Samstag, den 7. Januar Nummer 2 Jahrgang 1928 Sä Eichener ZamilieiibMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Stille See. Bon Leo Sternberg. Es ebbt die Flut ... Die Meerfrau ruht mit weißem Leib auf glattem Riff. Tanggrünes Band durchfpielt die Hand. Im Blauen fährt das Wolkenfchiff. Die Bucht umfelft. Ans Land gewälzt des bauchigen Boots gebleichter Klei. Der Frjcher träumt hinaus ... Es schäumt und zischt des Wellenrandes Spiel. Orangen glühn auf pfauengrün gewellten Wogen Segler weit ... Nicht länger zieht die Möwe mit und läßt fie der Unendlichkeit ... Hein Oi und der Düwel. Don Hans Friedrich BI u n cf. Es tuar einmal ein Schuster in der Stadt Kiel, der hieß Hein Oi. Er wohnte nur drei Häuser vom Rathaus entfernt und hatte sich bis über die Ohren in des Bürgermeisters Tochter verliebt. Ihr könnt euch denken, daß küe Liebe unglücklich war. Hein Oi hat jedoch den Mut nicht verloren, er hat sich Tag und Nacht bedacht, wie er di« schöne Sott« doch noch gewinnen könnte. — Nun hat Hein Oi eines Nacksts bei Vollmond sehr spät vor seiner Tür gestanden, vielleicht hat er nickst schlafen können, denn es war ein sehr schwüler und heißer Tag gewesen. Da ist es geschehen, daß die Witte- frtt mit einem großen Zug Vögel vorbeikam. Das war ein Zirpen und lelfes Schilpen und Singen dazu, man mußte feine Lust daran haben. Wie Hein Oi aber noch die Augen aufreißt, kommt die gute Frau selbst auf ihn zu und bittet ihn, ein wenig Wasser für die Tiere hinzustellen. „Gewiß", sagt der Schuster eilfertig, bringt einen großen Eimer voll, im>d es ist eine Freude, zu sehen, wie die kleinen Tiere darüber her- flattern. Hein Oi ist sehr vergnügt über seine gute Tat, er tritt neben die Wittefru und wartet ja nun auch, daß er drei Wünsche tun darf. Aber die Holdselige sagt und sagt nichts, sie hat ihn wohl ganz vergessen. Da wird er bange, daß er um sein Glück kommt, er räuspert sich und kratzt sich vernehmlich hinter!» Ohr. „Schlechte Zeiten, Fvu Gode!" fängt er an. „So?", sagte sie milde und lockte die fernen Vöglein, die das Wasser nach nicht gefunden haben. „Das Bier wird immer teurer, und die Kunden sehen sich alles an und kaufen wieder aus dem Laden." Die Wittefru nick! freundlich, aber es ist, als wollte sie ohne Dank bei Hein Oi vorbeiziehen. Dem wird bald heiß, bald kalt. „Ich möchte —" lagt er da tapfer und sieht verlangend Frau Gode an. „Was möchtest du denn?" fragt sie gewährend, „aber bedenk« es gut." Da merkt Hein Oi, daß er einen Wunsch frei hat, aber er ist schlau nnd will drei draus machen. „Ich möchte," sagt der Schuster, „daß jeder, der auf meinen Stühlen anprobiert, so lange kleben muß, bis er was gekauft hat." Er grinst ein wenig, er hat nämlich drei Stühle. Frau Gode nickt und seufzt, aber vielleicht hat sie von Hein Oi keinen besseren Wunsch erwartet. Dann lockt sie di« Bögel, und sie wandern wie in gläsernem Mondlicht von dannen. — Na, das ging ja von nun an hoch her im Schusterladen. Gleich den ersten Vonnittag ruckt und druckt di« Kundschaft auf den Stühlen herum und wählt dies und das, und wahrhaftig geht keiner von bannen, ohne daß nicht ein paar Stiefeln mitwandern. Kaum kommt Hein Di noch zum Flicken, fo viel hat er zu tun. Zwischendurch aber rechnet er aus, wie rasch reich fein wird, und wann er sich in den Rat wählen lassen will. Und er träumt weitv oraus, wie er den Herrn Bürgermeister zwicken unb zwacken wird, bis der eines Tages selbsteigen in seinen Laden kommt und ihn fragt: „Hein Oi, das beste ist doch, wir vertragen uns. Wie wär's, wenn du meine Tochter zur Frau nähmst?" Wie ber Schuster nun so vergnüg! hin und her denkt und bl in .zelt m»d in den Schrank langt und seine Schläue aus ein Schlückchen hoch- feben läßt — ausgerechnet da kommt die schöne Sötte, von der er eben träumt, aus feinen Laden zu... Na, er Flasche und Mas kopfüber in» Schapp hinein und mit einem Kratzfuß die Tür aufgeriffen. „Ach," sagt das Fräulein etwas hochmütig, „ich will mir nur fünf ein Paar Tanzschuhe aussuchen, was hat der Meister denn auf Vorrat?" Spricht's und fetzt sich auf einen der drei Klebstühle, daß Hein Oi gans kunterbunt zumute wird. „Ach du lieber Gott," stöhnt er, „Tanzschuhe habe ich nun gerade nicht da, sind alle ausverkauft. Aber ich will gleich Maß und Elle holen!" Und er sieht mit einem langen Seufzer auf den Schuh der schönen Sötte, der unteren Rock herauswippt. Ob er's bis zum Abend machen könne? fragt die Jungfer. Ra, er wolle fein Bestes tun! sagt Hein Oi flink. Das genügt der schönen Sötte aber nicht, sie will weitergehen. Heut abend ist ein Prinz da, da muß sie bestimmt die allerschönsten Schuhe haben. Mit dem Aufspringen ist es aber nichts. Ser Stuhl hoppi ein wenig, aber die schöne Sötte mutz sitzen bleiben und Hein Oi rennt in Todes- angst umher. Er kommt mit zwölf Schuhen angelaufen, er beschwört da» Fräulein, dies Paar und das Paar nur eben zu versuchen. O, er schlägt märchenhaft billige Preise vor, er hat ja ein schwefelgelbes Gewissen und hat die einzige Hoffnung, baß die schön« Softe sich mit einem Kauf vom Stuhl ablost. Aber die Jungfer ist hochfahrend und dun-kelrot vor Zorn. Si« rückt und drückt und meint, ber Schuster wolle sie narren Und am Ende sprüht sie ihn nur so an, hebt verzweifelt ben Bock hoch, wirft ein Tuch darüber und trägt ihn hinter sich schnurstracks zu ihrem hohen Vater aufs Rathaus hinüber. Wie Hein Oi nun währenddes alle klebenden Stühle verwünscht rmd doch die anderen zwei mit zollangen Nägeln in den Boden schlägt, da- mit sie ihn nicht mehr aus dem Hause getragen werden, kommt auch schon der Bürgermeister