SiehenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Z rhrgang 1928 vrenstag, den 6. März Nummer 19 Katzenidylle. Bon Justiiuis Kerner. Was schleicht dort im Garten gar leise? Ein Kätzchen ist es, schneeweiße. Was suchet im Garten das Kätzchen? Es sucht sich ein sonniges Plätzchen. Es legt aus das Plätzchen sich nieder. Noch weißer zu sonnen die Glieder. Es spinnet, es wichset sein Bärtlein Und wünscht sich ein liebes Gefährtlein. Was kommet ganz schwarz dort so plötzlich! - Mit Bart und mit Hörnern? entsetzlich! — Ein Bock ist's, ein schwarzer, o Schauer! — Das Kätzlein springt über die Mauer. Herr Dufrant. Bon Max Geisenheyner. Dem Garderobier des großen Varietes war es ausgefallen, daß der Verwandlungskttnstler Edouard de Dufrant noch stolzer, noch korrekter und eleganter einhertam als bei seinem letzten Engagement. Wenn ihn der Garderobier von seinem Fenster aus über den Hinterhof des BärietLs, wo die Kulissen standen, zur Vorstellung kommen sah, hatte er in der Tat den Eindruck, ein Diplomat, ein Gras schreite daher. Edouard de Dufrant trug, wie stets um die Herbstzeit, in der er sein Saison-Engagement in dieser Stadt zu absolvieren pflegte, einen langen, dunklen, wolligen zweireihigen Ueberzieher, weiße Handschuhe, Lackstiefel mit Gamaschen, ein seidenes Halstuch und einen schwarzen, steifen Hut. Aber irgend etwas stimmte an ihm nicht. War es die Art, wie er die langen Beine setzte, als könnte sein Fuß unvorsichtigerweise auf ein schmutziges Stück Papier treten, war es die Haltung seines Oberkörpers, dessen Rücke» ausgebuchtet erschien, war es der Sitz des steifen Hutes, der um einen Zentimeter zuviel auf die Nasenwurzel herabgerutscht war; jedenfalls, der Garderobier, der seine Pappenheimer seit Jahrzehnten kannte und in einem Artistencase jedem mit tödlicher Sicherheit die besondere Spezies seines Berufes auf den Kopf zugesagt hätte, hatte diesmal die Empfindung, daß Herr de Dufrant wieder ein bißchen verrückter geworden sei. Bei den Varietskünstlern ist so etwas eine Seltenheit, denn Artisten sind fast ohne Ausnahme harmlose, einfache, bescheidene, nur auf ihre Arbeit bedachte Menschen, die keinerlei Spleen haben als den, am Abend mit ihrer Nummer tadellos und sauber herauszukommen. Wenn sie ihren Applaus empfangen und ihre Verbeugungen gemacht haben, treten sie aus dem Glanz der vielen Lampen wieder in die Anonymität zurück. Mit ihren Trikots streifen sie auch das geschminkte und gedrillte Wesen ab, jene seit Jahrhunderten festgelegten marionetten- haften Gesten, mit denen sie ihre Darbietungen begleiten. Sie sind außer Dienst treue Familienväter, ernsthafte, anhängliche, einander freundschaftlich gesinnte Leute. So mußte Edouard de Dufrant auffallen. Seine Kollegen, die mit ihm für den gleichen Monat engagiert waren, lächelten über ihn, wenn er nachmittags würdevoll und steif in das Cafe kam, in dem man sich traf. Sie erwiderten seinen förmlichen Gruß mit freundlichem Kopfnicken, fanden aber nichts dabei, daß er sich abseits hielt und mit starren Augen ins Leere sah, als fei er eins sorgfältig behütete Figur in einem Wachskabinett. Mochte jeder sein, wie er wollte. Sie wußten zwar ganz genau, daß es bei weitem leichter war, sich die Maske Bismarcks vorzubinden und einen alten Kürafsierhelm darüber zu stülpen, als einen zweifachen Salto vom Erdboden auf die Schulter eines Partners zu machen. Aber sie waren viel zu harmlos, um nun etwa den eitlen Dufrant das fühlen zu lassen. Dufrant selbst war das Opfer seines Berufes geworden. Er verwandelte sich, ohne daß er es merkte, selbst immer mehr zu einem Schemen von Mensch, dem unsichtbar falsche Orden, genialische Haartollen, martialische Bärte umhingen. Er ging auch auf der Straße in einem Schritt, als ob er die Kanonenstiefel Napoleons trüge oder, je nachdem ihn die Stimmung überkam, die sanften Stiefeletten Kaiser Sofefs. Neuerdings hatte er sich auch aus Wunsch des Direktors die Maske des ihm persönlich verhaßten Lenin zugelegt. Er zeigte sich 2 ihr immer nur bis zur Brusthöhe, da er nicht recht wußte, welches «chuhwerk er als russischer Revolutionär anziehen sollte. Es war ihm auch peinlich, bis zu den Füßen hinab Revolutionär zu sein, ja, er "npfand es fast wie eine Beleidigung für die Stulpenstiefel Bismarcks, wenn er gleich darauf in irgendwelche ungeschlachten Kähne hätte schlüp- buffen. Es war ganz unzweifelhaft, daß ihm die Darstellung be- re Persönlichkeiten im Lauf der Jahre völlig zu Kopf gestiegen war. Er konnte es gar nicht erwarten, bis es Abend wurde. Die erste Maske, die er überstülpte — er fing immer mit Friedrich dem Großen an — war ihm wie eine himmlische Erlösung aus der grauen Qual de» Tages. Dufrant war dazu von einer kaum zu überbietenden Beschränktheit des Geistes. Er wußte von Napoleon, von Bismarck, von den Komponisten und sonstigen Männern der Geschichte, die er darstellte, kaum mehr als den Namen und hatte trotz seiner fünfzig Jahre keine andere Vorstellung von ihnen als ein Schüler, der zum erstenmal Anekdoten über solche Persönlichkeiten in der Schule hört. Diese Beschränkt- heit aber war natürlich für ihn ein Segen. Wie hätte er es sonst aushalten können, nun schon im zehnten Jahr Abend für Abend sein eigener ! Narr zu sein. Außerdem wurde er von der großen Masse des Publi- j kums mit Beifall überschüttet und das gab ihm zu alledem noch da» i Gefühl, er habe eine heilige Mission zu erfüllen, um die großen Gestalten der Geschichte im Volke lebendig zu erhalten. Dieses