Jahrgang 1928 Somstag, den 6. Oktober Nummer 80 GietzeimKiimlienblStter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger I c »Mit mir werden Eie keine machen", fertigte sie ihn ab, nun aleick- I auf englisch, und wandte ihm den Rücken. 9 ™ "2?' ic^ hoffe doch. Nutzen Sie die Chance, die ich Ihnen gebe!" °,nn*e ^as wohl für eine sein?" meinte sie geringschätzig. I sTn/™n?'°rt't ®l*L polten. Nicht im Straßenstaub, in meinem | Wagen konnten Sie nach der Stadt zurückkehren. ben".f)erni?‘'f td)? $ltoen 6ie fi$ ein' id) führe im Wagen eines frem- I f(! meinen Namen nenne — James Bailey Common, I ^öfchiachwrei, Ehikago — bin ich Ihnen kein Fremder mehr." Tischendorfftheiße^" ” id) ^nen !n9e- ich Gräfin Ä£bt“' -u m-ch-». Wefpetlvoll WÄ'ISJ* *,0Si"m =" A- .« „3n Ihrem Wagen? Unmöglich!" Und sie ging davon. . .Doch hartnäckig blieb er an der Seite der Dame, die so schön und schick und überdies eine Gräfin war. Beflissen zog er seinen Baedeker au?, der h,nteren Hosentasche und las ihr die Erklärungen der Sehens- n e' sn^.aor, die ihrer hier noch warteten, erreichte nach längerem I aaa. .ihm durch den Ziergarten, das Theater mit dem Orgelwerk und die verschiedenen Grotten begleiten ließ I ns„t ch.beendetem Rundgang wies er mit dringlicher Gebärde auf sein I Auto. Sie erklärte aufs entschiedenste: ' 1 "®enn es mein eigener Wagen wäre, ließe es sich vielleicht machen. So aber wandere ich lieber zu Fuß." 1 , - Sie"wollen!""" mein Wagen Ihnen. Behalten Sie ihn, solange re,i!r!" f^ie sie kurz. „Ich werde ihn nur für meinen Aufent- halt in Salzburg brauchen." Stieg ein und winkte gnädig, neben ihr Platz zu nehmen. Dem Chauffeur nannte sie als Ziel ihren Gasthof I zweiten langes. 1 ’ 1 iw/'^ochken Sie nicht lieber umziehen in ein besseres Hotel?" fragte Mr. Common mit galanter Betonung. 1 u »rs '(''s'11;' ^Efo? Mir genügt es. Sie müssen wissen, daß der deutsche ^ldieser Zeit stolz ist auf seine Bedürfnislosigkeit. In unseren Kresen I schändet Reicytum mehr als Armut. Verblüfft nahm er diesen Grundsatz zur Kenntnis, steckte ihn ein wie efue Ohrfeige, die ihm unverdient und sinnlos vorkam, aber gleichwohl Achtung einfloßte. ö w v wenigstens nachher das Diner in meinem Hotel einktehmen? brachte er ungelenk hervor. M1nn<£iw.^Uns9en ^ne" "eh'ne ich nicht an, das sagte ich Ihnen doch schon. Äußerem bin ich für heute Abend mit einem meiner Freunde I verabredet. Natürlich kann ich mit ihm auch im Restaurant Ihres Gasthofs speisen i dann habe ich nichts dagegen, daß Sie mein Gast sind." Dankend und sichtlich beftiedigt nahm er an. Was für ein Gentleman ihr Freund wäre, wollte er wissen. .. .-'Ew ganz hervorragender Gentleman! Ein geistiger Mensch! Aber dieser Begriff ist Ihnen wohl unbekannt?" ’ „Indeed. Bin in den Staaten noch keinem begegnet." Natürlich nicht. Die machen ja auch kein Geld. Gebildete Männer gibt es ja noch ziemlich viel; von denen haben Sie wohl auch drüben gehört Die nächste höhere Klasse sind die Intellektuellen, gewiß schon Ahnen. Die höchste und rarste aber sind die Geistigen, selbst in Deut chland dünn gesät: unsere exklusivste Gesellschaft, eigentlich noch exklusiver als der Adel. »Ach!" machte Mr. Common ratlos und ließ den Mund offen „Ich muß ihn erst fragen, ob er gegen Ihre Gesellschaft nichts einzuwenden hat. Es gibt so vieles, was ihm den Appetit verdirbt/ Mr. Common dachte: eine verdammt anspruchsvolle Aristokratie!" Von ihrem Gasthof aus fuhr die Gräfin mit dem Chauffeur, der auf Anordnung feines bisherigen Herrn nun in ihren Diensten stand, zu Dr Graff, dem „geistigen Menschen". Mr. Common trollte sich zu Fuß Er tat es mit beglückter und hoffnungsvoller Miene; fein Wohlgefallen an der bezaubernd aparten, stolzen Frau hatte sich inzwischen zur Leiden- schafr gesteigert. Der Freund mußte für diesen Abend eben mit in Kauf genommen werden. Auftragsgemäß bestellte er in seinem Restaurant einen Tisch für drei Personen und ein Diner mit erlesenem Menu. Zur festgesetzten Stunde fuhr die Gräfin in diskret geschmackvoller Abendtoilette mit ihrem anderen Gaste vor. Da dieser einen gutgefdjnit-- tenen Smoking trug, schien er wirklich ein Gentleman zu fein. Aber auch als ein ausgezeichneter, heiterer Unterhalter erwies sich Dr. Graff, der von Salzburg und Umgebung, von den Festspielen und den Kunstschätzen der Kirchen und Schlößer mehr wußte als der Baedeker, freilich über alles und jedes, sogar über Amerika seine eigenen originellen Die Begegnung. Von Gottfried Keller. Schon war die letzte Schwalbe fort und wohl feit manchen Tagen auch die letzte Rose