SichenerZamilieubMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger 3 rhrgang |928 Dienstag, den 3. Januar Kummer ( Das goldene Sonett. Von Edmund Finke. Nun reiche mir die lieben Hände und horche in den Strom der Zeit, in seinen Fluten rauscht das Ende von aller Lust, von allem Leid ... Die wir an seinen Ufern stehen, sind in den kleinen Traum geträumt, der zwischen Werden und Vergehen den schmalen Weg zu Gott umsäumt. Ich ging ihn und hab' dich gefunden, dich, Liebste, die du mein Gebet bist, das den Ablauf meiner Stunden in das Geheimnisvolle weht, das in den wunderbaren Wunden der Hände des Erlösers steht ... Das Fräulein von Seubert Von E. T. A. H o f fm a n n. 3n der Straße St. Honors war das kleine Haus gelegen, das Magdalena von Scuderi, bekannt durch ihre anmutigen Verse, durch die Gunst Ludwigs XIV. und der Maintenon bewohnte. Spät um Mitternacht — es mochte im Herbst des Jahres 1680 fein — wurde an dieses Haus hart und heftig angeschlagen, daß es im ganzen Flur laut widerhallte. — Baptiste, der in des Fräuleins kleinem Haushalt Koch, Bedienter und Tiirfteher zugleich vorstellte, war mit Erlaubnis seiner Herrschaft über Land gegangen zur Hochzeit seiner Schwester, und so kam es, daß die Martiniere, des Fräuleins Kammerfrau, allein im Hause noch wachte. Sie hörte die wiederholten Schläge, es fiel ihr ein, daß Baptiste fortgegangen, und sie mit dem Fräulein ohne weiteren Schuß im Hau e geblieben (ei; aller Frevel von Einbruch, Diebstahl und Mord, rote er jemals in Paris verübt worden, kam ihr in den Sinn, es wurde ihr gewiß, daß irgendein Haufen Meuter, von der Einsamkeit dieses Hauses unterrichtet, da draußen tobe, und eingelassen ein böses Vorhaben gegen die Herrschaft ausführen wolle, und so blieb sie in ihrem Zimmer zitternd und zagend, und den Baptiste verwünschend samt seiner Schwester Hochzeit. Unterdessen donnerten die Schläge immerfort, und es war ihr, als rufe eine Stimme dazwischen: So macht doch nur auf um Christus willen, so macht doch nur auf! Endlich in steigender Angst ergriff die Martiniere schnell den Leuchter mit der brennenden Kerze, und rannte hinaus auf den Flur; da vernahm sie ganz deutlich die Stimme des Anpochenden: Um Christus willen, so macht doch nur auf! In der Tat, dachte die Martiniere, so spricht doch wohl kein Räuber; wer weiß, ob nicht gar ein Verfolgter Zuflucht sucht bei meiner Herrschaft, die ja geneigt ist zu jeder Wohltat. Aber laßt uns vorsichtig fein! Sie öffnete ein Fenster und rief hinab, wer denn da unten in später Nacht fo an der Haustür tobe, und alles aus dem Schlafe wecke, indem sie ihrer Hefen Stimme fo viel Männliches zu geben sich bemühte, als nur mög- lich. In dem Schimmer der Mondesstrahlen, die eben durch die finsteren Wolken brachen, gewahrte sie eine lange, in einen hellgrauen Mantel gewickelte Gestalt, die den breiten Hut tief in die Augen gedrückt hatte. Sie rief nun mit lauter Stimme, so, daß es der unten vernehmen konnte: Baptiste, Claude, Pierre, sieht auf, und seht einmal zu, welcher Taugenichts uns das Haus einschlagen will! Da sprach es aber mit sanfter, beinahe klagender Stimme von unten herauf: Ach, la Martiniere, ich weiß ja, daß Ihr es seid, liebe Frau, so sehr Ihr Eure Stimme zu verstellen trachtet, ich weiß ja, daß Baptiste über Land gegangen ist, und Ihr mit Eurer Herrschaft allein im Hause seid. Macht mir nur getrost auf, befürchtet nichts. Ich muß durchaus mit Eurem Fräulein sprechen, noch in dieser Minute. — Wo denkt Ihr hin, erwiderte die Martiniere, mein Fräulein wollt Ihr sprechen mitten in der Nacht? Wißt Ihr denn nicht, daß sie längst schläft, und daß ich sie um keinen Preis wecken werde aus dem ersten süßesten Schlummer, dessen sie in ihren Jahren wohl bedarf! — Ich weiß, sprach der Untenstehende, ich weih, daß Euer Fräulein soeben das Manuskript ihres Romans, Cielia geheißen, an dem sie rastlos arbeitet, beiseite gelegt hat, und jetzt noch einige Verse aufschreibt, die sie morgen bei der Marquise de Maintenon vorzulesen gedenkt. Ich beschwöre Euch, Frau Martiniere, habt die Barmherzigkeit, und öffnet mir die Tür. W ßt, daß es darauf ankommt, einen Unglücklichen vom Verderben zu retten, wißt, daß Ehre, Freiheit, ja das Leben eines Menschen abhängt von diesem Augenblick, in dem ich Euer Fräulein sprechen muß. Bedenkt, daß Eurer Gebieterin Zorn ewig auf Euch lasten würde, wenn sie erführe, daß Ihr es wäret, die den Unglücklichen, der kam, ihre ; Hilfe zu erstehn, hartherzig von der Tür wieset.'— Aber warum sprecht i 3f;r denn meines Fräuleins Mitleid an in dieser ungewöhnlichen Stunde, kommt morgen zu guter Zeit wieder, so sprach die Martiniere herab; da erwiderte der unten: Kehrt sich denn das Schicksal, wenn es verderbend roie der tötende Blitz einschlägt, an Zeit und Stunde? Darf, wenn nur ein Augenblick Rettung noch möglich ist, die Hilfe aufgeschoben werden? Deffnet mir die Ture, fürchtet doch nur nichts von einem Elenden, der schutzlos, ^krlassen von aller Welt, verfolgt, bedrängt von einem ungeheuren ©e« !d)ict (iuer Fräulein um Rettung anflehen will aus drohender Gefahr! I)ie Martiniere vernahm, wie der Untenstehende bei diesen Worten vor trofem Schmerz stöhnte und schluchzte; dabei war der Ton von seiner Ss'mme der eines Jünglings, sanft und eindringend tief in die Brust, tote suhlte sich >m Innersten bewegt, ohne sich weiter lange zu besinnen, holte sie die Schlussel herbei. . , Sowie sie die Tür kaum geöffnet, drängte sich ungestüm die im Man- tel gehüllte Gestalt hinein und rief, der Martiniere vorbeischreitend in öen tfutr, mit wilder Stimme: Führet mich zu Eurem Fräulein! Er- schrocken hob die Martiniere den Leuchter in die Hohe, und der Kerzen- <5)lmn^er *n Ein todbleiches, furchtbar entstelltes Jünglingsantlitz. Vor Schrecken hätte die Martiniere zu Boden sinken mögen, als nun der Mensch den Mantel auseinanderfchlug, und