Gefühl war es vor allem, das ihm feine Würde gab, eine Atmosphäre der Unnah. barkeit um ihn zog, und wenn er einmal mit jemand sprach, so geschah es eben über jene Mission, zu der er sich berufen fühlte und die er nut heiligem Eifer zu erfüllen beabsichtigte. Wie konnte er, der noch vor einer Stunde als Richard Wagner, als Altreichskanzler, als König Ludwig von Bayern hinter seinem Stehpult gestanden, die Finger der rechten Hand leicht zwischen die Unisormknöpfe gesteckt, am gleichen Abend mit Kollegen zusammen alberne Witze reißen, Bier trinken und in kleinen Lokalen verkehren! Er bildete sich ein, das Publikum könnte ihm das, wenn es davon erführe, übel nehmen, genau so, wie es einen Geistlichen verachtete, der sich betrank. So saß er nach der Vorstellung — in das gemeinschaftliche Cafö ging er nur nachmittags auf ein Viertel- stundchen — in der Halle eines großen Hotels und trank dort, da seine Gage nicht allzu reichlich bemessen war, stundenlang an einem Kognak, rauchte bedächtig eine Zigarre, sah in die Luft, als entwürfe er Schlach- tenpläne, und bezahlte schließlich den Kellner, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. An dem Abend, an dem ihn der alte Garderobier über den Hof kommen sah, war eine Galavorstellung angesetzt. Im Theater erwartete man großen Besuch. Als Dufrant die Treppen zu seiner Garderobe hin- ausging, rief ihm ein Bühnenarbeiter mit strahlendem Blicke zu: .Herr Baron, es ist alles ausverkauft". Dufrant faßte lässig mit seiner weißbe- handschuhten Rechten an den Hut und schon hatte er das Gefühl, er sei Friedrich der Große, der im Vorübergehen die Mitteilung von einem Siege in Schlesien entgegennehme. Heute wollte er besonders glänzen. Heute wollte er dem Publikum die großen Männer der Historie beson- ders eindringlich und lebhaft vor Augen führen. Heut' wollte er als Alter Fritz feine Augen wie noch nie rollen lassen, den Dreispitz würde er noch kecker auf das linke Ohr setzen und den Mund leicht schmerzlich wie eine Mahnung an sein Volk herabziehen. Bismarcks Kürassierftiefel sollten nur so klirren und den Helm sollte der Garderobier noch einmal blankputzen, kurz bevor er ihn aufstülpte. Dufrant ging in seiner Garderobe wie ein Löwe auf und ab, mit erhobenem Kopfe, selbstbewußt, von einer kindlichen Heiterkeit, die ihn sympathisch gemacht hätte, wenn ihm in diesem Augenblick jemand hätte zusehen können. Er dachte barüberjtad), wie weit er es doch eigentlich gebracht hatte. Als ganz kleiner Schauspieler war er einst an minderwertigen Provinz, theatern herumgezogen, entlohnt wie ein geringer Arbeiter, ohne An- sehen, von den Bürgern verachtet. Und nun saßen sie da zu Tausenden und warteten auf ihn. Nun war er berufen, ihnen geheimnisvollen Schauer der Ehrfurcht einzujagen, wenn er in zwölf großen Gesichten der Weltgeschichte auf die Bühne trat. Er überlegte, ob er nicht heute Lenin weglassen solle. Aber der Direktor wollte es ja. Also gut. Seine Lieblinge, die Könige, Kaiser, vor allem aber Bismarck, würde er um so triumphaler herausbringen. Schon stand er auf der Bühne. Der Vor- Hang war noch heruntergelassen. Er ordnete feine Bärte, Stiefel und Helme. Er war ein wenig aufgeregter als sonst. Die Hände zitterten ihm. Sein Kopf war gerötet. Das Bewußtsein seiner Mission durch, glühte ihn wie ein neues Feuer. Die Kollegen, die ihn hinter der Bühne gesehen hatten, schüttelten heute über ihn etwas stärker die Köpfe als sonst. Der Athlet Fargo, der soeben zehn Zentner gehoben hatte, starrte ihm nach und tippte langsam mit dem Finger auf die schmale Stirn. Aber es war mehr Mitleid als Bothaftigkeit in dieser Geste. Die Tänzerinnen in den Garderobengängen lächelten, als er voruberging, der Tierbändiger knallte mit der Peitsche und der Elown machte winke, winke. Niemand weiß, wie die Verwechslung eigentlich zustande gekommen war. Aber in der dritten Maske, die Dufrant dem Publikum vorführen wollte, ereignete sich das Unglück. Nachdem er sich mit dem Rücken zum Publikum, der Kopf über feinen Schminktisch gebeugt, fertig gemacht hatte, trat er plötzlich vorn an die Rampe. Der Ansager rief mit lauter Stimme Lenin! Und Dufrant stand da in der Kürassieruniform Bis- marcks, den Helm in der Hand, die Maske Lenins über dem Gesicht. Da» Publikum war einen Augenblick sprachlos Dann brüllte es los. Duftant wußte zuerst nicht, was geschehen war. Als er sich aber ein wenig zur Seite wandte und in der Kulisse in einen der großen Spiegel sah, die dort für die nächste Tanzrevue bereitstanden, wurde er blaß wie ein Handtuch. Er spielte seine Nummer nicht zu Ende. Ms man nach langem Klopfen aus feiner Garderobe keine Antwort bekam, sprengte man sie schließlich auf und fand ihn in der verwechselten Maske erhängt an der Türangel seines Gavderobenschrankes neben dem Dreispitz Friedrichs des Großen und der Locke Napoleons. Die Kollegen betrauerten ihn sehr. Sie nahmen das Ereignis als einen Berufsunfall. Der alte Garderobier sagte leicht bekümmert: Er hieß August Schmidt. Lärm im Theater. Aus der Geschichte des Theaterfkandals. Von Peter H a m e ch e r. Mr wollen nicht nach den Gesetzen forschen. Es gibt keine Gesetze für das Zustandekommen eines Theaterfkandals. Gewiß find Zeiten politischer oder ästhetischer Meinungskämpfe der günstigste Boden. Ost aber ist es nur ein Zufallswort von der Bühne oder der Zuruf eines Witzigen, was die Laune des Publikums aufflackern läßt und es zum Mitspielen veranlaßt. Die Gewohnheit des Publikums, auf eine mißfällig