, ober goldig. Und von Herzen gut und gescheit. Wir zwei haben uns gleich verstanden. Und ’s ist mir als durch den Kops gegangen: „Die hast du schon einmal wo getroffen!" Das glaubt man und ’s ist doch nicht so. Wie's Zeit wurde, daß man ans Fortgehen denken mußte, hatt's bei mir eingeschlagen. Und ich sagte: „Fräulein, auf Wiedersehen!" Den Sonntag drauf fuhr ich nach Greiz. Der Herr Grützner ist Optiker und Instrumentenmacher und schickt seine Brillen herunter bis ins Oester- reichische. Er ist Witmann. Seine einzige Tochter ist nach Ronneburg verheiratet. Wie die alten Schneiders gestorben waren, hat er fein Schwesterkind zu sich genommen. Der Hermine ihr »ater war Hof- fourier beim Fürst und hat im Schloß gewohnt. Als Kind hat die Hermine sogar mit den Prinzessinnen gespielt. Sie hat was los, kann eng= lisch und französisch. Und ist auch vermögend. Dadrauf komme ich noch später. Nun machte ich beim Herrn Grützner meinen Besuch und wurde zum Mittagbrot eingeladen, ’s war gut bürgerlich. Ich habe aber dem Essen nicht weh getan. Ich war zu aufgeregt. (Fortsetzung folgt.) Märchenerzähler und Prophet. Zn Zules Dernes 100. Geburtstag. Von Dr. Paul Sanbau. „Die Menschen vergaßen die Enge der Gegenwart und stärkten ihre Augen an dem Horizont der Zukunft, achteten nicht mehr auf den Schmutz zu ihren Füßen über den schimmernden Bergen vor ihnen, die Jules Verne ihnen wies. Sie lasen mit leuchtenden Augen und glühenden Backen, bis ihr Licht kleiner brannte, konnten den Tag nicht erwarten, der ihnen neue Spannungen verhieß, und verstanden wieder die Tränen ihrer Kinder, wenn sie ihnen das Märchenbuch aus den sieberhaft feuchten Fm- aern nahmen." So hat Hermann Lons bei Bernes Tode die Begeisterung geschildert, die die phantastischen Romane dieses großen oabulierers bei ihrem Erscheinen hervorriejen. Das Entzücken an diesen naturwisten- schaftlichen Märchengeschichten, die den schrankenlosen Triumph der For- schuna und Technik feierten, ist verklungen; nur der Jugend bleibt die kühne Phantasie und Erfindungskraft des begabten Erzählers eine Quelle gesunder Unterhaltung. Wenn er selbst zu sagen pflegte, daß die Wirklichkeit seine Ersindungen stets überflügle, so ist das in unseren Tagen erst recht der Fall, da der Menschheitstraum des Fliegens, der Uebertragung von Ton und Bild auf weite Entfernungen und manch anderes erfüllt ist. Die „Reise um die Welt in 80 Tagen", mit der Verne die Welt verblüffte, kann uns heute nicht mehr imponieren; ebeniomemg die Fahrt unter bem Ozean, die Erforschung der Tiefsee, die Eroberung des Nordpols, die Reife im Luftballon. Aber Verne bleibt doch eine interessante Erscheinung als Ausdruck seiner Zeit, als der Typ eines logischen Phantasten der vieles von dem voraus sah, was heute erreicht ist, ein moderner Marchenerzayler und zugleich scharssichtiger Zukunstskünder war. Die Utopie, die Ausmalung ersehnter und erträumter Zustande, hat ihre Nahrung stets aus soziologischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gezogen. Baeons „Neue Atlantis" z. B. entgält die Vorausahnung von Naturkräften und technischen Wundern, die uns teilweise noch heute verschlossen sind. Die Versuche zu fliegen haben die Poeten stets zu kecken Träumen angeregt, und seit Cyrano de Bergerac hat man in der Poesie öfters die Reise nach dem Mond und nach andern Himmelskörpern gewagt. Aber man verknüpfte damit meist die Absicht, der Menschheit in Ernst oder Scherz das Idealbild einer besseren Welt vorzufuhren. Erst bei Verne wird die Utopie Selbstzweck. Sein ganzes Werk mit feinen vielen, vielen Banden ist ein Triumphgesang auf den Fortschritt der Wissenschaft, auf die Leistungen des Menschengeistes. Seine Helden sind stets Abenteurer auf der Jagd nach dem Unmöglichen, besessen von der Sucht nach dem Unbekannten, Unerreichten. Und stets ist es die Forschung, die ihnen hilft, das Ziel zu erringen. Der Glaube an die unbegrenzte Macht der damals