abgedorrt, nach altem Erdenbrauch. Es flimmerte der Buchenhain wie Rauschgold rot im Buchenlicht; Herbstsonne gibt gar sondern Schein, der in die Herzen sticht. Ich traf sie da im Walde an, nach der allein mein Herz begehrt, mit Tuch und Hut weiß umgetan, von gütbnem Schein verklärt. Sie war allein; doch grüßt' ich sie verschüchtert kaum im Weitergehn, weil ich so feierlich sie nie, so still und schön gesehn, Es blickt' aus ihrem Angesicht ein vornehm' Etwas neu hervor, und ihrer Augen Dellchenlicht glomm hinter einem Flor. Ein fremder Hirt, ein blasser, ging im Schatten dieser Huldgestalt; im Gurt ein silbern' Sichlein hing, das klang: Ich schneide bald! Es scheint mir ein Rival erwacht! sprach ich und schaut' ins Abendrot; bis es erlosch und bis die Nacht die dunkle Hand mir bot. Die Gräfin. Bon Kurt Martens. Während der letzten Salzburger Festspiele fuhr an einem sonnigen nachmittag einer der vielen Amerikaner, die ihr Europa-Trip im Hochsommer unweigerlich auch zu dieser Gegend verpflichtet, in seinem prächtigen Auto die Allee nach Schloß Hellbrunn hinaus. Er war ein unter« egter, öerber »ufinesman in vorgerücktem Alter; breitbeinig lehnte er tm Polster, paffte eine dicke Zigarre und glotzte mit leerem, unbeteiligtem Ausdruck vor sich hin. Nahe dem Park überholte der Wagen eine junge Dame, die am wabenranbe in ber gleichen Richtung einsam ihres Weges schritt. Mr. wmmon roanbte faul seinen Quabratschäbel nach ihr um, unb weil sie vorkam, rief er bem Neger-Chauffeur ein herrisches „Stop!" »u, sprang auf bie Straße unb marschierte auf bie Dame los. e.r cine Weile neben ihr her, sie von Kops bis zu Füßen S™: Die Prüfung konnte nur zu ihren Gunsten ausfallen: eine sehr Moschs, sehr distinguierte Erscheinung, ber bas schlichte Sportkostüm mit «em grünen Gamsbarthütchen vorzüglich staub. Das unverschämte An- hnn161! fremden Mannes erwiderte sie mit einem erst verwunderten, iff hochmütig ablehnendem Seitenblick, woraus sie nicht die geringste (Fr t oon ihm nahm. Die Neugier des Amerikaners schien befriedigt, r kehrte zum Auto zurück, brummte ein „Go on!" unb rollte weiter. idinn r “en Wasserkünsten des Parks, bie eine große Schar von Zu- Unn„e;;"rr-an9^otft hatten, sah Mr. Common bie junge Schöne roieber. in h»!ft? paschte er sich burch bie Menge an sie heran, stanb bie Hänbe / Hosentaschen neben ihr unb äußerte schließlich: »eine waterI Das Water ist fein. Js es nicht?" &if'>v^lner ?Is ®ie!" gab sie kühl zur Antwort. „Sie können sich ein ^ifo cl an bem Waller nehmen." "»standen hati^ ^ac^en 3ei9te' daß er sie ohne Empfindlichkeit recht EvrÄ tin, ai"hi kche, das weiß ich wohl", fuhr er in feiner eigenen die behermi „müssen die Damen sein; dafür macht ber Mann *) „Tränen Christi". Wenn die Biätter anfangen, sich zu.färben, die S°»n- durch, klares 8-MASZWW HZM-W--ZW Gewächsen passieren kann, 3. B.. Fällt ein Tropfen davon auf den Tisch, So fährt er gleich mit Gezisch Mitten durch die Platte Das Eisen frißt er rote Watte — die man aber, fein als Mosel etikettierte, gemeiniglich viel öfter zu tnnlen SFÄtaww S™ L- Sil» »--«-dien «=”— bieffiiSeibr FreuT°M?C7mmE WeNung mit verständigem Zu- ILMAMVZ L sä»» ^0^Ä^entSn5unter^aIt," erklärte die Gräfin, „hätte selbstver- stäüdllch Mr. Common Sorge zu tragen Em Kosten als Sekretär m V«» MA-7VK ASNLAM»!!- -wg* ausmmmen würden. Nach kurzer Verhandlung। gelangten pe^ zuAwE begoflen werden konnte. Common" sagte die Braut, nun endlich nur den Namen meines geschiedenen (Sntten tröge • Antwort >n (ht D;e[" gab Mr. Common nach einer Pause zur Anttvort Meding- .'nun ja ... Sie sind eine Gräfin. Der Name entscheidet ta uft nichtänder Sie gefallen mir dafür zu gut, schone Grastn. ' "ja Mann, der niemals zugeben wird em schlechtes G^- fchäft gemacht zu haben, bezahlte er die Rechnung für das Dmer, zu er eingeladen war, foroie alle »eueren Kosten. Die Länder der reifen Traube. Von Dr. Anion Mayer. ... . A)„ mu6t(> non Nebelii und einem düsteren Himmel bedroht ist . Hörensagen wußte, von ,,oteo Italien, in dem es ver- Eines der relchftenN-beng ben hat, produziert mit mathe- regnete Sommer niet fiir ben eigenen Bedarf - d. h. im all. matifcher Sichsrheit mel zu vf _ unb es ist eines jener gemeinen für den Bedarf Der reif ourf bort bie Wempreste eine vollkommen unlösbaren Rat,el ru -pichende Höhe erklommen beängstigende, de,-Valuta m em r W enr,p ^rroiegenden Mehrzahl haben. Die fremden, welche imm ) .. bekommen zum größten das Land m einer wahren Kunst our , 9 von it)ren Erzeugnisfen Teil weder von der italienischen La H1 burchtobten Museen und eine Ahnung; da sie uaturl'ch ro Jnhalt^^ Schimmer mehr bewahren, Kirchen nach wenigen Tagen ebens , transalpinen Exkursionen liegt der ungemein Wein nichts ver- auf der Hand! Natürlich lernen st! a ) schlechten internationalen Re. stehen, da sie häufig genug m Hote s ooer chie^w L imae Christi“*) ST-rofSlto d«« Um Stomp, -»., Dflm« «ul.