SichmerZamilieubMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zihrgang (927 Samstag, den 29. Gilover Nummer 86 Herbst. Von Werner Bock. In diesen Tagen, wo die müden Farben Im Abendlicht noch einmal mild erglühen, Da öffnen Rosen, die mir lange starben, Sich neuerwacht zu düfteschwerem Blühen. Ich greife wieder gnadenreiche Hände Und lausche in mir fremdgewordnem Beben, Mein Auge taucht in schimmernde Gelände, Die sich mit alter Seligkeit beleben. Schon will mich sühe Andacht liebestrunken Von deiner Nähe betend niederziehen — Da ist die Sonne stumm und kalt gesunken Und läßt auf totem Feld mich einsam knieen. Der Körngsesel. Anekdote von Wilhelm Schäfer. Die von der Mühlen stammen alle von einem Müllersohn ab, der am südlichen Harz in einem abseitigen Wiesental wohnte und, ehe das Schicksal ihn aus der Einsamkeit holte, nicht eben ein Held hieß. Er hatte die Mühle vorzeitig geerbt, als sein Vater die Pest heimbrachte, die alle hinraffte, bis auf den einen, der von den drei Söhnen der jüngste und nicht der gescheiteste war. Den einfältigen Bernhard hießen ihn drüben im Dorfe die Burschen und hänselten ihn, wenn er mit seinem Esel über i den Wolfskamp herabkam, weil er, was sie zum Schabernack sagten, wortwörtlich nahm Die Hänselei hatte den Müllersohn leidmütig gemachte beim weil er gesellig und menschenbedürstig war, wäre er lieber im Dorf als in der einsamen Mühle gewesen, wo er zuletzt ein heimliches Wesen begann mit Gestalten, die er sich träumte und wohlgemut aussprach. Da ihm von denen nie Bosheit geschah, kam er allmählich nicht mehr ins Dorf und hielt sich einen Knaben als Läufer, der mit dem Esel die Gänge besorgte. So saß er auch an dem Mittag in dem Schatten der Schlucht, unter blühendem Ginster, und sah gegen den jenseitigen Wald, wo sich die Wolken zu sellsamen Bäuschen geformt hatten, als wären da lauter Gebirge aus Schnee und Eis aufgetürmt, obgleich es so heiß war, daß die Kräuter der Wiese welk hingen und über dem schwarzen Moorweg die Hitze zitternd aufging. Wie er das Geräusch hörte im Wald, als würde durch Laub und dürres Gehölz mit Pferden geritten, war er zuerst kaum verwundert, weil Hellen Tages manches daher kam, was wieder in Träumen verging; auch als die Reiter dann aus dem Wald brachen, nahm er sie immer noch gleichmütig hm, bis sie zuletzt aus dem vermeintlichen Trug der Sinne mitten hinein in die Mühle und also in seine Wirklichkeit ritten. Sie stiegen alle so lahm aus den Sätteln, und die Pferde hingen die Hälse, auch waren sie grau von Staub, als wären sie lange und scharf geritten und müßten, todmüde, Rast machen. Der zuvorderst geritten, schien ihr Anführer zu sein, obgleich er fast noch ein Jüngling und in der Kleidung kaum abgesondert war von den andern. Als er dem nächsten die Zügel hinwarf und, eines Hauptes länger, im Ring der andern unschlüssig stand, hatte er längst den Staunenden unter dem Ginster erspäht, und winkte ihn herrisch heran. Aber der Müllersohn saß noch immer in der Verwunschenheit seiner Sinne, so daß er nicht einmal aufstand von seinem Stein, sondern nur nickte, die Reiter zu begrüßen, und vor Freude über sein Glück einfältig lachte. Auch schien der herrische Jüngling gleich wieder vergessen zu haben, daß er ihm winkte; er ging in den schattigen Mahlraum hinein, und überließ ihn ben anderen ... Die freilich fielen gleich über ihn her, schalten und schickten ihn, Hafer und Brot herbeizuschleppen; und als er nicht sobald sprang, waren sie gleich mit Püffen und Schlägen zur Hand, ihm Beine zu machen. So mußte er merken, daß die Gestalten nicht aus dem Traum waren. Sein Mühlrad stellten sie still, weil das Geklapper sie störte; und was er zu essen da hatte, schwand hin vor ihrem Hunger. Auch wollten sie Wein haben, als sie den ärgsten Durst am Wasser gestillt hatten; und der Jüngling war es, der zuerst danach rief. Hörst du nicht, Bauer, der König will Wein! knuffte ihn einer, als er noch stand, mit dem hölzernen Becher Wasser zu schöpfen, und ehe noch eine Erstaunung zu fragen vermochte, wer dieser König wohl wäre, der o über Land ritte, hatten die Reiter seinem Esel den Schlauch überge- ijängt, daß er nach Wein ginge. Das Dorf war weit, wohl eine halbe Stunde und mehr, wenn sie Hefen, und sie muhten im glühenden Mittag über den Wolfskamp hin- ulber, wo es schattenlos war. Bis wir zurück sind, sagte die Einfalt des Müllers zu feinem Tier, sind dritthalb Stunden vergangen, und der König muß aus uns warten! Er schämte sich dessen und trieb den Esel mit einem i Buchenreis für einen König, den er nicht kannte, und für ein Gefolge, das ihn gescholten und übel geschlagen hatte; und der Esel lief eifrig dahin, als wüßte er, daß sie im Königsdienst wären. Wie aber die beiden mit ihrem Schatten gegen das Dorf kamen, und einige Burschen lachten schon über den einfältigen Müller, die ihn und den Esel mit seinem Schlauch auf dem glühenden Weg schwitzen sahen, indessen sie selber in einem Schatten von einem Birnbaum saßen und schwatzten — will er im Schlauch Wasser holen, fein Mühlrad zu treiben? spotteten sie — kamen zum andermal Reiter geritten, ein Dutzend und mehr, und riefen ihn an, was er da liefe mit seinem Tier? Der König will Wein, sagte er treulich und wollte vorüber. Sie aber, die ihn nur zum Spaß gefragt hatten, hörten sein unbedachtes Wort kaum, als ihn schon einer vom Pferd herunter am Schopf faßte. Denn sie waren gesandt, den König Heinrich zu sangen, der sich vom Aufruhr der Sachsen in feiner trotzigen Harzburg bedrängt, durch einen heimlichen Ausgang noch in die Wälder gerettet hatte, mit seinen Getreuen gegen den Rhein zu entweichen. Als sie so unverhofft seine Spur sanden, ritten ihrer drei ober vier gleich zurück, Hilfe zu holen. Von den andern hob einer den Müller vor sich aufs Roß, daß er den Weg zeige. Wir haben Wein für den König genug, hohnlachten sie: Wenn wir nur bald seinen Durst stillen könnten! Dem Esel