auf der Hohe stehenden Naturwifsenschasten verlieh diesen Romanen ihre tiefere Resonanz, mochten auch die gelehrten Berechnung««, Erklärungen, Annahmen, wissenschaftlichen Abschweifungen und Vorlesungen nur ein Mäntelchen für das derbe Erzählertalent des Verfassers sein. Verne benutzt den angelesenen und fleißig gesammelten Wissensstoss nur als Sprung- brett, um sich auf den Flügeln seiner Phantasie ins Fabel- und Märchenhafte zu schwingen, aber er hat diesen ewigen Ausschweifungen des Dich- tergeistes ein nüchternes, exaktes Gewand gegeben, das seiner Zeit gefiel, und seine Einbildungskraft bewegte sich in fo logischen Bahnen, daß sie i mehrfach spätere Erkenntnisse vorausgeahnt hat. Ms Verne einmal als berühmter Dichter einen bekannten Minister tn Paris besuchte, bot ihm der Diener, sobald er seinen Namen auf der Karte gelesen, schle-unigst einen Stuhl an. „Nehmen Sie Platz, Herr Verne ,, sagte er. „Nach so vielen und weiten Reisen werden Sie sicher müde sein. Der Mann, den man nach seinen Schriften für einen unermüdlichen Weltwanderer hielt, war in Wirklichkeit ein seßhafter Bürger, der all seine Fahrten durch unbekannte Länder und Meere, nach dem Nord- und Südpol, unter dem Wasser und nach dem Mittelpunkt der Erde, durch die Luft und nach dem Mond an seinem Schreibtisch in Amiens machte. Er hatte zuerst Glück als Theaterschriftsteller versucht, aber ohne Erfolg, so daß er R mit Geschäften an der Börse durchschlagen mußte. Da kam ihm ein« Tages ein Genieblitz. „Ich habe eine Idee," sagte er zu stinen Freunden, „wie sie nach dem Dichterspruch jeder haben muß, der sein Gluck mach« will. Ich werde einen Roman in einer ganz neuen Form schreiben, mm wenn er einschlägt, bin ich sicher, eine Goldmine entdeckt zu haben, iw» war im Jahre 1865. Einige Wochen später erschien in Hetzels „Magasin deducation et de recreation* der Roman „FünfWochenimLuft- b a l l o n" und hatte einen [o starken Erfolg, daß er sich als „Goldmine" erwies, dis Lerne durch fast 40 Jahre unermüdlich ausgebeutet hat. Jedes Jahr erschienen nun ein oder mehrere Romane, ein Schlager nach dem andern: Nach der Ballonfahrt mit ihren tollen Erlebnissen im innersten Afrika kam die „Reise nach dem Mittelpunkt der Erde", die ein deutscher Professor unternimmt, dann „Von der Erde zum Mond. Direkte Fahrt in 87 Stunden 20 Minuten", auf einer Idee ausgebaut, die uns heute besonders aktuell anmutet, denn den Gedanken, eine „Rakete" nach dem Mond abzuschießen, wie ihn der Dichter mit aller Ausführlichkeit erläutert, hat die modernste Wissenschaft ernsthaft wieder ausgenommen und erörtert die- stlben Probleme, die im Roman so überraschend gelöst werden. Die „Abenteuer des Kapitän Hatteras" schildern die Entdeckung des Nordpols mit Einzelheiten, die sich in den Berichten späterer Polarforscher, wie P e a r y und Scott, wiederfinden. Ebenso berührt das Gemälde der Tiefsee, das in den „20 000 Meilen unter dem Meer" entworfen wird, merkwürdig modern, wenn man an die neuesten Forschungen der Meereskunde, an die jetzt wirklich erlebten Kämpfe mit den Riesensischen des Ozeangrundes denkt. Auch die Fortschritte der U-Boote sind hier vorausgesehen. Später wiegen die reinen Abenteuerromane vor, die nur einen wissenschaftlichen Einschlag haben, so in den Lieblingen unserer Jugend, den „Kindern des Kapitän Grant", dem „Kurier des Zaren", den „500 Millionen der Begum". Auch das Theater ließ sich diese dankbaren Stoffe nicht entgehen, und mit der Dramatisierung der „Reise um die Welt" und des „Michel Strogoff" wurden Bombenerfolge und Rieseneinnahmen erzielt. Heute greift der Film nach diesen Themen und macht einem großen Publikum Sternes Werke von neuem mundgerecht. Verne hat auch einige geographische Schriften und eine „Geschichte großer Forschungsreisender" geschrieben. Als unermüdlicher Lehrer holte er sich seine Anregungen von überall her und verbrämte mit bett gelehrten Zutaten feine Handlung. Aber