vermerkte Aufführung mit Lärmen und Spektakel zu reagieren, ist wahrscheinlich so alt wie das Interesse am Theater selbst. Die Geschichte des französiscl)-en Schauspiels verzeichnet den Augenblick, wo das Pseifen als Ausdruck des Mißfallens Mode wurde. Das war im Jahre 1680 bei der Erstaufführung von Fontenelles Tragödie „Afpar". Racine sagt in einem Epigramm, in den Stücken Boyers sei zuerst gegähnt worden, P r a d o n fei zuerst mit Aepfeln beworfen worden, aber Herrn de Fontenelle gebühre die Ehre, daß in seinem Stück zuerst gepfiffen worden sei. Bei der Aufführung einer Komödie von Thomas Corneille, 1686, hatte bas Pfeifen sich beim Publikum schon eingebürgert. Denkwürdig ist die Aufführung von Schlegels „Marcos" in Weimar durch die Haltung Goethes. Das Publikum begegnete dem Stück mit einem Konzert peinlicher Geräusche. Da beugte sich Goethe aus seiner Loge und rief mit mächtiger Stimme: „Man lache nicht!" Worauf Stille eintrat. Die beiden großen Theaterskandale von historischer Berühmtheit find die Erstaufführung von Beaumarchais' „Hochzeit des Figaro" vom Jahre 1874 und die Hernani-Sch lacht von 1830. Der Lärm um Beaumarchais' Stück hatte politischen Charakter. Es war sozusagen die Generalprobe zur Revolution. Ludwig XVI. hatte di« Aufführung untersagt: aber ein Teil des Hofes und der Aristokratie fetzte sich für die bedenkliche Gesellschaftssatire ein. Die Stimmung war in ihrem Für und Wider auf das äußerste erhitzt, als endlich im April 1784 die Aufführung in der Comedie frangaise vor sich gehen sollte. Ganz Paris drängte zu der Premiere, und die Aristokratie, die sich das Vergnügen der Angriffe auf ihre eigene Klaffe nicht entgehen lassen wollte, hielt schon Stunden vor der Vorstellung die Logen besetzt. Die Zuschauer aber mach- ten aus der Aufführung eine politische Demonstration. — Bei dem Kampf um Victor Hugos „Hernan i" handelte es sich um den Kampf zweier literarischer Richtungen. Die „Perücken", die Vertreter des Klassizismus, protestierten gegen die Romantik. Am 25. Februar 1830 wurde „Her- nani" aufgeführt. Man hatte sich auf beiden Seiten zur entfcheidenden Schlacht gerüstet. Die Vertreter der älteren Richtung hatten vorher versucht, aus dem König Karl X. ein Serbe herauszupressen; der König aber winkte ab mit den Worten, im Theater habe auch er nur seinen Platz. Hugo verzichtete bei der Premiere auf jede Claqne. Die Jugend, die für Hugo war, und dessen Freunde ersetzten sie aufs beste. Dreihundert Mann stark, saß diese Garde, schon in der ungewöhnlichen Tracht sich von ihnen unterscheidend, zwischen den Männern des Gestern. Wie eine Standarte leuchtete Theophil Gautiers berühmte rote Weste. Gleich beim Beginn des Spiels brach das Lärmen los. Die Schauspieler konnten ihren Sätzen kaum Gehör verschaffen. Dennoch wurde das Stück zu Ende K'elt, und es wurde noch fünfundvierzigmal unter demselben stücmi- Zeichen wiederholt. Am Ende aber blieb Hugo Sieger. Mit dem Naturalismus beginnen auch in Berlin die Theaterskandale und werden zur lieben Gewohnheit. Am 20. Oktober 1889 wird von der ° „Freien Bühne" Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang" auf- geführt. Der alte Fontane hatte das Werk entdeckt und es an Otto Brahm empfohlen, der die Aufführung zustande brachte. Wie bei Hugos „Hemani" ging es um ein literarisches Programm. So ging es von vornherein recht stürmisch bei der Aufführung zu. In einer Szene, wo man das Wimmern einer Wöchnerin hinter der Bühne vernimmt, schwang ein anwesender Arzt eine Geburtszange. Es kam direkt zu Prügeleien und die Bühnenleute beteiligten sich an diesem etwas lebhaften Meinungsaustausch. Ein Riesenfpektakel war auch die Ausführung von Sudermanns Gesellfchastssatire „Sodoms Ende". Schon vorher hatte die Zensur durch ihr Verbot Lärm gemacht. Beim ersten Akt blieb das Publikum kühl. Der zweite Akt wurde beifällig ausgenommen. Aber bei der Verführungsszene war die Hölle losgelassen und tobte, raste, sich übersteigernd, bis zum Schluß. Dieser Lärm war sozusagen der in „moralische Entrüstung" um« geschlagene Aerger des abgeschilderten Tiergartenoiertels, Das Stück wurde jedenfalls weitergespielt und hatte bei feinen späteren Wiederholungen ausgesprochenen Erfolg. Unvergessen ist der erste Mißerfolg von Hauptmanns „Florian Geyer" vom Januar 1896. Die Meinungen waren schon vorher erhitzt und platzten bei der Aufführung aufeinander. Maximilian Harden beugte sich, ironisch Beifall klatschend, aus seiner Loge und rief: „Bravo, Wilden- bruef)'." Als aber im fünften Akt die Ritter nach den Peitschen griffen, nm aus die Bauern einzuschlagen, wurde der Lärm so schlimm, daß die Schauspieler nicht mehr weiter spielen konnten und die Vorstellung ad- brechen muhten. Zwei heftige Theaterskandale erlebte auch Max Halbe: das eine- mal mit seinem schwächlichen Versstück „Der Amerikafahrer" und da« anderemal mit seinem Renaissance-Drama: „Der Eroberer". Bei der Er- oberer-Premiere soll es hoch hergegangen [ein. Es war ein Begräbnis i aus der vergnügtestenHetzstimmung. — In derAera Max Reinhardts gab es den tollen Mißerfolg von Sternheims „Don Juan". Paul Wegener hatte da an einer Stelle zu sagen: „Wer schrieb diesen Unsinn?" Das Publikum nahm das Wort lachend auf, und das Lachen wurde Lärmen, bis Felix Hollaender, der die Regie hatte, die Vorstellung vor ihrem Ende abbrechen lieh. Im Gedächtnis ist auch noch die Aufführung von V o l l m o e 11 e r S Fliegerdrama „Wieland". Niemand hatte auch nur an die Möglichkeit eines Skandals