war der Wechsel nicht recht, und er wandte nur feinen Kopf störrisch gegen die Männer und ihre hochmütigen Rosse: aber Bernhard, der Müllersohn, freute sich dieser Wendung, daß er im Sattel sogleich den Weg zurückgebracht wurde, den er mit feinem Tier durch die Mittagshitze gerannt war. Wie gut war es, daß ich die Männer fand, dachte feine Einfalt, und war ein rechter Hans im Glück, wie sie da ritten, dem König Wein zu bringen; und der Esel trabte kopfschüttelnd mit seinem leeren Schlauch hinterher. Als sie jedoch oben am Wolfskamp waren und sahen die Mühle im Grund, aber noch fern, lenkten die Männer sogleich ihre Pferde seitab in den Wald und machten die Schwerter bloß. Da stieg auch der Einfalt des Müllers ein Argwohn auf, welcher Art der Wein fein sollte, den sie dem König zu bringen die Schwerter bloß machten; und er wär« lieber mit seinem Grautier gegangen, statt im Sattel zu sitzen: Laßt mich ab! bat er flehend und wollte hinunter. Wer der hinter ihm faß, legte die Link« wie Eisen auf feine Schulter und lachte: Ruhig nur, Bauer, wir sind gleich da! So mußte er mit durch den Buchenwald reiten und während die Hufe ins dumpfe Moos fielen und kaum ein Waffenring klirrte, sah seine Angst den König schlafend daliegen in seiner Mühle, und die Männer tarnen mit scharfen Schwertern über feinen Schlaf und den seiner Getreuen: So hab' ich den Dienst versäumt und das Gastrecht verraten! wehklagte fein Herz in der Einfalt und wollte lieber sterben, als die Ehre verloren zu haben. Darüber kamen sie schon an die Schlucht, wo der Fußweg zur Mühle zuerst noch gemächlich tatab ging, aber bald in die steile Wand führte. In seiner Einfalt wies er die Männer gradaus, wo der rechte Weg die Festen im Bogen umging; jedoch der Reiter in feinem Rücken mißtraute der Weisung, und lenkte mit einem Fluch dennoch hinab. Da war es dem Müller nicht anders, als hörte er plötzlich fein Mühlrad gehen, so fing die wilde Lust mit allen Rädern in ihm an zu klappern, daß sie sich selber so in die Falle hineinritten. Denn, wo er den Dornbusch schon sah am Rand, und wo der Ginster den gelben Wasserfall in die Felsen Hinabhing, da kam fein Roß lebendig hinunter; mochten die anderen sich rückwärts retten, den ersten nahm es gewiß, mit feinem lärmenden Sturz die Schläfer in der Mühle zu wecken. Er hatte fein letztes Gehet schon gesprochen und lehnte sich gegen den Reiter zurück, weil die Steile begann, als die Schreckensposaune über sie kam aus der Höhe. Kein Tier des Waldes hätte den Schrei tun können, den der Esel da in das Tal sandte. Der war den Rossen gemächlich gefolgt bis an die Schlucht; aber den Irrweg, den die stolzen Hufe bann schritten, ging er nicht mit. So blieb er zuerst abwartend stehen, als aber der letzte Vordermann vor seinen Blicken verschwand, und er stand allein in der Schlucht, auch fein Herr war verschwunden, mußte er Klage erheben üf>er die Torheit, und daß sie ihn treulos verließen. Wie aber so aus der Stille des Mittags der gräßliche Schrei über sie kam, schraken die Reiter zurück, in die Zügel, und die Rosse bäumten sich auf; sie fanden im steilen Geröll nicht Halt für die Hufe und stürzten übereinander. Ihrer zwei ober brei warf der Schrecken hinab auf das erste. Dem hatte fein Reiter mit einem Fluch noch den Hals seitwärts gerissen, daß der Bauch gegen den Berg fiel; aber das Tier war zu schwer und den Reiter nahm es am Steigbügel mit in die Tiefe, indessen Bernhard, der Müllersohn, mitten hinein in den Dornenbusch griff, sich da noch zu halten. Während die Flüche sich mit dem Fall der schlagenden Körper, dem Todesgeschrei und Schrecken vermischten, ging die Posaune des Esels noch immer darüber her, bis sie mit kürzeren Stößen verklagte. Aber noch in den klagenden Ruf feines Tieres hinein rief der Müller: Erwache, Achtung: Starkstrom! Bon Dr. Th. A. Maaß. Im Jahre 1900 kam auf mehr als,500 Betriebsunfälle mit tödlichem Ausgang nur einer, der vom elektrischen Strom verursacht mar; heute fällt jeder fünfzigste zu Lasten dieses Betriebsmittels. Diese gewaltige Zunahme ist nicht etwa durch mangelhafte Sicherheitsmaßnahmen oder zunehmende Leichtfertigkeit verschuldet, sondern durch die ungeheure Verbreitung, die der elektrische Strom als Kraftquelle gesunden hat. Außerdem ist eine Erhöhung des Gefahrmoments auch in der Steigerung der Stromstärken, mit denen heute gearbeitet wird, zu suchen. Aus technisch-ökonomischen Gründen liefern die Riesendynamos der Ueberland- zentralsn Strom von einer Spannung, die weit über das Maß Hessen, was als Licht- oder Kraftquelle benötigt wird, hinausgeht. Die Drosselung, Umformung auf die für den Betrieb von Motoren und Lichtanlagen geeigneten Spannungen geschieht erst am Orte der Verwendung. Wenn auch, wie später gezeigt werden wird, die tödliche Wirkung des elektrischen Stromes in keinem direkten Verhältnis zu seiner Spannung stcht, ist die Gefährlichkeit der Hochspannungsleitungen keinesfalls zu unterschätzen, besonders schon deshalb nicht, weil isolierende Schutzmaßnahmen, die normal gespannten Strömen ein unüberwindliches Hindernis bieten, gegen hochgespannte Ströme ost keinen genügenden Schutz bieten. Vor allen andern Gassen Annecys entzückt die Canal du Thiou. In der Mittagssonne glänzen ihre glyzinenumsponnenen Häuser in südlicher Helle überm Wasser, das lässig die dicken Mauern .des Aucien Palais de Hie umspült. Mer des Abends wachsen gigantische Schatten über der Flut zusammen, und drohend klimmt hinter den Dächern das Gebirge zum Himmel. Auf dem schmalen Weg zwischen Häusern und Wasser ist kaum Platz für die Maultierwagen der savoyardischen Bauern, und erst vor dem Palais de l’Ile finden Vehikel aller Art wieder Raum genug. Dies Palais de l’Ile ist das wunderlichste Bauwerk einer Laune, vielleicht auch einer Notwendigkeit. Nach Art der alten Wasserburgen steht es mitten im Canal du Thiou, dessen dunkle Fluten dem See entströmen. Doch es hat nichts von