Jahrgang (928 Dienstag, den H. September Nummer 7( M in meinen geistigen Erzeug- Früher Herbst. Bon Johannes Heinrich Braach. Schon wieder Stoppelfelder, schon wieder gelbe Wälder, wie schnell der Sommer schied. Vorbei gehuscht, geflogen, grad wie ein Spiel von Wogen und wie ein kurzes Lied. Grad' wie ein Lied vom Lieben, das Sturm uns zugetrieben und Sturm verweht, geraubt, da es uns kaum umfangen und wir mit frohem Bangen ihm kaum vertraut, geglaubt. Bald wechselt Glut der Rosen mit stillen Herbstzeitlose», die Nacht wird wieder kalt. Wir wandern und marschieren, gewinnen und verlieren und — werden mtid' und alt. Dom verruchten Benjamin und der unseligen Anna. Von Sofie v. U h d e. Als ich noch sehr klein war, so zwischen vier und sechs Jahren, versprach ich eine graste, deutsche Dichterin zu werden, und zwar eine iieftragische, ein Sanger des Leids — Familie und weiterer Bekannten- ki«s glaubten mit mir an diese meine schmerzliche Berufung. verfaßte damals mit Vorliebe Dramen, die von Tod und Tränen chaurig erfüllt waren und die ich mit herzbrechenden Illustrationen ver- V, 77,?urn sieht die Universalität des Genies! — die aber selten zum Abschluß gelangten. Denn ich geriet über mein Werk selbst in so Hoffnung? oses Schluchzen, daß ich mit einer warmen Flasche auf dem Leibe ZU Bett gebracht werden mußte, ein Opfer meiner Sendung. tes mt(( mir ja heute beinahe scheinen, als hätten die s meist obend- i'chen Zusammenbruche über der Kunst recht reale Hintergründe gehabt: «s hatten in Unmenge genossene unreife Beeren und beim Nachbarn Zerschlagene Fensterscheiben, die Magen und Gemüt gleichermaßen be- t Lösung suchend, der tragischen Muse in die Arme gemorfen. Aber damals überblickte ich dies keineswegs, sondern glaubte entschieden an meine traurige Genialität, und mein armer Vater, welcher eigentlich nur abends und also der Kunst und dem Leide hinqe- gcdm sah, erwog kummervoll mein ferneres Los. war nicht sehr abwechslungsreich in meinen geistigen Erzeug- Sn: waren in der Hauptsache nur zwei Themen, die mich immer wieder inspirierten: der treue Pudel Karo, der auf dem Grabe seines qerru stirbt — eine Dichtung, mit der ich überall viel Anklang fand 5Jil€b von 2I,,na' die mit aufs Herz gepreßten Händen und W» ha" 2tU9eU verendete, weil ihr Bräutigam Benjamin sie ver- diesein Sujet erregte ich großes Mißfallen in der Familie; mein 2?cr ml beinahe vom Stuhle, als ich ihm erstmalig dies Poem vor- a J E'N strenges Verhör in den Küchenregionen an, woher uf T ^ema bezogen habe. Ich konnte ihm selbst Aufschluß geben; .^inen Volksfest, wo ich Karussell fahren durfte, hatte der dl- »i'I reine® Wachsfigurenkabinetts diese Angelegenheit vorgetragen, .'c sofort tief beeindruckte; ich entwich ins Innere der Bude und (A:,, , ®nna's. *uie ste sich soeben anschickte, auf unschöne Weise zu mH ^-ib der verruchte Benjamin feinen Schnurrbart drehte und auRernnm-k ,?^chen davonging. Ich war sehr erschüttert, es muhte etwas Derlnfi9»»™0^ Scheußliches fein, von feinem Bräutigam Benjamin auhnnnkm11 "i^rden, ich beschloß, dieses Geschehen in mein Repertoire GnhSronk*1’ ?n6 olle Bemühungen der Familie, mich in die reineren ÜMmui-u - treuen Pudels zurückzuführen, scheiterten an der Ent- die tnniM. seines Dichterherzens. Tanke Jenny konstatierte mit Gram ^wpische Amoralität des Genies. deit gewöhnte man sich auch an dieses Thema — Anna nXns T? und ich erwog, ob es nicht angängig sei, die unselige DerEiniai Pudel sterben zu lassen, so daß ich alle meine Sieben iöorfte m r so weit kam es gor nicht, denn schon die bloße [litten hnf? .j gehäuften Leides versetzte mich in solche Tränen- iit mein diA ■ augenblicklich mit besagter heißer Flasche auf dem Leibe ih ein»., „" erbett versenkt wurde, wo sich sehr bald alle Not der Welt ^rauf ®emafität unbeschwerten Schlaf auflöste: und es ist wohl 4 mzufuhreii, daß mich noch heute, wenn ich traurig bin, eine SiehenerZamilieiibMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger schattenhaste Sehnsucht nach einer Wärmeflasche und einem Gitterbett überfallt, feerer Hafen, in dem alles Leiden endet. "bett Tophi,,n!«e "^dermädchen, ungebildete und reale Geschöpfe, sagten, meine s??ven Quatsch, und man solle mir „eins auf den Povo" geben. Es ist dies keine Art, mit Dichtern umzugehen.' Sie werden ib’ium'suri^.jnh ^'"ungsein; ich zog mich denn auch tunlichst von Ä'EN Zurück und deklamierte meine Dramen dem knisternden Feuer im R to Sr hnttP geduldigen Ohren unseres Hühnerhunds .A tr'j; r ^otte die Irrfahrten meines Tages treulich mitgemackt oer» w/tt 'che aber äußerst amüsante Raubzüge in ber NachbmAaft von denen niemand m der Familie etwas ahnte -, fein GerMenwar ntot zur UelanAlie g!ne?gt'"^' f° m°r er benn gleich mir des Abends iä as asÄ’iSÄÄ L nunftiges Wort reden. Von ihm ertrug ich Kritik, voralleminbezua Zeichnerischen Leistungen, da schien er mir doch der Heber» l/gene zu fein; unö nur wenn ich dem Pudel Karo, um seine völlige Auflösung sinnfälliger zu machen, nur drei Beine gab und mein dem Difpu/'zwische"n uns"3 Vater auf vieren Bestand, erhob sich Aber was das Dichterische betraf, da war i ch ber Experte. Mein versuchte wohl zuweilen, mich in fteunblichere Bahnen zu lenken- ^f^lug nnr vor, Herr unb Hund am Leben zu lassen — sie könnten 3um Beispiel einen kleinen Spaziergang ins Grüne unternehmen sie mürben vielleicht sogar Schlagsahne essen unb in ber Wiese liegen — na ??