das Entscheidende für feinen Erfolg war doch die starke Erzählergabe, die spannende Geschehnisse geschickt zu verknüpfen weiß. In seiner Technik ist er der Schüler Victor Hugos, Sues und des älteren Dumas, nur daß er den maßlosen Uebersteige- rungen und wilden Ausgeburten der Phantasie durch die wissenschaftliche Behandlung eine größere Folgerichtigkeit verleiht. Dabei kann er in der Kraft der Erfindung mit seinen Vorbildern nicht wetteifern und wiederholt sich später vielfach. Eine liebenswürdige Note aber gibt seinem Stil der harmlos frische, manchmal ironische Hutnor und die ausgezeichnete Charakterisierung einiger Figuren, wie z. B. des Schiffsarztes Dr. Claw- bonny im „Kapitän Hatteras" und des prächtigen Phileas Fogg in der „Reife um die Welt". Die einzelnen Völker sind mit typischen, aber bezeichnenden Zügen charakterisiert. Von einer tieferen Psychologie der Menschen und Rassen ist allerdings keine Rede, ebensowenig von einer dichterischen Vertiefung und Beseelung des Stoffes. Jules Sterne war der Märchenerzähler eines mechanistischen und materialistischen Zeitalters, das heute vorbei ist. Er verkörpert den Sieg der Phantasie selbst in einer Epoche, die von ihr nichts wissen wollte ... Oberbayerische Landschaft. Von Wilhelm H a u s e n ft e i n. Urgeschichte ist noch spürbar. Nach Regentagen kehrt das weite Moor zwischen Murnau, dem Vorbruch der Garmischer Loisach und den Amnten- gauer Bergen in jein ursprüngliches Wesen zurück? Das Wasser der Traufe ift auf der von Feuchtigkeit immer satten Moorwiese in blanken Lachen stehengeblieben — das Moos ist wieder See geworden. Die südwärts niedergehenden Hänge, auf denen ich weile, werden Ufer; ja es ist mir zumute, als seien sie von wallenden Gewässern der Vorzeit aufgeworfen und ausgeformt — im Rückprall suchender Flut vom steinernen Hochgebirge her. Drüben heben sich die starken Mauern, die den Norden vom Süden scheiden: die Alpen von der zackigen Benediktenwand über die Bastion des Herzogstandes und das blitzlinige Diagramm des Heimgartenarads und über die scharfen Kanten der seltsam kannelierten Eschenlocher Steinberge bis hin zur weihesten Mitte; dort ist die elegante Pyramide der Alpfpitze geborgen; dort stürzt der heroisch« Anhub der Zugjpitze wie mit wagender Willkür in doppeltem Absprung nieder — südwestwärts klafft ein gewaltiger Hiatus. Das Panorama wird danach von der vordergründigen Nähe lebhafter und vertraulicher Kulissen ausgenommen und fo ui reizender Unsymmetrie fortgesetzt. Das Ettaler Mandl reckt eine vorwitzige Nase in den blanken Himmel auf. Im Bogen rechtshin erst, dann rechtsher wächst Waldgebirge zu uns nieder, auslaufend in den flachen Rücken zwischen Moor und Staffelfee — in den nämlichen Zug, auf dem ich blickend verharre, um eine Welt zu überschauen, die ich in Jahrzehnten, von Meter zu Meter fast, mit wanderndem Fuß betreten habe. Das Moos liegt horizontal wie eine Wasserwaage. Es ist mit falbem (Bros bewachsen, und mit der torfigen Bräune des nassen Bodens mischt sich die fahle Farbe groben Rasens zu dunklerem Ton. Wie Negerhütten stehen bauchige Kegel aus Stroh und dürrem Schilf längs den Ufern des braun und leise fließenden Moorbachs; an die im klassischen Geschmack erbaute Mühle stnd sie gedrängt wie ein Dorf an einen Palast. Die große bäge des Holzwerks surrt und schrillt; mächtige Stapel rostfarbener Balken tollen Bretter werden für Häuser, Schränke, Wagen, Särge. Inmitten des Torfmoors heben sich Hügel, hochgewühlte, die von Fichten schwarz sind; sie gleichen steilen Inseln, und die Unruhe ihrer Linie ist so lebendig, daß sie sich zu bewegen scheinen. Wer weiß, welches verzweifelnde Leben dort einmal eine Zuflucht fand ... Doch ruhig steigen herwärts die Wiesen on. Dort ähneln sie dem Fell an eingesunkener Flanke einer Löwin in der Wüste; hier blähen sie sich gelinde mit dem zarten Grün erneuernder Jahreszeit. Zwei Wege führen durch die Raine hin: der