Jahrgang 1927 Dienstag, den 50. August Nummer 69 GiehenerKMjeilblijtter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Schöne Erde. Von Johannes Heinrich B r a a ch. Erde, » was klagen sie kleinlich an dir herum, zu flach bist du diesem, jenem zu krumm, dem zu gerecht und dem zu vergessen, dem zu still und dem zu besessen. Der Eine wünscht Nehren so hoch wie ein Turm, der Nächste will Sonne, der Andere Sturm, dem Jm6 die Sterne des Abends zu klein, den ärgert die Flieg« und diesen der Stein. Zum Teufel, wenn ich das alles verraten sollte, warum man dir grollt und weshalb man dir grollte, tausend Jahre müßte ich schreiben, um nur ein Schuldner und Stümper zu bleiben. Doch — Erde, was donnern die Meere, glitzern die Maare, was singt der Stieglitz, zwitschern die Stare, rauscht der Wald und erzählen die Höhn? Erde, so wie du geschaffen, so wie du erstanden, so wie wir dich finden und wie wir dich fanden, so bist du erhaben und so bist du schön. Derk Kinderrvagen Von A. M. Frey. In einer Gasse, die von großer Verkehrsader hinunterführt ins Gewirr der Altstadt, steht vor einem Kaufladen ein Kinderwagen. Er beherbergt einen Buben, der darauf lauert, die Mutter wieder bei sich zu sehen: die aber läßt sich Zeit. Sie hat, weil die Gasse abschüssig ist, Eisbrocken als kleine Hemmnisse vor die Räder-geschoben und überzeugt sich durch die zugefrorene Laüenscheibe notdürftig von der Anwesenheit ihres Toni. Aber nun gerät sie mit anderen Weibern in der Krämerei in eine solch wichtige Debatte über Politik, daß sie dem Fenster vorerst den Rücken kehren muß. Der Toni ist ein kräftiges und lebhaftes Kind; er will nicht länger untätig daliegen, bis zur Rase zugedeckt. Er richtet sich auf und rückt den Kopf mit den Apfelbäckchen und dem Wollmützchen hierhin und dorthin. Die Gasse ist wenig belebt, und es beginnt in ihr schon abendlich zu dunkeln. Der Toni hält Umschau nach einem kleinen Zeitvertreib, er hebt die Llermchen aus den Decken und fährt mit ihnen durch die Winterluft, er friert nicht und schreit auch nicht. Er beugt sich weit über den Wagen- rand, um dort unten vielleicht auf seine Rechnung zu kommen. Gleich wird er hinausfallen. Da schreitet des Weges Herr Nock, im Pelz und im solid geformten schwarzen Hut. Durch seine Brille nimmt er die Gefährdung des Kindes wahr, und tritt an den Wagen heran. „Ei, ei, ei" und „Ra, na, na" sagt er mahnend, aber den Buben beschäftigt weiter das Pflaster auf der Gasse, er hängt schon halb in der Tiefe, und Herr Nock muh ihn anpacken und zurechtsetzen. Er gibt keine Ruhe, der Racker; ungebärdiger wird er; man befaßt sich mit ihm, das regt ihn an; er wirft sich umher, der Wagen gerät ins Schaukeln. Eine väterliche Hand um das Kinderärmchen gelegt, schaut Herr Nock sich ratlos um. Kein Mensch kommt gegangen, und die leichtsinnige Miitter will auch nicht erscheinen. Was soll man tun? Man muß die Frau herbeiholen, der das Kind gehört, aber inan kann es ja keinen Augenblick allein lassen. So hebt er's aus den Kissen — er hat noch nie solch ein Tierchen auf dem Arm gehabt — und behandelt es voll Sora« wie ein Ding der höchsten Zerbrechlichkeit. ®6en will er mit seiner Bürde behutsam in den Laden treten, wo er r fc-r ,--u^er vermutet, da sieht er, daß der Kinderwagen ins Rollen gerät; rni" rl'3 enieilt er die leicht geschrägte Straße hinab. Cs ist ein schönes uvagelchen, fast noch neu, von Frau Knäbel kürzlich erst beim Trödler i tro-> erworben, ein Gelegercheitskauf und der Mutter ganzer -dries da leichträderig hinuntertändelt, blitzen seine Speichen im ^•OlJ entsetzt. Noch klammert er sich an die Hoffnung, das we;ayrt wurde aus eigenen Stücken weim nicht umkehren, so doch stehen- l5 j1 $ u?d durch das Kind behindert und seinethalben doppelt Wagen1 wieiÄhaben^5 entschlossen. Denn selbstverständlich muß er den an der Straßenecke schnuppert, wie ein schläfriger Fuchs, die dk^bn tn den Hosentaschen, über steifen Ohren die 6er T-rdl nach Gelegenheiten. Er wird aufmerksam auf ans, was da gegen ihn zurollt — er wird ganz wach, und schnell erfaßt er die &ige. Das Wägelchen stürzt sich sozusagen in seine aus der kreuzenden Gasse oorgestreckten Arme, er nützt den Schwung gleich aus — und hat es schon außer Sicht dirigiert. Daß da ein beschwerter Mann hinter- herhumpelt, der morgen vielleicht anlangen wind, ist für den Ferdl ein Umstand, der Früchte tragen soll. Ein Blick unterrichtet ihn: die Kissen sind leer; in langen Sprüngen, den Wagen vor sich herstoßend, biegt er um eine weitere Ecke— und dann darf er sich's leisten, gesitteter und ganz harmlos auf ein Ziel zuzusteuern, das er nahe weiß. Herr Rock läuft wie's geht; maychmal rutscht und strauchelt er und ist in Gefahr zu fallen; dann steht ihm wegen des Kindes fast das Herz . still; der kleine Racker hat ein Händchen über die Brille gepatscht, eins in den Bart versenkt und beeinträchtigt nach Kräften die Abwicklung der Expedition. Doch Nock ist insofern noch vertrauensvoll, als das Kind nicht plärrt, und das Wägelchen, das er freilich nicht sieht, unten ja zu finden ,ein muß. Wahrscheinlich ist es umgekippt und so zur endlichen Ruhe gekommen; gut, daß der Straßenschmutz gefroren ist! Unten aber ist kein Gefährt/Herr Nock will es nicht gelten lassen. Er schreitet die enge Kreuzung der Gassen im kleinen Kresse ab und ucht bereits peinlich wie nach einer Haarnadel. Eine bejahrte Frau taucht auf. „i-iebe Frau," bittet er, „hoben Sie nicht vielleicht einen Kinderwagen gesehen — hier so in der Runde?" Die Alte steht, mustert ihn dumpf und vergißt fast den Kopf zu schütteln. „Oder sind Sie am Ende die Mama dieses Kindes?" blitzt Rettung in ihm auf. Da schlägt die Alte das Kreuz und enteilt ohne