SichenerKnnilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (927 Samstag, den 3(. vezemser Hummer (0$ Zum neuen Jahre. Von I. W. von Goethe. Zwischen dem Alten, Zwischen dem Neuen, Hier uns zu freuen Schenkt uns das Glück, Und das Vergangene Heißt mit Vertrauen Vorwärts zu schauen, Schauen zurück. Andere schauen Deckende Falten lieber dem Alten Traurig und scheu; Aber uns leuchtet Freundliche Treue; Sehet, das Neue - Findet uns neu. So wie im Tanze Bald sich verschwindet, Wieder sich findet Liebendes Paar, So durch des Lebens Wirrende Beugung Führe die Neigung Uns in das Jahr. Zeit und Ewigkeit. Von D. Dr. Sibelius, Generalsuperintendenten der Kurmark. Um eine Philosophie der Zeit hat mancher der großen deutschen Denker sich bemüht. Man hat uns gelehrt, daß die Zeit im Grunde nichts Wirkliches sei, sondern nur eine Form unserer Anschauung, an die wir gebunden sind durch unsere Art zu denken und zu fühlen. Man hat uns gezeigt, daß die Zeit etwas Relatives ist und aller absoluten Wertungen spottet. Aber das entscheidende Problem, das die Zeit uns stellt, liegt nicht in der Ebene des Denkens. Die Zeit beherrscht unser ganzes Dasein. Die Maßstäbe, mit denen wir sie messen, können wechseln. Die Zeit, die für den einzelnen Menschen so schnell jagt, rollt mit majestätischer Langsamkeit ab, sobald wir den Blick ins Weite schweifen lassen. Gegenüber den ungeheuren Veränderungen, die das Weltall in Millionen von Jahren erlebt hat, bedeutet alles, was im Licht der Geschichte steht, etwas unendlich Geringes. Als die Berge sich emportürmten, die heute noch für die Menschen unbezwingbar sind, als die Meere ihre Grenzen sanden und die Eiszeit von den Ländern Europas wich, da war für ein Auge, das unsere Erdkugel von einem anderen Gestirn her beobachtete, eine Wandlung sichtbar. In den Jahrtausenden der Geschichte ist im Grunde genommen die Erde geblieben, wie sie war — so stolz auch der Mensch aus das sein mag, was er auf dieser Erde erreicht und gestaltet hat. Wer mit großen Zeitspannen rechnet, kann beim Jahreswechsel nur das eine sagen: die alte Erde steht noch, wie sie immer gestanden hat! Und doch arbeitet die Zeit unablässig. Sie formt unser Leben. Was sie in die Vergangenheit zurücksinken läßt, entzieht sie der gestaltenden Hand des Menschen. Nun gestaltet die Vergangenheit selbst, fest und starr geworden, das Leben der Zukunft. Denn die Geschichte ist ein Kapital, das sich dem Menschen darbietet zu seinem Gebrauch. Dies Kapital wächst mit jedem Jahr. Aber es birgt, wie alles Kapital, Segen und Fluch in sich. Und es will mit seinem Segen und mit seinem Fluch stärker sein als der einzelne Mensch und das einzelne Volk. Aus der Geschichte können Menschen und Völker lernen. Es stünde anders auf unserer Erde, wenn dies Lernen aus der Geschichte nicht so selten wäre. Aber die Geschichte kann den Menschen auch binden. Das Leben ist nicht ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Jeder einzelne und jedes Volk empfängt aus der Vergangenheit die Richtung und die Schranke seiner Zukunft. Wer Amerika und Europa kennt, weiß, wie tief diese Tatsache in das Leben eingreift. Drüben, jenseits des Ozeans, ein Volk, das keine Geschichte hat. Wer in Amerika ein Haus finden will, das länger als fünfzig Jahre steht, muß lange suchen. Man weiß dort nichts von den Schauern der Ehrfurcht, mit denen mir einen ehrwürdigen Dom aus dem Mittelalter betreten: hier haben Generationen ihre Sorgen und ihre Freuden vor das Angesichts des Ewigen gestellt! Hier hat man die Höhepunkte und die Schicksalstiefen der deutschen Geschichte durchlebt und durchlitten! Man weiß drüben nichts von den Gefühlen der inneren Verpflichtung, mit der eine begeisterungsfähige Jugend sich hineintastet in die Geschichte ihres Volkes! Unbeschwert von der Vergangenheit ist jeder Gedanke in die Zukunft gerichtet — mit einem Optimismus, über den die erfahrenen Völker Europas nicht selten lächeln müssen. Ganz allmählich erst wacht drüben die Erkenntnis auf, daß selbst eine Geschichte von 150 Jahren schon Geschichte ist, die die Zukunft bindet und längst nicht mehr für alle Träume die Möglichkeit der Verwirklichung bietet. Europäische Völker sind anders gestellt. Sie stehen alle unter der Wirkung der Geschichte. Sie mögen, wie das englische Volk, in der Geschichte ihres Landes die Bürgschaft sehen für eine ruhige, gesicherte Zukunft. Sie mögen, wie die Völker des Ostens, in der Bergangenheit ein dunkles Mittelalter sehen, dem nun erst die Zeit der Freiheit folgt Für das deutsche Volk bedeutet die Vergangenheit eine Ausgabe, eine schwere Aufgabe. Die Tage äußeren Glanzes können wir nicht vergessen. Auch für uns ist die Geschichte die Bürgschaft einer Zukunft. Und doch spüren wir täglich, wie diese Geschichte unsere Möglichkeiten einschränkt, wie die Lasten der letzten Vergangenheit auf unseren Schultern drücken und den Weg in die Zukunft einengen. Am Horizont der Zukunft stehen tausend Fragezeichen, die der Blick auf die Entwicklung im Osten immer von neuem deutlich hervortreten läßt. Es liegt wie ein Anflug von Müdigkeit über dem deutschen Volke. Was können wir von der Zukunft noch erwarten? Dieser Anflug von Müdigkeit liegt nicht minder