GehenekZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1928 Vienstag, den 2. Gitsber Nummer 19 Herr von RibbeÄ auf Ribbeck. Von Theodor Fontane. Ribbeck auf Ribbeck im HavMand, ton Birnbaum in seinem Tarten stand. Und kam die gvidne Herbsteszeit. Und die Birnen leuchteten weit und breit Da stopfte, wenn's Mittag vom Turms scholl Der von Mbbeck sich beide Taschen voll. Und kam in Pantinen ein Jung« daher. So rief er: „Junge, wist 'ne Beer?" Und kam ein Mädel, so rief er: „Lütt Dirn, Kumm man röwer, ik hew 'ne Birn." So ging es viel Jahre, bis lobeiam, Mbbeck auf Ribbeck M sterben kam. Er stchits sein Ende, 's war Herbsteszeist Wieder lachten die Birnen weit und breit. Da sagt von Ribbeck: ,Jch scheide nun ab, -Legt mir eine Birne mit ins Grab." Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachbaus, Trugen von Ribbeck sie hinaus. Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht Sangen: „Jesus, meine Zuversicht", Und die Kmder klagten, das Herze schwer, „He is dod nn. Wer giwt uns nu 'ne Beer?" So klagten di« Kinder. Das war nicht recht, Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht, Der neue freilich, der knausert und spart, Halt Park und Birnbaum strenge verwahrt; Aber der alte, vorahnend schon. Und voll Mißtrauen gegen den eigenen Sohn, Der wußte genau, was damals er tat, Als um eine Birne ins Grab er bat, Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus. Und die Jahre gehen wohl auf und ab, Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab, Und in der goldenen Herbsteszeit Leuchtet's wieder weit und breit. Und kommt ein Jung übern Kirchhof her, So flüstert's im Baume: „Wiste ’ne Beer?" Und kommt ein Mädel, so flüstert's: „Lütt Dirn, Kumm man röwer, ik gew di 'ne Birn." So spendet Segen noch immer die Hand Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland. irein!" Die Wasserkur Bon Alfred Bock. „Mo rjen, Frau Rätin!" „Morsen, Herr Doktor!" »Ast Amandus zu Hause?" ’k er ist auf der Bibliothek. Treten Sie doch näher." ,..~°'tor' der die Tür nur ein wenig geöffnet hatte, schob seine ^i'erfulle behutsam durch den Spalt und steuerte auf den Plast zu, den 'N die Statut anwies. »Am Vertrauen gesagt, Frau Rätin —* »Nun, Herr Doktor?" »Amandus war bei mir." "W° doch! Wann war er bei Ihnen?" „Gestern, in der Sprechstunde." bestätigt sich meine Vermutung, er muß sich sehr elend fühlen." "^oeaiis schließen Sie das, Frau Rätin?" „Es smd noch keine acht Tage her, da schwur er, auf dieser Welt werde Arzt mehr befragen »weil ihm doch keiner helfen könne." „aa, das waren seine eigenen Worte." "w dürfen das nicht so tragisch nehmen, Frau Rätin." ' „was halten Sie von seinem Zustand?" »amandus ist Neurastheniker. Alle Symptome deuten darauf hin." -Das,st sehr traurig." - beik^ V-r. er9ie besitzt und jetzt gleich etwas für sich tut, bürge ich »ich" "'"Ligen körperlichen Verfassung dafür, daß er wieder gesund dem Arzt hat man kein Geheimnis. Ich muß Ihnen kummervoll hier im Hause geht das mit Amandus nicht mehr so weiter. ,Er fuhr, im Grunde war über klar zu sein, welchen Beruf er“ en gewähren. Den „Einjährigen" in der. Söhne in Frankfurt a. M. ein, die Handlung zi faßte ssch mit dem Vertrieb ätherischer Oele und hatte an mehrer« paischen Handelszentren Zweigniederlassungen. Der hoffnungsvolle junge Kaufmann schien da vortrefflich untergebracht. Nach einem halben Jahre erschien Finkhoff senior selbst bei der Rätin. Sie sah den langen, Tillr und ich gebrauchen die größten Rücksichten gegen ihn. An seinem ^beitsZlMmer schleichen wir nur auf de» Zehen vorüber. Das geringste Geräusch macht ihn wütend. Wir verpflegen ihn mit aller Sorgfalt, allein t £aufi-9t°rl' £QVr bei Tisch keinen Bissen berühr" Da sitzt man dabei und weint sich die Augen aus dem Kopf. Und nun diese Cb-be srem Estchere Sie, man muß jedes Wort bei ihm ai.fb.e Waagschale legen. Wir zittern vor ihm, wir sind förmlich angcjtcat — „Vergessen Aufgabe, mit gessen Sie nicht, Frau Rätin, er ist krank, und es ist eine schwere :, mti solchen Patienten auszukommen." , .. dauert mich furchtbar." Aber fragt man ihn teilnahmooll: „Was fehlt dir? so antwortete er höchst aufgebracht: „Nichts, gar nichts" h» ra§ln Sie ihm bei der ersten Gelegenheit, Imandus, du stehst blühend, du stehst prächtig aus', ich bin sicher, er wird den Spieß umkehren und Ihnen hundert Krankheiten aufzählen, die ihn peinigen? „Gott weiß, was das geben soll. Und an dem ganzen Unglück ist memer Ansicht nach nur diese verhängnisvolle Geschichte der Rutschen Romans im achtzehnten Jahrhundert schuld." „Wie lange arbeitet er an dem Buch?" Jahre und. denken Sie, Tag für Tag vier bis fünf Stunden." "®as bann allerdings einen Riesen herunterbringen." „Was haben Sie ihm verordnet, Herr Doktor?" „Sechs Wochen Wilhelmsbad." „Asso kaltes Wasser —" "Rm bcfLÜte' Frstu Rätin tone leichte, vernünftige Wasserkur." „Will er denn wirklich reifen?" „Er hat mir's versprochen." „Na, ich glaube noch nicht