der malerischen Anmut dieser festen Schlösser, die mit Wall und Graben di« Landschaft unterwerfen. Eigensinnig stößt es die Spitze seines Mauerdreiecks der Seeseite zu, wie der Bug eines angriffslustigen Kriegsschiffes aus den sanften Wellen ragend; und wenn auch diese seltsame Bauart vielleicht nicht einmal bewußte Absicht war, so hat sie doch etwas Bizarres und fast Verletzendes. Es war an einem Palmsonntag vor nun bald zweihundert Jahren, daß sich in diesen Gassen von Annecy ein sechzehnjähriger Jüngling den Weg zum Hause der Madame de Warens suchte. Er kam zu Fuß aus d->r Genfer Gegend und mochte wenig ahnen, daß fein Nams, Jean- Jacques Rousseau, einst auf einem Straßenschild der Stadt Annecy zu lesen fein würde. Doch es war Sonntag, da er seinen Einzug hielt, und Sonntag wuvdees von nunan auch ein wenig in seinemLsben. Rur ein wenig, denn er war nicht dazu geboren, allzu glücklich zu sein. Was ihm Annecy gab, sieht man aus jenen schlichten Worten — den letzten, die er schrieb: „Heute, am Palmsonntag, find es 50 Jahre her, daß ich zum erstenmal Madame de Warens sah." Roch nach fünfzig Jahren gedenkt er seines Einzugs in Annecy und jener Frau, die aus Jean-Jacques einen Rousseau machte und ihm Mutter, Freundin und Geliebte zugleich war. Wenn man heute versucht, den Spuren Rousseaus in Annecy zu folgen, wird man schnell enttäuscht. Niemand weiß mehr, wo er gewohnt, niemand, wo er mit Borliebe geweilt hat. Das „maison de Rousseau" ist eine willkürliche Bezeichnung des Volkes, das halb unbewußt ein Stück Geschichte erhält, und nur das Haus, in dem er seinen Adusikstudien oblag, steht unverändert an der alten Stelle. Dennoch war der Aufenthalt in Annecy für Rousseau mehr als eine Episode. Die schlicht« Barockkirche, in der Madame de Warens ihren protestantischen Glauben abschwor, trägt den Namen Saint-Francois. SBsollte . eg nicht auffallen, daß in Savoyen fast alle Kirchen Saint-Francois heißen» Nun, in Annecy findet sich leicht die Erklärung: nicht weit von der Stadt, auf dem Schlosse Sales, ist dieser Heilige Franz geboren, und das riesige Kloster am Bergeshang hütet als kostbarste Reliquie seine Gebeine. Saint-Francois ist mehr als Rousseau ein Kind des savoyischen Landes, und dennoch: wie sonderbar nimmt sich dieser elegante, geistvolle Gottesmann unter den savoyardischen Bauern ans! Wie wenig mochte dieser glänzende Wortsührer des Christentums, den sich mit Vorliebe die Damen zum Beichtiger und Berater erkoren, mit dem Gebrrgs- nolke seiner Heimat gemein haben! Doch di« einfache Geradheit seines Glaubens wurzelte in favoyischer Erde, und mit Savoyen blieb er zeitlebens innig verbunden. Die kleine Kapelle des Schlosses Allinges, nicht Weit vom Genfer See, bewahrt in rührender Einfalt als köstliche Reliquie seinen letzten Hut, doch Annecy kann sich seiner heilskräftigsten Hinterlassenschaft, seiner eigenen sterblichen Ueberreste rühmm. In der Krypta des neuen Klosters von ungeheuren Ausmaßen, das äußerlich in nichts an die erste Gründung erinnert, liegen in gläsernen Särgen in Wachs wohlerhalten und angetan mit allem Pomp kirchlicher Wurden, Samt- Francois de Sales und seine Helferin, Jean ne de Chantal. Der Orden de la Visitation ist ihre Stiftung und ihr Werk; nach mehr als drei Jahrhunderten noch ist es unvergessen, ja, zu ihrem triumphierenden Denkmal geworden. Der Geist des Heiligen Franz lebt, und man verkauft in Annecy noch immer die graziösen Briefe an seine chere Philothee, die „Intrp- duction dans la vie devote". Das Kloster fängt mit all seinen Fenstern die herrlichste Landjchaft «in die man sich denken kann. Bescheiden bettet sich Annecy in das Tal zu seinen Füßen, von weitm Feldern und Wiesen umgrenzt; klar und ruhig spiegelt der See die dunklen Berge, in die er sich träumend verliert. Duftende Wälder umhegen den Wog zur „Grande Jeanne", jenem niederen Gipfel, der einen so entzückenden Ausblick auf di« Stadt gewahrt. Die „Grande Jeanne" —, sollte es nicht Jeanne de Chantal sein, der man - mit dieser Bezeichnung ein lebendiges Denkmal setzt? Und ist dies nicht ein schönerer Ort zur Verehrung einer Heiligen, als die düsteren Maiiern einer kaum vollendeten Gruft? König, erwache! Und eilte mit fliegenden Füßen hinab über den Felsen- I psad, hin und her, wie er ihn kannte, bis er die Reiter fand, schon lau- ! send nach ihren Pferden. Aber der Schrecken war eher verklungen, als sie die Ursache gewahrten: zwei Reiter lagen zerschmettert zwischen drei Rossen. Und bis die andern bi« Steile zurück in die Schlucht fanden, hatte der Haufe des Königs sich schon zur Wehr um ihn versammelt. Als sie noch spähten, woher der Ueberfall drohte, kam im Galopp um den Felsen herum der Esel gelaufen. Da lachten' sie fröhlich hinein in den Schrecken, winkten dem Tier einen dankbaren Gruß und ritten davon. Der Müller sah ihre Gestalten im Schatten des Waldes verschwinden, als wäre der Traum dieses Mittags zu Ende wie all seine anderen Träume; er aber mochte nicht wieder so rasch zur Wirklichkeit kommen. Als auf der Spur des Esels noch ein lahmes Roß angetrabt kam, das im Getümmel den Reiter verlor, ergriff seine Einfalt die Zügel. Und während der Efel zurück in den Stall ging, an der leeren Krippe zu grollen, hatte sein Herr schon Fuß in dem Steigbügel gefaßt, den flüchtigen Traum zu verfolgen. Also geschah es, daß Heinrich, der salische König, auf der Flucht vor dem Aufruhr der Sachsen mit acht statt sieben Getreuen nach Eschwege kam, sich über die Werra zu retten. Als er im zweiten Sommer danach an der Unstrut den Sachsentrotz dämpfte, ritt Bernhard, der Müller, als Dienstmann des Königs bas blutige Treffen schon mit. Und ihrer drei Ministerialen mit ihren Knechten kamen danach über den Wolfskamp, den Esel als Retter des Königs in Königspflege zu holen, der dem Knaben indessen treulich gedient halte. Die Mühle aber behielt der Dienstmann als Lehen, der nach einem Scherzwort des Königs