Eichener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang |92Z Dienstag, den 29. März Nummer 25 Liebesgedicht. Von Paul Appel. Im Dunkel schläfst du. Gottes Abendwille Drückt dir die beiden warmen Augen zu. Du bist ein Kind und gingest wie ein Kind zur Ruh, And deines Lächelns gottverfangne Fülle, Du nimmst sie ernst hinüber in die freie Stille. Dein Atem lebt. Sin Lied ist drin gefangen. Das füllt das Zimmer, wie ich es versteh. Ich rück den Schemel leicht in deine Aäh': Da blickst du einmal noch mit Tageswangen, Darüber Licht und Wind und Glanz gegangen. 2ch bete da. Ich weih nichts mehr zu sinnen Ach halte deine schlafverschönte Hand. Der Mond stellt sanfte Säulen an die Wand, And alles steht und geht doch leis von hinnen. — Sei ruhig, Uhr! Ich hör uns selber rinnen. Dürer und wir. Don Reinhold Lindemann-München. Dah Albrecht Dürer in der Reihe großer deutscher bildender Künstler bei weitem am stärksten und innigsten die Liebe eines ganzen Volkes genießt, dürfte außer allem Zweifel sein. Seine kernige Gestalt, fest und klar umrissen, wie kaum eine zweite, steht in jedem Sinne im Herzpunkt deutscher Geisteswelt. Auf der anderen Seite gibt es Einwände gegen Dürer und sein Werk, welche zwar die Dankbarkeit verehrender Liebe oft vergessen machen möchte, die aber eine Kritik im großen schöpferischen Sinne des Wortes als wesensnotwendige Bestandteile in das Bild seiner Persönlichkeit mit hineinnehmen müßte. Denn so volkstümlich vertraut uns auch ®itoer_ als Künstler und Mensch erscheint, so gerne wir seine Briefe, Tagebücher und sonstigen Aufzeichnungen lesen, „in denen sich ein höchst sympathischer Mensch fast restlos enthüllt" — „wir hören ihn lachen und lachen mit ihm, wir sind Zeugen tiefer seelischer Erschütterungen und vernehmen die Worte, die eine große schmerzliche Ergriffenheit ihm abgepreßt hat," sagt einmal Wölsflin, — so sicher auch der Name Dürer, und das kennzeichnet vielleicht seine bevorzugte Stellung am treffendsten, bei weitem als e r st e r uns einfällt, „wenn wir die deutsche Kunst auf einen Namen bringen wollen" — irgendwie im tiefsten Grunds scheinen wir trotz allem an Dürers letzter innerer Größe als Künstler — und vielleicht auch als Mensch zu zweifeln, wagen es kaum, das gerne gebrauchte und allzuoft mißbrauchte Wort „Genie" als höchsten wägenden und richtenden Wertbegriff vor seiner Gestalt auszusprechen. And doch, all diese Zweifel, das fühlen wir deutlich genug, vermögen nichts an seiner eigentlichsten Größe zu ändern — und die ist: seine „Bedeutung" für uns, unsere innere Stellung in ihm. Er bleibt eben unser Dürer. Wie sollen wir das deuten? Seit Bertrams Nietzsche-Buch, dem bedeutsamen Versuch, den Mythos des letzten großen Deutschen in eine Abfolge wundervoll geformter, oft schon Musik gewordener Kapitel Bild und Gestalt werden zu lassen, ist uns allen der aeschichts-philosophische Begriff der Legende, der vollkommen mythischen Aeberlieferung großen historischen Geschehens und „bedeutender"^ historischer Persönlichkeiten vertraut geworden. Wir wissen es jetzt, was Jakob Burckhardt in seinen „Weltgeschichtlichen Betrachtungen" in der Form einer tiefsinnigen Ahnung aussprach, „daß nämlich das Ganze der Persönlichkeit, die uns groß erscheint, über Völker und Jahrtausende hinaus magisch auf uns nachwirkt, weit über die Grenzen der bloßen Aeberlieferring hinweg." Damit ist jener mythische Bezirk jenseits alles bloß historisch Aeberlieferten und Gewußten, aller bloßen Kenntnis und Erkenntnis eines Gewesenen bezeichnet, das Reich des Mythos, der Legende, in dem sich dte historisch irgendwie überlieferte Werk- und Persönlichkeitsgröße zur Bedeutung eines Symbols erhebt, zur Magie eines mythischen Bildes steigert — und nur als solches lebt sie im Gedächtnis aller nachgebvrenen Generationen fort und überdauert die Zeiten. Hierin, in diese völlig legendäre Sphäre menschlicher Gröhe „magischer Nachwirkung über Völker und Jahrtausende Hinaus" gehören jene seltensten Großen der Menschheitsgeschichte, jene ganz und gar symbolischen Menschen, deren Gestalt, bildhaft aufgerichtet, ein Jahrhundert, ein Volk, eine Welt stellvertvetend in sich begreift, deren Schicksal es ist, die Seelenlast von Tausenden zu tragen — und über Tausenden als schicksalsbestimmende Wacht zu stehen. Albrecht Dürer ist, in gewissen Ausmaßen, eine solche ganz und gar symbolische, stellvertretend gewordene Gestalt, stellvertretend wesenhafte Züge eines ganzen Volkes — unseres Volkes. Hier liegt der tiefste Grund dafür, dah aller rüttelnde Zweifel an Dürers letzter innerer Größe — nichts an dieser Größe selbst ändern kann; denn sie ist symbolisch Hierin ist auch begründet, warum alle reine Kunstkritik Dürer nie voll gerecht werden kann; denn sie übersieht sein Wesentlichstes: seine „Bedeutung" für uns, seine Nachwirkung, die