MeimZainilienblätter Nummer 36 wenn man Irrsfuf und AbduNah. Von Albert S). R a u s ch. 0efCmLr^VoTeSaeten^17tl[;QuSn!eQrlr K“ te bic °°s° Palmengmppe am Ende de- Dorfe? aufsch°age"n bei ei"er mälL Halbverklärte AmfellisÄ. Von Max S i b e ro. ßieb, das aus der Amsel Kehle, unermüdlich singt dem Lenze, bis des Kirschbaums grüne Kränze tauben um die kleine Seele, alle meine zagen, bangen Knospen wollest du verlocken, bis der Blüten weiße Glocken reich an meinen Zweigen hangen! Iussuf sprang vom Pferde verneigte sich und sagte: LVS'Len^ s svsst SS a, as * *- —. „So macht Ihr mir die größte Freude -ick hnh. „ Ä? wftÄÄ Nr L •» »ÄtiSTS - i. -- ---- Ji'rt;i««- -Ä SS&S; L 2J-* ftWftÄ s» einem unterbewußten Miie'-'eben .geschehen, das jemals war, in Achmet Fovatz ßaufe mrürf „nh , * Kommen dürfe. — Natürlich, rief ta “»<». ««? J« ‘»er !I»«dmL^ ^"ch-»E 8",be W!' l-Ä\ÄÄÄ - •** - 5-'-»™. ®oS' und^es richeltt" in' bc^n!^ f“«rte b°\ ®otb ber sinkenden Wie frhHn mi. t •! '"..den glatten Rinnen der Palmenblätter Und er ichaß' einen A o-reb', ck?an^i" 2^" roicxroir- lächelte Achmet. "'-wir rauchend auf den Polstern lagen, dünnen Äii aerTiAt nOd) lmi) der Kaffe/ in ®ärd)en non b '«>er,la6Itc ,lns der alte blinde Sidi das ; Fremdes ar^idtob rm 9 iK3 Priuzen Jnffusf und feines Ät‘Äfi «a",Ä •*** priesen und torchte^ tin/wZa, s°"wr Herrschast. die Bewohner »-sä ä unbegnifiiche'ii SfZLnZl Z “ts ft? selbst: fo war auch Hussein von einer tons J Allonge gegen feinen einzigen Sohn, den Prinzen ^uffufb Ä’SW,'* *U£*Ä3M auswachsen und xin f V «?* ’ x-lr [elten Kinder, die im Ueberjluh Horen Vielleirbi „m?9 *lr i<’9 die Erhabenheit ihres Standes rühmen ?aler erzürnst Denn h” 65 0er[nbe diese frühe Ausgeglichenheit, die den übrigen kein all!, "L/^eünk'd''' nur Zöd>ter und im °uf ankommen e nc^Wnrfifnrn 6 bf\^Qr™s war, mußte es ihm bar- föe« die äußeren LTnh? . 0" Ä ber bie Kraft befaß, das Land ^"lte in. Zucht unf w , ^rteidigen und die wilden Stämme der bfr Bey fcincn »«r4* 3« erhalten. Diese Fähigkeiten aber traute vulleich? ÄTte &!?'?• jU' bnd)tc vo" Sorge an den Tag, wo "fls Zuschanden n^ben miiZh Se=n9 1" **" Sünden eines Schwäch- stummen .fin6„,.Cx"^ wurde. So kam es, daß er falt einen ft die Sede bL @n f'nb warf und sich nicht die geringste Mühe °"1nisse zu ergründen ^ull„k"i geschweige denn,9 ihre Be- 9 nöen* iussuf lebte unter der Aufsicht seiner Mutter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger -- .’t4r jST«Ä ”S>VSÄM- M Gemahl vernachlässigt fühlte der nur^ielttn" Jeit !an9em von ihrem und kaum trauen und ihn auch mit^dem Wesln "der^E^ ^"""°r anzuverwachen. Sie sprach darüber mit ihrem wem Knegsfuhrung bekanntzu- an ihr Lager kam, um iZ der StoSt ats er eines Abends ruhen. Er hörte ihre Vorichlöne be*' ®9.r e"s eln wenig auszu- heit würdig erachtete und weife und ganz ihrer Klüg. nicht verhehlte, daß er wenia Imhinnn ^ k* befolgen, obwohl er ihr wirklichen Fürsten zu machen h 8 !,obe’ aus bem Knaben einen »Ä ÄS?, KäMSSl« r* n '-«» *« nii^r-cf 7 rr *'** vet vmti des Staatswesens beaabt fn hnfe r verwickelten Fragen mit htMor u— /ueiemoiefte, aus der stummen VereiniMin« i V( ÄS’ «ÄttgffS «5* iftftt i Feldherrn und Truppenführern nübf 8^" den Umgang mit i ober das Geringste SS X!? ' ?afe er unhöflich gewesen wäre öte Anerkennung aller SienQe die das o H°si:chkeit und gestatteten ihm, in feiner näher,» bem.8anbe geleistet hatte, Leuten länger zu dulden als die Umständb""8 n,etnanben von diesen Söhne der (9enera(e, bie ihm (e n Kr an Daß er die nicht in sein Vertrauen ann fLh»™ ; k 5U, Kameraden bestimmt hatte, seiner Mutter zubrachw. die » ia nun T ®ark" bei' i erzürnte den Bey auf das äußerk* S* ..“ij Jf(te"cr sah als vorher, Er schickte den Brinae» •c" Sr versuchte Gewalt anzuwenden i ander? Jünglingen in eine j soldnge bleiben, bis man ihn9wieder unb h>eß ihn dort i erreichte mit dieser Seränberuna nickt Zuruckrufe. Aber er Fusstif verbrachte bie vorocichriebene^steit mi?'/9 ^'’' nr?1S er anstrebte, 'm stillen seine Zurückhaltuna bewunÄe? Aitersgenossen, die benutzte er dazu, seiner Mutter Sae Briet??, Stunden aber Lehrern Gespräche über Landbau und ^reiben, mit seinen auf seinem schwarzen Berberpferde ?an^ aUtin^to hi* fS?e”' "bcr ""ch retten und die Sonne üher^h»r f/,?ki„ nU ;J! ,n fele fernen Berge zu Er liebte bie gelben Sandhügel tnenn fiZ ."-rsinken zu sehen, schnitten gegen die harte Bläue' standen »,TC dem Sabel abge- stummen Palmwipfel die in 'erschütternder E ** llebte ”or allem bie erbtttlich ausbauernb, den Brand des I»»«'h0e°n-n ^'bst> un« Nacht ertrugen. Sluf einem bier^r Nit»° 9e^ Unb bf" ^a" der silbernen schönes, schneeweißes Gehöft da- unter dickt Cr<>?riC5 2fbenbs an ein bäumen lag. Da er a?oßen DurftSr?,.??