der blanke Griff eines Ski- tetts aus dem Brustlatz hervorragte. Es blitzte der Mensch sie an mit funkelnden Augen und rief noch wilder als zuvor: Führt mich zu Eurem Fräulein sage ich Euch! Nun sah die Martikstere ihr Fräulein in der dringendsten Gefahr, alle Liebe zu der teuren Herrschaft, in der sie zu» gleich die fromme, treue Mutter ehrte, flammte stärker auf im Innern, und erzeugte einen Mut, dessen sie wohl selbst sich nicht fähig geglaubt hatte, eie warf die Tür ihres Gemaches, die sie offen gelassen, schnell zu trat vor dieselbe und sprach stark und fest: In der Tat, Euer tolles Be- träges hier im Hause paßt schlecht zu Euern kläglichen Worten da brau, mn, die, wie ich nun wohl merke, mein Mitteiden sehr zu unrechter Zeit -erweckt haben. Mein Fräulein sollt und werdet Ihr jetzt nicht sprechen. Habt Ihr nichts Böses im Sinn, dürst Ihr den Tag nicht scheuen, o kommt morgen wieder, und bringt Eure Sache an! Jetzt schert Euch aus öeni y>au(e! Der Mensch stieß einen dumpfen Seufzer aus, blickte die Martiniere starr an mit entsetzlichem Blick, und griff nach dem Stilett Die Martiniere befahl im stillen ihre Seele dem Herrn, doch blieb sie standhaft, und sah dem Menschen keck ins Auge, indem sie sich fester an bie Tur des Gemachs drückte, durch das der Mensch gehen mußte, um zu dem Fraulein zu gelangen. — Laßt mich zu Euerm Fräulein, sage ich Euch! rief der Mensch nochmals. — Tut, was Ihr wollt, erwiderte die Martiniere, ich weiche nicht von diesem Platz, vollendet nur die böse Tat, die Ihr begonnen, auch Ihr werdet den schmachvollen Tod finden auf dem Greveplatz, wie Eure verruchten Spießgesellen. — Ha, schrie der Mensch auf, Ihr habt recht, la Martiniere! Ich sehe aus, ich bin be- roaffnet wie ein verruchter Räuber und Mörder, aber meine Spießge- sellen sind nicht gerichtet, find nicht gerichtet! Und damit zog er, giftige Blicke schießend auf die zum Tode geängstete Frau, das Stilett heraus. — Jesus! rief sie, den Todesstoß erwartend, aber in dem Augenblick lieft sich auf der Straße das Geklirr von Waffen, der Huftritt von Pferden hören. Die MarechaussSe — die Marechaussse. Hilfe, Hilfe! schrie die SJlartiniere. — Entsetzliches Weib, du willst mein Verderben — nun ist alles aus, alles aus! Nimm — nimm; gib das dem Fräulein heute noch — morgen wenn du willst. Dies leise murmelnd hatte der Mensch der Martiniere den Leuchter roeggeriffen, die Kerzen verlöscht und ihr ein Kästchen in die Hände gedrückt. Um deiner Seligkeit willen, gib bas Köst- ajen dem Fräulein, rief der Mensch und sprang zum Hause hinaus. Die Martiniere war zu Boden gesunken, mit Mühe sind sie auf, und tappte sich tu der Finsternis zurück in ihr Gemach, wo sie ganz erschöpft, leines lautes mächtig, in den Lehnstuhl sank. Nun härte sie die Schlüssel klirren, °,e sie >m Schloß der Haustüre hatte stecken lassen. Das Haus wurde zugeschlossen und leise unsichere Tritte nahten sich dem Gemach. Festge» damit, ohne Kraft sich zu regen, erwartete sie das Gräßliche; doch wie geschah ihr, als die Tür aufging und sie bei dem Scheine der Nachtlampe auf den ersten Blick den ehrlichen Baptiste erkannte; der sah leichenblaß aus und ganz verstört. — Um aller Heiligen willen, fing er an, um aller Heiligen willen, sagt mir Frau Martiniere, was ist geschehen? Ach die Angst, die Angst! Ich weiß nicht was es war, aber fortgetrieben hat es mich von der Hochzeit gestern abend mit Gewalt! Und nun komme ich in die Straße. Frau Martiniere, denk' ich, hat einen leisen Schlaf, die wird'« wohl hären, wenn ich leise und säuberlich anpoche an bie Haustüre, und mich hineinlassen. Da kommt mir eine starke Patrouille entgegen, Reiter, Fußvolk bis an die Zähne bewaffnet, und hält mich an und will mich nicht fortlassen. Ader zum Glück ist Desgrais dabei, der Marechaussee- Leutnant, der mich recht gut kennt; der spricht, als sie mir die Laterne unter die Nase halten: Ei, Baptiste, wo kommst du her des Wegs in der Nacht? Du mußt fein im Haufe bleiben und es hüten. Hier ist es nicht geheuer, wir denken noch in dieser Nacht einen guten Fang zu machen. Ihr glaubt gar nicht, Frau Martiniere, wie mir diese Worte aufs Herz fielen. Und nun trete ich auf die Schwelle, da stürzt ein verhüllter Mensch aus dem Hause, das blanke Stilett in der Faust, und rennt mich um und um — das Haus ist offen, die Schlüssel stecken im Schlosse — sagt, was hat das alles zu bedeuten? Die Martiniere, von ihrer Todesangst befreit, erzählte, wie sich alles begeben. Beide, sie und Baptiste, gingen in den Hausflur, sie fanden den Leuchter auf dem Boden, wo der fremde Mensch ihn im Entfliehen hin- geworfen. „Es ist nur zu gewiß," sprach Baptiste, „daß unser Fräulein beraubt und wohl gar ermordet werden sollte. Der Mensch wußte, wie Ihr erzählt, daß Ihr allein wäret mit dem Fräulein, ja sogar, daß sie noch wachte bei ihren Schriften; gewiß war es einer von den verfluchten Gaunern und Spitzbuben, die bis ins Innere der Häuser dringen, alles listig auskundschaftend, was ihnen zur Ausführung ihrer teuflischen An- schlüge dienlich. Und das kleine Kästchen, Frau Martiniöre, das, denk' ich, werfen wir in die Seine, wo sie am tiefsten ist. Wer steht uns dafür, daß nicht irgendein verruchter Unhold unferm guten Fräulein nach dem Leben trachtet, daß sie, das Kästchen öffnend, nicht tot niedersinkt, wie der alte Marquis von Turnay, als er den Brief aufmachte, den er von unbekannter Hand erhalten! —" Lange ratschlagend beschlossen die Getreuen endlich, dem Fräulein am andern Morgen alles zu erzählen und ihr auch das geheimnisvolle Kästchen einzuhändigen, das ja mit gehöriger Vorsicht geöffnet werden könne. Beide erwägten sie genau jeden Umstand der Erscheinung des verdächtigen Fremden, meinten, daß wohl ein besonderes Geheimnis im Spiele fein könne, über das sie eigenmächtig nicht schalten dürften, sondern die Enthüllung ihrer Herrschaft