weit „über die Grenzen der bloßen Aeberlieferung hinaus" schicksalbestimmend auf uns überstrahlt, nachdem einmal symbolbildende Deutungskraft dunkle deutsche Seelennot auf sein schuldig- unschuldiges Haupt magisch zusammengezogen hat, dem geistesgeschichtlichen Grundgesetz vom Symbol und Schicksal gemäß, wonach „ein großer, das ist bedeutender Mensch immer unvermeidlich unsere Schöpfung ist, wie wir die seine sind." Das Dürerdeutschtum — er erscheint wie eine wunderlich- unmögliche Mischung dessen, was in Dürers Meisterstichdreiheit gesondert ausgedrückt liegt, die nicht umsonst von seinem Werk am bildhaft-eindringlichsten gewirkt hat und immer wieder als irgendwie zusammengehörig empfunden worden ist — das Dürerdeutschtum, das ist kampfsroher Welttrotz mit dem glaubensstark-furchtlosen Blick vor Tod und Teufelsspuk — es ist Hieronymus' einsamer Sonntagssonnen-Friede voll weltenabgeschiedener Denkerseligkeit und sinnender Weltversenkung, es ist aber auch — und hier liegt die tragischunselige Brechung alles deutschen Wesens — selbstquälerisch-ver- grubelte, Sinn und Zweck verneinende Melancholie, die tödliche Gewißheit eines letzten Wissens inmitten der nutzlos-stumpfgewordenen Werkgerüte menschlichen Denkens und Schaffens. Der Dürerdeutsche — das ist jener Typus des bürgerlich-handwerklichen Kunstlehrmeisters, dem bunkelströmend „form- und bodenlose Phantasie", die heiß erflehte, strahlend-klare Form zerbricht, — des überquellen den Phantasten, den meist ein Allzuviel an peinlich- rechnender Schwere am letzten Aufschwung verhindert, — des bei aller Enge sehnsüchtig vollkommenen Nord-Nkenschen, den es ewig „nach der Sonne friert", bis er zuletzt aus dem Fremden, ihm gerade immer Versagten den nagenden Wurm eines dunklen Angenügens am eigenen Genius heimbringt, und überall dem jener fatale auch eines eingewurzelten Mangels an letzter innerer Freiheit und Gelöstheit, einen geheimen, mit mühsam verborgenen Mittelmäßigkeit. Es ist Goethe gewesen, der nicht wenig zum Werden dieses Dürer- Bildes und Bildes vom Dürerdeutschen, das ein mögliches Bild alles Deutschen überhaupt zu sein scheint, beigetragen hat; jedenfalls ergeben die über Goethes Leben hinverstreuten Aussprüche über Dürer, wenn man sie einmal zusammenstellt, so etwas wie Dürer als den Mann des deutschen Seelenschicksals, in dem das ewig deutsche Beieinander heterogenster Wesenszüge und damit die tragisch-unselige Brechung und Hemmung alles deutschen Wesens eine ihrer typischen Verkörperungen gefunden hat. „Wie sehr unsere geschminkte Puppenmaler mir verhaßt find, mag ich nicht deklamieren. Sie haben durch theatralische Stellungen, erlogene Teints und bunte Kleider die Augen der Weiber gefangen. Männlicher Albrecht Dürer, den die Neulinge anspötteln, deine Holzgeschnitzteste Gestalt ist mir willkommener!" — So der junge Goethe, damit Dürers Werk und, im Gegensatz zu allem Weichlich-Fremden, auch sein Wesen als des „männlichen" Kunstgenius von „holzgeschnih- tester" Deutschheit zum symbolkräftigen Bild formend, — bedeutsam neben Erwin von Steinbachs heraufbeschworenen Schatten gestellt in jenem dithyrambisch eifernden Lied „Von deutscher Baukunst", das, hingestammelt mit der entrückten Stimme des in ein Mysterium Eingeweihten letzte Dinge im Sturmhauch der Jugend und des Genius ausspricht. In die gleiche Shäre des Heraustreibens alles Positiv- Deutschen in Dürers Wesen gehören die bekannten Dersreihen aus „Hans Sachsens poetischer Sendung", die das kernige, „holzgeschmt- tene" Dürerbild zum Bilde einer Sächsisch derb und männlich klar gesehenen deutschen Welt erweitern: „Nichts verlindert und nichts verwitzelt, Nichts verzierlicht und nichts verkritzelt; Sondern die Welt soll vor dir stehn, Wie Albrecht Dürer sie hat gesehn: Ihr festes Leben und Männlichkeit, Ihre innere Kraft und Ständigkeit!" And auf der anderen Seite, am anderen Endse der Goetheschen Welt jene signifikanten Aussprüche des faustlichen Helenabeschworers, die, über die nordfremd abweisende Geste der italienischen Reise hinaus, schmerzlich-zürnend, voll anerkennender Abwehr in Dürer den Mann des deutschen Schicksals begreifen, zugleich in seiner „holz- geschnittenen" Gestalt dunkles, deutsch^ Seelenverhängnis symbolhaft eindringlich verdichtend: „Weil Albrecht Dürer bei dem unvergleichlichen Talent sich nie zur Idee des Ebenmaßes der Schönheit, ja sogar nie zum Gedanken einer schicklichen Zweckmäßigkeit erheben konnte, sollen wir auch des Torfs besondere Bedingungen nötig sind, die wahrscheinlich nicht überall bestehen. Genen dieses Bild vom Dürer-Deutschen, das in seiner charakterlstiich deutschen Mischung von mannhafter Tatenlust und sinnverneinender Melancholie, von sonnendurchwärmter Denkerseligkeit und tödlicher Gewißheit eines letzten Wissens, von „unvergleichlichem Talent" und