für seinen wackeren Esel Don der Mühlen genannt war. Ein FsrisnWinksl in AewoyeM-- Von Marie-Luise S i o r. Man weiß längst, daß di« Engländer geborene Globetrotter sind und daß amerikanische Autos an den Kilometersteinen der ganzen Welt vorbei- fliegen. Der rucksackbeladene, bildungshungrige Deutsche mit dem roten Bädeckor in der Hand, erscheint noch immer ab und zu in den Witzblättern des Auslandes, und, obwohl er sich seit geraumer Zeit — mit Knickerbockers und Creppsohlen — zum Weltbürger gewandelt hat, ist sein« Reiselust genau so naiv und phantastisch geblieben. Rur die Franzosen bleiben zuhause. Sie gehören offenbar zu den Glücklichen, die es innerhalb ihrer vier Wände genau so schön finden, wie draußen uniS), die nicht von etwas sinnlosen romantischen oder sensationslüsternen Gefühlen in alle Winde getrieben werden/ Beneidenswertes Land, das in Paris die schönste Stadt, in der Riviera den lieblichsten Seeaufenthalt, in den Westalpen die erhabenste Natur sieht! Die nun vergangene Reisezeit hat aufs neue diese glückliche Beschränkung der Franzosen gezeigt, in der wir Deutschen so ganz und gar nicht Meister sind! Im Sommer, wenn die ausländischen Konsulate Tausenden deutscher Staatsbürger mit einem Stempetdruck fremde Wunderländer erschließen, schnürt auch der Franzose sein Reisebündel. Doch braucht er weder Visum noch Reisehandbuch, weder Tropenhelm noch Bärenfellmütz«. Denn er sucht sich nur einen neuen Winkel seines chez soi, so wie man etwa nach getaner Arbeit im väterlichen Garten einen schattigen Ruheplatz begehrt. In diesem Garten Frankreichs ist Savoyen eine Lieblingsecke der Franzosen, und es bedurfte nicht erst ausländischer Bewunderung, um dieses schön«, wilde Gebirgsland zum Paradies ihrer Sommermonate zu machen. Mochte die Schweiz sich mit sauber gefegten Tälern, adretten Chaletts und zivilisierten Saumpfaden den Fremden anbequemen —, Savoyen blieb mit seinen Bergen, Seen und Matten unbenommenes Eigentum der Franzosen. Und noch fyeute sind es nur wenige Ort«, wie etwa: Chamonix, Eoiau oder Mx, di« der Freindenindustrie etwas mehr abzugewinnen suchen. Wer einmal in der schönen Jahreszeit Obersavoyen durchwandert har, der weiß um di« bunte Vielgestaltigkeit dieses Landes. Sonnendurch- glrcht« Weinberge, Tausends hoher Pappeln säumen das französische Südufer des Genfer Sees, von bewaldeten Hügeln glänzen alte Burgen; steil droht bei Genf die rote Mauer des Saleve, der im Süden nachlässig und bequem ins Land zurückrollt; die Landschaft um den Mont Sion hat etwas von der altväterlichen 'Zierlichkeit vergilbter Kupferstiche, aber der Montblanc ist die tolle Komposition des Genies. Annecy, die Hauptstadt des Departements, zeigt so recht dessen vielfältigen Charakter und vereinigt vor seinen Toren alle Schönheiten der Flaute Savoye. So klein und so unbedeutend diese Stadt auch ist, sie hat dennoch ihre Erinnerungen, die selbst im Volke nicht vergessen sind. Wie käme man sonst dazu, ein altes, unscheinbares Haus „maison de Rousseau" zu nennen und einen bewaldeten Berg am See die „Grande Jeanne"? Herrschte heute jenes riesige Kloster oberhalb der Stadt, wenn nicht schon 17. Jahrhundert ein Sohn des Landes ihm zum Sieg verhalfen hätte? Wenn man durch di« Straßen von Annecy schlendert, ahnt man wenig von diesen verklungenen Dingen; die engen Gassen erinnern an den Süden, so ungeniert und gegenwartsfreudig geht es hier zu. Mütter füllen ihre Säuglinge, alte Frauen stricken und schwatzen mit den Nachbarinnen, Kinder und Hunde kugeln sich in vergnügter Eintracht im Staub herum; in den düsteren Bogengängen der alten Häuser stehen die gebrechlichen Wägelchen fliegender Händler, mit Gemüse und Obst, mit Bändern, Seideftresten und savoyischen Töpfereien beladen. Zu ebener Erde kann man oft, ohne Tür, in die niederen, rauchgeschwärzten Stuben gehen, wo die Männer Karten spielen und den Wein des Landes trinken. Hie und da ersetzt ein raschelnder Vorhang aus Holzperlen die fehlende Zimmerwand. Von großer Sauberkeit ist nicht die Rede; des Samstags verschwenden zwar di« Frauen von Annecy ein paar Eimer Wasser mehr und ihre eifrigen Besen wirbeln ungeheure Mengen von Staub auf; auch die Spräßlinge werden einer etwas gründlicheren Reinigung unterzogen und für den Sonntag wandern ihre traditionellen schwarzen Kittelschürzen an den Kleiderhaken. Doch am Montag sind alle Spuren dieser Mühewaltung längst getilgt und es herrscht von neuem ein fröhlicher Schmutz. Die beiden Stromarten, die als Kraftquellen in Betracht kommen, sind ter Gleichstrom, der den Stromkreis immer in gleicher Richtung durchläuft imd der Wechselstrom, der in ununterbrochener schneller Folge seine Rich- lling hin- und herwendet. Experimentell konnte nachgewiesen werden, daß die unterste tödlichste Stromstärke bei Gleichstrom viermal größer als bei dem Wechselstrom ist. Da aber bei Betriebsunfällen fast immer mit der Einwirkung eines Vielfachen der gerade noch als tödlich ermittelten Stromstärke zu rechnen ist, ist die praktische Bedeutung dieses Befundes nur gering. Keinesfalls reicht sie aus, um der einen Stromart aus Gründen der Unfallverhütung vor der andern den Vorzug zu geben. Bon viel größerer Bedeutung ist es, zu betrachten, welche Stromspannungen schon tödlich wirken können, welche unbedingt tödlich wirken müssen. Nach allen bisherigen Erfahrungen, namentlich auch nach den soeben erschienenen interessanten Ausführungen von Pietrusky (Breslau) ist die Beantwortung dieser selbstverständlichen Frage außerordentlich schwierig. Man kann nur sagen, daß wahrscheinlich schon Spannungen von nur etwa 60 Volt tödliche Unfälle verursachen können, mährend unter Umständen Tausende, ja selbst Hunderttausende Volt den Körper schadlos passieren können. Für die gefährliche Wirkung kommt nämlich außer ter Voltzahl, das ist der von der Kraftquelle gelieferten rtekiromotorischen Spannung auch die in Ampere ausgedrückte Stromstärke in