daran, er ist so entschlußlos." "Ä ihm in aller Ruhe und Freundschaft den Standpun» klar« herausmuß »Wei i baB er unbedingt aus dem gewohnten Gleis« „Ich bin Ihnen jedenfalls sehr dankbar, Herr Doktor " „Ich gebe Amandus einen Brief mit an den dirigierenden Arzt. Sorgen «ie nur dafür, daß er keine Bücher mitnimmt." „Das überwacht Tilli." , t »Unö verraten Sie mit keiner Silbe, daß ich hier war. Er vermutet sofort em Komplott, macht uns einen Strich durch die Rechnung und bleibt am Ende hier!" „Ich werde schweigen, Herr Doktor." , -He brauchen gar nicht so schwarz zu sehen, Frau Rätin. Ihr Sohn A'A. d dem Grave zuwanke? Habt ihr etwa einen Begriff von Platzfurcht, Schwindel, Kopfdruck, Augenflimmern, Lähmungserschernungen und ob- Ater Schlaflosigkeit? Das find so ein paar Kleinigkeiten, die sich bei mir in ^UnbTr "ijat runs1 feinen 'Ton feiner Leidenslitanei worgcfungen, (iebe Tante," sagte Tilli; „das nenne ich Heroismus. (Fortsetzung solgt.) „Warte, du Schalk! T „Willst.du ihn denn allein reisen lassen, Tank.? , ©nmm mir ieiit nur nicht mit Quertreibereien, du Tollkops. _ "iS beiseite! Ich habe so ’ne Ahnung daß unserem Peter vchle- midl feine Unbeholfenheit wieder einen Streich spielt. ^Das sind Hirngespinste. Ich bin noch gar nicht sicher, ob er überhaupt gehen wird —" Still Tante, er kommt! _ Gleichzeitig mit dem Dienstmädchen, das die Suppe au,trug, trat ffchLin' ^ erheben. °Er Var ekn der Amandus Auf der langen Rückfahrt grübelte er darüber nach, womit er sich die Gunst des Grafen verscherzt haben könne, und kam endlich zu dem Ergebnis, datz er das Opfer einer Intrige geworden fein muffe. In der Heimat fand Amandus feine Mutter in gehobener Stimmung. Die Ratm hatte in der Landeslotterie einen ansehnlichen Treffer gemacht, und nut den Banknoten, die der Kollekteur auszahlte, kehrte w,e zu Lebzeiten des Amts- gerichtsrats die forglofe Behaglichkeit ms Haus zurück Amandus lock e die akademische Tätigkeit. Ev habilitierte hch an der Universität und hatt^ von ^vornherein die Genugtuung, sein Kolleg über deutsche LiLeraturge- schichte des achtzehnten Jahrhunderts gut besucht zu sehen. Man eröffnete ihm vertraulich, sobald er sein groß angelegtes Werk, die Geschichte des deutschen Romans im achtzehnten Jahrhundert abgeschlossen, werde die Professur nicht mehr lange auf sich warten lassen. Em empsindlicher Mangel an vernunftgemäßer Lebensführung und Zeiteinteilung verleitete ihn, sich über Hals und Kopf in die Arbeit ZU stürzen. Aber sein Nervenapparat ließ sich nicht ungestrast so schnöde mißbrauchen und kun- diate seinem Herrn und Gebieter den Dienst. Dieser sah sich nach drei Jahren anstrengenden gelehrten Schaffens aufs neue von all den beunruhigenden Erscheinungen gequält, die dem Examenskandidaten schon die Freude am Dasein vergällt hatten. Es war hohe Zelt, daß er dem ermatteten Körper Ruhe gönnte und im nahen Gebirge die Heilkraft des Die Rätin tiefe sich erschöpft auf ihren Sorgensessel nieder, der, wie unwillig" über die Last, die ihm aufgebürdet wurde, in allen Fügen knisterte und knarrte Alte halblaut vor sich hin und ein Lächeln umlpielte ihren Mund. „Ein lustiger Zeisig und ganzmeiner seligen Schwester Ebenbild. Immer fidel, das Madel, und hat doch auch !chon seine fünfundzwanzig hinter sich. Na, es »st ihr freier Wille. .tret regel« rechte Körbe hat sie ausgeteilt und paßt ihr immer noch keiner, «o lang sck lebe kann sie wohl auftrumpsen. Aber wenn ich die Augen Zumache, steht sie' mutterseelenallein in der Welt. Und der Schwager hat mir aus dem Sterbebett den Wildfang auf die Seele gebunden. An dem Aman- I das wird sie gar keinen Halt haben. Das macht mir auch Kopf- Waffers erprobte. Unter schweren Gedanken hatte die Rätin die Wohnstube in Ordnung gebracht. In warmen Wellen drang die linde Spätsommerluft durch die weit geöffneten Fenster herein. Ein Sonnenstrahl huschte neckisch über der Greisin welkes Gesicht, das in seiner edlen Form noch unverkemibar die Spuren einstiger Schönheit trug. Bom Eßzimmer her klang Tillis heller Sopran. „Tante, spürst du nicht eine sanfte Regung?" „Nein, Kind." „Es ist Mittag." „Ich hör's läuten." „Tante, ich habe einen Mordshunger. Jelf könnte einem gebratenen Ochsen in meinem Magen Quartier geben." „Hast du weiter keine Sorgen?" „Ich werde den Tisch decken." „Tu das, mein Kind." Ohr hört. . , Allein in der Wüste des Hochmoors ... ~ ., , ., . Nor uns dehnt sch eine weite, fast baumlose Flache, gleich einem riesigen tebto(en Körper. Rot, grün und gelb sind die «« Warben Für sich allein genommen wirken sie eintönig, aber me tooi weiß etwas aus ihnen zu machen Wenn sie das Slot bcs und den Sonnentau mit ihrem Glanz umgib und das ihr ßicht taucht, dann geht ein Leuchten weit über das -"ioor. -toeiy und rote Blüten werden sichtbar, und Glöckchen von zartem R f bewert der letzte Wind. Bann ist das Sodjmoor fern toter Schläfer, Beben zeigt es überall, in allen Gründen und Schlünden. Aus