über Millionen von einzelnen Menschen. Heute geht es ja noch! Hat auch eine leichte Vergangenheit schwerer Zeit Platz gemacht — heute geht es ja noch! Aber was wird morgen fein? Der deutsche Jüngling schisst nicht mehr mit tausend Masten in den Ozean. Er steht früh unter dem Druck schwerer Lebensbedingungen. Die nervöse Lustigkeit vieler Menschen ist im Grunde nichts weiter als ein verzweifelter Versuch, sich über Verhältnisse hinwegzutäu- schen, die die Vergangenheit gestaltet haben und die Zukunft unheilvoll hinausbestimmen. Und das Rad der Zeit rollt und rollt. Niemand kann es aufhalten. Vergangenheit Gegenwart, Zukunft — es ist eine dämonische Gewalt, die in dieser Kette der Zeit sich auswirkt Erlösung von dem Kreislauf der Zeit — das ist heute der Sehnfuchts- schrei Ungezählter. Das ist es, was der buddhistischen Lehre heute neue Anziehungskraft gibt. Sie verspricht Erlösung von dem Fluche der Zeit! Und doch bedeutet ein Versinken in ein Nichts, wie sie die buddhistisch« Religion am letzten Horizonte zeigt, keine wirkliche Erlösung. Erlösung ist nur da, wo der Mensch mitten im Ablauf der Zeit über die Schicksalsmacht der Vergänglichkeit Herr geworden ist. Nur wenn in die Zeit eine Ewigkeit hineinleuchtet, die dem vergänglichen Leben eine Seele gibt, und die das Beste, was das Leden birgt, der Vergänglichkeit entreißt — nur dann ist der Mensch Herr über das Wechselspiel von Vergangenheit und Zukunft. Nur dann kann er in den unablässigen Ablauf der Zeit mit Freudigkeit und Zuversicht fein Bestes hineinlegen. Hier liegt die Mission des Christentums für unsere Zeit. Aus aller Zeitangst herauszuführen zu einer ruhigen Sicherheit, die einer ewigen Zukunft gewiß ist — das kann allein der Glaube an einen Gott, der den Menschen zur Teilnahme an seinem ewigen Wesen gerufen hat. So grüßen wir das neue Jahr mit den Worten, die einst der Wandsbecker Bote, der ewig junge, geschrieben hat: „Wer den ewigen, unvergänglichen Dingen vertraut, der wird aus dieser Erde den Fuß in Ungewittern und das Haupt in Sonnenstrahlen haben, der wird hier unverlegen und immer größer sein, als was ihm begegnet“ Drs Iahrtausendbedeulung des Jahres 1928. Von Dr. Franz Lüdtke. Ob unsere Zeit Neigung verspürt, Rückschau zu halten in Epochen, di« weit, weit hinter der Gegenwart liegen? Wir sind schnellebig, auf den Tag eingestellt. Aber was ist der Tag? Die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Und wollen wir nicht der Zukunft leben? Sie aufbauen, meistern? Wir können es nicht, ohne uns Rechenschaft zu geben über das, was war, aus dem wir wurden. Richt um historischer Jubiläen, nicht um irgendwelcher Gedenktage willen lohnt es sich, in die Tiefen des Geschehens zu steigen. Geschehenes ist Schicksal. Aus dem, was je in Deutschland geschah, wuchs das deutsche Schicksal, mit dem jedes Geschlecht und so auch wir zu ringen haben. Wie lange die Vergangenheit zurückliegt, die Frage fällt für den wenig ins Gewicht, der weiß, was Schicksal bedeutet. Wirkungen sind, zumal wo sie auf ein ganzes Volk gehen, nie zeitgebunden. Die Vor- und Frühgeschichte ist heute noch in uns wirksam, der Kampf mit den Röment vor 2000 Jahren nicht weniger entscheidungsreich, als etwa die Befreiung vorn Joch Napoleons, der Dreißigjährige nicht unwichtiger als der Weltkrieg. Jede Stunde unseres Gegenwartlebens ist bedingt durch unzählige Einslüffe politischer und kultureller Art, die aus. der scheinbar toten, in Wahrheit ewig lebendigen Vergangenhett strömen. Deshalb erscheint in dein Augenblick, da ein neues Jahr über die Schwelle tritt, ein Rückbesinnen nicht bedeutungslos, selbst wenn es uns über ein volles Jahrtausend führt. Nach tausend Jahren wird man Rückschau auch über uns halten. Und wird urteilen, oder — verurteilen ... Wir haben vor kurzem die Tausendjahrfeier der deutschen Rheinlande begangen. Und da wurde es klar: es handelte sich nicht so um ein historisches Erinnern, als um eine politische Auswertung, um eine volks- ober völkerpsychologische Tat. Um Zukunft also, um Zukunftswillen zum mindesten, der aus dem Wissen um Volksgemeinschaft und volksgemein- schaftliche Vergangenheit erstand. Andere Stationen arbeiten ja mehr mit solcher Pädagogik als wir. Wie sah es vor tausend Jahren in Deutschland aus? Schlimmer, als es sich heute jemand vorzustellen vermag: die Deutschen zusammengedrängt in die Enge zwischen Rhein, Elbe und Saale; vom Westen die Franzosen, vom Norden die Normannen, vom Süden und Südosten die Ungarn, vom Osten die Slawen im Angriff gegen dieses Kleindeutschland, das zudem im Innern von den Parteiungen bruderfeindlicher Stämme zerrissen war. Das war das Erbe des zerbrochenen Karolingerreiches. Aber Heinrich I., Sachsenherzog und dann deutscher König, bedeutete d-e Wende. Er vermochte nicht mit einem Schlag das fast verblutete, ohnmächtige Land zu einem Staat zu gestalten; aber der Staatsgedanke, der Staatswille war da, und die Seibstbescheidung, eine wahrhaft' geniale Politik als „Kunst des Möglichen", die schließlich auch das scheinbar Un- nivgliche zwingt. Eine beispiellose Kleinarbeit war dazu nötig, auf große Gesten kam es nicht an, Es ist bekannt, wie dieser Staatsmann, Feldherr und militärische