Wort. Mittlerweile ist der Ferdl dorthin gelangt, wohin er wollte. Er hält vor osm niederen Gewölbe des Trödlers Bulach, das schmutzig durchglüht ist von enter fliegenbeschmutzten Lampe. Aber soviel sieht der Ferdl schon: es ift niemand in der Höhle außer Bulach, der gerade Juwelen frisiert. Er tritt ein und will den Wagen durch die schmale Tür zerren. „Laß' ihn draußen", sagt der Trödler mürrisch und zaubert die Edelsteine weg. Sache^oi? ” ne^men — i° «'n feines Ding", preist der Ferdl seine --Kenn's _ schon", brummt Bulach und diesmal spricht... er die volle Wahrheit. Hat er doch vor ein paar Tagen erst den Wagen verkauft- der rückt heute brav wieder ein; brauchbar ist er und gut dressiert Laß' 'hn draußen, hab' ich gesagt, weil im Laden fein Platz ist", erklärt er zugänglicher. Dann schweigen beide, und einer will stumm den andern zur Rede drangen. Aber der Ferdl muß doch mit seiner Zeit ein wenig haushalten, drum beginnt er: nämlich von einem kinderlosen Ehepaar in Zahlung für eine Woche Holz hacken. Sauer verdient!" Bulach, der Kenner, sagt sich: kein Wort kann wahr sein..Aber er nickt glaubensstark. „Wieviel?" fragt er und prüft bedenklichen Gesichts di« Federung, obwohl er weiß: gesund ist-sie. Aber nicht gesund ist das Korbgestell, es hat Löcher im Baden — und er bemängelt dies. „Hast denn schon nachgefchaut?" fragt der Ferdl verdutzt. Ja, wieso, schaust denn Du durch die Kissen?" Da wäre der Bulach gefangen, aber er meint bombensicher: „Hör auf, ich schau, wie ich mag." — Die Antwort ist rätselhaft, doch der Ferdl kann : ihr nicht nachhängen, er möchte -wieder fort. ! „Zwanzig", verlangt er. Der Trödler zeigt sich schwer belästigt. „Schieb ab mit deinem Mistkarren , sagt er unwillig. „Meinst, ich wär' verschwendungssücktia?" „No — wieviel —?" will seinerseits der Ferdl wissen. Bulach richtet Stiefelspitzen auf einem Harmonium in Paradestellung und wirst nebenhin: „Drei." Der. Ferdl muß das elegante Wägelchen mit einem Ruck hoch in die Hohe heben, so sehr stößt ihn Empörung: „Sieber hau ich's aufs Pflaster, daß kein Radi mehr ganz bleibt." „Immer zu!" bestärkt ihn Bulach. Ferdl hat sein Gut sanft niedergestellt. „Fünfzehn!" lockt er. Bulach klingelt mit Geld. Er sieht seines Geschäftsfreundes ruhelosen Blick die Gasse entlang; dicht baut er sich vor ihn hin. „Schluß. Fünf!" befiehlt er. „Da sind sie." „Hundskerl," gibt Ferdl seine Unterlegenheit zu. „Dir bring ich nir mehr." Er nimmt und entgleitet. Er gleitet an einem Pelzherrn vorbei, der ein raunzendes Bündel trägt und nrnherirrt und ihn fragen will: „Ach, bitte, haben Sievielleicht —" aber er ist knapp daran mit der Zeit, er muh den froststarren Körper in die Stallwärme der Kneipe bugsieren. Herr Nock, mit dem unruhigen 'Balg auf erlahmenden Armen, geistert mehr aus Ratlosigkeit darüber, was er überhaupt beginnen soll, als in irgendwie fundierter Hoffnung weiter durch die Nacht. Er hat sich, als er nur die Erklärung fand, die Erde müsse den Wagen verschluckt haben, zögernd di« Gasse wieder aufwäris begeben, aber dann hat die Empfindung gesiegt, der Mutter dieses unseligen.Kindes, sollte sie überhaupt noch anzutreffen sein, so nicht unter die Augen treten zu können. „Ist es denn ’ möglich, daß ein großer Kinderwagen spurlos —" murmelt er und kehrt ich nur statt dessen? „Und weiter —wünscht Frau Knabl scharf. „Ja, und da läuft und läuft dieser schreckliche Wagen — bis an Li« Häuserwand, und wird zerschmettert. Ein Glück, daß der Bub schon aus meinem Arm war!" , „An welcher Häuserwand denn?' forschte ste. „Ja — gewiß doch an eine Wand!" sagt er heftig aus Verlegenheit. „Unter vollkommener Vernichtung." „So —? Und wo sind, bittschön, die Trümmer? — Jemand hat ste schon beiseite geschasst, wollen Sie mir weismachen? — Warum denn? Warum soll denn jemand solche Trümmer stehlen? Da könnt' ich eher glauben, jemand stiehlt einen ganzen Wagen." . „Sehen Sie, das würden Sie glauben!" ruft Nock. „Aber ine Tatsache, wie ich sie haargenau erzählt habe, die glauben Sie nicht." , „Schon recht ungern," höhnt Frau Knabl, „denn Tatsache ist einfach, daß dieser Wagen der meine ist." Nock bemüht sich weiter um Geständnisse. „Nicht Ihr Wagen, sondern ein vor fünf Minuten erst durch mich gekaufter! Ihrem srüheren vielleicht sehr ähnlich — mag fein, aber nicht identisch mit ihm." ^'^Nock^ betrachtet die Frau bekümmert: — wie sie sich zu verstellen weiß! Das ist nun eine aus dem Volk, und ist so raffiniert wie die gewandteste Dame. Aus Besorgnis, ich könnte Rückerstattung memer Aus- lagsn verlangen! Das ist es! Denn, daß dies em neues Wägelchen ist, "'graJ'smrM'muftert gehäistg tos to-to Gchchl Ntos: ein wohl- L Ä ÄtäSÄÄÄ sieht man es wieder. Sollte man so etwas für möglich halten. „Auf den Rest Ihrer Erzählung Verzichts ich! schreit sie wütend. „Es wird out sein, wenp Sie jetzt heimgehen. Sie spuckt aus und sch-ebt ,t)r— Hnr °Nock^bleibt' allein. Er steht mid siimt: „Was habe ich nun falsch gemacht? Offenbar hätte der Bub aus dem 2Bagen fatten sollen, dann wäre all dies Klägliche nicht geschehen; und ihm, den ich vom Sturz bewahrt habe, wäre wohl auch nichts geschehen; er hast« mörderisch geschrien und damit jene wenig sympathische Frau herbeigelockt,^und alles wäre in Orbnunci a-ewesen. — So ist unb bferbt alles nur m Unordnung. Herr Nock friert und ist gar nicht zufrieden. Er fetzt sich m Bewegung und landet sehr unaufgeräumt in der vornehmen Llöteilung^ienes Bier- palastes, in dessen primitiver und winkeliger Schwemme der ^erdl gerade die dritte Maß an die Lippen stemmt. Au? dem Rhein Zum Meer. Von Wilhelm S ch m i d t b o n n. Der große Andrang der aüfzuladenden Güter ist schuld, daß unser Nachtschiff mit großer