Frage. Diese ist jedoch kein absoluter Wert, sondern sie steigt einerseits mit der von der Maschine gelieferten elektromotorischen Kraft (Volt) an und sinkt andrerseits mit den im Stromkreis befindlichen Widerständen (Ohm). Ebensowenig wie für die Spannung können für die Stromstärke gleichmäßige Grenzen der Ungefährlichkeit öder tödlichen Wirkung festgelegt werden. Ausschlaggebend für das Zustandekommen der Unfälle durch Strom scheint vielmehr das Verhältnis der beiden Faktoren zueinander zu sein. Erfahrungen und Versuche sprechen dafür, daß Spannungen von 220 bis 440 Volt bei einer Stromstärke von nur 0,1 Ampere tödliche Unfälle Hervorrufen können, während andererseits 30 000 Volt bei 4 Ampere unter Umständen vertragen werden. Für die Praxis geht aus dieser sehr großen Verschieblichkeit der Grenzen folgendes hervor: Bricht das Opfer eines elektrischen Unfalls besinnungslos ohne wahrnehmbaren Puls und Atmung zusammen, so haben alle theoretischen Erörterungen zu schweigen. Keinesfalls darf Kenntnis der hohen „unbedingt" tödlichen Spannung des den Unfall verursachenden Stromkreises dazu verführen, den Fall als hoffnungslos anzusehen. Die gleichen Wiederbelebungsversuche, wie bei der Rettung Ertrunkener, künstliche Atmung und Herzmassage müssen unter allen Umständen stundenlang fortgesetzt werden. Tatsächlich hat der unermüdliche Eifer der Arbeitsgenossen auf diesem Wege schon Menschenleben gerettet, die nach dem Urteil physikalischer und medizinischer Wissenschaft als rettungslos aufgegeben waren. Es hat sogar, so erstaunlich dies zunächst klingen mag, fast den Anschein, als ob die Rettungsausfichten nach Unfällen durch hochgespannte Ströme günstiger sind, als noch solchen durch Ströme mittlerer Spannung. Erftere haben die Eigenschaft, blitzartig zu betäuben, und Herzstillstand hervorzurufen, Zustände, die nach Unterbrechung der Strom- Wirkung van selbst oder unter den geschilderten Wiederbelebungsmaß- nahmen schwinden können. Ströme mittlerer Spannung können das Herz in den Zustand des Flimmerns, des ungeordneten, zwecklosen Leerlaufs versetzen, aus dem di« Zurückführung zur normalen Tätigkeit feiten gelingt. Selbstverständlich spielt für den Ausgang auch die Dauer der Stromeinwirkung eine Roll«. Die Aussichten des Betroffenen, der eine Leitung berührt, sofort zusammenbricht und damit ben Strom unterbricht, sind günstiger als die desjenigen, dessen Körper längere Zeit vom Strom durchlaufen wird. In diesen besonders unglücklichen Fällen, in denen der Verunglückte längere Zeit dem Stromdurchgang ausgesetzt ist, kann jedoch bisweilen ein eigenartiger Selbstschutz rettend ein treten: Der Strom, der an Ein- und Austrittsstelle mehr oder minder starke verbrennungsartige Gewebsschädigungen erzeugt, ruft häufig eine vollkommene Verkohlung der betroffenen Hauptpartie hervor. 2He so aus Körpergewebe gebildet« Kohleschicht wirkt als Isoliermaterial und schützt den Körper durch Stromunterbrechung vor einer längeren Einwirkung. Ein rein nervöses Moment wird ebenfalls zur Erklärung der großen Abweichungen im Verlauf elektrischer Unfälle herangezogen: Das Bewußtsein der Gefahr soll ihre Größe mindern. Mit anderen Worten, der Monteur, der an einer Starkstromleitung arbeitend, mit der Möglichkeit eines elektrischen Schlages rechnet, soll diesen besser vertragen können, als ein Unbeteiligter, der ihn ganz unvermutet empfängt. So wird von einem Gelehrten berichtet, der bei einer Matterhornbesteigung in ein schweres Hochgewitter geriet und jeden Moment erwartete, vom Blitz getroffen zu werden. Als dieses Ereignis 'wiederholt eintrat, soll es für den Betroffenen keine schwereren Folgen als zerrissen« Kleidung und vorübergehende Bewußtlosigkeit gehabt haben. Schließlich spielt beim Wechselstrom noch die Anzahl der Perioden, das ist di« Häufigkeit des Richtungwechsels in der Sekund« eine ausschlaggebend« Rolle für seine Wirkungsweise aus den menschlichen Körper: Ein Strom von mittlerer Spannung und 1 Ampere Stärke wirkt bei einer Frequenz von 50 Perioden ost tödlich, während «r bei einer Wechfelzahl von 1000 000 gefahrlos jur heilsamen Durchwärmung innerer Organe, zur ärztlichen Diathermie, verwendet wird. , Eine große Anzahl der Unfälle durch elektrischen Strom kommt nun nicht in der Art zustande, daß das Opfer zwischen die beiden Pole der Stromquelle gerät, sondern, daß es nur mit der «inen Leitung in Berührung kommt, und der Stromkreis durch den Boden, auf tem er steht, durch Erdschluß hergestellt wird. Es ist ganz selbstverständlich, daß die Art des Fußbodenmaterials, sein Feuchtigkeitsgrad und dergleichen mehr weitgehenden Einfluß auf das Zustandekommen und die Stärke des Erdschlusses haben kann. Aber auch körperliche Eigenschaften des Betroffenen spielen für den Gefährdungsgrad durch den Strom eine große Rolle: *«t« feuchte, weiche Hand wird, bei Berührung mit einem Leiter, dem Stram widerstandsloseren und damit verderblicheren Eingang in den > Körper gewähren, als eine mit hornigen Schwielen bedeckte harte Sh । beitshand. Dieselbe Strormeckung, die heute dem einen nur einen fühlbaren ! elektrischen Schlag austeilt, kann morgen den andern zu Tode treffe«. Alle sogenannten harmlosen Scherze, wie das Blauklegen von isoliertes leicht berührbaren Leitungen, Verbindung von Gebrauchsgegenständen mit diesen, die dazu dienen sollen, anderen einen leisen Schreck einzujagen, können tödliche Wirkungen ausüben. Ein Monteur, der die Türklinke seines Hühnerstalles mit der Lichtleitung verband, um etwaigen Hühnerdieben einen harmlosen Schreckschuß zu versetzen, fand zu seinem Entsetzen am andern Morgen einen — selbstverständlich vollkommen unschuldigen — Mann vom Strom getötet vor der Tür liegen. Während solche durch groben Unfug hervorgerufenen Unglücksfälle selbstverständlich mehr als überflüssig sind, kann fraglos auch die Zahl der Betriebsunfälle, durch sorgfältigste Beachtung der Un- fallvechütungs-Vorschriften