« »«» Statiens, über ben imlben unb feurigen muß, um feine volle । dem einzigen Rotwein, ber eiskalt ge n .$[ £(eincn Quantitäten Schönheit zu offenbaren, de" etwa f ^'^^^b£jch poetischen, süffigen, angenehmen gelben Oroietogeroachsen. u - n Albano zu den und heißgeliebten Bim der römischen Ca teui orasra blonderen, vulkanischen Produkten der Neapeler die der in unb Siziliens breitet sich eine unerh l Verschiebenheit voll- ben Kunststilen ber einzelnen L'für bie Fremben ein weitaus kommen ebenbürtig zur Seite s^ht. Ste gäbe fur o« « q q£s xic eilige angenehmeres unb nuZbringenberes Beiang^gs^ 8IorcntineI f (iftlk Llllö ISÄ^U’bte meisten SSSi. fÄ‘Ä 17. «mm» roter Landwern, Rwja 9««“"”*' WG Wein ist ungewöhnlich gut, deutet. Ganz anders in W“?ba‘unb“Habet - jene wunderbare und voll kräftigen Feuers, bochmilduta Zer 0 v j on6mn uorzuziehen seltene Mischung dte be' Wemen und Frauen unj) P^oathausern ist. „Portwein ist vielleicht m befonD««11^ £ann mün sagen, daß für in hoher Qualität »u finden ^zweimal den Aeguator passiert Haven den alten abgelagerten „Port . der z noch Großbritannien das muß, ehe er in Betracht S« °S n «roch >— noc^ QUerbing6 in X?re?in den L'rühinten Kellereien ber grofeen Sherryexporteure, auch herrliche Proben finben kann. Weine den deutschen, Die alte Frage, ob die r.£JL3 ,' gU^gnifien vorzuziehen sind, ist oder die deutschen den fran3°f ^atg merbcn — ebensoroenig wie für , noch nicht gelöst und wwd s niemals ro rbenE 1 Kunst einer die Allgemeinheit zu entscheiden ist, ob ^rzüge, und alles appel- anderen unbedingt überlegen ist, Alles hat seine ^v j Stimmungen, üert vor allem an das J und Plötzliches, momentanen Sehnsüchte und Abneig gen, uner£(ärlid)es Verlangen, aus dem Unterbewußtsein aufsteigendes, g l-y Rheinwein gäbe, ' Es gibt Augenblicke, in denen "Skr^uryuiberflut erfreue kann; andere, in denen man nur mit Mnin Ebieterisch das eine ober das unb es gibt vor allen Dingen Gerichte, b g {rajfe ©egen- andere Getränk fordern -> f p.o'rs d’oeuvres gebieterisch aus- sätze von gifcf) unb 'nur S für in^ feft: der französische, ein.ger- gesprochen werden. Ems nur steht f 1 unbedingt vorzuziehen, wah- maßen trinkbare Rotwein ist dem de s) » französischen wohl rend der deutscheAusnahme" unS immer schlagen wird. Natürlich außer der Mathematik, was aber, Umdrehungen vorkommeiy — nichts, autz^ abfoIut Mer im großen glaube ich, neuerdings "U^ ang z f b Länder in önologischen Ganzen wird man das Verhältnis der v oen^^ ba6 in England Dingen etwa so formulieren kann . 3Lamheimer", immer beut-.djen fiod" eine Verstümmelung des Wortes ^Hochyem , ^^ __ etroa6 Weißwein, Llaret ^gegen immer raiizostch^^ moussierenden Tisch- anderes gibt es nicht in btefem ii Frage ber Dessertweine. meins recht primitiven Lande des Sektes und Moselweine, I Es ist wohl kaum notwendig, die Vorzüge der > ,bertrauben zu ebensoroenig wie die Tugenden ber Bardeaux-und Burgunoer beschreiben Aber doch gibt es zwei gesegnete Gegenden erftaunlid) auch von besseren Kennern und Freunden eine,: (mtavSK eum a sehen Lr Welt von ihm roiebi den, von Den n schneid schlecht, ii mcntik ai Fresken, lernte er ahnte in Monet (laltung schäft vv! Corin 1 gegangen heitswelt der Kuns mimen , bunanrifti Meister : doch find Cohn", I von ein Schwere einer In Malerei" Slevr der Frei leichte S Berlin, immer li schwingti Waffen, pressioni ober P i unb des drucks n lichen u „schreckli flürung der Mu ketten Bilder, den Ma und der sches m schäften, kiihn hi iuictjt i des Fa Zeichnu dem er Es als 30 Die Kr Intnen : Papier, ein wii jeher se gern T seiner > scheint den R> spielt, 3igeu 1 Kindhe Sesund Der romantische Maler Max Slevogt. Zu seinem SO. Geburtslage. Von Dr. Paul Landau. Der Impressionismus hatte die Phantasie entthront. Der Satz, daß ... Rübe ein ebenso bedeutender Vorwurf für die Malerei sei wie eine Madonna, war dafür bezeichnend. Man ließ höchstens die „Phantasie des i.mes" qelien, wollte nur aus der Beobachtung der Natur schöpfen. Der «Mer, der uns von dieser Enge und Dürre erlöst hat, ist Max Sle- »liat Ihm danken wir es heute, dah er uns die „ewig bewegliche Joors- Ld,ter" zurückführte in all ihrer Herrlichkeit, Größe und Macht, dah er K dunklen und die