Verspätung vom Ufer fahrt. So, wahrend die lebten Lichter Düsseldorfs langsam hinter dem Steuer verscywmden, sticht der scharfe Bug vorne schon in die erste Tagdämmerung hinein. Wie angestrengt man acht gibt, um das, allmähliche Wachsen des Lichts zu beobachten, unversehens ist es da, weiß und klar bis in die Ferne. Am Werft zu Ucrdingen liegen, dreimal so hoch aus dem Wasser ragend wie die Rheinboote daneben, die ersten Seeschiffe. Mit ,edmi Jahr zeigen sich ihrer mehr auf dem Strom, als hatten ste Luft, an den Ufern zu wandern und auf das Wasser hinauszusohen, noch großer gemacht denn glückspendend verbinden sie die Gedanken mit dem M^er, wohin die Wellen'gehn und woher die Wolken kommen. Und schnell wird das bedeutungsvollste Gefühl unserer Fahrt starker und sieghafter, das Kekübl. der großen Welt sich zu nähern. Die letzten Schlote und Hochöfen versinken schwarzhinter dem grünen Strich des Ufers. Daß sie des Sonntags wegen nicht rauchen, und daß die unübersehbaren Schleppzüge vor Ruhrort verankert rm Strome liegen, vermindert nicht das Bewußtsein von der Gewaltigkeit des menfch- licben Ileißes hier. Dann beginnt die köstliche Freiheit der Ufer, die Luft wird irischer man riecht schon in die Lust, um den äu ^tern. Die ersten plötzlichen Sonnenstrahlen treffen die Dächer des tleinen Orion Das innige Wunder des Niederrheins tut sich auf, eine Stille, fine omdUnige Schlichtheit, eine strahlende Weite, die nichts mi der Luten stolz geformten ast südlichen Schönheit der Felsufer des, oberen Stroms gemein hoben, und die doch dem, -der zu sehen versteht, ein mcht weniaer einadringlickies Bild geben. Da ist der Damm, der rund um die Stadt läuft__ nein, kriecht muß man in der Ruhe der Landschaft sagen. Iwei Baumreihen stehen im schwarzen Schweigen da und führen bei der Sreisbiequna in eine geheimnisvolle Ferne. Doch verrat hier em --»rm, dort zwei aufeinandergeklebte Rotdächer das ktelnstadtlfche Dasein Unterhalb der Stadt die Wiesen mit ihren Zäunen, ihren verstreulm Weiden, deren noch lange Schatten die sonnige Breite des Grases noch sonniger erscheinen lassen. Davor der Anschlag der Wellen, von denen jeher ~rof jen funkelt an >den weißen Kiesstreifen des Ufers. Ein Kmd'sitzt einsam un Tut zum Schiff hinüber - altes karge Dinge, die oben vor dem erdrückenden Zug der Berglinien übersehen wurden, hier aber eine ube raichende Bedeutung gewinnen. Man faßt Liebe, zu jedem einzelnen Baum, zu jedem vereinsamten Häuschen und fefjrt um, bis die Drehung des Flusses em neues Bild, schafft. In der nnuber sehbaren Ebene fcheinen diese geringen Dinge die einzigen Wesen, man fühlt, wie sie in gleicher Weise des Nachts dastehen, unter der Abe sonne unter den Gewittern, unter den Schneesturmen des Wint - man bemitieibef sie und beneidet sie zugleich weil sie immer faer stehen und an dieser weiten Ruhe der Natur eilnehmen tonnen M-tm-r tiefen Freude nimmt man zugleich die Schönheit dreser stillen, m weilen Zwischenräumen sich folgenden Häuschen m sich auf. Blendendwuh mi roten Dächern, mit bunten Holzzäunen, stets auch durch einige .bau.n mit >dem Gras der Natur ringsum in Zusammenhang gebracht, stehen n« in der Frühsonne da, ihrer schlichten Vollkommenheit unbewußt, bie Jic so viel menschenwürdiger macht als die turmreichen Hauser der grogeu Städte. Dazwischen ragt dann einmal ein buntfarbiger Hof, ber einen ganzen, düsteren Tannenwalb hinter seiner wetterzerschla^nen ^«mer einfaht, und der von irgendeinem trotzigen, roilbbärtigen Bauern eme» längst vergangenen Jahrhunderts erbaut sein mag. hnA In dieser seligmachenden Eintönigkeit wechseln die ? schnell. Nah und fern strecken, immer wieder anders in das Land ge> g , Windmühlen ihre unbewegten Arme in die Luft. Eine Kuh geht o - seickste Usevwasser und brüllt. Ein Junge, nacktbeinig, lauft mit . Schiff, zieht die Mütze und schreit — diese wenigen Leute machen Stille nur um so bemerfbarej^. Ein Leben anderer Art bringen Frau Knabl greift ins Innere, erkennt die Kissen, befühlt die Löcher im Boden bes Korbgestells. — Ein Verrückter —? überlegt sie. — „Wo denn angeblich gekauft?" fragt sie. Dort unten", sagt Nock, und weist hinunter, und gesteht mühsam. „Beim Althändler, aber in der Eile war nichts Besseres —" , „Dort unten, ganz richtig!" unterbricht Frau Knabl ihn empört. „Aber von mir dort unten vor acht Tagen gekauft, von mir! Haben Sie s ausspioniert? Sehen Sie, daß alles erlogen ist!? — Ihr u»rd ungemütlich zu Sinn: Weshalb forscht der Herr Nach unteren Einkäufen? verbissen um und wankt mit dem heulenden Toni, dem die Sache zu dumm wird, abermals abwärts und tiefer in bas Gewühl der Gäßchen. Spärlich kommen Leute vorbei, aber er spricht schon niemanden mehr an, «r wartet höchstens darauf, von Mutterarmen überfallen zu werben. So gelang er v°r bes Trödlers Bulach finstere Okkasionen. An ber Türe neben einer Badewanne voller Regenschirme und einem Havmo- nium mit Stieseln, erspäht er ein Wägelchen — sehr ähnlich jenem, wie., ba« ihm entwischt ist. Und ein Teil seiner Kümmernisse beginnt zu weichen. Himmel — hier kann einigermaßen gutgemacfjt werden, wofür er verantwortlich ist, ohne allerdings irgend etwas verschuldet zu haben, zlocr immerhin verantwortlich! — Er bleibt stehen. , Bulach merkt schon durch die schmutzige Scheibe, daß der Herr im schwarzen Pelz und das Kind im weißen Mäntelchen eine zusammengewürfelte Geschichte bilden müssen, die nicht stimmt. Nur wenn er todsicher weiß, er macht ein Geschäft, kommt er ungerufen aus dem Bau. Unb jetzt naht er. Händereibend muntert er ben vornehmen Interessenten aus: „Zu bienen — womit —?" , . . . Nock tut o, als sei er nur mal faul stehengeblieben, denn bet einem Trödler hat