auf ein Mindestmaß eingeschränkt werden. Ganz vermeidbar werden sie aber, bei der immer größeren Verbreitung, di« der elektrische Strom findet, niemals fein. (Schluß.) Probebühne. Wer diese Stätte miitelalterlicher Folterungen erfunden hat, mag sich was darauf einbilden. Stephan erschauert«, als er mit seiner Frau den ■ leeren, zu stark geheizten, übergrell erleuchteten Raum betrat, in dem - rechts und links durch ein paar bis an die Decken reichende Stangen, ■ Turngeräten ähnlich, die erste, zweite und dritte Kulisse angedeutet war. i Auf der einen Seite wie in einer Rumpelkammer aufgefchichtet: «in ; Tisch, einige Sessel, eine rohgezimmerte Gartenbank mit Mschweister ! Lehn«. Alles abgewetzt wie alle Schulbänke, ohne erkennbare Farbe, die Kanten abgeschlagen. Wie vielen Liebesszenen mochte diese Gartenbank gebient haben, wie vielen Lustspielen das Stehpult! Cs waren gleichsam die abstrakten Grundformen aller nur irgend möglichen Requisiten. Ur® dies« paar Stücke Holz reichten also für all« Situationen des Lebens aus, so einfach ist es und stets dasselbe . . . Don neuem packte es ihn: taedium vitae. , _ An chlechlen Eindrücken war schon vorhin kein Mangel gewesen. Das Sotbatendenkmal vor dem Theater: Mann mit Handgranate. Gewiß find viele junge Menschen aus dem Ort hier gefallen, und man kann es begreifen, daß man durch eine gewisse heroische Stimmung (die es übrigens bei einzelnen wirklich gibt, nicht bloß als Lüge) ihren Tod weihevoll verklären möchte. Aber wie dem auch fein mochte, es tat seiner weichen ©eefe weh... Und außerdem las er gleich nachher, als er mit Mathilde durch den Bühneneingang ins Theater eingetreten war, eine Ankündigung, m ter offenbar di« diensthabenden Organ« angeführt waren. Und da hieß «s zuletzt- Einhelfertn. — Einhelserin? Was mochte das fein? Wahrfchein- sich Souffleuse! Und diese Uebersetzung fügte sich mit dem Granatenwerfer zu irgendeiner unangen'ehmen Einheit zusammen. Dann waren sie zu Herrn von Unstrut geführt worden, Treppen abwärts, wie in eine Schiffskabine. Der kehrte ja nun in feiner Sprech- weile durchaus nicht den ehemaligen Soldaten heraus. Im Gegenteil: begrüßte den Kriegskameraden sehr höflich — nur war er fatalerweise so unnatürlich groß und redete (vielleicht gerade um Nicht militärisch zu erscheinen) so leis«, daß man ihn nur mit großer Anstrengung verstand. Und das wirkte doch wieder, obwohl sichtlich ungewollt, mcht sehr zuvorkommend. Der Intendant sprach überdies mit Stephan anders als mit feiner Frau. Mit der Frau nur ganz kurz angebunden, gleichem schon wie mit einer Angestellten. Das genügte natürlich,, um Stephan gegen ihn aufzubringen. — „Einhelferin" — dachte er erbittert. „ Di« beiden warteten schweigend. Dann trat das „Richterkolleglum M den Probesaal und nahm die eine Wandseite. Alle standen, es war im- qemütlich. In der Mitte, überschwebend, van Unstrut, ihm zur Seite vier oder fünf junge Leute, der Dramaturg, die Regisseure. Ohne wertere Förmlichkeiten, ja ohne auch nur die Herren seiner Begleitung vorzustellen, wandte stch der Intendant an Mathilde: „Wenn Sie nun beginnen wollen. Mathilde richtete sich in der Mitte des Saales auf, schon, blorw, geschmeidig, allein, eine Königin, von vielem Licht Überglänzt. — So viele Männer gegen die eine Frau, mußte Stephan denken. Und ich, ihr einziger Freund, bin machtlos, kann nicht zu ihr hinspringen, nein, nichts dergleichen ist hier erlaubt... Er verzog sich, nahm seitwärts em Plätzchen zwischen den Turnstangen, als gehör« er Nicht mit dazu. Und doch bin ich es ja, der sie hergebracht, 'hergelockt hat — sagte er sich t>w» wurfsvoll. Sie tat ihm schon ganz gewaltig leid, die. Arme. Aber Herrlich sah sie aus, das muhte man ihr lassen, ihr wundervoller Wuchs kam in dem leichten, tervakottafarbenem Abendkleid, das sie trug, schlank und prächtig zur Geltung. ..... ... Monolog der Julia. Mathilde hatte sich mit dem Intendanten verständigt. Sie begann tiestraurig: »Lebt wohl! — Gott weiß, wann wir uns Wiedersehn", steigerte sich, rief verhallend „Amme ! — ließ den bangen Laut lang ausklingen. Er schämte sich, daß fie sich so preisgab. Dor diesen Männern, die unbeweglich längs der Wand standen. Nun wirklich wie ein strenger Gerichtshof. Julia lief, wie gehetzt, quer über di« Buhne. „Tnbalt, halt/' Ein gellender Schrei. Sie hob den nackten, funkelnden weißen Arm. Stephan war erschüttert. — Dann war es bald zu Ende. Sie verstummte, neigte den Kopf, hob keuchend eine, Hand an jfr nerj. Oh, wie es sie hergenommen hatte. Gewiß war sie eine echte «chau- fptelerin, voll van echtem Gefühl. Dann lächelte sie den Intendanten an. Es war, als ob Julia von ihr glitte, hinabfiele, während sie den Kopf hob. Und Herr von Unstrut? —'Kein Wort. Das war unmenschlich: irgendein Wort für ober wider mtire jetzt bestimmt zu sagen gewesen! Den Intendanten fand Stephan mit einemmal von ganz unglaublichem Adelshochmut besessen. Daher auch fein unverständliches Schnaufeln, das er jetzt gegen feine Dramaturaenfchar und Stephan, über sie wegschwebend, aber ja nicht gegen Frau Mathilde in Bewegung setzte. — Stephan selbst I war von Mathilde begeistert. Schon ihr emporgehobener, apfelweißer Beschneite Spinnweben. Von Max Brod. (Nachdruck verboten.) raschung Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Eteindruckerei, V. Lange, Gießen. Einhelferin!" . , ., . Dann gingen sie durch einen unbekannten, beschneiten Park. Wre wir da abziehen — dacht« er — es sieht doch traurig aus! Vielleicht auch nur, weil es so kalt ist und wir beide so vermummt und im Mnd gebückt, davonmarschieren? — Dabei war ihm gar nicht etwa traurig zumute. Aber er war doch froh, als ihm ganz plötzlich der Brief von Reinhardt einftel, den er in der Tasche trug. „ „Du, jetzt hab' ich aber eine Ueberraschung für dich, Mir!. Sie unterbrach: „Du hättest mir nicht immer, mitspielen sollend „Aber ich war '' ‘ -------1---'---" „Das glaubst