Organisator zur Abwehr der ungarischen Verwüstungen das Instrument der Kavallerie schuf. Diese Waffe aber, die sein Deutschland reiten sollte, wurde erprobt, vor eintausend Jahren. Erprobt in dem Kampf um die Zurückgewinnung der in der Völkerwanderung verlorengegangenen Ost- iande. Bewußt begann mit Heinrich I. die nun tausendjährige Ostmarken- poliük unseres Volkes, die zur Wiedereindeutschung des Volksbodens zwischen Elbe und Weichsel geführt und den Strom deutscher Hochkultur bis in die fernsten Weiten Osteuropas geleitet hat. Heinrich I. also ist die Wende zweier Zeitalter. Ob er selber es ahnte, als er 928 seinen Heereszug ins Wendenland unternahm, zu den Hevellern, und deren Haupt- burg B'ennabor eroberte? Dieser Kampf um die wendische Burg ist der Beginn einer weltgeschichtlichen Epoche. Viel zähe Kleinarbeit, Grenzkriege mit dem Vielerlei slawischer Völkerschaften, die zu Tribut und Huldigung gezwungen werden, im Havelland, in Meißen, in Böhmen (Prag). Grenz- ficherung, Burgenbau, Mission. Mit dem Ritterschwert wandert das Kreuz der Bischöfe und Mönche ins Heidenland. Dann folgen der Pflug und später das Gerät der Zünfte. Mit dem Staatswillen geht ostwärts die Kultur ihren Siegeszug. An allen Grenzen hat Heinrich I. gestritten, gegen Franzosen, Dänen, tlngarn. Aber die weltgeschichtliche Tat gelang ihm im Osten.' Er hat den deutschen Staat geschaffen, auch wenn es zunächst noch bei einem losen Föderalismus verblieb. Aber sein Sohn, Otto I„ konnte bauen auf bem, was ber Vater gewirkt: Staatspolitik, Ostpolitik, Kulturpolitik, Weltpolitik. Man hat ihn ben „Großen" genannt. Aber Heinrich verdient ben Namen mit nicht geringerem Recht ... Heinrichs unb Ottos Anfänge wurden ausgeweitet durch Heinrich den Löwen und die Deutschordensritter, durch die holländischen Deichbauer, durch die Fürsten aus wettinischem, askanischern, habsburgischem unb zol- >erschein Hause, durch die Kaufleute von Lübeck und Magdeburg, durch Priester und Bauern, Männer und Frauen, durch alle Stämme und Stande unserer Nation. Die Wiederaewinnung der Ostlande war das Jahrtausendwerk des gesamten deutschen Volkstums. 928 fing es an. Unb 1928 bekennen wir, wieviel von bem verloren ging, was in den tnufenb Jahren erreicht wurde. Große Gebiete ber Ostmark find roieber in •rember Hand, und ein Rückstrom vom Osten nach dem Westen hat eingesetzt, eine Million deutscher Menschen mußte die Heimat an Warthe und Weichsel, von Oberschlesien bis Memel verlassen, und in den Außen- bastionen deutscher Art kämpfen die Minderheiten um ihr völkisches Sein. 1928 — 928: eine wehmütige Schau! Aber bei der Wehmut darf es nicht bleiben. Ohne den Osten wäre das Deutschland der neuen Zeit nie entstanden; Preußen und Oesterreich sind Staaten auf Ostlandboden. Das Werk Heinrichs I. wurde ein Segen für uns; wir lassen es nicht, ehe nicht wiederum zum Segen für unsere Zukunft wird. Kalenderfonelt. Bon Sigismund von Radecki. Im Januar ist der Schnee noch neu unb weiß, im Februar tropft es schon auf alle Arten, im März kann man den Frühling kaum erwarten, so naß ist der April und doch so heiß! j Auf Knabenschritten in den Mai kommt leis - der Frühling dann und schläft im Junigarten. Im Julifeuer bräunen sich die Zarten; August ist eine Birne — nimm und beiß. Allmählich wird cs kühler im September, durch den Oktober fegt der Blättertanz, und endlich gar, wie traurig, ift’s November. Doch sind die Tage nicht so dunkel ganz: durch irgendeinen Türspalt kommt ein Glanz vom Weihnachtsbaum herein in den Dezember! Rund um den Kalender. Von Dr. Johannes Kleinpaul. . Das Jahresrund und die vier Jahreszeiten, das ist die Quadratur des Kreises; nie und nirgends stimmt das miteinander zusammen, Kompro- misse aller Ecken und Enden. Zunächst das Jahresrund. In alter, lateinischer Zeit, verglich man bas Lahr einer Spange, wie man sie zum Schmuck Über bas Fuß- unb Hcmb- gelenk schob, also offen mit zwei „Hörnern"; baher bie Bezeichnung: Hör» nung. Der erste Jahresmonat war, woran sein Name heute noch erinnert, bem Janus geweiht, dessen Doppelgesicht nach zwei Seiten chück- und vorwärts schaut. Jetzt ist uns bas Jahr — entsprechend dem „ewigen Kreislauf der Natur" — ein geschloffener Kreis, der fortwährend rundum läuft. Doch nicht — wir alle wissen es — in vollkommenem Gleichmaß. Dichtermund nennt bas Jahr eine Perlenschnur, die in „Gemeinjahren" 365 Tage zusammenfaßt, in jedem vierten (Schaltjahr) aber einen mehr, alle vierhundert Jahre (1600, 2000, 2400) wieder einen weniger (365), überdies die Tage — im Sommer unb im Winter, unb so eigentlich „von Tage zu Tage" — von ungleicher Länge. Die nächst-größte Gliederung: 52 Wochen, eine Zeiteinteilung, die wieder nicht gleichmäßig genau aufgeht. So kommt es, daß jedes neue Jahr an einem anderen Tage beginnt. Nicht bloß bas Jahr. Am Deutlichsten wirb uns das jedesmal an unserem Geburtstage bewußt, der von Jahr zu Jahr um einen Wochentag — in Schaltjahren um deren zwei — weiter vorwärts rückt. Wer — etwa als Fünfzigjähriger — demgemäß zurückrechnet, auf welchen Tag „eigentlich" fein Geburtstag fällt, kommt zu verwirrenden Ergebnissen: von Mitte Mai beispielsweise bis weit zurück in den März, unb dennoch wurde man in