dunklem Un- qenüQcn am eigenen Genius, von überguellenber Phantastik unu peinlui) rechnender Pedanterei, von letzter innerer Formlosigkeit und ewiger Sehn- , sucht nach reiner absoluter Form, von „liebevollinnigstem Anschauen aller gegenwärtigen Zustände" und übermächtigem Drang in alles Abseits und Jenseits hinaus — gegen dieses Bild vom Deutschen Dürer, das wie em Bild alles Deutschen überhaupt erscheint, hat man neuerdings die Gestalt des neuentdeckten Grünewald zu stellen gesucht, den man gerne in den Mittelpunkt alles Deutschen setzen möchte, Dürer dabei irgendwohin an die Peripherie verweisend. Aber Grünewalds, des Meisters vom Jsem Heimer Altar Persönlichkeit, erscheint nicht umsänglich genug, — vergeblich suchen mir nach der bei Dürer gewohnten Fülle persönlicher Dokumente —, tritt uns zu einseitig-vollkommen, zu sehr in einem Aeußersten vollendet entgegen, um je symbolbildender Spiegel der inneren Mächtigkeit deutschen Seelenlebens werden zu können. Der Grünewald-Deutsche — schon Wort und Begriff klingen nicht recht — scheint nur zeitbedingtes Uebergangs- produkt zu [ein, ein mehr modernes, kein wesentlich deutsches Symbol. Ein eigentlicher Grünewaldmythos ist nicht im Werden, der schicksalbestimmend über deutscher Zukunft stehen könnte. Eine andere Frage ist, ob das bisher so mächtige Bild vom deutschen Dürer deutsche Zukunft symbolkräftig überdauern wird. Fast scheint es, daß der Mythos vom Dürer-Deutschen sein« Polhöhe schon erreicht habe, Dürers Stern schon im Sinken ist, anderen Bildern weichend. Wolfslms letzte Synthese des Dürer-Problems (Erlanger Festrede 1921), welche die Gegenargumente io eigentümlich eindringlich häuft, um das Dafür nur ganz lapidar, in wenigen großen zusammenfassenden Gesichtspunkten zu geben, bildet vielleicht in der Geschichte der deutschen Dürer-Legende einen entscheidenden Punkt, den Punkt ihres mählichen Absinkens und Berklingens. , . ... ... Der Dürer-Deutsche scheint schon der Vergangenheit anzugehoren, ist irgendwie „vorkriegsdeutsch": es ist der Deutsche mehr des „Hieronymus im Gehäus" und der „Melancholie" als des „Ritters mit Tod und Teusel, — es ist der Deutsche, sich selbst, seine Stärken und seine Schwächen nicht ohne leise Ironie betrachtend, voll dunklen Ungenügend am eigenen Genius, der tragisch-unseligen Brechung seines Wesens und einer letzten inneren Formlosigkeit sich nur allzu deutlich bewußt. Deutsche Zukunft aber mit ihren neuen harten strengen Aufgaben wird neue größere stärkere Symbole brauchen. Der vorwiegend aktive Deutsche — nicht der einer Hieronymus-einsamen Weltversenkung, nicht der einer selbstguälerisch-vergrübelten Melancholie —, nein, ringend und kämpfend um seine Zukunft und um seine letzte innere Form — wird neue symbolstarke Sinn- und Vorbilder seines Seelenschicksals sich gestalten müssen. Vielleicht sind schon solche neuen mythischen Schaubilder, die schicksal- bestimmend deutscher Zukunft Ziel und Richtung geben könnten, im Entstehen. Aber es wäre versrüht und vermessen, hier auch nur andeutend den Lauf legendären Geschehens vorwegzunehmen oder gar bestimmen zu wollen. Borläusig ist uns Dürer noch zutiefst nahe und vertraut, wenn auch vielleicht schon in jener gefährlichsten Nähe eines innigen Begegnens, das Fremdheit und Trennung in sich schließt. Noch wissen wir das Thema „Dürer und Wir", all das, was uns Dürer „bedeutet", nicht besser zusammenzufassen, als wenn wir schließend fragen: was wären wir ohne Dürer? Die Pflanzen bestehen in der Hauptsache aus der Zellulose und aus dem Holzstoff. Wenn nun auch die Zellulose unter Luftabschluß recht haltbar ist, o sällt sie doch langsam einer Selbstzersetzung anheim. Sie teilt hierin ihr Schicksal mit allen anderen Substanzen, aus denen die Organismen bestehen. Die Konservenbüchsen zeigen uns, wie sich die Technik die Tatsache zunutze macht, daß unter absolutem Luftabschluß diese Zersetzung nach menschlichen Begriffen nur sehr langsam vor sich geht. Wir wissen jedoch, daß früher oder spater auch der Inhalt der Kvn- ervenbüchsen einer weitgehenden Zersetzung anheim sE. Die Zellulose besteht nun, chemisch betrachtet, aus Kohlenstoff und aus den -Zementen bee Wassers, dem Wasserstoff und dem Sauerstoss. Aus Roheres brauchen wir hier nicht einzugehen. Wenn also die Zellulose durch den Fäulnisprozeß yerfällt, so kann sie nur in Verbindungen zerfallen, die irgendwie aus diesen drei Elementen bestehen. Zunächst sck)«mt es das Bestreben des Sauerstoffes zu sein sich aus der Bindung zu losen und er verflüchtigt sich im Laufe der Zeiten in Verbindung mit Wasselstoff als Wasser und in Verbindung mit Kohlenstoff als gasförmige Kohckn- iäure Das Auftreten größerer Mengen dieser Kohlensäure in den Braun- kohlenbergwerken bezeichnet der Bergmann als schwere Wetter ober als Stickwetter. Da nun aber