strahlenden Dämonen des Innern befreite und aus Tiefen des Unbewussten einen unendlichen Zug von Geistern und Sn von Engeln und Teufeln, von Visionen und Märchen, Abenteuern ,md Wundern heraufbeschwor. Durch ihn wurde der Künstler wieder zum Men Magier, der in seinen Zauberkreis alles bannte, was nie das irdische Auge geschaut hat, was sich nur dem Seherblick des Genies ^Historisch knüpfte Slevogt wieder an die Romantiker und Idealisten I« 19. Jahrhunderts an, an Schwind und B ö ck l i n , aber nachdem ... vorher die ganze Eroberung der Wirklichkeit, die Entdeckung des Mts und der Bewegung durch den Impressionismus in sich ausgenommen batte. Er wurde so der Romantiker des deutschen Impressionismus. Er befruchtete zugleich die kühle Klarheit des deutschen Nordens mit dem tannen Schmuckgeist, mit der lebensfrohen Sinnlichkeit und erfinde- Men Beweglichkeit des deutschen Südens. Den sichern und festen Strich eines Menzel' umrankte er mit dem bunten Arabeskengirlanden des >>> e u m a n n s ch e n Barocks; die Helle dünne Luft der Lieberman lisch e n Landschaft erfüllte er mit glühender Farbigkeit. Eine wimmelnde Welt von Gestalten aus Märchen und Dichtung schuf er um sich, weil in ihm wieder einmal jene begnadete Schöpferkraft des Künstlers auferstan- d-n von dem Dürer verlangte, daß er „inwendig voller Figur" fei. Den mainsräiikischen Gauen, die der deutschen Kunst seit Riemen- schneide r und Grünewald soviel geschenkt, entstammt sein Ge- chlecht in Würzburg wuchs er aus unter dem Gewoge reichster Ornamentik an Häusern und auf Brücken, im Anblick jener blühend reichen Fresken, mit denen T i e p o l o die Residenz geschmückt. In München erlernte er bei Diez das Malen, von Trübner die reichere Tiefe des Tons, oijnte in Paris das Wunder der beseelten Oberfläche bei Manet und Monet, fühlte in Italien die Majestät höherer Formen, für deren Ge- stoltung ihm Böcklin Führer wurde. Aber zunächst wurde seine Leiden- schast von dem Naturalismus gefesselt, wie ihn damals etwa Uhde und Corinth vertraten. In der Wiedergabe des Hählichen ist keiner weitergegangen als dieser tolle Träumer, der später eine so überirdische Schon- heitswelt offenbaren sollte. Sein intimster Freund der Münchener Zeit, der Kunsthistoriker Karl Voll, erzählt, daß man ihm damals den Beinamen „der Schreckliche" verliehen hatte; ein anderer Freund sprach humoristisch von der Periode bc; „gerösteten Spanferkel". Der junge Meister schwelgte in dumpfen Fleischmassen und unreinen Tönen. Aber doch sind Werke, wie die „Danae" und das Triptychon „Der verlorene Cohn", bei aller Unschönheit der Modelle und Draftik der Darstellung um einer hinreißenden malerischen Kraft, hingesegt mit einem alles Schwere und Dunkle überwindenden Temperament und zugleich von einer Innerlichkeit des Empfindens, die das Schema der „Armeleut- Malerei" mit einem ewig-menschlichen Gehalt erfüllt. Slevogts Entwicklung führt nun aus dem dunklen Ateiierton ins Helle her Freilichtmalerei, aus der Dumpfheit inbrünstiger Leidenschaft in die leichte Beweglichkeit eines genialen Spiels. Dem Süddeutschen bringt Berlin, wohin er 1901 übersiedelt, die Befreiung. Seine Palette wird immer lichter, zarter, sein Pinfelstrich nervöser, geistreicher, erregter, beschwingter. Die Landschaften und Stilleben, die er in dieser Zeit geschossen, gehören zu dem Reifsten und Reinsten, das der deutsche Jm- xressionismus hervorgebracht; er ist hier den Franzosen, einem Sisley ober Pissarro, ebenbürtig. Aber seine drängenden Kräfte der Vision und des inneren Erlebnisses, die die Wiedergabe des reinen Naturausdrucks nicht befriedigt, lassen ihm keine Ruhe.. Der Hang zum Abenteuerlichen und Wilden, zum Grausigen, ja Grausamen, der sich in (einer „schrecklichen" Zeit stofflich bekundete, findet eine Läuterung und Verklärung in der Sphäre des Scheins, der Bühne. Hinzu tritt der Geist der Musik, der die ganze Lebensarbeit dieser von innerem Wohllaut beseelten Natur immer durchdrungen hat. Es entstehen die Don-Juan- Bilder, ganz eingetauchl in die Magie des Theaters, das Bild der tanzenden Marietta, romantische Visionen, wie der „Ritter im Frauengemaa) und der „Hörselberg". Aber allmählich verschwindet dieser Ton des Rausches und der Phantastik aus den Bildern, die nur noch schöne Landschaften, treffsichere Bildnisse und zarte Stilleben bringen; höchstens in kühn hingeworsenen Fresken, für die nur in Gartenpaoillons und erst Wetzt im Bremer Ratskeller sich Gelegenheit bot, lebt noch der alte Ton des Fabulierers und Visionärs. Denn Slevogt hat unterdessen in der Zeichnung, in