überlassen müßten. Baptistes Besorgnisse hatten ihren guten Grund. Gerade zu der Zeit war Paris der Schauplatz der verruchtesten Greueltaten, gerade zu der Zeit bot die teuflischste Ersindung der Hölle die leichtesten Mittel dazu dar. Glaser, ein deutscher Apotheker, der beste Chemiker seiner Zeit, beschäftigte sich, wie es bei Leuten von seiner Wissenschaft wohl zu geschehen pflegt, mit alchimistischen Versuchen. Er hatte es darauf abgesehen, den Stein der Weisen zu finden. Ihm gesellte sich ein Italiener zu, namens Exili. Diesem diente aber die Eoldmacherkunst nur zum Vorwande. Nur das Mischen, Kochen, Sublimieren der Giftstoffe, in denen Glaser sein Heil zu sinden hoffte, wollte er erlernen, und es gelang ihm endlich, jenes feine Gift zu bereiten, das ohne Geruch, ohne Geschmack, entweder auf der Stelle ober langsam tötend, durchaus keine Spur im menschlichen Körper zurückläßt, und alle Kunst, alle Wissenschaft der Aerzte täuscht, die den Giftmord nicht ahnend, den Tod einer natürlichen Ursache zuschreiben müssen. So vorsichtig Exili auch zu Werke ging, so kam er doch in den Verdacht des Giftverkaufs, und wurde nach der Bastille gebracht. In dasselbe Zimmer sperrte man bald darauf den Hauptmann Godin de Sainte Croix ein. Dieser hatte mit der Marquise de Brinvillier lange Zeit in einem Verhältnisse gelebt, welches Schande über die ganze Familie brachte, und endlich, da der Marquis unempfindlich blieb für die Verbrechen feiner Gemahlin, ihren Vater Dreux d'Aubray, Zivilleutnant zu Paris, nötigte, das verbrecherische Paar durch einen Verhaftungsbefehl zu trennen, den er wider den Hauptmann auswirkte. Leidenschaftlich, ohne Charakter, Frömmigkeit heuchelnd und zu Lastern aller Art geneigt von Jugend auf, eifersüchtig, rachsüchtig bis zur Wut, konnte dem Hauptmann nichts willkommener sein als Exilis teuflisches Geheimnis, das ihm die Macht gab, alle feine Feinde zu vernichten. Er wurde Exilis eifriger Schüler, und tat es bald feinem Meister gleich, so daß er aus der Bastille entlassen, allein fortzuarbeiten imstande war. Die Brinvillier war ein entartetes Weib, durch Sainte Croix wurde S! zum Ungeheuer. Er vermochte sie nach und nach, erst ihren eignen ater, bei dem sie sich befand, ihn mit verruchter Heuchelei im Alter pflegend, dann ihre beiden Brüder, und endlich ihre Schwester zu vergiften; den Vater aus Rache, die andern der reichen Erbschaft wegen. Die Geschichte mehrerer Giftmörder gibt das entsetzliche Beispiel, daß Verbrechen der Art zur unwiderstehlichen Leidenschaft werden. Ohne weiteren Zweck, aus reiner Lust daran, wie der Chemiker Experimente macht zu seinem Vergnügen, haben oft Giftmörder Personen gemordet, deren Leben ober Tob ihnen völlig gleich sein konnte. Das plötzliche Hinsterben mehrerer Armen im Hotel Dieu erregte später den Verdacht, daß die Brote, welche die Brinvillier dort wöchentlich auszuteilen pflegte, um als Muster der Frömmigkeit und des Wohltuns zu gelten, vergiftet waren. Gewiß ist es aber, daß sie Taubenpasteten vergiftete, und sie den Gästen, die sie geladen, vorsetzte. Der Chevalier du Guet und mehrere andere Personen fielen als Opfer dieser höllischen Mahlzeiten. Sainte Croix, sein Gehilfe la Chaussee, die Brinvillier wußten lange Zeit ihre gräßlichen Untaten in undurchdringliche Schleier zu hüllen; doch welche verruchte List verworfener Menschen vermag zu bestehen, hat die ewige Macht des Himmels beschlossen, schon hier auf Erden die Frevler zu richten. — Die Gifte, die Sainte Croix bereitete, waren so fein, daß, lag das Pulver (poudre de succession nannten es die Pariser) bei der Bereitung offen, ein einziger Atemzug hinreichte, sich augenblicklich den Tod zu geben. Sainte Croix trug deshalb bei seinen Operationen eine Maske von seinem Glase. Diese fiel eines Tages, als er eben ein fertiges Gist- pulver in eine Phiole schütten wollte, herab, und er sank, den feinen Staub des Giftes einatmenb, augenblicklich tot nieder. Da er ohne Erben verstorben, eilten die Gerichte herbei, um den Nachlaß unter Siegel zu nehmen. Da fand sich in einer Kiste verschlossen das ganze höllische Arsenal des Giftmordes, bas dem verruchten Sainte Croix zu Gebote gestanden, aber auch die Briefe der Brinvillier wurden aufgefunben, die über ihre Untaten keinen Zweifel ließen. Sie floh nach Lüttich in ein Kloster. Desarais, ein Beamter der MarechauffLe, wurde ihr nachgesendet. Als Geistlicher verkleidet, erschien er in dem Kloster, wo sie sich verborgen. Es gelang ihm, mit dem entsetzlichen Weibe einen Liebes- handel anzuknüpfen, und sie zu einer heimlichen Zusammenkunft in einem einsamen Garten vor der Stabt zu verlocken. Kaum dort angekommen, wurde fte aber von Desgrals* Häschern umringt, der geistliche Liebhaber verwandelte sich plötzlich in den Beamten der Marechaussse, und nötigte sie in den Wagen zu steigen, der vor dem Garten bereit stand, und von den Häschern umringt geradewegs nach Paris abfuhr. La Chaussee war schon früher enthauptet worden, die Brinvillier litt denselben Tod, ihr Körper wurde nach der Hinrichtung verbrannt und die Asche in die Lüste zerstreut. Die Pariser atmeten auf, als das Ungeheuer von der Welt war, das die heimliche mörderische Wasfe ungestraft richten konnte gegen den Feind und Freund. Doch bald tat es sich kund, daß des verruchten La Croix entsetzliche Kunst sich sortvererdt hatte. Wie ein unsichtbares tückisches Gespenst schlich der Mord sich ein in die engsten Kreise, wie sie Verwandtschaft — Liebe — Freundschaft nur bilden können, und erfaßte sicher und schnell die unglücklichen Opfer. Der, den man heute in blühender Gesundheit gesehen, wankte morgen krank und siech umher, und keine Kunst der Aerzte konnte ihn vor dem Tode retten. Reichtum — ein einträgliches Amt — ein schönes, vielleicht zu jugendliches Weib — bas genügte zur Verfolgung auf den Tob. Das grausamste Mißtrauen trennte