^" Olwen- und Platanen- manden erspähen konnte den „r -spurte und vor dem Hause nie* können, pÄte er » Wasser hätte bitten den sogleich eine dünne Stimme^besänftiche^Don?'" ^nd schlug an, Riegel zurückge choben und ein iunaer M9»»,, ? ro,urbc em schwerer der Prinz, trat in ben 'Rahm?»1 S "'/ **5? gleichen Alters wie MÄ"- Ä »Was wünscht Ihr?" Bedürftigen gehört. Ich habe mich schon beim Annähern gefragt, wer wohl der Besitzer dieses wundervollen Landgutes sein könnte." „Gewiß wir leiden keine Not und leben im Wohlstand. Ich bin Abdullah, der Sohn des Olivenhändlers Almansor, und dieses ist unser Sommerhaus. Den Winter verbringen wir in der Stadt Kairovan, wo das Haus meiner Ahnen steht. Meine Mutter und meine beiden Brüder sind noch in der Stadt, ich selbst habe hier einstweilen nach den Dienern gesehen und alles zur Uebersiedluna vorbereitet. Mein Vater aber ist vorgestern mit seinem Schiff nach Messina gefahren, wo sich im Augenblick die Königin Margareta mit dem Kanzler Stefanus aushält, und hat eine Ladung von Feigen, Datteln und Rosinen mitgenommen, deren Lieferung er im letzten Jahre versprach. Wen aber darf ich als Gast oei mir sehen?" „Ich bin Jussuf, der Sohn eines Großen aus Tunis, und lebe im Augenblick mit meinem Lehrer in einem Palaste meines Vaters in der nächsten Stadt, um fern von dem Treiben des Hofes meine Ausbildung zu vollenden." „So gehört Ihr auch zu denen, welche die Wissenschaft und die Künste lieben?" „lieber alles, Abdullah, und ich sehe aus Eurer Frage, daß Ihr meine Siebe teilt." „Wie ich die Fügung preise, die Euch hierhergesllhrt hat! Und wie id) mich freue, mit Euch bei Tische zu plaudern!" Er klatschte dreimal in die Hände und befahl dem Sklaven, der auf der Schwelle erschien, das Mahl zu bereiten, ein Bad für den Fremden zu richten und dem Pferde Futter zu geben. Er selbst aber geleitete Jussuf in den großen mit Marmorfliesen belegten Empfangsraum und hieß ihn auf dem goldgewirkten Divan niederfitzen, bis der Sklave ihn in das Bad rufen würde. Dann entfernte er sich, um ein schönes Gewand anzulegen. Als Jussuf aus dem Wasser flieg, getrocknet und gesalbt war, und die vom Staub gereinigten Kleider mit dem blankgeputzten Wehrgehänge umtat, fühlte er sich frisch und heiter wie lange nicht zuvor und ging seinem Gastgeber leichten Schrittes entgegen. Abdullah hatte ein gelbes Seidengewand angelegt, dessen Saum mit Silberstreifen benäht war. „Bei Allah, wie seid Ihr schön! rief Jusfuf. Ich sehe es nun erst! Keiner meiner Freunde kann sich mit Euch an Schönheit messen" Abdullah errötete und hob die Hände abwehrend gegen den Prinzen. „Sagt mir so etwas nicht! Ich kann es nicht glauben!" Aber er war dennoch froh über das Lob. Denn er hatte eine Zuneigung zu dem Fremden gefaßt. Sie aßen und tranken und merkten kaum, wie die Stunden rannen und der Mond langsam in die Wipfel der Palmen trat. Abdullah hatte erzählt, daß sein Vater ihn nach der Hochschule von Kahira senden wolle und daß er selbst gedenke, später dort Gelehrter zu werden und Schüler um sich zu sammeln. Jussuf hörte aufmerksam zu, aber er wurde traurig bei all den Plänen, die der Sohn des Olivenhändlers vor ihm aus- breitete. Denn er gedachte seines eignen Lebens und fühlte von neuem, wie hart dieses Leben war und wieviel besser es der Sohn des Kaufmanns hatte als er, der zukünftige Thronerbe, dessen Tage in Einsamkeit und Selbstverleugnung Hinflossen. Und da er gleichfalls eine Zuneigung zu dem freundlichen und offenherzigen Gastgeber verspürte, begann er, jein Leid zu klagen, ohne jedoch im geringsten zu enthüllen, wer fein Vater in Wirklichkeit war, und suchte Trost bei Abdullah. Aber diesen selbst hatten die Worte des Prinzen so traurig gemacht, daß er keine rechte Antwort wußte, sondern nur vor sich hinstarrte und rat-, los blieb. „Ich habe Euch in Verwirrung gesetzt", sagte Jussuf. „Ich sehe an Euren Mienen, daß Ihr keine rechte Antwort wißt. Aber Ihr seid mir doppelt teuer in dieser Befangenheit, die mir zeigt, daß Ihr Mitgefühl habt und viel zu ehrlich empfindet, um nur versuchen zu wollen, mich mit irgendeinem leicht hingeworfenen Wort zu trösten. Glaubt mir: Ihr seid der erste Mensch, außer meiner Mutter, zu dem ich Zutrauen fasse. Denn ich fühle, wenn ich Euch nur anschaue, daß Ihr einfach und edel seid, ohne Lüge und ohne den Ehrgeiz, der das Blut krank macht. Ich habe bis auf den heutigen Tag keinen Freund gehabt, aber mir scheint — sofern Ihr fühlt wie ich — wir beide sind dazu bestimmt, in schöner Freundschaft zu (eben und Allah für den Zufall zu danken, der uns zu- sammengeführt hat. Damit ich aber gleich makellos vor Euch stehe wie Ihr vor mir, so muß ich Euch die volle Wahrheit darüber sagen, wer ich bin: selbst auf die Gefahr hin, daß Ihr bann meine Freundschaft aus- schlagen könntet: Ich bin Jussuf, der Sohn des Beys von Tunis. Da verfärbte sich Abdullah und wurde bleich wie das Wachs der Honigwaben, von denen sie gegessen hatten. Als Jussuf dies sah, sprang er auf und lief zu dem Bestürzten hinüber, indem er ausrief: „Bei Allah, nein! Ihr dürft nicht erschrecken, noch viel weniger dürft Ihr Euch von mir abwenden! Eure Klugheit muß Euch sagen, daß ich als Prinz und späterer Herrscher noch hundertmal mehr eines Freundes bedarf, als wenn ich von einfachem Stande wäre. Seht, Abdullah: Ihr seid freundlich zu mir gewesen, ehe Ihr wußtet, wer ich war: was also kann mich mehr an Euch fesseln als eben die Gewißheit, daß Eure Güte nicht dem Prinzen galt, sondern dem Fremdling, in dem Ihr den Verwandten Eures Geistes und Eurer Seele spürtet? Abdullah: Ihr müßt mir Eure Zuneigung erhalten! Ihr müßt mir erlauben, [o oft ich es vermag, zu Euch hierherzukommen und alles mit Euch zu bereden, was mein Herz erfüllt und schwer macht. Solange ich Euch noch nicht kannte, wußte ich es nicht besser, als allein mit mir zu tragen, was mut) jo tief und oft so schmerzlich bewegt. Nun aber weiß ich einen .Jlenfdjen, den meine Seele lieb hat — und ich will nicht zurück in eine n orct « , m*r unerträglich dünkt." Mit