angehumpelt. Er ist so dick, daß man m Kiel sagt, ber Düwel habe ihn schon zweimal holen wollen, aber nicht mit» schleppen können, und hat ein puterrotes Gesicht vor Zorn. Aber er ist ein ebenso gestrenger wie gerechter Herr, und weil es eine peinliche Sache ist, läßt er die zwei WNtsschreiber noch vor der Tür zurück. Er schnauft ja schon mächtig, ber Bürgermeister, wie er bei Hein Oi in den Laden tritt, und sieht sich nach einem Platz um. Der Schifter will ihn gerade noch warnen, da setzt er sich auf ben zweiten Stuhl, und Hein Oi steht mit hängenden Ohren da und gibt heimlich zu, daß er heute noch am Galgen hängen müßte. Der Bürgermeister räuspert sich noch eine Weile, bis er wieder Lust hat, bann fragt er von unten herauf, was beim Donnerwetter Hem Di in die Krone gefahren fei. Und er schwingt ben silbernen Knüppel und will sich erheben und brüllt, ob ber Schuster nun augenblicks und in Drei Düwels Namen seiner Sötte bas doppelte Gesäß roieber abnehmen wolle? Hein Di ist ganz ergeben in sei» Los. Er kann nicht einmal das Grinsen lassen, und wie der Bürgermeister das sieht, will er hoch und der Sdfanbe an die Kehle fahren. Da hoppt er aber nur, als habe ihn der Schlag gerührt. Und er merkt jetzt selbst, in dieser Schusterei wird gehext. Was er denn in Kuckucks Namen eigentlich wolle? fragt ter Bürgermeister, so verdutzt ist er. „Ach," sagt Hein Oi, „ich hab' mich so in die schöne Satte verliebt. Und ich möchte sie zur Frau haben", sagt Hein Di auch. Er ist jetzt ganz frech, er wird ja doch hängen müssen, denkt er. Der Alte schreit wie ein Stier, und die zwei Amtsschreiber hören es durch den Türspalt, treiben bas Volk von allen Fenstern und lassen keinen näher. Ist aber doch einer bei ihnen vorbeigekommen, und bas ist nicht ihre Schuld. Wie sich die zwei Bullerbässe nämlich gerade noch wegen ber schönen Sötte anschrein, ist ein dritter feiner Herr in den Laden getreten, und als der Bürgermeister ihn sieht, hält er mitten in einem langen Fluch an und wird so weiß, wie er rot gewesen ist. „Ist hier wohl von Schuhputzen die Rede?" fragte ber Teufel lächelnd, der ist es s a. „Gewiß werden hier auch Schuhe geputzt", sagt Hein Di grob und spuckt dem fremden Herrn gleich auf die bestaubten Schnabelspitzen, und er solle sich nur setzen, er käme auch noch daran. Da ist ja kein anderer Stuhl da als der dritte, und Bellhorn, ber Düwel, setzt sich. Inzwischen hat der Bürgermeister wieder Luft gekriegt, aber ihm grimmelt und wimmelt es vor ben Augen, er weih wohl, weswegen der fremde Herr kam. „Hein Di," stöhnte er, „hör' mal zu!" Der scheint ihm auf einmal ber einzige, ber noch helfen kann. „Hein Oi, alles, was du haben willst, meinetwegen auch die schöne Sötte." Er merkt ja, daß dieser Di ein Zauberer ist, und so einer ist vielleicht doch gut in Rot und Stadtregiment. Gerade zu ber Zeit ist draußen auf ber Straße allerhand Lärm. Ach, die arme Jungfer Sötte kommt noch einmal in Hein Dis Loden herübergewandelt. Sie hätte sich ben Weg durch das Volk gern gespart, aber wie ihr Vater nicht heimkommt, hat sie eine Ahnung. Äs wenn auch er in große Rot geraten sei. Sie tritt in den Laden, erkennt auch gleich den Fremden und setzt sich voll Grauen ganz still auf ihren mitgebrachten Sticht. Und sie merkt, daß sie einen von beiden erweichen muß, Hein Di oder den Düwel. Da scheint es ihr doch besser, sich mit dem stolzen Schuster zu vertragen. „Hein", sagt sie und weist zum Düwel hinüber. „Sitzt der auch fest? „Gewiß sitzt er," sagt der Schuster mutig, „und er soll wohl sitzen bleiben." „Was?" sogt der Bös« und will hoch und knattert und rattert und vergißt seine fürnehmen Kleider. „Hein!" sagt die schöne Sötte, „wenn der hier kleben bleibt, und Baker und ich deine verwünschten Stühle loswevden, dann tanz' ich heut abend mit dir statt mit dem Prinzen." „Kann geschehen", sagt der Schuster und hält ihr treuherzig die Hand hin, er ist und bleibt ja ein vorsichtiger Mann. Da ist der Vertrag ja nun eigentlich fertig, und Hein Di tut wie ein Zauberer und fängt an, der Jungfer und dem Dicken jedem ein neues Paar Stiefel anzupassen, sehr kurz bei dem Dicken und ganz langsam bei der Jungfer Dott. Und er verlangt drei Gobdpfennige und sie bezahlen und begreifen immer noch nicht, warum er's will. Wie sie jedoch wieder einmal rücken, sind sie wahrhaftig vom Stuhl los und im großen Bogen um den schwefligen Düwel zur Tür. Nur der Bürgermeister kriegt fast noch einen mit der Schwanzquaste an den Kopf, solche Wut hat der Böse. Na, kaum sind die drei draußen, geht ja ein großes Halloh los. Der Bürgermeister fällt Hein Di um den Hals und verkündet, der Schuster hab« den Düwel gefangen. Und der Rat der Stadt tritt zusammen und beschließt, einen riesigen Graben um Hein Dis Haus zu ziehen; mit Feuer meinen sie ja, 'könnte man dem Düwel nicht zu Leibe. Und sie graben gleich einen richtigen neuen Hafen darum, und die ganze Stadt wird zur Hochzeit eingeladen und vierzehn Tage lang haben sie gefeiert, so vergnügt sind sie in Kiel, den Düwel gefangen zu haben. Dschunkenfahrt ans dem Nonnistrom. Von Dr. Hans Maier, Leipzig. Der Leipziger Geograph Dr. Hans Maier, der vor kurzem von der Deutschen Helung-Kiang-Expedition zurückgekehrt ist, stellt uns den folgenden Bericht über einen interessanten Teil der Reise zur Verfügung. Lange Wochen hatten wir in der modernen Großstadt Harbin warten müssen, bis wir unsere Reise in das Innere des Landes antreten konnten. Drei Monate nach unserer Abfahrt aus Deutschland kamen wir endlich in T s i t s i k a r an, der Hauptstadt der Provinz H e l u n g k i a n g. Diese ist die