unbestimmter Ferne tönt ein Ruf in die Stille dieser Moor- einsamkeit hinein, und noch einer. Klangvolle Summen ft d 5, dem Kranich gehören. Darum weiter, trotz aller HiNbeimge,, u« fahlgelben Gräben hier bilden, trotz Sonnenbrand und W ff Weiter dem lockenden Ruf nach! , . yn- Den Kranich in seiner ureigenen Heimat zu sehen, ist M n strengunq zu groß, kein Weg zu weit. Der Blick geht nach unten Moos ist niedergedrückt: ein Wildwechsel — und daneben noch Das sacht den Mut an: kommt das Wild durch, o kann man wagen. Und es geht auch ganz gut durch alle die gelben und gAvS Stellen. Die Sicherheit kommt mit der Dauer der Wandern Länge des Wegs im Moor. Also weiter, nur weiter' dem Tromp des Kranichs nach! Die Jungbirke in der Hand.dieser M°°rst«keng über gelbe und schwarze Stellen, und erweist sich als brauchbare jn Und der Blick geht über der Kruppelkiesern niederen Wuchs Y w i weite Ferne, bis er an einer Stelle im Sonnenglast haften i« dort tarn wohl der Ruf der stolzen Bogel. Da sinkt der K rp cr< lich. Es ist, als zogen ihn kräftige Arme hinab. Bon gch aus tönt ein leises Gurgeln: wie die Sprache der Moorgei ter le ge, ihr Opfer freuen ...Und der Blick, der nach unten geht, 3*8 w ringen Abstand vom Auge bis zur schwarzen Decke des jko 6en schon ergreifen die Hände die bargebotene Stange, -öejr oeffnungl I Fangarmen des Moors! Allmählich schließt sich die klaff spindeldürren Herrn, der sich wie schadenfroh unaufhörlich die ungeheuren Hände rieb, noch vor sich stehen. Verehrteste Frau Rätin," näselte er, „nehmen Sie mir um Gottes mitten den Amandus wieder ab. Der Junge ärgert mir sie Schwindsucht 7n den Hals Hat man so etwas schon erlebt? An einer lumpigen Faktura schreibt der Amandus einen halben Bormittag. Beim elnfachsten Geschäftsbrief aber schlägt er sich mit soviel Bedenken herum, daß er schließlich ganz den Faden verliert. Es ist um aus der Haut ju fahren. 2Birb sein Lebtag fein Kaufmann, der Amandus, der Silbenstecher. In dem steckt der leibhaftige Schulmeister oder sonst eine Große. Tut mir sebr leid aber ich kann ihn nicht gebrauchen, den Amandus. Einige Tage pater kehrte Amandus, der ein steinreicher Mann werden wolltesuruck . ^mer$en und streckte die Füße unter der Mutter Tisch. Die Ratm hatte nun mit > steckte dem Gmnnasialdireftor eine lange Konferenz. Die Folge davon roat, daß Amandus wieder auf der Schulbank Platz nahm um das Reifezeugnis i für die Universität zu erlangen. Ein rastloser Eifer tpeb ityn oorroarts. Nach zwei Schuljahren wurde er als ötubent ber Philologie und aW ©tipenbiat auf ber Landesuniversität immatrikuliert. Die Voraussage des Herrn Finkhoff senior war vollkommen richtig. Amandus bewahrte sich als tüchtiger Philologe, der seine Staatsprüfung „summa cum laude be= »and Die Rätin ließ sich mit mütterlichem Stolze zu den Erfolgen ihres Sohnes Glück wünschen, aber eine schwere Sorge bedruckte ihr Gemüt, j Die fieberhafte Hast, mit der Amandus seine Studien betrieben, batten feine Gesundheit erschüttert und alle Lebenskraft schien aus dem bleichen Lfuicbterncn Gesellen entwichen. Aufrichtige Freunde drangen daraus, Ut lang den Überreizten Kopfnerven Ruhe gönne und in der weiten Welt unter veränderten Lebensbedingungen sein Heil suche. Durch VermitUung des Rektors der Universität kam ihm der erwünschte Antrag, im Hause des Grasen Orlowski in Odessa eine Houofehrerstelle I Ihn «i Mil komischem P.ch°- >«., Literatur 'zu halten. Graf Orlowski lebte in Saus und Braus, und man | » ein lukullisches Mahl. Höre und staune! Tomatensuppe, chuhn mit wußte, bah er stark verschuldet war. Ueber kurz oder lang I Reis und zum Schluß eine delikate Zitronenspeise! Herz, was willst Wellen über ihm zusammenschlagen, nur ein „Coup konnte ihn retten. - Dazu war Komtesse Sonja auserfehen, die der gewissenlose Vater zwingen w7lltt,d7n Bewerbungen des 'reichen Setreidehändlers Dimitri Niwanoff Gehör zu schenken. , Cher papa," sagte die schöne Sonja, indem sie mit ihrer Reitgerte bie’ßuft peitschte, „ich bewundere Ihre Liberalität. Sie wollen Ihre Grasenfrone auf die Getreidesäcke des Herrn Niwanosf heften. Ich erkläre Ihnen jedoch, baß ich biesen scheußlichen Dimitri hasse wie die Sunde. „vv.„ .. Der einzige Mann, an dem ich bis jetzt Gefallen gefunden habe, ist unser | hem Gral Hauslehrer, Doktor Amandus Kittelmann!" 