diesen Worten trat er dicht vor Abdullah und sah fragend in die etwas gesenkten Augen, die sich langsam zu einem Lächeln erhellten. Da ward er froh und ging mit großen Schritten in dem Zimmer auf und nieder. Abdullah aber saß an n -£t'uumenber und hörte, als kämen sie aus großer Ferne, die Worte des Prinzen. „Nur eines müßt Ihr mir versprechen: niemandem zu sagen, wer ich bin. Meine Begleiter dürfen nicht erfahren, zu wem ich gehe, denn es ist keiner unter ihnen, der würdig wäre, an dieser Freundschaft teilzuhaben. Ich werde zu früherer Stunde kommen als heute, dreimal in der Woche, und vor Mitternacht zurück fein. So bleibt uns Zeit genug, unsere Freundschaft zu pflegen und auszudenken, wie wir in unserem späteren Leben einander nützen und helfen. Zum Zeichen aber, daß ich die Wahrheit rede, und Euch meine Treue verpfände, tragt diesen Talisman, den meine Mutter mir gab, und gebt mir den Euren dagegen." Da gab ihm Abdullah die kleine goldene Münze, die er an einer dünnen Kette auf der Brust verborgen trug, und nahm dagegen die Scheibe aus blauem Email, auf der in kleinen Diamanten die Heilige Zahl ausgelegt war. Und sie umarmten sich und gelobten sich Treue im Namen Allahs, des Gütigen. Ms sie aber in den Hof hinaustraten, sahen sie, wie klein schon die Schatten der Säulenschäfte im blauen Mondlicht geworden waren und erkannten, daß es fast Mitternacht fein mußte. Der Prinz verlangte nach feinem Pferde, doch Abdullah trat vor ihn und fragte voll Angst: „Wie? Zu dieser Stunde wollt Ihr noch in die Stadt zurückreiten?" „Warum nicht?" lächelte Jussuf. „Nie werde ich es erlauben! rief der andere. Wenn ein Räuber Euch anfiele oder Ihr begegnetet einem wilden Tier .. „So wüßte ich schon, was mir zu tun übrig bliebe ..." „Und ich? Müßte ich nicht in Sorge um Euch fein und mir Vorwürfe machen? Ich bitte Euch, bleibt die Nacht in meinem Haus und reitet mit der frühen Sonne in die Stadt!" „Glaubt mir, Abdullah, daß mir nichts lieber wäre — aber es kann nicht fein ... Man würde Boten nach mir aussenden, mich zu suchen, man würde mein Geheimnis entdecken und alles meinem Vater melden. Ich muß noch diese Nacht zurück. .." „So werde ich mit Euch reiten. Nichts in der Welt kann mich davon abhalten, Euch in dieser Nacht zu begleiten." „Und wie wollt Ihr selbst allein zurückkehren?" „Ich werde zwei Knechte hinter uns heriraben lassen, die mich noch vor Tagesanbruch in mein Gehöft zurückbringen." „Ich nehme Euren Vorschlag an und nenne es einen guten Anfang, daß Ihr mir Eure Siebe fo beweist", erwiderte der Prinz und trat zu feinem Pferde, das aufwieherte, als es feinen Herrn erkannte. Eine Viertelstunde später ritten sie in die kalte, sternhelle Nach! der Wüste, dicht nebeneinander, auf ihren schwarzen Pferden. Sie fühlten den fiibergrauen Boden unter den Schlägen der Hufe entfliehen und sahen bald zwischen Palmen und Oliven die grünlich schimmernden Kuppeln der Stadt. Als sie so nahe an den Mauern waren, daß keine Gefahr mehr für den Prinzen bestand, jagten sie einander Lebewohl und wendeten die Pferde, ein jeder das feine feinem Ziele zu. (Fortjetzung folgt.) Berühmte Kinderbildnisse und ihre Modelle. Von Dr. Hedwig Fifchmann. Süß zwitschernde Kinderstimmen, perlendes Kinderlachen — fo klingt und jubelt es, auf den wefensoerwandten Fluten jchimmernden Lichtes und glutenber Farben hinübergetragen durch die Jahrhunderte, aus jenen Kinderbildnissen, die in den beglücktesten Stunden des Schassens dem Pinsel der größten Meister aller Zeiten entquollen. Aber seltsam verhängnisvolles Geschehen: dem Wissenden senkt sich plötzlich über all dies strahlende Leuchten eine düster drohende Wolke, Künderin einer schicksalsschweren Zukunft, die längst erfüllte Vergangenheit geworden. Und Lebenswege erschließen sich vor unseren Blicken, jäh hinabgleitend aus der jauchzenden Helle in das Dunkel des Leides, Frühlingsträume ersterben im unbarmherzigen Anhauch der Wirklichkeit. Lils eine dem Licht freudig sich erschließende Menschenknospe, die in all ihrer frischen Natürlichkeit und Kindlichkeit schon die künftige Same der großen Welt verrät, schaut die kleine Clariee Strozzi aus Tizians unvergänglichem Meisterwerk im Berliner Museum selbstsicher in ein Leben, das ihr die reichsten Gaben zu verheißen scheint. Und doch lastete auf diesen kindlichen Schultern der Fluch der Verbannung, der sie und die Ihren, kaum daß jenes Wunderbildnis geschaffen, wieder forttreiben sollte aus dem ungastlichen Venedig. Was Florenz an vornehmstem Blut fein eigen nannte, das Erbe der Strozzi und der Medici, mischte sich in ihren Adern; aber es zog auch dies zur Freude bestimmte Geschöpf in den dunklen Kreis feines Verhängnisses. Ihr Großvater Filippo Strozzi hatte, in die Verschwörung gegen den Herzog Cosimo verstrickt, Florenz verlassen müssen und schließlich im Gefängnis selbst Hand an sich gelegt. Sein Sohn Roberto, dessen Erstgeborene die kleine Clarice war, genoß das Asylrecht der Dogenstadt, bis es auf einmal dem Rat der Zehn gefiel, ihn und seine Familie zum Verlassen des Stadtgebietes binnen zehn Tagen zu nötigen. Und wieder geht es in die Fremde, nach Ferrara, nach Rom, das Clarice zur zweiten Heimat wurde. In dem Palazzo Strozzi, unweit der Engelsburg, diesem Sammelpunkt der erlesensten Geister der Zeit, in dem auch der kranke Michelangelo eine fürstlich gelohnte Zufluchtsstätte gefunden — die