Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger M ■■ ------ ' ------ — --—--------- -— Jahrgang |92Z Zamrtag, den 3V.April Nummer 3H An das Glück. Von Wilhelm Schäfer. Schwebest oft mit sanftem Flügel Durch das Menschenleben hin. Fassest Leid und Schmerz beim Zügel. Gibst dem Leben Hähern Sinn. Bann den kalten Schmerzensschauer, Der mein wehes Herz umflicht, — In die Tiefe meiner Trauer Weht, o Glück, dein Rauschen nicht. Die AK snksmmrr. Erzählung aus den Revolutionskriegen von H. Müller-Schlösser. In dem weißgekälkten Amtszimmer des Bürgermeisters einer kleinen Stadt am Niederrhein saßen an einem sonnigen Sommernachmittage des Jahres 1794 der Herr Bürgermeister und sein Sekretär vor ihrem Pult. Es war ganz stille in dem Zimmer, nur das leise Kratzen der Feder des Sekretärs und das Summen einer Fliege war zu hören, die immer wieder mit dem Kopfe gegen die grünlichen Fensterscheiben stich. Der Bürgermeister nahm jetzt die Hornbrille ab und putzte sie mit einiem großen, roten Sacktuche, das er aus dem Schoße seines langen, braunen Rockes gezogen hatte. Dabei blinzelte er gegen die Decke und verfolgte Bürgermeister nahm jetzt dis Hornbrille ab und putzt« sie mit einem Seufzer setzte er die Brille wieder auf seine dicke Nase, nahm aus einer mit Messingplättchen verzierten Schildpattdose eine Prise, schneuzte sich mit dem Sacktuche und sagte: u „Sekretär, reich' Er mir, was noch zu unterfertigen ist. Der Sekretär hob ein wenig den Kopf von seiner Arbeit und erwiderte: , . „Noch ein Amenlang, Herr Bürgermeister. Dann bin ich mit dem langen Bericht über die sieben Fälle von Lazarettfieber so weit." „Es ist erstaunlich", sagte der Bürgermeister, „daß dieses bösartige Fieber aus den Lazaretten von Altenberg und Venzberg bis in unsere wohlverwahrte Stadt kommen kann." „Weniger erstaunlich," entgegnete der Sekretär und drehte sich halb zu dem Bürgermeister um, „weniger erstaunlich, wenn man bedenkt, daß das Fieber unter den Bauern schon bedenklich verbreitet ist, und diese es mit ihrem Kappes und Kohl in unsere Stadt hineintragen." Der Bürgermeister nickte. , „Wir werden mit dem Stadtphysiko überlegen muffen, welche Maß- regeln dagegen angebracht sind. Gott behüte! Hat Er mir nicht berichtet, Sekretär, "daß in Bensberg täglich ganze Karren voll Leichen nach dem Friedhöfe fahren?" . „Freilich, Herr Bürgermeister, ganze Karren, und noch immer ist kein Ende-nd 9)eiten [)euer, Sekretär, schlimme Zeiten! Der Handel stockt, und das Gewerbe hat inständig Feiertag. Auf den Dürpeln der Kaufläden wächst das Gras, und seit Monden legt kein Schiff mehr an am Rheinwerst. Die Ernte ist mißraten, für den Zentner Roggen beispielsweise zahlt man zehn Taler. Dem gemeinen Mann wird gar das tägliche Brot knapp. Und drüben auf der anderen Seit steht der Franzos —" - „Der Ohnehos," vollendete der Sekretär. „Der Sanskulott." „Bewahr' uns Gott!" . ' ‘ , „Hat Er mir nicht berichtet, Sekretär," fuhr der Bürgermeister fort, ,haß die Sanskulotten täglich über den Rhein rufen und drohen, sie kämen bald und wollten ihre Menschenrechte h«rüberbrir-«en?" „Das schreien sie tagtäglich, Herr Bürgermeister. Aber der Rhein ist breit und tief." Der Bürgermeister seufzte. . „Schlimme Zeiten Heuer, schlimme Zeiten! Und daß ich in meinen grauen Haaren noch Krieg und Elend muß erleben! Und hol' mich der Kuckuck, es ist ein böser Geist in die Bürger unserer braven Stadt gefahren! Weit schlimmer als das Fieber aus dem Bensberger Lazarett ist das Fieber, das von drüben kommt, vom Westen." „Mißvergnügte und Schreier gibt's überall und immer, sagte der Sekretär achselzuckend und drehte sich wieder zu seiner Arbeit herum. Der Bürgermeister stand auf, trat ans Fenster und schaute mit sorgenvoller Miene, die Hände auf dem Rücken, auf den Marktplatz. Mit den Fingern der rechten Hand trommelte er in die Handfläche der linken. Der Platz war ganz leer. Die Häuser mit ihren gotisch getreppten oder barock geschlungenen Giebeln blinzelten aus den grünlichen Fensterscheiben in die sinkende Sonne. Sie hatten jedes einen besonderen Kalkanstrich. Das eine trug ein bläuliches, das andere ein grünliches, das dritte ein gelbliches, das vierte ein rötliches Kleid, je nach dem Geschmack oder der Laune des Eigentümers. Die Dächer darüber leuchteten in der roten, hie und da von grünen Moosflecken durchsetzten Farbe der Ziegel. Mitten auf dem Platze stand eine alte Linde, die einen riesigen Schatten auf das buckelige Pflaster warf. Rings um den runzeligen und rissigen Stamm lief eine rohe Steinbank, auf der ein alter Mann saß. Er mümmelte mit seinen zahnlosen Kiefern vor sich hin und schaute einigen Spatzen zu, die aus einer kleinen Pfütze vor der großen, hölzernen Pumpe tranken. Es war ein Bild der stillen Heiterkeit und behäbigen Ruhe, das gar nicht paßte zu der mißmutig gerunzelten Stirn des Bürgermeisters. Da kam der alte Amtsdiensr Zabel leise ins Zimmer. Der Bürgermeister wandte sich um und fragte: „Was bringt Er, Zabel?" „Der Herr Stadtrat Finnickel ist draußen und wünscht mit dem Herrn Bürgermeister ein Wörtlein oder zwei zu sprechen." „Der Stadtrat Finnickel!" rief ixr Bürgermeister und rieb sich heftig das fleischige Kinn, „gewiß, gewiß! Ich stehe dem Herrn zur Verfügung. Versteht sich." „Versteht sich!" wiederholte Zabel und schlupste hinaus. Der Bürgermeister tat einige Schritte nach der Türe, um dem Stadtrat entgegenzugehen. Da trat dieser schon herein, ein kleiner, hagerer s Mann, mit glatt rasiertem, knochigem Gesicht. Die grauen Augen hielt er s immer halb