1 6 ^Unb Sonja wandte sich verächtlich von ihrem Vater ab. Der Graf gab unmittelbar darauf {einem Hauslehrer bett Laufpaß. Da ftanb ber I Hsr^sl ttlt HochM005. gute Amandus zitternd und frierend im Getriebe des Hafens ”0’} ^beff | Bon Edmund Scharrein. LhsVer Lanberung das Geleit gegeben hatte an uns oorbet Sann tauckt er zwischen Erlen unb Birken unter. Stille umfangt uns. vk Sprache des Wassers, diese geheimnisvolle Sprache ist alles, was das Msser steigt empor, trübes Wasser. Und kleine Bläschen irren an der Oberfläche unstet umher, bis sie zuckend vergehen. Seltsam klingt das leise Wispern aus schwarzer, unbekannter Tiefe. Wie ein Bedauern klingt's, daß das Moor/sein Opfer verfehlt hat. Es war eine der düsteren, inattglänzenden Stellen, in welchen sich das Moor am tückischsten zeigt. Aber da — da hat schon einer vor uns Erfahrungen gesammelt. Ein Mensch? Bewahre! Ein zweibeiniges Lebewesen, sofern es nicht Flügel hat, bleibt diesem trügerischen Moor fern. Was da den schwarzen ftumpfglänzenden Morast genarbt hat, ist ein Stück Wild gewesen. Aber seine Fährte ist nicht zu bestimmen. Tief sind die Schalen eingesunken, und ein ansehnlich Stück von den Läufen folgte hinterher. Das kleine Intermezzo ist vergessen. Aufwärts geht der Blick: ein Echreiadlerpaar zieht seine Kreise. Kein Flügelschlag ist sichtbar. Ein majestätisches Bild! Aber einen Ruf haben die beiden da oben für uns übrig. Laute sind es, die sich etnprägen und doch schwer zu bestimmen, durch unsere Sprache kaum auszudrücken sind. Etwas Helles, Frohlockendes liegt in dem Stimmenklang der stolzen Segler da oben. Rufen St uns ihren Gruß zu? Sie hätten am wenigsten Veranlassung, den tenschen, der dem stolzen und obendrein nützlichen Vogel so böse mit« gespielt hat, zu grüßen. Nur noch wenige Horste bewohnt er in deutschen Landen. Und hätte er in wackeren Jägern nicht aufrichtige Freunde, er wäre längst aus der Fauna gestrichen. Gelöscht, wie so viele. Höher steigen die kühnen Flieger, schrauben sich hinaus zu den weißen Wölkchen, die da vereinzelt am mattblauen Himmel stehen, bis sie in lichter Höhe als kleine Punkte erscheinen. Vor uns, wo die helle Mittagssonne in Moos und Forst Farben hervorzaubert und die heiße Lust flimmernd über hochgewölbten Moos- volstern tanzt, regt sich etwas. Aber das Auge müht sich vergebens. Nur die schmutzig-weißen Blüten des Wollgrases zucken unter den Stößen des Windes. Da ist eine Gruppe von Kiefern, die sich hier zu- sammengetan haben, zu gemeinsamem Kampf gegen die Tücken des Moors. Zwerghaft find sie im Wuchs und Aussehen. Gewunden sind ihre Stämmchen, vielfach verschlungen ist das knotige Gezweig, an dem hie gelblich-grünen Nadeln verdrossen hängen. Und doch haben sie ein hohes Alter, diese Kiefern- sind Greise, Moorgreise. Und wie die Sonne verschwindet und einen fahlen Streifen über die weite Fläche des Moors zieht, da treten plötzlich neue Farben hervor aus dem stumpfen (Brün und dem krankhaften Gelb der Bodenbewachsung. Zwischen den müden Greisen der Krüppelkiefern stehen kraftvolle Bewohner des Moors, oufgeftört aus wohliger Mittagsruhe. Elche ... verhoffend. Ihre Lauscher sind nach vorn gerichtet, die Lichter Hannen in Staunen an dem Besuch, ist doch der Mensch hier Mitten im Moor fast Unbekannt. Da kommt Bewegung in die starren Tiergestalten. Weiß leuchtet es in dem Grau und Grauschwarz der Decken, und in federndem Trott ziehen die Elche über das Moor. Zwei — vier — fünf. Wie sie die Läufe mit den harten Schalen setzen! Das Fahlgelb der Bodenbewachsung, das Stifter des unbekleideten • Moors, das jedem Lebewesen, das es nicht achtet, seine Tucke zeigt — ihnen bedeutet das alles kein Hindernis: Heimatboden ... Verschwunden sind die fünf zwischen zwerghaften Birken und Krüp- Pelkiefern. Und nur noch die kleine Unordnung im Gekräusel des Moores zeigt ihren Weg. An den Blänken. Eingebettet in Binseir, umgeben von dem erhabenen Schweigen dieser Mooreinsamkeit, liegen die Wasserbecken, die die Natur hier vor undenklichen Zeiten geschaffen hat. Und das unbewegte Wasser ruht und träumt von dem ewigen Einerlei der Jahrtausende. Aber auf einmal sind sie wieder da, die klangvollen Töne. Und bas Auge hängt an den Lustwanderern. Kraniche über den Blänken ... in stolzem ruhigen Flug. Bald steigen sie, bald fallen sie, dann brechen sie ab. Und überall herrscht Ordnung, und Sicherheit verrät die Haltung und jede Bewegung. Die können die Reise, die sie über ferne Länder und Meere bringen soll, wohl überstehen. Aber da nebenan der Flug — da hapert's noch mit der Sicherheit. Verschieden ist die Kopfhaltung, hier und dort pendeln die Stander, als müßten sie Mithelfen. Und die Alten wissen, was der Brut noch fehlt: sie sind mit den Lei- [tungen nicht zufrieden. Darum wird die Uebung fortgesetzt. Wieder eine Schwenkung, und noch eine, und dann kommt ein Abbrechen. Kurz - abgerissen und doch sich ins Ganze geschickt einfügend. Und jeder tritt bei diesem Flugmanöver aus dem großen Lustexerzierplatz deutlich hervor. Und jedes einzelne Glied zeigt seine Bedeutung, jede Feder, so bedeutungslos sie sich im Gefieder auch ausnehmen mag, erweist sich als heiser, erfüllt ihren Zweck. Ja, in einigen Tagen seid auch ihr soweit, daß ihr die weite Reise ^treten könnt. Dann wird bas Moor einsam und verlassen daliegen, bis euer klingender Ruf es in strahlender Frühlingssonne wieder zu neuem Leben erweckt. Kostspielige Tafe^freuden ... Eine gastronomische Plauderei. Von Carl Georg v. Maaßen. Es gibt weit mehr Leute, als man anzunehmen geneigt ist, die den «bert aller Dinge nach den Kosten bemessen, die ihr Erwerb verursacht hat Ein Gegenstand, der ihnen anfangs, wenn nicht gerade mißfiel, so M mindestens gleichgültig war, erweckt plötzlich ihr Wohlgefallen, fo= ??.!