beiden Sklaven vom Juliusgrab waren die Gabe feines Dankes — wuchs Clarice auf, bis die Siebzehnjährige dem Christophano Savello als Gattin in den düstersten und trotzigsten Palast der Stadt folgte. Frühzeitig, kaum mehr als ckOjährig, sank sie ins Grab. Ein von rührender Liebe und Dankbarkeit zeugendes Testament ist das einzige persönliche Dokument, das uns von ihr überkommen. Ihr Bildnis aber, in ewiger Jugend leuchtend, ist nach Jahrhunderten heimgekehrt in den Palast ihrer Väter zu ö10’ renz, der sich feiner Tochter verschlossen; bis auch dieses, ruhelos w'e einst feine Herrin, verpflanzt ward unter einen nordischen Himmel. Verbannung, Flüchtlingslos — das war auch das Getchick, das aut den Kindern Karls I. von England lastete, die, umwittert vom ahnungs *11 8 »an 2 1 1*9^ Mn vt lind i In Turin fjwter al anderes ländischen König in teil, das . Anderjah IWhergeti lingen. Etwa unsterblich Lelasq Nsburg. einmal in en K it dl Mark w«! Lebenssaft deutendhei der fest u mann in Wichen $ in allen Ausdruckes es ein verl Senins, da raffte, ehe letzten Bili genes Schi aus Wund Jeit dieses Hlimiffen I erlofch frü würbe zur polb I. Um . Schein, tiiri Mererbe e entlehnten. Aus der und gllickdr jene auchze dach schwirr ran ruhew feinem Tes falls keiner geworden ■ klingt es sterben will Neigungen Knabengesil Niklas aus rechtigtem ( auch fchou Nats oerief)! lagen nicht hat er bei der andern "ebte, ftrai Mutter auf Jen bürgerl Menstrnft frühen Mai eenes Gefch Seelenfätnp Unb der ßebensfreut «eßen? Nu Wen, das Maler zur "hnungeu e Kein jul mernb und ungel ^wußiheit Mllend Ugehalten. Mr in jen, ™ der ihn S'chtbaren Kindesliebe «'des treu W um fein Nw der ve eis Baterer , Und wei er Kunst i S der un: °d«r triigcre «(ll Anhauch ihrer Zukunst, in stiller Vornehmheit durch die Bilder ’' „Dycks schreiten. Flüstert und raunt es nicht hinter dielen sorgsam wohl behüteten Knaben- und Mädchengestalten wie von dem £ Stuart-Fluch: „Es zieht sich eine blutige Spur, Durch unser Haus von alters ..." Und wenn auch zwei Kinder, die die wundervollen Gruppenbildnisse i« Turin, in Dresden, in Windsor zeigen, wenn Karl II. und Jakob II. L|er als Herrscher in ihr Heimatland zurückkehren konnten und ein Meres Kind, die früh verstorbene Maria, die Gemahlin des niedcr- lindiichen Statthalters Wilhelm von Oranien, England einen dritten Mig in ihrem Sohn Wilhelm III. geben durfte — das klirrende Fall- bnl das ihres Vaters Leben endigte, setzte dem Glück ihrer sorglosen Anderjahre ein jähes Ende und machte sie aus viele Jahre zu ruhelos umhergetriebenen, von der Gnade fremder Höfe abhängigen Flücht- lingen. Etwa um die gleiche Zeit, da van Dicks Pinsel den Stuart-Kindern «Herbliche Jugend verlieh, übte in Spanien der große Zauberer Belasquez das gleiche Wunder an den letzten Sprossen des müden Habsburgergeschlechts. Es war, als wollte sich der morsche Stamm noch elntncil in Iugendkraft und Schönheit erneuen, da er Blüten von der frischen Kindlichkeit des Prinzen Baltasar Carlos, von der schimmernden Anmut des Märchenprinzeßchens Margarita Teresia trieb. Aber sein Mark war verdorrt, die Knospen welkten in plötzlichem Versagen des Lebenssaftes oder verblaßten in der fahlen Alltäglichkeit und Unbedeutendheit. Der kühne kleine Reiter auf dem dahinsprengenden Pony, der sest und tapfer aus seinem Stand ausharrende Jäger, der Ritters- mnn in schimmerndem Harnisch, als die Velazquez den munteren, natürlichen Knaben gemalt, sind keine leere Maskeraden, sie sind für den in allen ritterlichen Künsten früh geübten Prinzen die angemessene Ausdruckssorm seiner nach schneller Entfaltung drängenden Kräfte. War (5 ein verhängnisvolles Geschick oder vielleicht das Walten seines gütigen Emus, das den Siebzehnjährigen in jäh anspringender Krankheit dahin- msste, ehe das Gespenst müder Mittelmäßigkeit, das schon in seinem letzten Bildnis im Prado hinter ihm lauert, über ihn Gewall bekam? Jenes Schicksal, dem das Sonnenkind Margarita, dieses Lichtprinzeßchen aus Wunderland, erbarmungslos anheimfiel. Denn die duftige Schön- 5eit dieses Geschöpfchens, die siegreich durch die Jahrhunderte aus den Wnissen in Wien und im Louvre, in Frankfurt und in Madrid leuchtet, erlosch frühzeitig im Leben in matter Gleichgültigkeit, das Feentind wurde zur unbedeutenden Frau des unbedeutenden Habsburgers Leopold I. Um das schimmernde Kindersigürchen aber gleißt es wie blutroter Echem, kündend von den Kämpfen, die lange nach ihrem Tode um ihr Wtererbe entbrannten und von ihrem kurzen Dasein den Rechtsanspruch entlehnten. Aus der Welt der Höfe und der strengen Pracht in das eigene licht- uud gliickdurchflutete Heim führen die Kinderbildnisse des Rubens, jene jauchzenden Hymnen lachender Lebensfreude und Jugendlust. Und doch schwingt auch in ihnen in dunklen Untertönen das leidvolle Lied ton frühem Vergehen und müdem Sichbefcheiden. Wenn Rubens in seinem Testament verfügte, seine Zeichnungen sollten verkauft werden, falls keiner seiner Söhne nach Erreichung des 18. Lebensjahres Maler geworden und keine der Töchter mit einem Maler vermählt wäre, so klingt es aus diesen Worten wie getäuschtes Hoffen, das doch nicht Snben will. Wohl erfüllen ihn die gelehrten, frühzeitig sich bewährenden eigungen seines ältesten Sohnes Albrecht, dessen derbes, frisches Knabengesicht wir zusammen mit dem anmutigeren seines Bruders Nlklas aus dem Doppelbildnis