‘e w..»’! auch die leidige Affäre mit Benjamin könnte sich als ein Irrtum Herausstellen — er konnte sich beispielsweise nur verspätet &Vnb ^vuckkommen und Anna eine Tafel Schokolade bringen, gäbe das nicht ein schönes Gedicht? Aber ich frug ihn nur mitleidig» überlegen, ob er denn nicht wisse, daß nur schön ist, was traurig ® ®r wußte es er verstand, was ich da unbewußt unb unbeholfen KechinVräNu"L' un?A»7a°^' “ W"”e9 6etotttmert lInb "»ch „Anna fiel ber Länge lang, Allen Leuten mürbe bang, Doch bas hatte keinen Sinn: Anna mar schon hin." Könnte ich doch heute noch so unbekümmert dichten! Der Geburtstag meines Vaters tarn, unb ich gedachte ihn durch ein gouz besonders wertvolles Werk, reich illustriert, zu verherrlichen. Der verruchte Benjamin schien mir für ein Familienereignis kein geeignetes Sujet zu fein ainb ich entschloß mich für Karo. Ich beherrschte nun schon die hohe Kunst des Schreibens und malte meine Verse sauber auf einen fronen Briefbogen mit Tauben und einem roten Herz, welches brannte- mit «porter Orthographie, welche die Originalität des Ganzen sehr un» M .v^len anschaulichen Zeichnungen. Dem festlichen An- aß gemäß hatte ich das Thema gründlicher als sonst bearbeitet, es war fogar STBrnter Schnee fiel, ber Grad unb Kränze, Kreuz unb Pudel still Xränenftrömen^te ~ 65 ronr nid)f 3U ertragen! Und ich verging in * Ab.se Sündflut bereitete meinem Vater keine ©eburtstaqsfreube: ?rr,^rit bald traurig, halb wütend auf und ab unb murmelte: „Wohin soll bas fuhren mit biefem Kinbe!" Da klingelte es, unb ber Nachbar erschien, ein einfacher, alter Mann, er brehte den Hut in ben Hänben unb schien zum äußersten entschlossen. Sein Erscheinen mar mir überaus peinlich ich hatte Grünbe, ihn nicht gerne hier zu sehen. Denn dieser vortreffliche Mann mar vorzugsweise die Zielscheibe meiner rüden Belustigungen: ich beförderte ihm mit Hilfe eines ausgezeichneten Blasrohres unliebsame Gegenstände in seinen Kaffee, ich weckte ihn vermittels dieses selben Instrumentes unsanft aus seinem Mittagsschläfchen in ber Laube, und bestahl seine Obstbäume, ich schüttete Nießpulver auf seine Schlummerrolle, ich ließ mich vor seinen Augen vom Dach kollern und fing mich in der Rinne, so bah bem Unglücklichen bas Herz stille stand vor Schrecken und er dergestalt um alle wohlverdiente Ruhe des Alters gebracht mürbe. Es mar ja nur vermunberlich, baß er nicht schon viel eher gekommen mar. ffir legte ohne viel Umschweife los; mein Vater traute seinen Ohren nUht unb sprach die Meinung aus, ber Würbige möchte sich täuschen Aber ba kam er schön an: „Ra, na, gnä’ Herr, ba gibt’s fei nixen i wer n wohl kenna, ben kloan Satan, den mistigen; wann i’n nur grab mal erwischen kunnt, i bab's eahm scho zeig'n, aber ber is ja soviel g schwinb, ber kloane Höllenbrut'»!" Und nun begann er eine wohl- assortierte Aufzählung meiner Ucbeftaten. Er sagte nicht zuviel, der wackere Mann, es stimmte alles. An besonders schwerwiegenden Höhepunkten ber Anklage brehte sich mein Vater nach mir um: „Hast du )as getan?" Ja, ich hatte es getan; bas Gesicht meines Vaters wurde immer heller. Und als ber brave, alte Mann seinen Stoff erschöpft hatte und schwieg, versprach er ihm Abhilfe und weitestgehende Genugtuung und begleitete ihn herzlich zur Tür; dann wandte er sich strahlend nach m"so! otfo dies war die Kehrseite des über dem Leid der Welt in Tränen vergehenden Kindes, dieser vitale, kleine Teufel? Das war dis wahre Gestalt der großen Tragödin, welche eine besorgte Familie mit Lorbeeren bedeckt in der Nacht des Trübsinns enden sah? Nun, bis dahin schien es ja noch gute Wege zu haben! Aber dann siel ihm doch ein, daß ein strahlender Blick nicht die rechte Antwort ist auf ein so gehäuftes Sündenregister, und er zog sich und mich herrlich aus der Affäre, indem er mit strenger Stimme sagte: „Geh' hinaus!" Ich tat es gerne. Die Wirkung meiner künstlerischen Produktion war von da ab nicht mehr die gleiche: wohl verharrte Benjamin in feiner Verruchrheit, wohl starben Karo und Anna; und nach wie vor begoß ich ihr Schicksal mit reichlichen Tränen. Aber der Familienglaube an meine tragische Sendung war erschüttert; und, wie man heute sieht, nicht zu Unrecht. Und doch sitze ich — ich muh es gestehen — auch jetzt noch zuweilen vor einem knisternden Feuer oder vor den geduldigen Ohren eines Hundes und meditiere über irgendeiner schwermütigen, nun sehr persönlichen Angelegenheit; und wenn man sie näher besieht, was ist sie? Immer wieder ein verruchter Benjamin und eine unselige Anna. Bei den TrogLodyten. Bon Gustav W. E b e r l e i n, Rom. Sie Hausen hinter den Bergen bei den sieben Zwergen, sie sind das Schneewittchen des märchenhungrigen Europäers. Nicht die Schätze Harun al Raschids erwarten ihn dort, nicht die durch tausendundeine Zeitschrift gegangenen Orientklifchees will er betrachten, nicht Alabins Wunderlampe, garantiert echt, im Basar von Kairo kaufen, sondern die unfrisierte Wildnis sehen, und wenn er dabei auch unter die vierzig Räuber fiele. Aber wo find in Libyen Berge? Wenn mau die Zinnen des alten Kastells von Tripolis hinaufsteigt und den Blick nach Afrika hineinschweifen -läßt, so sieht man nur einen grünen Horizont von Palmen und