“ sie vernommen haben, daß er bei eventuellem Verkauf ein hübsches ournrndjen einbringen würde. Aus diesem Gesichtswinkel heraus finden ynbers Bilder und Teppiche ihre Bewunderer. Mir persönlich geht es allerdings umgekehrt. Der Besitz eines seltenen Buches macht mir nur die vis 8rcu&e, wenn ich den vollen Marktwert dafür bezahlen muß. k?1 "faser sonst so geliebte Gegenstand wird nach seiner Einordnung in .. öomnUung in der ersten Zeit nur mit halben, ja geradezu miß- bm । Wicken gestreift, und ich bin ihm beinahe böse, daß er so hoch ttin rr. worden war. Ebenso machen Sammlungen anderer Leute nen Eindruck auf mich, wenn ihr Zustandekommen ausschließliches Berdienst eines wohlgefüllien Geldbeutels ist. Mt unendlichem Wohlgefallen hingegen betrachte ich die oft imaginären Schätze jener kleinen, bescheidenen Sammler, die jedes Stück unter Hintansetzung ihrer dringendsten persönlichen Bedürfnisse erworben haben. Da strahlt sozusagen selbst bas unscheinbarste Stück einen Glanz aus, den ihm die Siebe feines Besitzers verliehen, der aber von Leuten, welche alles nach dem Preise taxieren, unmöglich wahrgenommen werden kann. Für diese Spezies Mensch scheinen mir nun auch gewisse historische Anekdoten aufbewahrt worden zu sein, die man vielleicht unter dem Titel „Märchenbuch für offene und verkappte Materialisten" einmal zu- fammenfaffen könnte. Für anders Geartete sind sie fast unverständlich, die nicht begreifen, warum man sie der Nachwelt überliefert. Ich serviere ein paar Proben, die ich der Historia gastronomica entnehme, da ich augenblicklich gerade auf diesem Felde pflüge. Wir zitieren natürlich zuerst den weltberühmten Schwelger L u c u l l u s, dessen einziges wirkliches Verdienst darin bestand, daß er die Kirschen nach Europa verpflanzte (und auch dies wird noch ernstlich in Zweifel gezogen). Er hatte in feinem Palast zwölf Speifefäle, deren jeder den Namen einer Gottheit trug, und die Nennung eines dieser Namen genügte dem Koch, zu wissen, wie hoch die Ausgaben für das dort zu veranstaltende Din« fein mußten. Eines Tages wurde Lucullus durch den Besuch sein» Freunde Cicero und Pompejus überrascht. Er gebot im Saale des Apollo auftragen zu lassen. Und das hieß, einen Betrag von nicht mehr und nicht weniger als dreißigtaufend Mark auf die Rechnung zu fetze«. Vom Kaiser C a l i g u l a erzählt uns Seneca, daß er einmal, um alle Genießer Roms gründlich zu beschämen, ein Gastmahl veranstaltete, das ihm zweiundeinhalb Tonnen Goldes kostete. Der Kaiser Vitellins, der in wenigen Monaten 66 Millionen Mark durch die Kehl« hatte verschwinden lassen, ließ eine Schüssel anfertigen, die unter der Bezeichnung „Schild der Minerva" als achtes Weltwunder gezeigt wurde. Ihr Inhalt war noch kostbarer als sie selbst, denn sie war mit Leckereie» gefüllt, deren Wert fick auf eine halbe Million Goldmark belief. — erus, der Mitregent des Antonius, gab einmal ein Herrenessen, da» nach Julius Capitolinus auf 40 000 Mark geschätzt wurde. Silberne und goldene mit Edelsteinen überjäte Pokale wurden dabei an die vierzehn Tifchgenossen verschenkt. — Die Mahlzeiten Hellogabals bestanden aus zweiundzwanzig Schüsseln. Seine Lieblingsgerichte waren Psauen- und Nachtigallenzungen und das Gehirn von Papageien und Fasane». Jede seiner gewöhnlichen Mahlzeiten kostete 30 000 Mark. — Der Schlemmer und Erfinder köstlicher Torten, A p i c i u s, der öffentlichen Unte* richt in der Schwelgerei erteilte, gab im Lause von fünf Jahren siebe« und eine halbe Million Mark aus. Als fein Vermögen auf etwa dreiviertel Millionen zufammengefchmolzen war, tötete er sich mit Gift, da er fürchtete, Hungers sterben zu müssen. — Der römische Schauspiel« Claudius A esopus, bei dem Cicero Unterricht in der Vortragskunst genommen hatte, gab feinem Kollegen Roscius ein Geburtstagsdiner mit einer Schüssel voll Nachtigallenzungen, die nach Plinius fast dreitausend Mark gekostet hatte. Diese zahlengespickten Anekdoten mögen den obenerwähnten Spezies recht „schmissig" (mir wird übel, wenn ich dieses Wort lese) vorkomme», wie jedoch ein mit gesunden Sinnen begabter Mensch sich bei solchen Zahlen irgendeine bestimmte Vorstellung von der Art dieser altrömische« Tafelfreuden machen kann, ist mir ein Rätsel. Aber es soll ja Leute geben, deren Empfindungen erst durch das Gewicht von Zahlen, sei es nun in Verbindung mit Mark oder Meter ober Kilo ausgelöst werden können. Da wo sich noch ein humoristisches Moment einmischt, will ich derartige Histörchen gelten lassen. Dazu rechne ich das Gastmahl der Königin Cleopatra, das sie zu Ehren des siegreichen Antonius gab, und wobei sie eine ihrer größten Perlen aus dem Ohrgehänge nahm, sie in Weinessig auflöste und bann die Lösung auf das Wohl ihres Gastes