er noch nie gekauft. Dann überwindet er sich. „Dieser Wagen da ist doch wohl für Kindertransport — ich meine, wieviel er beiläufig so kosten könnte?" . Bulach berichtet, als läse er es ab: „So gut wie neu, Stahlfederung, bestes Rohrgeflecht, unverwüstlich, Gummireifen, fünfzig." „Was — fünfzig Gummireifen?" will Nock wissen. —Mark", sagt Bulach, Mitleid im Blick. Da muß Herr Nock ganz verstummt und ohne Bewegung nachrechnen. Er bringt heraus, daß er höchstens. fünfunddreißig in der Tasche hat. Und er'bietet kleinlaut fünfundzwanzig. Bulach wendet sich angeroibert seiner Hohle zu. Nock sendet ihm acht- undzwanzig nach, aber der Trödler ist nicht auszuhalten. „Dreißig! ruft Nock aanz verzweifelt, „und keinen Pfennig mehr, denn es ist mein letzter, und ich würde ihn nicht geben, wenn ich nicht den Wagen einigermaßen bringenb brauchte." . . „Richt zu machen", krächzt der Handelsmann über die Achsel und behält die Türklinke in ben Krallen. ,, . „Dann — leider — nicht", murmelt Nock erschüttert und geht daran, sich'loszureißen. Von neuem will er die ratlose Wanderung beginnen. Da ist Bulach hinter ihm. „Also nehmen Sie ihn mit; ich mag ihn nicht mehr sehen", sagt er übersättigt. „Ein halbes Jahr steht^ er da, kein Mensch will nach Gebühr zahlen für eine fo propere Sache. Nock ist hoch entzückt. Bevor er die dreißig Mark zusammenjucht, steckt er ben tleinen Kerl in den Wagen, und ber wirb auf einmal vergnügt unb weint nicht mehr, er sicht aus, als fühle er sich ganz zu Hause Welch ein glücklicher Zufall, daß auch Decken vorhanden sind — unb faßt sich die Mulde in den Kissen nicht warm an? Seltsam, wie alles plötzlich ein liebliches Gesicht bekommt. „Wohl bas Enkelkind von Ihnen?" sagt Bulach zögernd angeregt, obgleich er sich Zufriedenheit übers gute Geschäft nie merken laßt. „Ein Engelchen, jawohl, ein Engelchen, und was für eins , bestätigte Nock schwatzhaft und mit allem einverstanden. Zuvorkommend lüftet er den Hut gegen den Händler. Der nickt, und gleichzeitig fchüttelt er den trüben Geierschädel. „Schlechtes Geschäft gemacht — ich , sagte er gewohnheitsmäßig. „Beim nächsten Mal, Herr, muß es besser werden." Rock verspricht es lachend, und dann schiebt er seine Fuhre vor sich her Auf zur Mutter! Wirb sie immer noch plappern im Kramladen? Sehr wohl möglich. Die Redseligkeit der Frauen: einer der Grunde, aus denen er nicht geheiratet hat. — Aber sie ist mittlerweile fort, die Mutter bes Engelchens, fo wird man ja durch den Laden, in dem Aufregung genug herrschen mag, die Adresse — Nock ist dort an gelangt, wo ber Ferbl ferne Beute abgefangen hat, unb hier stürzt nun Frau Knabl hinzu. „Was treiben denn Sie mit meinem Wagen —?" sKht sie voll tiefem Mißtrauen heraus. Nock ist erlöst — doch auch befremdet. Merkwürdige rfrau, denkt er. „Mit Ihrem Kinde, meinen Sie", korrigierte er. „Fragen Sie denn nicht zuerst nach dem Kinde?" ...... , „Ja — unb aber auch sehr nach dem Wagen, ber nämlich so gut wie ganz neu ist", betont sie drohend. Nock gibt sich einen Ruck. Einmal muß es sein, ermutigte er sicy. „Liebe Frau, das da ist gar nicht mehr Ihr Wagen", bekennt er. „Was ist? —" staunt Frau Knabl und schaut genauer hin. „Das ist mein Wagen, und das ist mein Toni." „Aber nein", sagte Nock standhaft. „Das heißt, jener Toni muß wohl der Ihre fein, aber Ihr Wagen ist es ganz unb gar nicht." Und er beginnt zu erzählen — geläufig, bis er an die Stelle kommt, wo er berichten muhte, daß der Wagen auf einmal wie weggeblafen war. — Dos zu behaupten ist ja lächerlich, sagt er sich, unb niemals wird diese einfache Frau es mir glauben. Kann ich es doch selber nicht fassen! Was berichte »eifien Wolken heran, die langsam Mer den grünen Femrand der Wiesen emporsteigen, sich davon lösen und endlich leicht und leuchtend f ium Blau hinaussteigen. „ , . I 0 Leise, wie angeschlagene Gläser, klingen die Sonntagsmorgenglocken : von Wesel über das Wasser. Alle Türme und hochaufgebauter Wald »einen sich. Kirchgänger eilen über die Schiffbrücke. Links kommt em Mgelzug dicht ans Ufer und schützt das altersheilige, grasbewachsene Gemäuer Xantens vor der Hast der Welt. Gedanken steigen auf an verklungene Zeiten. Auf dieser Landzunge etwa, M gleicher Morgenstunde standen römische Soldaten und wuschen ihre Kleider, wahrend vom m-deren Ufer her flachshaarige Germanengesellen, von zottigen Hunden begleitet, hinüberspotteten. (Ein Römer hebt den Arm und macht mit der Hand eine Schlinge, die er zuzieht: das Zeichen des Aufhangens.). Man V fleht nicht, aber man ahnt hinten dicht am blauen Wald, das vogelfang- frohe Kleve: schimmernde Villen von heute um die graue Schwanen- bura von ehemals gelagert. Wer die Augen zu schließen iinb mit halb- oeneiatem Kopf zu träumen gewohnt ist, mag wohl den Ritter Lohengrin im Kettenpanzer mit seinem gleichmäßig vorstrebenden, bisweilen den " Schnabel hebenden und schnatternden Schwan die goldene Flut hinauf- pehen sehen. , . , , . . Die letzte heimatliche Stadt, Emmerich, scheint, wenn auch durch den umfassenden Bergzug zur Heimat gehalten, doch aber schon Holland anzugehören. Braune Ziegelhäuschen mit schneeweißen Fensterrahmen stehen in fast japanischer Zierlichkeit am Ufer ausgerecht. Man sieht in fremdartige Straßen voll eben solcher Häuschen. Eine märchenähnliche Sauberkeit, Ordnung und Stille liegen über allem. Der Strom wird breiter. Holländische Zollbeamte mit hohen Mützen besteigen das Schiff. In schwarzem Umriß stehen die Mauern der alten Schenkenschanz. Man drückt wieder die Augen ein wenig zusammen (wie die Maler pflegen, wenn sie alles Kleine an einem Gegenstand über« sehen und nur noch ein großes Bild haben wollen) und träumt sich die Mauern voll spanischer oder brandenburgischer oder französischer Soldaten: vielfarbig blitzen die Uniformen in der Sonne und ungewohnte Worte klingen zu unserm Schiff herüber. Das Wasser teilt sich. Scharf springt die Spitze des Zwischenlandstreifens in die Flut entgegen, und । jetzt zeigt sich ein wahrhaftiger holländischer Wachtposten von heute auf * den Befestigungen, der 'dann, wie um zu zeigen, daß er lebe, langsam auf und ab zu gehen anfängt. Unser Schiff zieht links den Waal hinunter. Es beschämt den deutschen Rheinländer immer ein wenig, daß man dem schmalen Arm den stolzen Namen Rhein läßt und dem breiten einen neuen gibt, und daß man dieses Spiel ein paar Stunden weiter wiederholt, so daß dann in der ,*■ Tat das Wässerlein, das die Holländer Rijn nennen, endlich im Sande | versiegt, und nur durch kostspielige Schleusenanlagen eine künstliche Kraft i erhält, das Meer zu erreichen. Wie in berechneter Steigerung sind die Uferbilder aneinandergereiht: Xanten, Emmerich und jetzt das mit unbeschreiblicher Lieblichkeit seine sieben Waidhügel hinankletternde Nym wegen. Am breiten Werft verbringt fremdgeartetes Volk den Sonntagnachmittag. Kinder mit breiten Gesichtern, roten Backen und gelben Haaren, die Jungen stecken in langen Altväterhosen, die Mädchen tragen wie Mütterchen saubere, weiße Häubchen. Matrosen, wetterbraune Seefahrer, sehen zu, wie unser Binnen- landschifflein anlegt. Ein Soldat mit spitzer Kappe und Spazierstock | steht abseits, das Gesicht von einer unbarmherzigen Sonne fast schwarz gedörrt: ein aus den. Tropen und mörderischen Gefechten heimgekehrter Kolonialsoldat. So lebt mit einem Male eine fremde Welt um uns. Die Ufer werden einsamer. Aber 'die Einsamkeit nimmt zugleich etwas seltsam Unheimliches an. Wind hebt sich, Möwen flattern, das Wasser sieht schwärzlich aus und scheint kaum noch zu strömen. Hier und 'da ein Fischerdörfchen, immer nur wenige braune Ziegelhäuschen mit weißen Fensterstäben, ohne Baum, in den Häfen die kleinen Fischerflotten,' lauter kurze, aber hohe und breite Boote, schon für die klimmenden Wogen der offenen See besttmmt. Einige der Segelschiffe der Art, wie man sie oben am Strom sicht, sind trotz des Sonntags unterwegs. Es berührt den Rhein- dewoher von oben seltsam, daß sie mit ausgespannten Segeln auch den Strom hinauf fahren. Das riesenhafte Gerüst der Eisenbahnbrücke bei Zaltl> ommel er- , scheint vor uns, steht über uns, bleibt hinter uns. Links sieht Schloß Loevestein, aus dessen festen Wänden 1620 den gefangenen Hugo von Grotius fein tapferes Ehgemayl in einer Bücherkiste rettete. Unter den schwarzen Mauern fließen Maas und Rhein zusammen. Und nun eröffnet sich, bedrückend in seiner Sttlle und Ünübersehbarkeit, die dunkle Stumpfheit des Biesboschs. Alles Lebende scheint fern. Rur Binsen und spiegelnde, hier Helle, dort schwarze Wasserarme. So vorn und so nach allen Seiten, wie weit Augen und Glas reichen — bisweilen hebt sich der Wind stärker, bann gcht ein Sprechen durch das Rohr, das einem den Atem stillstehen macht. Es ist sonderbar, wie hier die unheimliche Wirkung einer Landschaft zusammentrifft mit einem geschichtlich bered)« L. tigten Grausen. „Verdronke Land" nennt der Holländer dieses Gebiet. In der St. Elisabechsnacht, am 18. November 1421, sprang hier die Meer- flut über Gras und Acker und grub 72 Söffern und 100 000 Menschen ein plötzliches Grab. Als einziges Denkmal jener Tage und zugleich wie »in gewaltiger, zum Himmel Nagender, 'den Himmel anklagender Totenstein, steht schwarz auf einem Jnfelvorsprung der einsame Turm von Merwede. Ihm gegenüber sollen, wenn die Ebbe, (die schon bis hierher reicht), einen außergewöhnlich niedrigen Stand einnnimmt, versunkene Giebel und zerbrochene Mauern auftauchen. Wer gedenkt in wundersamer Bewegung nicht der alten Sage von der versunkenen Stadt Vineta, deren Glocken noch aus der Tiefe läuten, wenn man im Schiff ' darüber fährt? Vor dem alten Dordrecht, dessen Groote Kerk hoch über die Dächer steigt, grüßen uns die ersten großen Seeschiffe. Hier enden auch die Schwarzwaldflöße, die mit Bretterhäuschen, flatternden Fahnen und rauchendem Schornstein durch unsere Berge oben ziehen, ihre Fahrt. Zu Tausenden liegen die Stämme am Ufer aufgerollt. Werft auf Werft folgt, wo schlanke und stolze Schiffe gefügt werden. Heute liegt Sonn- tagsruhe über all den Werkplätzen; aber halb und fast ganz fertige Edi Stevens. Novelle von Alfred Bock. (Fortsetzung.) Manche feine Dame hätte vielleicht den Laden gemieden. Und was brauchte sich der Paul denn zu beeilen? Wenn es nicht die Babette Wartmüller war, so war es eben eine andere. Es gab ja Mädchen in Hülle und Fülle, die nur darauf lauerten, sich in das schöne Kaufmanns- Haus zu setzen. Wenn die Liebe zu Peppi bei dem Paul so tief gegangen wäre, Mite er in seinen Briefen etwas davon laut werden lassen. Weh das Herz voll ist, gcht der Mund über. Jetzt war die Glut verflackert, und Paul schämte sich ein wenig, bei dem Freund den Schmachtenden gespielt zu zu haben. Wie gut, sagte sich Edi, daß er der Geschichte nicht das Wort geredet hatte. Obendrein wäre er seinem Chef gegenüber in eine ganz schiefe Stellung geraten. Dieser hätte am Ende noch ein Komplott gewittert. Aber war es wirklich nur die uneigennützige Freundschaft, die ihm damals verboten, sich für Paul ins Mittel zu schlagen? Hand aufs Herz! Und tiefinnerst regte sich etwas in Edi, das, er gewaltsam unterdrücken wollte, und er empfand in der Herzgegend einen stechenden Schmerz. Ja, war es denn eine Sünde, daß er selbst der kleinen Peppi zugetan war, daß er ganz im geheimen goldenen Träumen von Glück und Liebe nachhing? Vielleicht hatten ihn all die Bücher wirr gemacht, die er abends