der Liechtensteingalerie kennen- mit berechtigtem Stolz; aber die unermüdliche Tatkraft des Vaters, der ihm auch schon im 17. Lebensjahre die Würde eines Sekretärs des Geheimen Rats verschafft hatte, scheint diesem grüblerischen Philologen und Archäologen nicht eigen gewesen zu sein. Nur wenige seiner gelehrten Arbeiten hat er bei seinen Lebzeiten überhaupt erscheinen lassen. Und auch keiner der andern Söhne des Rubens, febft nicht das von allen Grazien geliebte, strahlend schöne Bübchen Franz, das die junge glückverklärte «tter auf dem Münchener Bilde auf dem Schoße halt, hat die Schranken bürgerlicher Mittelmäßigkeit durchbrochen, keiner die sprühende Lebenskraft und überlegene Daseinsbeherrschung der Eltern ererbt. In men Mannesjahren sanken sie in das Grab, auch sie ein miidgewor- wnes Geschlecht. Und wer wagte es, den Schleier von den schmerzvollen veelenkämpfen zu heben, die die beiden jüngsten Kinder des Rubens und der Helena Fourment, dieser reinsten Verkörperung bejahender Lebensfreude, in die Weltentsagung des geistlichen Standes flüchten uetzen? Nur dunkel fühlend können wir die Tragik des Geschehens er« yen, das den letzten nachgeborenen Sprossen des fürstlichsten der Kaier zur stillen Nonne Constance Albertine wandelte, die, von Todesahnungen erfüllt, schon mit 13 Jahren ihren letzten Willen aufzeichnete. Kein jubelndes Bildnis gleich jenen der Rubens-Kinder, aber fchim- ™.rn“ und flimmernd im Zauberreich magisch huschender Lichter, das C ""gelöste Rätsel einer aus den Banden der Kindheit zur ersten ?f?"Wait sich emporringenden Jünglingsseele halb enthüllend und halb feifn r ~ J° h>at Rembrandt die Züge des 14jährigen Titus IS? - • Ein Prinz aus einem fernen Traumland, scheint er heimi- , J >u lener Welt, die ihm aus dem aufgeschlagenen Buch aufsteigt, als n ""'gebenden Wirklichkeit. Um sein Haupt aber schwebt, einer Sinh r cCn ®*ot’e gleich, der verklärende Schein hingebungsvoller ßrih.» b*e >n den bittersten Stunden der Erniedrigung und des kick im, i? ü" dem Vater gestanden. Und als zweite Märtyrerkrone zieht ibm s *c ne Stirn der blutige Dornenkranz des Epigonenloses: auch in ats »inf "arzehrende Drang zum bildnerischen Schassen und Gestalten oatererbe, aber nicht gepaart mit der begnadeten Kraft des Genius, der i?e?ev künden die strahlenden Bildnisse jener Größten im Reiche WH h öas Märchen von der ewigen Jugend, dem jauchzenden Glück ober »>.r.^"M"nglichen Schönheit dieser Kinder — süß und wundersam, ugerisch wie aller Märchenglaube. Die Ruinen von Korinth. Von Dr. G. Fr. Hartlaub. Schwere Erdbeben, vulkanische Katastrophen haben zum drittenmal im Sauf der Jahrtausende die Stadt Korinth heimgejucht. Der Trümmerhaufen, den heute wehklagend eine verstörte Bevölkerung durchirrt, deckt zwar nicht die Stätte der weltberühmten Handelsmetropole Altgriechenlands, denn nach dem vernichtenden Erdbeben von 1858 hatten die Bewohner nicht den Mut, die letzten Ueberreste der verfallenden Kleinstadt aufzurichten. Sie zogen hinab in den äußersten Winkel des Golfs. Nicht weit von der schmälsten Stelle des Isthmus entstand eine ärmliche höchst ungepflegte Stadt mit regelmäßig angelegten quadratischen Straßenblöcken und niederen Häusern. Eine günstige Konstellation hätte dennoch aus diesem neuen Anfang die schönste Stadt Neugriechenlands machen können, denn ftäbtebaulid) bietet die Situation einzigartige Möglichkeiten. Wandelt man am Ufer durch die kümmerlichen verstaubten sog. „Anlagen" und sieht auf bas Bergpanorama brüben auf ben leuchtenden Golf, die scharf vorspringende Halbinsel Perachora mit dem düsteren Kap Nikolaos, und ben Eingang zum schmalen Jsthmus-Kanal, so begreift man, daß König Otto sich' hier im Herzen Altgriechenlanbs seine Hauptstabt erträumte, — bevor er Athen bezog. Da der Traum nicht Erfüllung mürbe, war Neu-Korinth keine Entwick- luira beschieben. Nun haben titanische Gewalten auch biese Reste zerstört! Vor dem Bahnhof, wichtigster Station auf der langen Strecke von Athen nach Patras haben sich riesige Erdlöcher aufgetan; er selbst ist zusammengestürzt und der schmale Wartesaal, mit ben roten Plüschmöbeln und den vergilbten Stichen aus der Zeit der griechischen Befreiungskriege ist heute gewiß ein wüstes Chaos. Nicht mehr können sich die hungrigen Reifenden hier auf das lecker bereitete Mahl stürzen, das für das Publikum des einzigen Schnellzuges täglich bereit stand und zu wahren Anstürmen Anlaß gab. Auch das fog. „Hotel" Grande Bretagne, dessen zerschlissene Eleganz und verdorbene Lust dem europäischen Reisenden Beklemmung schuf, mochte der feiste Wirt Themistokles Pelopidas ihn auch in allen Muttersprachen begrüßen, ist zerborsten. Kein internationales Publikum in der schmierigen „hall", auch keine griechischen Typen, wie der General, der etwa zur Inspektion gekommen war, und der mit der unvermeidlichen Kugelkette in der Hand nervös rasselnd einem schneidigen Adjutanten Befehle erteilte. Auch die Kathedrale, die kleine Kuppelkirche dicht am Meer, liegt in Trümmern, wo während des Gottesdienstes die Kinder unter dem Altartisch durchkrochen, während sich unter ben Anbächtigen pariserische Ofsiziersbamen mit elenbesten Bettlern mischten. Unb auf dem Parkplatz, wo man sie gelangweilt promenieren sah, stehen vielleicht Lazarettbaracken für die Verunglückten einer Stabt, bie schon von ben Flüchtlingen der kleinasiatischen Niederlage