trank. Dieser Schluck repräsentierte einen Wert von zehn Millionen Sesterzien. Noch merkwürdiger ist allerdings, daß dies heroische Beispiel Nachahmer fand. Denn das Gleiche tat bei einem Festessen zu Ehren Heinrichs V. Sir Richard Whi11ington auf das Wohl seines Königs, und anno 1569 wiederholte sich dies seltsame Manöver zum drittenmal. Da hatte ein Uorker Handelsmann der Königin Elisabeth von England eine Perle von ungewöhnlicher Schönheit für 20 000 Pfund Sterling an- geboten. Sie war ihr zu teuer. Ein Londoner Kaufmann, Thomas G r o s h a m, kaufte sie, zerstampfte sie in einem Mörser, schüttete das Pulver in ein Glas Rheinwein und trank damit auf das Wohl sein« jungfräulichen Königin. Wollte ich in dieser Weise mein Garn weiterspinnen, so würde ich jetzt in das Mittealter tauchen und ein Füllhorn von Zahlen herausholen, die ich dann über den geneigten Sefer ausschütten könnte. Das einzig Bemerkenswerte an diesen ehrwürdigen Gastereien sind nämlich die schwindelnd hohen Zahlen der Unkosten und der Teilnehmer. Ein paar hundert Köche für ein paar tausend Gäste bedeuten noch gar nichts. Es geht ins Aschgraue, was man damals an Ochsen, Kälbern, Schweinen, Hammeln, Gänsen und Hühnern verzehrt hat. Alle Geschichtchen, die man sich von solchen Schmausereien erzählte, ehen aber einander so ähnlich wie ein Ei dem andern. Was sagt es chließlich dem Leser, wenn er erfährt, baß Richard II. in der Westm nfterabtei ein Fest gab, wobei zweitausend Köche für zehntausend Gäste zu sorgen hatten, ober daß der Erzbischof Albrecht von Bremen einmal in Hamburg fünfhundert Personen bewirtete, von denen eine jede bei jedem einzelnen Gange drei Gerichte vorgesetzt erhiett, also alles in allem sechzig Gerichte. Uns bleibt nur die traurige Erkenntnis, daß wir Nachfahren von heute so armselige kleine Mägen herangezüchtet Haden, die sich bereits um die eigene Achse zu drehen beginnen, wenn ihr Besitzer von derartigen gargontuesten Fressereien was zu lesen kriegt. Doch dem Himmel fei es gedankt, es gibt kostspielige Tafelfreuden auch nach unserem Geschmack. Allein, häufig genug sind fie so kostspielig, daß sie nur denen zugänglich sind, die zwar die physischen Mittel haben, sie zu erwerben, nicht aber die psychischen fie zu genießen. Das ist ein Kapitel jür sich. — Für uns arme Jnflationsopfer bleiben sie ab« eine Fata morgana aus Schlaraffenland, wir füttern nur unsere Märleinbuch für anaehen.de außerordentlich sorgfältige Durchbildung des Signalwesens den Begrisi Phantasie damit und sammeln sie für da ein. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch» und Steinbruckerei, R. Lange, Gieße ran.'wortlich: vr. Hans Thhriot. Das schwere Unglück vor dem Münchener Hauptbahnhof mit seinem ' ist unbegreiflichen Versagen des Signalwesens hat seinerzeit ein sehr unliebsames Aufsehen erregt und dürfte Anlaß geben, das gänzlich veraltete Signalsystem im Münchener Hauptbahnhof umzugestalten. Daß ein solcher Versager gerade im Eisenbahnbetriebe möglich ist, der durch seine Verriegelungen in der Technik „Narrensichere" Schutzmaßnahmen. Von Dipl.-Jng. vr. A. Hamm. der Verriegelung in der Technik erst eingeführt und eine sehr weitgehende Ausbildung solcher Vorrichtungen veranlaßt hat, ist eigentlich merkwürdig. An und für sich darf bei der Eisenbahn für einen Streckenabschnitt, den sog. Block, das Einfahrtsignal erst dann gezogen werden, wenn das Ausfahrtsignal sich hinter einem ausfahrenden Zuge geschloffen hat, damit nie gleichzeitig zwei Züge auf einem Block sein können. Um das zu erzwingen sind Einfahrt- und Ausfahrtsignale miteinander verriegelt, d. h. es ist unmöglich, beide gleichzeitig aus freie Fahrt zu stellen. Das wird dadurch erreicht, daß im Stellwerk die Hebel, die beide Signale bedienen, j0 angeordnet sind und solche Vorsprünge oder Aasen tragen, daß sie sich gegenseitig in der Bewegung hindern und nur die zugelassene Bewegung überhaupt möglich ist. Der menschlichen Nachlässigkeit und Unvollkommenheit ist damit die Möglichkeit genommen, Unheil anzurichten. Daß solche Verriegelungen im Stellwerk des Münchener Hauptbahnhofs noch fehlten, erscheint kaum glaublich, da sie sonst im Eisenbahnbetriebe durchgängig Aber nicht nur im Eisenbahnsignalwesen, sondern in der ganzen Technik spielen Verriegelungen ähnlicher Art eine große Rolle. Alle unsere modernen technischen Anlagen sind derartig kompliziert, daß der einzelne z» leicht die Uebersicht verliert und, sei es aus Leichtfertigkeit, sei es aus verzeihlichem Mangel an Ueberblick, irgendeinen Fehlgriff tun kann. Die Kenntnis dieser Sicherheitsvorkehrungen ist noch wenig verbreitet. Bor wenigen Jahren erschien im Feuilleton einer der größten deutschen Zei- hingen eine Novelle, in der geschildert wurde, wie der verliebte Schalt- tafelwärter eines Elektrizitätswerkes in seinem Liebeskummer einen Schallhebel verkehrt herum einlegte und den Starkstrom in eine Kolonne von Arbeitern jagte, die draußen auf der