Wirklichkeit im Mai geboren. Dann die zwölf Monate, von denen sieben 31, vier 30 Tage zählen unb einer 28 ober 29. Endlich die Jahreszeiten. Wir zählen bereit jetzt vier. Es waren nicht immer fo viele. Anfangs kannte man bereu nur zwei: Sommer unb Winter, später kam der Lenz, die Zeit ber Felbbestellung unb Saat, noch später ber Herbst, bie der Fruchternte, hinzu. Freilich wurden schon zeitig außer bem Sommers- unb Wintersanfang (ober beiber Ende) Sommers- unb Wintersmitte, die Zeitpunkte, an denen bie Sonne am höchsten und am tiefsten steht, begangen. Damals fühlten sich die Menschen noch durchaus als „Kinder ber Natur", der Sonne zumal, bie alles regelt, Leben und Tob beherrscht. Die Anfänge ber Jahreszeiten, namentlich des Sommers, später des inzwischen eingeschalteten Frühlings, fielen sehr verschieben, wie eben in verschiedenen Gegenden das Leben der Natur früher ober später erwacht. Der Anfang bes „natürlichen" Jahres war aber immer bie Mittewinterszeit, in der, nach der Anschauung früherer Ahnen, bas verlöschende Tageslicht jedesmal gleichsam neu geboren wurde. Das Gegenstück zur Wintersonnenwende bildete die Sommersonnenwende. Beide wichtigsten Zeitpunkte im Jahreslaufe wurden im wesentlichsten mit gleichartigen Symbolen begangen. Dazwischen bie beiden Tag- unb Nacht gleichen im Frühling unb im Herbst. Durch diese vier Zeitpunkte wurde fortan ber Eintritt ber vier Jahreszeiten bestimmt, daburch der Jahreslauf, bas Jahresrund in vier gleichmäßige Abschnitte eingeteilt, durch den Kalender im einzelnen noch weiter gegliedert. Der Kalender. Entsprechend ben im Vorstehenden — nicht restlos — geschilderten Veränderungen aller dieser Dinge ist er selber nichts ein für allemal Feststehendes, sondern fortgesetzten Veränderungen unterworfen, um ihn wieder einigermaßen — von Fall zu Fall — mit den tatsächlichen (astronomischen und irdischen) Verhältnissen in Einklang zu bringen. Fest steht — nach dem jetzt gültigen Kalender — nur dies: alle 28 Jahre haben die Jahre den gleichen Kalender. Die „Gemeinjahre" schließen immer mit dem gleichen Tage, mit dem sie begonnen haben. Der Oktober fängt immer mit bem gleichen Wochentage an, wie der Januar, ber April mit bem gleichen, wie ber Juli, ber Dezember mit dem gleichen, wie der September; Februar, März unb November fangen mit bem gleichen Wochentage an, — ausgenommen in Schaltjahren. Kein Jahrhundert kann an einem Mittwoch, Freitag ober Samstag beginnen. Aller biefer Merkwürdigkeiten wird man sich im „Alltagsleben" nur wenig bewußt unb doch haben sie Einfluß auf ben geregelten — und in Wirklichkeit recht regellosen — „Gang ber Dinge". Schon in ber ersten Hälfte bes 17. Jahrhunderts stellte deshalb der Abt Mauritius Knauer im Kloster Laugheim einen hundertjährigen Kalender aus, ein Volksbuch, das seitdem nächst der Bibel wohl bie meisten Auslagen erlebte, UM diesem „circulus vitiosus" feste Gestalt zu geben. Auch ber ist längst von den Ereignissen überholt. , Nicht anders ging es mit allen diesen Dingen. Um hier nur auf ein Moment, unter vielen, genauer einzugehen: zu wieviel verschiedenen Zeiten beging man den Jahresanfang!? In ältester Zeit — in Italien, dem Ausgangspunkt unserer germanischen Kultur — wie schon gesagt an bem Zeitpunkte, wenn in ber Natur bas Leben neu beginnt. So war also im alten Rom ber 1. März Jahresanfang, und demzufolge wurde ber erste Monat dort nach dem wichtigsten Gotte ber alten Römer, ihrem Kriegsgotte Mars, benannt. Im alten Deutschland galt insgemein W a lpurgis, ber 1. Mai, als „Sommertag, Sommeranfang, doch würbe später in mehr (üblichen ober nördlichen Gegenden der Jahresanfang demgemäß verschieden gerechnet, bis schließlich unter dem Einfluß der christlichen Lehre auch hier bas A u f- erstehungssest ber Natur mit bem des Welterlösers zusammengelegt wurde, welches letztere freilich — unter ber Einwirkung des wechselnden Kalenders — von Jahr zu Jahr auf sehr verschiedene Zeitpunkte fällt. Noch früher aber, als Christi Auferstehung- bie bem allgemeinen Verständnis schwer einging, feierte man Christi Geburt und gewann damit einen ersten Zeitpunkt für einen kirchlichen Jahresanfang. Der Hai sich lange erhalten; nach Luther betonte — im Widerspruche gegen den damaligen P a p st Gregor, der im Jahre 1582 eine Kalenderreform vornahm —: „Wir Christen sahen unseren neuen Jahrestag an am heiligen Christtage, wie die Jahreszahl zeuget, daß man schreibt: Im Jahr nach Christi Geburt". Wann aber war damals der „heilige Christtag"? Cs war noch nicht das heutige Weihnachtsfest. Aelteste kirchliche Anschauung feierte als wichtigsten Christtag den Tag „Mariä Verkündigung", an dem zum ersten Male in der heiligen Schrift ein Hinweis auf den kommenden Weltheiland gegeben war. Demgemäß galt ihr der 25. März als der älteste Neujahrstag. Infolge aller dieser Umstände hat man — jahrhundertelang — in verschiedenen Ländern den Jahresanfang zu sehr verschiedenen Zeiten gefeiert. Im Deutschen Reiche wurde schon im Jahre 1564 durch Kai - se r Karl V. der 1. Januar als Neujahrstag bestimmt, doch noch im Jahre 1766 sah sich Kaiser Josef II. zu der Anordnung genötigt, „daß die bis dahin zu Ostern üblichen Gratulationen künftig am 1. Januar