eine querhinab, mit Birken gesäumt, über deren weißen Stämmen schießende Ruten zu violetter Röte entzündet sind; der andere freundlich gleichlaufend dem Drang des (Sebirgs, behüteter Spaziergang über dem Rand des Moors; «r ist mit Eichen bestellt; das Laub hält eine stumpfe Mitte zwischen Kupfer, Gold und Rost; es blieb vom vorigen Herbst und raschelt trocken unb nervös, wenn der Atem des Windes genügsam ankommt. Ein Spatzen» schwarm flattert kreischend durch die dürren Wipfel. Aus den Dächlein aus- gesteckter Kasten hoch oben an silbergrauen Stangen betreiben magere und seidig glänzende Stare ein kornisches Geschwätz. Finken mit kakaofarbener Brust versuchen neu die muntere Unschuld ihrer werbenden Kadenzen. Zwijchen Qual und Entzücken, die nur eines sind, (löten Amseln die frühesten Ahnungen des Jahres mit einem Ton, der noch zu feiner herzbewegenden Stärke nicht auszubrechen wagt; sie sitzen schwarz und steif, gelb» schnäbelig, mit wollüstig abgespreizten Flügeln auf Telegraphenmasten oder auf den Baumwipfeln, wo sie am höchsten sind. Die Riffe der steinernen Berge find verschneit; doch der Archipel von Schneeglöckchen zu meinen Füßen hat den nämlichen Winter schon in feistgrüne Blätter und Schäfte und in weißes Blühen verwandelt. Auf wässeriger Wiese gedeihen sie köstlich und rührend zwischen Mistbrocken, und es verschlägt dem reinen Wunder ihres bleichen Lebens nichts, durch den stinkenden Unrat hindurchzuwachsen. Ist er nicht goldfarben wie die Malerei des Rembrandt und feit Jahrtausenden eine Nahrung der Erde im Frühjahr? Die Boden der Fluren kreuzen schwellend einer den anderen. Der lichtgrün beflaumte Umhang eines Hügels, sanft gerundet wie eine weibliche Brust, begegnet einem Kirchturm, der drunten im Tal aus alten Zeiten bauender Menschheit übrig ist, und verdeckt ihn zur Hälfte. Weiß schimmert er vom Kalk; erträgt das einfache Winkeldach geringer und stumpfer Dorfkirchen dieses Landes; das Dach ist schwarz wie die vom, Pflüger aufgebrochene Erde der Felder, in denen nasse Kartoffeln eine späte Reife haben. In dieser Landschaft gibt es viele Kirchen. Der Turm der Kapelle überm Moos ist mit einer hochgezogenen Zwiebel augsburgischer Art wie mit einem Turban oder Gugel gekrönt; ähnlich der Kirchturm von Ohlstadt, aus dem es von fernher läutet. Der Turm der Kirche des Marktes Murnau, die dem heiligen Nikolaus geweiht ist, spielt eine lockere, eine närrisch gebauschte und wieder zu bizarren Taillen eingezogene Figur in die leichte Luft hinauf, als wäre hier China ober die Türkei. Haben ober- bayerische Bauern den exotischen Aberwitz, der dieser Landschaft so gut zu Gesicht steht, aus den barocken Kriegen kurfürstlicher Zeit nach Hause gebracht — aus Kriegen, die den Sultanen der Moslim, den Minareten und dein Halbmond galten? Vorgestern stand Nebel bis an unsere Augen, Lippen und Nasenflügel. Gestern war der Himmel grau, die Landschaft deutlich und matt; fast schrecklich kenntlich war sie wie der Tod. Die Tannenwälder standen an den Abhängen der Berge, wie mit Tinte gefärbt. Heute reift die Sonne weißglühend wie im Juli an einem Himmel hin, dessen makellose Bläue dem homerischen Purpur des mittelmeerländischen Himmels zugehörte. Noch der Abend ist warm. Das Jahr will feine Einheit weisen: vom Winter zum Sommer, vom Frühling zum Herbst ist es nicht weiter als von dieser Landschaft bis zu ihr selbst hin — an diesem Tage; jetzt vereint sie alle Jahreszeiten, und alle Jahreszeiten werden das Nämliche. Die fchnee- ichten Zinnen der Alpen sind von einem zärtlichen Duft überspannen, und seine silberne Lieblichkeit verspricht einen schönen Morgen. Wir freuen uns, denn wir hoffen ... Nun malt die niedergehende Sonne mit später Leidenschaft das kalte Gehege der Gipfel feurig; erst malte sie es rosarot; jetzt malt sie es röter; letzt hebt sich die Röte, immer mehr gerötet, schon scharlachrot und nun schon himbeerfarben, in berglose Höhen. Sie