in der Zellulose sehr viel mehr Kohlenstoss und Wasserstosf vorhanden ist, als der in der Zellulose enlha.ene Sauer, stoss zu binden vermag, so nimmt der Sauerstoff zwar bedeutend ab, von dem Wasserstoff und namentlich von dem Kohlenstoff bleiben jedoch be- trächtliche Mengen zurück. Die Steinkohlen sind demei>tsprechend e,n G - menge fester Kohlenwasserstoffverbindungen. Sobald der m der Kohle noch vorhandene Sauerstoff nur noch eine geringe Rolle fpieit, trennt sich dann allmählich auch der übriggebliebene Wasserstoss in ^rb'Mmg mit dem Kohlenstoss als Gas ebenfalls von dem Gestern, es entsteht das Methan oder Grubengas. Aus dem praktischen Leben kennen wir diese Erscheinung durch die gefährlichen Schlagwetter. Der Fäulnisprozeß ist also ein Selbstzersctzungsprozeß; wir können zur Veranschaulichung auch sagen, ein Selbstmirbrennungsprozeh. Ver brennt doch die Zellulose sozusagen von den Elementen, aus denen s besteht, durch den eigenen Sauerstoff so viel, wie b'cfer ju brnoen mag. Dieser Prozeß verläuft um so reiner, je besser das Pslanzenmatenai von der Lust abgeschlossen ist, und dies ist namentlich da der Fall, w° ein Torflager, nachdem es eine gewisse Mächtigkeit erlangt hat, mit oder mit Ton oder auch mit beiden Gesteinen bedeckt worden ist. kann das aber geschehen? Man kann unsere sich ständig abkühlende Erde mit » trocknenden Apfel vergleichen. Wie auf diesem, o s'nken auch aus Y hier und dort gewisse Partien der Oberflach« ein und an die t'esslen Stellen begibt sich immer das Wasser. So kann es leicht kommen, datz ein Moor,' das auf dem Festlande entstanden ist, sp°ter unter °^ Meeresspiegel gerät. Das Meer setzt aber namentlich in ruhigen Buq^ Ton, Sand ufw. ab, die ihm von den Flüssen zugMhrt werden, gt| ein dort befindliches Torslager bedecken können. Man erinnere M . di« Deltas. Bei so gutem Abschluß führt dann der FaulnwprüZeß m lich zu den bekannten festen Produkten, in denen sich der Kdhlensto l i anreichert. Wir erhalten die Reih«: Torf, Braunkohle, S Anthrazit. immer an der Erd« Heben?" — (Maximen und Aesl-ctionen.) Und weiter — Zuspruch und Absage mit goethescher Gereyiig.eir wagens. Albrecht Dürer förderte ein höchst inniges realistisches Anschauen, ein liebenswürdiges, menschliches Mitgefühl aller, gegenw^tigen _-3u- ftänbe- ihm schadete eine trübe, form» und boüeulose Phantasie. (M u R ) Und schließlich klagend zugleich und anklagmrd, mit emem wahrhaft schmerzhaften Akzent: .Sollen wir ewig als Aaupen herum- kriechen, weil einige nordische Künstler (und d. h. natürlich vor allem Dürer) ihre Rechnung dabei finden? (M. u.R.) Diese schmerzlich-zürnenden Ausbrüche — wie sehr auch immer dem klassizistischen Wesenspol Goethes zustrebend, -rsendwie sind sie mehr als ein bloßes Messen Dürers an italienischen Kunstidealen, jedenfalls legen sie weitere Ausdeutung äußerst nahe, da sie über sich selbst hinausdeuten, scheinen auf letzte deutsche Seelennot, allgemeines deutsches Seelenschicksal, das hier mit Dürers Emzelschickfal — man beachte nur jenes zweimalige, beinahe fatalistisch-herbe „weil geheimnisvoll- unabwendbar für alle Zeiten verbunden erscheint. Denn das lsts ja. Mangel an „Ebenmaß der Schönheit", Mangel °n »Ich>cklich^ Zweckmäßigkeit", ein Zuviel an „trüber, form- und bodenloser Phantasie , immer an der Erde kleben", „ewig als Raupen ljerumknechen , ohne ,« den leichten Schmetterlingsslug einer letzten Gelöstheit und Freiheit der Seele zu kennen, allem Dunkel vertraut, allem Chaotisch-Drängenden ewig verschwistert, das ist's, deutsches Schicksal, dunkles deutsches Seelenver- Was ist aber zunächst eine Verwesung? Wir kennen noch einen anderen außerordentlich häufigen Prozeß, bei dem gleichfalls ein Material sozusagen spurlos verschwindet. Es ist dies die Verbrennung. Nichts ist also näherliegend, als anzunehmen, daß sich ein verwesender Körper ganz wie ein verbrennender in der Hauptsache in Gase verwandelt. In der Tat verbindet sich ein toter Pflanzenkörper bei der Verbrennung wie bei der Verwesung mit dem Sauerstoff der Lust, und zwar im wesentlichen zu der gasförmigen Kohlensäure und zu Wasser. Der Unterschied zwischen den beiden Prozessen scheint zunächst nur der zu [ein, daß das Zusammentreten mit dem Sauerstof in dem ersten Falle wesentlich schneller unb mit Flammenerscheinung vor sich geht, wahrend im zweiten Fall die Reaktion recht langsam und flammenlos erfolgt. Noch ein anderer Prozeß, den wir als Bermodermig bezeichnen, muh hier erwähnt werden. Er weicht von dem eben geschilderten der Verwesung in einem wichtigen Punkte ab. Fallen z. B. in einem Laubwalde im Herbst sehr viele Blätter von den Bäumen, so werden sie den ganzen Waldboden dicht bedecken und sich oft zu einer beträchtlichen Schicht anhöhen. Wenn sie sich, wie beispielsweise die Buchenblätter, nicht rollen, dann