abzugeben seien"; in Holland trat der 1. Januar im Jahre 1575, in Schottland im Jahre 1600, in England erst um Mitte des 18. Jahrhunderts in sein Recht. Mit dem Bestreben der christlichen Lehre, kirchliche Feste mit altheidnischen zusammenzulegen und sie dadurch mit neuem Inhalt zu füllen, traf es nun gut zusammen, daß man — neun Monate nach „Mariä Verkündigung" — Christi Geburt zur Zeit des altgermanischen IUlfe st e s in der Mittewinterszeit begehen konnte. Demzufolge fiel nun das Weihnachtsfest mit dem neuen (jetzigen) Jahresanfang zusammen, bis die Gregorianische Kalenderreform Weihnachten und Neujahr wieder trennte, was Luthers Grimm gegen das „römische Narrentum" so erregte. Damals wurden aber alle hohen Kirchenfeste nicht nur, wie heute, durch zwei Feiertage begangen, vielmehr feierte man sie — kirchlich und weltlich -— immer eine volle Woche lang, wobei der abschließende Sonntag immer»och besonders wichtig war. Daher die Bezeichnungen „Grohostern" und „Grohpsingsten", und so auch — acht Tage nach Neujahr — „Großneujahr" oder „Hohneujahr", — der Tauftag des Jesusknaben nach Luther, am Dreikönigstag nach katholischer Lehre, wovon sich auch in protestantischen Landen noch mancher volkstümliche Brauch erhalten hat, der alljährlich neu auslebt. Waren es wirklich drei Könige, die dem Christkinds erste Weihnachtsgaben brachten? Die ersten bildlichen Darstellungen in den römischen Katakomben zeigen nur zwei, spätere aber zwölf und mehr. Erst später wurde die Dreizahl sanktioniert, und jetzt weiß jedermann, daß sie Kaspar, Melchior, Balthasar hießen und der Bauer schreibt am Drei- komgstage deren Ansangsbuchstaben an seine Türe. Neujatzrslied. Bon Johann Peter Hebel. Mit der Freude zieht der Schmerz Traulich-durch die Zeiten. Schwere Stürme, milde Weste, Bange Sorgen, frohe Feste Wandeln sich zur Seiten. Und wo eine Träne fällt. Blüht auch eine Rose, Schon gemischt, noch eh' roir’s bitten. Ist für Thronen und für Hütten Schmerz und Lust im Lose. War's nicht so im alten Jahr? Wird's im neuen enden? Sonnen wallen auf und nieder, Wolken gehn und kommen wieder. Und kein Wunsch wird's wenden. Gebe denn, der Über uns Wägt mit rechter Waage, Jedem Sinn für feine Freuden, Jedem Mut für feine Leiden In die neuen Tage, Jedein auf des Lebens Pfad Einen Freund zur Seite, Ein zufriedenes Gemüts Und zu stiller Herzensgüte Hoffnung ins Geleite! Eine Berliner Silvesternacht im „tollen Jahr". Von Dr. Anselm Ruest. Der verstorbene Arzt und Bibliophile Iwan Bloch stieß bei seinen Quellenstudien zur Sittengeschichte bisweilen auf Seltenheiten, die sein engeres Gebiet nicht gerade berührten, darüber hinaus für die allgemeine Kulturhistorie indessen oft von höchstem Wert waren. .„"Sie interessieren sich doch," sagte er mir einmal, als ich ihn besuchte, „für Max Stirner, den Antipoden von Marx und Feuerbach, der den ganzen Nietzsche bereits vorweggenommen haben soll. Wissen Sie, daß ich wasHübsches für sie habe?" „Ein Autogramm?" fragte ich gespannt; denn ich wußte, daß Bloch zuweilen auch autographische Raritäten auftrieb; und es ist ja bekannt, daß solche von Stirner mit Gold ausgewogen werden. „Nein," lachte er, „das gerade nicht. Aber ich habe doch gelesen, daß man sich rmmer gewundert habe, von Stirner, dem radikalen Denker, so wenig oder gar nichts aus dem „tollen Jahr" Achtundvierzig gehört zu , haben; nun, was ich fand, zeigt ihn da mindestens noch recht lebendig." „Sie werden aber trotzdem," antwortete ich ernst und bestimmt, „kaum । etwas von ihm im Zusammenhang mit den Märztagen gefunden haben; denn Stirner, der kühne und selbständige Philosoph, war durchaus kein Mann der Massenbewegungen, und eine Politik der Straße war ihm nichts als Wahnsinn." „Nun," erwiderte Bloch, „da mögen Sie wohl recht haben; und was ich in Erfahrung gebracht habe, ist ja auch bloß" (hier zwinkerte er vergnügt mit den Augen), „wo und wie Stirner die Silvesternacht auf 48 verbracht hat." Hierbei kletterte er schon auf eine Leiter an einem seiner mächtigen Regale und langte mir von einem der höchsten Borde zwei handliche, nicht zu starke, hübsch in grünes Leinen gebundene Oktavbändchen der sechziger Jahre herunter: „Da, kennen Sie das?" Ich las auf dem inneren Titelblatt: „K. M. Kertbeny. Silhouetten und Reliquien, Erinnerungen an Albach, Bettina, Grafen Louis und Casimir Baithyanyi, Bem, Bsranger, Delaroche, Heine, Petöfi, Schröder-Devrient, Larnhagen, Zschokke usw." Ich wußte damals noch nicht, daß I. H. Mackay, der erste unermüdliche Stirnerbiograph, in der letzten, der 3. Auflage seiner Biographie (1914) ganz kurz, freilich nur in zwei Zeilen, dieses Silvesterabends 1847—48 bei Kertbeny Erwähnung getan, und war als wirklich sehr erstaunt, im zweiten Bande, e. 202-203 (erschienen 1863 in Prag) zu lesen: „In der Silvesternacht 1847/48 hatte ich eine ziemlich lange Debauche auf meiner Stube. Max Stirner, der Verfasser von „Der Einzige und sein Eigentum", mar auch da, und ich denke desgleichen der Liederling Hieronymus Thrun und der himmellange Friedrich Saß, genannt der „Literar- chos". Nun, wie auch immer, wir brachen einem Dutzend Flaschen die Köpfe, und als ich endlich tief nach Mitternacht ins Bett wankte, blieben oll