größte Provinz Nordchinas, größer als Deutschland vor dem Weltkriege war, zählt aber nur etwa 5 Millionen Einwohner. Der Militärgouverneur General U h, seit Juni des Jahres 1927 Kriegsminister der Regierung Tschangtsolin, ist ein eifriger Förderer der Kolonisa- tion seiner Provinz, in die seit Frühjahr 1927 über eine halbe Million Chinesen, meist aus Schantung, eingewandert sein sollen. Es ist die größte Völkerwanderung der Neuzeit, die sich dort gegenwärtig vollzieht. Unser eigentliches Forschungsgebiet lag in den fast ganz unbewohnten Wald- und Berggegenden nördlich von Ölergen, das selber etwa 300 Kilometer von der letzten Bahnstation Tsitsikar liegt, und mit dieser durch eine Karawanenstraße verbunden ist. Diese Straße wird öfters von Hung- een, den berüchtigten Räubern der Manschurei heimgesucht, so daß der irsch dorthin nicht gefahrlos gewesen märe. Da sich in Tsitsikar die Gelegenheit bot, eine Dschunke zu mieten, die uns den Nonni aufwärts bis Morgen bringen wollte, so wählte Herr S t ö tz n e r, der Führer unserer Expedition, den ungefährlicheren Wasserweg, der uns aber leider einen Zeitverlust von 14 Tagen brachte. Wir versuchten, uns auf der Dschunke einzurichten, so gut das bei den äußerst beschränkten Raumverhältnifsen möglich war. Das Boot, das wegen widrigen Windes noch einige Tage in Tsitsikar festliegen mußte, war 16 Meter lang und 4s Meter breit, und hatte ein« Besatzung von 10 Mann, wozu noch unsere Expeditions-Gesellschaft mit fünf Köpfen kam. Am 29. Juli morgens 5 Uhr weckte uns der melodische Arbeitsruf der Kulis, die das Segel hißten. Kurz darauf brannte der Steuermann auf dem Vorderdeck das Feuerwerk ab, wie es die chinesischen Schiffer vor Antritt jeder Fahrt machen, um die bösen Geister zu verscheuchen. Da fast vollkommene Windstille herrscht«, muhte die Dschunke abwechslungsweise durch Stochern (Staken) mit langen Stangen von Bord aus oder durch Treideln, Ziehen mittels eines langen Seils vom Lande aus gegen den Strom foribewegt werden. Dabei fangen die Kulis eine monotone Melodie vor sich hin, nicht unähnlich dem bekannten Lied der Wolgaschiffer, ihrer russischen Kollegen. Der Nonni hatte hier eine Breite von über 100 Meter, stellenweise bis zu 300 Dieter, und eine ziemlich starke Strömung, gegen di« anzukämpfen unseren Kulis schwere Arbeit machte. Abends kam mäßiger Wind auf, der uns tüchtig vorwärts trieb. Setzte der Wind aus, so rief ihn der Steuermann durch Gesang und Pfeifen herbei, während Herr Stötzner am Mastbaum kratzte, wodurch bekanntlich bei uns die Seeleute den Wind heranholen wollen. Der Fluß, der sich durch die topfebene Stepp« dahinfchlängelt, war ziemlich belebt mit Dschunken und Flößen. Wir fuhren an Gehöften tun- gusischer Eingeborener vorüber, einen Stamm nicht chinesischer und nicht mongolischer Rasse, der hier meist in niedrigen Erdhütten wohnt, und vom Fischfang lebt, aber fast keinen Ackerbau treibt. Spät in der Nacht wurde an einer Insel Anker geworfen — wegen der Räubergefahr legten wir auch später immer nur an Inseln an —, worauf die Kulis sich an Deck schlafen legten. Die folgenden Fahrttage verliefen wie dieser erste. Jeder von uns ging seiner Fachbeschäftigung nach. Herr Stötzner gab Anweisung für die Kinoaufnahmen, der Photograph kurbelte, der Präparator schoß Vögel und präparierte, und ich saß fast den ganzen Tag am Bug neben dem Ankerspill, verfolgte den zurückgelegten Weg nach der Karte und Kompaß, und beobachtete die Landschaft mit dem Zeißglas. Das Leben auf dem Boot war ziemlich reizvoll. Ein meist wolkenloser blauer Himmel spannte sich über uns, die Sommersonne brannte, aber man konnte sich ja jederzeit durch ein Bad im Fluß erfrischen, nur bei Nacht quälten uns die Moskitos, und die Verpflegung war auch sehr mangelhaft, da unterwegs keine Lebensmittel zu kaufen waren. Der mitgenommene eiserne Vorrat aber durste nicht angegriffen werden, da er für die Landreife im unerforschten und fast unbewohnten Gebiet bestimmt war. So kamen wir später in Ölergen ziemlich ausgehungert und abgemagert an. Am fünften Tage unserer Fahrt erschien plötzlich in weiter Ferne ein mächtiger hoher Gebirgszug, hoch über den schimmernden Abendwolken. Ich hielt bas Bild zuerst für eine Luftspiegelung, eine Fata Morgan a, wie sie in der Mandschurei öfters vorkommt. Als aber das Gebirge immer klarer hervortrat, gab es keinen Zweifel mehr: Das war das etwa 280 Kilometer von uns entfernte Gebirge des Kleinen Chin- gan. Sogar die Bewaldung der Gebirgsflanken war mit dem Zeißglas auf diese ungeheure Entfernung deutlich erkennbar. Ober sollte hier ausnahmsweise bie ältere Karte recht haben, bie ben Verlaus unb die Lage dieses Gebirges ganz anders angeben, nur etwa 170 Kilometer von uns entfernt. Nach zehn Minuten wurde die Ferne dunstig, und bas Bilb Der- schwanb. Wir hatten auf bie Dauer weniger Minuten bas unbekannteste unb unerforschteste Gebiet Nordchinas geschaut. Am nächsten Tage fuhren wir aus ber Steppe in bas Hügellanb hinein, bas ben Rest eines alten Gebirgsrumpfes bilbet, ber einst ben Großen Chingan mit bem Kleinen oerbunben hatte. Der Fluh besitzt hier zahlreiche Stromschnellen, deren Ueberroinbung sehr schwierig war. Aber ber Steuermann behielt auch in solchen Lagen seine Ruhe. An einer gefährlichen Stelle ftanb am Ufer ein kleiner Tempel, unb ein Mann wurde ausgeschickt, dort zu opfern unb bie Wasser- unb Winbgötter günstig zu stimmen. Am Abenb gerieten wir in ein schweres Unwetter hinein. Wir hatten uns wegen bes Regens früh zur Ruhe gelegt unb alles sorgfältig abge- dichtet. Ser Regen wuchs zu einem Gewitter von