scheinen ein zwar ungeformtes Dickicht widerständiger Atmosphären darzuhalten, damit das Rote, das die Rippen und Grate der Berge verließ, in wegelosen Himmelshöhen sich noch zu lagern vermöge. Abwärts bis zu den Scharten der Alpen hat sich derweilen eine Zone (amenbelblauer Lust ge- bilbet. Sie ist süß unb kalt; sie bezaubert unb sie macht unruhig. Ich blick« gen Westen. Ueber der finfenben Sonne ist ber Himmel mit einemmal schweflig; Wolkenstreifen, unversehens aus bleigrauen Flocken mit orangefarbenen unb golbenen Rändern stehen in seltsam genauen Geraden — wie nach verdächtigem Plan. Der stille Staffelfee am Anfang der nördlichen Ebene spiegelt in mannigfachen Buchten gründlich das Feuer und Grau eines abendlichen Himmels. Die erste Dämmerung haucht mich mit einem Obern an, ber bie verführende Wärme und die Schrecken heimlichen Fiebers hat ... Ich weiß, was dies bedeutet. Es sagt, daß dieser schimmernde Tag ein triumphierender Betrug gewesen ist. So kündet sich der Sturm kommender Mitternacht, ber die Ziegel des Hausbachs wie Herbstblätter Verblasen wirb. Um die vorletzte Stunde werde ich vom Bett aus durch bas Fenster schauen: keiner der Sterne, die jetzt über den teerofengelben Schlüsselblumen treulich blinkend ausgehen, wird geblieben sein; sie werden mich Verurteilten verleugnet haben, und aus dem schwärzesten Himmel wird der nervenerweichende Föhnwind nieberfegen. Gegen die Frühe wird es regnen. Uebermorgen wird es schneien; es wird ein Gestöber ohnegleichen fein. Es ist beschlossen ... Noch zaudert der Tag in die Nacht zu vergehen. Die uralte Glocke der Kapelle ob dem Moos tut ihr Abendläuten. Sie hat den Ton einer Kuhglocke; es Ift als bete in ihm die unvernünftige Kreatur. Aber die alle Glocke ift auch zersprungen. Sie ist zersprungen, wie seit den Tagen ihres Gießers das einige Mittelalter zerfpellt ist; sie ist rissig wie unser Glaube. Ich weih keine Glocke, deren Ton mich heftiger beträfe. Schier raffelt er; er ist heiser; er schellt, als wäre der Klöppel das böse Gewissen von Jahrhunderten zur Freude Satans — so auch; mit jedem Schlag des Schlägels zerschellt der Ton der Glocke wieder, und jedesnwl zerreißt er die Seele. Jetzt geht bas große Abendläuten der Marktkirche weicher und reicher auf. Es wäre die Stunde, einige Schritte in den Markt zu machen und einen Steinkrug braunen Biers zu trinken. Langsamen Schrittes gehe ich hinab, hinüber und wieder auswärts. Die Häuser bewohnen die steigende Straße mit breiten Fronten und durchaus umgegiebelt; sie stehen wie eine lateinische Häuserzeile, mit klarer Antiqua geschrieben, und die Haupt- R meines Marktes Murnau bestätigt der Ludwigstraße zu München htheit des Daseins. Auf ihrer Marmorsäule steht marmorn unb mürb Maria mit dem Kinde. Sankt Georg, ber Drachentöter, sprengt in gläsernem Käfig über den Eingang einer Nebengasse; am Rathaus, das zwischen den heiteren Launen roter, blauer, gelber, violetter Bürgerhäuser mit schneeweißer Würde festfteht, ist Ludwig der Bayer gemalt der auch an dieser Stätte des heiligen römischen Reiches Kaiser war, und in flacher ; Nische daneben windet sich heraldisch ein schwarzer Wurm mit goldenen ! Borsten: Salamander, Molch, Lindwurm, Moordrache — er ist, was er ; auch sei, das Wappentier des Städtleins. Uni mich geht ein Geruch von frischem Ochsenblut, von Rauchfleisch und von Malz. Wie ich die gescheuerte Bank der Bräustube räume, taumle ich mit müden und heißen Augen über schwere Wolkentreppen in einen krummen und brandroten Mond. Der Mond ist aufgestanden: um die gestaffelten Giebel des Schlosses, um die barocken Schnörkel des Turms von Sankt Nikolaus begann bereits fein wütendes Karussell. Grabkreuze ragen weiß. Drinnen liegt am Seitenaltar auch zu dieser Stunde, da niemand Einlaß findet, der gläserne Sarg der heiligen Viktoria; unbeweglich, indes vielleicht von einem frommen Strahl des trag schweifenden Mondes gestreift, ruht auch jetzt