ahnt dahinter die weite Ungeheuerlichkeit, die trostlose Oede. Karte her. Haben Sie schon einmal eine Landkarte gesehen, auf der die Geographen nicht- saubere Wege durch die Wüste gezeichnet hätten, als ob es sich um städtische Anlagen mit Goldfischbecken, Rosenbeeten und Ruhebänken handle, auf denen man Soldat und Kinderfräulein in abnehmendem Abstand bemerkt? So ein gepflegter Kiesweg führt van Tripolis direkt nach dem Tsadfee, auf der Karte. Es kann also nicht schwer fein. Nach einer halben Tagreife im Auto, so versichert man mir, werde ich auf "Berge stoßen, und wenn ich in die Gegend des unabhängigen Berberreiches komme, das der berühmte Kalif Suleiman el Baruni von einigen Jahren aufrichten wollte, so habe ich das Gebiet der Höhlenbewohner bereits hinter mir, denn zu sehen feien sie nicht. Es komme allerdings vor, daß man in so eine Behausung hinunterrutsche wie die Ameise in die Höhle des Ameisenlöwen. Dann könne man nicht mehr fehl gehen. Auch Autos habe es schon hinuntergezogen. Es lohnt sich also. Los, Hadschi Halef Omar! Er hieß ja wahrscheinlich Ali oder Justus, aber wenn man schon auf solche Abenteuer ausgeht, ist es besser, als Sldi seinen treuen Begleiter bei sich zu haben, Hadschi Halef Omar ben Hadschi Abb ul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. „Hast du auch Werkzeug und Ersatzteile bei dir, Hadschi Halef?" „toicuro, Sidi", grinste er. „Bei Allah, es fehlt nichts!" So brausten wir zur Oase hinaus, von einem Eisenbahnzug ängstlich angeschrien, einem Embryo auf Schienen. Bereits zwanzig Kilometer südlicher kam es so, wie es jener Reichstagsabgeordnete vorausgesagt hatte: es war nur ein neugeborenes Kind, das sich bald im Sande verlief. Wir aber fegten dahin wie der Sturmwind des Herrn und gerieten alsbald in die Wüste. Die «straffe führte tatsächlich, ich brauchte nicht erst den Kompaß zu befragen, beim die Sonne drängte uns ihre Begleitung auf, schnurgerade nach Süden, ein Pfeil, der ins Herz von Afrika abgeschossen wurde. Eine kleine Oase kam — mehr aus Rücksicht auf den Fremdenverkehr, schien es, um eine Fata Morgan« vorzutäuschen. Die wahre Fee des Morgenlandes war noch weit, unendlich weit. Wir fuhren in Azizi« ein; Hauptort der Gesara, wichtiger Straßenknotenpunkt, strategische Festung ersten Ranges. Ein gigantisches Liktorenbündel, das von einer kahlen Bergstirne heruntersah wie das drohende Auge des Zyklopen, bezeugte Ben siegreichen Vormarsch der römischen Legionen unserer Tage. Ein kurzer Besuch beim Kommandanten, unser Eisenkamel säuft Wasser und Benzin bis zum Uebertaufen, bann geht es weiter, anfänglich durch aufblühende Konzessionen, fieberwehrende Eukalyptus- fpoliere, mit grünem Vorwitz herandrängende Gerstenfelder. Mit einer großartigen Armbewegung umfaßt Hadschi Halef Omar ben Fortschritt der Neuzeit: Alles ist gemacht! „Allah akbar," bewunderte ich nach Gebühr, „Gott ist groß! Aber wir sind in Berge geraten, scheint mir. Was ist bas für ein Kegel dort?" „Ein erloschener Vulkan, Sibi, der Teeut. Wir müssen uns links halten." ... bie Einsamkeit ist groß, bic letzte Konzession unb damit die letzte Verbindung mit dem sicheren Küstenland längst hinter uns. Stier, man kann nicht anders sagen, stier starrt die Sonne immer auf ben gleichen flimmernden Sand. Der Kühler raucht, der Lack ist natürlich längst zersprungen. „Hast du auch wirklich für alles vorgesorgt, Hadschi Halef? Denke, wenn wir jetzt eine Panne hätten!" „Keine Angst, Sidi, es gibt keine Reparatur, die ich nicht ausfübren könnte. Mein Ersatzteillager ist komplett." Es ist Mittag geworben, wir lechzen nach Schatten. Mit einmal zerreißt die lila Wand am Horizont, eine wuchtige Maste bricht hervor, die -sphinx hat ihre Pranken ausgestreckt: die Berge. Wir müssen zwischen sie hinein, hindurch, es gibt keine Wahl. Das ist der Gebest bet blutburchtränkte. Dreimal unb jedesmal „endgültig" von ben Italienern erobert, verloren, vor fünf Jahren zum letztenmal zurückgewonnen. Jede Kurve reißt ein anberes Bild ungezügelter Landschaft auf, eines trotziger und kühner als bas andere. Unb da kommt einem plötzlich zum Bewußtsein, daß dis wenigen Menschen, bie man zu Gesicht bekommt, immer unb überall nur Männer sind. Frauen unb Kinber verstecken sich wie in den bösen Zeiten des Dreißigjährigen Krieges. Auf der Höhe, fast achthundert Meter über dem Meere, hat sich eine Militärstabt angefiebelt, bas Kommando für die südlichen Territorien der Kolonie. Hier, wo die Gegend anfängt kriegerisch zu werden, sieht man nicht nur königliche Truppen, eingeborene unb italienische, sondern auch Schwarzhemden, die danach fiebern, ihre Gagliardetti, ihre Ducebilder und das Liktorenbündel, das Abzeichen des imperialen Italien, weiter in das Innere vorzutragen. Sie nehmen uns gastlich auf, sie bewirten uns mit dem Besten, was sie haben, sogar gekühlter Sekt fehlt nicht, und als'wir bitten, noch weiter in die Wildnis hineinstoßen zu dürfen, lacht der Kommandant: „Gut, daß Sie sich beeilen, das zu tun; denn wir sind gerade dabei, einen Oelberg und Feigenhain aus dem Gebiet zu machen. Im nächsten Jahre können Sie hier im Hotel logieren." Weiter nach Gefreut zu, dem Zentrum des jahrhundertelangen Ringens der Eingeborenen unter dem Kalifen Ben Ghuma gegen die Türken und der blutigen Stammesfehde zwischen den beiden