geschlossen, und wenn er jemand ansah, kniff er das linke j Auge ganz zu. Seins blaffen Lippen waren fast ständig zu einem unan- ’ genehmen Lächeln verzogen. Seine schmalen Hände waren fortwährend ! in Bewegung und griffen bald nach dem Aufschlag seines Rockes, bald \ nach den Knöpfen oder preßten den Elfenbeinknopf seines Stockes oder i verschlangen sich ineinander und drückten sich gegenseitig, daß sie knackten. „Ergebenster Diener, mein sehr verehrter Herr Finnickel!" rief der Bürgermeister und reichte ihm mit einem Bückling die Hand. „Desgleichen, hochgeschätzter Herr Bürgermeister," erwiderte Finnickel mit trockener, kalter Stimme; „desgleichen." „Ich bin sehr obligiert durch Dero angenehme Visite." „Und ich freue mich," gab Finnickel zurück, „Dero Gnaden bei so trefflicher Gesundheit vorzufinden." Der Bürgermeister macht« wieder einen Bückling. „Desgleichen mein lieber Herr Finnickel, desgleichen! Ich möchte mit Respekt sagen, daß der Zahn der Zeit sich an Dero Rüstigkeit stumpf nagt, hä, hä. Aber mit Verlaub, keine Formalitäten! Darf ich Sie bitten, es sich bequem zu machen." Der Bürgermeister rückte, nachdem er einen Augenblick darauf gewartet hatte, daß es der Sekretär tue, selbst einen Stuhl dem Stadtrat hin und wartete mit freundlicher Miene, daß Finnickel sich setzte. „Nach Ihnen, Herr Bürgermeister!" sagte Finnickel aber; „Ehre, wem Ehr« gebührt." „Obligiert, Herr Finnickel, aber der Besuch hat das Vorrecht, zumal ein so excellenter und extraordinärer Besuch wie der Ihrige." Damit drückte der Bürgermeister den Stadtrat mit sanfter Höflichkeit auf den Stuhl und setzte sich auch, nachdem er aus der Schoßtasche die Schnupftabakdose herausgeholt hate. Er bot sie Finnickel an und sagte: „Ist dem Herrn Finnickel ein kleines Nasenlabsal gefällig?" Finnickel holte mit spitzen Fingern eine Prise aus der Dose und schnupfte. „Ah charmant, Herr Bürgermeister. Ah, ein superbes Prischen! „Wohl, wohl, hä, hä — hm — womit kann ich Ihnen sonst gefällig sein?" Finnickel räusperte sich. „Ich möchte mit Ihnen," sagte er hüstelnd und warf einen raschen Blick auf den Sekretär, „wenn es Ihnen keine Umstände macht, ein Wort im Vertrauen — hm — unter vier Augen —" Der Bürgermeister nickte eifrig und rief: „Sekretär, laß' er 'uns allein und sorge Er dafür, daß wir ungestört bleiben." „, Der Sekretär stand von seinem Pult auf und reichte dem Bürgermeister den Bericht über das Lazarettfieber. „Mittlerweile," sagt« er dabei, „finden der Herr Bürgermeister Gelegenheit, den Bericht zu unterfertigen." Darauf ging er aus dem Zimmer, ohn« den Stadtrat sonderlich zu beachten. „ „So." sagte der Bürgermeister, als der Sekretär die Tur hinter sich geschlossen hatte, und rückte mit seinem Stuhle näher, „so. Ich stehe ganz zu Diensten." Finnickel blickte nach der Tür. „Mir scheint, die Konduite des Sekretärs ist ziemlich keck. „Oh — das — hm —" f „Es fehlt ihm, muß ick sagen, die rechte Manier von Subordination. : Er hat für mein Gefühl so eine Art von Ueberhebung, wo nicht gar ' Spott. Er töt' mich auf die Dauer genieren." „Mit Verlaub", Herr Finnickel, er ist überaus tüchtig in jedem Amts- gefchäft. Er könnte mich vertreten, und niemand würde mich vermissen." „Dann freilich muß er wohl sehr tüchtig sein, ha, hä", erwiderte Finnickel ironisch. „Ei, was geht's mich an. Ich habe anderes aus dem Herzen, Herr Bürgermeister." „Bitte, was betrifft es denn?" rief der Bürgermeister eifrig. „Das Pflaster etwa vor Ihrem Hause? Versteht sich, soll sofort ausgebessert werden." Finnickel holte sich mit spitzen Fingern eine Prise aus der Schildpattdose, die ihm der Bürgenneister wieder hinhielt, und erwiderte langsam: „Nein, nicht das Pflaster —" „— oder," fuhr der Bürgermeister fort, sich selbst auch eine Prise nehmend, „oder die Parzelle neben Ihrem Grundstück nm Mühlenturm?" „Nein, Herr Bürgermeister, nicht die Parzelle." „Ah, dann vielleicht der Abflußgraben Ihres Nachbars. Ich werde mit dem Manne reden." Finnickel lächelte ein wenig. „Auch nicht der Abflußgraben, wenngleich er mich mit den> Gestank belästigt. Nein, es ist eine — hm — eine ganz persönliche Angelegenheit." „Wenn ich Ihnen behilflich sein kann, Herr Finnickel —?" „Das hoffe ich!" Finnickel packte den Elfenbeinknopf seines Stockes und blickte an dem Bürgermeister vorbei zum Fenster hinaus. „Ja, was ich sagen wollte," fuhr er fort, „wir leben in einer bösen Zeit „In einer sehr bösen Zeit!" bestätigte der Bürgermeister. „Nichts ist mehr beständig. Alles ist in Gärung. Unsicherheit draußen und drinnen. Alle staatliche und bürgerliche Ordnung wird umgestotzen. Die Ruhe ist hin. Man will seines Lebens nicht mehr froh. Und wer auf sich selbst angewiesen ist wie ich, verliert die Sicherheit." „Ihnen fehlt die Hausfrau, Herr Finnickel, wenn ich so sagen darf." „Das sagen Sie gut. Die Haussrau. Ich will mir Hilfe schaffen, um mein Haus und mein Geschäft in Ordnung zu halten, mit anderen Worten, ich will mir eine Frau nehmen." „Meine Gratulation!" rief der Bürgermeister und schüttelte ihm die Hand. „Meine Gratulation zu diesem wackeren Entschlüsse! Wollt' ich Ihnen mit Erlaubnis doch längst dazu geraten haben. Ein Mann wie Sie! Reputierlich und vermögend. Hol' mich der Kuckuck, wenn Sie nicht trotz Ihrer — hm — trotzdem Sie schon — hm — ich meine — doch noch eine respektable Frau kriegen, beispielsweise eine brave, handfeste Witfrau —" Finnickel räusperte sich und trommelte mit seinem Stock leise auf den Boden. „Nicht wahr!" fuhr der Bürgermeister voll Eifer fort, weil er Fin- nickels Räuspern