furchtbarer Heftigkeit an. Balb war unsere Dschunke von flammenben Blitzgarben umtobert, und vom Donner umtost. Starke Windstöße erschütterten bas Boot, aber ber schwere Anker hielt es sicher fest. Aber unheimlich war mir ber Gedanke, an unsere 15 Meter hohe Mastspitze, die so leicht als Blitzfänger bienen konnte, unb an deren Fußende im Laberaum gerabc unsere Pul- verkiste mit einem Zentner Pulver ftanb. Es war wie ein Wunber, baß keiner ber im Adstanbe von Bruchteilen einer Sekunbe folgenben Blitze bei uns einfdjlug. Erst gegen Mitternacht kehrte Ruhe ein in ber entfesselten Natur. Eines Tages tarnen wir an einer Stelle vorüber, wo bie sonst recht brauchbare russische Karte von 1926 eine Eisenbahn verzeichnet, bie vom Norbufer bes Flusses etwa 45 Kilometer weit zu einem Kohlenbergwerk führt Ich erwartete eine belebte Jnbustriesieblung mit Lagerraum, 23er- ladeplatz unb wimmelnden Menschen zu sehen zu bekommen. Statt dessen sah ich die Reste zerfallener Gebäude, vor denen ein Dutzend zerbrochener, verrosteter Kippkarren einer kleinen Industriebahn lagen. Sonst nichts als kahle Steppe, tot und wüst, ein Bild ber Zerstörung bes Verfalls. Nur eine ärmliche Eingeborenenhütte ftanb am Ufer, vor ber sich der schlaue Bewohner aus zwei alten Kippkarren seinen Backofen gebaut hatte. Am vorletzten Fahrttage kamen wir an einigen Basaltfelsen und einem mit Hunderten von Nestern bedeckten Vogelfelsen vorüber. Da bie Dschunke hier halt machte, ließ ich mich burch ein Boot borthin rubern, um zu photographieren unb geologische Handstücke zu sammeln. Nach mehreren Stunden angestrengter Kleiterarbeit im brüchigen, aus alter Lava bestehenden Gefels kehrte ich zurück. Als ich um die Flußbiegung trat, sah ich unsere Dschunke soeben die Segel lichten unb weiterfahren. Ich mußt« nun ben Weg nach Ölergen zu Fuß zurücklegen, wobei ich zweimal bis zur Brust durch versumpfte, alte Flußarme zu waten hatte. Da ich Photo- graphenapparat, Kartentasche und etwa 30 Pfund geologische Pfundstllcke bet mir trug, die ich in den Händen hochhalten mußte, war dieser Weg durch die Sümpfe nicht gerade angenehm. Völlig erschöpft kam ich in der Nacht in Ölergen an, bem letzten Orte am Raube ber fast unbewohnten Wildnis. Ich wurde von ben chinesischen Kreisbeamten sehr liebensroürbig empfangen, trotz meines abgerissenen Aeußeren zu einem großen Mahle eingetaben, gastfreundlich bewirtet unb beherbergt. Zwei Tage später erst kam unsere Dschunke mit ben Kameraden an. Und nach weiteren fünf Tagen brachen wir von hier mit unserer Expeditionskarawane nach Norden auf. Der elektrische Mensch. Ein amerikanischer Bluff. Von Erich Brandt. (Nachdruck verboten.) Es ist zuzugeben, daß Amerika auf dem Gebiete ber Technik Großes geleistet hat — Franklin, Morse, Ebison unb anbere große Er- finber waren Amerikaner —, aber man bars keineswegs übersehen, baß die Technik ihre größten Auswüchse ebenfalls jenfeits bes großen Wassers gezeitigt hat. Eng verdunben mit ber Vorstellung von amerikanischem Wesen ist unb bleibt bas vielsagenb« Wort „bluff", bas auf deutsch soviel wie „fauler Zauber" bedeutet. Und obwohl bie Amerikaner in vielen Dingen so nüchtern unb sachlich urteilen, obwohl gerabe sie in mancher Hinsicht Sinn für technische Dinge zeigen, so sinb sie boch wieberum bie ersten, bie auf den Bluff ihrer eigenen ßanbsleute hineinfallen. Nirgenbs in ber Welt weisen daher bie Zeitungen auch nur annäfjemb so viele „Enten" auf wie im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten. So schwirrten beispielsweise seit geraumer Zeit geheimnisvolle Andeutungen von einem zauberhaften Wesen, genannt „Televox", ber elektrische Mensch, burch alle amerikanischen Blätter, unb vor kurzem erschienen spaltenlange ausführliche Berichte mit Silbern bes Ersinbers unb feines künstlichen Menschen. Das größte Wunder an dieser ganzen Geschichte ist, daß der Erfinder wirklich lebt; er heißt R. I. Wensley; fein Maschinenmensch ist leibhaftig auf einer Ausstellung in Neuyork zu sehen — nur ist er leider kein Mensch, sondern lediglich eine Vorrichtung, durch bie man mit Hilfe des Fernsprechers gewisse Zustände an irgendeiner anderen Sprechstelle erfahren und dort auch Vorgänge auslösen kann. Statt dies nun klar und deutlich zu sagen, wird die Darstellung so aufgebauscht, als sei das eiwas ganz besonderes, als habe der Erfinder ein Ei von gewaltiger Größe aus lauterem Golde gelegt. Die Leser aber werden durch solche Berichte vollkommen irregeführt. Der Gedanke, solche Einrichtungen zu schaffen, ist nicht neu, er ist Kzar schon lange auch in Deutschland in die Wirklichkeit übersetzt. So ben z. B. die leitenden Männer unserer großen Werke eine Einrichtung, durch die man mit dem Fernsprecher feststellen kann, ob sie frei sind oder etwa eine Sitzung, Besprechung usw. haben: Man wählt dazu mit dem Fernsprecher eine bestimmte Nummer, die man aus dem Buch ersieht, und erhält dann entweder das bekannte Frei- oder das Besetztzeichen, und zwar ohne daß der Angerufene davon irgend etwas bemerkt. Er wird also nicht gestört. Aus Amerika wird nun berichtet, der künstliche elektrische Mensch stelle aus Anruf den Wasserstand in einem Behälter fest und melde ihn dann durch Fernsprecher in Gestalt einer Reihe von Summerzeichen. Auch daran ist nichts besonderes: man braucht nur einen Kontaktstreifen von einem Schwimmer einstellen und ihn bei Anruf von einer sog. Bürste abfühlen zu lassen, in deren Stromkreis ein Summer eingeschaltet ist: Das ist eine Vorrichtung, die heutzutage in einer kleinen Zigarrenkiste Platz hat — aber irgend etwas Geheimnisvolles oder mit einem elektrischen Menschen gemeinsames hat sie nicht. Dan» wird berichtet, ein anderer elektrischer Mensch — jeder solcher Mensch übt nämlich nur einen ganz besonderen Beruf aus — öffne auf ein bestimmtes Wort eine Tür. Auch das ist nicht neu: Man hat z. B. auf Schiffen die Einrichtung getroffen, daß auf das Notzeichen SOS der Bordtelegraphist herbeigerufen wird: Die Vorrichtung spricht eben nur auf ! die Zeichenfolge SOS ...