werden sie sich glatt aufeinanderlegen. Geht dann vielleicht ein Regen nieder, so wird er die naßwerdenden Blätter noch dichter aufeinanderpacken. Dies wird die Möglichkeit der Verwesung, der slammenlosen Verbrennung bedeutend ein- schränken, denn der Sauerstoff der Luft vermag so nur noch schwer auj die Blätter einzuwirken. Wer schon einmal einen Ofen geheizt hat, der weiß ja am besten, daß eine gute Verbrennung nur bann vor sich gehen kann, wenn hinreichender Zug vorhanden ist. So erklärt es sich auch, datz wir in unseren Buchenwäldern den Moder, eine schwarze Humusschicht, vorsinden, die sich durch die alljährlich niedersallenden Blätter langsam mehrt. Immerhin pflegt aber die Einwirkung des Sauerstoffes noch stark genug zu jein, um die Mächtigkeit der Humusschicht in bescheidenen Grenzen zu halten. ... r . ,. „ : . Man ahnt jetzt schon, wie diejenige Form der Zersetzung beschaffen fein dürfte, die für uns von ausschlaggebender Bedeutung ist, da sie zur Bildung des Torfs führt. Sie beginnt genau [o wie auch die Humusbildung. Da aber die Torfbildung nur in ruhigem Wasser stattfindet, unb in solchem nur außerordentlich wenig Sauerstoff gelöst ist, da weiter bei der Vertorfung auf der kaum entstandenen Humusschicht schon wieder neue Pflanzen emporwachsen, die den Hinzutritt des Sauerstofses immer mehr erschweren, so leuchtet es ein, daß die sich zersetzenden Pslanzenreste immer mehr in eine neue Richtung der Zersetzung hineinkommen inussen. Können doch die anderen Zersetzungsarten, die doch im weitesten Sinne alle Verbrennungen sind, ohne Luftstrom nicht vor sich gehen. Diese neue Zersetzungseinrichtung ist nach der Definition von Liebig die Fäulnis. lieber die Entstehung der Kohle. Von Dr. Rodert Potonie, Privatdozenten an der Technischen Hochschule Berlin. Das Moor ist die Wiege der Kohle. Will man also wissen, wie jener chemische Prozeß begonnen hat, durch den unser wichtigstes Material, die Steinkohle, geworden ist, bann wird man sich vergegenwärtigen müssen, wodurch denn ein totes Pflanzenmaterial zu Tors wird. Das ist das wichtigste Moment bei der ganzen Kohlewerbung; alles andere kann mit dem Weg verglichen werden, den eine einmal angestoßene Kugel unbedingt rollen muh. Wenn alle Pflanzenreste zu Torf würden, bann müßten überall, wo überhaupt ein Pflanzenwachstum ftattfinbet, Torflager entstehen. Wir wissen aber, baß z. B. bie im Herbst von den Bäumen fallenden Blätter '«ist sehr schnell verwesen, d. h. sie verschwinden, populär gesprochen, ohne i —.dwekche Spur zu hinterlassen. Wir sehen also, bah zur Entstehung Der Fachmann nennt den Prozeß der Kohlewerdung eine Inkohlung. Man darf nicht von einer Verkohlung sprechen, denn als solche bezeichnet man die allerdings gleichfalls bei Luftabschluß, aber durch Hitze vor sich gehende schnelle Zersetzung der Zellulose und anderer kohlenstoffhaltiger Körper. Es entweichen hierbei gleichfalls Gase, aber di« Zersetzung ist eine so radikale, daß reiner Kohlenstoff zurückbleibt. Man denke hier an die Gewinnung der Holzkohle in den Kohlenmeilern. Der so häufig übersehene Unterschied zwischen Kohlenstoff und Kohle tritt hier deutlich vor Augen. Wie uns also die Torfbildung und ja auch die gelegentliche Verdorbenheit des Inhalts unserer Konservenbüchsen lehrt, fällt das von der Luft völlig abgeschlossene tote Pflanzenmaterial einem langsamen, freiwilligen Zerfall anheim, der schließlich zur Kohlebildung führt. Weder Druck noch Hitze scheinen bei der Kohlewerdung unbedingt notwendig zu sein. Ts handelt sich nur darum, daß das Pflanzenmaterial möglichst gut abgeschlossen lagert. Hitze und Druck wirken wohl nur reaktionsbeschleu- ntgend. Diese Annahme hat neuerdings der Chemiker Bergius durch mancherlei interessante Experimente noch wahrscheinlicher gemacht als sie sich schon von vornherein darstellte. Gartenkunst in Spanien« Don Prof. Dr. E. Ä ü ft e r, Gießen. TLas Italien für die Entwicklung des Gartenbaues und der Gartenkunst bedeutet, ist auch denjenigen nicht unbekannt, welche Natur undKunst des Landes aus eigener Änschauung kaum kennengelernt haben. Darüber, was Spanien auf dem gleichen Gebiete geleistet hat, — und ob den Hervorragenden Leistungen seiner Maler und Architekten ebenbürtige Schöpfungen der Gartenkunst sich an die Seite stellen lassen, wird auch vielen Fachkundigen nur wenig bekannt sein. Wir hören zwar von den großzügigen Pvomenadeanlagen, mrt welchen sich die modernen Großstädte Spaniens schmücken; Weit« gereiste erzählen uns wohl von den Wasserkünsten, die seit den Zecken Philipps V. in La Granja springen, und in Aranjuez sucht unsere Phantasie anmutige Gartenschöpfungen im höfischen Stil der französischen Schule. Eine Vorstellung von den Leistungen der spanischen Gartenkunst vermitteln für denjenigen, der sie aus eigener Anschauung kennen zu