Gebelraisen, den Berbern und Arabern. Bald aber meldet sich, angeregt durch den Picknickschatten hundertjähriger Oliven, ein menschliches Rühren. Wir lagern uns, ziehen den Fiasco heraus und find im Brotumbrehen von ben Kindern des Landes umschwärmt, hinter denen bald, mit der durch ben bekannten Araberstolz gemäßigten Neugierde, bic diesbezüglichen Väter auftauchen. Sie nehmen ihren Sprößlingen ben guten Schinken, nach dem sie wie nach etwas Niegesehenem gehascht hatten, ohne weiteres aus ben .Hauben: bas bürsten bie Kinber doch nicht essen, das sei ja Fleisch vom Schweine, also unrein. „Bitte um Entschuldigung," sagte ich, „ich hatte ganz daraus vergessen. Wollen Sic einen Becher Wein mit uns trinken?" Da rollt der schwarze Kopf im weihen Barakan, es rollt das Weih ums schwarze Auge, Satan unb Mohammed haben wieder einmal einen kleinen Ringkampf zu bestehen. Schließlich siegt der Versucher. „Ich habe ja auch Militärdienst bei euch Christen leisten müssen!" Daher fein über bas italienische Imperium in nicht ausbteiben. Der Mann, der Leitartikel sieht der gleiche Name mein Zeuge, daß ich noch niemals Interesse gelesen habe wie diesen dem Zeitungsseroierbrett, während Italienisch. . , v Kavalier, revanchiert er sich sofort mit einer Einladung zum Tee. Wir folgen ihm in eine Lehmhütte, in der cs gar nicht so übet cms- siehi, probieren auf gekreuzten Beinen zu sitzen und schlürfen mit geheuchelter Verzückung ben viermal umgegossenen, mit gebrannten Erdnüssen versetzten Tee, ben er auf einer dicken — deutschen Zeitung serviert. Wie kommt mir solcher Glanz in meine Hütte? Allah illah Allah, Gott ist groß unb die Erde klein — wie ich meine Tasse abhebe, fällt der Blick auf den Leitartikel unb unter dem n tL—t!”-' s>— wie vor diesem Feuilleton. Gott ist einen Artikel von mir mit solchem Kaninchen. Frauen! . .... Der Araber wußte Bescheid. Er ging einen rasch NI senkenden, wunde neu Stollen hinunter, ein paar Sprünge über entsetzt aufgatfenw Hühner — ben Teppich zurückgeschlagen — ich stanbcrstaunt und etro beschämt in einem Frauengemach. Schneeweiß bie Wände gekaut, / weiß der Boden, schneeweiß die Schlafnischen. Es sind Jüdinnen, ft 1 der Araber, sie lassen ihr Gesicht sehen. Und tatsächlich siserhull st.) diese Frauen nur, wo sie eine photographische Luise f?Uterten. hatten rabenschwarzes Haar, sie waren Aegypten und altes T s ' sie trugen handgroße, halbpfündige Halbmonde aus ingHipem U die Stirne, an ben Ohren, um ben Hals, sie waren Türkinnen unb Beinschmuck, Nubierinnen an Anstand der joaltung, .trur^',rll,h[irf) an Reinlichkeit. Mehr: in diesen Höhlenwohnungen sieht es er? sauberer aus, als in so manchen Gassen unserer ©tobte, sie |in nicht komfortabel, aber gesundheitlich einwandfrei. Das ganze e i j zeichnen sie sich durch eine saft gleichmäßige Temperatur aus, - Sonne findet man zur Genüge auf dem gemeinsamen itt habe Bücher gefunden in diesen Höhlen, kleine Bibliotheke, hebräischer Sprache. zu Auch die Araber haben, wie sich nun herausstellte, und «W 7atW erwarten mar, Frauen; auch diese leben unter der Erde, l .|fe anderen Gründen. Er habe gestern seine sechste Frau genomme, v $je unser Führer, sie sei wunderschön, aber zeigen dürfe er ste )■ arabischen Frauen wollen das nicht; denn warum? Es genügt, o . Ungläubiger sie ansieht, und der Mann hat das Rcht, sie $u mir die Beine einschliefem Die zweite Ueberraschung sollte i..-,- ------------- - . offenbar öfters mit Europäern in Berührung kam, zeigte uns einen Av- kürzungsweg, warnte aber vor den großen trichtern der Ameisenlöwen, man könne gar zu leicht unversehens hinunterfallen. „Das ist wohl wie bei ben Troglobyten?" fragte ich. „Die Troglobyten wohnen hier — hier — hier," drehte er sich deutend im Kreise, „wir sind mitten unter ihnen." So wären wir also saft wirklich übers Ziel hinausgesahren. Nun hatten mir dank dem verbotenen Weine einen trefflichen Führer. Wir folgten ihm querfeldein, bis er plötzlich am Rande eines tiefen Kessels stehen blieb, der mitten aus dem noch grünen Weideland herausgeMMen war. In der Tiefe öffneten sich nach allen Seiten grottenaruge Gange und Höhlen, denen zum Teil orientalische Hängeteppiche als Türen dienten. Jetzt mar Hadschi Halef Dinar in seinem Element. Er klatschte in die Hände unb schrie unverständliche Worte in ben tocnagjt hinunter. Da wurden bie Teppiche zurückgeschlagen, hochgebaute Aegypterinnen, bas gestreifte Tuch, wie es uns aus ben Hieroglyphen vertrant M, um Kopf und Schultern geschlagen, traten auf ben Platz heraus, den Booe bes Kessels, blinzelten in bie Hohe unb — verschwanden wie ge;cheuchie Noch viel ließe sich über die Troglodyten erzählen, aber ich möchte nicht schuld daran sein, daß diese Zeitung so dick wird wie das Servierbrett unseres Wirtes, von dem wir uns daher lieber verabschieden wollen. Salem aleikmn ... Auf dem Heimweg stellte sich, natürlich an der ungeeignetsten Stelle, die Panne ein. Tatenlustig sprang Hadschi Halef Omar, kaum daß der Motor verröchelt war, von seinem Sitz, schlug di« Kühlerhaube auf und erstarrte wie Lots Weib. Keine Benzinzuftihr mehr, das Leitungsrohr gebrochen! Schon war die Sonne gesunken, hämisch hüstelte uns die andere Feindin der Wüste an, die Nachtkälte. Hadschi Halef Omar murkste eine Stunde, zwei Stunden planlos herum und bekanntlich darf