las. Da stand ein Bild vor feiner Seele, zuerst in schwachen Umristen, dann immer deutlicher, in leuchtenden Farben. Mitternacht. Schiffe zeugen überall von dem Fleiß, der wochentags hier seine Aexte klingen läßt. Endlich, über dem Gras des Ufers, wachsen di« Türme von Rotterdam empor. Fast in seiner ganzen Breite liegt das Wasser voll verankerter Schiffe. Ungeheure Dreimaster liegen ausgereiht, wie um sich eitel unseren staunenden Augen zu zeigen. Aber auf keinem ist em Mensch zu sehen; Sonntag überall. Die Einfahrt in Rotterdam ist dennoch nicht von so machtvollem Em- druck wie die in Köln. Dafür bringt bas Schiff zu wenig in bas Herz der Stadt hinein.. Und die Türme verstecken sich allzubald wieder hinter den Dächern. Nur die zahllose Stetige der lagernden Schiffe führt hier die unvergeßliche Wirkung des ersten Anblicks herbei. Unser Boot macht die Taue fest. Wir eilen durch das Gewirr der Träger und Kutscher zum fernen Bahnhof hin. Denn es treibt uns, noch eh' die Sonne nntergeht, bas Meer zu schm. Rur flüchtig blicken wir auf der Fahrt durch die Stadt an ben alten Giebeln hinauf, sehen die beladenen Schifft mitten zwischen ben Häusern, erschauen hier und da eine malerische Durchsicht in uralte Kanäle hinein. _ ~ ... , Wir steigen in den Zug nach dem Haag. In unserem Wagen fitzt ein Volk so abenteuerlicher Gestalten (wer das Volk kennenlernen will, muß die harteii Holzsitze der dritten Klasse lieben), daß der Blick nur selten davon weg und zu der holländischen Abendlandschaft vor den Fenstern gehen will, mit ihren Wiesen, Kühen, Windmühlen und Kanälen — diese durch Segel angezeigt, die unmittelbar über dem Gras chweben. Um uns fitzen Seefahrer, mit Schifferfäcken unter ben Bänken, heimkehrende und ausfahrende, Fäuste und Gesichter schwarzgebrannt. Von einem Burschen von zwanzig Jahren wird uns erzählt, wie er, gestern erst von Südamerika zurückgekommen, die alte Mutter nicht mehr lebend angetroffen hat und nun heute schon wieder in die Welt wandert. Mit großen, traurigen Augen schaut er zum Fenster hinaus, ohne daß er dabei vergißt, feinen Tabak zu tauen. Auf der kurzen Weiterfahrt nach Scheveningen durch die glanzvolle Anlagen kommen uns Retter und Retterinnen entgegen, alle mit frischgeröteten Gesichtern und dem Badezeug am Sattel: Menschen, die vor einigen Minuten noch angesichts des Meeres gestanden — machtvoll ergreift es uns, daß wir von unferm Sitzen uns erheben müssen. Die vielstöckigen Gasthöfe von Scheveningen umgeben uns, weißbarttge Schiffer in roten Hemden kommen vom Strand. Wir eilen eine der breiten Treppen hinauf halten unterwegs, ein — denn ein Geräusch wie fernes Poltern in einem Steinbruch klingt uns an die Ohren: die Brandung. , Dann stehen wir, stumm, die Füße wie erschreckt in der Stellung, me sie beim Verlassen der letzten Treppenstuftn einnahmm. Vor uns liegt gebreitet das Meer. Zur Sette hängt die Sonne groß und rot bis jum Wasser hinab. Am Himmel keine Wolke. Und unter dieser großen Ruhe die rasttos springende Flut. Immer auss neue schießen die meterhohen Wellenkämme heraus, heran, überschlagen sich und laufen mit taufend weißen Füßen den Sand hinauf. Von ferne gesehen, scheinen taufend schneeweiße Rosse eins über das andere unablässig hinwegzusteigen, ohne doch jemals das Ufer erreichen zu können. Durchaus nicht mdlos, wie es herkömmlich heißt, ist heute das Meer. Scheinbar nahe sogar und scharf begrenzt ist in der flaren Lust die Horizontlinie. Vom Land zu dieser Linie hin scheint di« Flut Mvk anzusteigen, so, als ob man wirklich di« Rundung ber Erdkugel zu sehen vermöge Die Farbe ist vorn« braun, weiterhin etti lichtes Grün, nut braunen Flecken durchsetzt. Ueberatt find die Farben beullich voneinander getrennt Ueberatt in der Ferne springen, ftlbst wo die WM rubiq scheint, plötzlich weiße Wellen hoch. Sicht man mit dein Glas nach der Linie am Horizont, so springen auch aus ihr unaufhörlich die zornigen weihen Kämme auf. . Wir wandern aus dem lärmenden Bad eieben hinaus, bis wir auf ein« Urnen Dünengipfel stehen. Sand und dürres Gras, senkrechte Abstürze, tieseingeschnittene Täler und unzählbare, hochstrebende Gipfel um uns — das ist einem wirklichen Alpengebirge überraschend ähnlich. Sogar Schneefelder und vereiste Hänge täuscht der weihe Sand vor. Erst eine einzelne Frau, die jetzt auf einer der schmalen Höhen erscheint, gibt in ihrem Körper einen Gröhenmahstab und man erkennt, daß die Berge nicht viel Höher als Häuser sind. „ Bis in die Nacht sehen wir auf bas Wasser hinaus, das aus unerklärlicher Ursache immersort tosende. Zu den Fernen, die da hinter den Wassern atmen, gehen die Träume. Schneegestöber. Ein trauliches, behaglich durchwärmtes Stübchen. Die Astrallampe verbreitet Helles Licht. Im Teekessel brodelt das Wasser. , Wohlig auf den Sessel gestreckt liegt ein junger Mann und labt sich am Duft einer feinen Zigarre. Bor ihm sitzt ein zierliches Frauchen bei der ■ Häkelarbeit. Und er sieht, wie die schlanken Finger fliegen. Stich um Stich. ! Jetzt lächelt sie, die kleine Frau. Und das Licht flutet in goldenen Wellen - über ihr Haar und huscht über ihre weiße Stirn. Wie eine Heilige kommt j sie ihm vor . . . Edi schreckte empor. War er von Sinnen, daß er sich > an solchen Hirngespinsten berauschte? So etwas stand nur in Romanen. • Und die Peppi dachte noch keine Sekunde an ihn. Fort mit den unsinnigen ! Gedanken! Er trat fest auf, als wollte er prüfen, daß er mit beiden Füßen ; auf dem Boden stand. Dann stürmte er aufs Lager und warf mit straffen : Annen Kisten und Lallen hin und her. Arbeit tat gut. Was gab's denn für ihn sonst? Ihm mar's, als stände er wie ehemals im Hof des Elternhauses und hackte Kleinholz, und die Mutier sagte: „Edi, mit ein paar derben Fäusten kommt man durch die alte und die neue Welt." Und er schaffte mit den Packern um die Wette, daß diese sich verwundert fragten: „Was ist denn über den Stevens gekommen?" Peppi Dornhöfer war eine frische, derbe Natur. Der Kuß, der auf ihren Lippen gebrannt, war vergessen. Sie hatte es ihm ja oarausgesagt, i dem Herrn Paul, aus welcher Tonart der alte Herr pfeifen würde, wenn < er ihm mit feinen Schmerzen käme. Und der alte Herr war noch gentil , gewesen. Er hätte ihr ja kündigen können. Statt dessen hatte er seinem ! Sohn eine Luftveränderung verordnet. Gewiß, der Paul war ein schmucker . Herr, dem sie herzlich geneigt war. Aber auf eine Liebelei ohne reellen i Hintergrund hätte sie sich nicht eingelassen. Also war das gescheiteste, sich : nichts in den Kopf setzen und gar nimmer daran denken. Aber eines Tages i mußte er doch wiederkommen! Ja nun, das war auch nicht schlimm. Sie * harten einander nichts vorzuwerfen. Und dann hatte er sich drüben in \ England gemausert. Wo er immerwährend unter den furchtbar reichen ; Engländer gesteckt, hatte er an den Geldsäcken Geschmack gefunden. Das war ja eine Sucht unter all den Kaufleuten, unmenschlich reich zu werden. Sollte der Herr Paul aus der Art schlagen? Kein« Red' davon. Und die Rechnung war nicht schwer. Was ihm seine Frau in die Ehe brachte, braucht« er nicht zu verdienen. Darum tat er dem alten Herrn den Gefallen und suchte sich so einen Goldfisch. Dann stand sie bescheidentlich in der Eck« und knixte vor der jungen Prinzipalin. Nein, nicht gerad' tragen, aber sich ducken. Das war halt nicht anders im Leben! Heutzutage ein armes Mädchen, du lieber Gott. Dielleicht war sie auch längst über alle Berge, k mn der Herr Paul wieder erschien. Oder es fand sieh 'mal ein braver Mensch, der nicht auf Vermögen sah, wie's ja oft in der Zeitung stand. Man mußte - sich auch das Glück nicht partout absprechen. Aber nur nicht darüber . spintisieren und über den nächsten Tag hinaus sorgen. Sie war ja noch so jung. Und sie hatte alle Hände voll zu tun. Wie sagte der Repetent? „Fräulein Dornhöfer, Sie sind hier das reine Faktotum. Fräulein Dorn- Höfer hier, Fräulein Dornhöfer dort. Ei, wivd's Ihnen denn nicht manchmal schwindlig? Von Rechts wegen gebührt Ihnen die Prokura." „Nein, Herr Repetent, der Herr Martinius braucht keine Prokuristin, das wäre Ueberfluß. Aber honette Leute braucht er, die Dein und Mein nicht verwechseln und nichts verschleudern. Und so lang ich hier bin, acht' ich auf , sein« Sach' wie auf mein« eigene. Auf seine Rechtschaffenheit braucht sich ; keiner was einzubilden, Herr Repetent. Das ist Pflicht und Schuldigkeit, : weiter nix!" III. Die Frist war verstrichen, die Herr Martinius seinem Sohne gestellt hatte. Paul schrieb, es fei ihm nicht leicht gefallen, die harte Geduldprobe zu bestehen. Seines Gelöbnisses eingedenk, habe er keine Zeile an Fräulein Dornhöfer gerichtet. Selbst in den Briefen an den Vater und Edi Stevens s habe er sich dem Zwange unterworfen, seine Herzensangelegenheit mit Stillschweigen zu übergehen. Er brauche wohl nicht zu versichern, daß seine , Gesinnung gegen Fräulein Dornhöfer unverändert sei. Mit Quartalsschluß ' gedenke er die Heimreise anzutreten. Er freue sich auf ein Wiedersehen und er sehne den Augenblick herbei, da er aus Vaters Händen fein Glück emp- . fangen werde. j Dem alten Herrn, der sich zeitlebens seiner Kaltblütigkeit und unsrschüt- ! terlichen Ruhe rühmen durfte, schossen die hellen Flammen in die Backen. Himmelsakerment! Die Geschichte drohte ihm über den Kopf zu wachsen. Als er damals einen Ausweg gefunden, dem Drängen seines Sohnes einen Riegel vorzuschieben und ihn zwei Jahre von der Heimat fernzuhalten, hatte ihn eben nur die schnelle Erwägung geleitet, Zeit gewonnen, ist alles gewonnen. Er lieh sich von einem Sicherheitsgefühl einlullen, das lediglich feiner persönlichen kühlen Auffassung der Situation entsprang. Der Junge hatte als Student 'mal einen Anlauf genommen, sich auszutollen, darauf war er ins Extrem verfallen und zum Nesthocker geworden. In der Weltstadt mußte er wohl oder übel flügge werden. Da amüsierte man sich, und die Jugend hatte keine Tugend. Es war doch sein eigen Fleisch und Blut. Ja, wie hatte er’s denn als junger Fant in Hamburg getrieben? No, Schwamm drüber. Aber zwei Jahre London waren doch wahrhaftig hinreichend, einen Grünen hell zu machen. Ohne Zweifel kam sich der Paul jetzt in seiner Rolle als Schmachtlappen und Anbeter der Peppt Dornhöfer höchst lächerlich vor. — Das waren die Prämissen, von denen Herr Martinius bei Beurteilung der Sachlage ausging. Und damit hatte er sich über die Bedenken, die hin und wieder in ihm aufstiegen, hinweggeholfen, feinem Sohne ein Versprechen gegeben zu haben, das er von Anfang an gar nicht gewillt war, zu halten. Und nun stellte sich mit einem Male heraus, daß der alte Praktikus und Menschenkenner sich gründlich in seinem Sohne getäuscht hatte. Ja, wie war das möglich? Zwei Jahre hatte der Junge in London gesessen und Trübsal geblasen! Zwei Jahr« hatte er sich an diese Narrheit geklammert, die Buchhalterin seines Vaters zu heiraten! Er war einfach nicht zurechnungsfähig. Da galt es, von der väterlichen Gewalt Gebrauch zu machen. Herr Martinius reckte beide Arms empor, als ob er feine Körperkräfte für den Kampf, der ihm bevorstand, prüfen wollte. Nein, von dem Burschen ließ er sich nicht auf der Nase herum- tanzen. Was hatte denn neulich der Doktor Schmeckenbecher nm Stammtisch gesprochen? Bei den alten Römern war auch der erwachsene Sohn dem Vater unbedingten Gehorsam schuldig. Und der Sozialreformer machte ! plötzlich die Entdeckung, daß die alte römische Gesetzgebung weit vernünf- i tiger gewesen als die neue deutsche. Ja, was hinderte ihn denn, in seinem * Hause den alten Römer herauszukehren? Der Junge mußte Ordre parieren ' oder er setzte ihn auf ein Pflichtteil und jagte ihn auf und davon. Gleich, fam um im voraus die stürmische Abschiedsszene zu symbolisieren, gab der alte Herr dem vor ihm stehenden Schemel einen Fußtritt, daß dieser krachend an die Wand des Kontors schlug. Das Geräusch brachte den maßlos Erregten zur Besinnung. SBcirum denn mit so grobem Geschütz arbeiten? Diplomatie, alter Freund! Wie konnte man einen offenkundigen Skandal vermeiden? 'Ganz einfach, man gab der Dornhöfer unter irgendwelchem Vorwand den Laufpaß. Ganz gut. Aber sie entlassen, hieß dem Geschäft einen großen Schaden zufügen. Und wer garantierte denn, daß der Paul nicht hinter ihr her kutschierte und draußen zur Tat macht«, L was ihm daheim verwehrt worden war? Herr Martinius rieb sich die Stirn und gab seiner Gedankenfabrik einen Ruck, etwas anderes aus- zuhecken. Halt! Wenn man die Dornhöfer verheiratete, und zwar so schnell als möglich. Sie war arm wie eine Kirchenmaus. Der Prinzipal holle sich entschließen müssen, die Aussteuer zu richten. Das mußte er immerhin riskieren. Aber mit wem verheiraten? Da waren die ledigen jungen Hand- werksmeister, die für die Firma arbeiteten, der Schreiner Bergfeld und der Schlosser Sackermann. Das würde vielleicht Mühe kosten, den einen oder den anderen herumzukriegen. Alle schnodberten sie nach Geld, die Filze! Ja zum Teufel, wen könnte man denn? Donnerwetter! Da war ja ein Heiratskandidat und so nahe, daß man über ihn stolperte, der Edi Stevens! Der zerfloß in Ehrfurcht vor seinem Ehef und ließ sich von ihm um den Finger wickeln. Und das Mädchen war für ihn wie geschaffen. Obendrein erhielt man die Dornhöfer dem Geschäft und schlug zwei Fliegen mit einer Klappe. Freilich, wenn der Stevens nur eine leise Ahnung hatte, daß er dem Paul sozusagen das Mädchen vor der Nase weg- schnappen sollt«, konnte der Coup mißlingen. Indessen mußte man mit seiner grenzenlosen Harmlosigkeit rechnen. Und die Dornhöfer? Ja, die halle klaren Sinn. Ganz gleichgültig, was ihr der Paul mal zugewispert hatte. Mit der ließ sich wohl ein vernünftiges Wort reden. Die war für eine Versorgung herzlich dankbar. Den Fall gesetzt, erwog Herr Martinius, er brachte «den Stevens und di« Dornhöfer zusammen, wessen hatte er sich von seinem Sohne zu gewärtigen, wenn er nach vollendeter Tatsache die Schwelle des Vaterhauses betrat? Ein schlimmer Auftritt war unausbleiblich. Pah! Sollte er sich vor diesem Querkopf etwa fürchten? Das fehlte noch. Ja, und die bedingte Zusage, die er Paul erteilt hatte? 's war doch vielleicht ein bißchen voreilig gewesen, sich zu engagieren. Ach, Unsinn! Wo cs sich um das Wohl und Weh« seines Kindes handelte, fiel, jede Verbindlichkeit für ihn weg. Dem Jungen gegenüber Eisenharte! Mochte er vor Wut die Wände hinaufspringen. Das legte sich. Und dann i ihm tüchtig zusetzen, bis er mürbe war. Und übers Jahr konnte man die j Sache mit der Wartmüller ins reine bringen. Bare hunderttausend Mar! | Mitgift! Ja, wenn ihm das nicht in die Augen stach, war er ein Einfaltspinsel. Nein, für so blödsinnig dumm konnte man ihn nicht halten. Also ruhig abwarten. Und nun mal gleich den Stevens heran. „Stevens, bitte!" „Sofort, Herr Martinius!" Edi nahm die drei Stufen, die vom Laden ins Kontor hinaufführten, mit einem Satze und stand dienstbereit vor feinem Chef. Dieser hieß ihn bie Türe schließen und sich setzen. Die Aufforderung, in Gegenwart des Prinzipals auf dem Kontor Platz zu nehmen, war so außergewöhnlich, daß Edi ihr sehr zögernd Folge leistete und nur von einem Drittel des angebotenen Rohrstuhls Besitz ergriff. i „Wie lang sind Sie jetzt bei mir, Stevens?" „Sechzehn Jahre, Herr Martinius." „Was die Zeit vergeht! No, ich war immer zufrieden mit Ihnen." „Das mußt' ich, Herr Martinius. Und das hat mich auch stets an- - gespornt." ' „’n bißchen mehr aus sich herausgehen müßten Sie." „Das fühl' ich selbst." „So was Unbeholf n:es haftet Ihnen an. Sie dürfen mir das nicht übel nehmen." „Gewiß nicht, Herr Martinius." \ „Sonst HAf ich Ihnen längst geraten, sich 'mal zu verändern und sich in der Welt umzusehen." „Das mär’ sehr gut für mich." „Verstehen Sie mich nur recht, lieber Stevens. Meinethalben können Sie bei mir bleiben, so lange Sie wollen. Im Gegenteil, ich arbeite gern mit Ihnen zusammen. Sie sind ja, möchf ich sagen, von Kindesbeinen an | mit uns verwachsen, gehören quasi zur Familie —" „'s ist einem wenigstens so, Herr Martinius." „No ja. Und nun fürcht' ich fast, wenn Sie wo anders hinkommen und nicht die Anleitung haben, wie bei mir, gerät's Ihnen nicht so gut. „Sie mögen Recht Haden, Herr Martinius." „Ich wollte Sie 'mal sprechen. Mir bietet sich da ein junger Munn aus Ludwigshafen an. Sie stehen mir näher. Das ist ja begreiflich. W ist das richtige für Sie, wenn Sie Ihre Stellung nicht wechseln.' „Ehrlich 'gestanden, hab' ich auch gar nicht daran gedacht." „Eben! Sie gehören nun 'mal zu den Menschen, die, unbeschadet ihrer Reellität und Tüchtigkeit, einer gewissen Ueberwachung bedürfen. „Jawohl, Herr Martinius." „Das bezieht sich auch auf Ihr Privatleben „Wie meinen —" „Mir fällt zum Beispiel auf, -daß Sie in stark vernachlässigen. Das ist. nichts für einen „Ich bemühe mich doch, Herr Martinius Mutter tot ist —" „Haben Sie nicht mehr [o Ihre Wartung." „Jawohl." (Fortsetzung folgt.) letzter Zeit Ihren« Anzug jungen Kaufmann." — allerdings, seitdem die Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck undBerlag:Brühl’sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Giehem