das brüchige Gerippe in seinem köstlichen Kleid aus spinnwebfeinem Tüll, goldenem Brokat und böhmischen Steinen, und auch zu dieser Zeit ist die knöcherne Rechte mit der Palme des Martyriums geehrt: auch nun ist der schneeweiße Stucco im süßen Jubel aufgeschwun- s gen — ein Tanz von Engelsbeinen, der zierlich geschwellte und zierlich gehöhlte Arm einer Seligen, die wehenden und golden gesäumten Hemden des Paradieses, das himmlische Gewölk unter dem Finger und dem weißwehenden Greisenbart des Schöpfers in excelsis ... Ich gehe vorüber, mondwärts trabend. Schon liegt mir, den unreinen Mond badend, der Riegsee drunten, und seine sanften Ufer, gleichsam blond selbst in diesem Schein, wollen mich auch im Licht der Nacht wie mit dem harmloseren Wesen schwäbischer oder fränkischer Landschaft beschwichtigen. Links hin- ! aus breitet sich mit Inselchen und kurvenreichen Strand der milde Staffel- • fee zur Ruhe eines moorigen Teichs in die leere Ebene. Doch nicht, was ich an diesem überschwänglichen Tage gesehen habe und noch sehe, bewegt mich melancholisch Heimsuchenden in dieser Nacht am meisten: vielmehr was heute nicht gewesen ist — wie ich nun aus verjährter Gepflogenheit stets dort bin, wo ich nicht bin, und dort nicht bin, wo ich bin. Mich hält die Vorstellung verzaubert, die den innigsten und beständigsten Sinn dieser Landschaft umschwärmt, in der das ganze Oberland wie in einer idealen Mitte sich sammelt; die inwendige Vision i von jenem Himmel, den mir über den zwiefach stürzenden Heldentod der : Zugspitze heute nicht, sonst aber oft, beinahe täglich sehen durften. Dort, - wo das bayerische Land an die Grenze des tirolischen stößt, liebt es der • Himmel mit unbeschreiblicher Laune, nilgrün zu sein, bevor der Abend i einsinkt, und rosengelbe, rosenrote, fischgraue, erdbeerfarbene Wölkchen schwimmen zu lassen. Dort ist die echte Heimat des Föhns, der das Zeichen dieser Landschaft ist. Jener nun geträumte Himmel hat die Kirchen dieses Landes gemalt; die Farben des Barocks find die Farben jenes Himmels. Das passionierte Wehen zwischen Schnee und Glut, das Wehen des Föhns, des schmelzenden und formenden, hat die barocken Gewinde des Stucks gebildet. Scheinen sie nicht zu vergehen, während sie sind — und verweilen sie nicht, indem sie wehen? Nun ist es finster um den senkrechten Sturz jener großartigen Kante, an der die oberbayerische Landschaft auf ihrem Wege gen Süden anhält. Aber in wenigen Tagen, vielleicht schon Stunden, werden Farben dort wieder ihre märchenhafte Zweideutigkeit auftun, die so metaphysisch und so sinnlich ist wie das Barock der Kirchen dieses Landes: Farben des föhnigen Himmels, aus deren fraulicher Süßigkeit mein immer, immer nördliches Exil sein bißchen Leben zieht. Die FentralfchalLstsUe des Leibes. Das Institut für hirnforfchung. Von Dr. Erich Gutkind, Berlin. Fast an die Geheimkulte vergangener Zeiten erinnern jene kleinen Konventikel, in denen eine Schar Eingeweihter auf den höchsten unzugänglichen Gipfeln der Wissenschaft ein entrücktes Dasein führt. In Laboratorien, umgeben von phantastischen Instrumenten, Tag für T«g geniale Erfinder unerhörter Methoden, mit denen wir Natur bezwingen, übersteigen, so schafft eine kleine Schar das Weltbild einer neuen anderen Zeit. Auf unserer Wanderung durch diese Wunderwelt, die mitten in dem Ueberschwang der Riesenstadt verschwiegen lebt, betreten wir ein altes, häßliches Haus. Nichts verkündet von außen, was hier vorgeht. Und wir finden ein Stück ruhmreicher Forschung, das „Kaiser-Wilhelm-Jnstitut für Hirnforschung und das Neuro-Biologische Institut der Universität". Leider eingepfercht in unzulängliche verwohnte Zimmer. Forscher sind hier mit Inbrunst bemüht, in Gebiete vorzudringen, nicht minder unzugänglich als die polaren Eiswüsten. Und ihre Hingebung, mit der sie unermüdlich unsägliche Einzelheiten beobachten, von denen aber auch nicht die feinste ihrem geübten Auge entgeht, ist