Samstag, -en 5. März Hummer 18 Zrhrgaug (928 SieheimKmilienblättek Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Die GoliK. Von Karl I m m e r ni a n n. Es geht ein Fächeln Auflösend über das Erdenrund; Mit süßem, frischem, mildem Lächeln Beschwören sie den neuen Bund. Die alten Jubelklänge dehnen Läch aus in feierliche Weisen; Die Steine selbst ergreift ein Sehnen, Zum Hammel leicht emporzureisen. Die Pforte reckt sich auf als Bogengang, Um droben zu vernehnien hold Gerüchte; Die kurze Säule wächst zum Pfeiler schlank Und trägt, ein Baum, granitne Blum' und Früchte. Dis himmlische und die irdische Liebe. Bon Else A r n h e m. Am Fondcico de Tedeschi ragte ein hohes Gerüst in den blauen Himmel Aenedigs, und jeder Tag, der die Königin der Adria übersonnte, sand zwei Männer auf den schmalen Laufbrettern, einen alten und einen jungen, die mit Farbeimern und Pinseln sich an der Fassade des steinernen Baus zu schaffen machten uni> die graue Flüche in blühendes Farbl.rnd verwandelte!!, mit Figuren und Arabesken schmückten, als wäre das nur ein Kinderspiel, so leicht und sicher ging ihnen die Arbeit von der Hand. Und dennoch brauchte es Monate, ehe sie ihr „fertig" darunter setzen niochten, und wenn auch der Alt« schon mehr als einmal mahnte, „las; es genug sein, Tiziano," so hatte doch der Jüngere immer noch etwas zu bessern. Fast hätte man meinen können, er wäre der Lleliere und Bedäch- ligere, malte er doch langsamer als sein Meister, und oftmals kletterte er behende von dem hohen Gerüst auf die Straße hinab, um sich die Wirkung seiner Farben aus der Ferne anzusehen. Die Farbe, das war es, was ihn gepackt hatte. Nicht genug wollt« sie leuchten, und am 'Abend in der Werkstatt saß er oft stundenlang, rieb und mischte die Farben, suchte noch Bindomitteln, di« den Glanz erhöht«», und war überglücklich, wenn ihm eine neue Zusammenstellung gelang, die er auf Stein und Leinwand mit breitem Pinselstrich ausprobierte. Tiziano Vecellio kannte kein Genug, ehe nicht das erreicht war, was ihm vorschwebte, und das war immer nur Schönheit und Harmonie; mochten sich ihm di« Ding« noch so widerhaarig entgegenstellen/ er bog sie um, verwandelte sie und schuf sie schöil und gut. Wenn dann der Meister Giorgione den Kopf schüttelt« und sagte: „Wie kannst du sie so malen, sie sind doch nicht so", antwortete er fröhlich: „So könnten sie aber sein." Und wenn die Farben sinnenfreudig auf- blühien unter den Händen bes Jungen, stand wieder der Alte dabei uni) wunderte sich: „Du schwelgst in Schwüle, Tiziano, man könnte Furcht haben vor dem Zauber deiner Farben, und wenn du zum End« kommst, leuchtet alles wie verklärt." Tiziano wußte nicht, wie er das machte, es kam alles von selbst, er brauchte ja nur hinzstsehen, und die 'Natur war ihm verklärt und die Menschen und auch die Gestalten, die sein« Phantasie schauten. Als er, fast noch ein Knabe, zu Giorgione gekommen war, hatte er schon Werke geschaffen, wie den Zinsgroschen, das Altarbild in Sairta Maria della Salute und die schönen Madonnen. Noch war er kein Eigener, der Einfluß des Meisters gestaltete das Vorbild und die Komposition, aber in der Wiedergabe der Farbe wuchs er schon über Giorgione hinaus, er fühlte das, und es feuerte ihn an, selbständiger zu werden. So kam zuweilen etwas Eigenwilliges Über ihn, und Meister Giorgione hatte das gerade bei der gemeinsamen Arbeit am Fondaco de Tedeschi sehr ost spüren und tadeln müssen. „Morgen wird bas Gerüst abgebrochen", sagte er zu dem jungen Gehilfen und stieg die Leiter hinab. Tiziano murrte, aber der Alte ließ seine Einwendungen nicht gelten. „Unser Werk ist gelungen, komm herab, Tiziano, jeder weitere Strich verdirbt es." Aber der junge, kräftige Mensch auf dem Gerüst achtete nicht auf den Mit, und nun gab es einen heftigen Wortwechsel. Lachend blieben die Leute stehen, und ein junger Patriziersohn, der den Meister Giorgione kannte, meinte spöttelnd: „Mir scheint, Euer Tiziano hat ben Gehorsam gegen das 'Alter noch nicht gelernt. Das kommt davon, wenn Ihr ihm zuviel Freiheit laßt, Meister." „Holla, lieber Herr, die Freiheit ist des Künstlers gutes Vorrecht", tief Tiziano von seiner luftigen Höhe herab und spritzt« einen dicken, vollgefüllten Pinsel über dem Kopf des Sprechers aus, mit einer Betvegung, die fast unbeabsichtigt schien und doch so wohl gezielt war, daß ein paar feuerrote Bäche über das Seidenwams des Herrensöhnchens rannen, der puterrot vor Zorn au lies und gleich nach dem Degen griff. Das gemeine Volk, das gaffend umherstand und gern laut gelacht hätte, verhielt den Atem bei dieser ritterlichen Gest«, die stets imponierte. Der Degen, das Vorrecht des Hochgeborenen, verschaffte Respekt, aber Tiziano, der Unbekümmerte, war weit davon entfernt, Achtung vor einem Ding aus Stahl und Gold zu haben, das in der Hand dieses schmächtigen Menschleins in Samt und Seide ein Nichts wog. Mit seinen Farbeimern und Pinseln stieg er die Leiter hinab und stellte sich breit vor den Zornigen, der mit seinem Degen bedrohlich fuchtelte, ohne einen Angriff zu wagen. „Steckt ihn ruhig in die Scheide", sagte Tiziano, „ober wollt Ihr, daß ich mit meinem längsten Pinsel sekundiere? Das ist wahrlich keine schlechte Waffe, Herr, und es wird einmal eine Zeit kommen, da Tizians Pinsel' Weltruf hat." Spruchs, und wollte seinem Meistet folgen, der Händel nicht liebend, vorangsgangen war. Aoer da rief ihn ein Diener an und flüsterte ihm etwas ins Ohr, und diese Meldung setzte Tiziano so in Verlegenheit, daß er nicht gleich antworten tonnte? ,,3d) soll ... Diomio ... Das ist nicht möglich! Signora Raffaela wünscht mich zu sprechen, sagst du? Du siehst selbst, lieber Freund, daß ich nicht von der Arbeit zu einer Dame gehen kann, aber sage deiner Herrin, Tiziano würde in einer Stunde bei ihr fein." Der Diener ging, und sofort sprang der junge Patrizier dem enteilenden Maler nach. „Das war Signora Raffaelas Diener", zischte er böse, „was wollte er?" „Nichts, das Euch ein Recht gibt, mich danach auszuforschen," erwiderte Tiziano stolz und schritt eilig davon. Der andere blieb zurück mit gefurchte!» Gesicht. „Verwünschter Farbenkleckser", fluchte er, ,/bu sollst noch an mich erinnert werden." In später Abendstunde kam Tiziano heim. Giorgione, bei dem er wohnt«, hört« ihn in seiner Kammer fingen und rumoren und wunderte sich. Glücklich war der Junge, was wußte der Alte von diesem Glück? Raffaela, die schöne Raffaela, zu deren Balkon er von seinem Gerüst so viel hinübergeschaut, die er im stillen anbetete, hatte ihm ihre Gunst geschenkt. Nun mochte man das Gerüst abbrechen, er hatte es nicht mehr nötig, di« Tür des Palazzos stand ihm offen. Sage vergingen und Wochen, und der junge Tiziano blühte auf, wurde fast männlich in seinem Gehaben und reifte sichtlich in seiner Kunst. Meister Giorgione staunt« und schwieg. Der Erfahrene glaubte zu ahnen, durch welchs Erlebnis fein Schüler ging, und hütete sich, in sein Geheimnis mit Fragen einzudringen. Aber als man es ihm zutrug, wo Tiziano feine Abende berbrachte, erschrak er. Raffaela? Er kannte die wtolze und Wankelmütige, sie würde eines Tages des jungen Tiziano überdrüssig sein und ihn entlassen, wie einen Diener. Seitdem zitterte der ulke Giorgione vor diesem Augenblick. Und er tarn, früher als der Meister geglaubt hatte. Still und totenblaß kehrte sein Lieblingsschüler eines Abends heim und ging gleich hinauf in sein« Kammer. Dort blieb alles stumm, wie ausgestorben, und wie der Alte auch lauscht« und fast sehnsüchtig auf ein Geräusch, auf einen heftigen Ausbruch des jungen, getäuschten Menschen wartete, nichts geschah. Da ging er selbst hinauf, öffnete leise die Tür und trat ein. In einem Stuhl in der dunkelsten Ecke des Raumes saß Tiziano, den ver- wühlten, blonden Kopf in den Händen vergraben, reglos, kaum, bah er atmete. „Tiziano!" Keine Antwort. — „Tiziano — hörst du mich?" „Ja, Meister, was wünscht Ihr?" fragte eine tonlose Stimme ans dem Dunkel. „Mir ist eben ein Gedanke für ein neues Bild gekommen", antwortete Giorgione, „aber du musst mir dabei helfen, der Gedanke ist mir noch nicht ganz klar. Hörst du zu, Tiziano?" „Ja, ich höre Meister." „Eine Allegorie soll es werden, die Liebe des Künstlers zur Kunst, di« einzige Liebe, die den Künstler glücklich machen kann, verstehst du mich?" Der andere schwieg. Ader seine Gestalt hatte sich aufgereckt. So saß er lange, und der Krampf in feinem Gesicht und in feinen Händen löste sich. Giorgione fühlte es mehr, als daß er es sah. „Ueberbenfe es dir heute Nacht," sagte er, „vielleicht kannst du mir schon morgen deine Vorschläge sagen." Und leis« verließ der Alte die Kammer. In dieser Nacht schlief Tiziano nicht mehr. Bei einer Kerze arbeitete er bis zuist Morgengrauen. Ein großer, mit Leinwand bespannter Rahmen stand vor ihm und bedeckte sich unter seinem Pinsel, der so groß war wie ein Birkenbesen, mit einer festen Farbunterlage. Sie trocknete rasch, und nun strich er mit einem schwer mit Farbe beladenen Pinsel in resoluten Strichen darüber hin und gab die Umrisse zweier Gestalten an, die auf einem Brunnenrande saßen. Mit roter Pozzudierde wischte er die Halbtöne hinein, setzt« mit Weiß die Lichter ein und modellierte die Körper mit einem Pinsel, den er abwechselnd in Rot, Schwarz und Gelb tauchte. Als di« Glocken zur Frühmesse läuteten, legte er den Pinsel fort v.nb drehte den Rahmen gegen die Wand. Im Purpurleuchten der Morgensonne stand er am Fenster und sah über Venedigs Dächer zum blauen Streifen der Adria hinüber und atmete in vollen Zügen die frische Lust ein, die auch die letzte Spannung von ihm nahm. Raffaela hatte ihn mit dem eitlen Lassen, dem jungen Patrizier betrogen, pah ... Was kümmerte ihn das noch? Giorgione hatte recht, der Künstler soll nur eine Liebe haben, die Liebe zur Kunst, die himmlische Liebe. Und bietet sich ihm die irdische Liebe, so soll er sie dankbar annehmen, aber nicht sein Herz an sie hängen. So dachte der junge Tiziano, und als Giorgione zu ihm hinauskam, nahm er ihn bei der Hand, stellte die Leinwand vor ihm ans und lächelte froh: „Da seht, Meister, ob Ihr mit der Komposition zufrieden seid. Die himmlische und die irdische Liebe soll das Werk heißen. Ich denke, in einem Jahre werde ich damit fertig sein/' Erlebnis und Erinnerung. Von Rudolf Großmann. Wenn ich mit Pinsel oder Stift ein Erlebnis schildere, dann ist die Landschaft, der Mensch oder was ich erlebe, was von mir „erlöst" fein will, meist gegenwärtig, oft mir so eindringlich nah, daß es Mühe machtz Distanz zu gewinnen, Abstand zur Versachlichung, zur Ver„bild"lichung. Wenn ich aus der Erinnerung mit Worten schildere, umreiße, dann steht das Erlebte um so lebendiger, saftiger, farbiger vor meinem Jnnenblick, je verstaubter es war, je ferner es zurückliegt. Es ist wie mit dem Altwerden. Dies käme als solches von sich aus gar nicht zum Bewußtsein, denn es hat ja trotz allem Verfall (auch dies ist ja schon ein bloßer Vergleich mit früheren muskulöseren Tatbeständen), trotz allem „Wenigerwerden" seine eigene Gesundheit, Wirklichkeit, gewissermaßen seine nur ihm eigentümliche Blüte, ist ein eigengesetzlicher