der Illustration, in der Graphik das Feld gesunden, auf dem er zum größten Gestalter seit Dürer werden sollte. Es ist schwer zu sagen, inwieweit ein äußerer Grund, die seit mehr als 30 Jahren ihn heimsuchende Gicht, an dieser Wendung beteiligt ist. Krankheit hinderte ihn am Stehen an der Staffelei, an der mühsamen Arbeit des Malens. Wieviel leichter tanzten Feder und Blei übers Zapier, zauberten auf dem lithographischen Stein, auf der Padierpiatte m wimmelndes Leben hervor! Aber die Improvisation war schon von eher seine besondere Stärke, das blitzschnelle Hinwerfen gepaart mit langem Träumen und Sinnen. So wie er sich selbst auf dem ersten Blatt emec ersten graphischen Reihe, den „Schwarzen Szenen" bargestellt er- cheint er uns als Schöpfer: auf dem Sofa behaglich rauchend und in ucn Rauchringen Visionen ahnend, von einem mystischen Kätzchen um- spnlt, ein Visionär, ein spielendes Raubtier, das plötzlich mit einem em- Wu Griff seine Beute, das Bild, festhalten wird. Die Gesichte ferner imdheit werden in ihm wieder lebendig. Es lebt etwas vom starken und Üsiunden Jungen in ihm, und schon als Knabe hatte er beim Lesen [einer Dis Wasserkur. Von Alfred Bock. (Fortsetzung.) Amandus, der argwöhnte, daß diesem Lob eine Portion Spott beige- mischt sei, erklärte gebieterisch: „Brechen wir ab. Ich will mich nicht auf- regen." Nachdem er den zweiten Teller heruntergestürzt, richtete er an Tilli wieder das Wort: „Du kannst mir hernach einen Koffer packen. „Du willst verreisen?" fragten Tante und Nichte mit gut geheucheltem ^"Drc^Uhr fünfundvierzig," antwortete Amandus, „nach Wilhelms- bad'.' Auf ärztliche Verordnung." Die Damen spielten mit Geschick ihre Rolle weiter. Amandus behauptete, daß er sechs Wochen, vielleicht noch länger, der Heimat fern- blciben werde. Die bevorstehende Trennung schien er auf die leichte Achsel zu nehmen, dagegen beunruhigte ihn plötzlich der Gedanke, daß Wilhelms- bad siebenhundert Meter über dem Meeresspiegel liege und daß er sich um deswillen mit Winterkleidung versehen müsse. Tilli versprach, beim Einpacken seiner Siebensachen auch daran zu denken. .. Und dann, Tilli, sieh mir gründlich alle Knöpfe und Knöpfchen nach. Du weißt, daß ich über dergleichen Miserabilitäten rasend werden kann. Beim dritten abgerissenen Knopf kehre ich unfehlbar nach Hause zurück! Tilli legte die rechte Hand an den Kopf. „Zu Befehl, Herr „Auch Einer". Ich werde dafür sorgen, daß Ihnen der Kamps mit dem ObM °^Raä? diestr tröstlichen Versicherung riskierte der gute Amandus, ein halbes Huhn, einen gehäuften Teller Reis und ein gediegenes Stück Zitronenpudding zu vertilgen. Der Rätin liefen die hellen Freudentranen über die Backen. „Er muh tüchtig essen," dachte sie gerührt, „das hebt sein Selbstbewußtsein und im schlimmsten Falle hat er noch etwas zu- 3U^ Brei Stünden später beförderte die Droschke Nr. 1 — der Droschken- bestand der Universitätsstadt schwang sich bis zur heiligen Sieben empor — den guten Amandus an den Bahnhof. * Dem höchsten Gipfel des Gebirges war ein kleines Plateau vorgelagert, das qen Süden sanft abfallend in eine waldumsäumte Talmulde verlief. Hier lag weltabgeschieden, von kristallklarem Bergwasser umrauscht, die Wasserheilanstalt Wilhelmsbad. Dem Wanderer, der vom Gebirge talwärts schritt, fiel zuerst das massige, schmucklose Hauptgebäude in die Augen Unweit davon strebten in luftigem Barockstil zwei zierliche Dependancen empor. Für einige hundert Personen war hier bequem Unterkunft geschaffen. Der ärztliche Leiter der Anstalt, Doktor Wenderoth, war Hydropath von Ruf. Seine erstaunlichen Heilerfolge hatten Aufsehen erregt und Jahr um Jahr die Frequenzziffer von Wilhelmsbad gesteigert. Der qanze Besitz war mit dem Kapital einer Aktiengesellschaft erworben worden. Dem Chefarzt war ein Verwaltungsbeamter mit dem Titel Direktor beiqegeben, der als pensionierter Offizier in wehmütiger Erinnerung an das entschwundene Kommando unter seinen Leuten eine Art militärisches Regiment eingeführt hatte. . .... Bei seiner Ankunft fand Amandus hundertundfunfzig Kurgäste, die die Hoffnung auf Genesung von mancherlei Uebeln aus allen Richtungen der Windrose in das stille Gebirgstal zufammengeweht hatte. Das Gefühl gemeinsamer Leiden und die Gelegenheit zu gegenseitiger Aussprache verliehen den Kranken Trost und Stärke. . Amandus unterwarf sich mit peinlicher Genauigkeit den Vorschriften des Arztes. Bald übten die Wasferanwendungen, die ozonreiche Luft und die Entfernung von der Berufstätigkeit auf feinen geschwächten Organismus den wohltätigsten