nicht minder verehrungswürdig, als die gefeierten Erfolge des Wagemuts. Schwer vermag sich der Laie vorzustellen, wie ein kaum noch bemerkbares Detail außerordentliche Einsichten eröffnen kann. Der Leiter des Instituts, Professor Oskar Vogt, informiert uns, daß dieses Unternehmen vorläufig noch nicht irgendwo seinesgleichen hat. Ein von ihm kürzlich in Moskau geschaffenes zweites Institut für Hirn- forfchung hat noch keine eigene Geschichte. Professor Vogt arbeitet mit feiner Gattin, einer ebenfalls längst bekannten Autorität. Ein Stab von Mitarbeitern, darunter viele Damen, leiten zahlreiche Unterabteilungen. Nun sehen wir eine Unzahl von Gehirnen, normale, kranke, tierische. Wir sehen, wie die Gehirne, von Alkohol gehärtet, in Paraffin gebettet und mit Mikrotomen in Schnitte zerlegt werden, die in einer Dünne von einem Fünfzigstel Millimeter ausgeführt werden können. Raffinierte Färbemethoden taffen bann den feinen Zellenbau hervortreten. Mikrophotographische Apparate machen Aufnahmen der feinsten Stuktur. Eine eigene kleine Druckerei erlaubt, die Präparate unmittelbar auf Drucktafeln zu übertragen. Und wir sehen Tafeln, Photos, Präparate, Schnitte, in verwirrender Anzahl, musterhaft geordnet, fo daß jeder Einzelsall sofort auffindbar ist. Die Photos erinnern uns fast an jene Aufnahmen, die unsere Riesen, fernrohre von den Sternemvelten machen. Beim Anblick dieser Zell- schwärme denkt man an die Photos der Milchstraße mit den Wolken von Sonnen. Und vielleicht ist der Bau des ganzen Fixstern-Systems recht ein. fach im Vergleich zu dem Bau auch nur eines Gehirns. Diese große Einsicht veranlaßt Vogt zu der Meinung, daß unser Gehirn in seiner Kompliziertheit sehr wohl fähig sei, dem Reichtum unseres Seelenlebens zu entsprechen. Diese Meinung ist nicht unwidersprochen geblieben. Krae- pelin und Hoche protestieren. Hoche meint, daß insbesondere eine ein- heutige Beziehung der einzelnen geistigen Vorgänge auf bestimmte Strub turefemente des Hirns nie gelingen werde. Vogt ist sich wohl im Klaren, daß Seelen- und Geistesleben etwas total Wesensanderes ist als Gehini- vorgänge. An eine Wechselwirkung dieser beiden Reiche zu glauben, ist philosophische Barbarei und zerstört jede strenge Forschung. Bogt bleibt besonnen bei der Theorie vom Parallelismus von Körper und Seele stehen. Vorläufig ein ausreichendes Prinzip, um Hirnbiologie treiben zu können. Wer fragt, wo im Gehirn denn nun die Seele zu'finden fei, ist wie einer, der ein Klavier in feine Teile zerlegt, um „die Musik" darin zu finden. Hätte er das Klavier als unzerlegbare Einheit, als Gestalt erschaut, so wäre ihm auch die Musik nicht unauffindbar geblieben. Also wohl werden wir in diesem Institut in ein Zentrum geführt, aber nicht in ein philosophisches oder ein psychologisches, sondern in ein biologisches. Die Forschung befaßt sich zur Zeit stark mit der Großhirnrinde, jener gefurchten Schicht, die auch der Laie als 'bas charakteristische Bild des Hirns wohl kennt. So wie etwa ein Tuch zusammenge knüllt in einen engen Raum gepreßt werden kann, so hat die Natur hier einen Weg gefunden, eine große Fläche in der Schädelkapsel unterzubringen. Aus- gebreitet dehnt sich diese Fläche auf einen halben Quadratmeter aus, Größe und Gewicht des Hirns ist, von extremen Schwankungen abgesehen, nicht so entscheidend, wie man früher glaubte. Auch nicht die Relation zum Körpergewicht. Eher schon die Durchbildung ber Furchung. Das wahrhaft Entscheidende aber liegt in der feineren Struktur. Diese Rind« ist so recht ein Privileg höherer Arten, denn die niederen haben an ihrer Stelle nur eine Vorstufe davon, ein membranartiges Häutchen. Zu Beginn des Jahrhunderts kannte man auf dieser Rinde etwa zehn „Zentren" Das find Partien, von denen aus bestimmte Funktionen versorgt werden, wie Gehen, Sehen, Sprechen, Bewegung der Finger. Heut kennen wir bereits etwa dreihundert solcher Nindenzentren. Diese Zentren sind