die beaux restes auf Tisch und Stühlen. Es mag schon sehr spät den Neujahrstag des glorreichen Achtundvierzigers gewesen sein, als ich die Augen noch nicht öffnen konnte, aber plötzlich ein Geklopfe an der Tür ins, Vorzimmer vernahm. Ich donnerte ein höllisch verdrießliches „Herein", da ging die Türe auf, und wer stand in voller Liebenswürdigkeit, huldvoll lächelnd, auf der Schwelle? Der liebe, gute geheime Legationsrat Dr. Karl August Barnhagen von Ense, in hocheigener Person, die linke Brust mit einer Garnitur von Orden geschmückt, ganz in „Wichse", wie die Berliner sagen. Ihm fror aber sichtbar das huldvolle Lächeln sogleich ein, als er die Wirtschaft rings in der Stube ersah, und ich selbst lag da, zu Tode verblüfft, wie ein Junge, der bis über den Kops in kaltes Wasser geplumpst. Der Besuch dauerte natürlich nur kurz, war aber sehr interessant. Als ich tags darauf dem lieben, alten Diplomaten ganz zerknirscht meinen demutvollsten Gegenbesuch machte, lächelte er bloß fein, berührte aber das sonderbare Zusammentreffen mit keiner Silbe." „Aber wer war denn nun dieser Kertbeny?" fragte ich meinen freundlichen Gewährsmann. „War er sonst noch eine bedeutende oder doch bekanntere Persönlichkeit?" „Haben Sie niemals — wir alle haben doch schon auf der Schulbank in jeder möglichen „Weltliteratur", besonders wenn sie nun finnisch, kroatisch oder sonstwie hieß, herumgeschmökert! — auf einigen Reclam- fjeften der ungarischen Nationaldichter Petöfi und Maurus Jokai den Namen des Ueberfetzers gelesen? Das ist derselbe. Kertbeny gehörte zu jenen nicht unverdienstlichen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts, die teils durch Reiseberichte, teils durch Uebersetzungen als Vermittler zwischen deutscher und ausländischer Literatur tätig waren. Er war ein Ungar von Geburt, aber deutscher Abstammung, sein eigentlicher Name: Karl Maria Benkert, lebte von 1824 bis 1882. Wie wenig unbedeutend er trotz heutiger Vergessenheit gewesen sein kann, erhellt schon daraus, daß in Paris Alfred de Muffet ihm eines feiner Werke widmete, und wie interessant als Person, daß ein Fast-Misanthrop und Svlitair wie Charles Baudelaire mit ihm zwei Jahre lang. 1864/66 in Brüssel beinahe täglich verkehrte. Dasselbe besagen ja schließlich auch hier die Beziehungen zu Varnhagen von Ense, der offenbar doch wählerisch in seinem Umgang war." „Wissen Sie etwas über den „Liederling Thrun" darin?" „Doch, das heißt nur so viel, daß er allgemein unter diesem Spitznamen in der Hippelschen Weinstube ein- und ausging; er war von Haus aus Musiklehrer, aber selbst für Wohlwollende eben ein verbummeltes Genie. Dagegen ist der himmellange Saß, der „Literarchos" wieder bekannt genug durch sein Buch über Berlin vom Jahre 1848 geworden, worin er schon ganz beachtenswerte soziale Ausschnitte niedergelegt hat. Der große russische Dichter Turgenjew hat sich zwar einmal weidlich über das Buch lustig gemacht, „weil es hauptsächlich Berlins Konditoreien und Weinstuben" schildere, aber wir wissen ja alle, daß sich tatsächlich in den Bormärztagen sehr viel öffentliches Leben an diesen Stätten abgespielt hat." „Aber findet sich denn nicht auch sonst noch eine Stelle, aus der hervorgeht, daß Kertbeny überhaupt in diesem Jahre öfter mit Max Stirner zusammenkam?" „Gewiß, auch das," lächelte Bloch, der auf diese Frage gewartet zu haben schien, „schlagen Sie auch noch die Seite 79 desselben Bandes auf, wo Sie einen Aufsatz über den ungarischen Ethnologen und Sprachforscher Anton Reguly finden. Diesen trifft Kertbeny erst im Januar 1848 in Berlin, und nun entnehmen wir, daß beide gemeinsam offenbar Zutritt zu den damals publiken Berliner Persönlichkeiten überhaupt suchen. Haben Sie die Stelle?" Ich las: „Auch bei Moritz Rott sprachen wir vor, bei Varnhagen, bei der Luise Aston und bei Max Stirner, wie sich eben Gelegenheit ergab." Bloch hatte doch recht gehabt mit der Bemerkung, in jener Silvesterschilderung von Kertueny, und mit Kertbeny überhaupt, etwas Neues auch •für mich entdeckt zu haben. Denn während die Geschichte bisher anNahm, daß Stirner bereits in jenem Sturmjahr so gut wie verschollen war und gar nicht mehr bemerkt wurde, ergibt sich hier aus dem Ganzen, aus dem Drum und Dran einer „zufälligen" Feier, aus der Zusammenstellung aller dazugehörigen Personen, daß mir es keineswegs bloß mit einem Privaten, sondern eben mit „Kreisen" zu tun haben, von denen man zur Zeit einfach „sprach" und wußte! Auch die letzte Nennung seines Nomens, in einer Reihe mit Bornhagen, aber auch mit Stott, einem der berühmtesten Hain- i letdarsteller des Scha jpielhauses, und der Liston, einer wegen ihrer seit- ! samsten Schicksale und radikalen Emanzipiertheit damals beinah populären ' Frauengestalt, beweist alles andere als seine Schon-Vergessenheit, und daß jene Silvesterfeier 47 48 eine immerhin auch sonst bemerkte in dem damaligen „Weltdorf" Berlin gewesen sein muh. Petrus als Fürsprech. Eine Neujahrsgeschichte von Friedrich Freksa. Sankt Peter ging sehr befriedigt in Pumphosen und gelber, russischer Bluse in seinem Himmeltorgärtlein auf und nieder. An den Füßen trug er schöne, warmgefütterte rote Saffianlederstiefel, denn von der Erde herauf kam ein