als Beifall aufgenominen hatte, „nicht wahr, eine Witfrau mit drei, vier Kinderchen, was meinen Sie? Dann Hütten Sie die doch auch schon gleich dabei — bei der Familie, hä, hä, hä." Er lachte und freute sich über seine Bemerkung und klopfte Finnickel aufs Knie. Finnickel räusperte sich wieder und trommelte stärker mit seinem Stock. „Ist eine liebe Frau im Haus, dann lacht die Freude zum Fenster hinaus, heißt es im Sprichwort. Und die Freude, Herr Finnickel, die tüt Ihnen not, denn, ich bitte nm Bergebung, in Ihrem Hause sah es bislang recht mutzköpfig aus. — Spaß, Herr Finnickel! Aber im Ernst: wie kann ich Ihnen in dieser Angelegenheit zur Hand gehen? Soll ich Ihnen etwelche passende Partien empfehlen? Ich kann sie Ihnen an den Fingern nufzählen. Da ist beispielsweise die Witfrau Veronika Leiendecker aus der Seilspinnergasse, die—" „Ckgebensten Dank, Herr Bürgermeister", unterbrach ihn Finnickel und legte ihm sanft die rechte Hand auf den Arm. — Aber — ich habe schon gewählt." Der Bürgermeister machte ein erstauntes Gesicht. „Sie haben schon gewählt? Ei, der Tausend! Schau' sich einer mit Respekt den Jüngling an! Und da habe ich wohl die Ehre —?" „Jawohl, Herr Bürgermeister, ich — ich habe die Ehre!" „Da soll ich am Ende der Brautwerber sein, Herr Finnickel? Mit Vergnügen!" Finnickel schaute ihn schars an, wobei er das linke Auge ganz zukniff. „Der Brautwerber," antwortete er, „ja — sozusagen." Der Bürgermeister rückte noch etwas näher und fragte schmunzelnd und zwinkernd: „Und wenn man es wissen darf: wer ist denn die Glückliche, he?" Finnickel erhob sich langsam vom Stuhle und sagte mit feierlicher Betonung: „Die Glückliche! Das wollen wir hoffen, Herr Bürgermeister! Dero Demoiselle Tochter!" Das Schmunzeln und verschwand augenblicklich aus dem breiten Gesicht des Bürgermeisters und machte dem blöden Ausdrucke der höchsten Ueberraschung Platz. „Meine Tochter??" stotterte er, nachdem er sich etwas gesammelt hatte, „ho? Meine Tochter? Vergebung, aber hörte ich recht?" „Dero Demoiselle Tochter! Ich habe die Ehre!" Der Bürgermeister rieb sich verwirrt das fleischige Kinn. „Obligiert, Herr Finnickel, obligiert, aber —" „Sie sind überrascht, Herr Bürgermeister. Ich wäre es, offen gestanden, auch an Ihrer Stelle. Doch nicht ganz so. Denn wenn Sie rasch die — hm — Vorteile überschlagen —" „Obligiert, Herr Finnickel, obligiert! An Vorteil denk' ich, Gott behüte, nicht! Aber ich denke daran, daß Sie, mit allem schuldigen Respekt, ’in — hm — ein Mann schon in den Jahren mit einem bald so grauen Kops wie ich, und meine Tochter ein blutjunges Ding! Wie soll ich eins ins andere schicken? Die Rose blüht im Winter nicht." „Ein poetischer Vergleich, Herr Bürgermeister," enigegenete Finnickel lächelnd, „mein Kompliment! Aber ist denn das Glück an Alter gebunden?" „In diesem Falle!" „In keinem Falle!" widersprach Finnickel ruhig. „Ich habe immer gesehen, daß die Harmonie in der Ehe auf sicheren Füßen steht, wenn der Mann älter und an Erfahrungen reicher ist als die Frau." „Wohl, wohl!" rief der Bürgermeister und rückte auf dem Stuhle hin und her, „aber der Unterschied der Charaktere!" „Ein kleiner Unterschied der Charaktere ist wesentlich zum ehelichen Glücke." „Wohl, wohl! Doch gebe ich Ihnen, bester Herr Finnickel, zu bedenken, daß die Zeiten jetzt so unruhig und voll Verwirrung sind, daß man heute nicht weih, was morgen sein wird. Wollen wir nicht, ich bitte Sie, mit dem schweren Entschlüsse warten, bis man wieder mit etlicher Sicherheit über die Zukunft bestimmen kann?" Drüben auf der anderen Seite stehen die Sansculotten!" Finnickel machte eine wegwerfende Handbewegung. „Der Rhein ist besser als die chinesische Mauer. Und überdies schützt uns die Rheinarmee." „Wenn sie da wäre!" „Und wenn die Sansculotten kämen," fuhr Finnickel fort, ohne aus des Bürgermeisters Zwischenruf zu achten, „ich sage, wenn, was wäre es Schlimmes? Veränderungen bringen Vorteile immerhin. Ich hab' mich wohl versehen mit allem, was mir nützt. Und für den Fall, ist nicht der Ehemann der beste Schutz?" „Wohl, wohl. Jedoch es will mir nicht in Kopf und Herz, daß Sie und meine Tochter —" Finnickel reckte sich auf und sagte rasch und mit starker Betonung: „Herr Bürgermeister, mit Verlaub ein offenes Wort: Wir zwei sind vernünftige .gereifte Leute —" „Wohl, wohl." „Wir wollen die Affäre einmal kühl betrachten." „Das kann ich nicht, bester Herr Finnickel." Finnickel schloß einen Augenblick die Augen und fuhr dann ruhig fort: „Meine Güter sind geordnet. Ich kann mir helfen. Wie mein Vermögen steht, das wissen'Sie so gut wie ich. Brauche ich noch mehr zu sagen? Gibt sich nicht alles wie von selbst? Sie, hochgeschätzter Herr Bürgermeister, haben die Macht —" „— und Sie das Geld!" „Richtig!" rief Finnickel und stieß heftig mit dem Stock auf den Boden. „Jetzt sind wir auf dem richtigen Punkte! Und wenn die Demoiselle Tochter mit einem rosafarbenen Bande uns beide hold verknüpft, regieren wir die Stadt, und unsere Enkel loben uns." ‘ „Halt, halt, viellieber Herr Finnickel! Mir wird speiübel!" „Dagegen hab' ich rasch ein Mittel bei der Hand!" entgegnete Finnickel mit einem unangenehmen Lächeln, rückte dem Bürgermeister ganz nahe und sagte leise: „Unter uns gesagt, Herr Bürgermeister, die Bürgerschaft x\t nutzt ganz zufrieden mit Dero Amtsführung in dies und jenem Punkte.' „Wohl, wohl", antwortete der Bügermeister betroffen und runzelte die Stirn und rieb sich das Kinn. Finnickel fuhr fort: „Mißvergnügte sind am Werke. Dero Bürgermeiflerseßel stet, mehr ganz