Strecke arbeiteten. So etwas ist in Wirklichkeit unmöglich. Zunächst einmal sind alle Schaller in den Hochspannungsanlagen doppelt ausgeführt. Die Hauptschalter liegen unter Oeh und da man ihre Lage nicht unmittelbar erkennen kann, wenngleich sie Einstellmarken tragen, jo hat man noch zur besonderen Sicherheit die sog. Trennschalter eingeführt. Das find einfache Schaltmesser, die nicht unter Del, sondern in der Luft liegen und daher deutlich gesehen werden können. Wenn an einer Leitung gearbeitete werden muh, so wird diese Stelle durch den Oelschalter ausgeschaltet, und dann werden die Trennschalter gezogen. Mann sieht dann deutlich, daß die Leitung abgetrennt ist. Um sie wieder einzuschalten, bedarf es nicht eines, sondern mehrerer Handgriffe. Dazu kommt noch, daß vorschriftsmäßig eine Leitung, an der gearbeitet wird, kurzgeschlossen und mit der Erde verbunden wird, so daß es auch nichts schadet, wenn durch irgendwelchen Zufall Strom hineingerät. Der Kurz- schluß hätte zur Folge, daß der automatische Schalter der Leitung sie unmittelbar wieder ausschaltet.; also auch der verliebteste Schaltwärter könnte kein Unheil anrichten. Eine weitere Sicherung bietet auch noch die Verriegelung zwischen Oelschalter und Trennschalter. Mit dem Trennschalter kann man eine solche Leitung nämlich nicht ausscholten, weil sich in der Lust ein riesiger Lichtbogen bildet und möglicherweise das ganze Schalthaus zerstören würde. Um auch ein versehentliches Ziehen des Trennschalters bei eingeschalteter Leitung zu verhindern, ist er mit dem Oelschalter jo verriegelt, daß er nur geöffnet werden kann, wenn der Oelschalter zunächst geöffnet ist. Andererseits kann er nur wieder eingeschaltet werden, wenn der Oelschalter noch offen ist, so daß die Leitung endgültig durch den Oelschalter wieder eingeschaltet werden muß. Das ist ein ‘gutes und einfaches Beispiel für Verriegelungen. Aber auch in den Schaltanlagen selbst sind Verriegelungen üblich und in großem Maße eingeführt. Hierin gehen namentlich die Amerikaner jehr weit, die von jeder Anlage fordern, daß sie „fool-proof" fei, „narrensicher", daß aljo auch der Dümmste kein Unheil anrichten kann. Ein Unheil, wie es in elektrischen Schaltanlagen nicht ganz selten ist, besieht darin, daß jemand in die Hochspannungs-Schaltanlage mit einer seiner Gliedmaßen hineingerät. Um das zu verhindern, ist die Anlage nach dem Gang zu durch Gitter ober Türen abgeschlossen. Run müsien sich solche Gitter und Türen aber aufschließen lassen, beim man hat boch auch einmal in der Anlage zu tun. Dazu soll sie aber erst spannungslos gemacht b. h. ausgeschaltet werden. Ob das immer geschieht, kann man sugbch bezweifeln, da gerade diejenigen Leute, die am meisten mit der Gefahr zu tun haben, am leichtfertigsten damit umgehen. Deshalb werden in neueren amerikanischen Schaltanlagen die Schlüssel zu diesen Türen in einem bejonderen Schränkchen aufbewahrt, das mit der Schaltanlage derartig verriegelt ist, daß es überhaupt nur geöffnet werden kann, wenn die Schalter offen, also ausgeschaltet sind. In geschlossener Schaltersm- (ung liegt vor der Schranktür einfach eine mit dem Schalter verbmioene aber isolierte Stange, die die Tür zuhält. Nun könnte man ja die Schlussel gar nicht wieder in das Schränkchen tun und so die Verriegelung umgehen. Auch dagegen ist eine Sicherung vorhanden. Die Schlussel werden nämlich nicht aufgehängt, sondern eingesteckt und herumgedreht. Ul* wenn sie herumgedreht sind, läßt sich die Tür des Schränkchens wiese- schließen und damit auch die Hochspannungsschalter. So ist es nach menscy- lichem Ermessen verhindert, daß jemand in Gefahr kommt. Auch auf anderen Gebieten der Technik findet man ähnlicye langen. Zahlreiche Maschinen, die dem Bedienenden Gefahr bringen, pn mit Schutzvorrichtungen versehen, die aber von den Arbeitern, die sie der Arbeit hindern, sehr gerne entfernt werden. Deshalb sind diese Vorrichtungen häufig mit dem Antrieb der Maschine derartig verneg , daß es nicht möglich ist, sie in Gang zu setzen, ehe nicht die «.W,,,. Achtung an ihrem richtigen Platze ist. Gleicher Art ist d>e Vernege ,8- die jeder von den Personenaufzügen her kennt. Solange nicht alle n, geschlossen sind, können sie nicht anfahren, was einfach dadurch err > wird, baß jede Tür beim Einfchnappen einen Kontakt schließ um Strom für ben Fahrstuhlmotor über sämtliche Kontakte fließen muss. allgemeinen haben sich berartige Verriegelungen vorzüglich benMin überall eingeführt. Ihnen steht in ber Technik noch ein weites bungsgebiet offen, je komplizierter und schwerer zu übersehen richtungen werden. Al- ich einmal infolge von Verarbeitung mit meinen Nerven am Ende war und meinem Körper eine Auffrischung gönnen wollte, enk- i«nn ich mich, in Brlllat-Savarins „Physiologie des Geschmacks das Rezept einer Kraftfuppe gelesen zu haben, die Tote wieder lebendig machen müßte. Im Vorgejchmack des zu erwartenden Genusses zog ich den betreffenden Band aus dem Regal. Ich las also: „Man nehme einen Kalbfuß im Gewichte von mindestens zwei Pfund, spotte ihn ber Länge nach in vier Teile und brate diese bis zum Braun - werden unter Hinzusetzung von vier zerkleinerten Zwiebeln und einer Handvoll Brunnenkreffe. Kurz vor dem Garwerden setze man drei Flaschen Wasser hinzu und lasse das Ganze zwei Stunden lang kochen, wobei man darauf achten muß, daß das verdampfte stets durch die gleiche Menge frischen Wassers ersetzt wird. Auf diese Weise erhält man eine gute Kalbjleifchbrühe, die man nur noch mäßig zu salzen und zu pfeffern hraud)t.