Einfluß. Seine bleichen Wangen färbte ein schüchternes Rot, seine Haltung, wurde elastischer und freier ynd durch seine Adern rieselte ein neuer Sebcnsftrom. Obgleich sich die Kurgäste in Wilhelmsbad aus der besten Gesellschaft zusammensetzten, zweigten sich doch von der Gesamtheit zwei Zirkelnd, die ihre eigenen Wege wandelten. Der einen Gruppe präsidierte die Ma- Indianer- und Räubergeschichten Zeichnungen entworfen. Das Wilde und Gräßliche lockt ihn ebenso wie das Geheimnisvolle und Märchenhafte. Zu gleicher Zeit mit den „Schwarzen Szenen", in denen sich diese dämonische Phantastik neben den noch großartigeren „Gesichten' am schroffsten entladet, schuf er die gemütvolle Jdyllik des „Gestiefelten Katers' . Märchen und Abenteuer sind es denn auch, die er zunächst illustriert. Mit „2m Baba" und „Sindbad" aus Tausendundeiner Nacht wechseln die Lederstrumpfgeschichten, die in der Vermählung von Mensch und Natur sein Höchstes darftellen; daneben stellen sich die homerischen Helden Achill und Hektor, bei denen es nicht weniger indianisch zugeht, ckeno- phons tapfere Zehntausend, die von dramatischem Geschehen explodieren- ien Erlebnisse von Fernando Cortez und Benvenuto Cellini. Dann aber verklärt sich die Sphäre aus Blut, Mord und Wildheit zu immer er- habeneren und seelenvolleren Reichen. Wir erleben die von Mabchen- leibern umblühte Insel Wak Wak, die aus Mozarts Roten in gleichgestimmter Schöne hervorwachsende Melodienfülle der Zauberfloten- Bilder, die Welt Don Juans und ihren Gegenpol, die der „Passion , schließlich als vorläufige Krönung die erstaunliche bildliche Neuschopfung von Goethes „Faust, 2. Teil". Slevogt ist der ideale Illustrator, der unsere Illustrations-Kunst auf eine unerreichte Höhe gehoben und unendlich anregend gewirkt hat. Mag er ein Märchen ober Volkslied, eine Weltdichtung ober eine Fadel mit bem Ueberschwcmg seiner Phantasie begleiten, jo verwandelt ersich. stets selbst in die Figuren, erfüllt sie mit seiner ungeheueren Lebenskraft. So schafft er die Dichtung im Bilde noch einmal, bereichert und beseelt. Aus den mystischen Ouellen des Unbewußten gespeist, zu höchster, technischer Vollendung durch unendliche Hebung gediehen, hat sich sein Talent seit seiner neue Kräfte entbindenden Reise nach dem Orient, immer reicher und innerlicher entfaltet. Es ist ein glückliches Talent, das durch bas Glätt des eigenen schaffens die vielen glücklich macht, bie daran teil* nehmen bürfen! er Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Der lag: Brühl'scheUniversitäts-Vuch-- und Steindrucker ei, A. Lange, @icBen' Amandus richtete die Jammernde sanft empor. „Um Gottes willen, erklären Sie mir doch —" Sie schluchzte krampfhaft. „Mein Mann war wieder so roh, so brutal. Es fehlte nicht viel, hätte mich mißhandelt." Während sich die Gemüter über das Direktorpaar erhitzten, trat wirr, lich eine Katastrophe ein. Die Platonischen hatten einen Ausflug Qm Hünenburg, einer zwei Stunden von Wilhelmsbad entfernten Schloß, ruine, verabredet. Ein Junge war mit Proviant vorausgeschickt roob den, man wollte einen Imbiß im Freien nehmen und bis zum Abend die stärkende Waldluft genießen. Die Gesellschaft trat marschbereit iu, lammen, nur die Direktorin wurde vermißt. Der gute Amandus erhielt den Auftrag, zurückzubleiben und die Nachzüglerin an Ort und Stelle zu geleiten.. Endlich erschien die Direktorin. Ihre Augen waren von ver- gossenen Tränen gerötet und ihr Körper erbebte wie unter der Wucht eines gewaltigen Schmerzes. „Was ist Ihnen?" fragte der ergriffene Amandus. „Schonen Sie m'ch", bat sie und suchte vergeblich den Strom neu hervorbrechender Tränen zu hemmen. Wortlos schritten sie dahin. Plök- lich warf sich die Märtyrerin dem guten Amandus an die Brust. „Ich bin so elend, lieber Freund, so namenlos elend!" „Entsetzlich! Warum denn?" „Weil ich mich nicht vor ihm erniedrige. Weil ich mir seine Tyrannei nicht gefallen lasse." „Sie werden sich durch diese ewigen Alterationen zugrunde richten, gnädige Frau." „Leider! Ich fühle bei solchen Auftritten jedesnml den Tod am Herzen. Meine Langmut war unendlich. Aber das Maß ist voll. Die Achtung vor mir selbst fordert gebieterisch, daß ich nicht mehr länger unter einem Dache mit ihm bleibe." „Und Ihre Kinder, gnädige Frau?" „Welche Frage, lieber Freund? Meine Kinder gehören zu mir. Er wird sie mir streitig machen, allein ich werde meine Rechte mit dem Mut und der Verzweiflung einer verwundeten Löwin verteidigen." „Die armen Kinder!" hauchte Amandus und wischte sich die feuchten Augen. Die Direktorin benutzte seine weiche