fest.'Er wackelt! Man muß ein Spünchen unterlegen. Ich, ich will das Spänchen sein. Ich gelte was in der Bürgerschaft. Die halbe Stadt ist hinter mir. Hä, hä, sehen Sie, wir verstehen uns! War's nicht ein Unglück für die Stadt, wenn irgendein Jchweißnichtwer den Sessel da drückte, auf dem Sie so bequem sitzen, und solch ein weiser, mel- erfahrener und um die Bürgerschaft verdienter Mann im Winkel stehen müßte? Sehen Sie, wir verstehen uns, hä, hä." Der Bürgermeister saß da wie vor den Kopf geschlagen. Er kragte sich über den kahlen Schädel und schaute Finnickel von der Seite her mit grimmigen Blicken an. . „Ich — ich muß mir das — das alles in Ruhe durch den Kovf gehen lassen und — und mit meiner Tochter will ich sprechen. Von ihrem Willen--" . _ r , , Ein verworrenes Geräusch unterbrach ihn. Von der Straße heraus schallte aufgeregtes Sprechen und Rufen. Man hörte viele Menschen herbeilaufen. Auch auf den Fluren und Treppen des Rathauses erhob sich ein ungewohnter Lärm. „Was gibt's denn draußen?" rief Finnickel und stand auf. Der Bürgermeister war vom Sessel aufgesprungen und ans Fenster geeilt. . Im selben Augenblick kain hastig der Sekretär herein mit allen Zeichen der Erregung. „Herr Bürgermeister —!" rief er. „Weiß Er nicht," fiel ihm Finnickel ärgerlich ins Wort, „daß wir Wichtiges konferieren?!" u „Verzeihung, Herr Bürgermeister, für die etwaige Störung — „Etwaige?" wiederholte Finnickel und schaute den Sekretär böse cm. „Was geht denn vor, Sekretär?" rief der Bürgermeister. „Noch weih ich nichts Bestimmtes," berichtete der Sekretär, „bie Stadt ist in einer Aufregung und Verwirrung. Die Leute schreien durch' einander unter ängstlichen Gebärden." (Fortsetzung folgt). Vom deutschen Kinderlied. Von Dr. Paul Landau. Wenn im Frühling mit linden Lüften und Vogelsang die Kinder nach langer Winterhast wieder im Freien fröhlich spielen und toben, dann mischen sich ihre helle Stimmen in den allgemeinen Jubel der Ratur. un uralte Kinderlieder steigen zum Himmel. Im Kinderlieb, das auch noch- trotz Jazz und Gassenhauer lebendig ist, spiegelt sich nicht nur i Seele des Kindes, sondern auch ein gut Teil denkwürdiger Vergangeny - und ein Schatz echter Poesie ist uns hier bewahrt, der mit Staunen n • langer Vergessenheit von Herder und der Romantik entdeckt wurde. Mein Gott! wie trocken und dürre stellen sich doch manche Leute die ' Seele eines Kindes vor!" ruft Herder, die Schönheit des alten Kinderliebes bewundernd, in seinen berühmten fliegenden Blättern „Bon deutscher Art und Kunst" 1773 aus. „Und was für ein großes treffliches Ideal wäre mir dasselbe, wenn ich mich je in Liedern dieser Art versuchte. Eine ganze, jugendlich-kindliche Seele zu füllen, Gesänge in sie zu legen, die meistens die einzigen, lebenslang in ihnen bleiben — welch ein Zweck welch ein Werk!" Der große Borahner der Romantik umfaßte auch diese zarten „Stimmen der Völker" mit seiner Liebe und hat auch hier die Bflege und Bewahrung der volkstümlichen Tradition einfideitet, s In den Sammlungen der Arnim und Brentano und der Brüder Grimm in „Des Knaben "Wunderhorn" und den „Kinder- und Hausmärchen', trat dann zuerst das Kinderlied als das kleinere, zierlicher gebaute, aber Nicht minder schöne und frische Geschwister neben Volkslied und Märchen. Richt minder gilt von ihm, was Wilhelm Grimm vom Märchen sagt: „Innerlich geht durch diese Richtungen dieselbe Reinheit, um derentwillen uns Kinder so wunderbar und selig erscheinen; die haben gleichsam dieselben bläulich-weißen makellosen, glänzenden Augen, die nicht mehr wachsen können, während die anderen Glieder noch zart, schwach und zum Dienst der Erde ungeschickt sind... Diese unschuldige Vertrautheit des Größten und Kleinsten hat eine unbeschreibliche Lieblichkeit in sich, und wir möchten lieber dem Gespräch der Sterne mit einem armen verlassenen Kind im Walde, als dem Klange der Sphären zuhören." Durch solche Verehrung der Volksdichtung angeregt, hat als frühester systematischer Erforscher Karl Simrock in seinem „Deutschen Kinderbuch" (1848) die Blümlein aus dem Kindergarten unserer Poesie zum vollen Strauße gewunden. 673 Liedchen, Scherze, Spielreime, Räisel usw. brachte er zusammen, und fünfzig Jahre später war die Anzahl in der großen Sammlung von Franz Magnus Böhme auf gegen 3000 angewachsen. Unermüdlich ist seitdem weiter gesammelt worden in Pommern und im Siegerland, im Kölnischen und im Kanton Bern, in allen deutschen Gauen, und die Ernte ist wohl so ziemlich in den Scheuern. Aber es war auch höchste Zeit, denn mehr und mehr verstummt der liederreiche Mund der Kinder, der alten Ammen, der wiegenden Kinderfrauen und der guten Großmutter auf dem Dorfe, all der Hüter und Freunde der „lieben Goties- pflänzlein", die mit den Kleinen zusammen diesen Hort poetischer Schönheit geschaffen und so lange bewahrt haben. Unbekannt und ungenannt sind die Schöpfer der Lieder. Eltern und Kinder, Onkel und Tanten, Muhmen und Basen haben daran mitgedichtet, und daß dem Kindergeist fein gut Teil, ja das Beste, am Entstehen dieser Verse gebührt, das zeigt die bunte Lebendigkeit der Phantasie, die Siern und Blume, Gott und' Tier, das Fernste und das Nächste mit unbefan- - gener Freude verbindet und in naivem Tiefsinn die Geheimnisse des t Lebens ausbeutet, das beweist die sprunghafte Unordnung des Denkens, i die das Zufälligste in überraschender und ergreifender Weise aneinander s gliedert, und die natürliche Nachlässigkeit der Form, die sich statt des ! Reims mit dem ungefähren Gleichklang begnügt, die wunderlichsten