kühler Neujahrswi-nd. Ja, ja, das Jahr, das heilige Jahr ivar gut zu Ende gekommen und sogar verlängert. Sein «tell- vertreter auf Erden hatte viel Gutes bewirkt und erhoffte sich noch mehr für die kommende Zeit. Dieser Hoffnung zuliebe trug Sankt Peter auch die bequeme, etwas bunte, russische Tracht. Wie viele alte Herren liebte er vor allem seine Kakteenzucht. Sorgsam begoß er die Pflanzen und dafür dankten sie ihm mit herrlichen, slammroten Blüten, die plötzlich aus dein tiefen Blumengemüte der grünen Stachelhäuter hervorbrachen. „Ja, ja," sagte er zu sich, indem er seine Nase zu einem wie eine Hand geformten Pstanzemvesen herabbeugte, „die Menschen sollten sich mehr mit Kakteenzucht befaffen, und weniger mit dem Verkehr, dann würden sie Sein von Schein beffer unterscheiden lernen!" Indem hörte der sorgliche alte Herr an seinem weiß-grün gestrichenen ^taketenzaun Gemurr. Er schaute hinüber. Ein paar langbeinige, luftig- blickende Gesellen in schwarzen Hosen und weißen Hemdärmeln standen da breitbeinig übergelehnt. In den Mündern ihrer glattrasierten rotbraunen Gesichter staken schwarze Zigarrenstumpen. Die Hemdärmel hatten sie voller Wohlbehagen ob der warmen Höhenluft über die ieh- mgen Ellenbogen hochgeftreift. „Was habt ihr für ein Anliegen?" fragte er milde, denn ihm fiel ei«, daß ja Neujahr sei und dabei ihm, dem Stellvertreter des Himmelshausvaters alle gerechten Wagen vorgebracht werden dursten, die sonst keinen irdischen Richter finden konnten. Die Beiden redeten nun auf ihn ein, abwechselnd und durcheinander. Petrus gebot mit einer Bewegung der Rechten Halt: „Ich bin der Herrgott nicht selbst! Ich verstehe kein Schwyzerdütsch! Ihr seid Lokalwinde! Das hab' ich verstanden und habt Beschwer über einen zugereisten Wind! Das verstand ich auch! Nun müßt ihr Schriftdeutsch reden, das bin ich aus der Bibel her gewohnt!" „Ehaibe Schwob!" murrte der eine. Und der andere fuhr fort: „Wozu werden Beamten bezahlt?" Dann Huben fie wieder an, so gut es ging, hochdeutsch zu sprechen und anzuklagen, ein zugereister deutscher Wind habe es auf dem Gewißen, daß eine ehrsame, gute Ehe zwischen Schwyzer Leuten zu Zürich auseinandergehen müßte!" Petrus runzelte die Stirn: „Ehescheidung ist die Menschenkrankheit dieser Zeit! Wenn da gar Winde daran Teil haben, dann wird das heilige Sakrament wohl ganz verweht!" Die Lokalwinde stießen sich an und tarnen nun mit ihrem Verlangen hervor: „Wir wollen eine Verordnung des hohen Himmels gegen internattonale Winde überhaupt!" Petrus begehrte zu wissen, wann der Frevel geschehen sei. „Am siebzehnten Oktober!" sagte der kleinere Wind und wollte noch einmal erzählen, aber Petrus winkte ab: „Das genügt! Ich werde zusehen, was sich tun läßt! Den Tatbestand stellen wir selbst fest!" Die Lokalwinde sahen sich entlassen. Enttäuscht begaben fie sich wieder in die Heimat zurück, voll der Ueberzeugung, daß richtige Demokratie fchwyzerischer Art auch im Himmel nicht zu finden sei. Petrus aber begab sich auf den linken Torturm, setzte sich in sein Observatorium und nahm das Zeit- und Seelenerforschungsrohr, das der heilige Paphnutius in feiner Einsiedelei in Aegypten vor vielen hundert Jahren erfunden hatte und stellte es auf den siebzehnten Oktober rückwärts ein. Da begab sich nun folgendes: Aus Holland über die Zuyderfee kam durchs Rheintal ein junger deutscher Wind, Wie bei allen Vagabunden war seine Herkunft ungewiß. Von den Vogesen drängten ihn fußballspielende Brüder zum Schwarzwald ab. Da'schwang er sich über den Bodensee in den Thurgau, erwies den alten Vs-rgzinnen seine Reverenz und fiel bann, Mensch und Tier erfrischend, in den schwülen Ziiricherseskessel. Da sich alle Welt an ihm freute, freute sich auch der junge Wind und verharrte ein wenig. Nur di« Lokalwinde schauten ihm mißgünstig nach und schimpften: „Chaibe Schwob!" Da sah der funge Vagant von ungefähr an einem schmucken weihen Hause am Dolder etwas Zartes, Grünes, das sich ausbreitete, wie ein Riesenschmetterling mit seltsam schönen schwarzen Flecken. Langsam sank es vom obersten Balkon des Hauses nieder und wäre sicherlich in eine häßliche Pfütze am Fuße des Hauses gefallen. Da erbarmte sich der junge Wind des bedrohten Wesens, hauch« einmal, und das zarte Ding flatterte auf den zweiten, weißen Balkon, an dessen Geländer es hängen blieb. Der junge Wind aber pfiff ein frohes Lisd und -sauste weiter nach Süden zu dem Orte seiner Bestimmung. Ein« fürsorgliche, ehrschaffene Frau mit silbernen Haaren kam alsbald, sah kopfschüttelnd den seltsamen, seidenen Gast, schüttelte den Kops und sagte: „Daß die Frau Doktorin vergessen hat, dies schöne Stück einzupacken!" Nahm es, legte es zusammen, und tat es in eine weiße Kommode eines ehelichen Schlafgemaches. Da blieb das Blüslein liegen. Verantwortlich: Dr. Hans Thyrist. — Druck und Verlag: Brühl Perrus runzelte die Stirn. Er behielt die Kommode vor dem Rohr« und ließ schnell Tage und Wochen vorbeigehen und dann endlich am 2. Dezember sah er, wie eine schöne, blonde Schweizerin das Zimmer betrat. Gleich darauf kam der Doktor, ihr Mann. Di« junge Frau fiel ihm um den Hals Petrus sah, wie sie ihn liebte, und wie ihre Leidenschaft gewachsen war in der Zeit, da