man einen arabischen Chauffeur niemals in dieser heiligen Handlung stören. Endlich gestand er kleinlaut ein, daß er «s nicht schaffe. Es stellte sich heraus, daß der Reparaturkasten leer war. „Ich dachte, dein Ersatztcillager sei komplett?" „Ist es auch", schlug er sich in plötzlicher Erleuchtung vor die Stirne und kramte ein Isolierband aus der Tasche. Dank diesem Universalmittel erreichten wir noch in der gleichen Nacht die Oase Bethlehem. Klar standen die Sterne über den Palmen, ein weißes Haus leuchtete im Scheinwerfer auf und eine müde Frau wurde von einem Manne in den angebauten Stall geführt. Stille Nacht, heilige Nacht... Das neue Testament knüpfte an das alte der Troglodyten an. sagte Was Die Mutter. Novelle von Maarten Maartens. (Schluß.) ' Er wich fluchend zurück. „Ja, ich bin ein Wilddieb", sagte er. „Sorg' dafür, daß dein Förster sich vorfieht!" Er schlich davon und lieh sie bebend vor gemischten Gefühlen zurück. Nur eins war ihr klar bewußt: daß sie den Mann ihrer Liebe nie würde heiraten können. Inzwischen hatte die Witwe nach ihrem erprobten Grundsatz, daß Arbeit in Gottes Wäldern das beste Heilmittel für Kummer ist, einen Rundgang durch das ihrem Sohn unterstellte Gehege angetreten. Sie fürchtete, ihm zu begegnen, und sehnte sich doch danach. Die Ereignisse des Tages hatten einen schmerzlichen Eindruck auf sie gemacht. Irgend etwas in dem Benehmen der Menschen, mit denen sie gesprochen hatte, erfüllte sie mit unklarer Besorgnis. Eine dunkle Furcht vor Unheil hing lastend in der Luft. Sie war wütend empört über den Pfarrer, der es gewagt hatte, sie — die Witwe John Quints — mit unnötigem Geschwätz über Trunk zu ärgern. Dankte sie Gott nicht jeden Abend dafür, daß er ihr Gebet erhört hatte, daß Isaak mit festem Schritt nach Hause tatg und ihr mit fester Stimme „Gute Nacht!" sagte? Als sie durch Holz hastete, um ihren Merger zu verlaufen, gewahrten ihre scharfen — in der Ferne noch so scharfen — Augen eine halbverwischte Fußspur, die ganz gewiß nicht von Isaak herrührte. Sie folgte der Richtung, in der sie führte, und gelangte einen Abhang hinab durch dichtes Gestrüpp zu einem halb versiegten kleinen Bach, neben oem sie ein geschickt verstecktes und sehr sorgsam ausgespanntes Netz entdeckte. Ihr Auge blitzte vor Triumph. Sofort begann sie, es loszu- fchneiden. „Hallo!" rief eine Stimme von drüben herüber. Tom Bunfing richtete sich zwischen dem Gestrüpp auf. Er war gleich nach seinem Gespräch mit Christine hingekommen, um nach seinem Netz zu sehen. „Lassen Sie das sein, Sie alter Drache!" „Ich tue, was ich dem Herrn Baron schuldig bin", erwiderte Witwe Quint unerschrocken. „Geh nach Hause zu deiner armen Mutter, Tom •ounfmg, und trockne ihre Tränen!" sprang über den Bach, ohne zu ant- wortm. In dem Handgemenge, das nun entstand, setzte er sich bald in 6en Besitz des Netzes, wobei er die alte Frau umstieß. „Ich kann nichts dafür", sagte er. „Warum mischen Sie sich in solche boajen, die Sie gar nichts angehen, Sie greuliche, alte Person? Machen ®ie, daß Sie nach Hause kommen." • Sie raffte sich auf. „Behalt nur dein Netz", versetzte sie voller Ber- Wung. „Ich brauch' es nicht. Ich habe das andere, das ganz ebenso M und das ich vor acht Tagen fand. Mir fehlte nur noch der Beweis, f,e dir gehören. Morgen melde ich die ganze Geschichte dem Ober- strsier. Du kannst dich auf ein oder zwei Monate Gefängnis gefaßt ^mem^Schn?""^' ~ tann nirfjt ~ “ Was weißt du von ». $on’ Bunsings dunkles Gesicht erbleichte. Er stieß einen schrecklichen Rrt) aus. Er war noch nie ertappt worden, und an Gefängnishaft Ktte er nie gedacht. e? nieder das Wort ergriff, war er ganz ruhig. ,Hören Sie, Frau »mm, fagte er, „ich werde mit Ihnen nach Haufe gehen, und Sie «erden mir das Netz ausliefern." „Das werde ich nicht tun", erwiderte die Witwe und erhob sich, um „Bann werde ich hingehen und es holen. Isaak ist unten im Dorf, ix CF,, roas für den Baron zu besorgen hat. Das wußte ich, sonst wäre ch mcht hergekommen. gfe Witwe blickte ihrem Gegner mit einem zuversichtlichen Lächeln n, <>3n unserem Hause wirst du das Netz nicht finden", ' ile' »Cs >st im Walde versteckt." "sm Eiche!" rief Ton aus. ’n roas soll das heißen?" QiiiÄr Versteck, wo er feinen — ach, Hosts der Teufel, Frau «i nf®}, be meiner Mutter nichts an, dann tu' ich Ihrem Sohn Sohn etwas tun? Wie solltest du das wohl können? ^steckt Isaak in der Eiche?" ftertt?-'lmmeru Sie sich nicht darum. Wo haben Sie mein Netz ver- „Nicht mehr als von meinem Netz. Hören Sie, ich taffe Ihnen bis zum Dunkelwerden — nein, ich lasse Ihnen bis acht Uhr Zeit. Wenn das Netz um die Zeit nicht wieder da ist, wo Sie es yerhaben, dann —* „Run?" „Dann werden Sie den Schoden davon haben." „Pah!" „Sie — und Isaak." '„Tom Bunsing, was kannst du Isaak antun? „Bis acht Uhr, verstehen Sie mol);, und keine zehn Minuten drüben Ich will nicht — bedenken Sie das wohl! ich will nicht ins Gefängnis — meiner alten Eltern wegen, die es nicht aushalten würden- Hüten Sie sich! Mit einem Verzweifelten zu kämpfen tut nicht gut* Er wandte sich ab und verschwand im Unterholz, ohne ein weiteres Wort abzuwarten. Frau Quint lenkte ihre Schritte heimwärts. Sie war sehr besorgt uni» sehr müde. Was war nur mit Isaak? Etwas Schlimmes konnte es nicht fein, aber junge Leute waren nun einmal keine Engel: sie hatte nie erwartet, daß er sich als vollkommen erweisen würde. Meder kam ihr der fatale Gedanke an unvorsichtige Liebelei. Oder ob er vielleicht einmal im Kartenspiel Geld verloren hotte? Nein — was war das mit der Eiche? Was versteckte er dort vor anderen Menschen — vor ihr? Als sie sich dem Haufe näherte, sah sie jemand neben der Tür stehen, und gleich darauf erkannte sie John Bost. „Ich hab' eine Bestellung von Isaak zu machen", sagte Lohn. „Ich hab' es ihm versprochen; daß Sie aus fein könnten, kam mir gar nicht in den Sinn. Frau, wie sehen Sie krank aus! Gehen Sie rein und setzen Sie sich hin." „Was ist denn — ?" sie rang nach Atem. „Der Boron und die, Baronin sind für den Tag zum Bruder des Borons nach Rodwell gefahren, und sie haben Staat"mitgenommen, damit er sich Tauben ansieht. Er wird ungefähr um acht zurück fein." Das war ein harter Schlag für die Witwe. Sie faß und dachte nach, während ihre Hände die Knäufe ihrer Stuhllehnen umklammerten. „John Bost, du hast einen Wagen da", begann sie schließlich. „Du mußt nach Rodwell hinüberfahren und Isaak einen Brief von mir bringen." „Na, Sie sind aber unverfroren!" entgegnete John. „Ein Brief? Wollen Sie die Baronin bitten, mit ihm zurückzukommen und bei Ihnen zu Abend essen?" Sic blickte zu ihm auf, und feine Stimme senkte sich unwillkürlich. „Na, ich kann es machen", sagte er. „Es ist kein großer Umweg. Aber beeilen Sie sich!" Sie setzte sich an das Schreibpult ihres Vaters und verfaßte mühsam die nachstehende Epistel: „Lieber Isaak! Du mußt gleich mit dem Herrn Baron und mit Baßet sprechen^ Die Sache muh heute abend um acht in der Hügelforst gemacht werden. Ich halte alles bereit. Komm zum Abendbrot nach Hause. Komm so schnell als Du irgend kannst. Deine Mutter." Sie tat den Bogen in ein Kuvert und übergab ihn dem Fuhrmann. Wenn er den Brief nun öffnete und sie verriet? Nein, so etwas taten dis Menschen nur in Zeitungen. Außerdem blieb ihr keine Wahl. „Du bist ein redlicher Mann, John", sagte sie-„Das weiß ich und ich werde dir ein Fünfzigpfennigstück geben." „Zum Kuckuck mit Ihrem Fünfzigpfennigstück", erwiderte John und verlieh das Haus. Einen Augenblick stand sie unentschlossen da, dann lief sie ihm nach und rief ihn zurück. „John, John, hör' noch mal! Antwort' mir noch, eh' du wegfährst, auf eine Frage. Der Pfarrer — hat er dich jemals gebeten, das „Blaue Band" zu nehmen, John?" John Bost starrte der alten Frau scharf ins Gesicht. „Und ob!" tagte er fröhlich. „Dutzende von Malen. Wen bittet er nicht? Sogar der Baron trägt eins — und die Baronin auch." „Nein, das hab' ich noch nie gesehen", wandte die Witwe ein. „Na, zu Temperenzlern hat er sie jedenfalls gemacht", erwiderte John, ein wenig betreten. „Danke! Danke sehr!" rief die Witwe inbrünstig. „Mach' dir meinetwegen keine Gedanken, John, und sorg' dafür, daß Jfaak den Brief kriegt. Guten Abend!" „Das ist es also", sagte der Fuhrmann zu sich selbst und guckte den Brief an. „Die arme Alte! Sieht aus, als ob sie nicht mehr lange zu leben hätte. Aber wenn sie am Leben bleibt, muß sie ja einmal dahinterkommen." Die Witwe brach, wieder in ihrem Lehnstuhl angelangt, in Tränen der Freude und des Zornes aus — des Zornes, weil sie einen kurzen Augenblick an ihrem Jungen gezweifelt hatte. Er würde ihrs Botschaft schon verstehen, denn wenn sie auch nie wieder über die Sache gesprochen hatten, wußte er doch, daß sie mit Baßet alles vorbereitete, um Tom Bunsing festzunehmen, sobald sie Beweise für seine Schuld hatten. Daß Isaak keinen Schritt gegen seinen Siebenbubter unternehmen wollte, fand sie bewundernswert, das sah seinem edlen Charakter ähnlich. Aber sie mußte Maßnahmen treffen, wo er sich begreiflicherweise zurückhielt. Gerade daß feine Sage so heikel war, machte es ihr doppelt zur Pflicht, für die Rechte-ckhres Herrn einzutreten. Dies Gefühl war es, daß ihr keine Ruhe getanen hatte. „Ich will keine Ränke gegen Tom schmieden", hatte Isaak gejagt „Wenn er mir aber in den Weg läuft, um so schlimmer für ihn." — Und für mich", hatte er innerlich hinzugefügt. Es begann Abend zu werden, und nachdem die Witwe ihre Kartoffeln geschält hatte, setzte sie sich nieder, um Isaak zu erwarten. Dabei überlegte sie, was wohl geschehen würde, zerbrach sich jedoch nicht übermäßig den Kopf, da sie entschlossen war, ihre Pflicht gegen den Baron auf jeden Fall zu erfüllen. Der Hund hatte sich nach einigen ungewürdigten Versuchen, die Nase in ihre Hand zu stecken, in ihren Rock geschmiegt zusammengerollt. Die Elster ärgerte sie dann und wann mit ihrem sinnlosen „Schon gut!" Die Abendbrotstunde schlich vorüber, ohne daß Isaak kam. Der Kuckuck verkündete die siebente und die folgende halbe Stunde. Da vermochte sie zu ,OH, Herr Baron — oh, Frau Baronin, er Sie mich nicht zur Verzweiflung, auch ich hab' Tom ein Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. - Druck und Verlag: Brühl'fche Univerfitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gietze"- Sie mich nicht zur Verzweiflung", hatte ! fragte sie außer sich. Uhr geht immer nach. Es wird eher schon muß bald zurückkommen, sie fahren nie spät nach Hause. Aber Isaak ist Fuß zurückgekchrt — oh, schon vor ein oder zwei Stunden! Er bog in den Wald ab. Ist er noch nicht zu Hause?" „In den Wald!" wiederholte die Witwe. „Käthe, hatte er sein