gedacht. Das Publikum sah durch zwei Akte still da unb langweilte sich. Da, im dritten Akt, ehe die Rumplertaube durch das Tor kommt, hört man hinter der Szene begeisterte Rufe der Zuschauermenge, i die bei der Abfahrt des Flugzeuges zugegen ist. In der Langeweile de« Abends nahm das Publikum diese Ruse begeistert auf und stimmte ein, , und als erst die Rumplertaube durch das Tor geschoben wurde, war - dieser Eindruck so komisch, daß es kein Halten mehr gab. Das Stück ging in Lärm und Gelächter unter. Alb. Bassermann aber, der die Hauptrolle spielte, packte, der Stimmung des Publikums Trotz bietend, den Dichter bei der Hand und schleppte ihn vor den Vorhang. Einer der größten Theaterskandale ist mit dem Namen Kokoschkas verknüpft. Das „Junge Deutschland" brachte 1920 in einer Matinee zwei Stücke von Kokoschka heraus: „Der brennende Dornbusch" und „Hiob", ; Der Dichter hatte selber die Regie. Das Publikum wußte mit den Stücken nun gar nichts anzufangen. Bald machte sich Unruhe bemerkbar. Bei der Stelle: „Ich verstehe kein Wort", gab es ironischen Beifall und einige riefen: „Wir auch nicht." Die Unruhe steigerte sich, und als am Ende des letzten Stückes der Schauspieler Paul Günther mit den Worten: „Und mir bleibt nichts übrig, als das Licht auszudrehen", zum Lichtschalter ging, war der Zuschauerraum ein rasendes Meer. Vom Rang hielt einer eine Rede. Man bot einander Maulschellen an. Kokoschka kam vor den : Vorhang und versuchte vergeblich, sich in einer Ansprache verständlich gn machen. Eine halbe Stunde lang tobte das Chaos, bis der Zuschauerraum I gewaltsam geräumt wurde. Lärmszenen gab es auch unter Ferdinand Bonn am berliner Theater. Ein Hauptspektakel aber war die Ausführung des „Wilhelm Teil" bei Iessner. Als Bassermann, zwischen Jessnevschen De.'o- ratioroen, den berühmten Monolog sprach, rief einer vom hohen Olymp herab: „Wo ist denn die Gasse?" Hier fetzte der allgemeine Lärm 'ein. Bassermann suchte vergeblich, mit seinen Worten durchzudringen uni j ging schließlich von der Szene ab. Aber als der Spektakel sich abgetaufen hatte, kam er zurück und nahm den Monolog genau n der Stelle wieder auf, wo er ihn abbrechen muhte. Lofoten-Fischer. Von Fritz Löwe. Svolvaer (Lofoten), im Februar. - Aus den blauen Wogen des Weftfjords steigen die filberschillcrndw Bergketten des geheimnisvollen Jnsellabyrinths der Lofoten mit seine« > engen Sunden, schroffen Felsab stürzen und weithin leuchtende« Gletschern. Zerklüftete Gebirgsmasfen schieben sich weit in den Fjord. Soweit das Auge reicht, ein grandioser Irrgarten, umfunkelt von der schäumenden Flut. Tief hängen graue Wolken in schauerliche Schlünde. An die Berge schmiegen sich die pittoresken Häuschen von Svolvaer. Svolva«, das Juwel in der bunten Kette der sommerlichen Nordlandfahrt, ist in den Wintermonaten das Zentrum des Dorfchfanges. Von Januar lm April bilden die Fjorde und Sunde der Lofoten die reichsten Fanz- plätze in den europäischen Gewässern, ein wahres Dorado für Fischer und Aufkäufer. I Di« Ursache dieses Fischreichtums ist in der Wärme des Seewassers unds«- uem Salzgehalt zu suchen, der von 32 vom Tausend an der Oberfläche bis« vom Taufend in 100 Meter Tiefe zunimmt. Trotz Nordlage ist das Mm« der Lofoten infolge der Wärme des Golfstromes fo mild, daß das SW selbst im Winter oftmals auf die Weide getrieben werden kann, wj Schafe sogar die ganze Nacht im Freien bleiben. Mit Ausnahme der; innersten Fjordteile, friert hier das Meer nie zu. Dazu kommt die eigenartige Beschaffenheit des Seegrundes. M bis acht Seemeilen von der Kette der Lofoten entfernt liegt der w- denkendste aller Fischplätze, eine Bank von 60 Meilen Länge. Unermch lich reich sind diese Fischgründe. Wenn Ende Dezember die 8#- unter denen der Dorsch wirtschaftlich der wichtigste ist, zum Laichen an die Küste kommen, beginnt der große Fang, der sich bis zum AM ausdehnt. Dann strömen von der ganzen Küste die Fischer in der Lofotengruppe zusammen. In der Hochsaison des Fanges beteiligen sich fünftausend Booten rund 20 000 Fischer. In Svolvaer, Kabelvaag uro den anderen Fischhäfen ist man auf die Invasion so vieler Tausender von fremden Fischern wohl vorbereitet. Am felsigen Strande sind Hunderte von roh aus Holz gezimmerten Häuschen errichtet, die an on Fischer verpachtet werden, da alle sonstigen Unterkunftsräume wogenden Menge erfüllt. Fischer, Lotsen, Arbeiter, Fifchaufkäufer, Ha« [er, fluten durcheinander. Der Dorschfang und was mit ihm zusammen, hängt, ist die alles beherrschende Frage. Gehört doch die Seefischerei zu den wichtigsten Erwerbsquellen Norwegens, wenn sie auch nicht mehr, wie im Mittelalter, als fast einziges Existenzmittel des Volkes an erster Stelle steht. Ist im Sommer die Touristensaison für die Bevölkerung der Lofoten das große Tagesgespräch, so regiert im Winter aus den Inseln der Dorsch. Dann ist er der König im Reiche der Lofoten. Im Hafen der Lärm und Trubel der aus- und einladenden Schiffe, das Gewirr der Motorboote, Kutter, Fischdampfer und hochmastiger Segler. Das Geld rollt in dieser Zeit gar leicht. Wer in schwerer Arbeit, in stetem Kampf und Lebensgefahr, dem Meere seine Schätze abgewinnt, läßt gern etwas springen. Für die Geschäste ist die Fangzeit eine Goldgrube. Sie haben sich auch entsprechend vorbereitet. In den Schaufenstern lockt alles, was der Fischer braucht. Netze, Angeln, wasserdichte Seemannsstiefel, Oelmäntel, Oelhauben, Tabakspfeifen ufro. Aber auch alles, was ein Frauen- und Mädchenherz erfreuen