bie heiligsten Banbe. Der Gatte zitterte vor ber Gattin — der Vater vor dem Sohn — bie Schwester vor bem Bruder. — Unberührt blieben die Speisen, blieb ber Wein bet dem Mahl, bas der Freund den Freunden gab, und wo sonst Lust und Scherz gewaltet, spähten verwilderte Blicke nach dem verkappten Mörder. Man sah Familienväter ängstlich in entfernten Gegenden Lebensrnittel Ankäufen, und in dieser, jener schmutzigen Garküche selbst bereiten, in ihrem eigenen Hause teuflischen Verrat sürchtend. Und doch war manchmal die größte, bedachteste Vorsicht vergebens. Der König, dem Unwesen, das immermehr überhand nahm, zu steuern, ernannte einen eigenen Gerichtshof, dem er ausschließlich die Untersuchung und Bestrafung dieser heimlichen Verbrechen übertrug. Das war die sog. Chambre Ardente, die ihre Sitzungen unfern der Bastille hielt, und welcher la Negnie als Präsident Vorstand. Mehrere Zeit hindurch blieben Regnies Bemühungen, so eifrig sie auch sein mochten, fruchtlos, bem verschlagenen Sesgrais war es Vorbehalten, den geheimsten Schlupfwinkel des Verbrechens zu entdecken. — In ber Vorstabt Saint Germain wohnte ein altes Weib, la Voifin geheißen, die sich mit Wahrsagen und Geisterbeschwören abgab, und mit Hilfe ihrer Spießge- sellen, le Sage und le Vigoureux, auch selbst Personen, die eben nicht schwach und leichtgläubig zu nennen, in Furcht und Erstaunen zu setzen wußte. Aber sie tat mehr als dieses. Exilis Schülerin wie la Croix, bereitete sie wie dieser, das feine, spurlose Gift, und half auf diese Weise ruchlosen Söhnen zur frühen Erbschaft, entarteten Weibern zum andern jüngere Gemahl. Desgrais drang in ihr Geheimnis ein, sie gestand alles, die Chambre Siebente verurteilte sie zum Feuertobe, ben sie auf dem Gröveplatze erlitt. Man fand bei ihr eine Lifte aller Personen, bie sich ihre Hilfe bedient hatten; und so kam es, daß nicht allein Hinrichtung auf Hinrichtung folgte, sondern auch schwerer Verdacht selbst auf Per- fonen von hohem Änsehen lastete. So glaubte man, daß der Kardinal Vonzy bei der la Voisin das Mittel gefunden, alle Personen, denen er als Erzbischof von Starbonne Pensionen bezahlen muhte, in kurzer Zeit hin- sterben zu lassen. So wurde die Herzogin von Bouillon, die Gräfin von Soissons, deren Namen man auf der Liste gesunden, der Verbindung mit bem teuflischen Weibe angeklagt, und selbst Francois Henri de Mont- morenci, Boudebelle, Herzog von Luxemburg, Pair und Marschall des Reichs, blieb nicht verschont. Auch ihn versolgte bie furchtbare Chambre Arbente. Er stellte sich selbst zum Gefängnis in ber Bastille, wo ihn Louvois und la Regnies Haß in ein sechs Fuß langes Loch einsperren ließ. Monate vergingen, ehe es sich vollkommen ausmittelte, bah des Herzogs Verbrechen keine Rüge verdienen konnte Er hatte sich einmal von le Sage das Horoskop stellen lassen. Gewiß ist es, daß blinder Eifer ben Präsibenten la Negnie zu Gewaltstreichen und Grausamkeiten verleitete. Das Tribunal nahm ganz den Charakter ber Inquisition an, ber geringfügigste Verdacht reichte hin zu strenger Einkerkerung, und oft war es dem Zufall überlassen, die Unschuld des auf den Tod Angeklagten barzutun. Dabei war Regnie von garstigem Ansehen und heimtückischen Wesen, so daß er bald den Haß derer auf sich lud, deren Rächer ober Schützer zu fein er berufen wurde. Die Herzogin von Bouillon, von ihm im Verhöre gefragt, ob sie den Teufel gesehen? erwiderte: Mich dünkt, ich sehe ihn diesen Augenblick! (Fortsetzung folgt.) Gerhart Hauptmann und „Hamlet". Von Hugo Wilhelm Setule von Siradonitz. „Des tragischen Dichters Ausgabe und Tun ist nichts anderes als: ein psychologisch-sittliches Phänomen, in einem faßlichen Experiment dargestellt, in der Vergangenheit nachzuweisen." Dieses Goethe-Wort klang auch einmal irgendwo, irgendwann in den vergangenen Jahrzehnten, als Gerhart Hauptmann, wie so oft, von Hamlet sprach und, seine Hand auf dessen geläufige Ausgabe legend, das Haupt schüttelte und sie als „Fragment" bezeichnete. In langen Jahren leidenschaftlicher Vertiefung ist dann Hauptmanns Bühnenbearbeitung des Hamlet herangereift, die vor kurzem in Dresden zuerst herauskam. Während um ihn gehäuft lag, was wir Hamletquellen nennen, und er erfüllt war von dem Erleben der Dheaterproben, entwickelten sich die Gespräche, zusammengefaßt zu der nachfolgenden Darlegung, die zu veröffentlichen ber Dichter dem Schreiber dieser Zeilen erlaubte. ... „Die schon im zwölften Jahrhundert von Saxo Grammaticus, später auch von Bellsorest ausgezeichnete Hamlet-Sage ist schon zu Ende des 16. Jahrhunderts dramatisch in einem Ur-Hamlet behandelt, der verloren gegangen ist, und den wohl Shakespeare kannte und nach von ihm gern geübtem Brauch, auf vorhandene Fabeln zurückzugreifen, bei seiner Bearbeitung der Hamletsage verwendete. Da Shakespeare seinen Komödianten nur Rollen-Blätter zu geben pflegte, ist ein „Manuskript" nicht vorhanden. Die Quellen des uns geläufige« Hamlet-Dramas find Me „Quartos* von 1602 und 1604, die schon untereinander wesenüiche Abweichung«! aufweisen und denen, wieder mit erheblichen Abweichungen, di« Folio- ausgabe von 1623 — nach Shakespeares Tode — folgte, deren Herausgeber einleitend gestehen müssen, daß sie den Text oft aus fast unleser- Üchen Papierfetzen schöpfen mußten. Wir wisien, daß die Quarto-Ausgabe eine „Raub-Ausgabe" war, deren Text von gierigen Spekulanten ohne des Dichters Wunsch noch Willen bei den Aufführungen mitgeschrieben wuvde. Kaum mögen die Mitschreiber dem gesprochenen Wort mit der ungelenken Feder ihrer Zeit haben folgen können, und wenn sie di« heim- gebrachten Zettel nach ihrem Gutdünken ordneten und den lückenhaften Text den Akteuren des Schauspiels zuteilten, so mag ein wirres Durcheinander entstanden sein. Und selbst was die Mitschreiber hörten und fichen, wind oft der Fassung des Meisters Shakespeare nicht entsprochen haben; damals