Stimmung und ergriff seine Hand. „Ein schutzloses, armes Weib, bin ich den Angriffen und Schmähungen eines Barbaren preisgegeben! Und kein Lichtstrahl in dieser Schreckensnacht. Ich vergehe unter der Qual!" „Und doch müssen Sie sich Ihren Kindern erhalten, gnädige Frau!" „Ich fürchte, daß meine Kräfte versagen. Ja, wenn ich — wenn ich auß Sie zählen könnte —" „Den Hilflosen beizustehen ist Christenpflicht." „Ihr Edelsinn zeigt Ihnen den rechten Weg." „Mir kommt ein Gedanke, gnädige Frau. Wenn ich vor Ihren Mann hinträte und ihm mit glühenden Farben das Glück malle, das er frevelnd von sich stößt? Wenn ich an sein Gewissen, an seine Vater- pflichten appellierte? Ja, wenn ich das Fünkchen wieder anftchte, das vielleicht noch in feinem Herzen für Sie glimmt? Wenn ich —" „Er würde Sie auslachen, einfach auslachen. Nein, lieber Freund vergeben Sie sich nichts. Das ist vorbei. Die Brücke ist abgebrochen." „Aber was wollen Sie beginnen, gnädige Frau?" '„Ich suche mir ein st-lles Asyl, wo ich für meine Kinder leben und arbeiten kann." „Wo dachten Sie denn —" „3d) schwanke noch, vielleicht in Ihrer ... Ist Ihnen die Umgebung Ihrer Stadt bekannt? Wenn ick) da — ach, das würde mir alles sein, mich einer verwandten Seele nahe zu wissen." „Ich begreife das, gnädige Frau. Nur dürfen Sie auf meinen Rat nicht bauen. Ich bin sehr unpraktisch. Ich habe nicht die geringste Erfahrung in solchen realen Dingen. Wir wohnen leit undenklichen Zeiten vor der Stadt in unserem eigenen Häuschen —' „Wie idyllisch!" „Aber Tilli —" SEilli?" „Ja, meine Kusine. Die ist weltgewandt und hat einen merkwürdig scharfen Blick. Die könnte Ihnen —" „Wir sprechen noch darüber, lieber Freund. Jede Stunde kann die Entscheidung bringen. Sie sehen, wie ich auf den Wogen dahintmbe und das Eiland suche, wo mir die Götter ein friedliches Heim bereiten. Seien Sie der treue Bootsmann, der mich dorthin steuert, und bleiben Sie mir gut gesinnt!" . „ .. Sie näherten sich der Gesellschaft, die im kühlen Waldrevier Jui|t hielt und die Anlommenden mit Jubelgeschrei begrüßte. Die eine der beiden Schriftstellerinnen, die sick) in Improvisationen hervortat, echoe sich und sprach, zur Direktorin gewandt, mit weithin vernehmbarer Stimme: „Nimm, teuerste Direktorin, Die Gabe unserer Liebe hin Und bleib, o holde Kreatur, Der Lichtpunkt unsrer Wasserkurl" Bei diesen Worten schleppte der Proviantjunge einen Riesenkranz aus Eichenlaub herbei, den die Rednerin der Direktorin überreichte. „Sie lebe —" , , „Hock)!" schrie der Chor der Platonischen, „hoch, und abermals yo) Die Dichterin, selbst hingerissen von ihrer poetischen Leistung, dr einen Kuß auf die Stirne der Direktorin und diese bot ihr den “ • Der Gesellschaft bemächt gte fick) eine allgemeine Rührseligkeit, man sick) in die Arme, man verbrüderte sick) und es regnete so viel c>" feiten, als ob sie von Doktor Wenderoth zur Hebung der Korperr verordnet seien. — (Fortsetzung folgt.) _--- sorin von Below, eine unternehmungslustige, kokette Frau, die unaufhörlich Ausflüße, Spiele und Tanzvergnügungen veranstaltete und mit ihren Kapricen sehr oft die ganze Anstalt auf den Kopf stellte. Wer sich in die Gefolgschaft dieser Epikuräerin begab, konnte an einen regelmäßigen Kur- gebramh nicht denken. Doktor Wenderoth protestierte gegen die Vergewaltigung seiner Patienten und wünschte die Majorin zu allen Teufeln, Die zweite Gruppe, unter der Aegide der Gattin des Badedirektors, war platonisch-ästhetisch angehaucht. Hier wurde geschwärmt, geseufzt und ge- 8öngeistert. Zwei Schriftstellerinnen, deren Namen ohne Angabe ihrer erke im Kürschnerschen Literaturkalender prangten, lasen abwechselnd ihre Produktionen vor und gaben der Gesellschaft die höhere geistige Weihe. Amandus leistete der Majorin mit den Glutaugen nur wenige Tage Trabantendienste. Ein Zusammenstoß mit dem Referendar Müller- Fellinghausen veranlaßte ihn, seine Beziehungen zur Below-Gruppe abzubrechen. Der krankhaft aufgeregte Themisjünger war sterblich in die Majorin verliebt. In dem harmlosen Privatdozenten einen Rivalen vermutend, „rempelte" er diesen vor versammeltem Volk mit den Worten an: „Herr Doktor, Sie renommieren bei den Damen mit einer gemachten Naivität!" Der gute Amandus wechselte die Farbe, stürzte fort und ließ den Chefarzt um eine Unterredung bitten. „Herr Doktor," keuchte er fassungslos, „ich bin fein Freund von Sfandalen und Blutvergießen, aber den unverschämten Referendar fordere ich auf Pistolen." Doftor Wenderoth, der solche Szenen oft in seiner Praxis erlebt hatte, versuchte zu vermtteln, und