* Na, bas wär' ja kein Kunststück. Aber o weh, da las ich mit einem stillen Entsetzen: „Gesondert hiervon zerstoße man in einem Mörser drei alte Tauben und 25 (fünfundzwanzig!) lebende Krebse und verbinde und röste dieses Gemisch. Sobald man sieht, baß bie Mischung gut durchgebraten ist, füge man die Kalbsbouiüon hinzu und unterhalte das Feuer noch eine Stunde lang. Die nun um so kräftiger gewordene Brühe seihe man durch und nehme nun morgens und abends zwei Stunden vor dem Frühstück und Abendessen, einen Teller davon. Es ist dies eine geradezu köstliche Suppe!" Jo das mußte sie fein! Sie möchte einen Lahmen wieder gehend machen! Aber fünfundzwanzig Krebse — und noch dazu im November. Ich resignierte. — Eine ähnliche Suppe erforderte neben unzähligen (feinen Zutaten einen alten Hahn, ober an feiner Stelle vier Rebhühner — ebenfalls im Mörser zerstoßen — zwei Pfund Rindfleisch u. a. r>azu eine Portion Ambra. Ich las in der Geschwindigkeit 20 Gramm und eilte in bie Apotheke, sie zu kaufen. Ich wurde blaß, als ich erfuhr, was ein Gramm Ambra kostet. Ich ließ ben Plan einer Kraftfuppe fallen, zu meinem Heile, denn später stellte ich fest, daß ich mich verlesen hatte: Nicht zwanzig Gramm, sonbern zwanzig Gran Ambra waren erforderlich gewesen. Und da bas alte Pariser Gran etwa 83 Milligramm beträgt, so kann man sich vorstellen, rote die Suppe mit 20 Gramm Ambra geschmeckt und gewirkt haben würde. Es stimmt heute nicht mehr, was Brillat-Savarin von ben reichen Leuten seiner Zeit sagt, nämlich, daß sie unausweichlich genötigt find, Feinjchmecker zu werden. Keiner würde heute mehr, wie die französischen Keneralpächter es taten, für bie erste Schüssel grüner Erbsen 800 Fran- ion bezahlen. Wenigstens ist es mir nie zu Ohren gekommen. Eher glaube ich, daß es in Paris heute noch eine ganze Reihe Leute geben wird, bie im Februar für ein Bündel Spargel vierzig Franken bezahlen. gn Gold natürlich. Wer wird nicht für eine ersehnte Rarität viel Geld ausgeben, wenn er es kann! Es gibt eine hübsche Geschichte vom Prinzen von «oubrse, demselben, ber durch bie noch ihm benannte Soße unsterblich geworden ist Dieser beabsichtigte einmal ein Abendessen zu veranstalten und verlangte den Küchenzettel. Der „Ches" überbrachte ihn selbst mit einem UeberMag. Der erste Posten, auf ben der Blick des Prinzen fiel, waren — fünfzig Schinken, — „Sind Sie von Sinnen, Bertrand!" rief er erschrocken, „wollen Sie mein ganzes Regiment bewirten?" — „O, nein, Monseigneur, es wirb nur ein einziger Schinken auf ber Tafel erscheinen, die übrigen neunundvierzig gebrauche ich zu meinen Espagnolles, meinen Monds, meinen Garnituren und —" „Du machst mich zum Bettler," unterbrach ihn der Prinz, „bie Schinken müssen gestrichen wer- ben." -- „Herr," sagte ber tiefgeträntte Künstler, „Sie kennen nicht die Hilfsmittel ber Küche. Diese fünfzig Schinken, bie Sie erschrecken, bringe ich in eine Phiole, bie nicht.dicker ist, als mein Daumen." — Der Prinz nickte nachdenklich und gab nach. Wer kennt beute noch einen Braten ä Fimperatrice? Unsere sparsame Zeit hat ihn lange von ber Liste gestrichen. Das Rezept selbst ist lehr einfach: Man nehme aus einer Olive ben Kern heraus und stecke statt dessen eine Sardelle hinein. Diese so gefüllte Olive wird in eine Leipziger Lerche eingefügt und die wieder in eine Wachtel. Die Wachtel wird einem Rebhuhn einverleibt und dies wieder einem Kapaun, der dann in einen Fasan gesteckt wird, wie weiterhin der Fasan in einen Truthahn. Dieser verschwindet in ein Schwein, das nun einem lebhaften Küchenftüer ausgesetzt wird. Dadurch vereinigt sich Saft und Kraft aller diejer edlen Geschöpfe, bis der Augenblick des höchsten Genusses heran- „aht. Welcher Barbar naht sich mit dem Messer, um die verschiedenen Stücke zu kosten? Steinl Fort mit dem Schwein, dem Truthahn, dem Fasan, dem Kapaun — mit allem hinaus aus dem Fenster — mit allem — bis auf die Sardelle, welche die Quintessenz ihrer sämtlichen Umhüllungen enthält. Diese Sardelle zu kosten ist ber höchste Genuß,- dessen ein Sterblicher teilhaftig werden kann. Und ich glaube, daß es eine kost- fpielerige Tafelfreude nicht gibt, wenigstens nicht für einen bloßen Gourmand, einen Sielefler, dessen Herz meinen wird, weil er auf all bie massiven Genüsse verzichten muß, nur um mit Anstand einen wahrhaften Gastrojophen heucheln zu können.