sie sich im Süden erholt hatte. Ihr Herz drohte schier still zu stehen vor lauter Liebe. Und die Stacht ging dahin und es ward Tag. Der Doktor fuhr in die Stadt hinab, um seinen Geschäften nachzugehen, und die junge Frau stand auf und sah im Hause nach dem Rechten. Aber um die Mittagszeit öffnete sie die Kommode, fand das !Blüstern, einen modischen Kosak, hielt es in zitternden Händen, roch daran, ward blaß, setzte sich auf einen Stuhl und weinte. Und als der Mann zum Essen kam, sprach sie kein Wort, ja, sie entfernte sich van ihm und es war Unfriede zwischen den Beiden. Am Weihnachtstage aber legte sie ihm das Seidending auf ben Tisch und schonte ihn ermahnend an. „Was ist das für ein Tuch?" fragte er. „Das möchte ich von dir wiffen!" antwortete fie. „Ich sehe es zum ersten Male!" gab er zur Antwort. „Daß du so lügen kannst!" rief sie. „Ich hätte dir verziehen, wenn du alles gestanden hättest!" Da ward der Mann zornig und erwiderte: „Was soll diese kindische Beschuldigung?" Sie erwiderte: „Bis zu Silvester laste ich dir Zeit! Wenn du bis dahin dich weiter verhärtest, ist alles aus zwischen uns beiden!" „Gut, daß sie heute einen bürgerlichen Sonntag haben!" jagte Petrus, legte das Rohr fort und ging wieder in seinen Kakteengarten, denn dort fand er für schwierige Fälle die besten Gedanken. Am nächsten Morgen in der Frühe schon beobachtete er wieder mit dem Zeit- und Seelenerforschungsrohr. Und richtig, um die zehnte Stunde, sah er die Frau fortgehen, und hinab in die Stadt fahren. Beim Fürsprech Häberlein trat sie ins Haus. Petrus sah, daß um ihr Herz ein blinkender Kranz von Edelsteinen lag. Das waren Tränen, die sie aus Not und Trotz nicht hatte meinen können. Nun stand fie in der Stube des Fürsprechs, eines aschfarbenen Mannes, dessen Herz trocken war vor Paragraphenlennmis. Der nahm das Tüch- lein in die Hand, ließ sich den Hergang erzählen und murrte: „Es riecht ganz verdächtig'" In feinem Herzen aber jagte er sich: „Das wird ein nahrhafter Prozeß!" Da erinnerte sich der Heilige an feine Pflicht, das Gute zu bewirken und das Bose abzulenken. Und plötzlich ward die Seele des Advokaten in den seltsamen Kaktus gebannt, der wie eine böse Hand erschien, und er selbst hatte Besitz genommen von des Advokaten Leid Und als er die Augen auf die junge zitternde Frau richtete, errötete sie, denn aus den trüben Augen des Fürsprechs schlug ihr eine heile, blau« Flamme entgegen, so daß Angst fie überkam: „Er wird doch nicht zudringlich werden!" Da hob der heilige Petrus als Fürsprech >das Tüchlein auf und fragte: „Ein anderer Beweis ist also nicht vorhanden?" Da die Doktorin den Kops schüttelte, fuhr er fort: „Könnte das Tüch- lein nicht auf einem anderen, unbekannten Wege in das Haus gelangt fein? Haben Sie noch nicht nachgeforfcht? Vielleicht ist Ihr Gatte dennoch unschuldig?" Die Doktorin wurde rot. Ihr Herz zitierte in Hoffnung, aber ihr Mund sagte trotzig: „Das ist nicht gut möglich!" „Wir wollen es erforschen!" sagte der Fürsprech Petrus und fuhr mit der jungen Frau in das Haus zum Dolder hinauf und verhörte die Wirtschafterin, die berichtete, wie fie das Blüslein gefunden. Und danach schickte er sie hinauf in den oberen Stock. Dort wohnte die Schwägerin der Frau Doktorin. Die kam eilend froh hinunter und berichtete, wie ihr Gatte ihr den Kosak und ein gleichfarbenes Kleid aus Paris als Reisegeschenk mitgebracht habe, und wie sie es feit langem vermißt hätte. Fragte der Fürsprech Petrus, ob nicht an jenem Tage Seide gewaschen und gebügelt worden sei, und erkannte den Wind als den Missetäter, der das Blüslein herabgeweht hätte. „Ich kann es kaum fasten!" sagte die junge Frau dankbar und gab dem Fürsprech Petrus die Hand. — Um die Mittagszeit aber fand sich der wahre Fürsprech Häberlein in seinem Arbeitszimmer allein. „Wie kann man nur so dumm träumen!" murrte er. „Mir war es, als wäre ich bei der Bearbeitung einer Scheidungsklage eingeschlafen. Dann war mir, ich wäre ein Kaktus, groß wie eine grüne Hand. Und plötzlich blühte aus meinem Herzen eine flammend rote Blume." „Nun, ein Spaziergang droben im Schneewalde des Dolder wird mir wieder Kühle und Ruhe geben für mein Geschäft." Und er fuhr mit der Seilbahn hinaus, steckte den Spazierstock zwischen Arme und Rücken und ging recht hygienisch spazieren. Da kam ihm ein großer Herr mit einer schönen blonden Frau von ungefähr entgegen, und die junge Frau machte sich los von dem Herrn, lief auf ihn zu und sagte: „Nun müssen Sie meinen Mann auch tennen« lernen!" Und stellte ihm den Doktor Rümelin vor. Und der große Herr ergriff seine Hand, schüttelte sie und bekannte: „Ich danke Ihnen über die Maßen! Sie haben gezeigt, daß ini Schweizer Volk der Fürsprech feinen Namen mit Recht führt! Sie müssen der Freund unseres Hauses sein!" Und da am Abend Herr Häberlein mit der Bahn zu Tale fuhr, glaubte er an seine eigene Fürtrefslichkeit, denn in seinem Herzen war wirklich die rote Blume aufgeblüht. Und er sagte sich: „Wir Rechtsleute sind doch ganz« Kerle!" , Nur die Lokalwinde waren unzufiieden. Petrus aber sagte milde: „Man muß den Kaktus nur mit Liebe ziehen, dann gerät er gut!" 'sche Aniversitäts-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen-