GiehmerZannlienblätter Unterhaltungsbeilage zum sietzener Anzeiger Jahrgang 1927 Dienstag, den 31. Mai Rümmer 43 Begegnung. Von Heinrich Heine. Wenn du mir vorüberwandelst, Und dein Kleid berührt mich nur, jubelt dir mein Herz und stürmisch rügt es deiner schönen Spur. Dann drehst du dich um und schaust wi Mit den großen Augen an, Und mein Herz ist so erschrocken, Daß es kaum dir folgen kann. Durch das heimliche und Unheimliche Deutschland. Von Manfred Hausmann. V. Seinen Pfennig mehr . . . Jetzt mar es jo weit. Der Bauer in Plochingen wollte für das Nachtquartier fünfzig Pfennig halben. Ich gab sie ihm. Meine letzten Pfennige. Regen fiel, es zog auf der Landstraße, und der liebe Gott dachte nicht daran, oder wer dies Amt nun verwaltet, die Fenster da oben zu schließen. Und ich wanderte auf Stuttgart los. Die zerrissene Leinenhose ließ allen Wind durch, mein Gesicht schälte sich ab, die Sonnentage der vorigen Woche hatten's schrecklich verbrannt. Da schlug fetzt -der Regen auf die wunden Stellen, daß ich vor Schmerzen hätte heulen mögen. Ich fror, 5 goß und wehte, und ich hatte kein Geld. Wahrhaftig, zuweilen lebte Ban nicht gut aus der Landstraße. 1 Aber mein Kamerad Kupille, der kleine, dicke, ftachelhaarige Kupille eus Kassel, hatte mir, als wir uns vorgestern trennten, eine kleine Rede gehalten, daß erst der ein Mann wäre, der alles zunr Teufel schickte und, nur auf sich selbst gestellt, ins Ungewisse wanderte. „Siehste, min Jin-gel- cheN, dann biste ein Mannskürle. Die annerir, die als Geld hon un nit klopfen wegen, was für dann die? Wandervogel find das, Bülwefse, Moderchen, aber keine Mannskürle, verstehste!" Ich verstand wohl, aber klopfen oder, rund heraus gejagt, betteln . . . noch nicht, noch nicht! Früher pflegte ich morgens duftendes Wasser auf5 Haar zu schütten, meine Eltern hielten sich eine Aufwartefrau, ich verfügte sogar über einen Füllfederhalter. Ja früher . . .! Vor zwei Jahren! Mein Kamerad Kupille Halle gut reden. Er kannte die Landstraße von klein auf. Da war er denn unglaublich erfahren in allerlei Auswegen tags und nachts. Er würde niemals untergehen, das Leben konnte gegen ihn nichts ausrichten. Wenn es nicht anders ging, aß er Schnecken zum Frühstück. Das war in den böhmischen Wäldern, als wir so oft hungern mußten, da sammelte er lauter Schnecken, rote und graue, in eine leere Konservendose und streute dann eine Handvoll Salz darüber. Die Schnecken schäumten auf, der Schaum quoll aus der Büchse heraus und tropfte ins Gras, bis die Schnecken tot waren. Er hatte auch ein bißchen Pfeffer zur Hand und ein bißchen Essig, jo daß er sich von dem schleimigen Getier einen Salat machen konnte. Mir wurde ganz schlecht, wie ich ihm beim Effen zuguckte. Aber er lachte und schlürfte die Büchse leer. So einer war er. Er mar auch viel älter als ich, er hätte wohl mein Vater fein können. Und meistens jagte er „min Jingelchen" zu mir. Von ihm habe ich gelernt, wie man sich aufzusühren hat, wenn man auf der Landstraße liegt. In Stuttgart sollte ich wieder mit ihm zusammentreffen. „Du brauchst bloß ma in der Herberge nach mir zu fragen, verstehste, ich bin dann schonn do, so um den Achten -herum." Und heute schrieben wir denn den Achten, und ich tippelte auf Stuttgart los. Aber mir war nicht wohl zumute, ich war wieder einmal krank vor Trostlosigkeit. Ich bereute alles, was ich getan hatte. Ach Gott ja, wenn man doch nur einmal von der Landstraße herunter, dachte ich. Was ist das für ein Hundeleben! Und heute nacht -mußte ich in der Obdachlosenherberge schlafen, da gab's nichts anderes. Und jetzt mußte ich klopfen oder hungern, da gab's auch nichts anderes. Aber ich brachte es doch nicht fertig, zu klopfen. Wenn es nicht fo geregnet hätte, wenn mein Gesicht nicht so zerfetzt gewesen wäre, vielleicht hätte ich mir dann ein gepfiffen und hätte frischweg in einen Bäckerladen spaziert. Aber jo . . . na -ja, es war nichts los -mit mir. Ich schnüffelte von Zeit zu Zeit, spuckte aus und reiste, stumpf vor mich hinblickend, die Straße entlang. Als -der Hunger mich gar zu sehr quälte, riß ich von einem neuen Zaun einen harzigen Span ab, wie Kupille m-ich's gelehrt. hotte, und kaute darauf herum. Das tat gut. Und heute abend wurde ich Kupille ja in der Herberge treffen. Er hatte sicher was zu essen bei sich, dieser Meister im Klopfen und Klinkenputzen. Nein, ich bra-uckste noch nicht zu krepieren, haha. Ach ja, zum Satan auch, -das Leden, das Leben! Ich blieb stehen -und sagte laut: Mistiges Leben! Dann tippelte ich i weiter durch Regen und Wind ... ' Schließlich wurde es Abend, und ich zog in Stuttgart ein. Die Uhr j ging auf zehn. Ich sah aber trotz der Dunkelheit, daß ich in eine schöne - Stadt gekommen war. Auf den Bergen ringsum glitzerten Lichter durch - den Jiegenbunft, und mitten im Häusermeer gab es einen großen Park auch antworteten mir die Leute alle so freundlich, wenn ich sie fragte' ein Herr erbot sich sogar, mich ein Stück zu begleiten und mir die Strafte SU zeigen, in der die Herberge zu finden fein mußte. Ich trat vorsichtig ein. Gleich hinter der Tür saß der Vater und mummte, daß ich noch so spät käme. Er nahm mir meine Papiere ab und schrieb meine Personalien in ein Buch. Wie er mein Hemd an der .öruft aufmadite und in den Nähten noch Läufen suchte, fragte ich ihn bescheiden, ob ein gewisser Kupille aus Kassel schon einpassiert wäre. Da mußte ich leider hören, daß mein Kamerad nicht Wort gehalten hatte. Es war em schwerer Schlag für mich, ich war noch so jung, und dann der Hunger . . Kupille hauste also heute nacht noch wo anders. Um den Achten herum, hatte er gesagt. Morgen vielleicht. N-a ja! Ich schlich ganz traurig m den Schlafsnal und knipste -das Licht an.Dies sollte nun die erste Nacht sein, die ich in fo einem Hause zubrachte. Aber Kupille und dieser -und jener hatten mir’s schon genau beschrieben, ich wußte, was ich zu tun hatte. Nur ist so ein Schlafsaal nicht dazu angetan, einen fröhlich Zu stimmen. Gott bewahre, durchaus nicht. Hier war der Boden aus Zement, die Wände grau, die Decke grau, m -der Mitte hing eine trübe elektrische Birne und beleuchtete die langen eisernen Bettrelhen. Natürlich standen immer zwei Betten übereinander Obwohl em paar Fenster geöffnet waren, konnte ich kaum atmen, so dick war die Luft. Und da lagen nun die Kameraden, alte und junge, bärtige und glatte, fette und magere, gesunde und kranke, da lagen sie nebeneinander und schliefen. Jeder schlief auf feine Art, der eine röchelte, der andere schnarchte, der dritte stammelte was Wirres vor sich hin, dieser rüyrte sich nicht, der da ließ das eine Bein heraushängen, einer hatte d>e Arme unter -dem Kopf und lag auf dem Rücken und starrte mit offenen Augen gegen die Decke, wieder einer fuhr hoch und jammerte und blickte bann, wach geworden, blöde um sich, wieder einer fluchte ununterbrochen ins Kiffen. Alle waren sie nackt. Man kriecht hier ganz nackt ins Bett, um kein Ungeziefer in die Wasche zu bekommen. Ich schauderte und ging leise vorbei. Aber mein Bett, die Nummer 88, fand ich schon besetzt. Da wählte ich mir aufs Geratewohl ein anderes, Nummer 107, zog mich -splitternackt aus, lief noch einmal zur Tür, um bas Licht auszuknipsen, und tastete mich schnell unter die Decke. Obwohl ich ziemlich müde war, konnte ich doch nicht einschlafen. Das mochte nun vom Hunger herrühren ober von der Traurigkeit ober auch von den unheimlichen Leuten um mich her. Das Licht wurde noch ein paarmal an- gedreht, dann kamen verspätete Wanderer. Wenn es wieder dunkel geworden war, tappte von Zeit zu Zeit einer mit nackten Füßen hinaus. Und ich lag da und hörte von Viertelstunde zu Viertelstunde die Uhren liber der Stadt schlagen. Gleich neben mir befand sich ein offenes Fenster Und es regnete draußen. Manchmal glaubte ich, ein bißchen Fliederduft wehte herein, aber eh' ich mich recht besinnen konnte, roafs schon vorbei. Jetzt schlug es halb eins. Da dämm-erte ich hinüber, susu-sus-u . . aber bald schreckte ich wieder hoch, weil jemand hinter meinem Bett auf und ab ginge. Aus und ab, auf und ab. Eine Weile hörte ich zu, bann fragte ich nach hinten: „Kannst du nicht schlafen, Kollege?" Keine Antwort. „Bist du krank, Kollege?" Keine Antwort. Ein Strohsack ra-uschte, die Schritte kamen nicht wieder. Und ich war so wach wie anfangs. Hätte ick nur meinen Harzspan bei mir gehabt! Mistiges Leben! Jemand klinkte -die Tür auf und machte Licht. Dann duckte er sich nieder und flüsterte laut nach rechts und links unter den Betten hindurch: „Fred' Fred! . . . Bremer! Heerste denn nich? Bremer!" Es war Kupille! Ich rief „Hier!" „Biste denn do, min Jingelchen," flüsterte er, „biste beim do, na fcheen, das Dingen is gut!" Da stand er auch schon neben mir, warf eine verschnürte Pappschachtel auf das benachbarte Bett und begrüßte mich. Kupille war da, ich strahlte, alles würde gut werden. Didelum, sagte ich vergnügt zu mir selbst, didelumb-umbum. „Haste denn KolÄdampf, min Kärlchen?" fragte Kupille. „Ja, ja!" „Mochtest« denn 'n Stickchen Schtreißelkuchen hon, min Kärlchen?" „Ja, ja!" „Mecksteste denn au ’n sauren Häring hon?" „Ja, ja!" „Mochtesie denn au 'n Dippchen Schmand derzu?" „Ja, ja!" Und er packte die Schachtel aus. Bei ihm ging’5 immer wie -der Blitz. Er k-am, er war da, er tischte auf. Und wie er sich hier zu Hanse fühlte! Einer knurrte, ein wildbärtiger Alter, wir sollten das Licht endlich auslöschen. „Blasse mo!" riet ihm Kupille. „Stick dinen Kürwis unn-er de Decke, bann haste's au’ dunkel. Jo, jo, hast dine Schnulle!" Ich zog meine Hofe an, und wir fetzten uns einander Asoen- über und aßen. Erst Streuselkuchen, bann Heringe und faure Sahne, dann noch einmal Streuselkuchen. Gott im Hirnnrsl, wie herrlich das schmeckte. „Pass' uff", sagte Kupille. „Morsen machen mä uns ’n feinen Daag. Ich hon Gä-lb, verstqhste, bi mir bliunvet als au' ma Wild Hanken, wenn ich klopfe, nit wa-ahr, da kennen mä inorjen frih unsere vierzig Fenniche zahlen, verstehste, und dann gehn mä ins Konzert und bomi essen mä inner Wirtschaft zu Mitdaag, verstehste!" Der Monts MaKo. Eine Erzählung von Hermann Hesse. Der Monte Giallo stand inmitten eines Kreises von berühmten Bergen, wenig bekannt und unwirtlich. Er galt für unbesteiglich, doch reizte das niemanden, da ringsum Dutzende von leichten, schwereren und ganz schweren Gipfeln standen. Man hatte ihn von jeher vernachlässigt, sein Name war nur in der nächsten Umgebung bekannt, die Zugänge waren weit und mühsam, der Aufstieg und vermutlich auch die Aussicht wenig lohnend, dafür war er durch böse Steinschläge, schlimme Windstellen, schlechte Schneeoerhältnisse und brüchiges Gestein in ubeln Rus gekommen. So stand er zwischen seinen berühmten Brüdern ungeschützt und vergessen da, als ein ruppiger und langweiliger Steinhaufen ohne Reiz und Anziehungskraft. Er blieb ohne Ruhm und Ehren, aber er blieb auch von Weganlagen, Drahtseilen, Hüttenbauten und Zahnradbahnprojekten verschont. An seinem südlichen Fuß gab es wohl einige Weiden und Sennhütten, an Touren oder gar an eine Besteigung war aber von dieser Seite aus nicht zu denken. Dort zog sich durch die ganze Bergseite in halber Höhe eine lange, senkrechte Wand von brüchigem, im Sommer braungelb schimmerndem Gestein, dem der Berg auch seinen Namen verdankte. ' Wenn bei Bergen die Physiognomik nicht ebenso trügerisch wäre wie bei Menschengesichtern, hätte der Monte Giallo ein mißgünstiger und feindseliger Patron sein müssen. Auf der einen Seite die lange, neidische, Unförmige Wand, auf der anderen ein wirres, fleckiges Unwesen von Äerölchalden, Moränen und Schneessldern, und oben ein schartiger Fels- ;rat ohne einen richtigen, säuberlichen Gipfel. Er verharrte jedoch gleichmütig in seiner wilden Verlassenheit, sah der Beliebtheit seiner Nachbarn ungereizt und schweigend zu und meinte es mit niemand böse. Er hatte genug anderes zu tun. Der Kampf mit Dem Sturm und dem Wasser, das Ofsenhalten der Rinnen, im Frühjahr das Hinwegschaffen des Schnees, das Lawinenrollen, das kümmerliche Pflegen der verzagten Arven und das Beschützen der sorglosen, lachenden Blumenpracht, das ließ ihn nicht zu Gedanken kommen. Und im Sommer lag er die kurze Ruhezeit hindurch atmend in der Sonne, trocknete und wärmte sich, sah träumerisch dem Spiel der Murmeltiere zu und hörte aus der Tiefe das goldene Herdenaeläut und mitunter die fernen, felt- iamen Töne der Menschen heraufhallen, unverstandene, ahnungsvolle Klänge einer kleinen, spielerischen Welt. Er hörte sie gern, doch ohne Neugierde, und nickte während der Sommerrast fremd und freundlich zu den Juchzen, Glockentönen, Pfiffen, Schüssen und anderen harmlosen Grüßen aus der Tiefe, wo ihm eine sorglose kindliche Welt ihr Wesen zu treiben schien. Wenn er an die ersten Föhntage im Vorfrühling und an die Frühsommernächte dachte, wo hier oben nichts fest und sicher war, wo Felswände sich senkten, Steine wie Bälle ins Tal sprangen, Wasserfluten alles Festgefügte unterspülten und sein Leben zu einem atemlosen, bald zornigen, bald entsetzten Kampf mit hundert riesenstarken Feinden madjten, dann konnte er das leise, zahme Treiben in den Tiefen anhören wie die Stimmen kleiner Kinder, die sich einen Sommertag vertreiben und nicht wissen, wie dünn der Boden dieses Lebens ist, das sie für felsenfest und ewig sicher halten. Wer es ist nichts in der Welt, auf das nicht am Ende Menschen ihre Begierde richten. Es blüht kein winziges Kraut im Spalt und liegt kein verworfener Stein am Wege, so kommt ein Mensch und schaut und befingert sie, neugierig und unersättlich, wie eben Kinder sind. Der Sohn eines Uhrmachers im Dorf, Ces so Mondi, war eilt etwas ungeselliger junger Mensch, dem es nicht gelang, auf die übliche und richtige Weise seines Ledens froh zu werden. Äamentlich kehlte ihm Ben Mädchen gegenüber das «echte flotte Benehmen, beim So ganz verstand ich seine Pläne noch nicht. Aber er würde schon für mich sorgen. Wir machen uns einen feinen Tag, hatte er gesagt. Nun wohl. Während er sich auszog, mußte ich ihm erzählen, was ich in der Zwifclienzeit getrieben. Mitunter lachte er kurz und schutetlte den Kopf. „Simmet au' noch, kleiner Schaute, kimmet alles noch! Aber jetzt mochten mir schlafen, nit waahr!" Er knipste bas Licht aus und warf sich ms Bett. Ich hörte noch, wie er stöhnte: „Gottesgemicke, is das ne Wohldaad^ Aaach . . . is das ’ne Wohldaad! Aaach . . . is das n Glick! . . . Dann wußte ich nichts mehr. . . Am andern Morgen wuschen mir uns, zogen mir uns geschwind an und bezahlten unten beim Vater vierzig Pfennig. Da bekamen wir unsere Papiere wieder und durften fortgehen. Die andern mußten noch bis zum Mittag arbeiten, Hölzle spalten, Treppen wischen, Sälchen kehren. Aber wir schlürften in den nebligen Morgen hinein. Sieben Uhr. „Pass' uff, jetzt gehn mä ins Konzerte." — „Jetzt? — „Sa, Karte. Heile is von sieben bis um achte Kurmusik im Schloßpark, verstehste. Do chn mä hin." Und er marschierte mit seinen kurzen Beinen voran. Unterwegs fand er noch eine halbe Zigarre, die er sorgfältig einsteckte. Sm Schlohpark stand unter blühenden und feuchten Kastanien eine Art von Palast, der die Orangerie hieß. Davor promenierten lauter feine Herren und Samen hin und her. Sie hatten Gläser in der Hand und icanken Wasser daraus. Und in einem kleinen Hause saßen Musikanten, Vie sich mit einer weichen Musik vernehmen ließen. Das war alles so gedämpft und morgendlich. Auch tropfte viel Nässe von den Bäumen. Seitwärts hing Flieder über die Wege, weiß und lila. Die Erde roch nach Frühling. r ' . . m ..... Wir schlenderten ein Stückchen weiter und fanden m einem Gebüsch eine verborgene Bank. Da machten roir’s uns bequem. Kupille drehte aus dem Tabak der halben Zigarre zwei hübsche Zigaretten. Was wollten wir mehr, mir lehnten uns zurück und rauchten und genoßen die Musik. Neben mir kroch eine Raupe langsam an einem Holunderzweige empor. Ein giftgrünes Tier mit dunkelroten Punkten. Sie mar über und über behaart, und an jedem Haar hing ein silbriges Wafsertröpfchen. So ging sie im Dunst der Frühe spazieren. Und es traf sich, daß sie mir begegnete. Und ich freute mich. Und wie schön heute morgen doch die Welt war! Didelum. / Tanzen schwieg er ernsthaft, und wenn ihn eine aufmuntern wollte und ihn zu necken anfing oder freundlich am Ohr zupfte, ward eti vor lauter Entzücken erst recht verwirrt und hilflos, so daß er >es nie zu einer Liebschaft brachte, obwohl er den schönen Mädchen heimlich mit glühenden Augen nachschaute. Dieser Eesco Diondi gewöhnte sich unter anderen Sonderlingsbräuchen auch das einsame Amherstreifen in den Bergen an, wo er sich gut auskannte und fein Mlles Vergnügen an den Höhen und Aussichten, an Steren und Pflanzen, Steinen und Kristallen fand. Zwar unternahm er seine Ausflüge meistens in einer gewissen Trauer, denn er hatte nicht einen Tlebevschuß an Freude, wie andere, hinauszutragen, sondern suchte vielmehr draußen etwas zu finden, was andere daheim und alle Tage haben. Ein wenig davon fand er auch zuzeiten, unH allmählich gewöhnte er sich daran, an dem Dasein! der Berge bescheidentlich teilzunehmen und sein unbefriedigtes Gemüt daran zu beruhigen. Mit der Zeit kam er, der ohnehin gern eigene Wege ging und besuchtere Orte vermied, immer häufiger in das unwirtliche Gebiet des Monte Giallo, .wo kaum jemals ein Mensch anzutreffen und eins entlegenes, unberührtes Stück Land zu entdecken war. Der schlecht beleumdete Berg wurde ihm allmählich lieb, und da keine Liebe vergeblich ist, tat sich auch der Berg nach und nach vor dem Wanderer! auf, zeigte ihm verhüllte Schätze und hatte nichts dawider, daß dieser einsame Mann ihn besuchte und ihm hinter seine Geheimnisse zu kommen trachtete. Es entstand langsam ein halbvertrauliches Verhältnis zwischen Eesco und dem Berge, mqn lernte einander kennen! und ließ einander gelten. Mondi fand manche abschreckend aussehends Stelle zugänglich, entdeckte manche sommerliche Blumeninsel zwischen! dem Geröll, nahm hie und da einen schönen Glimmer, ein paar Blumen mit sich heim, und der alte Berg sah ihm zu und ließ ihn still gewähren. Das dauerte länger als ein Jahr. Aber der Mensch, mit einem Dein im Reiche der Statur, mit dem anderen im Reiche der Freiheit stehend, kann nun einmal ein Stück Statur nicht unbegehrlich und rein brüderlich liehen; sondern kaum fühlt er sich wohl und einigermaßen gastlich aufgenommen, so will er der Herr fein, will an sich reißen, besiegen und über den bisherigen Freund triumphieren. So ging es auch dem Mondi. Er hatte den Monte Giallo lieb, er wanderte gern an ihm herum, lag gerne rastend zu seinen Füßen; aber kaum war eine gewisse Vertraulichkeit da, so begann er auch schon unzufrieden zu werden und Herrschergelüste zu spüren. Bisher hatte er sich damit begnügt, den unbekannten Berg ein! wenig zu erforschen, je und je ein paar Stunden in feinem* Gebiete zu streifen, die Wasserläufe und Lawinenbahnsn kennenzulernen!, Gestein und Pflanzenwuchs zu betrachten. Gelegentlich hatte er auch einen vorsichtigen Versuch gemacht, der Höhe näher zu kommen und etwa doch einen Weg zum Gipfel zu erkunden. Dann hatte der Monte Giallo, ohne gerade unwirsch zu werden, sich still zugeknöpft und die Vertraulichkeit ruhig abgewehrt. Er hatte den Wanderer ein paar Steinschläge nahe kommen taffen, hatte ihn ein paarmal irvegeführt und müde gemacht, ihm den Rordwind ein wenig in den Racken geschickt und unter seinen begehrlichen Sohlen leise ein paar morsche Steine weggezogen. And Eesco war alsdann etwas betroffen, doch verständig und gutwillig umgekehrt. Er fand zwar den Berg ein wenig launisch, aber da er selber zu den Sonderlingen gehörte, konnte er das nicht Übelnehmen. Jetzt aber wurde das alles anders, da Eesco gegen das End« des zweiten Sommers, von der Erbsünde verführt, seinen Berg nut immer begehrlicheren Augen achchaute und sich daran gewöhnte, in ihm nicht mehr einen Freund und gelegentlichen Zuftuchtsort, sondern einen Feind zu sehen, der ihm trotzte und den er, nun beharrlich belagerte und auskundschaftete, um eines Tages ihn zu unwriochen. Sein Sinn war darauf gerichtet, den spröden Berg unter sich zu bekommen, durch Kraft und durch List!, auf geraden und krummen Wegen. Er wanderte nun Nicht mehr behaglich und getröstet in dm Schluchten und an den Abhängen umher, dankbar und nut dem Möglichen zufrieden. Seine Liebe war eifersüchtig und mißtrauisch geworden, sie wollte herrschen und recht haben, und da der Berg anderer Slteimmg war und sich still, doch entschieden Widmsetzte, sahen das Liebhaben und die bischerige Kameradschaft bald mehr wie Erbitterung und Haß ans. . Drei-, viermal drang der hartnäckige Wanderer empor, jedesmal mit einem kleinen neuen Fortschritt und mit wachsendem Verlangen, in diesem Kampfe Sieger zu werden. Die Abwehr des Berges war jetzt nimmer gutmütig und brüderlich, es gab Angriffe und ernstliche Drohungen, und der Sommer endete damit, daß Eesco Mondi nach einem Absturz ha« erfroren und verhungert mit einem gebrochenen Arm ms Dorf heimkehrte, wo man ihn schon vermißt und totgesagt hatte. Er lag eine Weile im Bett, inzwischen gab es am Monte Giallo Neuschnee, und es war in • diesem Sahre nichts mehr zu machen. Desto grimmiger nahm Eesco sich vor, nicht nachzulafsen und den ungastlichen Berg, den er nun wirklich haßte, doch noch zu unterwerfen. . Sm nächsten Frühsommer sah der Monte Giallo mit Unbehagen feinen ehemaligen Freund wieder anrücken und die Veränderungen studieren, di« der Winter und die Schneeschmelze angerichtet hallen. Er kam und unter» suchte, zuweilen von einem Kameraden begleitet, fast jeden Tag. Uno schließlich erschien er wieder in Gesellschaft des andern, eines Nachmittags mit reichlichem Gepäck, stieg ohne Eile ein gutes Drittel der Höhe hman und richtete sich an einem wohiausgefuchten Orte mit Wolldecke uns Kognak zum Uebernachten ein. Und am frühen Morgen machten sich «« beiden vorsichtig auf den Weg durch die unbetretene Höhe. . ,, Eine schlimme Halde, die um Mittagszeit von fallendem Steingerieh» unwegsam gemacht wurde, passierten sie ohne Gefahr noch in der Morgen- kühle. Erst nach zwei Stunden begannen die Schwierigkeiten. Zich un schweigend sttegen die beiden am Seil hinan, umgingen senkrechte «chrt fen, tteterten, gingen fehl und kehrten wieder um. Dann kam eine KW' gangbare Strecke, Eesco löste das Seil, und sie schritten eifrig voran, v kam ei Wand, der ga nur w Steig oben, die Ki emerro griff r des K> De tief in umher ermüd M we wo sil Stettui wchmi Frühe Sn Und 3 feinen vernal Kamei mnkeh Srlöfu Se irgend verzw er ma Siben eroei seine! Le Dinge, mit if Zeit, i chm jl Er an bei chm v und d schaut- Er sä, und t: müde, des F Licht der st dort i fern k Bas ft Ce zum । fcnnei feit u daß c alles । Notw und 3 als d< Hang tont r Lod t diesell die Li völlig der E stnnlo & werde aräbn stein : unter G die i zuteil einbr im b mim könne weich nemu Spitz Deisj diese Histo ntnrt Doro Wicht ment nenn Kunstwerke und ihre Titel. Von Walther Appell. Plauen. Ern wahres und echtes Kunstwerk hat eine Offenbarung zu fern, bi« uns nicht auf dem papiernen ümtoeg über Titel und Namen, zuteil werden, sondern elementar aus schöpferischen Tiefen auf uns eindringen soll (urrd zwar auch da, wo unser Urteil über ein Werk int letzten Grunde ablehnend sein wird). Die Fälle, in denen wir zum rechten Verständnis den Titel schwer oder gar nicht entbehren können, sollten im großen ganzen Ausnahmen bleiben, die sich aus wenige, ganz bestimmte Gattungen von Werken beschränken. Zu nennen wäre etwa die sog. Genremalerei, für die ein paar Dutzend Spitzwegs als gut« und zahllose andere Malereien als schlechte Beispiele angeführt werden könnten. Auf gleicher Stufe steht — für diese Betrachtung! — die ihre Stoffe mehr oder weniger im Historischen suchende Bildnevet. Hier wie dort wird ein zeitlich eng wnrissenes Geschahen zur Darstellung gebracht, eine Episode, bereit Voraussetzungen und deren Fortgang zum „Verstehen?' oft ebenso Wichtig sind wie der vom Künstler ivllluirlich herausgegriffene Moment. Dieser literarische Einschlag, den außer den Werken der genannten