schay umgrenzte Gebiete, von einigen Quadratmillimeter Ausdehnung, in denen man etwa zehn verschiedene Schichten unterscheiden kann. Jede dieser winzigen verwickelten Welten hat eine besondere charakteristische Funktion. Wegen der Einheitlichkeit dieser Funktion, die an je solchen wunderbaren Staat gebunden ist, spricht man von „topistischen Einheiten" Auch alle Krankheiten, so weit sie mit dem Gehirn zusammenhangen, haben eine Beziehung zu solchen „topistischen Einheiten". Wir sehen in einem Rinden-Dünnschnitt einige winzige Veränderungen, — ein Kranker, der an Zwangsweinen und Lachen litt. Einige haarfeine Durchlöcherungen eines kleinen Gebietes, — ein Paralytiker. Einige solcher topistischen Einheiten sind 'deutlich ausgefallen, — ein Patient, der nut noch über zwanzig' Worte verfügte, die er auszusprechen vermochte. Dam bas berühmte „Sprachzentrum". Auch hier alles viel verwickelter, als man annahm. Sprachstörungen durch Verletzung dieses Zentrurns dürfe« nicht voreilig gedeutet werden. Ein Vergleich mag es verdeutlichen. Die Uhrfeder treibt die Uhr an. Aber wenn ich ans der Uhr auch andere Teile als die Feder entferne, bleibt die Uhr stehen. Das „Sprachzentrum" ist nicht die Uhrfeder. Beim Papagei find diese Partien schlecht entwickelt ein Beweis, daß es nur ein scheinbares Sprechen ist. Bedeutsam sind auch die Ergebnisse der vergleichenden Forschung. Embryonen-Hirne zeigten, 'daß sich H a e ck e 1 s „biogenetisches Grund gefetz" keineswegs bestätigt. Es fanden sich bedeutende Abweichungen Mit der Stammesgeschichte und spezifisch menschliche Bildungen, die in bet Deszendenz nicht vorkommen. Das Geruchsgebiet ist beim Mensche« gegenüber dem Tier, zum Beispiel dem Hund, keineswegs degeneriert, nut das Aufmrhmeorgan, der Riechkolben ist erheblich schwächer gebaut. Dagegen ist die höhere Verarbeitung der aufgenommenen Eindrücke viel stärker ausgebildet. Man ist anfangs überrascht, im Institut sorgsam ausgebaute Abteilungen für Jnsektenforschung zu finden. Profeflor Vogt geht davon aus, daß gewisse Einsichten sich zunächst leichter außerhalb der Hirnsorschmg finden lassen. Diese Resultate werden dann versuchsweise auf die Gehini- biologie übertragen. So finden sich in dem Variieren gewisser Jnsektm- arten die Gesetzmäßigkeiten, die bei pathologischen Vorgängen im Gehirn wiederkehren, und zwar besonders in der Reihenfolge, in der die feinen Strukturelemente befallen werden. Wir befinden uns hier in der NW der de V r i e s scheu Mutationslehre, jener Quantentheorie der Biologie. Anstelle der alten Lehre: „Die Natur macht keinen Sprung", tritt die. neue „Die Natur macht nur Sprünge". Und — ewige Wiederkehr !e- Gleichen — sogar -der große Universalienstreit des Mittelalters wird weder lebendig. Sind unsere Allgemeinbegriffe nur abstrakte Sammelnarrwn für individuelle Fälle, die das einzig Wirkliche sind, ober sind sie reait Mächte, Wesenheiten. Fast scheint es, als ob die Biologie sich für W llSefenheiten entscheidet. Zur Entscheidung hat Vogt mit fast erschrecken-M "Zähigkeit Hunderttausende von Insekten, besonders Hummeln, auf feimte individuelle Abweichungen unterfucht. Das praktische Ziel dieses wisier- schaftlichen Heroismus ist die Gewinnung einer anatomischen Gnmdlog« der Geisteskrankheiten. Es scheint, als ob schädliche Reize, die diffus ganzen Körper befallen, sich immer wieder in relativ wenigen der „top' stischen Einheiten auswirken. Das ermöglicht nicht nur eine KlafsisiM' rung der Geisteskrankheiten, sondern gibt, wenn auch noch fern, die W; nung einer Chemotherapie, denn die Anfälligkeit dieser winzigen Gebnie hängt zuletzt wohl von ihrem physiologischen Aufbau ab._ Der zusammenfaffenden intuitiven Gestaltenschau möchte das W wohl mehr als ein Schaltwerk, denn als schöpferische Werkstütte, w | scheinen. _ Verantwortlich: Dr. Hans Thyr io t. — Druck und Derlag: Brüh l'sche Universitäts-Buch-und Steindrucker ei, 2t. Lange. Gießen,