du. — „Hab' ich gar nicht bemerkt.' , „Aber die Herren haben es bemerkt — und gelacht haben he darüber, daß du dich so aufgeregt hast." .. ,, , Etwas ärgerlich fiel er ein: „Ist mir egal. Hör' letzt lieber die Ueber- doch ganz ruhig — in meinem Eckerl." d u ! Aber du hast mir ja immerfort den Takt gegeben.' Arm schmal aus dem ärmellosen Kleid hervorkommend, war ihm als eine schauspielerische Wirkung ersten Ranges erschienen. Ich bin ja nun freilich kein Fachmann, sagte er sich, und bin überdies in meine Frau verliebt. Aber einerlei, himmlisch schön war es doch, unbestreitbar! Die Prozedur ging weiter. Ob sie nicht ein Stück Gretchen sagen wolle, fragte der Intendant. „Ein Stück Gretchen," ganz genau so sagte er es — und: das sind nun die Fachleute, schalt Stephan. Sie hatte zu- aestimmt , O neige!" würde sie jetzt sprechen, Gretchens Gebet. — Jemand : brachte einen Tisch, der wohl das Muttergottesbitd vorstellen sollte, und ! schleppte dann einen alten Strohsack in die Mitte der Bühne, vor Mathilde ! hin. Aber es ist ja nicht die Kerkerszene, wollte schon Stephan einwenden, — bemerkte dann aber zu seiner Beschämung, daß der Strohsack doch richtig an seinem Platz war, denn plötzlich bei den Worten „Hilf, rette . mich vor Schmach und Tod" stürzte Mathilde längelang hin. — Das j hatten die also säum vorausgewußt, sann er, und deshalb den strohsack : beigesteuert; das ist also allgemeiner Brauch, an dieser Stelle wie vom > Blitz getroffen, zusammenzustürzen. Dann aber mußte sich ja der Eindruck in den „Fachleuten", die immer dasselbe hörten, schon ganz unmenschlich abgestumpft haben! Welch ein Alltag der Konkurrenz, welch eine Mafchme auch tnes' Und von gesteigerter Furchtbarkeit, da gefordert wurde, die ganze Seele (nicht bloß eine Hobelbewegung) herzugeben. Und rni Augenblick Gretchen zu fein, trotz des modernen, tiefausgeschnittenen Seidenkleids, trotz des öden, grellen Saals und des Prüferkollegiums an der Wand, das kalt und unbewegt blieb. O Gott, gegen all dies anzukampfen — fein Mitleid mit Mathilde war grenzenlos. , <>ilf, rette mich!" Nun weinte sie auch noch. Schluchzte, Zitterte Die Szene war zu Ende, sie lag noch immer da, die Hände vors Gesicht ge- fiblagen, und ihr Rücken zitterte vor Erregung. — Da konnte er nicht an sich halten und, obwohl er ja eigentlich nicht vorhanden roar, verließ er sein verstecktes Plätzchen und schritt ganz kühn Über die Buhne hm — hob Mathilde vom Strohsack auf. Dazu hatte er doch wohl das Recht, seiner Frau beim Aufstehen behilflich zu fein, wenn sie sich erschöpft fühlte! Er sah erbittert um fich, ob ihm etwa jemand das Recht abstreiten wolle. Tränen, echte Tränen, liefen ihr über die Wangen. Und eine Reihe anderer Gestalten zog vorbei. Puck, der Geist, der sich lachend auf die Schenkel schlägt — und die blasse Mana Stuart, aufbrausend zu unbesonnener Wut — und dann irgend etwas von Stnnd- berg. Stephan sah nur Mathilde, ihre Bewegungen von einem Reichtum, der ihm völlig neu mar, trotz zweijährigen Zusammenlebens, chr von Schmerzen verwandeltes Gesicht, vom Aufklang edler Worte umhallt. Ist etwa auch dies Geist, — meinte er zagend — schaffender Segen, nne er ihn bisher nur in Erfindungen, in feinem guten Studium hatte sehen wollen'» Dann war ja Mathilde und ihre Schauspielerei ihm naher als er geglaubt. Eine strahlende Freude überkam ihn bei diesem Gedanken. Und plötzlich war die Terrakottafarbe ihres in vielfachen Windungen aufleuch- ten-den, von ihren Bühnenfiguren wie im Tanz hin und her geschwenkten Kleides für ihn: die uralte Farbe der Venus, das Braunrot mit dem gelben Blick das Safrangewand der Eos, das Auflohen aller Leidenschaften und Wundermythen. Ö Geist, nimmermüder, schöpferischer, unerschöpflich in neuer Form und Lust — die dumpfe Natur bleibt dir nicht stumm und unveränderlich — fie jauchzt dir entgegen, gar nicht mehr langweilig, und ergibt sich deiner glutvollen Bewegung. Da kehrte ihm nut einemmal die Zuversicht zurück, die ihm so lange fern geblieben war. Rätselhaft, wie fie gegangen, war sie nüeder da... .. . , n ., „Run bitte ich noch um das eine", sagte Unstrut. „Nur die sechs Zetten: „Ich gab' was drum, wenn ich nur roüfjf..." . Das ist nun wieder ein unerlaubter Trick, dachte Stephan; jetzt aber schon mehr belustigt als empört, denn die kühle Geschäftsmaßrgkeit schien seinem Gefühlssturm gegenüber geradezu lächerlich — Ein Trick von ihm! Er weih, wie es zu sagen ist, und sagt ihr s nicht, gibt ihr Rätsel auf und wartet, ob fie's errät. . „Mach' dir nichts daraus", sagte er eine Stunde spater zu seiner Frau. Nach einem peinlichen Zeitraum, in dem Herr von Unstrut m seiner Bureaukajüte ihnen aussührlich dargestellt hatte, warum er Mathilde nicht verpflichten könne, da er eine „ähnliche Dame" bereits im Ensemble habe. Aehnlich» Mathilden ähnlich? Da war noch manches Komische vor- qekommen. Aber vielleicht gehörte gerade dieses Wirre, dieses-Einander- Mißverstehen und Durcheinanderrufen mit zur Vielfältigkeit und zur schaffenden Formfreude des Geistes, der sich in bizarren Kreuzungen gar nicht genug tun kann. Und all diese Verwirrung ist nur Humus für neue Plantagen 'des Geistes — man darf also dem Dung nicht böse sein, niemals, auch wenn er übet riecht. — Im Vorraum am Bühnentürl an- gelangt, wies Stephan feine Frau auf die Anschlagtafel hin: „Da schau — Dusche. Das ist 'die Ueberraschung. Da können mir also wirklich den Mann in seiner Kajüte reden lassen, was er will. — Den Kontrakt habe ich schon längst, ich hab' ihn dir nur nicht geben wollen — weil ... weil ... aber jetzt ist ja alles anders. Jetzt seh' ich alles anders. Ich weiß selbst nicht, warum. Aber du — du staunst ja gar nicht?" Sie blieb stehen, sah unentwegt aus den ruhigen, grauen Augen, in denen die Lichtpünktchen blitzten: „Sehr einfach: Weil ich es längst gewußt habe." „Längst gewußt?" „Am Morgen damals kam gleichzeitig der Brief vom Agenten an mich, mit