allzu sehr Überfüllt war. Es heißt auch, daß bie Katastrophe bie sieben frühborischen Säulen des Apollo-Tempels von Alt-Korinth vernichtet hat, die bas älteste noch vorhanbene Zeugnis frühborifcher Baukunst auf griechischem Boden bildeten. Man erspäht die mächtigen gedrungenen Gebilde schon von weitem, wenn man an der Küste entlang und später durch Korinthen- felber dem kleinen Dorf und den Ausgrabungen der Altstadt entgegen« ro.llt. Parnaß und Helikon grüßen vorn nördlichen Ufer des Golfs wie vor Jahrtausenden, aber vom weiten Becken des antiken Hafenplatzes L e ch a i o n, aus dem einst Schiffe nach Sizilien, Aegypten und Kleinasien auslicfen, sind nur ein paar lagunenartige Salztümpel geblieben. Außer den Resten des Apollotempels findet man nichts mehr von der altgriechischen Stabt, bie die niedere, materielle Seite des klassischen Griechentums verkörpert zu haben scheint, Handels- unb Stapelplatz von fast orientalischem Charakter, Ausgangspunkt ber istmischen Spiele, Sitz vieler Laster unb Ueppigteiten — bis im Jahre 146 v. Chr. ber römische Konsul Mummius bie ganze Häuserwelt bem Erbboben gleichmachte und bie Bewohner als Sklaven verkaufte. Was heute bie amerikanischen Ausgrabungen von Alt-Korinth ans Licht gebracht haben, ist bis auf ben genannten archaischen Tempel römisch ober boch römisch überbaut, Rest der unter Cäsar neuerftanbenen Großstadt, wo schon wenige Jahrzehnte nach Christi Tode ber Apostel Paulus seine Gemeinbe sammelte. Die Ausgrabungen des römischen Korinth gehören für ben Laien zu ben anschaulichsten in ganz Griechenland, sie sind weit verständlicher unb unmittelbar anregenber als Eleusis ober selbst Delphi. Im Geiste des Besuchers ersteht ohne Schwierigkeiten roieber die breite Straße mit bem schönen Marmorpflaster, bie von Lechaion zur Agora hinaufführte. Ohne viel Phantasie ahnt man das Treiben aller Rassen unb Trachten in den riesigen Hallen und mehrstöckigen Läden ringsum, man sieht im Geist die Vornehmen bei den berühmten Ouellhäusern der Peirene und ©laute — die berühmten Hetären von Korinth in den Vergnügungsstätten: eine antike Luxusstabt ersteht so wie sie etwa Flaubert in einem Roman geschildert haben könnte. An die wechselnden Schicksale, die Korinth unter der Herrschaft der Franken, Osmanen unb Venezianern erfuhr, denkt der Reisende, wenn er sich anschickt zum Aufstieg nach Akrokorinth, einem der herrlichsten Ausflüge in Griechenland. Für den Besucher von Neu-Korinth bildet dieser Aufstieg gleichsam den dritten unb großartigsten Akt in dem bramatischen Erlebnis ber berühmten Stabt. Der kolossale „Serges« rücken", ber bes Wanderers unb Seefahrers Blicken winkt, trug im Alterum bas Heiligtum ber phönizischen Aphrodite auf feinem Gipfel, er blieb auch im Mittelalter die stärkste Festung des Peloponnes. Ein geduldiges Maultier mit bem martervollen Hölzfattel trägt uns empor auf steilen Zickzackwegen. Es scheint, als sei früher ber ganze Berg bebaut gewesen; heute bleibt nur ein riesiges System aufgetreppter Befestigungen mit malerischen Toren, Zinnen und Mauern, auch eingebauten Kapellen. Wir lernen bas unklassische, bas „romantische" Griechenland kennen, ein balladenhaftes Zeugnis von den Taten unb Abenteuern aus Moreas roilben Kriegszeiten. Der letzte Anstieg geht burch Geröll und Gestrüpp, während bas Maultier am letzten Torvorsprung wartet. Oben ist man von ber Groß- drtigfelt und den mächsigcu Kontrasten der Ausfichi fast bestürzt. Tief dringt südlich der Blick in die Bcrgeswett und die Taler der Argalis. Wie aufgewühlter, zerrissener Meeresgrund liegt das baumlose Land endlos ausgedehnt, lieber den blauen Golf grüßen von drüben die Musenberge Parnaß, Helikon und Kithäron. Im Oste« dehnt sich die Bucht von Aegina jenseits des Isthmus — mau ahnt Salamis und Athen. Dichter zu Füßen aber kleinwinzig die Ruinen von Korinth: die künstlich bewahrten aus der Glanzzeit und nun auch die vielleicht nie wieder erstehenden aus der rühmlosen. Gegenwart. Ein Naturvolk als Sportsvolk. Bon Rudolf Zadel. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Für uns „Hochzivilksierte" sind Kultur und Natur leider zu Gegen- säßen geworden. Wir Kulturmenschen sprechen die Natur schon rein sprachlich als „Genußmittel" an — wir .^genießen" die Natur, wenn wir einmal in die Berge, an die See oder aufs Land gehen, anstatt uns mit ihr überall und immer eins zu fühlen. Wir sprechen von „natürlicher" Lebensweise, im Gegensatz zu unserer gewohnten, von „Naturheilkunde", von gewollter „Rückkehr zur Natur" und beweisen schon damit, daß wir normalerweise uns als „außerhalb der Natur stehend" fühlen. Ms Jean Jacques Rousseau das Naturmenschentum idealisierte und damit eine Epoche mondäner Naturschwärmerei vorüber- gehend ins Leben rief, war das nichts weiter als eine Modelaune für das geckenhafte Aesthetentum des 18. Jahrhunderts, das die ..Precieu- ses ridicnies“ geschaffen hatte, — also eine Kontrast-Extravaganz. Erst der moderne Sport, trotz aller Auswüchse, das Luftbad und der Adams- i kult bedeuten Kilometersteine an dem Wege, der tatsächlich zur Natur zurückführt. Die körperliche (und -seelische!) Wiederertüchtigung des Kulturmenschen, dem die Leistungsfähigkeit des Naturmenschen abhanden getommen ist, ist das Ziel. Zeiterscheinungen, wie ein N u r m i, ein Dr. Peltzer, wie die Kanalschwimmer und — im ganzen genommen — unsere deutsche