lernen nicht in der Lage war, eine Reihe stattlicher Abbildungswerke, die in den letzten Jahren erschienen sind und dein sich mehr und .mehr entwickelnden Interesse an Spaniens Kunst Rechnung tragen: wir lassen uns von ihnen nach dem Escorial, nach Aranjuez, in die Gärten des Retiro zu Madrid und nach La Granja führen ■— vor allem an diesen beiden letztgenannten Orten wird klar, daß Spanien hinter Frankreich und Italien nur durch den geringeren Reichtum seiner gartenkünstlerischen Produktion zurückbleibt: der Stil der genannten spanischen Gärten, nach welchen noch die absonderliche moderne Gartenschöpfung des portugiesischen Malers Acosta in Granada genannt sein mag, wiederholen im wesentlichen das, was französische Gartenkünstler geschaffen haben, und vermögen es gelegentlich auch zu übertreffen. Wer Eigenes und Fremdartiges in Spaniens Gärten finden will, muh diejenigen aufsuchen, die in irgendwelchem Sinne den maurischen Stil bewahrt haben. Solche Gärten erwarten uns in Sevilla, Granada, Cordova. Ihre Eigenart — nur Aeußerliches von ihr zu wiederholen, versuchen einige bekannte Gartenschöpfungen Stuttgarts aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, die „Wilhelma" — ihre Eigenart wird aus alten maurischen Baugedanken verstanden, nach welcheir Anlage eines Zentralhofs und Abschluß gegen die Oeffentlichkeit unerläßlich waren, und durch die den Mauren stets geläufige Art der Ornamentverwendung gekennzeichnet. Gleichwohl finden wir vielleicht gerade in den „arabischen Gärten" Spaniens manchen Zug, der auch dem Gartenkünstler unserer Zeit Anregungen zu geben vermag. Die Antike und die Zeit der Renaissance und des Barock fand in der Marmorplastik ihr vornehmstes Hilfsmittel, grüne Wände und grün umrahmte Räume künstlerisch zu schmücken. Äeberrascht nehmen wir wahr, daß in den arabischen Gürten das Kunstgewerbe eine gewichtige Rolle spielt, die Erzeugnisse der Azulejos-T^Hnik; selbst die Flächen und Wände eines Gartens erweisen sich einer Bekleidung mit jenen, beliebten Majolikaplatten zugänglich. Die niedrigen Mauern, welche Wege und Beete umrahmen, werden mit ihnen geschmückt, das Pflaster der Wege ist gemustert und getäfelt wie ein Parkettfußboden. Gern werden wir den Azukejosplatten dieser Gärten den Vorzug geben vor Muschelmosaik und Tuffsteindekoration, wie sie okzidentale Gartenkünstler verwendet haben; aber wir können nicht übersehen, daß hinter dem Reichtum des Ornaments das Vegetabilische stärker zurücktritt als es unserem Geschmack entspricht, und wenn die Palmen und immergrünen Sträucher der Gärten so stark auf dm Beschauer wirken, so liegt es mehr an der malerischen Schönheit ihrer Laub- masfen, als an einer erfolgreichen künstlerischen Gestaltung und Einordnung der Vegetationsmassen. Wir kommen aus das Verhältnis der ornamentalen Zutaten zur Vegetation sogleich noch zurück. Auch den Kampf zwischen Vegetation »nd Archetiktur lassen die arabischen Gärten zuungunsten der ersteren ausfallen. Den Myrthen- hvf der Alhambra füllt ein herrliches Wasserparterre, den die Vegetation mit zwei grünen Säumen begleitet. Dieselbe .Unterordnung der Vegetation macht sich auch an anderen Plätzen südspanischer Gartenanlagen geltend. Der Palasthof oder patio ist vollends vegetationslos, oder die Gewächse spielen in ihm keine andere Rolle als die Möbel in den Gemächern. Auch damals schon, als diese Bau- und Gartenschöpfungen 'entstanden, bestand der Schmuck der Höfe vermutlich aus transportablem Grün. — Wo in der Alhambra sich Gärtchen findeir, die in ihrer Anlage und blumigen Fülle dem heutigen Geschmack sich nahem, handelt es sich um moderne Schöpfungen. Beide Kennzeichen des arabischen Gartens, auf die ich hier hingewiesen Habe. f<&emen geignet, auch den Gartenkünstlern unserer Zeit zu fruchtbaren Betrachtungen anzuregen. Die reiche DerwendunA von Ornamenten widerspricht an sich keineswegs d«n Wesen und den Aufgaben des Gartens. Es wäre zu prüfen, ob nicht vielleicht gerade Gärten von bescheidene Maßen, wie sie unsere Zeit notgedrungen bevorzugen muß, unter bestimmten Voraussetzungen durch reiche Verwendung von Ornament vorteilhaft zu bereichern wären. Hochragendes Boskett erscheint neben flächenhaftem Zierrat freilich wenig am Platze, — desto mehr aber jene musivisch arbeitende Bepflanzung, die als Teppichgärtnerei bekannt ist. Es wäre eine für die Geschichte der Gartenkinst wichtige Frage, ob und in welchen Formen zu den Zeiten der Moriscos und des Mudejar-Stiles von maurischen Gärtnern diese Bepslanzungsform gehandhabt worden sein mag. Die Ausstattung von Höfen und Hallen mit grünenden Mobilien gehört zu den Aufgaben, die im Atrium von Ausstellungen, in Kirchen und Grabkapellen, in den Hallen mondainer Hotels und großer Bühnenhäuser mit bescheidenen Mitteln gelöst zu werden pflegen — begreiflich für ein