Gedroht hatte. „Treiben eine Mutter. Treiben Bunsing gesagt. „Wie spät ist es?" „Fast acht Uhr." „Nein, nein, Ihre Viertel nach sein." wehr bei sich?" „Nein, das hatte er nicht", erwiderte die Frau. „Es fiel mir noch auf, denn ich dachte bei mir, im Dunkeln sollte er seine Flinte doch mitnehmen. Wir wissen doch alle, daß Tom Bunsing gesagt hat, er wollte schon mit ihm fertig werden." „Tom Bunsing — mit ihm fertig werden?" wiederholte die Witwe. „Ja, Nachbarin, und ich meine nicht wie die andern Leute, daß Sie nichts davon wissen sollen, was Ihr Sohn anfängt — gar nichts. Es mag ja Sachen geben, aber —" „Was für Sachen?" rief die Witwe aus. „Es kann keine geben." „Na, ja! Sie werden doch sicherlich wissen, daß Isaak und Bunsing beide hinter Christine her sind?" „Ganz sicher weiß ich es von keinem von beiden." „Na, Tom ist ein verwegener Kerl, und ich sage, Isaak sollte sich vorsehen." „Unsinn!" sagt« die Witwe. „Isaak ist in den Wald raufgegangen, um sich mit Baßet zu treffen." „Nein, das hat er nicht getan, denn Baßet ist hier vor zehn Minuten mit zwei Wagenladungen Reisig vorbeigekommen— nach dem Dorf zu." Die Witwe griff an ihre Brust. Jetzt war kein Zweifel mehr. Zwischen Isaak und Tom Bunsing muhte irgendein geheimes Band der Schande bestehen. Statt der Botschaft seiner Mutter zu gehorchen, war der Unterförster allein hinaufgegangen, um den Wilddieb zu warnen cder ihm Trotz zu bieten. Vielleicht lagen sie in diesem Augenblick im finstern Walde miteinander im Kampf, ihr Sohn und der Mann, den sie be- .. ... - „ „ , ist mein ein und mein alles", sagte die Witwe. „Äon dem Tage seiner Geburt an ist er Tag gr Tag mein Stolz gewesen! Niemals hat eine Mutter einen edleren ohn gehabt!" „Na ja," sagte die Frau in entschuldigendem Ton, „ganz genau auf ein paar Minuten geht sie ja nicht. Aber ich glaube doch — —" Aus dem fernen Waldesdunkel klang ein schwacher Knall von Feuerwaffen hell durch die Nacht. „Horch, was war das?" schrie Küthe auf. Aber die Witwe rannte schon auf die Stelle zu, wo die Landstraße sich den Hügel hinan von der Chaufsee abzweigte. „Isaak! Isaak!" rief sie wie von'Sinnen. „Isaak!" Plötzlich blieb sie keuchend stehen. Die bleiernen Glieder versagten den Dienst, Beklemmung und Uebelkeit lasteten schwer auf ihrer Brust. „Isaak!" — Die endlose Weite ihrer geliebten Wälder dehnte sich erbarmungslos vor ihr in die Finsternis des schweigenden Winterabends hinaus. Mit entsetzlicher Deutlichkeit sah sie ihn regungslos am Boden liegen, lang ausgestreckt unter der gespenstischen Grimmigkeit der Bäume.! Indem sie so dastand und hilflos ins Dunkel starrte, schien der hohe Horizont sich zu erhellen. Im nächsten Augenblick breitete sich ein blasser Schein über ihn aus, und dann — langsam — ein rosiges und purpurnes Glühen. Der Wald oberhalb ihres Hauses, oben auf dem Hllgelkamm stand in Flammen. Immer noch stand sie hilflos schauend da. Die Feuersbrunst wuchs mit feierlichem, fernen Gepränge, griff immer weiter um sich und erfüllte den Osten. Nun brannte sicherlich schon das Haus — verbrannten die Tiere! Was war geschehen? Was war ihrem Sohn zugestoßen? ' Sie sank in die Knie. „O Gott!" schrie sie. „O Gott — Gott!" Ein Wagen näherte sich in rasender Fahrt. Sie raffte sich auf. Der Baron, der nach Hause jagte. Einen Augenblick zuckte der Gedanke durch ihr schwindelndes Gehirn, daß die alte Käthe sich vielleicht geirrt habe! Vielleicht würde sie Isaak in Sicherheit neben dem Kutscher sitzen sehen! ,^)alt", rief sie aus und rannte den Pferden entgegen. „Halt!" Der Kutscher, der allein auf dem Bock saß, brachte die Pferde mit einen! heftigen Ruck zum Stehen. Durch das Trappeln und Klirren von Pferden und Geschirr ertöirte aus dem Fenster die Stimme des Barons. „Oh, Herr Baron! — Der Wald — Isaak — Isaak — das Haus —" war alles, was dis Witwe hervorzubringen vermochte. „Was? Isaak?" rief die Baronin. Der Baron stieß den Wagenschlag auf. „Steigen Sie ein, Frau Quint", sagte er. „Auf dem kleinen Rücksitz ist Platz. Schnell! Wir haben keine Zeit zu verlieren. Wir fahren ins Dorf hinunter, um Hilfe zu holen." Während der Wagen durch die Dunkelheit dahinflog, gewann die Witwe genug Ruhe und Atem zurück, um ihren Verdacht und ihre Befürchtungen hervorzukeuchen. In abgerissenen Worten erzählte sie von Tom Bunsings Missetaten und Drohungen. „Und wenn Isaak zu Schaden gekommen ist — und das ist er sicherlich — dann bin ich daran schuld, Herr Baroni" . Sie brach in Tränen aus. Das greise Ehepaar hatte ihr voller Besorgnis und Mitgefühl zugehört. „Ja, meinen Sie", sagte die Baronin sanft und ergriff ihre Hand. „Nun, wir werden ja tu wenigen Minuten hören", erwiderte dec Baron. Der Wagen rasselte schon durch die Dorfstraße, die voller Stimmen und hastender Menschen war. Plötzlich blieben die Pferde stehen. „Das ist Baßet!" rief der Baron. „Hier, Baßet — wie ist es mit Isaak Quint?" Ist er in Sicherheit?" „Sicher genug!" gab der Oberförster erregt zurück. „Keine Gefahr, daß der oben im Walde ist, Herr Baron! Das besoffene Schwein ist hier im Wirtshaus — viel zu betrunken, um sich zu rühren!" Mit einem Schrei, der das Geraffel der Sprttzenwagen übergellte, sprang die Witwe aus dem schützenden Wagen heraus. „Herr Baron, er lügt — er lügt!" rief sie aus und rannte ins Wirtshaus hinein. Die andern folgten