kann, ist im Ueberfluß vorhanden. Vergißt doch kein heimkehrender Fischer, seinen Lieben zu Hause Geschenke mitzunehmen. Die norwegischen Banken unterhalten während der Fangzeit in Svolvaer Filialen, deren Umsätze lehr bedeutend sind. Der Verkauf der Fische geschieht jedoch nur gegen Barzahlung. In den seltensten Fällen nimmt der Fischer Schecks oder Wechsel in Zahlung. Wenn die Fischerflotte ausfährt, herrscht im Städtchen frohe Feststimmung. Dann steht die ganze Bevölkerung am Strande und winkt den Männern, Brüdern, Söhnen, Verlobten an Bord noch lange nach. Wie Raubvögel schießen die kleinen Motorkutter aus dem Hafen, stürzen sich in lustiger Wettfahrt in die blau aufschäumende Gischt. Man fängt den Dorsch mit Angeln und Garnen, mit 200 Meter langen Grundleinen und Netzen von 40 Meter Länge und 4 Meter Tiefe. An jeder Leine befinden sich 120 Angeln. Die Netze, in deren Maschen sich die Fische sangen, umspannen 700 bis 800 Meter. Jährlich werden auf diese Weise etwa 20 Millionen Dorsche gefangen, die einen Wert von 12 Millionen Kronen darstellen. Wenn draußen im wogenden Fjorde die Riesennetze emporgewunden werden, entrollen sich Bilder von phantastischer Schönheit. Aus den geheimnisvollen Tiefen des Meeres kommt die zappelnde Beute jählings an das Tageslicht. In ohnmächtigem Zorn schnellen Tausende und aber Tausende von überaschten Meeresbewohnern empor, peitschen mit den Schwänzen die Luft und versuchen nach allen Richtungen zu entkommen. Umsonst der Kampf. Die Maschen halten zu fest. Klatschend uni) Plätschernd ergießt sich der silbern und goldig leuchtende Fischstrom in das Innere der Boote. • Aber nicht immer geht es beim Fange so luftig zu. Unerwartet brechen plötzlich mit furchtbarer Gewalt Stürme herein. Wenn im Februar und März, also gerade in der Hauptfangzeit, die Nordoststürme sich zu Orkanen steigern, bilden sie für die Fisck-erslotille eine schwere Gefahr. Und die Stürme sind nicht die einzigen Feinde des Fischers. Im Fjorde und in den Sunden finden sich die so überaus gesürchteten Strömungen und Wirbel. So kann der Moskenstrom, auch Malstrom genannt, zwischen der Insel Mosken und Lofoten, außerordentlich gefährlich werden. Zur Winterszeit braust er bei Westwind mit einer Geschwindigkeit von sechs englischen Meilen in der Stunde einher. Das Brüllen seiner Brandung tönt weithin. Die Ursache aller dieser Stürme und Strömungen ist der warme Golfstrom. Genaue Messungen in den zwölf Monaten des Jahres haben ergeben, daß in einer Tiefe von 100 Faden die Temperatur zwischen 6,3 und 6,6 Grad Celsius schwankt, während das Wasser an der Oberfläche im Januar 2,1 Grad, im August 12,7 Grad zeigt. Diese Gegensätze in der Temperatur zwischen der Luft über den erwärmten Küstengewässern und den schneebedeckten Fjelden müssen sich in Stürmen ausgleichen. Am Horizont zieht urplötzlich ein Unwetter herauf. Der Sturm singt (ein schauriges Lied. Jagt weißgraue Wolken um die glitzernden Schnee- trnen, ballt sie zu phantastischen Gebilden. Schwarze Nacht senkt sich auf den eben noch leuchtenden Fjord. Schneeweiße Schaumberge werfen Baus d-ie zerrissenen . Klipepn. Riesemoogen stürzen donnernd er die nach allen Richtungen auseinander stiebende Fischerflolte. Als einzige Rettung winkt der Hafen. In schnellster Fahrt streben ihm die Boote zu. In den kleinen Häuschen am Strande liegen Frauen und Kinder im Gebet auf den Knien, während die Alten sorgenvoll nach der Fischerflotte ausspähen. Hoch ragt der Leuchiturm aus den Fluten. Rasend schlägt die Brandung an ihm empor. Seine Feuer weisen den heimkehrenden Fischerbooten den Weg. Aber nicht alle kehren zurück. Auf die Felsen treiben am nächsten Tage ein paar zersplitterte Balken. Seemannslos — Fischer- schicksal! Wie viele Seefahrer ruhen auf dem kleinen Friedhöfe oder schlummern draußen im grünen Fjord. Ist es doch vorgekommen, daß in einer einzigen Sturmnacht Hunderte von Fischern mitsamt ihren Booten in der Tiefe versanken. Ist aber der Fischzug geglückt, sind alle Boote heimgekehrt, dann gibt es am Hafen einen frohen Willkomm und in allen Küstenorten herrscht eitel Freude. Bildet doch der getrocknete Dorsch, der als Stock- und Klippfisch, besonders nach den südlichen Ländern, exportiert wird, einen der wichtigsten Handelsartikel Norwegens. Er bringt dem Fischer als Lohn für sein gefahrvolles Mühen reichen Gewinn. Nichts vom Fisch geht verloren. Aus der Leber wird der Schrecken unserer Kindheit, der goldgelbe Lebertran, gewonnen. Und selbst die «öpfe finden Verwendung. Sie werden in den Fabriken zu Fischguano verarbeitet, oder dienen als Viehfutter. „Tages Arbeit, abends Gäste, — saure Wochen, frohe Feste!" Diese Worte gelten auch auf den Lofoten. Nach der gefahrvollen Arbeit des Tages gehört der Abend gemütlicher Geselligkeit. Die lichtüberfluteten Straßen mit den pittoresken Holzhäuschen steifen bis in die Felsen. Hinter farbigen Vorhängen erglänzen helle Lichter. Die nordische Nacht ist von Musik und Gesang ersüllt. Einen ichim» mernben Gürtel schlingen die eisftarrenben Berge um die festliche Stabt. Am Hafen werfen die Leuchlseuer rote unb grüne Streifen auf bett schlummernben Fjord... „E§ waren zwei Königskinder". Novelle von Theodor Storm. (Schluß.) „Marx, laß die dummen Reben!" hörte ich Franz sagen, indem et ihn die Treppe nach dem Bureau hinaussührte, „wenn du dich gewaschen hast, ist die Schande aus!" — Sie stiegen weiter; ich ging aus des Rat- Hause, um eine verdeckte Droschke zu besorgen; und nach einer Welle