Klima, das bedeckte Hallen offenen Höfen vorzuziehen den Baumeister zwingt. Diese klimatisch bedingte Deschrän- kung steht aber einer mannigfaltigeren und reichhaltigeren Verwendung des „Kübelpflanzengartens" überall da, wo im Winter für eine mäßige Heizung der geschmückten Räume gesorgt werden kann, nicht so sehr im Wege, wie die Dürftigkeit seiner Anwendung oft glauben machen könnte. Der Kübelpslanzengarten dürfte freilich nicht daber stehen bleiben, von der Gärtnerei seine Objekte zu beziehen sondern müßte auch der Gartenkunst die Grundgedanken der ®e*> staltung entlehnen, die sich in ihr bewährt haben. Eine Pilgerfahrt zu Beethoven. Von Richard Wagner. (Fortsetzung.) Im nächsten Gasthof, wo ich einkehrte, um meine Glieder zu stärken, sah der Engländer bei einem gutem Mahle. Er betrachtete mich langer endlich sprach er mich in einem passablen Deutsch an. „Wo sind ihre Kollegen?" frag er. „Nach ihrer Heimat", sagte ich. „Nehmen Sie ihre Violine, und spielen Sie noch etwas" — fuhr e* fort — „hier ist Geld!" Das verdroß mich; ich erklärte, daß ich nicht für Geld spielte, außerdem auch keine Violine hätte, und setzte ihm kurz auseinander, wie ich mit jenen Musikanten zusnmmengetrosfen war. „Das waren gute Musikanten" — versetzte der Engländer — „und die Symphonie von Beethoven war auch sehr gut." Diese Aeußerang frappierte mich; ich frag ihn, ob er Musik treibe? „Pes" — antwortete er —> „ich spiele zweimal in der Woche die Flöte, Donnerstags blase ich Waldhorn, und Sonntags komponiere ich." Das war viel; ich erstaunte. — In meinem Leben hatte ich nichts von reisenden englischen Musikern gehört; ich fand daher, daß sie sich sehr gut stehen müßten, wenn sie in so schönen Equipagen ihre Wanderungen ausführen könnten. — Ich frag, ob er Musiker von Proseffion fei? Lange erhielt ich gar keine Antwort; endlich brachte er sehr langsam hervor, daß er viel Geld habe. Mein Irrtum wurde mir einleuchtend, denn ich hatte ihn jedenfalls mit meiner Frage beleidigt. Verlegen schwieg ich, und verzehrte mein einfaches Mahl. Der Engländer, der mich abermals lange betrachtet hatte, begann aber wieder: „Kennen Sie Beethoven?" — frag er mich. Ich entgegnete, daß ich noch nie in Wien gewesen sei, und jetzt eben im Begriff stehe, dahin zu wandern, um die heißeste Sehnsucht zu befriedigen, die ich hege, den angebeteten Meister zu sehen. „Woher kommen Sie?" — frag er. — „Von L . . ." — „Das ist nicht weit! Ich komme von England, und will auch Beethoven kennenlernen. Wir werden beide ihn kennenlernen; er ist ein berühmter Komponist." — Welch wunderliches Zusammentreffen! — dachte ich bei mir. Hoher Meister, wie Verschiedene ziehest du nicht an! Zu Fuß und zu Wagen wandert man zu dir! — Mein Engländer interessierte mich; ich gestehe aber, daß ich ihn seiner Equipage wegen wenig beneidete. Es war mir, als wäre meine mühselige Pilgerfahrt zu Fuße heiliger und frömmer, und ihr Ziel müßte mich mehr beglücken, als jenen, der in Stolz und Hoffahrt dahin zog. Da blies der Postillon; der Engländer fuhr fort, nachdem er mir zugerufen, er würde Beethoven eher sehen als ich. Ich war kaum einige Stunden zu Fuße gefolgt, als ich ihn unerwartet wieder antraf. Es war auf der Landstraße. Ein Rad feines Wagens war gebrochen; mit majestätischer Ruhe saß er aber noch darin, fein Bedienter hinten auf, trotzdem daß der Wagen ganz auf der Seite hing. Ich erfuhr, daß man den Postillon zurückerwartete, der nach einem ziemlich entfernten Dorfe gelaufen fei, um einen Schmied herbeizuschaffen. Man hatte schon lange gewartet; da der Bediente nur englisch sprach, entschloß ich mich, selbst nach dem Dorfe zu gehen, um Postillon und Schmied anzutreiben. Wirklich traf ich den ersteren in einer Schenke, wo er beim Branntwein sich nicht sonderlich um den Engländer kümmerte; doch brachte ich ihn mit dem Schmied bald zu dem zerbrochenen Wagen zurück. Der Schade war geheilt; der Engländer versprach mir, mich bei Beethoven anzumelden, und — fuhr davon. Wie sehr war ich verwundert, als ich am folgenden Tage ihn wiederum auf der Landstraße antraf! Diesmal aber ohne zerbrochenem Rad, hielt er ganz ruhig mitten auf dem Wege, las in einem Buche und schien zufrieden zu fein, als er mich meines Weges daherkommen sah. „Ich habe hier schon sehr viele Stunden gewartet," sagte er, /.weil mir hier eingefallen ist, daß ich Unrecht getan habe, Sie nicht ein- zuladen, mit mir zu Beethoven zu fahren. Das Fahren ist viel besser als das Gehen. Kommen Sie in den Wagen." Ich war abermals er- staunt. Line kurze Zeit schwankte ich wirklich, ab ich sein Anerbieten nicht annehmen sollte; bald aber erinnerte ich mich des Gelübdes, das ich gestern getan hatte, als ich den Engländer dahinrollen sah: ich hatte mir gelobt, unter allen Umständen meine Pilgerfahrt zu Fuß zu wallen. Ich erklärte das laut. Jetzt