wie heut« brachte die Bühnendarstellung Abweichungen vom eigentlichen Text, seien es „Strichs" des Dichters oder Spielleiters, fiten es Auslassungen oder Wiederholungen, seien cs unbewußte oder bewußte Improvisationen der Schauspieler und Wegnahmen der Worte des einen durch den anderen. Das mit solchen Fehlerquellen ausgezeichnete Werk wurde dann gar zur Ausfüllung von Lücken von unerfahrener Hand nach Erinnerungen aus der Volkssage ergänzt, was als weitere zerstörende Macht zu der Verstümmelung beitrug, in der das Werk auf uns gekommen ist. Den unsterblichen Torso der Shakespea reschen Bearbeitung der Hamletsage so wiederherzustellen, so zu ergänzen, daß sie in ihrer Vollständigkeit und Vollkommenheit wiederum sichtbar wird, ist «in Ding der Unmöglichkeit. Doch ein neuer Versuch zu ordnender Gestaltung und nachschaffender Bearbeitung der vorhandenen Reste ist ein pietätvolles Handeln der Verehrung. Goethe hat in „Wilhelm Meisters Lehrjahren" umfassende Anregungen zu einer Hamlet-Bearbeitung gegeben, ohne aber das dort gegebene Versprechen der Durchführung einzulösen. Er sagt, daß zwar dfi großen inneren Verhältnisse und Wirkungen, die aus den Charakteren der Hauptfiguren entstehen, durch keine Art der Behandlung zerstört, ja kaum verunstaltet werden können, und diese sind es, di« sich nef in die Seele eindrücken; aber die äußeren Verhältnisse — wie sie die überkormnene Hamletfassung enthält — zeigten sich als dünne Fäden, die, oft gar unter Weglassungen, nur los« durch das Stück gehen. Er sieht darin fehlerhafte, flüchtige Stützen des Ausbaues und schlägt vor, die äußeren zerstreuten und zerstreuenden Motive durch ein einziges zu ersetzen, als welch' wesentliches die norwegischen Unruhen erscheinen. Hamlet, dem der König Usurpator Claudius seinen Vater ermordet, seine Mutter geschändet und „zwischen die Erwählung und sein« Hoffnungen sich eindrängt", Hamlet, dem nach des Usurpators eigenem Wort das Volk anhängt und der „von Hölls und Himmel zur Rache ange= e" ist, Hamlet ist aus der Dynamik des Stückes der natürliche r der Aufstanidsbewegung, durch die er Rache und dazu den Gewinn des vorenthaltenen Thrones erwarten kann. In dieser Richtung setzt die neue Bühnenbearbeitung wesentlich ein. So wird denn Hamlet, dem ja auch Horatio den Rat gibt, nach Norwegen zu gehen, sich der Armee zu versichern und mit bewaffneter Hand zurückzukehren, die Einfädelung des Aufstandes zugswiesen, zu dem er sich mit Fortinbras verbündet, der „altes Recht hat am Reiche Dänemark, das anzusprechen ihn sein Vorteil heißt." Unverständlich ist es, wie Laertes ein Aufrührer sein soll, der bevorzugte Sohn des Königs-Günstlings Polonius, der den väterlichen Rat erteilt: „gib keinem ungebührlichen Gedanken die Tat". So widersinnig Laertes, so folgerichtig erscheint Hamlet als der Gegenspieler des Königs in den Szenen des vierten Aktes, rvenn Claudius, dem gegenüber Hamlet mir das Mordzeugnis des Geistes des Vaters hat und dem durch die Schauspieler-Szen« in gegenseitiger Entlarvung das Wissen des übergegangenen Thronerben klar wurde, diesem vom Volke zum König Ausgerufenen vorschlägt: „Wählt die Verständigsten von Euren Freunden, Und laßt sie richten zwischen Euch und mir. Wenn sie zunächst uns oder mittelbar Dabei betroffen finden, wollen wir Reich, Krone, Leben, was mir unser heißt, Euch zur Vergütung geben ..." Aus dieser Erfassung der wesentlichen äußeren Grundlage entwickelt sich dann die neue Bühnenbearbeitung, die mit überzeugter Achtung vor dein liebgewordenen Wortlaut durchgeführt ist. In ihr wandelt sich dann Hamlet, den schon das Volksbuch des Saxo Gvammaticus als erfüllt von Kraft und Weichest schildert, trotz des Wankelmuts feiner inneren Charakterisierung zu einer heldischen Erscheinung. Wie in der neuen Bühnenbearbeitung nach diesem Plane ausgchoben und eingeschoben, getrennt und verbunden, geändert und wiederhergestellt ist, so drängt sich auch manche andere Umformung hinzu. Die Gestalt der Ophelia, di« in der überkommenen Hamletfassung fast episodenhaft wirkt, ist näher an Hamlet herangerückt — und es mag wohl unter dem verlorenen Gute eine Szene vorhanden gewesen sein, ädnlich der Balkonszene in Romeo und Julia, zu deren Wiederherstellung die überlieferten Trümmer sich nicht fügen mögen. Zu den Stellen, in denen Handlung und Wort denjenigen Personen zugeteilt wird, denen es aus der Entwicklung zukommt, gehört beispielsweise auch die Kirchhofszen«, in der nicht Laertes, sondern Hamlet zuerst in das Grab der Ophelia springt, aus dessen Tiefe er sich dem fragenden Laertes zu erkennen gibt: „dies bin ich, Hamlet, der Däne ..." Soweit die Worte Gerhart Hauptmanns. Der Raum gestattet nicht, mchr aus der Fülle gestaltender Folgerungen heute hier anzudeuten, die er in feiner Bäh men bea rb ei hing des Hamlet gezogen hat. Das neue Werk, das aus der Kraft und dem Recht künstlerischer Intuition nachgeschaffen ist, stellt sich in freimütiger Ruhe dem Streit der Meinungen. Und dessen Zuschauer feien an die kleine Geschichte erinnert, He einmal Viktor von Scheffel erzählt. Die Geschichte der drei Freunde, die in der römischen Campagna wandernd die Trümmer eines Mosaikgrabmals entdecken. Derweil der eine, ein Archäologe, die Marmorstückchen prüft nach Art und Farbe, und der zweite, der sich mit Geschichtsforschung plagte, gar gelehrt über Grabdenkmale der Alten sprach, hatte sich der dritte hingesetzt und gezeichnet; er hatte die Fragmente des alten Bildes erschaut: da stand das Ganze klar vor feiner Seele und er warfs mit kecken Strichen hin, dieweil die andern in Worten kramten. Dieser Dritte war der echte Künstler, dessen schöpferisch wiederherstellende Phantasie sich ihr Recht nicht verkümmern ließ. „Die Kunst kann niemand fördern als der Meister." Können Tiere zählen? Von Dr. Hanns Meyer. Auch der Mensch ist nicht als Rechenkünstler geboren