---..., aber auf keine andere an. So gut man nun durch das Ansprechen den Alarm für den Bordielegraphisten einschalten kann, kann man natürlich auch einen Elektromotor in Gang setzen, der eine Tür öffnet ober schließt, oder man kann den elektrischen Heizkörper einer Kaffeemaschine damit einschalten oder beispielsweise das elektrische Licht ober die elektrische Wohnungsheizung, damit es warm ist, wenn man nach Hause kommt. Freilich mit der menschlichen Stimme ist das schwer zu machen, und es geht auch nur bei der ganz bestimmten Person, auf deren Stimme der Empfänger abgestimmt ist, und auch dann nicht ganz sicher. Das haben die Herren Amerikaner auch schon gemerkt, und sie haben deshalb an Stelle der menschlichen Stimme Stimmgabeln, oder was auf dasselbe hinauskommt, Summer gesetzt. Sie sind also auf das zurückgegangen, was allgemein bekannt ist und sich auch anderwärts schon bewährt hat. Natürlich geben sie nicht zu, daß sie das der Schwierigkeiten wegen getan haben, sondern sagen, sie wollten der Verschiedenheit der Sprachen wegen so machen, damit die Einrichtungen in allen Sprachen der Erde verständlich seien. Der Selbstanschlußfernsprecher eignet sich in der Tat zu solchen Schaltungen, und ich glaube, wir werden nicht lange zu warten brauchen, bis wir — allerdings nur in Deutschland — sehr vollkommene Einrichtungen dieser Art haben werden, so die selbsttätige Feuer- und Einbruchsmeldung durch den Fernsprecher. Man kann nämlich durch Erwärmuna auf die allerverschiedensten Arten einen Kontakt schließen, z. B. indcin ein zwischen dem Kontakt liegender leicht schmelzbarer Körper herausschmilzt. Wenn sich so der Kontakt schließt, löst er ein Uhrwerk aus, und dieses Uhrwerk dreht ein Zahnrad, dessen Zahngruppen die Rusnummer der geuermad)« bilden, lieber die Zähne schleift nun eine Bürste, die die Stromstöße in die Fernsprechleitung schickt, die man sonst mit der Finger- kcheibe sendet. Die Feuerwehr wird also angerufen und erfährt durch ein besonderes Zeichen, wo es brennt. Sie wird in vielen Fällen erscheinen, ehe der Wohnungs- oder Geschäftsinhaber von dem Brande überhaupt etwas bemerkt hat. Eine zweite Scheibe trägt die Nummer des Ueber- fallkommandos der Polizei und ruft dieses herbei, sobald sich irgendein Langfinger auch nur an der Wohnungstür zu schaffen macht ober beispielsweise mit einem falschen Schlüssel aufzuschließen versucht. Auch diese Einrichtungen, die als durchaus betriebssicher anzusehen sind, haben in einer Zigarrenkiste Platz, auch sie haben ebensowenig etwas Geheimnisvolles wie etwa ein Fernsprechapparat. Aber wenn ein Amerikaner der beschriebenen Sorte darüber berichten würde, so würde er das so beschreiben, daß erstens kein Mensch wüßte, worum es sich eigentlich handelt, und den Aufsatz mit dem Gefühl aus der Hand legte, daß uns die Amerikaner wieder einmal um ein Erkleckliches in der Technik überholt hatten! Der Laie staunt natürlich über solche Berichte und der Fachmann wundert sich — aber nur darüber, wie man einfache und selbstverständ- llche Dinge so aufblasen kann. Leider sind die Berichte über Mr. Teleoox auch in deutsche Zeitungen mit ebenso unklaren Beschreibungen und mit Bildern übergegangen, die den Anschein erwecken müssen, als habe Mr. Televox wirklich eine men- sa-enähnliche Gestalt. Das ist sehr bedauerlich. Es ist besser, man be- 1 wahrt sich seine Nüchternheit und nennt das Kind beim wahren Namen. Mr. Teleoox ist kein Menschenersatz, sondern eine längst bekannte Anordnung, die sofort verwendungsbereit ist, sobald ein Bedürfnis dazu besteht. Ich möchte st« übrigens nicht haben, denn es besteht natürlich immer die Gefahr, daß liebe Freunde und Genossen einem, wenn man nicht zu Hause ist, im Juli die elektrische Heizung durch den Fernsprecher einschalten oder an Weihnachten alle Fenster öffnen, einem Mittags - sämtliche elektrischen Lampen anknipsen oder sonstige Scherze machen. Än ! ber Industrie aber braucht man auch keinen Televox, denn da hat der Be- । triebsleiter über seinem Schreibtisch selbstschreibende Vorrichtungen, die i ihm die Drucke in den verschiedenen Dampfkesseln, die Zusammensetzung : ber Rauchgase, den Stromverbrauch, sein Steigen und Fallen und alles, was er sonst wissen muß, viel genauer fortlaufend anzeigen als dies Mr. < Teleoox je könnte. ; Sen Ausführungen über Mr. Teleoox liegt dennoch ein ganz richtiges, । Wenn auch nicht neues Streben zugrunde, bas im wesentlichen eine Lei- ' tungserfparnls durch bessere Ausnutzung der FernsprechlMungen zu erreichen sucht, inbem sie zur Lösung weiterer Aufgaben heMgezogen wer- , ben sollen. Aber die Art ber Beschreibung ist, wie gesagt, Bluff, Humbug oder mit einem kerndeutschen Wort ausgedrückt: Mumpitz. ----------- 4 Das Fräulein von Seubert. Von E. T, A. H o f f m a n n. (Fortsetzung.) Während nun auf dem Greveplatz das Blut Schuldiger und 33er« bädjtiger in Strömen floß, und endlich der heimliche Giftmord seltener und seltener wurde, zeigte sich ein Unheil anderer Art, das neue Bestürzung verbreitete. Eine Gaunerbande schien es barauf angelegt zu haben, alle Juwelen in ihren Besitz zu bringen. Der reiche Schmuck, kaum gekauft, verschwand auf