und i krausesten Schallzusammenstellungen liebt und mit Vorliebe den Dialekt, ! diesen „bequemen Hausrock" der Sprache, anzieht. Ueberall schimmern s Spuren einer uralten Vergangenheit durch, deren sich die Dichtenden > nicht bewußt sind, die sie nicht verstehen und verdrehen und die doch ihre i ehrwürdige Bedeutung bewahren. Uralt sind manche Reime und For- > mein, die"alle Kennzeichen des germanischen volkstümlichen Berses haben, I uralt die Blumenorakel, die Wundsegen, mit denen man heute noch die Schmerzen der Kinder bespricht wie zur Zeit der Merseburger Zaubersprüche („Heile, heile, Kätzchen..." ist z. B. die Ausrufung des heiligen Tieres der Göttin Holda); uralt sind die Ringelreihen, Reste der frühesten hymnischen und chorischen Poesie (die Kinder, die im „Hollerbusch" sitzen, sind in Holdas unterirdischem Reich). Für ein Zurückreichen vieler Kinderlieder bis in die Zeit der Völkerwanderung und für einen gemein-germa- ntschen Ursprung spricht die Uebereinstimmung von Inhalt und Form trotz zahlloser Varianten in allen Ländern, in denen Germanenstämme gewohnt haben, und die Fülle der altheidnifchen Vorstellungen, die sich in friedlicher Nachbarschaft mit echt christlicher Frömmigkeit erhalten haben. Aus der Tiefe einer alles belebenden Naturreligion, wie es die germanische war, ist das Kinderlieb geboren. Tiere und Pflanzen sind ihm die besten Spielgefährten; es grüßt die Käfer und Vögel wie Wind und Walken; beim Pseifenschneiden und Beerenpflücken sprechen die Kinder mit Rohr und Früchten, Mond und Schnee sind gute Gesellen; Sonne und Regen werden in Liedchen gepriesen, die an die alten Sonnen- und Regenkülte gemahnen. Der deutlichste Beweis für das Fortleben germanischer Sonnenverehrung ist die große Rolle, die Frau Holle, die Holda der Mythologie, d. i. Göttin der Sonne und der Liebe, spielt. Sie spendet Regen und Sonnenschein und schüttelt die Schneeflocken aus ihrem Bett. Ihr Baum, die Linde, ihr heiliges Kraut, der Rosmarin, kehren in den Versen häufig wieder, noch öfter ihr Bote, der Storch, Adebar, der Glücksbringer, der aus Holdas goldenem Born die Kindlein zu den Menschen trägt. Auch die Rufe an den Sonnenkäfer, der dann vom Christentum als Marienkäfer der Jungfrau geweiht wurde, gelten eigentlich der Göttin Holda, und im allbekannten Maikäferlied ist das abgebrannte „Pommerland" eine Verballhornung aus fiollerland, Holdaland, dem Reich des Lichtes, das der Weltenbrand der Götterdämmerung vernichtet. Wotan fährt im Kinderreim als „König" durch den rauschenden Regen, verleiht als guter heiliger Martin seine Gaben. Der Daumen, der ihm heilig ist, bringt besonderes Glück; er „schüttelt die Pflaumen" in jenen beliebten Fingergeschichten, die ihren tieferen Sinn durch den germanischen Glauben an die Wahrsagungsgabe der Hand erhalten. Die Schicksal spinnenden drei Nornsn erscheinen als die drei Docken, drei Puppen, drei Schwestern, drei Mariechen und wohnen in einem „hohen Haus", das bald ein Glocken-, bald ein Hühnerhaus ist. So liegt, wie in so manchem kindlichen Spiele, auch hier ein hoher Sinn verborgen, zu- s mal mir noch von Sitten und Bräuchen, besonders in den Umzugsreimen und Jahresliedern, viel erfahren, bann vom Tod, dem „schwarzen Mann", von Pestilenz und Hexerei, vom bösen Dreißigjährigen Krieg, vom unerlösten „buckligen Männlein" und vom finstern „Butzemann", dem Teufel. Die mythologischen, die kulturgeschichtlichen und volkstümlichen Vorstellungen shakf-,, jedoch nur den stimmungsvollen Hintergrund, van dem sich in lichter Herrlichkeit der eigentliche Inhalt der Kinderlieder abhebt: eine wundervolle Darstellung des kindlichen Wachsens und Werdens, der Jugendträume und Spiele, all des fröhlichen Scherzes und stillen Ernstes im rosigen Morgenlicht des Lebens. Sanft leiten die Wiegenlieder diese Simonia domestica ein: „Eia popeia, was raschelt im Stroh?" Und „Schlaf, Kindlein, schlaf!" Ist erst das „dumme Bierteljohr" vorbei, dann wird der kleine Erdenbürger schon zum Mitspieler in diesem idyllischen Drama, indem er auf all die lustigen „Ammenscherze" eingeht, als „Schweinchen" geschlachtet (Quiek, quiek, quiek!"), oder vom „Mäuschen" gekrabbelt oder mit dem Taler, mit dem er Kuh und Kälbchen kaufen soll, in dem Handteller gekitzelt wird. Dazu kommen die lieblichen Schmeichelreime und Koseliedchen, die Händeklatsch- und Fingerspielverschen, die Trost- und Beruhigungssprüchlein, kurz das beseligende Geplauder, durch das eine glückliche junge Mutter mit ihrem Kindchen Zwiesprach hält und das seinen höchsten dichterischen Ausdruck in der schlichten, geheimnisvoll tiefsinnigen „Ammenuhr" findet. Zu lustigem Reim tanzt das Würmchen auf dem Arm, und bald sitzt es sogar auf Schoß oder Knie und beginnt seine ersten Reitkunststücke, die eine Unzahl von Schaukel- und Kniereiterliedchen verschönen. Auch der Ernst des Lebens wirft seine ersten Schatten voraus in den ewigen Sonnenschein. Dem unartigen Kinde drohen Rute, schwarzer Mann und Butzemann, hinter denen es zum Glück noch nicht Tod und Teufel ahnt, in strengen Zuchtreimen. Bald beginnen die Kleinen schon im Spiel zu lernen. Die Zählreim« („Eins, zwei, drei, dicke backe hei") und die Buchstabierscherze („A B C, das Kätzchen lief im Schnee"), sind die ersten Hebungen, deren heitere Lustbarkeit noch nichts verrät von den ernsten Ausgaben der Schule. Diese Exerzitien werden dann bei den größeren Kindern verwickelter: man erzählt sich schwierige Gedächtnisübungen, wie die langatmige Geschichte von Jockel, den der Herr ausfdjidt, gibt tolle