fuhren wir mit Marx und seinen frischen Kleibern in irgenbein Bad unb, nachbem er mit vieler Mühe gereinigt und anders gekleidet mar, in den Saal unserer „Drehorgel", wo wir uns und vor allem unseren Freund durch einige Seidel und Bratwürstel wieder aufzurichten suchten. Aber seit jener Nacht ging es dennoch abwärts mit unserem lieben Lavendel; sein Gang wurde schleichend, sein Gesicht magerer unb feine Augen größer; niemals habe ich feitbem einen Wohlgeruch an ihm verspürt, ber sonst bald in Rosen-, batb in Veilchen- ober in dem Dust« seines Namens seinem wohlgepflegten Haar entströmte; am Klavier saß er nur noch, um ben Lehrern gerecht zu werben ober um bie Zeit nur hinzubringen; ich konnte mich nicht überwinden, ihn zum Chopinspielen aufzufordern. Er wurde so reizbar, daß die anderen Freunde sich allmählich von ihm zurückzogen und er seinen Umgang fast auf mich beschränkt«. „Siehst du," sagte er, „sie verachten mich! Sie wollen mich nicht mehr!" — Dann bat ich sie, und sie näherten sich ihm wieder; aber bei nächster Gelegenheit hatte er sie wieder aufs neue von sich gestoßen. Man sagt von mir, daß ich ein geduldiger Mensch sei, und wenn ich an jene Zeit zurückdenke, so möchte ich es fast selber glauben. Ein- mal war Marx polizeilich vernommen worden; bann schien die Sache stillzustehen, wahrscheinlich war sie dem Gerichte übergeben worden; Vorladungen gelangten nicht an Marx. So ging eine Woche nach der anderen hin; er wurde immer aufgeregter unb die häufigen Adend- fpaziergänge mit ihm immer peinlicher. „Geschändet! Geschändet!" begann er jetzt wieder zu murmeln, wenn er eine Weile in sich versunken neben mir gegangen war. Und wenn ich dawider sprach, bann fuhr er aus: „Du kannst bas nicht "beurteilen! Aus allen Ecken glotzt es auf mich zu; jeder Gassenbube! Ich möcht' ihn an die Ohren schlagen! Mein Name, mein guter Name als nächtlicher Trunkenbold und Ruhestörer in den StraflistenI Als Bestrafter dem Direktorium des Konservatoriums angezeigt! Komm!" rief er plötzlich, ergriff meine Hand unb zog mich aus der Allee, in der wir gingen, in einen Seitenweg; „es ist so hell hier; hier sind so viele Leute! Was fang’ ich an? Es ist alles aus; ich kann mich nicht mehr sehen lassen. — Unb die Zeitungen! Weißt bu, bie beiden Redakteure, die im Winter mit uns aßen! Ich begegne ihnen jeden Augenblick; die frechen Serie sehen mich schon als ihre Beute an; bas gibt einen Artikel — ah, sacre nom de Dien!" und er knirschte mit den Zähnen. Ich suchte ihn zu beruhigen; jeden Abend redete ich dasselbe und jeden Abend umsonst, und immer wieder begann dasselbe Spiel * aufs neue. Die Justiz war ihm gleich einem furchtbaren gespenstischen Raubvogel, ber unsichtbar über ihm schwebte, jeden Augenblick bereit, auf ihn herab- zuftoßen unb mit ben unentrinnbaren Krallen ihn zu packen. Wenn ich bei einem Besuche etwas heftig an seine Tür geklopft hatte, starrte er bei meinem Eintritt mir schier verstört entgegen: „Du? — Wie hast bu mich erfchreckt!" Saßen wir bann zusammen, unb es würben Schritte auf der Treppe laut, bann ftanb er auf unb sagte zitternb: „Da kommt wohl ber Gerichtsbiener, um mich vorzulaben!" Kam auf ber Straße ein solcher uns entgegen, so zwang er mich, mit ihm umzukehren ober in irgenb- einen Laben einzutreten, bis ber Mann vorbei war, ober wenn ich nicht wollte, verließ er mich unb kam nicht wieder. „Ich halt's nicht aus," rief er einmal, „wenn bas nicht bald zu Ende ist!" --Eines Dttoberabenbs, da ich versprochenermaßen zu ihm ging, sah ich auf bem Trottoir eine Mäbchengestalt vor mir herschreiten, die mich auffallenb an Linele erinnerte; sie hatte ein dunkles Tüchkein um den Kopf, und ich sah'blonde Härchen von ben Schläfen wehen, als sie eben unter einer Straßenleuchte ging. Sollte sie wieder in Stuttgart sein? Marx halte mir kein Wort davon gesagt. Ich machte große Schritte, um sie einzuholen; als ich sie erreicht hatte, wandte sie den Kopf, und ich hatte mich nicht getäuscht, sie war es selber, bie mit großen Sinberaugen mich so erschrocken ansah. Sie kannte mich, sie wußte von Marx, baß ich in ihr Verhältnis zu biesem völlig eingeweiht war; aber — ob wir beiden jungen Menschen im Augenblick bas Richtige nicht zu finden wußten und es deshalb für immer versäumten — sie zögerte ein paar Sekunden; bann erwiderte sie meinen Gruß unb schritt eilig mir voraus. Ich gewahrte noch, wie ein Begegnenber ihr mit unverschämter Oeberbe ins Gesicht sah, unb hörte, wie sie einen leichten Schrei ausstieß; auch da trat ich nur laut einige Schritte vorwärts, so baß ber Mensch sie gehen ließ; vergebens sagte ich mir später, baß sie mich traurig unb wie HNf»- slehenb angesehen habe. Stürmisch stieg ich bie Treppen zu Marx hinauf. Er saß im Sofa unb hatte mit seinem scheußlichen Knaster bas ganze Zimmer vollge- bampft. „Du lärmst ja über bie Maßen. Ist irgendwo ber Himmel ein- gestürzt?" frug er gereizt unb blies einen dicken Qualm von sich. „Es geht nur dich an", erwidert ich. „Weißt bu, daß deine Linele wieder hier ist? Ich bin ihr eben erst vorbeigegangen." Er sah mich lange wie mit toten Augen an. „Ich weiß es", sagte er bann. „Du hast sie schon gesprochen?" „Was meinst bu?" Ich wiederholte meine Worte. „Nein/' jagte er, „lch ro.tl sie auch nicht sprechend „Du willst lucht? Weshalb willst du nicht?" Nein " und er streckte seine Hände aus und schien sie voll Mitleid zu betrachten, „das kann ich nicht; ich darf das reine Kind mit diesen Händen nicht berühren. Ach, lieb Herze, ich