der Abschrift des Kontraktes. — Und den anderen Brief, den von Reinhardt, habe ich auch gesehen und absichtlich in deiner Post gelassen. Ich dachte nämlich zuerst, daß es dich freuen wird..." Sie waren unversehens in den kurörtlichen Teil des Städtchens geraten, der jetzt im Winter menschenleer dalag. Vornehme Straßen, große Hotels mit geschloffenen Fensterläden. Der unberührte Schnee krachte unter den Füßen. Es roch nach Stoffe und sauberer Frische. Um ein runde, Ouelltempelchen war ein moosgrünes Band geschlungen, unter dem Griechendach, trug in alten, schönen Goldbuchstaben der Goethe-Zeit die Inschrift: „Dem Wohle der Menschheit." In der Hellen Wintersonne hatte der Wind nachgelassen. Schnee und Ruhe in diesem unbelebten Viertel schienen alle Konturen der Häuser und Kolonnaden mit besonderer Dout- lichkeit, wie in einem guten Fernglas, hervorzuzeichnen. „Seit vierzehn Tagen also?" Rach langer Pause erst konnte er reden. „So lange hast du es gewußt? Und nichts gesagt — und bist mit mir in dieses Nest gefahren?" „Ich konnte es nicht ertragen, Steffl, das du den Brief unterschlagen hast. — Es war mir furchtbar, als ich das bemerkte. — So wartete ich lieber. Ich hoffte, daß du bald die Wahrheit sprechen würdest..." „Und Hütt« ich das nicht getan? ..." „Du weißt doch selbst", auch sie schauerte zusammen, „daß es ohne Vertrauen kein Zusammenleben gibt." „Du wärst mir also — da müssen wir eigentlich dem Herrn von Unstrut dankbar sein," würgte er hervor. Sie rieb eine seiner Hände zwischen ihren beiden Handflächen; wiewohl fie Handschuhe trug, war das Laue ihrer Haut, ihrer Liebkosung, fühlbar. Das Weinen war ihm nahe gewesen. Nun beruhigte sie ihn nach ihrer Art. Auch damit, daß sie die lustige Berlinerin wieder zum Vorschein brachte: „Ich hab' mir ja ’ne Knills im Bauch gelacht, wie du mit der i schnapsidee ankamst." - Und fie tat noch ein übriges und erzählte (wohl damit er nicht be- j schämt sei — aber vielleicht war es auch die reine Wahrheit), daß sie quitt ! miteinander feien. — Habe er ihre Briese nachgesehen, so sie auch die {einigen. Schön sei das nun ja gerade nicht. Und wahrscheinlich viel Neugierde dabei. Aber doch auch Liebe. Oder Liede zu allererst? — In der Nacht sei sie nämlich in fein Arbeitszimmer geschlichen und habe die Geschäftsbriefe gelesen. Und dies der Grund, weshalb sie seinen Reden nicht geglaubt habe und sogar auch fernen großen Brief an sie nicht, dem Brief mit dem Schlußsätze, daß die Fabrik doch nicht gar so schlecht gehe und „katastrophal noch lange nicht." Was sie nämlich in feinet Geschäftskorrespondenz gelesen habe, fei ja nach ihrem LalenverstaiÄ schon reichlich „gar so schlecht" und „katastrophal" gewesen... Seine Gedanken schienen nicht ganz bei der Sache zu verweilen. Daß er ihr ihre Neugierde verzieh, durfte ja klar sein; denn weshalb hätte et ; sie wohl so heiß und nah an sich gehalten? Aber es war doch noch etwa, j anderes, woran er 'dachte: „Nachts — in meinem Arbeitszimmer? — - Und deshalb also ... deshalb wohl ... dein Schlafzimmer ab gesperrt?* s Sie nickte schnell. Und er scheu ganz einverstanden mit ihr. Es war ja wirklich alles so nahe beisammen, Liebe und Verrat — Treue und Egoismus. Wer kannte sich da aus? Er zumindest hatte im Augenblick nicht den Mut, die Beweggründe zu sondern. Und auch sein Steckenpferd: „Geldwährung oder Gefühlswährung" — es schien ihm nicht recht praktikabel im Augenblick. Cs muhte auch gar nicht erst darüber gesprochen werden, daß er Mathilde nun gern ins Engagement fahren ließ — und warum — und ob sie nur ihres Talentes wegen, das sie brämrte, zur Bühne ging, oder um ihm zu helfen — und welche Rolle das Geld bei all dem spielte und ob also das Geld über die Liebe gesiegt hatte ober umgekehrt. — Das alles verschwamm nämlich miteinander. Es gab für eine Weile diese scharfen Trennungen nicht, die uns beängstigen, uns schuldig oder unschuldig sprechen. Sondern die Stunde war da, in der man ganz plötzlich erkennt, wie die Dinge ans fich selbst sich neu erschaffen und mischen und wiedererschaffen — die Stunde, in der kein Unglück auskommt, nicht einmal das des Geldes und der Arbeitshöllen im Hintergrund. Ja, auch daß man nicht weiß, warum jetzt diese. Glücksstunde, j warum sie da ist und morgen vielleicht nicht und niemals mehr — nicht i einmal dieser Gedanke raubt ihr etwas von ihrer Süßigkeit. — Und wäre ! es möglich: er könnte sie eher noch süßer und lebendiger machen. Stephan und Mathilde traten in einen Nadelwald, die jungen Bäum« standen sehr dicht. Hier war es dunkel und totenstill. Nur ein gläsernes Klingen rührte sich von den dick beschneiten Aesten — und zuweilen fern ein zarter Vogelruf. Ganz weit von allen Menschen fühlten sich die beiden, obwohl die. Straße nicht gar zu entfernt lief; aber das mißt sich ja nicht nach Kilometern. Immerhin stapften sie noch etwas tiefer in den Wald 'hinein, einer in den Fußtapfen des anderen. Dann standen fie still. Es roch, freundlicher noch als in den Gaffen, nach Schneenäffe, dazu nach Erde, feuchtem Holz, altem Laub. Und verstärkt, wie Reifen um die Stirn, diese Ruhe glatt und kühl. Da zeigte ihm Mathilde frische Schnee- ntna..." / flocken, die scheinbar ganz frei in der Luft hingen. Aber wenn man naher ' „Stein, laß erst mich zu Ende reden. Mich hat's nämlich gefreut, daß hinsah, merkte man, 'daß noch vom Sommer her feine Spinnetze zwischen du so mitgegangen bist. Obwohl du ja neulich so viel gegen Kameradschaft die dunklen Nadeläste gespannt waren. Spinnweben genügten, um oen geredet hast — und jetzt beim ersten Mal, wo du mich hörst..." Schnee zu tragen. In Spinnweben — Leichtes vom Leichtesten gehalrn „Ist ja alles vorbei", rief er, „der ganze Alpdruck. Und das du's — hatten sich die Flocken verfangen und schaukelten leise, wenn man weißt — du Ust von Reinhardt engagiert. Den Kontrakt habe ich in der ! anstieß. 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