es gelang ihm, den blutdürstigen Amandus zu beruhigen „Lieder Doktor," entließ er ihn, „Wilhelmsbad ist neutraler Boden. Wollten wir hier jede Herausforderung mit der Pistole in der Hand beantworten, so würden wir von einer Blutlache fortgeschwemmt. Meiden Sie die Kliaue der Majorin und beherzigen Sie stets, daß es Kranke find, mit denen Sie den Aufenthalt hier teilen." Amandus ging nun in das Lager der Platonischen über, wo er mit offenen Armen empfangen wurde. Schon lange hatte ihn die Direktorin mit wohlgefälligen Augen betrachtet. Sie war klein und auffallend häßlick). Glattgesd)eiteltes, rötl'ches Haar umschloß ihre Stirn. Vor dem weit vorstehenden spitzen Kinn und den wulstigen Lippen trat ihre winzige Nase vollkommen zurück. Obzwar die Natur sie so stiefmütterlich behandelt, gefiel sie sich in allerlei theatralischen Possen, wobei sie ihren wasserblauen Augen einen elegischen Ausdruck gab. Mit ihrem Mann, dem sie vier Mädchen geboren hatte, lebte sie in unglücklicher Ehe. Das war schon äußerlich bemerkbar, weil der Direktor nicht mit seiner Familie speiste, sondern an den Mahlzeiten der Kurgäste teilnahm Die Direktorin trat das Amt der Prästdentschaft an die beiden Schriftstellerinnen ab, um sich ungestörter ihrem neuen Freunde, dem guten Amandus, widmen zu können. Ihm klagte sie ihr verborgenstes Leid, ihm enthüllte sie den klaren Spiegel ihrer schönen Seele. In jungen Jahren verwaist war sie im Hause ihres Vormunds in Stuttgart erzogen worden. Dieser hatte hie und da „unter Diskretion" ein Wort von dem großen Vermögen seines Mündels verlauten lassen, und das bescheiden glimmende Lichtchen verwandelte sich über Nacht in eine Sonne, die „verliebte" Schwärmer in ihren Strahlenkreis zog. De Bielbegehrte gab unter allen Verehrern dem eleganten ritterlichen Offizier, der um ihre Hand warb, den Vorzug. Nach der Hochzeit stellte sich heraus, daß die Mitgift der jungen Frau nicht entfernt so bedeutend war, als man allgemein geglaubt hatte. Der Herr Oberleutnant, der gewohnt war, auf großem Fuße zu leben, geriet in Schwierigkeiten, er muhte seinen Abschied nehmen und war nach langem Flanieren froh, das Direktorat in Wilhelmsbad zu erhalten. Am Himmel der jungen Ehegatten stieg ein Gewitter nach dem andern auf. Man überschüttete sich mit Vorwllifen, man war gegenseitig voneinander enttäuscht, und das eheliche Zusammensein artete in ununterbrochenes Gezänks aus. Die Geburt der Kinder vermochte an diesem traurigen Verhältnis nichts zu ändern. Die Direktorin sprach sich von jeder Sck)uld frei. Als Backfisch hatte sie für das Feuilleton einer Modenzeitung kleine Beiträge geliefert, nun faßte sie den abenteuerlichen Entschluß, die Fesseln ihrer jammervollen Ehe zu brechen und irgendwo, womöglich als Schriftstellerin, eine Existenz zu suchen. Amandus, den sie ins Vertrauen zog, war ehrlich genug, sie zu fragen, ob ihr Talent stark genug sei, diese Probe zu bestehen. Darauf überreichte sie ihm eine kleine Novelle, die von Trivalitäten wimmelte und sick) in bezug auf Satzbau und Stilistik so mangelhaft erwies, daß an eine Verwertung des Manuskripts nicht zu denken war. Die Direktorin gehörte zu den Frauen, die ohne tiefere Bildung durch das Blendwerk einer glänzenden Unterhaltung zu imponieren verstehen und nicht imstande sind, einen mittelmäßigen Brief zu schreiben. Amandus trug Bedenken, der Verzagenden die volle Wahrheit zu gestehen und ihr die letzte Hoffnung zu rauben, an die sie sich klammerte. Er behielt die Novelle unter allerlei Ausflüchten zurück, arbeitete sie in der Stille gänzlich um und schickte sie an die Redaktion einer bekannten Tageszeitung. Die Majorin von Below bewachte ihre Gegnerin mit Argusaugen und wartete sehnsüchtig auf einen Eklat. „Ihr werdet Jefjen," prophezeite sie ihrer Liga, „es gibt eine Entführung, und alle Wasserseelen von Wilhelmsbad werden tn Aufruhr geraten." „Ick) gönne dem faden Privatdozenten die Kreuzspinne", geiferte der Referendar Miiller-Fellinghausen. „Die Direktorin ist eine Märtyrerin", sagte eine fettsüchtige alte Barne. „Was?" schrie ein cholerischer Rittergutsbesitzer. „Ein Drache ist sie! Ich habe mit dem Direktor in einem Regiment gestanden. War ein bißchen leicht, aber sonst ein guter Junge." „Ich habe meine Quellen, mischte sich ein Berliner Großkaufmann ins Gespräch. „Sie soll ihren Mann mit den albernsten Grillen und Ueberspanntheiten quälen." Es bildeten'sich zwei Parteien, und der Referendar fuhr mit den derbsten Ausdrücken dazwischen. Die Majorin mußte ihre ganze Autorität aufbieten, um Frieden zu stiften.