unbegreifliche Weise, mochte er verwahrt sei« wie er wollte. Noch viel ärger war es aber, daß jeder, der es wagte, zur Abendzeit Juwelen bei sich zu tragen, auf offener Straße ober in finsteren Gängen der Häuser beraubt, ja wohl gar ermordet wurde. Die mit dem Leben bavongekommenen sagten aus, ein Faustschlag auf ben Kopf habe sie wie ein Wetterstrahl niedergestürzt, und aus ber Betäubung erwacht, hätten sie sich beraubt, unb an ganz anberem Orte als da, wo sie der Schlag getroffen, miebergefunben. Die Ermordeten, wie sie beinahe jeden Morgen auf der Straße ober in den Häusern lagen, hatten alle dieselbe tödliche Wunde, einen Dolchstich ins Herz, nach dem Urteil ber Aerzte so schnell unb sicher tötend, baß der Verwundete keines Lautes mächtig zu Boden sinken mußte. Wer war an dem üppigen Hofe Ludwigs XIV., ber nicht in einen geheimen Liebeshandel verstrickt, spät zur Geliebten schlich, unb manchmal ein reiches Geschenk bei sich trug? Als ständen die Gauner mit Geister» im Bunde, wußten sie genau, wenn ! sich so etwas zutragen sollte. Oft erreichte ber Unglückliche nicht bas Haus, wo er Liebesglück zu genießen buchte, oft fiel er auf ber Schwelle, ja vor dem Zimmer ber Geliebten, die mit Entsetzen ben blutigen Leichnam fand. . Vergebens ließ Argenfon, ber Polizeiminister, alles aufgreifen in Paris, was von dem Volk nur irgend verdächtig schien, vergebens wütete la Regnie, und suchte Geständnisse zu erpressen, vergebens wurden Wachen, Patrouillen verstärkt, die Spur der Täter war nicht zu fälbelt. Nur di^. Vorsicht, sich bis an die Zähne zu bewaffnen und fick) eine Leuchte vortragen zu lassen, half einigermaßen, unb doch sanden sich Beispiele, daß ber Diener mit Steinwürfen geängstet, und der Herr in demselben Augenblick ermordet und beraubt wurde. Merkwürdig war es, daß aller Nachforschungen auf allen Plätzen, wo Juwelenhandel nur möglich war, unerachtet nicht das mindeste von den geraubten Kleinodien zum Vorschein tarn, unb also auch hier keine Spur fidj zeigte, die hätte verfolgt werden können. Sesgrais schäumte vor Wut, daß selbst seiner List die Spitzbuben zu entgehen wußten. Das Viertel der Stabt, in dem er sich gerade befand, blieb verschont, während in den anderen, wo keiner Böses geahnt, ber Raubmorb seine reichen Opfer erspähte. Sesgrais besann sich auf bas Kunststück, mehrere Sesgrais zu schaf- fen, sich untereinander so ähnlich an Gang, Stellung, Sprache, Figur, Gesicht, baß selbst bie Häscher nicht wußten, wo der rechte Sesgrais stecke. Unterdessen lauschte er, sein Leben wagend, allein in den geheimsten Schlupfwinkeln, und folgte von weitem diesem ober jenem, der auf seinen Anlaß einen reichen Schmuck bei sich trug. Ser blieb unangefochten; also auch von bieser Maßregel waren bie Gauner unterrichtet. Sesgrais geriet in Verzweiflung. Eines Morgen kommt Sesgrais zu dem Präsidenten la Regnie, blaß, entstellt, außer sich. — Was habt Ihr, was für Nachrichten? Fandet Ihr die Spur? ruft ihm der Präsident entgegen. — Ha — gnädiger Herr, fängt Sesgrais an, vor Wut stammelnd, ha, gnädiger Herr — gestern in ber Nacht — unfern des Louvres ist ber Marquis be la Fore angefallen worben in meiner Gegenwart. — Himmel und Erde, jauchzt la Regnie auf vor Freude — wir haben sie! — O hört nur, fällt Sesgrais mit bitterem Lächeln ein, o hört nur erst, wie sich alles begeben. Am Louvre steh' ich also, und passe, bie ganze Hölle in ber Brust, auf die Teufel, die meiner spotten. Da kommt mit unsicherem Schritt immer hinter sich schauend eine Gestalt dicht bei mir vorüber, ohne mich zu sehen. Im Mondesschimmer erkenne ich ben Marquis be la Fare. Ich könnt' ihn ba erwarten, ich wußte, wo er hinschlich. Kaum ist er zehn — Zwölf Schritte bei mir vorüber, ba springt wie aus ber Erde herauf eine Figur, schmettert ihn nieder und fällt über ihn her. Unbesonnen, überrascht von dem Augenblick, der den Mörder in meine Hand liefern konnte, schrie ich laut auf, und will mit einem gewaltigen Spunge aus meinem Schlupfwinkel heraus auf ihn zusetzen; da verwickle ich mich in den Mantel und falle hin. Ich sehe ben Menschen wie auf den Flügeln des Windes forteilen ich rapple mich auf, ich renne ihm nach — laufend stoße ich in mein Herz — aus ber Ferne antworten bie Pfeifen ber Häscher — es wird lebendig — Waffengeklirr, Pferbegetrappel von allen Seiten. Hierher, hierher — Sesgrais — Sesgrais! schreie ich, baß es burch die Straßen hallt. Immer sehe ich den Menschen vor mir im hellen Mondschein, wie er, mich zu täuschen, ba — bort — einbiegt; wir kommen in bie Straße Nicaise, ba scheinen seine Kräfte zu sinken, ich strenge die meinigen doppelt an — noch fünfzehn Schritte höd;stens hat er Vorsprung. — Ihr holt ihn ein — Ihr packt ihn, die Häscher kommen, ruft la Regnie mit blitzenden Augen, indem er Sesgrais beim Arm ergreift, als fei ber ber fliehenbe Mörder selbst. — Fünfzehn Schritte, fährt Sesgrais mit dumpfer Stimme unb mühsam atmend fort, fünfzehn Schritte vor mir springt der Mensch auf die Seite in ben Schatten unb verschwindet durch bie Mauer. — Verschwindet? Durch die Mauer? Seid Ihr rasend, ruft laut Regnie, indem er zwei Schritte zurücktritt unb bie Hände zusammenschlägt. — Nennt mich, fährt Sesgrais fort, sich bie Stirn reibend wie einer, ben böse Gedanken plagen, nennt mich, gnädiger Herr, immerhin einen Rasenden, einen törichten Geisterseher, aber es ist nicht anders, als wie ich es Euch erzähle. Erstarrt stehe ich vor der Mauer, als mehrere Häscher atemlos herbeikommen; mit ihnen ber Marquis be la Fare, der sich aufgerafft, den bloßen Segen in ber Hanb. Wir zünden die Fackeln an, wir tappen an der Mauer hin und her; keine i) Ein Liebhaber, der die Diebe fürchtet, ist der Liebe nicht würdig. - Druck unL läg?BrühUfch^ÄniverfitÄ^-Buch- und S.