worden. Bei Naturvölkern ist es keineswegs eine Schande, nicht bis 4 zählen zu können. Bis 5 zählen ist bei manchen Stämmen schon eine erstaunliche Leistung. Was über 5 hinausgeht, heißt einfach „viel", ähnlich wie bei unseren noch nicht in Rechendressur genommenen Kindern. Die mangelhafte Entwicklung der Zahlenbegriffe besagt eben noch nichts gegen das Vorhandensein eines Zahlensinnes überhaupt. Kein Wunder also, daß tiergläubige Pädagogen mit großen Hoffnungen an den Unterricht der verschiedensten Vierbeiner herangegangen sind. Aber es ist merkwürdig still geworden um jene Tierwunder, die buchstabierend, lesend und rechnend von sich reden machten. Die Schulställe, in denen die gelehrten Pferde Quadrat- und Kubikwurzeln zogen, stehen leer; die heutigen Pferde scheinen von allen Klopfgeistern verlassen zu sein. Der im Morsealphabet redende und dichtende Airedale-Terrier Rolf der grau Dr. Möckel hat sich ins Privathundeleben zurückgezogen, und Senta, der Wunderhund von Fehmarn, hat auffallend schnell aufgehört, ein Wunder zu {ein. Dafür mühen jetzt die Tierlehrer akademischer Profession, die wissenschaftlichen Tierpsychologen, ihre Zöglinge mit sehr viel bescheideneren Zahlenexperimenten, und sie sind sich nicht einmal sicher, ob sie nicht schon beim Zählen von 1 bis 3 über die Köpfe ihrer tierischen Schüler Hinwegdozieren. Besonders Hühner hat man in gründliche Rechendressur genommen. So legte man einem Huhn ein Futterbrett vor, auf dem Weizenkörner in einer langen Reihe angeordnet waren. Nur hatte es eine Bewandtnis mit diesem abgezirkelten Frühstück. Die Körnerordnung war so, daß abwechselnd ein Korn auf der Unterlage festgeklebt war und eins lose lag. Natürlich pickte das Huhn zuerst wild nach jedem Korn, aber es lernte unterscheiden und pickte bald nur jedes zweite lose, auch wenn dieses in unregelmäßigem Abstand auf das feftgeflebte folgte. Als man dann immer zwei Körner nebeneinander festheftete und erst jedes dritte lose ließ, lernte das Huhn nach einiger Zeit auch, nur dieses aufzunehmen und die beiden nächstfolgenden unbeachtet zu lassen. Doch bei dem Versuch, es dahin zu bringen, jedes vierte Korn zwischen je drei festgeklebten zu picken, versagte es. Ob aber diese Dressurergenbisse zu der Behauptung berechtigen das Huhn vermöge wohl bis 2, doch nicht bis, 3 zu zählen, ist sehr fraglich. Ebenso fraglich wie das Ergebnis einer Prüfung, die ein Teichrohrsänger erfolgreich bestand. Man hatte dem Vogel in feine schwankende Nestwiege zu den fünf eigenen Eiern in einem unbewachten Augenblick ein sechstes aus einem fremden Gelege stammendes Ei von gleichem Aussehen geschmuggelt. Der zurückgekehrte Rohrsänger bemerkte sofort den fragwürdigen Zuwachs und entfernte ihn mit heftigem Bemühen. Die Schlußforderung aber, es fei damit gezeigt (bekanntlich nehmen keineswegs alle Vögel eine Aenderung der Eierzahl Übel), daß der Rohrsänger zählen könne, sogar bis 6, wird kaum aufrecht zu erhalten sein. Sicher bewiesen ist nur, daß der Vogel den Unterschied einer Gruppe von fünf Eiern von einem Haufen von sechs Eiern bemerkt, daß er befähigt ist, schon eine geringere Aenderung eines Gesamtbildes festzustellen, aber es ist nicht erwiesen, daß er die Zahlenreihe 1 bis 6 durchzählen kann. Auch das Huhnexperiment beweistt nur, daß das Huhn eine Gruppe von zwei Körnern zu einer Einheit zufammenzufassen vermag, daß ihm dies aber bei Gruppen von 3 Körnern nicht gelingt. Es ist also ein Unterschied zwischen einer sinnlichen Gestalt- und Mengenanschauung und dem eigentlichen Zählen, d. h. der Bildung von Zahlenbegriffen. Nun gehören Vögel im allgemeinen nicht zum Jntelligenzadel der Tiere. Sind denn wenigstens jene „höheren" Vierfüßler: Affen, Hunde, Pferde, wenn auch nicht zu algebraischen Einsichten, so doch zum primitiven Zahlenverständnis zu erziehen? Man sollte vermuten, daß besonders den Menschenaffen am ehesten das Zählen beizubringen sei. Aber alle Rechenleistungen dieser Tiere erwiesen sich bei näherer Prüfung als Scheinleistungen. Die Schimpansin S a 11 y des Londoner Zoo, die Herrn R o m a n e s eine gewünschte Anzahl von Strohhalmen aus dem Käfig reichte, und die Schimpansin Basso des Frankfurter Zoo, die im Zahlenbereich 1 bis 100 Kopfrechnen übte, haben ihren Lehrern nur ein wenig vorgemogelt, wenn man unbewußt und ohne böse Absichten. Basio z. B. waren die Zahlen sehr gleichgültig, sie richtete sich allein nach den geringfügigen und unbeabsichtigten Bewegungen des Wärters, der unwillkürlich seinen Kops nach der Tafel mit der gewünschten Zahl drehte. Diese unbewußte Dressur durch unbewußte Zeichengebung zeugt lediglich von einer erstaunlichen Beobachtungsgabe der Tiere, aber nicht von einem Zahlensinn. Dasselbe Ergebnis hatten ja auch die experimentellen Nachprüfungen der rechnenden Pferde und Hunde ergeben. Es bleibt immer noch die Frage, ob eine einwandfreiere Unterrichtsmethode nicht doch ein gewisses Verständnis für Zahlbegriffe bei Tieren bartun wird. Schließlich sind ja Tiere in ihren Gebaren Schulkindern nicht unähnlich, die sich auch nicht gern geistig anstrengen, wenn sie auf bequemere Weise durch Abgucken ober Vorsagenlassen zum Ziele gelangen können. Durch eine recht verzwickte Dersuchsordnung hat E o l s versucht, die möglichen Fehlerquellen auszuschalten und den Zahlensinn eines Waschbären zu prüfen. Er bemühte sich, den Bären dahin zu dressieren, - Druck und Verlag: Vrühi'fche Universitäts-Vuch. und Steindruckerei, R. Longe, Ziehen. Verantwortlich: Ur. Hans Lhyriot. »atz er sich nur dann an seinen Futterplatz begab, wenn.ihm drei verschiedenfarbige Karten nacheinander gezeigt wurden, nicht aber nach Vorzeigen von drei gleichfarbigen. Trotz aller Geduld gelang die Dressur niemals völlig, immer drängte der Bär schon nach der zweiten . gleichfarbigen Karte nach dem Futterplatz. — Auch Hunde scheinen ; wenig begabt für