Sprachscherze und Zungenspiele auf („Die Katze tritt die Treppe krumm ) und entfallet einen Reichtum in anmutigen Rätseln. Kinderpredigten werden gehalten mit langen Kettenreimen und putzigen lateinischen Brocken („Quibus, quabus, die Enten gehen barfuß"). Zu dieser drolligen Nachahmung der Großen steht der fromme innige Ton der Kindergebete im Gegensatz. Die Ansinge- oder Jahreslieder begleiten die festlichen Umzüge des Kirchenjahres vom Bettelspruch der Sternsinger bis zum Weih- nachtslied an des Jesulein Krippe. Zahllos sind die Verse beim Spiel, die Auszählreime („Ich und du, Bäckers Kuh..."), die Texte zu den Ketten- und Reigenspieten, diesen pantomimischen Urformen eines kindlichen Dramas („Adam hatte sieben Söhne,.. Sie aßen nicht, sie tranken nicht, sie machten alle so."), die Neck- und Spottsprüchlein, die luftigen Lügengefchichten und die phantastischen Märchen. Ja, es ist eine seltsam krause, wunderlich eigenwillige Welt, die Wett des Kinderliebes, die dem Großen manchmal verkehrt und verquert zu sein dünkt. Und doch gehorcht sie ihrem eignen harmonischen Gesetz, dem leise {prechenben Gebot der Natur, das die feinen Ohren dieser Erde so nahen Geschöpfe am besten hören. Wie wirr klingt uns manchmal die naive Lautmalerei der Kindersprache mit ihrem Bubbedubbedub, Pide- widewit (mein Mann ist Schneider), ihre Nachahmung von ©loden, Mühlrädern u. Vogelstimmen! Wie singen, zwitschern, quaken, brüllen und schreien in diesem vielstimmigen Tierkonzert Schwalbe und Lerche, Kibitz und Kuckuck, Frosch und Ente, Hahn und Schaf durcheinander! Und doch wie wundervoll ist alles in der Natur beobachtet und gesehen, so rem, Jo innig, so aus tiefster Seele. Rückert hat das in der Weiterdichtung eines alten' Kinderliebes schon einmal ausgesprochen: „O du Kindermund Unbewußter Weisheit froh, Bogelsprache kund Wie Salomo." Karl Friedrich Eamtz. Zu seinem 150. Geburtstag. Von Professor Dr. Paul Kirchberger. Oh Weimar, dir fiel ein besonder Los, Wie Bethlehem in Juda, klein und groß! fang man mit Recht in der Goethe-Schiller-Zeit; denn was wäre Weimar ohne jene Geisteshelden! Liber mit ähnlichem Recht kann man fragen: Was wäre die kleine südhannoversche Universitätsstadt Göttingen ohne Gauß, und was verdankt sie ihm alles?" Gewiß hat Deutschland viele große Gelehrte gehabt, aber ich wüßte keinen zu nennen, dessen Name noch mehr als 70 Jahre nach seinem Tode die Statte seiner Wirksamkeit so ausfüllt, so vernehmlich sozusagen aus jedem Steine spricht, wie es bei dem Namen Karl Friedrich Gauß der Fall ist, der Göttingen auf ernte den Stempel seines Geistes aufgedrückt hat. Wohl hat die kleine Universitätsstadt auch schon vor ihm manches Talent in ihren Mauern oesehen, durch Bürger und den Hainbund hatte sie sich auch einen Ehrenplatz in der Geschichte deutscher Dichtung erworben, durch Gauß aber wurde sie bas, was sie jetzt ist, die hervorragendste Pflanzstätte mathematischen Geistes und mathematischer Forschung in Deutschland, ja vielleicht auf der ganzen Erde. Nur kurze Zeit, nämlich als Weierstraß in Berlin lehrte, wurde ihr Glanz überstrahlt; sonst wirkte der Name des größten deutschen Mathematikers mit einem so eigentumlic^n Zauber, daß die jeweils hervorragendsten Vertreter dieser Wissenschaft nur selten einen Ruf an die Georgia-Augusta in der ßeineftabt ableynten, ober, wenn sie dort waren, kaum einen nach auherhalo annahmen. Natürlich gab und gibt es auch außerhalb Göttingens große deutsche Mathematiker, aber keine andere deutsche Universität hat eine so lange Reihe großer Bahnbrecher in der Mathematik auszuweisen wie Göttingen. Auch in allen an diese Wissenschaft angrenzenden Gebieten behauptete diese Hochschule feit einem Jahrhundert eine stolze ^ohe. Gauß begann seine Laufbahn als reiner Mathematiker. Es wird erzählt, daß er schon als ABC-Schütze die staunende Bewunderung ferner Lehrer erregte. Ein Lehrer hatte nämlich, da er verschiedene Klassen zu unterrichten hatte, den kleinsten Bürschchen, um sie für eine Wei.e fotge äufammenjog, Indern 'vehr re -ne also 50 Paare nahmemüglichkeiten sorgfältig gegeneinander abgewogen werden. Im fol- 2 und 99 gleich 101 3 und 98“s ^sort SO mal 101 genden soll nun ein kurzes Bild davon gegeben werden, welche Gesichts, m't d°r «umme101 erh-elt und ms «qmmI l er (d)on ats punkte beim Bau eines Schusses allgemein zu beachten sind. gleich 50o0 ""Leben kannte. S Landesherrn, des Herzogs von Zunächst muß sich die Reederei darüber klar werden, ob das neue lunger Mensch die Aufmerks l J ihm das Studium, das seine Schiff der Personen- oder Frachtbeförderung oder beiden zusammen Braunschweig, erregte, dieser er^ glicht wm M burd3fetjen dienen soll. Durch die Anzahl der Fahrgäste, nach verschiedenen Klassen in ärmlichen Verhaltnisten ,ei«chens eine gewiss- dankbare An- geteilt, sowie den gewlinfchten Laderaum ist im wesentlichen die Größe k°"uen. Gauß hat sich denn aucy Siebens g 1 jm gaf)re Schiffes gegeben. Hinsichtlich der Art der Ladung ist zu überlegen, erwähnt sei, das Netz engtr für Del zu verdrängen. Schiffbaufragen. Bon Dr.