ihr. Auf einer Bank an der Wand faß Isaak, starrte blöde geradeaus und versuchte, zur Besinnung zu kommen. Fünf bis sechs andere Männer, einschließlich Tom Bunsing, standen neben ihm an einem mit Gläsern bedeckten Tisch. Beim Anblick seiner bleichen, verzweifelten Mutter schien der Blick des jungen Försters sich zu klären, und er stützte sich gegen die Wand. „Allmächtiger Gott! Was ist geschehen?" rief die Witwe entsetzt. Isaak antwortete nicht. Er machte einen Versuch, sich zu besinnen. Als er den Brief seiner Mutter erhielt, hatte er den Baron um Erlaubnis gebeten, sofort heimzukehren, aber statt sich mit Baßet zu beraten, war er in den Wald geeilt, um nach Bunsing zu suchen und sich seines Schweigens zu vergewissern. Er fand den Wilddieb und bekam dessen Ultimatum zu hören: Herausgabe des Netzes vor acht Uhr, odek Aufklärung der Witwe über das Geheimnis ihres Sohnes. Umsonst hatte er seine Machtlosigkeit vorgeschützt. Der ebenso verzweifelte Vun- sing hatte ihm mit der für den Sohn der Kranken völlig neuen Mitteilung geantwortet, daß Frau Quint ihrer Nachbarin Küthe ein Herzleiden eingestanden hübe, von deui^ diese Frau Brodel im Vertrauen erzählt hätte. „Und ein plötzlicher Schreck kann ihr das Leben kosten", sagte Bunsing bedeutsam. Isaak, der wohl wußte, daß ein Appell an seine Mutter' fruchtlos gewesen wäre, war ganz zusammengebrochen, hatte den andern angefleht, wenigstens bis zum nächsten Morgen zu warten, und war dann durch Gestrüpp und Dickicht davongestürmt, um sein Elend im Wirtshaus zu ersäufen. Kaum sah sich Tom Bunsing allein an der Stelle, wo der Beweis seiner Schuld versteckt liegen mußte, als er auch schon Feuer an ein gefährlich zur Hand liegendes Bündel Reisig legte. Dann entfloh auch er, entleerte seine Tasche, damit keine Patronen bei ihm gefunden werden konnten —daher die Entladungen — und eilte querfeldein nach dem Wirtshaus, um dort von aller Welt gesehen zu werden. Diesen Vorfall wollte er sich als Warnung dienen lassen und nahm sich vor, nie wieder zu Wilddieben. „Ich bin ganz wohl — ganz gesund", stammelte Isaak. „Isaak, wie kommt es, daß du betrunken bist?" jammerte seine Mutter. „Warunt hast du Baßet nicht gewarnt? Warum ist Tom Bunsing hier? Weißt du nicht, daß der Wald brennt?" „Der Wald brennt!" schrie Isaak und fuhr taumelnd empor. „Das sagten sie — und ich dachte, sie machten Spaß!" Er blickte suchend um sich. „Du, Bunsing, das hast du getan!" „Ja, du hast' es getan!" wiederholte die Witwe und sank, nach Atem ringend, zurück. Starke Arme fingen sie auf und ließen sie aus einen Stuhl nieder. „Herr Baron, er hat es getan! Tom Bunsing — der Wilddieb!" „Ich?" rief Tom aus. „Oder war es Isaak Quint, der betrunkene Förster? — Isaak Quint, der sich jeden Abend im Wald betrinkt und seine Schnapsflaschen da oben in hohlen Bäumen verwahrt? — Quint, der betrunkenste Trunkenbold im ganzen Dorf, wie jeder, der hier ist, weiß — außer feiner alten Närrin von Mutter!" „Schwelg!" sagte der Baron mit furchtbarer Stimme. Die Witwe starrte um sich und las Bestätigung in allen Gesichtern. Die unbestimmten Gefahren und Warnungen, die sie den ganzen Tag über dumpf umgrollt hatten, nahmen mit einemmal feste Gestalt an. Indem sie ihren Sohn ansah, trat ein Ausdruck in ihre Augen, den keiner, der ihn gesehen hatte, jemals vergessen hat. Ihr Kopf neigte sich: sie fiel vornüber und sank niedergeschmettert zu Baden. Sie hoben sie sofort auf, und der Doktor war gleich zur Stelle denn das ganze Dorf hatte sich in oder um das Wirtshaus versammel! — und tat alles, was getan werden konnte. Mit einem Schrei, besten Schall in der Stille kein Ende zu nehmen schien, war Isaak neben oe Leiche in die Knie gesunken. „ . Die Polizei war int Zimmer und drängte die Menge zurück., Drau st c setzten die ländlichen Feuerwehrleute ihre nutzlosen Vorbereitutkgsn so Der ferne Himmel stand in lodernden Flamme?!. * - ,. Der Arzt ließ achselzuckend von seinen Bemühungen ab. „Verhaften Sie diese beiden Männer", sagte der Polizeiinspektor i • . Isaak bot beide Arme für die Handschellen dar, und über Ml Qual in seinem Gesicht glitt etwas rote ein schwacher Hoffnungsstrat^__, die Spannung nicht mehr zu ertragen. Sie ging in die Dunkelheit hinaus und begann, ihm, erschöpft wie sie war, auf der Landstraße entgegenzuwandern. Plötzlich nahm eine dumpfe Besorgnis von ihr Besitz: die Angst vor einer herannahenden Katastrophe. Sie fühlte, daß sie mit einem menschlichen Wesen sprechen, eine menschliche Stimme hören mußte, und schleppte sich den Berg hinunter. Im Chausseehäuschen würde sie erfahren, ob dort jemand vorübergekommen war. „Ja," sagte Käthe, „der Baron ist im Halbwagen nach Rodwell hinübergefahren, mit Isaak auf dem Bock, neben dem Kutscher. Der Baron „Schuld?" wiederholte der Baron. „Nein, das Wort paßt nicht Sie haben edel gehandelt, in Einklang mit Ihrem ganzen rechtschaffenen Leben." Beide gaben schweigend zu, daß ihre Angst durchaus begründet sei. Es würde nicht das erste- und auch nicht das letztemal sein, daß ein Wald angezündet wurde, um das Verbrechen eines Wilddiebs zu ver- hehlen. Der Baron seufzte. „Bis jetzt ist noch nichts sicher", sagte er. „Isaak ist Ihnen immer ein bewundernswerter Sohn gewesen. Kein Wunder daß Sie sich um ihn ängstigen. Aber er wird hoffentlich lebendig und gesund sein!"