glaube, es ist alles aus. Dann nahm er seine Pfeife wieder und vergrub sich in der «osaecke. Ich glaube, du bist ein Narr geworden!" schrie ich. Aber er nickte nur: „Ich glaub' es selbst mitunter.' Ob Linele seinen Zustand ahnte; ob sie nicht oft hinter ihrer Gardine beklommen und verlangend zu ihm hinüber lauschte, davon erfuhr ich nichts, denn es kam keine Gelegenheit wieder, mit ihr zu reden; an sie zu schreiben aber wagte ich nicht. Es waren noch köstliche Herbsttage; Marx hatte rch eine kurze Zeu nicht gesehen, ich war mit den übrigen Freunden von einem Samstag zum Montag aus Wanderungen in dem schönen Neckartal gewesen, wozu ich vergebens auch ihn zu bereden versucht hatte. war es am 24 Oktober, noch früh am Bormittag; und ich werde das Datum nie vergessen. Ich saß eben vertieft in eine Harmonieaufgabe aus meiner Sofabank aber ich konnte augenblicklich nicht damit zustande kommen; die falschen Quinten quälten mich, und so sprang ich empor und riß das Fenster aus, um einen Augenblick frische Luft zu atmen, da sah ich Marx die Straße heraufkommen. Er ging langsam und schien nicht aufzusehen; als er näher kam, gewahrte ich, daß er ein Päckchen Papiere in seiner Hand hält. „Guten Morgen!" rief ich hinunter. Er schrak sichtlich zusammen. „Guten Morgen!" ries er dann eben- E""'Wohin willst du? Und was für Papiere trägst du da?" .Ich bin wieder vorgeladen," ries er hinauf, „ich gehe aufs Gericht! , Gott Santi So wirst du ja die Torheit endlich mal los; mach's gut!' Er nickte, aber schon im Weitergehen und ohne nach mir umzuschauen. Ich hatte schon wieder ein Weilchen hinter meinen Noten gesessen und wollte eben zum Niederschreiben eines glücklichen Gedankens die Feder ansetzen, da war mir, als hörte ich es von der Straße her pfeifen; kaum hörbar, aber doch: „Es waren zwei Königskinder." Dann kam es noch einmal, ganz deutlich; ich warf die Feder hin und - lief ans Fenster, das noch offenstand; ich weiß nicht, wie mir war; als ob ich Unheimliches erfahren sollte. Als ich mich umsah,« gewahrte ich • Marx an einer entfernten Straßenecke; ich sah fein Antlitz nicht ganz | deutlich, aber mir war es, als blickte er mich unaussprechlich liebevoll und , traurig an. „Marx!" rief ich. Er antwortete nicht, er blieb nur unbeweglich stehen und sah mich immer an; dann nickte er mir noch einmal langsam zu, und dann war er verschwunden. Ich schloß das Fenster und setzte mich wieder an meine Arbeit, um Öen vorhin gefaßten Gedanken niederzuschreiben; aber ich hatte ihn vergessen, ich konnte überhaupt nicht arbeiten; immer sah ich Marx so wunderlich an jener Ecke stehen und lautlos dann verschwinden. Weshalb denn hatte er mich gerufen? Was wollte er? Mich nur noch einmal sehen? Ich sprang aus. Nur noch einmal? Woher kam mir der Gedanke? Aber es war doch seltsam, und mir lag es wie ein Zentner auf der Brust. Ich hatte eine Klavierstunde auf dem Konservatorium zu nehmen; ich zog mich an und ging auf einem längeren Umwege dahin. Als ich bei der Wohnung des Portiers vorbeiging, trat dessen Frau heraus und Überreichte mir ein in Papier geschlagenes Päckchen: „Des soll i Ihne vom Herrn Marx gebe," sagte sie, „aber sieht der jetzt aus! Brot könnte man mit ihm bettle." Ich erschrak heftig, denn es war offenbar dasselbe Päckchen, das ich vorhin in der Hand des Freundes gesehen hatte. Als ich in das Klavierzimmer trat, war noch niemand da, und ich machte Mich mit zitternder Hand daran, die Bindfäden aufzulösen; seine mir bekannten Notizbücher mit den Bekenntnissen seiner Liebe; darin Lineles Bildnis, ein Papier mit blonden Härchen, zwei Konzertbillette für morgen, vertrocknete Blumen — das alles fand ich, aber kein aufklärendes Wort dabei. Als der Professor eingetreten war, ging es mir wie Marx nach unserer Sängerfahrt: ich spielte ohne jeden Anstoß, die schwierigsten Passagen flogen mir nur so aus den Fingern, daß der Lehrer mich befremdet und doch höchst beifällig ansah. Aber es ging nicht länger, ich sprang auf: „Verzeihung, Herr Professor! Ich kann nicht länger spielen!" „Ei wie? Sie spielen ja heute über alle Maßen!" „Ebendeshalb!" und ich erzählte ihm, was vorgefallen war. Mein Lehrer war derselbe gütige Mann, der auch Marx unterrichtet hatte. Er war gleich mir erschrocken: „Das gibt ein Unheil!" rief er. „Kommen Sie, es ist keine Zeit zu verlieren, wir müssen auf die Polizei; es muß Anzeige gemacht werden; Gott weiß, was der im Sinne hatl" „Was meinen Sie?" frug ich beklommen. „Nun — mir ist bei ihm mitunter gewesen, als könne er gelegentlich um einen Pfifferling fein Leben aus dem Fenster werfen! Aber daß wir auch das Rechte tun, suchen Sie erst Näheres zu erfahren, vielleicht — wer weih, ihn selbst zu finden!" Ich rannte fort, zuerst nach feiner Wohnung, dann zu den Freunden und mit ihnen überallhin, wo wir ihn nur vermuten konnten; aber wir erfuhren nichts; ich war noch ohne Mittagessen, als ich nach meiner Wohnung zurückkehrte. „Auf Ihrem Tisch liegt e Brief!" sagte mein zehnjähriges Schneiderdirnlein, als ich meine Treppen erklommen hatte. Ja, da lag ein Brief; ich riß ihn auf, er war von Marx. „Es ist aus," schrieb er, „ich kann nicht weiter. Mein Freund, mein liebes Herze, verzeih' mir, daß ich dich verlasse! Geht nach dem Vogelfangfee, dort findet ihr, was von mir übrig, aber für alle Lebensnot nicht mehr empfindlich ist, und sorget gütig, daß auch das zur Ruhe kommt. Und dann — behalt mich noch ein wenig lieb!" So weit las ich unter stürzenden Tränen; dann folgte eine