-Jng. Fr. Soltau. (Nachdruck verboten). Auch bei der eingefleischten Landratte findet man heute Interesse für den Schiffbau, und mit Recht bringen die Tageszeitungen Nachrichten über den Stapellauf eines jeden größeren Schiffes. Der Binnenländer, der zum ersten Male in einem der großen Häfen das Gewimmel von Schiffen sieht, hat aber oft den Eindruck, als unterscheide sich ein Schiff vom anderen im wesentlichen nur durch die Größe oder bestenfalls durch die Aufbauten, und als könne ein Schiff wie das andere gebaut werden. Wohl die wenigsten machen sich klar, daß eine große Zahl von Ueberlegungen angestellt werden muß, ehe die allgemeinen Richtlinien für den Neubau Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Aniversitats-Duch- und Steindruüerei, B. ange, G ich denn auch zeitlebens eine gewiss« oanrvare un- bänalichkeit an sein Herrscherhaus bewahrt und z. B. später, nn Jahre 1837, eine Teilnahme an der Kundgebung der berühmten Göttinger Sieben, der sich sein Freund Weber anschloh, abgelehnt. Der Göttinger Universität blieb er sechs Jahrzehnte hindurch treu. f r- Im Alter von 17 Jahren löste Gauß bereits Aufgaben van solcher Tief« und Schwierigkeit, daß sie bis dahin allen Bemühungen der Mathematiker widerstanden hatten. Sie betrafen die Frage, welche regelmäßigen Vielecke man mit den mathematisch erlaubten Hilfsmittel«, Zirkel und Limal. konstruieren könne. Gauß zeigte daß dies beispielsweise denn 257-Eck der Fall ist. Wie erzählt wird, soll ihn dieser außerordentliche Erfolg in so früher Jugend endgültig bestimmt haben, der Mathematik sein Leben zu widmen. ..... - - .. loszuwerden, die Rechenaufgabe gestellt, alle Zahlen: von 1 bis 100 zu- fammenzuzählen. Der kleine Gauß bemerkte sofort, daß sich die Aufgabe von selbst erledige, wenn er die Zahlen nicht m der ^"kurlichen Reihenfolge zusammenzog, sondern vielmehr rechnete 1 und 100 gleich 101, Lul9 . J ....S no IM idm mnhurrfi m allo 50 Baar« die seinen Ruhm rasch in alle Welt hinaustrugen. Er ging von oem abstraktesten, allen Anwendungen am fernsten liegenden Teile der Mathematik aus, nämlich von der Zahlentheorie, bereicherte aber spater alle Teile seiner Wissenschaft, so daß man sich auch heute noch in keinem mathematischen Gebiete bewegen kann, ohne alsbald auf Gaußens Namen zu stoßen. Merkwürdig war die äußere Form seiner Schopsun- gen: Sie sind alle ausgeprägte Kunstwerke. Erne bis MN sichersten getriebene formvollendete Kürze, Strenge und Schönheit der Darstellung war ihm ein unabweisbares Bedürfnis. Das Wesen der lateinischen Sprache, in der alle seine mathematischen Werke verfaßt sind, kam dieser > Richtung seines Geistes entgegen. Er wurde oft gebeten, er möge wemger Zeit auf die Ausfeilung seiner Gedanken verwenden, da diese Arbeit - auch von weniger großen Geistern geleistet werden könne; aber es war ihm nicht gegeben, in den Anforderungen, die er an sich selbst stellte, auch nur das Mindeste nachzulassen. . ,. Ein Lehrer für die große Masse ist Gau» tm Gegensatz zum zweitgrößten deutschen Mathematiker, nämlich Weierstrah, me gewesen. Vorlesungen waren ihm lästig, und wenn sich Studenten bei ihm anmeldeten so bemerkte er mit einiger Schelmerei, die Vorlesung scheine so wemg Anklang zu finden, daß sie wahrscheinlich gar nicht zustande kommen werde; auf diese Weise schreckte er dann auch alle ab, was vielleicht kein großes Unglück war, denn er hatte ja schließlich Besseres zu tun, als Anfänger zu unterrichten, so schritt er ruhig an sein Schreibpult und holte ein altes Heft hervor, wo sich die neue Entdeckung — nur gewöhnlich viel schöner und abgerundeter dargestellt — bereits vorfand. Goethe zeigt uns im Faust einen Gelehrten, der vom weltabgewandten Denken und Forschen zu praktischer, dem tätigen Leben zu- gewendeter Wirksamkeit fortschreitet. Em ähnliches Bild zeigt Gauß, der *e älter er wurde, einen um so größeren Kreis von Wissenschaften in 'den Bereich seiner Tätigkeit zog. Die Sternkunde war nach der Mathematik die erste Wissenschaft, die er aufgriff. Er wurde Dlrek- tor der Göttinger Sternwarte, aber sein Ruhm in dieser Wissenschaft beruht natürlich vor allem auf der Ausbildung ihrer mathematischen Seite. Manche seine Leistungen wurden mustergültig für alle Anwendungen der Mathematik. . . „ Am bekanntesten ist Gauß wohl als Physiker durch seme Erfindung des Telegraphen, die er gemeinsam nut seinem lungeren Freunde Wilhelm Weber im Jahre 1833 machte. Die beiden Göttinger Erfinder benutzteii zum Telegraphieren die Ablenkung der Magnetnadel durch den elektrischen Strom, während bald darauf Samuel Morse die Magnetisierung des Eisens durch den elektrischen. Strom anwandte. Andere Arbeiten von Gauß und Weber betrafen die Erforschung des Erdmagnetismus, den sie zuerst einer wissenschaftlich genauen Messung unterwarfen. Daß sich Gauß auch um die Erdmefsung Verdienste erwarb, indem er die Vermessung des damaligen Königsreichs Hannover durchführte, sei nur noch nebenbei erwähnt. Gauß war ein Genius von einem Ausmaß, wie ihn Deutschland nicht zum zweitenmal gesehen hat. Auch die Geistesgeschichte der ganzen Menschheit kennt nur sehr wenige Namen, die man ihm auf seinem Gebiet an die Seite stellen kann, wie etwa den des großen Archimedes oder des gewaltigen Newton. In einer Zeit, die für Deutschland in äußerer politischer Beziehung beinahe ebenso unerfreulich war wie die unsrige, machte er den deutschen Namen wenigstens auf geistigem Gebiet in der ganzen Welt geachtet. Mit ihm übernahm unser Volk die Führung auf einem Gebiete, das bis dahin fast als Alleinbesitz der Franzosen gegolten hatte. eines Schiffes vorliegen, und daß hierzu langwierige und angestrengte Verhandlungen zwischen Reederei und Schiffswerft nötig sind. Ein Schiff stellt ein sehr großes Kapital dar, das für Jahrzehnte hinaus festliegt, und sich nur dann nutzbringend verzinst, wenn alle Ausgabe- und Ein. ^Bisher haben wir nur die schiffbaulichen Gesichtspunkte «roaN- Das Herz jedes Schiffes ist aber seine Maschinenanlage, und auf diesem