Zählkunststücke zu fein. Der berühmte Pudel Lub- , b ocks dessen Gelehrsamkeit so weit gehen sollte, daß er Karten mit den Aufschriften Tee, Wasser, Futter unterscheiden konnte und richtig apportierte, ließ sich auch nach monatelangem Bemühen auf Karten mit Strichen in verschiedener Anzahl nicht dressieren. Schweine ließen sich abrichten, von drei in einer Reihe liegenden Türen nur die mittlere, die nach der Futterquelle führte, zu benutzen. Aber von fünf Türen . die mittlere zu wählen, lernten sie Nicht. Das spricht nicht nur gegen . einen guten Raumsinn, sondern auch gegen einen bescheidenen Zahlensinn. : Die Fähigkeit zur Zahlenbildung geht wohl deshalb Tieren so weitgehend ab, weil sie ganz im rein Anschaulichen, Tast-, schnwck- . und Riechbaren leben, in einer Welt fern den geläufigen mensa)l>chen ; Abstraktionen. Auch Kinder und Naturvölker haften zwar zähe am , Anschaulichen, doch liegt die allmähliche Lockerung und Losung aus dem Geflecht des sinnlich Gegebenen in der ßinte ihres Entwicklungsprinzips, das weniger auf Anpassung an die Natur als auf Beherrschung und Unterwerfung der Natur durch begrifflich verarbeitete Er- fabrungeit gerichtet ist. Die Zahl ist schon eine starke Abstraktion, selbst wenn sie noch so sehr sinnlich gebunden erscheint. Ein Beispiel aus der Psncholvgie des primitiven Menschen: Ein Toradsahauptlmg aus Celebes, dem eine Buße von zwanzig Büffeln auferlegt war, vergegen- ivärtigte sich den hohen Betrag erst, nachdem er sich zwanzig Stuck Pianqnüsse ausgezählt hatte. Beim Anblick der so veranschaulichten Mena» war er sehr erschrocken. Dieser Mann war also nicht m der Lage, sich die Bedeutung der Zahl 20 ohne weiteres klarzumachen. Er mußte sie sich an Nüssen veranschaulichen. Aber daß er überhaupt das Gemeinsame, was zwischen der Anschauung von zwanzig Büffeln und zwanzig Plangnüssen besteht, erkannte, zeugt von seiner Fähigkeit zur Bildung von Zahlbegriffen.' Tier« gelangen nie dazu, wie es Hempel mann ausdrückt, irgendeine Einheit als Maß auf eine Vielheit anzu- ltzjere werden eben in der Welt ohne Zahlen fertig, wie sie sich ja auch ohne eigentliche Sprache prächtig mit dem Leben abfinden. Die Frage, ’ ob Tiere zählen können, entspringt letzten Endes unserem Wahne, die Tierseele sei ein mehr oder minder roher Abklatsch der Menschenseele. Damit aber würden die Trere in bedenkliche Nahe geistesschwacher Menschenkrüppel rücken. Das eigentliche Geheimnis das Wesenhafte am Tiere ist gerade, daß es nicht Mensch ist, daß seine in anderen Harmonien schwingende Welt uns immer etn neu ausgegebenes Rätsel bleibt. Die photographierte Stimme. Besuch in einer Schallplattensabrik. Von Dr. Paul Bloch. Das also ist der Raum, in dem die menschliche Stimme gleichsam verewigt wird?! Hier, so fragt man sich zweifelnd verwundert wird der Zusammenklang der Töne, die Symphonie der Instrumente festgehalten. Daß der Ausnahmeraum eines Schallplatten wertes dem neugierigen Besucher nicht viel Auffälliges und Greifbares zu zeigen vermöchte, erwartete man ja, daß er aber so kahl und nud)tern, bem ersten Anschein nach so bar jeder technischen Anlage, jeder architektonischen Besonderheit sich darbietet, wirkt doch überraschend. Ein großer, langgestreckter Raum, in dem etwa 40 Musiker plaziert werden können, fensterlos, erhellt durch eine Reihe strahlender Lampen, andenWanden bald hier, bald dort leichte Wattierungen, graugelbe schalldampfende Masse, die Decke tiefer gezogen und unterspannt, birgt das Zimmer, wie es scheinen will, kaum eine Sehenswürdigkeit, nur Stuhle und Notenpulte, ein größeres für den Kapellmeister. Und durch nichts scheint die dickrote Schrift an der schweren eisernen Tur „Eintritt strengstens verboten!" gerechtfertigt zu sein. — Wäre nicht in jenem Raume auch o phon, jenes so außerordentlich feine Gebilde, das den Luft- und Sprachhauch des Menschen auffängt unb ihn roeitergibt. Wie ein Heiligtum wirb es bewahrt. Hinter verschlossenen Türen, doppelt geschützt durch Sicherheitsschlösser, sind die Apparate ausgestellt, die m unmittelbarer Verbindung mit dem Mikrophon im Aufnahmeraum stehen, in denen und mit deren Hilfe schließlich der menschliche Laut und der Ton der Instrumente ausgezeichnet und festgehalten werden kann Em Verstärker vergrößert die Bewegungen, die Schwingungen der Lust, die durch die Geräusche hervorgerusen werden. So erst wird es möglich, die Bewegungen der Luft, die im Mikrophon aufgefangen sind, sichtbar werden zu lassen, lieber eine Schalldose führt der Weg, die Schallschwingun- gen werben in elektrische umgesetzt unb schließlich zeichnet ein besonders sein konstruierter Stift die Schwingungen der Töne auf eine rotierende abgespielt, auf Richtigkeit und Klangschönheit geprüft und etwaige Fehlerquellen bei der nächsten Aufnahme auf diese Weise ausgeschaltet. Ist bann endlich eine reine unb schöne Aufnahme gelungen, so wird . die Wachsmatrize auf galvanoplasttschem Wege abgezogen unb eine i Kupsematrize tritt an ihre Stelle. ‘ Das ganze Verfahren von der Ausnahme bis zur Fertigstellung der Matrize ist vom Herstellungsprozeß der Platten und Maschinen völlig getrennt. Ein besonderer Aufnahmeleiter überwacht die Konzerte vor dem Mikrophon. Besondere Ingenieure beaufsichtigen den Ausnahmegang vom Mikrophon bis zur Wachsplatte, und wieder besondere Chemiker leiten den Abzug der Kupferhaut von der Wachsmatrize. Eine außerordentlich genaue und strenge Ressorteinteilung soll nicht nur ein konzentrierte» : Arbeiten ermögl chen, sondern vor allem auch vor einer zu genauen \ Kenntnis des Gesamtaufnahmeprozesses, der naturgemäß bei jeder Herstellerfirma ein anderer ist, schützen. Die Gefahr einer Konkurrenz inner- i halb des eigenen Betriebes wird so ausgeschaltet, das ungemein kompli- \ zierte Verfahren vor unberufenen Augen gesichert ! Das Gebäude, in dem die Platte ihrer Vollendung entgegengeht, ' mutet