Verteilung feiner kleinen Habseligkeiten, an mich seine liebsten Noten, einen Ring von Linele — meine Augen flogen nur darüber hin. Ich lief zu den Freunden, wir umwanderten das Ufer des umroalbeten Sees, wir schoben mit unseren Stöcken die breiten Blätter der Wasserpflanzen auseinander, wir bogen jeden Busch zurück, aber mir fanden nichts. Noch am selben Abend benachrichtigten wir die Polizei, aber auch ihre Bemühungen, soweit sie solche angewendet, waren ohne Erfolg. Zwei Tage später war ein Sonntag; Franz und ich waren aus der Stadt gegangen und allmählich, und wie selbstverständlich, an den Vogelsangsee gekommen. Wir sprachen von Marx, wir dachten in diesen Tagen an nichts anderes. Hatte er uns nur täuschen wollen, um allem, was ihn hier bedrängte, gründlich zu entfliehen, ober hatte er wirklich vor sein Leben selbst den schwarzen Strich gezogen? Wir erörterten es mit allen Gründen aus der Sache und seiner eigenen Persönlichkeit. Es war einer der allerletzten schönen Spätherbsttage; die letzten Vögel, sogar noch einige Drosseln huschten zirpend und krächzend durch die Büsche, während wir am Ufer hingingen. Ein Eichhörnchen, das auf dem Erdboden an uns vorüberlies und dann in den burdjfaUenben Sonnenlichtern sich von Baum zu Baum schwang, lockte uns in den Wald hinein; wir sahen nur nach dem behenden Tierchen, indem wir ihm voll Eifer folgten, und so gerieten wir immer weiter durch Hülsen und Ranken, einmal durch fast mannshohes Farrenblattwerk. Die Bäume wurden immer mächtiger und der Wald düsterer; zuletzt, als eben bas Tier in einem noch dichten Buchenwipfel uns entschwand, standen wir in einem uns noch unbekannten feuchten Grunde, wo die hohen Laub- krönen fast keinen Sonnenstrahl zur Erde ließen; es war totenstill, fast andächtig schauten wir uns um, da rührte Franz an meine Schulter: „Du," sagte er leise, „sieh einmal nach jener Eiche, es ist der neunte Baum nach dieser Buche hier! Unten am Stamme, auf bett dicken Wurzeln — sitzt da nicht einer?“ - Es kam mir auch so vor, aber bei meiner Kurzsichtigkeit konnte ich Bestimmtes nicht erkennen. Franz war einige Schritts oorroärtsgegangen. „Marx!" rief er freudig und rannte eilig weiter; dann aber erscholl ein Schrei, der mir durch alle Glieder zitterte. Ich wußte wohl, daß Franz es war, der so geschrien hatte, und fast ohne Besinnung war ich auf ihn zugerannt. Da stand er und starrte mit entsetzten Blicken auf den, der da am Stamm der Eiche stumm und unbeweglich, mit halb offenen Augenlidern vor ihm saß, und griff, wie um einen Halt zu finden, rückwärts nach meiner Hand. „Er ist tot!" sagte er bann. Es war freilich Marx; aber wir standen nur vor seiner Leiche, und die Fliegen und Ameisen des Waldes liefen geschäftig auf feinen Händen, auf feinem bleichen toten Angesicht; die rechte Hand war auf die Wurzeln des Riesenbaumes hinabgesunken; dicht daneben lag ein Terzerol, das wir früher nicht bei ihm gesehen hatten, und als ich es aufhob, sah ich, daß es abgeschossen war. Er hatte seine schwarzen Sonntagskleider angezogen, die er sonst so sorgsam in dem Schrank seiner Wirtin zu verschließen pflegte; er hatte anständig aus der Wett gehen, er hatte dem Konservatorium keine Schande machen wollen. Franz wies mit ausgestrecktem Finger aus ein kleines Loch in seiner Weste, wovon ein dunkler Streif in seinen Schoß hinabging. Er halle sich mitten durch das Herz geschossen. Franz wollte gehen :„Es hilft nichts, wir müssen Anzeige machen!" Aber ich hielt ihn zurück: „Noch ein paar Augenblicke allein mit unserem Freund! Es ist hier wie in einem großen, leeren Dom, und das ist unsere allerletzte Versammlung!" Wie lange wir noch bei ihm gewesen, weiß ich nicht; aber ein Rabe, der über uns aus dem Wipfel schrie, schreckte uns auf, und so gingen wir zur Stadt zurück und taten, was uns noch oblag. ch * . Die Eltern waren durch mich von dem Verschwinden des Sohnes schon benachrichtigt; ich hatte nun ein Telegramm folgen lassen. Und dann haben wir ihn begraben; das Gefolge war nur klein, aber der gute Professor war doch auch darunter. Als der Sarg hinab- gelassen, die Schaufelwürse darauf gefallen waren und die Folger sich zerstreut hatten, stand ich noch an der halb zugeworfenen Grube, als ein leises Schluchzen zu mir drang. Wie ich mich umblickte, sah ich das Linele seitwärts hinter einem Monumente stehen, und ich ging zu ihr und faßte schweigend ihre Hand. „Daß so was über mi komme mueß!" sagte sie weinend, „und I hab' doch net anders könne!" Ich bin ihr wohl ein schlechter Tröster gewesen, da wir miteinander nach der Stadt zurückgingen. Aber das tressliche Mädchen, das wir gern die Eltern als des lebenden Sohnes Weib gesehen hätten, sorgte, bevor noch jene daran denken konnten, für die Instandsetzung des Grades und bepflanzte es mit eigenen Händen, damit, wie sie mä jagte, doch keiner glaube, daß ein Vergessener hier liege." Der Erzähler schwieg eine Weile. „Mein armer, törichter, herzlieber Freund," rief er bann, ^„nein, vergessen bist du nicht, ich habe deine letzte Bitte wohl behalten!" Er war aufgestanden. „Gute Nacht!" sagte er. „Seht nur, wie über uns die Sterne funkeln! — Doch noch eines muß ich sagen: die „Königs- finber" blieben auch ferner unser Signal; aber wir pfiffen es nur noch in Moll." Er brückte uns bie Hand und ging; und noch in der Nacht hör» ich ihn in seinem Zimmer auf und ab schreiten. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univerf itäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Dieheiu