Gattungen z. B. auch Bilder von Feuerbach, Thoma, Leibl kam ein Schneefeld, das leicht zu überwinden war, und danach eine glatte Wand, die von weitem bedenklich ausgesehen hatte. Run aber zeigte sich der ganzen Wand entlang ein hinreichend breites Band, und Cesco dachte nur wenig Hindernisse mehr zu finden. Frohlockend betrat er den schmalen Steig und ging seinem Begleiter rüstig voraus. Wer er war noch nicht oben. Die Wand machte eine Biegung, und im Augenblick, da Cesco um die Krümm« schritt und alles gewonnen glaubte, fuhr ihm von jenseits, unerwartet ein heftiger Sturmwind entgegen. Er wandte das Gesicht ab, griff nach seinem Hut, tat einen Fehltritt und verschwand vor den Augen les Kameraden lautlos in der Tiefe. Der Begleiter beugte sich vor und konnte chn unten liegen sehen, sehr stef in einer Geröllwüste, vielleicht tot. Er irrte zwei Stunden mit Gefahr umher, fand aber keinen Zugang zu dem Gestürzten und mutzte endlich ermüdet den Heimweg suchen, um nicht selber noch vom Berg verschlungen zu werden. Erschöpft und traurig tarn er spät am Abend ins Dors zurück, wo sich nun eine Gesellschaft von fünf Männern zur Auffftftmng und Kettung des Cesco ausmachte. Sie gingen mitten in der Nacht und mchmen Decken und Kochzoug mit, um am Berg zu nächttgen und in der Frühe auf die Streife zu gehen. Indessen tag Cesco Mondi lebend, aber mit zerschmetterten Semen und Rippen zu Füßen jener Wand auf einem Steinhaufen. Er hörte seinen Begleiter rufen und gab, so gut er konnte, Antwort, die jener nicht vernahm. Dann lauschte er stundenlang und bürte zuweilen, daß der Kamerad noch auf der Suche war. Natürlich sah er ein, daß jener habe mnkehren müssen, und daß in den nächsten fünfzehn Stunden an keine Erlösung ju denken war. Seine Beine waren beide gebrochen, wahrscheinlich mehrmals, und irgendein Unglückssplitter war ihm in den Unterleib gedrungen, wo er verzweifelt wühlte unb schmerzte. Cesco spürte, daß er übel verletzt sei, er machte sich wenig Hoffnung. Er zweifelte nicht daran, daß man ihn Stben würde, aber ob er dann noch leben werde, schien ihm sehr fraglich. «wegen konnte er sich gar nicht, die kalte, lange Nacht stand bevor, und seine Verletzung schien ihm tödlich. Leise stöhnend lag er eine Stunde um die andere und dachte an lauter Dinge, die ihm jetzt nichts Helsen konnten. Er dachte an ein Mädchen, das mit ihm das Tanzen erlernt hatte und jetzt längst verheiratet war. Die Äeit, da er sie nicht sehen konnte, ohne Herzklopfen zu bekommen, schien chm jetzt wunderbar schön und selig gewesen zu fein. Er dachte weiter an sein« Wanderungen und erinnerte sich des Tages, an dem er zum erstenmal an den Monte Giallo geraten war. Und es fiel ihm wieder ein, wie er damals hier dankbar und vertraulich umhsrglng und den Berg lieb gewann. Unter Schmerzen wendete er den Kopf uns toaute umher in die Höhe, und der Berg sah ihm ruhig in die Äugen. Er sah den alten Gesellen an, der in der Abenddämmerung geheimnisvoll und traurig stand, mit verwitterten und zerwühlten Flanken, uralt und müde, in seiner kurzen Sommerrast nach den brausenden Todeskämpfen des Frühjahrs. Die Nacht kam, und in den Höhen dämmerte ein blasses Licht hinsterbend fort, eine ungeheure Fremde und Einsamkeit lag auf der steinernen Einöde. Nebelbänder zogen langsam und zögernd da und dort die schweigenden Wände entlang, dazwischen erschienen hoch und fern kühle Sternbilder, in einer entfernten Schlucht sang dumpf und wirr Bas stürzende Wasser. Cesco Biondi sah mit seinen sterbenden Augen das alles, als wäre es »um erstenmal. Er sah seinen Berg, Monte Giallo, den er so wohl zu kennen geglaubt hatte, zum erstenmal in seiner tausendjährigen Einsamkeit und traurigen Würde stehen, und sah und wußte zum erstenmal, daß alle Wesen, Berg und Mensch, Gemse und Vogel, alle Sterne und alles Erschaffene — daß das alles in einem großen Drang unentrinnbarer Notwendigkeit fein Leben dahinfuhrt und fein Ende sucht, und daß Leben und Tod eines Menschen nichts anderes ist und nichts anderes bedeutet, als der Fall eines Steines, den das Waller im Gebirge löst und der von Hang zu Hang niederstürzt, bis er irgendwo in Splitter geht oder langem in Sonne und Regen verwittert. Und während er stöhnte und dem Lod mit frierendem Herzen entgegensah, fühlte er dasselbe Stöhnen und dieselbe namenlose Kälte durch den Berg und durch die Erde und durch die Lüfte und Sternenräume gehen. Und so sehr er litt, er fühlte sich nicht, völlig einsam, und so grauenvoll und sinnlos sein schreckliches Sterben in der Einöde ihm erschien, es erschien ihm doch nicht grauenvoller und nicht sinnloser als alles, was jeden Tag und überall geschieht. Der Monte Giallo behielt ihn bei sich, er konnte nicht gefunden werden. Im Dorfe wurde er darum sehr beklagt, da jeder ihm das Be- Käbrris und die Ruhe im Kirchhof gegönnt hätte. Aber er ruhte rm Dein nicht anders, als wenn er nach einem langen und fröhlichen Leben unter Gesang im Schatten der heimallichen Kirche begraben worden wäre. ustü., Radierungen von Klinger, Plasttken von Robin haben, rocht- ferttgt oder verlangt meist auch einen klaren, eindeutigen DitÄ. Auf der andern Seite aber steht die große WehrMchl derjenigen Werk«, die nur aus sich selbst heraus und imrch sich selbst sprechen sollten. (Was sie natürlich immer nur in dem Grade könne«, in dem der Schaffende vermocht hat, schöpferische Energien, in fein Werk zu bannen.) Sogar ein Künstler, wie Döcklin, hat, wie Loitts GorinD erzähtt, seinen Hauptwerken keine Namen oder Tttel mit auf den Weg gegeben. Dieser Mut, gegen die Denkbequemllchkeit des durchschnittlichen Kunstpublikums zu opponieren, war in dem Berdearren begründet, daß die Bilder aus Eigenem mitteilen könnten und würden, was ihr weserMcher Gehalt war. Freilich mußte der Künstler erkennen, wie unglaublich hilflos und schwerfällig das Publikum Werken gegenüberstand, die ein tieferes Einfühlen von Hm verkangtE als es aufzubringen willens und fähig war: die Bilder wurden nicht eher gekauft, als bis — der Kunsthändler