-indr»^-^ Lange. Giehen. Derantwsrtlich: Or. Hans Thyriot. Das Fräulein hielt das Schnupftuch vor die Augen und weinte und schluchzte heftig, so daß die Martiniöre und Baptiste ganz verwirrt und beklommen nicht wußten, wie ihrer guten Herrschaft bnftehen in ihrem Suur einer Türe eines Fensters, einer Oeffimng. Es ist eine starke alles in genauen Augenschein genommen. Der Teufel selbst ist eo, der Ess SÄ3W WsS °« Teufel selbst die Verruchten schütze, die ihm ihre Seelen verkauft. Man • nn r:^ hpnfen baf1 JDcsurciis’ (9efd)i$tc tncindjcrlci tollen Sc^tnucf erhielt Die Erzählung davon mit einem Holzschnitt darüber, eine grast" llche Teufelsgestalt vorstellend, die vor dem erschrockenen Desgrais in die Erde versinkt, wurde gedruckt und an allen Ecken verkauft. Genug, das Volk einzuschüchtern, und selbst den Häschern allen Mut zu nehmen, d nun zur Nachtzeit mit Zittern und Zagen die Straßen durchirrten, mit Amuletten behängt, und eingeweicht in Weihwasser. Argenson sah die Bemühungen der Chambre Ardente schettern, und aina den König an, für das neue Verbrechen einen Gerichtshof zu ernennen der mit noch ausgedehnterer Macht, den Tatern nachspure und sie strafe. Der König, überzeugt, schon der Chambre Ardente zuviel Gewalt gegeben zu haben, erschüttert von dem Greuel imzabliger Hinrich- tungen die der blutgierige la Regnie veranlagte, rotes den Vor.chlag *nÄ’"äw" W d-n S»m« füt d>- S-ch- 3« »«. Alle die Greuel der Zett schilderte nun die MartiruSre imt de» leb Haftesten Farben, als sie am anderen Morgen ihrem Fräulein erzählte, was sich in voriger Nacht zugetragen, und übergab ihr zitternd und zagend das geheimnisvolle Kästchen. Sowohl sie als Baptiste, der ^anz verblaßt in der Ecke stand, und vor Angst und Beklommenheit die Nachtmütze m den Händen knetend, kaum sprechen konnte, baten das Fraulem aus das wehmütigste um aller Heiligen willen, doch nur mit möglichster Behutsamkeit das Kästchen zu öffnen. Die Scuderi, das verschlossene Geheim- leSn den Zimemrn der Maintenon, wo sich der König nachmittags aufzuhalten und wohl auch mit seinen Ministern bis in die spate Nachthm- ein m arbeiten pflegte, wurde ihm ein Gedicht überreicht im Namen der gefährdeten Liebhaber, welche klagten, daß, gebiete ihnen die Galanterre, der Geliebten ein reiches Geschenk zu bringen, sie allemal ihr Leben daran setzen mußten. Ehre und Lust sei es, im ritterlichen Kamps sein ; Blut für die Geliebte zu verspritzen; anders verhalte es sich aber mu hem heimtückischen Anfall des Mörders, wider den man sich nicht ; wövvnen könne Ludwig, der leuchtende Polarstern aller Liebe und Ga- . Jnnterie, der möge hellausstrahlend die smstre Nacht zerstreuen, und so das schwarze Geheimnis, das darin verborgen, enthüllen. Der göttliche Held der seine Feinde niedergeschmettert, werde mm auch fern st^reich funkelndes Schwert zucken, und wie Herkules die «chlange, wie Theseus den Minotaur, das bedrohliche Ungebeuerbetampen,^^ wegzehre, und alle Freude vcrdustre rn. tiefes Le d, trostlose grauer. So ernst die Sache auch war, so fehlte es diesem Gedicht doch nicht, vorzüglich in der Schilderung, rote die Liebhaber auf dem hemilichen Schleichwege zur Geliebten sich ängstigen mußten, wie die Angst schon alle Liebeslust, jedes schöne Abenteuer der Galanterie nn Aufkeimen tote an geistwitzigen Wendungen. Kam nun noch hinzu, daß beim Schluß alles in einen hochtrabenden Panegyrikus auf Ludwig XrV.QU5gmg, konnte e« nicht fehlen daß der Kömg das Gedicht mit sichtlichem Wohlgefallen dürcklas Damit zustande gekommen, drehte er sich, die Augen Nicht weg- kvendend von dem Papie?. rasch um zur Maintenon, las das Gedicht noch einmal mit lauter Stimme ab und fragte bann anmutig lachelnch was sie von den Wünschen der gefährdeten Liebhaber halte^ Die Maintenon ihrem ersten Sinne treu und immer in der Farbe einer ge wissen Frömmigkeit, erwiderte, daß geheime verbotene Wege eben keine- besonderen Schützes würdig, die entsetzlichen Verbrecher aber wohl befolg berer Maßregeln zu ihrer Vertilgung wert wären. Der König, mit dieser schwankenden Antwort unzufrieden, schlug das Papier zusammen, und wollte zurück zu dem Staatssekretär, der in dem anderen Zimmer arbei- tete als ihm bei einem Blick, den er seitwärts warf, die Scuderi ins Auge fiel,' die zugegen war, und eben unfern der Maintenon auf einem kleinen Lehnsessel Platz genommen hatte. Auf diese schritt er mm los; das am mutige Lächeln, das erst um Mund und Wangen spielte, und das verschwunden, gewann wieder Oberhand, und dicht vor dem ^rauletti stehend und das Gedicht wieder auseinander faltend, sprach er fanft Sie 3«ar nulle mag nun einmal von den Galanterien unserer verliebten Herren nichts wissen, und weicht mir aus auf den Wegen, die nichts roemgei als verboten sind. Aber Ihr, mein Fräulein, was haltet Ihr von dieser dich- teriieben Supplik? — Die Scuderi stand ehrerbietig auf von ihrem Lehm iP,"ie[' c-m flüchtiges Rot überflog wie Abendpurpur die blassen Wangen der alten Urbigen Dame, sie sprach sich leise verneigend m.t n.ederge- $l°2)ie Martiniöre hatte den verhängnisvollen Zettel van der Erde aufgehoben. Auf demselben stand: Un amant, qui craint les voleurs. n'est point digne d’amour. Euer scharfsinniger Geist, hochgeehne Dame, hat uns, die wir an der Sckwäcke und Feigheit das Recht des Stärkeren üben und uns schätze zueignen die auf unwürdige Weise vergeudet werden sollten, von großer Verfolgung errettet Als einen Beweis unserer Dankbarkeit nehmet gütig diesen Schmuck an. Es ist das kostbarste, was wir seit langer Zeit haben auftreiben können, wiewohl Euch, wiirdige Dmne. mel schou-res sch neibe zieren sollte, als dieses nun eben ist. Wir bitten, bap Ahr uns Cure Freundschaft und Euer huldvolles Andenke« ^moget. Ist es möglich, rief die Scuderi, als sie sich einigermaßen erholt hatte, ist es möglich, baß man die schamlose Frechheit den verruchten Hohn-so- weit treiben kann? — Die Sonne schien hell durch die Fenstergardinen von hochrcher Seide, und so kam es baß die Brillanten die an dem Tische neben dem offenen Kästchen lagen, in rötlichem Schimmer auf btihkn Hinblickend verhüllte die Scuderi voll Entsetzen das Gesicht,mnd befahl der Martiniöre, das fürchterliche Geschmeide, an bem bas V.ut der Ermordeten klebe, augenblicklich fortzuschassen Me Marb^ dem sie Halsschmuck und Armbänder sogleich in das Kästchen ve.schlossen, Ä Ä es wohl am geratensten sein würde, di« Juwelen dem Poliz«. Minister zu übergeben, und ihm zu vertrauen, rote sich alles mit der beängstigenden Erscheinung des jungen Menschen und. der Einhändigung 666Bie’^cuben 6ftanb auf und schritt schweigend langsam fm Zimm^e „,.r ,.nx nieder als sinne sie erst nach, was nun zu tim sei. Dann befahl sie dem Baptiste, einen Tragsessel zu holen, der Martiniere aber, sie anzukleiden, weil sie auf der Stelle hin wolle zur Marquise ma6knüe6 sich hintragen zur Marquise gerade zu der Stunbe, roarm diese wie di! tzcuderi wohl wußte, sich allein in ihren Gemächern de- sand'. Das Kästchen mit den Juwelen nahm sie mit sich. _ «unhf muhte die Marquise sich hochverwundern, als sie das 'S ran» lein sonst die Würde, ja trotz ihrer hohen Jahre, die Liebenswurdigkech die Anmut selbst eintreten sich, blaß, entstellt, mit wankenden Schritten. Was nm aller'Heiligen willen ist Euch widerfahren? nes sie der aEN, beängfteten Dame entgegen, die, ganz außer sich selbst, kaum imstande, sich ausrecht zu erhalten, mir schnell den Lehnsessel zu erreichen suchte, den ihr die Marquise hinschob. Endlich des Wortes wieder mächtig, erzählte^ das Fräulein, weiche tiefe, nicht zu verschmerzende Kränkung ib iener unbedachtsame Scherz, mit dem sie die Supplik der gefährdeten Liebhaber beantwortet, zugezogen habe. Die Marquise, nachdem s e von Moment zu Moment erfahren, urteilte, daß die Scuderi sich Da« sonderbare Ereignis viel zu sehr zu Herzen nehmedaß der Hohn vtt ruchten Gesindes nie ein frommes, edles Gemüt treffen könne, und \ langte zuletzt den Schmuck zu sehen. ^Fortsetzung folgt.)____ nts in der Hand wiegend und prüfend, sprach lächelnd: Ihr seht beide Ge. penster! Daß ich nicht reich bin, daß bei mir keine Schätze, eines Mordes wert, zu holen sind, bas wissen die verruchten Meuchelmörder da draußen, die, wie ihr selbst sagt, das Innerste der Häuser erspähen, wohl ebensogut als ich und ihr. Auf mein Leben soll es abgesehen jein? Wem kann was an dem Tode liegen einer Person von dreiundsiebzig Jahren, die niemals andere verfolgte als die Bösewichter und Friedensstörer in den Romanen, die sie selbst schuf, die mittelmäßige Verse macht, die niemandes Neid erregen können, die nichts hinterlassen wird, als den Staat des alte« Fräuleins, das bisweilen an den Hof ging, und ein paar Dutzend gut em. gebundener Bücher mit vergoldetem Schnitt! Und du, Martiniere! -Ott magst nun die Erscheinung des fremden Menschen so schreckhaft beschreibett wie du willst, doch kann ich nicht glauben, baß er Böses im Sinne ge- tragen. Also! — ... Die Martimöre prallte drei Schritte zurück, Baptiste sank mit einem dumpfen Ach! halb in die Knie, als das Fräulein nun an einen hervor- ragenden stählernen Knopf drückte, und der Deckel des Kästchens mit Geräusch aufsprang. , Wie erstaunte das Fräulein, als ihr aus dem Kästchen em Paar gol- bene, reich mit Juwelen besetzte Armbänder und eben em solcher Hals- schmuck entgegen funkelten. Sie nahm das Geschmeide heraus, und indem sie die wundervolle Arbeit des Halsschmucks lobte, beaugelte bie Star» tiniäre die reichen Armbänder und rief einmal über das andere, daß ja selbst die eitle Moniespan nicht solchen Schmuck besitze. Ader was solli das, was hat das zu bedeuten? sprach die Scuderi. In dem Augenblick gewahrte sie auf dem Boden des Kästchens einen kleinen zusammengefal- teten Zettel. Mit Recht hoffte sie den Aufschluß des Geheimnisses barm zu finden. Der Zettel, kaum hatte sie, was er enthielt, gelesen, entst« - ihren zitternden Händen. Sie warf einen sprechenden Blick zum Himmel, und sank bann wie halb ohnmächtig in bett Lehnsessel zuruck. Erschrocken sprang die Martiniöre, sprang Baptiste ihr bei. Oh, rief sie mm mit von Tränen halb erstickter Stimme, o der Kränkung, o der tiefen Beschamungt Muß mir das noch geschehen im hohen Alter! Hab ich denn nn törichten ' Leichtsinn gefrevelt, wie ein junges, unbesonnenes Sing? — 0 Gott, sind - Worte, halb im Scherz hingeworfen, solcher gräßlichen Deutung fähig. \ — Dars denn mich, die ich der Tugend getreu, und der Frömmigkeit tadellos blieb von Kindheit an. darf denn mich das Verbrechen des teuf« > lischen Bündnisses zeihen? _ .... , . t . ____ iiwS linn schlaaenen Augen: . Un amant, qui craint les voleurs. n’est point digne d’amour1). Der König, ganz erstaunt über den ritterlichen Geist biefer roenigen Worte die das ganze Gedicht mit seinen ellenlangen Tiraden S" Boden schlugen, rief mit blitzenden Augen: Beim heiligen Dionys, Jhr habt re$t Aaulein! Keine blinde Maßregel, diesen Ut'schulbigentrisftmttdem Schuldigen, soll die Feigheit schützen; mögen Argenson und la Regn., das Ihrige tun!