Seinszustand. Nur die vergleichende, abschätzende, Gegensatz schaffende Erinnerung an die Jugend läßt es als Mindersein, als „Un- jugend" erscheinen. Und diese Erinnerung können wir bannen, vor allem kann dies der Schaffende. Bei ihm ist das Erlebnis in jedem Alter, jeder Seinsrunde ein Urphänomen, ganz isoliert, ganz erstmalig, frei von allen Zusammenhängen, Analogien, Erinnerungckschlacken, ein stetes Neusehen, Neukreißen. Er ist stets von neuem, bleibt Anfang, ewig Kind, Märchenfinder oder -erfinber. Doch haben die einzelnen Lederns- und Erlebnisphasen ihre besondere Lust- und Unlustbetonung, Bewertung nach Intensität und Qualität. Die Erinnerung färbt und gestaltet sie alsdann nach Maßgabe der wechselnden Wunschbildungen weiter um. Ain stärksten, reinsten, wirklichsten bleiben die Eindrücke der ersten Lebensphase, des ersten Kindseins. Alle Erstphasen, Kindheiten, sind, weil faktisch und unumgedeutet, von mythischer, metaphysischer Banalität, darum auch heute noch trotz allem „es gibt keine Kinder mehr" einander erschütternd gleich, lächerlich und rührend einfach. Dabei dem Erwachsenen, Entkindeten unbegreiflich, für ihn das unbekannteste, unentdeckteste, verschlossenste aller Seinsgebiete. Von diesem dunklen Land, in das kein Ahnen zurückglänzt, dieser versunkenen Welt, die wir nicht wissen, von dieser Kindheit — o wie beschämend für alles Hochgefühl der Erwachsenen, der erst Jun- gen, dann Reifen, bann Weisen — bestreiten wir unser vorgeblich so bedeutsames, so wichtiges, so einzigartiges Leben. Hier und dort blitzt ein engumriffenes Erinnerungsbild auf, ein Geschehnis, ein Gefühl von damals, ein Angstschrei oder eine Wonne von Eh meldet sich mit ganz anderer pochender Echtheit als alles, was wir seitdem durchkosteten und durchtobten. ' Manchmal würgt es mich doch, bas in Scheue angebetete Angsterlebnis meiner Kindheit, sein Gott-Teufel. Es war der erwachsene, der „große" Lausbub mit den Hosenträgern, ohne Wams, die Hemdsärmel offen. Der stand für mich an jeder dunklen Ecke, Tags und Abends, draußen und drinnen, ein immerwährendes Drohen, das Schreckbild der schweren Träume und täglich betete ich zu ihm. Er war einfach da; ehe man sich's versah, spürte man ihn wieder wie den Gestalt gewordenen bösen Zufall unausweichlich. Und so lernte ich früh die typische Unberechenbar- keit unseres Lebens, so wurde ich Fatalist. Und sonst was weiß ich — und nicht nur ich — vom ersten Jung sein, frühen Daseinsdurchpatschen anderes noch als den chronischen Durchfall mit „das darfst du nicht essen", Masern mit „bleib schön unter der Decke" und Schulschwänzendürsen als Gnadengeschenk? Daneben schmatzen wir freilich an dem süßen Schwindel von allerlei Goldigkeiten, die sich die Mutter gemerkt hat und die wir hochstaplerisch nachträglich fürs eigene Bewußtsein annektieren. Als verlorener Posten ober zufällig angespültes Stranbgut steht inmitten biefer dumpfen ober gestohlenen Masse zwischenbrin bas und jenes Uebriggebüebene, selbständig Erlebte, wirklich (Eingegrabene. Durch die klirrende demantene Schürfe der Kontur hebt es sich heraus, beweist es sich, unheimlich in seiner Vereinzelung, sonderbar stark, bildhaft und stets lustbetont strahlt es in einer Art von verschollener paradiesischer unwiederbringlicher Entrücktheit! Ein schattiger Waldabhang. Die Mutter führte mich zum Spielen hin, mich und die Schwester. — Noch sehe ich jeden Strauch vor mir, jede Blume — die kleinen grünlichen Käfer, die ich so gern hatte. Wo er eigentlich lag, wie wir dahinkamen, das weiß ich alles nicht mehr, ist unergründlich unauffindbar unter die Erinnerung getaucht, aber bas Bild jelbft ist gerabe durch diese Isoliertheit um so brennender ihr einguprägt. Sann steht mir noch deutlich norm Auge bas kleine Häuschen meines Großvaters, der Weinberg, bie Weinlese und jodelnde Tanten. -Damals stieg ich, auch bas weiß ich noch, einmal auf den kleinen Berg der Stabt und plötzlich sah ich zum ersten Male wie ein Wunber mit bem Staunen her Erstmaligkeit, dem schöpferischen Staunen, wie winzig die Leute unten waren, wie kribbelnd und komisch, und ich zeichnete zu House u:efe Wellenlinie als Berg, und viel später in meinen frühesten .Aanerungen kam es wieder, dies Gewusel von Pygmäen, und ich stopfte sie in kleine Häuschen hinein, in eine Art Laubenkolonie. Dem kleinen Jungen werden die Gegenstände, wird jeder Stuhl, jede Lampe, jeder Säbel zu kleinen, lieb-bösen Fetischen, und die leben bann mit ihm, erwecken Furcht ober Zuneigung, sind so unbegreiflich wie die großen Leute ober nett nah und verständlich wie andere Kinder, sie springen mit herum, gehen mit schlafen, überhaupt: machen mit. Dabei haben diese Eindrücke, diese Erfahrungen des Wachbewuhtseins oft die gleiche Stärke, Wucht, grausige Wirklichkeit, wie die NachtfräUine von Kindsmügden mit langen, wackllgen Hälsen und noch längeren, nach uns greifenden Armen, schwarzen Vögeln, die ins Zimmer fliegen, jetzt nur einer, ein ganz grausiger, dann viele, viele, viele, man kann schon kaum mehr atmen, ober ben furchtbaren Irrgarten, wo jeder Weg, jede Wendung tiefer hineinführt, wo das Kind sich hilflos verliert und weiß, es findet nicht mehr heraus. Ich kannte als Kind mir verständlich und doch weiblich, nah und umworben nur das Schwesterchen. (Die großen Frauen von der Mutter an waren ganz was anderes, kamen hier nicht in Betracht.) Als Jüngling ringt man dann voll pathetischen Erglühens im keuschen Schweiß der ersten Siebe um „bas" Weib — später bröckelten bann die Postamente, und der Liebesheld der parzifalischen Pubertät erzieht ober erkühlt sich immer mehr zum skeptisch gleichgültigen Beobachter. Die Weltanschauung, die man fertig unbedenklich und fleckenlos von zu Haus im Segeltuch- köfferchen mitbrachte, reicht nicht mehr, sie wird zu eng, bekommt Risse und Schrunden. Der himmelerstürmende, ewigkeitssüchtige Ferndrang wird nun alsbald als ein recht erdnaher, Verwirklichung heischender Trieb erkannt, als eine Unvermeidlichkeit nicht recht bequem, aber vorhanden und fordernd, eine Art Geburtsfehler, dem man Rechnung tragen muß in feiner Unersättlichkeit nach Erhöhung um bas Ich. Und so geht es weiter auf der Erlebnisschaukel, ein ganzes singendes, ringendes — und mißlingendes Leben hindurch: Im Grunde ist es dieselbe Schaukel wie bie, die uns in der Kindheit himmelhoch jauchzen und zu Tode betrübt sein ließ. Aber irgend etwas in alledem feuert uns an, treibt uns weiter, ftehi als Geißel über, schwebt als Fatamorgcma vor uns, etwas, bas zur Gestaltung drängt, bas ben Erlebnissen ihren besonderen Schimmer und Schauer gibt, sie zwingt, aus uns herauszutreten, Form zu werben, das die mannigfaltig flatternden und schwingenden Reflexe des Lebens von der Schaukel aus wie in einem Spiegel zu fangen weiß und sie so stabilisiert, verfelbftänbigt, daß sie uns nicht mehr erregen, bedrücken oder bedrängen, daß man sie vergessen kann. Zrvr chen Sumpf und Valmar. Ein Bild aus dem Gran Lhasa. Bon Hans Krieg. Vorsichtig treten die Maultiere über die abgefallenen Palmblätter, die an ihren Stielen böse Dornen haben, steigen geschickt über bie Paim- stämme, die kaum sichtbar im hohen Grase liegen, schrecken hie und da ein wenig vor dem Schatten eines Termitenhügels, spielen mit den Ohren und schütteln die Köpfe, wenn die Mosquitos es gar zu bunt treiben. Eintönig ist der Palmar. Die Goldhalsspechte interessieren uns nicht mehr, bie familienweise von Palme zu Palme fliegen, wippend, lockend und lachend. Die Amazonenpapageien langweilen uns mit ihrem Geschrei und kaum beachten mir bie stacheligen Echsen, bie an den Stämmen in der Sonne sitzen. Es ist ein schwüler Sommernachmittag. Nur selten raschelt ein leiser Windhauch in den Kronen der Wachspalmen. Die Stechmücken sind h.'uie wie verrückt, die winzigen Polvorinas, die Mosquitos und d-ie großen Sancudos mit ihren schwarzweiß geringelten Beinen. Man denkt an kühle deutsche WäDer mit plätschernden Bächen. Es ist ganz schön hier, gewiß, und äußerst interessant. Aber es ist fremd und auf die Dauer nicht recht gemütlich. Man merkt in der Fremde am besten, wie sehr man ein Teil feiner Heimat ist. Ja, ganz schön ist cs hier, ganz schön; Palmen und Sonne und Papageien. Aber es ist eine Hitze von über vierzig Grad, und. die Stechmücken verderben einem die ganze Freude. Sie sind wie ein Albdruck, fesseln und peitschen zugleich. Der letzte Regen ist schuld. Es fing an, als wir vom Jndianerlager Atschilai wegritten. Damals beneidete ich die Indianer um die stoische Ruhe, mit welcher sie die Mücken auf ihren nackten Leibern totklatschten. Der große Palmbestanid wird allmählich offener, die einzelnen Palmen machen einen dürftigen, kranken Eindruck. Daran merkt man die Nähe des Salzsumpfes. Immer mcljr f Stämme stehen da, denen die Krone fehlt. Noch hundert Meter weiter — und man meint, zwischen Gruppen sinnlos hingestellter Telegraphenstairgen zu reiten; ein trostlos- lächerliches Bild. Statt der saft,g-grünen Halme bedecken derbe ’ grasgrüne Büsche von Stachelgras den Boden. Hier rückt der Salzsumpf vor und erwürgt wie eine unerbitklickx Seuche die alte Vegetation. Und mit ihm kommen die unansehnlichen Pflanzen, welche ben salzgeschwännerien Boden lieben, und bedecken in fleckigen Rasen und niederen Ranken dos vergiftete Erdreich. Vor uns breitet sich, flach wie ein Teller, die weite Ebene des Sali- trals. Zur Zeit liegt sie trocken, doch zeigen bie sonngebleichten Gehäuse einiger in der Salzlake degenerierter Ampullariaschnecken, daß zeitweise hier Wasser steht. Manche Stellen sind ganz ohne Vegetation und nm einem feinem weißlichen Salzhauch bedeckt, wie mit Rauhreif. Dazwischen stehen Platten von Stachelgras, und weite Strecken sind» bedeckt mit einer genügsamen Sekkulente, die man bas Jndianersalz nennt, weilen Tobas bie zerstoßenen Blätter zum Salzen ihrer Suppen verwenden. Kaut man ein Stück biefer Pflanze, so ist es, als hätte man reines Saiz im Munbe. Rechts brüben steht ber hübsche Galeriewald am Horizont. Don haben wir schon Mazarnahirsche gejagt. Von ihm aus ziehen in Schlüte" unb Zacken Streifen von gelblichgrünem Buschwerk in ben Balitral >M ein, ein bichtes Gestrüpp aus salzliebenden Sträuchern. Dazwischen stehen tote Bäume, von weißgrünen Flechten bedeckt, die in traurigen Fetzen von den starren Steffen hängen. Vor uns im Norden erscheinen wieder Süßgräser und junge Palmen. Vis dorthin rückt bei Hochwasser die große Sumpflagune vor, deren Wasser trinkbar ift, wenn es auch jauchig nach Faulschlamm schmeckt. S>e ist der Feind im Rücken des südwärts dringenden Salitrals. Es wogt hier ein stiller, wechselnder Kampf, ein Kampf ohne Haß und Wut, aber mit der glatten, selbstverständlichen Unerbittlichkeit aller Naturvorgänge. Wir traben jetzt still dort hinüber, wo der gelbrote Saum des trockenen Sch.Iss sich kilometerbreit um die unsichtbare, fast ausgetrockuete Süßwasserlagune legt. Dort müssen die klobigen Sumpfhirsche leben, denn solche Landschaft ist ihr rechtes Reich. Am Schilfrand reiten wir entlang auf grünem Rasen. Links beginnt ein stattlicher Palmar, rechts breitet sich das gelbrote Ried. Ein schwarzer Adler kreist über uns und schreit. Versteckte Wasserhühner gluckten leise im Schilf. Weit, weit im Nordwesten steht eine dunkle Rauchwand. Vielleicht sind dort Indianer auf der Jagd und treiben mit Feuer das Wild. Die Mosquitos fingen, fingen ihr böses Lied zu Hunderten, zu Tausenden. Man tötet sie dutzendweise im Nacken, im Gesicht und auf den Händen, ohnmächtig gegen sie, wie in einer blödsinnigen Psychose. Man haßt sie, obgleich sie doch nur ihrem Naturtrieb folgen, und der Hatz findet keine Lösung, keine Entspannung. Ruhig, ruhig, es nützt ja nichts! Ein roter Fleck steht im grünen Grafe. Mitten zwischen Palmwald und Sumpf. „Ciervo!" zischt einer von uns, und alle parieren ihre Mukas. Dann reiten wir langsam näher; der Wind ist gut. Ein Schmal- lier vom Su.mpfhirsch äst sich dort, fast so groß, wie ein jähriges Kreolenrind. Zweihundert Meter davor stiegen wir ab. Einer führt die drei Maultiere zwischen die Palmen. Dann pirschen T. und ich uns auf fünfzig Meter heran. Es wäre leicht, wenn die Mücken nicht wären. Die schwitzende Haut zieht sie an, und die langsame Bewegung macht ihnen den'Angriff leicht. „Sie sind wütend auf uns, weil wir das schöne Schmaltier töten wollen", geht es mir durch den Kopf. „Sie sind eins mit dem Schmaltier, und wir sind Fremde, wir sind hergelaufene Kerle. Alle helfen zusammen gegen uns. Sie haben recht, aber wir dürfen es nicht zugeben, müssen weitermachen, als wüßten wir nicht, daß sie recht haben." Drüben sehe ich T. seinen Winchester hochnehmen. Er hat den ersten Schuß. Das Schmaltier wirft auf; es äugt herüber und spreizt weit seine meißgesütterten Lauscher. Dann wechselt es dem Röhricht zu. Da gellt der Schuß. Bauchschuß, spitz von hinten. Es wendet sich uns zu, unfähig zu entscheiden, wo der Feind steht, macht ein paar plumpe, lange Fluchten, wie sie den Sumpfhirfchen eigen sind, und stürzt mit tödlichem Halsschutz aus meinem kleinkalibrigen Mannlicher. Es war eine leichte Jagd auf ein vertrauensseliges Tier. Ich schäme mich. Es ist eine Art Katerstimmung, wie ich sie schon des öfteren hatte in ähnlichen Fällen. Vom Schmaltier nehmen wir nur Kopf, Decke und Keulen mit. Der Rest bleibt den Füchsen oder dem Jaguar und den Geiern. Die Beute ist zu schwer, als daß wir sie ganz mirnehmen können. Bei der hastigen Arbeit hüllen uns die Mosquitos in eine singende Wolke. Immer wieder fährt die blutige Hand übers Gesicht, um sie wenigstens von den Augen zu vertreiben. Zehn Minuten später entkommt uns ein starker Hirsch in der Dämmerung zwischen den Palmen. Ob er sich freut? Ich fürchte, nein. Er ist in Sicherheit und denkt nicht weiter nach. Schade, daß ihm das i echte Verständnis sehlt, und daß er sich nicht freuen kann. Schon hält der Mond dem sinkenden Tag die Waage. Wir wenden die Tiere zum nächtlichen Heimritt. Die Reiher schnarren an der Lagune. Die Mosquitos fingen und saugen schlimmer als je. Auch die Maultiere werden ausgeregt, schütteln heftig mit schlappen Ohrels die Köpfe als wollten sie die Zaumzeuge von sich schleudern, und das Spiel ihrer Schweife kommt keinen Augenblick zur Ruhe. Der leichte Abendwind hat aufgehört. Kühles Mondlicht stießt über die schwüle Landschaft. Kein Hälmchen regt sich, kein Palmblatt raschelt. Nur um die Füße der Mulas rauscht das Gras, und die hurtigen Hufe klopfen dumpf und leise den Boden. Wir durchreiten das trockene Bett eines Flußlaufes, finden eine Lücke im Galeriewald und schwenken trabend »ach^ Süden. Nachtschwalben gaukeln, ein Flug Nimmersatte schreckt vom Schlafbaum, und auf einem einsamen Palmstamm, dem die Krone fehlt, steht die Silhouette eines Rabengeiers. Die dunklen Schatten find wie gähnende Löcher. Ab und zu ertönt ein halblauter Fluch über die Stechmücken, oder ein Zündholz flammt auf, wenn einer feine Pfeife ansteckt. So reiten wir heimwärts. Heimwärts? Sie Heimat ist weit. Wälder, Prärien und Meere, und dahinter irgendwo Deutschland. „Es waren zwei KönigsMndsr". Novelle von Theodor Storm. (Fortsetzung.) 2n fein Notizbuch, das er mir eines Tages aus geschlagen in die Hand drückte, Hütte er das alles deutsch und französisch durcheinander hingeschrieben: ,Sa robe flottante rösonna comme une liarpe eolienne1)! Und wie ich den fchöir geformten Arm an meinem Herzen fühlte! Es zitterte mir ins Gehirn hinaus, und alles Denken wurde ausgelöscht. Wenn ich nur wüßte, ob sie gleicherweis empfunden hat!" Es stand noch mehr in diesem Büchleins Am 2. Mai. Ich habe sie geküßt! Es ist zwar nicht zu glauben; aber es ist dennoch wahr. »Wie kannst mi nur so lieb habe?" sagte sie. »Weshalb nicht? Bist du nicht das süßeste Geschöpf zum Lieb- Haben?" »Ach, i weih ja, i bin ja gar net schön!" »Da nahm ich das liebe Wesen und hielt es ein wenig von mir und sah sie an; ich hatte selbst noch nicht daran gedacht: Nein, Linele — ihre Augen schienen von meinen Lippen lesen zu wollen — 1 »Ihr wallendes Kleid tönte wider wie eine Aevlsharfe." schön bist du wohl nicht; aber weißt du, was hübsch ist? Ich glaub', Linele, du bist wunderhübsch!" „Sie blickte mich ganz verworren an: ,Was sagst, Adolf? Des verstand i net."' „And das Gesichiel sah so reizend dabei aus." „Wenn ich es nur versteh', herztausiger Schatz!" rief ich fröhlich und küßte sie zunr zweitenmal. „Ja freiti, Adolf; aber jetzt sei brav; gelt?" „Wo ist das Ende? Je ne pourrai jamais la laisser2!“ Ader Dieie Liebe lieh ihn seine PsUcyt niemaie versäumen; wie eine Madonna erfüllte das Linele die Phantasie des Liebenden; sie war ihm Antrieb und Wächterin für alles Gute. So konnte denn auch der Handel den nächsten Freunden nicht verborgen bleiben; wenn wir auf sein Zimmer zur Versammlung kämen, unterließ wohl keiner, einen Blick aus dem Fenster zu werfen, ob sich nicht etwa drüben der unschuldige Mädchenkopf bei der Gardine vorbeuge. — — Es war Mitte Mai, und die Dämmerung war eben angebrochen, als ich mit Franz und Walter zu Marx ins Zimmer trat; er stand vor seiner offenen Schatulle und kramte in einem Pappkasten, in dem er allerlei Zierlichkeiten und Schnurrpfeifereien zu bewahren pflegte; durch das offene Fenster sahen wir drüben die weihe Gardine sich bewegen. „Was machst du, Marx?" fragte einer. „Ditte, tretet ein wenig leiser!" sagte er, „ihr sollt mir singen Helsen!" Dann nahm er drei kleine, mit Rosen bemalte Wachskerzen aus seinem Schatzkasten, zündete sie an und klebte sie vor dem offenen Fenster auf die Fensterbank, wo sie bei der Stille der Luft ruhig weiter brannten. „Was sind das siir Anstalten?" frug Walter. „Was sollen wir denn fingen? Ein Ave Maria?" Marx hob beschwichtigend seine Hand: „Setz' dich ans Klavier, Walter; ihr anderen stellt euch neben mich! — Es waren!" raunte er dann zu Walter hinüber. Wir mußten Bescheid; wir hatten seit unserer Sängerfahrt anher den „Tropfen von Sau“ noch andere Lieder gesungen und brauchten keine Noten. Bald standen wir an Marx' Seite vor dem Fenster, und in gedämpftem Tone klang das alte Lied in den Maien- abend hinaus: ~ Es waren zwei Königskinder,- Die hatten einander so lieb, Sie konnten beisammen nicht kommen, Das Wasser war viel zu tief. Ach, Liebster, kannst du schwimmen, So schwimm doch herüber zu mir; Drei Kerzchen will ich anzünden, Die sollen leuchten dir! Anferem Marx standen die dicken Tränen in den Augen, er war völlig „Oerturnt“3, wie wir zu sagen pflegten; er drückte uns allen krampfhaft die Hand und warf sich dann in eine Sofaecke; drüben aber halte die Gardine sich nicht , mehr geregt. Seit jenem Abenp Wurde „Es mären zwei Königskinder" für uns vier zum Signal; mir fangen oder pfiffen es, fei es, daß einer den anderen von der Gaffe aus zum Spaziergang herabrufen oder ihnen sonst nur von dort etwas nach feinem hohen Kämmerlein hinauf zu melden hatte. So gingen mehrere Monate hin; Marx mar von höchstem Fleiße und gewann eine Innerlichkeit des Vortrags, die ich ihm zuvor nicht zugetraut hatte. Zwar im technischen Klavierspiel hatte er, vielleicht infolge jener verfrühten Hebungen, mich schon lange überholt; er hatte begonnen, wenn wir allein waren, mir schmierige Sachen ohne Anstoß vorzuspielen; aber es mar mir mitunter schwer erträglich geworden, denn ich meinte zu fühlen, daß ihm etwas fehle, das mit dem Kern und Urquell aller Musik zufammenhing, was ich selber in mir trug, aber derzeit wegen mangelnder Technik nicht zum vollen Ausdruck bringen konnte. Bei der Reizbarkeit des Freundes wagte ich lange kein Wort darüber gegen ihn zu äußern; als ich mich später dennoch dazu überwand, gab er es freundlich zu; nur einmal Jagte er traurig: „Mais — cela restera, mon ami." Jetzt aber wurde alles anders; namentlich mit Chopin ging er in den tiefsten Abgrund. Wie oft faß ich ihm nun zur Seile am Klavier, nur bittend, daß er es noch einmal und noch zum drittenmal spiele; endlich aber, wenn von der Gasse herauf der Wächterruf dazwischen klang, sprang er plötzlich auf, raffte seine Noten zusammen, und mich umarmend, rief er: „Genug, lieb Herze; da ist der Zuberklaus! Wie freut's mich, daß du beut zufrieden warft!" Und ehe ich mich besonnen haste, mar er schon zur Tür hinaus; aber ich stieg doch langsam hintennach, um unten für ihn aufzufchließen. „Es waren zwei Königskinder!" hörte ich ihn dann noch einmal im Fortgehen auf der Gaffe pfeifen. Auch das wurde wieder anders, ober vielmehr es ging zurück; dieser glückliche Zustand, den ich in Gedanken „Linele" überschrieb, hörte auf. Wenn ich ihn bat, mir vorzuspieten, so hatte er immer einen anderen Grund, es abzulehnen, und wenn es einmal geschah, so war es nur das Spiel von früher. Seins Stunden und Sorte fangen besuchte er zwar, aber er tat alles ohne innere Teilnahme; in der „Drehorgel", wo er in den letzten Monaten am lebhaftesten die Register angezogen hakte, satz er jetzt schweigend mit gestütztem Kopf vor feinem Seidel. Ich sah das eine Zeit mit an; dann faßte ich einmal seine Hand: „Was ist dir, Marx? Du ipielft fett einiger Zeit wieder so seelenlos, so mie ein Automat — ja so, als hättest du dein Linele verloren!" Da fiel er mir um den Hals: „Ich hab' sie auch verloren!" Und nun erfuhr ich’5 denn; seit einigen Wochen hatte das Mädchen ben Fenstersitz vermieden; war sie einmal dagewesen, dann hatte sie feine ihr fo wohl verständlichen Aufforderungen zu neuen Zusammenkünften mit traurigem Kopfschütteln abgelehnt; in der letzten Woche war sie völlig unsichtbar geblieben. 2 „Ich werbe niemals von ihr lassen können." .5 Fassungslos. Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche UnibersitätS-Vuch« und Steindruckerei, D. Lange, Gießen. , einem Tische Platz nahm. Aber ich hatte das Bedürfnis, eine Weile mit normalen Atenschen zu verkehren, und bald auch waren wir in der lebhaftesten Unterhaltung über das letzte Konzert, über den Chorgesang, über die Modulationslehre, die hier ein halbes Jahr in Anspruch nahm. Ich muß gestehen, ich dachte nicht an Marx: da, während ich eben für Wagner eine Lanze brach, klopfte ein vorübergehender Bekannter mich leise aus die Schulter: „Du, mochtest du nicht mal nach Marx sehen?" Ich war aufgesprungen und fand ihn noch auf seinem Platze: er saß mit verglasten Augen vor seinem halbgeleerten Seidel, das er eine Handbreit in die Hohe hob, dann aber wieder, ohne es berührt zu haben, Nledersetzte; ich suchte vergebens mit ihm zu reden. Um Hilfe zu holen, ging ich wieder zu den Freunden, fand aber nur noch Walter; und uns gelang es, den fast Sinnlosen aufzurichten und den Weg nach Hause mit ihm einzuschlagen. Als wir bei der Stiftskirche vorbeikamen, entriß er sich uns plötzlich und warf sich auf die steinernen Stufen zum Haupteingange: „So müde, ich bin so müde," lallte er; „laßt mich, hier ist gut schlafen!" Damit streckte er sich und legte den Kopf auf seinen Arm. Da wir ihn vergebens aufzuziehen suchten, bat ich Walter: „Laß nur, ich will dich erst nach Haus begleiten; ich bringe ihn nachher schon fort!" Walter, der wegen seines Tantenquartiers nicht gerne spät nach Hause kam, nahm meinen Vorschlag an. Als ich nach einer Viertelstunde zurückkehrte, lag Marx noch ebenso; er schien in festen Schlaf versunken. Ich strich ihm das dunkle Haar aus dem Gesicht und neigte mich zu ihm. „Komm!" rief ich ihm ins Ohr; „du sollst in deinem Bett jetzt weiterschlafen, und wenn du willst, so bleib' ich bei dir!" Liber er schien es nicht zu hören; erst als ich ihn schüttelte, warf er sich herum und riß seine Schulter aus meiner Hand. „Laß mich, verfluchter Deutscher!'' schrie er. „Marx, Marx!" rief ich, „erkenne mich doch! Ich bin es ja, dein Freund, dein lieb Herze, dein nordischer Siebenschläfer!" Aber er stieß mit seinem Fuß nach mir, und als ich aussah, war die Schildwache, die in der Nähe vor einem öffentlichen Gebäude stand, herangetreten: „Se dürfet do koin so Lärm mache!" sagte der Soldat. Das Gesicht des Trunkenen verzog sich, als ob er etwa ein rostiges Pistol zu spannen habe: „Prussien!" schrie er die über ihm stehende i Wache- an: „dummer deutscher Söldling!" i Ich erschrak und hielt den Mann zurück, der ihn ergreifen wollte, i Von diesem französischen Feuer hatte ich nimmer etwas bei unserem i Freunde brennen sehen; noch in den letzten Ferien hatte er mir aus : Metz geschrieben: „Spazierengehen ist nicht viel: ich fürchte immer, von den Franzosen überfallen zu werden." Aber jetzt aus dem Berauschten redete die Nationalität der Mutter; er sprach Französisch und fluchte aus die Deutschen. „Ich bitte, lassen Sie ihn!" sagte ich zu dem Soldaten. „Sie sehen, er weiß nicht, was er spricht; ich will einen Freund holen, dann bringen ' wir ihn nach Haus!" Der stieß mit dem Gewehrkolben auf das Pflaster: „So machet Se i tapfer, denn sottiche Sache derfet mer net dulde." Ich lief mehr, als ich ging; gleichwohl mochte über eine Viertelstunde vergangen sein, bis ich mit Franz zurückkam. — Aber Marx war nicht i mehr da; es war alles still, nur die Schildwache wandelte wieder, hundert ; Schritte davon, an ihrem alten Platze auf und ab. Als wir zu ihr gingen, sah ich, daß es nicht mehr dieselbe war; doch soviel erfuhren wir: Marx war arretiert. Als wir zu dem entfernten Wachthause kamen, war er von dort schon auf die Polizei geschasst; auch dorthin gingen wir, aber wir standen vor einem dunklen und verschlossenen Hause. — So blieb uns nur, das eigene Bett zu suchen. i — — Am anderen Morgen, es mochte etwa acht Uhr sein, erschien - ein Polizist in meiner Stuve und überreichte mir ein Schlüsselbund: er ‘ habe zu grüßen von Herrn Marx, ich möchte ihm doch Kleidung und reine Wäsche aus seiner Wohnung besorgen, er sei in der Nacht von der Wache auf die Polizei gebracht worden. Ich versprach das, aber der alte Graubart stand noch und schüttelte mißbilligend seinen Stopf. „B Soldate send wüescht mit em umgange, nu--Sie roerbet’s selber fea.' Nachdem ich darauf Franz in seiner Wohnung abgeholt hatte, gingen wir nach Marx' Zimmer, und wir beide suchten aus dessen Kommode das Nötigste zusammen: dann beluden wir einen Knaben mit den Kleidern und begaben uns nach dem Rathause. Auf Befragen kam ein Mann mit schwerem Schlüsselbund, der uns durch mehrere Gänge in ein großes Gemach führte, wo viele Schreiber arbeitend an großen Tischen saßen. Hier schloß er seitwärts eine Tür auf, und wir traten in einen engen, scheinbar leeren Raum; nur in einer Ecke lag ein Haufen Heu und Stroh; daneben stand ein gefüllter hölzerner Napf mit ebensolchem Löffel, aus den, eine warme Flüssigkeit dampfte. Aus dem Streuhaufen erhob sich eine schwarze Gestalt, in der wir mit Mühe unseren Freund erkannten. Schwarz auch im Gesicht und an den Händen, wie vor Frost zitternd, streckte er seine Arme uns entgegen; wir sahen bald, daß er von oben bis unten mit Kienruß eingerieben war. „Du bist krank," sagte ich; „nimm doch einen Löffel von der warmen Suppe da!" „Das soll ich frefsen!" rief er grimmig und schüttelte sich schaudernd, „Gefangenenkost, nein, nein; ich ertrag’ das nicht, es gibt noch Wege aus der Welt heraus." . „ Wir kannten diese Reden und achteten nicht darauf, obgleich er |ic ein paarmal wiederholte und dabei wie mitleidig auf feine seinen Hände sah. Franz war fortgegangen und kam nun zurück. „Du bist frei, sagte er, „du kannst nach Hause gehen, wann du willst; aber erst muM wir aufs Bureau und wegen der an dir verübten Niedertracht eine Anzeige zu Protokoll geben!" . Marx wollte nicht in seinem jetzigen Zustande; aber izranz beftarw darauf, das gehöre mit dazu; überhaupt, hier könne er nicht gereinigt werden. .... Als wir in hellere Räume traten, sahen wir erst, wie er zugericym war. „Ich bin geschändet, mein Leib ist ganz geschändet!" murmelte er. (Schluß folgt» „Und wo", frag ich halb neckend, „hatte sie denn ihre Hand, als sie so hübsch ihr blondes Köpfchen schüttelte?" Seine Augen leuchteten auf, als habe er was Verlorenes gefunden. „Ihre Hand? Ja, die drückte sie auf die Brust." , Siehst du", sagte ich, „das Herz ist noch dasselbe; das andere sind mir' tiiebesirrroege; du mußt ihr wieder auf den rechten Weg helfen!" Aber er wollte es nicht zugeben. „Nein, Freund, es ist wie in uriferm alten Liede: , Das hört ein falsches Nönnchen, Die tat, als wenn sie schlief; Sie tat die Kerzen auslöschen, Der Jüngling ertrank so tief." Und er starrte düster vor sich hin. „Marx!" rief ich, „ich fürchte nur, du selber bist das Nönnchen!" Denn er Utt wie an prickelndem Ehrgeiz, so auch an einem gese!stchaftuck)en Hochmut; fein Baler war in den bestell Familien ein geschätzter Mann und stand in freundlichem Verkehr mit ihnen; der Sohn hatte oft nicht ohne Gewicht zu mir davon gesprochen. Und jetzt liebte er eine Hand- werkstochter mit der ganzen Heftigkeit seines Wesens; ein !o?st„tadelloses Mädchen, aber sie sprach nicht ganz richtig Deutsch, sie jchwabelte ein n>eniq, was zwar von den jungen Lippen lieblich klang; von Französisch aar war ihr Gewissen völlig frei. Schon aus seinem -rageouch hat e ich es herausgelesen, daß diese Gegensätze ihn gequält hatten. Wie leicht, bei dem lebhaften Menschen, konnte in ihrer Gegenwart ein Wort darüber ihm entschlüpft [ein und eine kühlere Ueberlegung in dem Mädchen wachgerufen haben. .... , Ich sagte ihm dies alles, aber er wollte nur nichts zu geben. Am zweiten Tage danach — ich wußte, er hatte thr noch einmal ' geschrieben — hörte ich unter meinem Fenster die „Komgskinver pfeifen. Als ich öffnete, stand. Marx auf der Gaffe und nickte heiter zu "'^„Guten Morgen!" rief ich hinab. „Du siehst ja gewaltig fröhlich aus!" Er nickte: „Sehr!" rief er hinauf. Dann hielt er die hohle Hand „an feinen Mund: „Ich — soll" — und er schrieb mit dem Finger ein großes L in die Lust — „heut abend — sehen!" . „Gratuliere!" rief ich; und er nickte wieder und eilte frohen Schuttes Es war schon gegen Oktober, an einem Mittwochabend; ich hatte mich eben für die „Drehorgel" angezogen, hatte den Hut schon auf dem Kopf und bürstete nur noch einige Fäserchen von den Kleidern, da stürmte es die Treppe hinauf; meine Tür wurde aufgerissen, und Marx stand vor mir, totenblaß, sagte aber nichts, sondern begann in meinem geräumigen Zimmer aus und ab zu schreiten, knirschte mit den Zahnen, und ich sah, wie seine Finger heftig in der Luft spielten. „feas ist nun wieder?" rief ich, „hast du sie neulich abends nicht ge- was ist?" sagte er, indem er stehenblieb. „Als ich in den Lauer- schen Garten tarn, wohin sie mich bestellt hatte, lief ich lang unb tonnte ie nicht finden. Aber ich fand sie doch; in einem wüsten, vernachlaisigren Winkel stand sie neben einer verfallenen Laube und riß wie in Gedanken die gelben Blätter von den Zweigen. O, mon ami, sähest du je die -rauer in Augen von sechzehn Jahren? — ,J hab' dir „was z sagen, Adost; des- weqe bin i komme', hob sie zitternd an, aber sie kam nicht weiter, sie brach in bitterliche Tränen aus und sagte dann: ,'s druckt mir s Herz ab, aber i muß, i muß!' Sie schwieg; ich wartete umsonst; aber dann plötzlich schlug sie die Arme um meinen Nacken und küßte mich, als ob sie mich ersticken wollte. ,O, Adolf, guck, z'Tod macht' i di drucke und nu fclb^r mif!‘ . Marx begann wieder auf und ab zu gehen. „Wie ich auch in sie drang" sägte"er, „ich bekam an jenem Abend nichts zu roiffen. — „I kann nit, unb wenn i sterbe inüeßt!" rief sie. — Sie hatte mich in die Laube gezogen unb den Kopf an meine Brust gelegt: „Laß mi bei dir fein!" sprach sie leise, „morgen will i dir alles schreibe! Das war das Ende. Aber heute abend, eben — lies! Das hab' ich mit der Post bekommen!" Und er griff in die Tasche und warf ein offenes Schreiben vor mir auf den Tisch. .... s Ich nahm es auf unb las; es war von fchulmaßiger Mabchenhand geschrieben: „Ich hab' gestern Abschieb von Dir nommen, Adolf: Du bift mein Einziges auf der Welt; aber es ging doch so nit meh; Dein Vater ist ein fürnehmer Gelehrter, und ich bin nur ein Meistertochter, das paßt nit z'fammen. — Ich schick' Dir auch Dein liebes Bild wieder, das Du mir geschenkt hast; ich barf’s nit anfdjaun mehr. Aber behalt' Du meines, ihr Männer habt ja stärkere Natur. O mei Schatz, mei lieber Schatz, und so b'hüt Di Gott vieltausendmal!" Es war nicht so gar leicht zu lesen, denn statt manchen Wortes war nur eine Tränenspur. „Unb um bies liebe Blatt verzweifelst bu?" frug ich. „Du siehst nun, baß bu selbst dein Nönnchen warst!" Was hilft's!" rief er; „sie ist fort, Gott weiß, wohin; zu einer Tante ober Muhme, irgenbwohin in der weiten Welt!" Er hatte sich auf einen Stuhl geworfen; nun sprang er roieber auf: „Komm, wir wollen zur „Drehorgel": es soll einen Rausch geben, einen Rausch, der mich die Weiber vergessen läßt, die uns bas Herz aus ber Brust nehmen und bann am Wege liegen lassen!" „Du solltest lieber zu Bett gehen, als bir einen Rausch trinken! sagte ich; denn er sah gottsjämmerlich aus. „Zu Bett?" wieberholte er und knirschte mit den Zähnen. „Ja, in das letzte, um nicht wieder aufzustehen." Ich suchte es ihm ausjureben; ich wollte mit ihm allein ins Freie gehen, aber er stampfte mit bem Fuße, als ich den entgegengesetzten Weg einzuschlagen suchte. So gingen wir denn in die „Drehorgel", die diesmal vollzählig versammelt war. Ich fand Franz und Walter und muß mir den Vorwurf machen, daß ich mich zu ihnen setzte, denn ich wurde fo von Marx getrennt, der an ihnen vorbei in eine leere Ecke ging unb dort allein an