ihnen Namen gegeben! hatte (Namen, die sie heute noch haben, und für deren EntstÄhest auch Geschäftsgeist und Willkür das „Schweigen im Walde" das beste Beispiel ist). Auch die junge und jüngste Kunst hat in disser Hinsicht noch immer Kompromisse schließen und Zugeständnisse an die Gewöhnung der Kaufenden oder auch nur der Betrachtenden machen müssen. Manches Werk, das heute unter einem Titel geht, dem man das Krampfhafte, llnkünstlevische feiner Herkunft sofort ani- merkt, hatte beim ersten Erscheinen noch keine oder nur eine jo neutrale Benennung, wie „Komposition", „Studie" „Menschen" o&er dergleichen. Gerade um die Allgemeinbewerpmg der jüngsten Kunst stünde wohl vieles besser, wenn ihre Werke nicht vielfach von vovnj- herein mit Titeln belastet worden waren, deren — oft leider sogar beabsichtigte — Absonderlichkeit nur Verwirrung anrichten und Widerspruch wecken mußte. Ünd auch Fälle, die nicht ganz so kraß liegen, sprechen deutlich genug gegen eine Festlegung des ausnahme» willigen Betrachters aus lückenhafte oder sonstwie anfechtbare BW- tttel. So kann bei einem bekannten Holzschnitt Schmidt-Rottluffs der Titel „Landschaft mit Turm" dem Betrachter nicht das geringste nützen, dem Bilde und seiner Wirkung aber viel Abbruch tun, w«l er zu eng begrenzt und begrenzend ist. Das mag schon der engllsche Radierer Strang empfunden haben, der seine Werke lieber fortlaufend numerieren als ihnen bestimmte Benennungen geben tooHte. Vergleichsweise wäre hier auf das Gebiet der Musik und die dort allgemein herrschenden Gepflogenheiten hLnguWeisen, auf die jedoch nicht näher eingegangen werden kann. Nur über den Bereich der Literatur soll noch einiges gesagt fein. In der Literatur liegen die entsprechenden Verhältnisse bis zu einem gewissen Grade anders als in den bKdsnd-en Künsten. Ein Buch wird schon aus Gründen feiner äußeren Ausmachung selten den Titel ganz entbehren können. Wie dies« Titel fein soll, das hat Schopenhauer treffend so formuliert: bezeichnend, kurz, .prägnant, und womöglich ein Monogramm des Inhalts. Nicht anerkannt, aber kann die Notwendigkeit eines solchen Titels für Werke lyrischen Charakters werden. (Während die mehr «zählenden ja auf eine Stufe mit den — gleichfalls „erzählenden" — Historien- und G«rre- bildevn gestellt werden können.) ilnd wie es scheint, stift» auch rn allen Perioden Lyriker gewesen, die das gewußt haben, denn! gar mancher hat sich nicht bemüht, irgendwelchen Titel für seine Dichtungen, sowohl im einzelnen als auch irr Zusammenfassungen, zu finden. Späteren Herausgebern ist es dann meist Vorbehalten getoefat, diese vernünftige Denk- und Handlungsweise zu korrmieven. Einige haben sich gewiß mit Geschick und Geschmack aus der Affäre gesogen, andere ha^n, wenn ihnen kein „paffender" Titel für ein Gedicht ei-ffiel, ihr Gewissen und die Ansprüche des Lesers damit beschwichtigt, daß sie immerhin „Sonett" oder „Li«d" ober — „Gedicht darüberfchrieben. (Ebenso oft tun das allerdings, aus den gleichen Rücksichten heraus, schon die Dichter selbst.) Aber trotz aller Bedenken ist dagegen vielleicht noch weniger ÄnMvenden als gegen eine Mn» fttte unterer Tage, die etwas, das für EinzelfMe gut und angebracht ist, gedankenlos verallgemeinert: in Anthologien und sonstwo staden wir häufig Gedichte, beispielsweise von Holz, Dehmel, Werfel, denen schnellfertig die Anfangszeile als improvisiert« „MeberschÄft iwr- gesetzt worden ist Auf diese schematische und allzu ««fache Act kommen dann Titel zustande, die oft wenig oder gar nichts nut 5cm Geist und Inhalt lassen zu tun Haben, von dem sie „ein Momo- gramm" fein sollen. — _ „ , .,, , . „ Di« grundlegende Frage ist aber hier Öie: haben nicht wir alle Schuft» an den geschllderten Mißständen? Und wenn schon vielleicht nicht alle, so doch der größte Teil der Hinnehmenden? lleberlegens wir uns doch einmal, ganz ehrlich vor uns selber, wie wett je&cr einzelne von uns noch in den hergebrachten GewöhnmWen steckt und befangen ist, und wieviel Widerstände vielleicht auch wir an unserrn Dell einem Künstler bereiten, der den Mut hat, vom Schema Äweichen I 3e offener wir uns diese Frage beantworten, um so : dürfen wir hoffen, in unfern WirkurqMbereichen zur Anbahnung der notwendigen Ansicht beizutvagen: daß es auf Kosten der Kunst und des Künstlertums gehen muh, wenn wir hartnäckig auf der Forderung w Aeuherlichketten beharren, die überwiegend kunst- fremd ruft» kunsK-idrig sind. Rätsel des Kosmos. Do« Prio.-Doz. Dr. A. Kühl, München. Unter den Titeln: „Sos Werden der Wetten", „Die Dorfteklung vorn WeltgÄräude der Zeiten" mild „Der Lebenslauf der Planeton" Hot der schwedische Chemiker Svante Arrheniu« in anziehend populärer Fassung jein« kosrnogonifchen Ansichten erscheinen lassen. Es gehört schon Mut und die Ueberzeugung, etwas Wichses zu jaM« zu haben, dazu, wenn ein Wissenschaftler wie Arrhenius sich entschließt, feine Gedanken über das Weltgeschehen zu veröffentlichen, ja, sie durch Popularisierung weitesten Kreisen zugänglich zu machen. Die bisher experimentell unerschütierten Grundersahrungen der Physik über die Erhaltung der Energie und das beständige Anwachsen der Entropie führen als Endzustand der Weltentwicklung auf den vollständigen Teulperaturausgieich im Universum und damit auf den Stillstand jeder Entwicklung: den sogenannten Wärmetod der ®eh. Mag die Zeit bis zum Eintreten dieses Zustandes noch fo lange währen, so muß er nach diesen Sätzen doch einmal erreicht werden. Dagegen sträubt sich der philosophische Einwand: da die Welt anscheinend schon unendlich lange Zeit bestecht, müsse sie diesen Zustand, wenn er überhaupt je eintritt, doch schon erreicht haben. Ein unbefriedigender Zwiespalt ruht also wie ein Fels vor dem Eingangstor zur Kosmogonie, und ohne seine Beseitigung kommt niemand an "den Kern aller Fragen heran. Arrhenius walzt ihn einfach fort durch die Behauptung: Der zweite Hauptsatz hat hier eine Lücke, derart, daß dem beständigen Anwachsen der Entropie in gewissen Gegen- . den des Weltalls ein ständiges Abnehmen gegenüberstehe mit dem Er- • aetais, daß das Weltganze seinem Wesen nach stets so war wie heute: Materie, Energie und Leben haben nur Form und Platz im Raum gewechselt. Wenn auch Maxwell schon einmal rein theoretisch eine Ausnahme vom zweiten Hauptsatz konstruierte, so bedeutet doch Arrhenius' Behauptung für das allgemeine Naturgefchehen einen Bruch mit der bis- ; Herl gen Anschauung: sie erfordert daher unbedingt den Beweis ihrer i Rüstigkeit. Aach Arrhenius ist die Kraft, welche jene Ausnahme hervorbringt, der ; Strahlendruck, d. h. die durch Maxwell bekanntgewordene Tatsache, daß i Lichtstrahlen aus jede betroffene Fläche einen kleinen, aber meßbaren i Druck ausüben. Da nun bei gleicher Substanz die Anziehungskraft mit dem Rauminhalt, der Strahlungsdruck aber mit der Oberfläche eines Kör- peers ab nimmt, so gibt es eine gewisse Kleinheitsgrenze des Körpers, unterhalb deren der Strahlungsdruck größer wird als die Anziehungskraft, so daß sehr kleine Körperchen von den Lichtstrahlen fortgetragen : werden können. Das Vorhandensein solcher „abstoßender Kräfte", die von i der Sonne ausgehen, war in der Astronomie schon lange bekannt durch - die Erscheinungen an Kometenschweifen, und seit Maxwells Entdeckungen | suchte man natürlich ihre Wesen im Strahlungsdruck. ’ Aber trotzdem ist es sicher ein Verdienst von Arrhenius, 1909 zuerst j auf die noch viel allgemeiner vorkommenden Wirkungsmöglichkeiten dieser ; Kraft aufmerksam gemacht zu haben. Seine Theorie lautet in kürzester : Form etwa so: Die Sonne und alle Fixsterne kühlen sich infolge ihrer : Ausstrahlung ab: die Abkühlung wird^vergröhert durch Zusammenziehung ; und durch den Zerfall radioaktiver Substanzen in ihrem Innern; aber ; schließlich muß jeder Stern einmal erlöschen. Während der Strah- • lungszeit wird indessen ein Teil der Materie jedes Sterns durch Strah- . lungsdruck in äußerst kleinen Teilchen in den Weltenraum hinausgefchleu- j dert. Arrhenius nimmt an, daß alle diese Teilchen und die Strahlungs- - energie von ausgedehnten Nebelflecken niedriger Temperatur ausgefangen \ werden und deren Wärmevorrat vermehren, wobei die Nebel aber keine : Temperaturerhöhung erfahren, sondern sich unter Abnahme ihrer Temperatur ausdehnen. Die Nebel enthalten aus diese Weise eine riesige Energie- ; menge bei äußerst starker Verdünnung. Unter Einwirkung ihrer inneren , Gravitation ziehen sie sich allmählich zusammen und beginnen zu strahlen, ; indessen überwiegt die durch Zusammenziehung gewonnene Energie den • Verlust durch Ausstrahlung, so daß die Nebel während der Zusammenziehung eine Temperatursteigsrung erfahren, d. h. heißer werden. Durch | Eindringen von Meteoren und erloschenen Sternen können innerhalb des , Nebels mehrere Konzentrationszentren geschaffen werden, so daß der ; Nebel schließlich je nach der Zahl dieser Kerne zu einem oder vielen leuch- ; tenden Sternen sich verdichtet. Die inzwischen erloschenen Sterne wandern - als riesige dunkle „Explosivkörper" durch den Weltraum, bis sie, wie ‘ Arrhenius annimmt, nach durchschnittlich hundert Billionen Jahren mit einem anderen ihrer Art so heftig zusammenstoßen, daß dabei ihrer beider Mat-erie wieder zu ausgedehnten Nebeln zerstreut wird. So war -er ewige Kreislauf der Materie und Energie im Weltgeschehen gegeben: Aus Nebeln werden Sterne, Sterne erlöschen und werden durch Zusammenstoß mit anderen wieder zu Nebeln, wobei die von den strahlenden Sternen verloren« Energie — von den Nebeln aufgefangen — immer wieder an dem Kreislauf teilnimmt. Parallel hiermit geht nach der Annahme von Arrhenius die Wanderung des Lebens. Nach ihm können vom Strahlungsdruck, z. B. von dem der Sonne auf der Erde oder eines Fixsterns auf einen feiner Begleitplaneten auch Lebenskeime (Sporen), die von den Luftströmungen in größere Höhe getragen worden sind, von ihren Heimatplaneten entfernt und nach jahrzehntelanger Strahlungsreise auf einem Planeten einer anderen Fix^sternsonne wieder abgesetzt werden. Natürlich würde nur ein ganz geringer Bruchteil der transportierten Sporen dies Landungsglück genießen, und ein noch geringerer Bruchteil würde bei der Landung auf lebensgünstige Bedingungen stoßen. Aber wenn nur ein einziger Keim lebensfähig diese Reise bis zur Landung übersteht, und nach Arrhenius' Annahme ist dies möglich, so wäre damit die Verbreitung und Aufwärtsentwicklung des Lebens überall im Weltall gesichert, wo die entsprechenden Bedingungen, Temperaturen zwischen 0 urob 60 Grad Eelsius, flüssiges Wasser und eine der unsrigen nicht unähnlichen Luft gegeben sind. Nach Arrhenius' Annahme ist also auch das Sehen enri^unb wechselt nur vermöge dieser Keimübertragung feinen Sie Ueberprüfung der Durchführbarkeit dieser bestechenden Gedanken ist keineswegs lückenlos möglich. Es sprechen neben wirklichen Beweisgründen in diesem Gebiete, wo unsere Erfahrungen noch fo spärlich sind, Kleinigkeiten und Imponderabilien mit, welche das Vertrauen in den Führer heben oder vernichten können. Und wenn man sowohl in bezug auf diese aSg«nelner-m Eindrücke als auf jene Beweise hin die drei Publi- kationsn unter die Lupe nimmt, fo scheint mir — um das Ergebnis gleich vonvegzunehmen — kn Stücke zu zerreißen, was auf den ersten Blick als logisch eimvandftei» Gntwicklustgskstte dasteht. ^tüEch iwitz man im einzelnen daoon absehen, daß wir seit der n ,er= *>« Reihe neuer astronomischer Ergebnisse bereichert sind, rndessen kann man beim Blick auf sie schon das Gefühl nicht unterdrücken, daß der Verfasser doch reichlich weit nur dem unsicheren Stern seiner Phantasie gefolgt ist. Vielleicht aus dieser Einstellung erst säht man, worüber in der ersten Freude über das geschlossene Bild hinweggelesen wird, daß Arrhenius (der natürlich die astronomischen Daten aus fremden Quellen schöpfen mußte) merkwürdigerweise gerade wichtig« deutsche Literatur nicht kannte. Daß er nordische Gelehrte besonders häufig zitiert, ist fein gutes Recht, daß aber unter den zahlreichen Namen der Franzosen, Engländer, der Amerikaner, Holländer und selbst Polen so kläglich wenig deutsche — und wenn schon, dann nur die schlechterdings nicht vermeidbaren, wie Tobias Mayer und Helmholtz — erscheinen, wirkt doch befremdend. (Im zweiten Buche ist es damit ein wenig besser, und man vermutet aus der Evschemungszeit vielleicht mit Recht, daß die vierte Auflage der deutschen populären Astronomie „Newcomb-Engelmann", natürlich ungenannt, hier als wichtige Quelle gebient habe. Aber muß man sich trotzdem nicht — um nur eins herauszuheben, gelinde wundern, wenn die Entdeckung der Sterntriften berichtet wird, ohne den Namen ihres deutschen Entdeckers Kobold zu nennen, ober wenn die grundlegenden Arbeiten des kürzlich verstorbenen Münchener Astronomen S e e l i g e r ober die Sternoerteilung einfach totgeschwiegen werden? Welches Vertrauen kann z. B. die so eingehend behandelte Chemie der Atmosphäre in ihren Einzelheiten beanspruchen, wenn im fünften Kapitel des ersten Buches „bewiesen" wird, daß eigener Wasserstoff in der Erdlust nicht vorkommen könne, da er sich mit Sauerstoff zu Wasserdamps verbinden müßte, im fünften Kapitel des dritten Buches dagegen widerspruchslos die gewaltige Wasierstoffschicht der Erdatmosphäre nach Wegener eingeführt wird, den Annahme heute von der Wissenschaft als nicht haltbar betrachtet wird. Scheint nicht der Wunsch, die Planeten möglichst doch mit Leben zu bevölkern, der Vater des Gedankens, wenn rein gefühlsmäßig die ans der Bestrahlung berechnete, reichlich hohe Mitteltemperatur der Venus auf 40 bis 47 Grad Celsius herabgesetzt, und lediglich hierauf eine ins einzelne gehende Beschreibung des Klimas, Wetters und Lebens auf diesem Planeten aufgebaut wird? Wir können es Arrhenius nicht verübeln, wenn auch er die 'Marskanäle wörtlich nimmt und nach feinem Geschmack als Verwerfungsspalten ansieht: aber da er selbst angibt, baf? man unsicher sei, was die Schattierungsunterschiede auf dem Mars in Wirklichkeit bedeuten, kann es doch nur als interessante, aber recht unwissenschaftliche Novelle angesehen werden, was er in aller Ausführlichkeit über Bodengestaltung, Jahreszeiten und Witterung auf dem Mars erzählt. Die Erklärung der Mondformationen geht über die wichtigen Arbeiten des verstorbenen Münchener Physikers Ebert hinweg und spricht statt dessen noch von „Vulkanen" auf dem Monde, wiewohl längst bekannt ist, daß schon Bau und Größe der Ringgebirge auf dem Monde allein diese Auslegung verbieten. Und ist es nicht reichlich voreilig, wenn Arrhenius behauptet, daß Lebenskeime bei einer Temperatur von etwa — 250 Grab Celsius bei absolutem Mangel an Luft und Feuchtigkeit, dagegen ungeschützt vor der Einwirkung lebentötender Ultraviolettstrah- lnng ausgesetzt, jahrzehnte-, ja jahrhundertelang durch den Weltraum reisen und keimfähig bleiben können, lediglich weil es gelungen ist, gewisse Keime bei — 150 Grab Celsius für einige Wochen lebensfähig zu erhalten? Es kann, wie gesagt, nicht Arrhenius zur Last gelegt werden, wenn er die Entwicklungsreihe der Sterne und über die Dimensionen und dis Wesen der Spiralnebel Anschauungen hegt, die heute nicht mehr haltbar sind. Nicht entschuldbar aber sind sein« Flüchtigkeiten und Verstöße gegen das schon gesicherte astronomische Besitztum. Wir wollen nicht die Möglichkeit bestreiten, -daß di« Sonnenkorona zum Teil aus Teilchen besteht, welche vom Strahlungsdruck der Sonne in der Schwebe gehalten oder fortgeschleudert werden. Die Grenze des wissenschaftlich Zulässigen wird aber schon überschritten, wenn gar aus der Abschwächung des Lichts am Sonnenrande im zweiten Buche auf „Mengen kondensierter Körperchen" in der äußeren Sonnenatmosphäre geschlossen wird. Nun gar sollen sich die in den Weltraum hinausgeschleuderten Sonnen- und Fixsternstäufechen irgendwo wieder zu größeren Tröpfchen zusammenballen linb durch Zu- sa mm enk leben vieler großer Tropfen schließlich Meteore bilden, nur weil die zur Erde fallenden Meteorsplitter nach Arrhenius' Meinung so aus« sehen, als ob —. Sind das nicht reine Phantasien? Das Willkürlichste aber und von einem Wissenschaftler ganz unverständlich, bleibt di« Art, wie mit den Forschungen vom Ausbau des Weltalls verfahren wird. Man weiß sicher, ba& die Absorption des Lichtes im Weltenraum außerordentlich gering ist und im allgemeinn innerhalb einer Strecke von 30'000 Lichtjahren noch nicht einmal eine Stern größe aus- macht. Das hindert Arrhenius nicht, wiederholt zu behaupten, mir jähen nur deshalb nicht den ganzen Himmel mit leuchtenden Sternen bedeckt, weil kosmische Nebel (die vermuteten Ansammlungen von Sonnen- und Sternstaub) uns die Sicht auf ferne Himmelskörper verschleiern! Und mit welchem Anspruch auf Beachtung er die Beobachtungstatsachen über den Aufbau des Milchstraßensystems durch seine „philosophische" Meinung ersetzen kann? Hier liegt nämlich der Angelpunkt seiner ganzen Weltent- stehungstheorie., Der Kreislauf der Materie und ihrer Energie nach Arrhenius ist ja nur möglich, wenn alle Sternstrahlung wieder von Himmelskörpern oder Rebeln aufgefangen wind, d. h. wenn in jeder beliebigen Richtung des Weltalls auf Sterne ober Nebel getroffen werden kann. Die Stellarstatistik aber zeigt, daß die Anordnung der leuchtenden Sterne außerordentliche Lücken läßt, ja, daß unser Milchstraßensystem als einsame Insel in einem ungeheuren Raume schwefel. Diese Proben mögen genügen, um zu zeigen, daß man die drei Bücher schon recht aufmerksam lesen muß, um Annahmen und Tatsachen zu schedden. Wäre vom Verfasser selbst trief« Scheidung vorgenommen, indem er nach den oder gegen die Beobachtungstatsachen feine Hypothesen als solche deutlich herausgehoben hätte, so würde aus dem allen kaum ein Vorwurf zu konstruieren sein. Allerdings hätte bann auch seine Kosmogonie als bas bageftanben, was sie ist, nämlich als ein geistreicher Flug kühner Phantasie über die uns bisher gezogene Grenze des Wissens und der Theorie hinaus. ran.wortllch: Dr. Hans Lhyrrot. — Druck und Berlag: Drühl'fche Anivcrsitats-B-uch» und Steindruckerei,'N. Lange, Gießen.