Gebiete liegen heute entsprechend den techmschen For schrltten der lch^ Jahrzehnte die Hauptfragen, mit denen sich die Werften zu bcscka gen haben. Sie können mit kurzen Worten als Wettkampf öwisthenDun^ maschine und Oelmaschine bezeichnet werden, wobei naturttch auf vew- Gebieten verschiedene Systeme in Frage kommen Welcl-e v°n v° T Maschinen gewählt werden soll, wird nach der größten B tnebchcyechm und Wirtschaftlichkeit entschieden werden müßen. Nun zeich die Ltg rung, daß die Betriebssicherheit bei Maschine.lleistungen bisetwa Pferdestärken bei Motorbetrieb nicht geringer ist als bei Damp antrie Somit bleibt die Wirtschaftlichkeit bei: TOaftMnenanfafli' ihre Wahl, und sie wird in hohem Maß« durch die Hohe der h.en stofskosten beeinflußt. Dem Wettbewerb zwischen Dampfmasch ne uns u« motor liegt somit der Kampf zwischen Kohle und Del handelt es sich nicht allein um reine Brennstosfragen, sondern uw schaftlich-politische Fragen, von denen nur der Kampf um die der Welt, sowie der bisher gescheiterte Versuch der Bereinigter & erwähnt sei, das Netz englischer Kohlenbunkerstationen durch ein 9 ) Nun folgten Schlag' auf Schlaaseine großen mathematischen Arbeiten, seinen Ruhm rasch in alle Welt hinaustrugen. Er ging von dem fernsten liegenden Teile der Ma- des Schiffes gegeben. Hinsichtlich der Art der Ladung ist zu überlegen, ob es sich um sperriges Stückgut ober Schüttladung, um Leicht- oder Schwerladung handelt; danach bestimmt sich das sogenannte Ladeverhältnis des Schiffes, d. h. das Verhältnis des verfügbaren Laderaumes zum Gewicht der Rutzllrdung. Besondere Ueberlegung erfordert die Wahl der wirtschaftlichsten Schiffsgeschwindigkeit. Je schneller das Schiff fährt, desto mehr Fahrten kann es jährlich machen, jedoch bedingt jede Gefchwin- digkeitssteigerung eine erheblich stärkere Maschinenanlage, die dementsprechend teurer, mehr Betriebsstoff verbraucht und durch größere Bunkerräume mehr Laderaum entzieht. Auch noch andere Gesichtspunkte sprechen bei der Wahl der Schiffsgeschwindigkeit mit; Fahrgastschiffe sowie Schiffe mit leicht verderblicher Ladung verlangen narürlich eine höhere Geschwindigkeit, und es ist nicht immer einfach, die Geschwindigkeit zu finden, bei der der Unterschied zwischen Einnahmen und Ausgaben am größten ist. Welche Geschwindigkeit endgültig bestimmt wird, ist schließlich durch den Fahrplan gegeben, bei dessen Aufstellung eine ganze Reihe von weiteren Umständen zu berücksichtigen ist, wie die Einrichtungen für die Uebevnahme der Ladung und der Vorräte, die Ein- und Ausschisfungs- zeiten der Fahrgäste in den End- und Zwischenhäfen sowie deren Ab- fertigütig durch die Hafenbehörden, Eisenbahnanschlüsse und schließlich auch Ne Fahrzeiten von Wettbewerbslimen. Die meisten Schiffe sind nur sür einen bestimmten Streckendienst — z. B. Amerikadienst, Ostasiendienst usw. — bestimmt; dadurch find eine I Reihe von weiteren Forderungen zu erfüllen. Die Wasserttesen in den be- i fahrenen Küsten-, Fluß-, Kanal- und HasengMeten beschränken den 5 größten Tiefgang des Schiffes; seine Länge und Breite wird häufig durch ’ Abmessungen von Kai-, Dock- und Schleusenanlagen begrenzt. Anordnung i und Einrichtung der Aufbauten werden von den Kanalgebichren beeinflußt, die sich nach den Vermessungsoorschriften der abgabepflichtigen Räume i richten, während die Ladeeinrichtungen der Häfen, die das Schiff Anlaufen i soll, die Anordnung der Ladeluken und des Ladegeschirrs bedingen j Außerdem beeinflußt dar Bestreben, Anschaffungs- und Betriebskosten des Schiffes möglichst niedrig zu halten, den Entwurf. Ueppigere - Ausstattung der Wohn- und Aufenthaltsräume für die Fahrgäste erhöhen naturgemäß die Unkosten, und zwar nicht so sehr durch die unmittelbaren Mehrkosten, sondern dadurch, daß sie den Laderaum vermindern aber bei gleichem Laderaum eine Erhöhung der Schiffsgrotze langen, also den Vaupreis, die Betriebskosten und alle sonstigen mit der Schiffsgröße zunehmenden Ausgaben wie Zinsen, Versicherung, Gebühren und Abgaben usw. steigern. Solche hochwertigen Einrichtungen sind daher nur auf Schiffslinien zu finden, die einen entsprechend hoheien Erlös aus Fahrpreisen erwarten lassen. Die Betriebskosten hängen stark von den Brennstoffpreisen ab, ine m den verschiedenen Häfen voneinander abweichen werden. Je nachdem nun der Brennstoff in einem ober in mehreren Hafen günstig eingekaust werden kann, also die Brennstoffmenge für die ganze Reise ober nur für einzelne Abschnitte reichen soll, muh die Bunkergroße gewählt ®rft roenn die Reederei alle oben erwähnten Punkte berücksichtigt und gegeneinander abgewogen hat, kann sich die Bauwerft mit der rem tech- Nischen Ausgabe befassen. Sie legt zunächst d,e Hauptabmessungen d - Schiffes sowie seine Wasserverdrängung und Form unter Berücksichtigung des Gewichtes und der gewünschten Geschwindigkeit fest Dabei ist von Anfang an die nötige Standfestigkeit des Schisses, d. h. sein Widerstand gegen Kentern in allen zck erwartenden Reisezuständen, zu berücksichtigen. Denn durch den Verbrauch des Brennstoffes und die Abnahme der Vorräte, die beide meist im Unterschiff untergebracht sind, oder auch bin Fahrten mit nur geringer Ladung tritt eine Gew,chtsverschiebung im Schiff ein. Diese kann unter Umständen seine Standfestigkeit so erheblich herabsetzen, daß Ballast eingenommen werden muß. Schließlich soll der Schiffsrumpf draußen auf hoher Sce allen Stur men trotzen können; daher muß die Starke der Verbanbe des Stah rumpfes geprüft und von den entsprechenden Ueberwachungsbehorven ge