uns nicht wie eine Fabrik an. Ein großer, architektonisch schauer i Bau, eher einem Privatsitz vergleichbar, empfängt uns. Ein kleiner Teich ! lagert sich anmutig davor, die Halle weiß, Marmorboden und Marmorsäulen, die Türen aus edlem Holze. Auch hier noch glaubt man nicht in einer Fabrik zu fein, mit hunderten von Arbeitern, hätte man nicht draußen am Eingang die Kontrolluhren gesehen, dränge nicht dumpf hinter einer Glaswand hervor das gleichmäßige Stampfen der Ma- schinen, fühlte man nicht leise das Zittern der Kessel unb Pressen. Dann aber roanbelt sich das Bild. Alles ist Arbeit. Schäumende Kessel, hämmernde Maschinen, schmutzige Gestalten, rastloses Hin unb Her, Rasseln von Ketten, bas Geräusch der fallenden Steinmasfen, das Knirschen der Mahlwerke, das Zischen des Dampfes. Die Müllerei. Hier wird das Rohmaterial für die Schallplatten gemahlen, hier der Schellack, dort der Schwerspat, wieder in anderen Mühlen werden alte Platten zerkleinert, die als Zutat für die Rohmasse der neuen besonders gern ver- ■ wendet werben. In Siebmaschinen wirb bie pulvrige Masse gesiebt. Misch- : Maschinen vermengen die Rohstoffe, Farbe wirb hinzugetan unb schlieh- ■ lich in einem, mit' Dampf geheizten Walzwerk die Pulvermasse, nachdem der Schellack geweicht wurde, geknetet. In Kalanbermaschinen walzt man . die Masse aus. lieber einen Kühltisch wanbert sie, und kurze Zeit jpater liegt der nunmehr wieder gehärtete Rohstoff in dünne quadratische stucke gebrochen, zu Haufen geordnet. Das Material für bie Plasten ist so fertig« ■ ^Inzwischen ist von der Wachsmatrize auf galvanoplastischem Wege als : Arbeitsmatrize ein Kupferabzug hergestellt worden. Diese Kupserhaut ist ; das Negativ der Wachspla11e, zeigt also deren Vertiefungen er- : haben. Sie ist es, die zum Pressen der Hunderte unb Tausende von Pim- ten benutzt wird. Zuweilen allerdings wird von jeder Kupsermatrize noch- ’ mals ein Wachsabzug angefertigt und von diesem wiederum eine zweit« ; Kupferhaut abgezogen, die dann als Arbeitsmatrize dient, während der erste Abzug als kostbares unb oft unersetzliches „Original aufbe- ’n°3n “einer besonderen Abteilung sind die Kupferplatten inzwischen sortiert und kontrolliert worden, die Etiketts aus dem umfangreichen Lager das etwa 1000 Stück von jeder Nummer enthält, herausge,ucht i unb vor allem die Kuppelung der beiden Schallplatten sestgestellt. Denn ! jede Schallplatte ist in Wirklichkeit eine Doppelplatte mit verschiedenen Stücken oder Fortsetzungen auf der Ober- und Unterseite. (Eine nur einseitige Bespielung wird kaum mehr vorgenommen.) Die jo gekuppelten beiden Kupfermatrizen wandern bann in bie Presserei Aus besonders konstruierten Wärmetischen wird das Material vorgewärmt, darauf die Kupferplatten in die Presse gespannt, die zweiteilig, zugleich Oder- unb Untermatrize enthält, die Etiketts werden aufgelegt, der schmutzige Teig schließlich noch einmal mit der Hand kurz burchknetet und um einen Stachel in der Mitte der Presse geklebt. Ein Hebelgiiff, ein Druck- mit höchstem hydraulischem Druck werden die beiuen Malrizen gegen die Plattenmasse gepreßt, bie sich auseinanberbreitet Bereits nach einer Minute sind bie Kurven und Linien der Kupfermatrizen aus bie neue Platte übertragen, die nach einer kurzen Kühlung spielsertig ist. Tausende und Abertausende (etwa 20 000) werden so an einem Tage in dem weitem Raum, in dem die endlose Reihe der Pressen steht, fertig- ^Diefer maschinellen Rohverarbeitung folgt der Verfeinerungsprozeß, das Abschleifen der zackigen, bie Glättung, Säuberung unb Politur, zumeist bie Arbeit von Frauenhänden. . In anderen Sägereien stehen die S p r e ch m a s ch i n e n, die kleinen Sofferapparate, bie großen Zimmer-, Tisch- unb Stanbgrammopboiie. Etwa 100 Sprechmaschinen werben täglich fertiggefteUt. Allerdings geht nicht der gesamte Herstellungsprozeh in jener Fabrik vor sich. Die Einzel- teile aus den verschiedensten Ursprungsländern unb Fabriken, auch aus Einzelwerkstätten, werben nur zusammengebaut. In sieben Stationen werben bie entstehenben Platten, in etwa eben» sovielen die Sprechmaschinen revidiert, wird ihre Richtigkeit unb Sicher- heit, ihre Gleichmäßigkeit geprüft. In einem kleinen Raum bann erfolgt die letzte Kontrolle. ... ...... Von Glaswänden rings umgeben sitzen einige junge Mädchen. Immerfort spielen die Grammophone, immerfort dieselben Stucke, immerfort auf einer anderen Platte, immer vorn Anfang bis zum letzten i Ton Tag um Tag. Das Gehör der Prüferinnen muß auf das feinste ausgebildet fein, jede, auch die leiseste Schwankung, jedes Stolpern ober . Anhalten, jede Unreinheit und jedes Verwischen anmerken, damit etwaige i Fehlplatten vom Versand zurückgehalten werden. Es muß von ihnen vor allem auch festgestellt werden, ob alle Platten die notwendige Intensität des Tones Haden, denn auch die Kupfermatrize verliert einmal an Kraft i und Wirkung, unb etwa nach dem zweitausendsten Abzug ist es ratsam, t eine neue Matrize herzustellen. Wachsplatte. . . , Hier findet sich dann die ganze Skala der Töne eingraviert, jeder einzelne kenntlich an den nur ganz geringen Ausschlägen, die der Stift beim Bezeichnen der Platte eingeritzt hat. , _ , Man pflegt für Platten von 30 Zentimeter Durchmesser eine Aufnahmedauer von etwa fünf Minuten anzusetzen. Ader bis bas im Aufnahmeraum gespielte oder gesungene Stück wirklichkeitstreu in all feinen Feinheiten, mit all seinen Schattierungen und Nuancen endgültig auf der Platte verewigt ist, muß manche Probeaufnahme vorausgehen. Die Entfernung des Aufzunehmenden vom Mikrophon muh in immer neuen Versuchen variiert, Experimente über bie anzuwendenbe Verstärkung veranstaltet werben. Fünf bis sechs Probeausnahmen finb gang unb gäbe. Ader auch ein Dutzend Versuche sind keine Seltenheit. Die Auszeichnungen auf der Platte werden auf einem besonders konstruierten Apparat sofort