Turnerei find für alte, körperlich verweichlichte und entmuskelte Kulturvölker schon Etappen. Auch die Körperkultur und das Morgentraining der jungen Generation bedeuten als allgemeiner Ertüchtigungsoorgkmg immerhin bewußte Kinderschritte zur Wiederannäherung an die Natur. Aber wie weit entfernt wir noch am Ziele sind, zeigt uns der Blick auf Leistungen von Naturvölkern, bk für diese alles andere als Rekorde bedeuten, vielmehr einfach von Durchschnittsmenschen gekonnt sind. Ein solches Volk von Wsltrekmdmensche» stellen meine Tarahumare dar — ein ganz vergessener und ausgerechnet in Nordamerika selbst von Ethnologen nicht mehr vermuteter Indian er stamm, dessen volkstümliche Eigenarten auf einer Reise in Nordwestmexiko zu erforschen mir vergönnt war, und über die ich demnächst in meinem Buch „Das heimliche Lolk" näher berichten will. Es ist wahrhaftig noch ein Urvolk! Im Gegensatz zu den schweifenden Indianern, wie Apatschen, Komantschen usw. i — Ackerbauer, aber ohne Feuerwaffe und Geld, ohne Eisen und Wohn- ! Häuser, sehr friedfertig, aber scheu und unsichtbar — leben sie vermutlich J seit einigen Jahrtausenden abseits der großen Heerstraße nordamerikani- j scher Völkerwanderungen in den Höhlen und Wäldern der Sierra Madre | del Dccibente Nordmexikos, nahe der Grenze der Vereinigten Staaten ganz für sich und unvermischt auf einem Gebiet von etwa 40 000 Quadratkilometer. Ihr Stammesname — in der eigenen Jndianersprache Ralsmari — bedeutet „di e Dauer l ä u f e r" — und das sind sie, und Dauer- tä uz e r dazu! Glück und Zufall ließ uns den obersten Häuptling und sein Vertrauen finden. Er lud uns an sein Lagerfeuer, und wir erlebten dort eine menschlich-archäologische Offenbarung in den Gebräuchen und Riten dieser Waldmenschen, deren Ethik auch nach unseren Wegriffen so hoch steht, ; daß für Kriminalistik in unserem Sinne bei ihnen sozusagen die Unterlagen ! fehlen. Das schlimmste Verbrechen, dem wir bei ihnen begegneten, war Che- 3 bruch; zur Strafe muß der Mann die Frau — behalten. Diebstahl, Mord, ‘ Raub und ähnliches ist sozusagen unbekannt. Diese Leute nun sind von einer körperlichen Leistungsfähigkeit, von der man sich als Kulturmensch * kaum die richtige Vorstellung macht. Bei.dem großen rituellen Herbstfest, j das wir mitmachte!!, erlebten wir, daß eine Tänzergruppe, die den Chumari, j einen Maskentanz, tanzt, mittags begann, bann die 'Nacht und den fol i Lenden Tag durchtanzte, ebenso die nächstfolgende Stacht und dann noch bis < zum Sonnenuntergang des dritten Togos — das -alles ohne auszuruhen — > in ständiger Bewegung! Dabei wurde gesaftet und kaum ein Schluck Wasser i. getrunken. Am Abend gab es dann das Opfermahl — reichlich, mit vielem i unterdessen gebrauten Jungbier aus Mais-Maische — und in der Nacht i feierten die Tänzer, wie allo anderen, im Maisfeld die Orgie, der der j TarahumaxHamm den neuen Jahresring feines Nachwuchses verdankt. ' Aber das Fabelhafteste ist die Kunst des Dauerlaufes bei den Tarahumare. , Sie haben Wettläuse, die sich über bas ganze Land hinziehe». Männer und l Frauen, Tag und Nacht — nachts bei Fackelschein — durch Feld und ! Wald, über Fluß und Fels. Bei einer verbürgten Gelegenheit liefen sie 340 Kilometer in 24 Stunden, ununterbrochen' mrd ohne Pause. Hierbei stoßen die Männer einen etwa doppelt faustdicken Fußball aus leichtem Holz vor sich her, und die Frauen werfen einen kleinen Ring mittels einer Rute vor sich — beide laufen dem Ball, dem Ring nach, treten oder werfen ihn weiter: die Zeugen laufen nebenher und geben Obacht, daß nichts > Spielregelwidriges vorkommt. Ohne Ball ober Ring darf niemand an t den Start, der auch Ziel ist, zurückkehren. Wenn ein Rind sich in den i Wäldern von der Herde selbständig gemacht hat und wie die Büffel auf i Wanderschaft zieht, läuft ihm der Tarahumara nach, oft über Hunderte > von Kilometer — spurt es auf und treibt es zurück. Den Hirsch jagt der ! Tarahumara zu Fuß und läuft hinter ihm her, bis er ausgepumpt ist ! und sich umlegt — der Hirsch, nicht etwa der Tarahumara! lind das sind für den einzelnen keine Besoitderheiten — das können sie mehr oder i weniger alle! Würde man diese Leute nach Europa bringen — j i e < schlügen einer wie der andere alle Weltrekorde im 1 Da verlauf und würden verlegen werden, wenn man fie desm»». nach Gebühr feiern würde. Sie kennen noch keine Rekorde. Zwar die Läufer mit kleinen Geschenken belohnt, aber alle, auch die zulein n? gekommenen. Denn alle haben ihre Schuldigkeit getan, te haben aleirfil- maßen gearbeitet. Daß einer zuletzt ankommt — Kunststück! Einer doch zuerst ankommen ! Alle diese Leistungen sind für sie selbftverständllck Ebenso würden sie als aufrichtige Freunde des Alkohols (bas Junod^ aus Mais ist alkoholreich und als Festtrank und in entsprechender sehr beliebt) sich genau so wundern, wenn man einige unserer Trinkfest?» aus dem „Klausner" ihnen oorführen wollte, die ohne zu mucken, schont Frühschoppen ihre zehn halben Liter Pilsener „vorkommen" würden 3m auf solche Weltrekordleistungen sind wieder die Tarahumare nicht inis niert. Ob wir es andererseits mit ihren Rauschgiften aufnehmen könnten die sie einatmen und schlucken, wie Mitridaies das Arsen, ist eine aahet, Frage. Letzten Endes ist alles Training — aber die Körperdisposition unk die dauernd natürliche Lebensweise spielen ihre maßgebende Rolle babei und zwar offenbar in Gestalt einer Tüchtigkeitsvererbung. Ich q[ai2 nicht, daß ein Europäerkind, das von Kindesbeinen an bei den Taw. humare zur Erziehung in Pension gegeben würde, dieselben Leistungen er. zielte, wie die Tarahumare selbst. Und dennoch muß eine Annäherum möglich sein. Denn Don Heraklio und Don Juan, zwei Halbweihe wen. kanifche Mischlinge aus dem Grenzbezirk des Tarahumaralandes, die um als Maultiertreiber begleiteten, liefen auch ihre 160 Kilometer am Taue i wie wenn bas gar nichts Besonderes wäre. Auf dem Marsche trabten wir ! voraus — die Karawane trabte auch (ich habe sonst nirgends in der We» schwerbeladene Tragtierkarawanen traben sehen) — die Maultiertreiber trabten auch! Wenn aber, was oft vorkam, die Lasten auf den Maultier, satteln rutschten, daher abgeladen und neu gestaut und geschnürt werden mußten, und wir an der Spitze glaubten, die Leute seien infolge des A». enthalles weit hinter uns, dauerte es keine halbe Stunde, und Mensch 5 Tiere trabten schon wieder fröhlich aufgeschlossen hinter uns. Der Ordnung halber muß ich nun aber doch sagen, daß an der Sport betafigung dieser Weltrekordmenschen das Auffälligste ist, daß ihnen [eM der Begriff „Sport" offenbar mit allen seinen Wefenselementen aaiü fremd ist. Schon ihre Einstellung zu den „Siegern" besagt das. Sie tennen keine „Sieger", sie kennen keine „Preise", sie kenne» überhaupt feine „Wett"-Leistungen in dem Sinne der Ausscheidung der „Beste»'. „Wetten" als solche kennen sie — d. h. solche entrieren bei Gelegenheit derartiger Spiele die sogenannten „Biancos", die mexikanischen Mestizen, die ja Spielteufel in schillerndsten Variationen sind. Diese wetten wohl untereinander auf diese oder jene Gruppe — aber die Indianer selbst spielen dabei nur die Rolle der Rennpferde — sie setzen selbst nicht, au| sie wird gesetzt. Was in aller Wett — wird da der Sportsmann fragen — ist denn nun das Motiv zu diesen geradezu nationalen Sportsveranstalt ungen, wenn diese keinen sportlichen Motiven entspringe»? Mein Gott, lieber Sportsmann! — vielleicht kannst du dir einen Teil dieser Frage selbst beantworten: Ist dein Ziel nicht die allgemeine Erlich tigung? Nimm an — du hast das Ziel erreicht: die allgemeine Ertüchlt aung ist da. Alte Welk ist im Schwung, und du brauchst nur aus ie» Knopf zu drücken, da rennen sie alle — jeder Weltrekorde! Ist damit der Begriff des „Sports" nicht eigentlich in sich erledigt, nachdem er als solcher Allgemeingut und damit Erfüllung genrorben ist? Wenn jeder sozusagen Champion ist — spielt da die Spitzenleistung noch eine so überragest Rolle, rote heute, wo die Champions dauernd der Versuchung unterliege», Professionals zu werden, weil man den Abstand ihrer Leistung von der Leistung des Durchschnitts als öariefenummer bezahlt und daraus ein Geschäft machen kann? Mag diese Auffassung vom oölkerpsychologischen Standpunkt aus plausibel sein — für die Völkerkunde als Wissenschaft liegt die Sache fomplizietter — und doch sehr naiv und einfach für den, der sich in dit Gedankengänge und Auffassungen primitivster Menschen hineinverscW kann: Kompliziert erscheint cs zunächst und muß es zunächst erscheine», wenn ich sagen würde — die Motiv« sind religiöser Art Und doch wird die Sache einfach, wenn ich das Stichwort nenne: „Rausch". Man denke an die drehenden (die sog. tanzenden) Derwische. Ich sah sie in ihrer Hauptstadt Koma ihre Drehtänze durchführen - für uns ein tödliches Einerlei —, bis sie mit Schaum vor den Sippen umfielen, die Ekstase war da. Wenn die unverheirateten Frauen suj einer Südseeinsel ihre Reigen aufführen, immer wilder, immer wirbelnder, und zum Schluß eine nach der anderen umsinkt und halb ent« stelt davongetragen werden muß — Ekstase! Wenn die Tarahumort Tag und Nacht ihre noch so monotonen Tänze aufführen, wenn sie da?» ihre monotone Musik oder ihre Sprüche taufendfach wiederholen, I» hält sie dieser Rhythmus an zu Leistungen, die körperlich erstaunlich sind, und reißt sie hin zu Massenempfindungen, die den besten Wille» des einzelnen und seine Hemmungen absorbieren. Der Dauerlaus du Tarahumare entspringt den gleichen Motiven. Wir allerdings sehen I™ allgemeinen nur die äußeren Erscheinungen. Aber auch sie sind erstaun' lich genug — schon deshalb, weil wir hier ganz ohne Rücksicht auf Mo- tive einmal in der Welt die Tatfache sehen, daß ein ganzes Volk - nach unseren Sportsbegriffen — durchtrainiert ist und sich im Besitzt der „allgemeinen Ertüchtigung" befindet, die wir als Ziel und 3®™ des Sports so sehr anstreben und ersehnen. Für den Kulturmenschen, der nur Stunden kn der Woche mühstn» dem Training widmen kann, sind solche Ziele noch unerreichbar, unk hindern an dem natürlichen Training außerdem die Elektrische, t»f Eisenbahn, die Droschke, das Auto, der Fahrstuhl — alles errungenschaften, die der Trägheit des Körpers Vorschub leisten. 9« Bequemlichkeit, dieser Götze, um den alles Zivilisierte buhlt, ist °a« große enttüchtigende Laster des Kulturmenschen, das ihn in erster Lmtt verhindert, dahin zurückzukehren, wo das glückliche und gesunde Naturvolk der Tarahumare steht — nämlich in die Natur als selbstbewuM Teil der Natur! Wie anders sähe die .Kultur" aus, wenn sie nicht lyu Mutter, die Natur so undankbar verstoßen hätte! Verantwortlich: Dr. Han« Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fch« Universität«.Vuch« und Steindruckerei, V. Lange, Virhe».