erstaunte der Engländer: er konnte mich nicht begreifen. Er wiederholte fein Anerbieten, und daß er schon viele Stunden auf mich gewartet habe, obgleich er im Nachtquartier durch die gründliche Reparatur des zerbrochenen Rades sehr lange aufgehalten worden sei. Ich blieb fest und er fuhr verwundert davon. Eigentlich hatte ich eine geheime Abneigung gegen ihn, denn es drang' sich mir wie eine düstere Ahnung auf, daß mir dieser Engländer großen Verdruß anrichten würde. Zudem kam mir seine Verehrung Beethovens, sowie sein Vorhaben, ihn kennen zu lernen, mehr wie die geckenhafte Grille eines reichen Gentlemans als das tiefe, innige Bedürfnis einer enthusiastischen Seele vor. Deshalb wollte ich ihn lieber fliehen, um durch eine Genieinschaft mit ihm meine fromme Sehnsucht nicht zu entweihen. Aber als ob mich mein Geschick darauf vorbereiten wollte, in welchen gefährlichen Zusammenhang ich mit diesem Gentleman noch geraten sollte, traf ich ihn am Abend desselben Tages abermals, vor einem Gasthofe haltend und, wie es schien, mich erwartend. Denn er saß rückwärts in seinem Wagen und sah die Straße zurück, mir entgegen. „Sir," — redete er mich an, — „ich habe wieder sehr viele Stunden auf Sie gewartet. Wollen Sie mit mir zu Beethoven fahren?" Diesmal mischte sich zu meinem Erstaunen ein heimliches Grauen. Diese auffallende Beharrlichkeit, mir zu dienen, konnte ich mir unmöglich anders erklären, als daß der Engländer, meine wachsende Abneigung gegen sich gewahrend, mir zu meinem Verderben sich aufdrängen wollte. Mit unverhaltenem Verdrusse schlug ich abermals sein Anerbieten aus. Da rief er stolz: „Goddam, Sie schätzen Beethoven wenig. Ich werde ihn bald sehen!" Eilig flog er davon. — Diesmal war es wirklich das letztemal, daß ich auf dem'noch langen Wege nach Wien mit diesem Jnselsohne zusammentraf. Endlich betrat ich die Straßen Wiens; das Ende meiner Pilger- ; fahrt war erreicht. Mit welchen Gefühlen zog ich in dieses Mekka j meines Glaubens ein! Alle Mühseligkeiten der langen und beschwer- , lichen Wanderschaft waren vergessen; ich war am Ziele, in den Mauern, ! die Beethoven umschlossen. Ich war zu tief bewegt, um sogleich an die Ausführung meiner ! Absicht denken zu können. Zunächst erkundigte ich mich zwar' nach der Wohnung Beethovens, jedoch nur, um mich in dessen Nähe einzulogieren. Ziemlich gegenüber dein Hause, in welchem der Meister wohnte, befand : sich ein nicht zu vornehmer Gasthof; ich mietete mir ein kleines Kämmerchen im fünften Stock desselben, und dort bereitete ich mich nun | auf das größte Ereignis meines Lebens, auf einen Besuch bei Beet- j Hoven vor. Nachdem ich zwei Tage ausgeruht, gefastet und gebtei, Wien aber j noch mit keinem Blick näher betrachtet hatte, faßte ich denn Mut, uer^ j ließ meinen Gasthof und ging schräg gegenüber in das merkwürdige Haus. Man sagte mir, Herr Beethoven sei nicht zugegen. Das war mir j gerade recht; benn ich gewann Zeit, um mich von neuem zu sammeln. Da mir aber den Tag über noch viermal derselbe Bescheid, und zwar mit einem gewissen gesteigerten Tone gegeben ward, hielt ich diesen Tag für einen Unglückstag, und gab mißmutig meinen Besuch aus. Als ich zu meinem Gasthof zurückwanderte, grüßte mir aus dem ersten Stocke desselben mein Engländer ziemlich leutselig entgegen. „Haben Sie Beethoven gesehen?" rief er mir zu. „Noch nicht, er war nicht anzutreffen", entgegnete ich, verwundert über mein abermaliges Zusammentreffen mit ihm. Auf der Treppe begegnete er mir und nötigte mich mit auffallender Freundlichkeit in sein Zimmer. „Mein Herr," sagte er, „ich habe Sie heute schon fünfmal in Beethovens Haus gehen sehen. Ich bin schon viele Tage hier und habe in diesem garstigen Hotel Quartier genommen, um Beethoven nahe zu sein. Glauben Sie mir, es ist sehr schwer, Beethoven zu sprechen; dieser Gentleman hat sehr viele Launen. Ich bin im Anfänge sechsmal zu ihm gegangen und bin stets zurückgewiesen worden. Jetzt stehe ich sehr früh auf und setze mich bis spät abends an das Fenster, um zu sehen, wann Beethoven ausgeht. Der Gentleman scheint aber nie auszugehen." „So glauben Sie, Beethoven sei auch heute zu Hause gewesen und habe mich abweisen lassen?" rief ich beftürjt. „Versteht sich, Sie und ich, mir sind abgewiesen. Und das ist mir sehr unangenehm, denn ich bin nicht gekommen, Wien kennenzulernen, sondern Beethoven." Das war für mich eine sehr trübe Nachricht. Nichtsdestoweniger versuchte ich am andern Tage wieder mein Heil, jedoch abermals vergebens. — Die Pforten des Himmels waren mir verschlossen. Mein Engländer, der meine fruchtlosen Versuche stets mit der gespanntesten Aufmerksamkeit vom Fenster aus beobachtete, hatte nun auch durch Erkundigungen Sicherheit erhalten, daß Beethoven nicht auf die Straße heraus wohne. Er war sehr verdrießlich, ober grenzenlos beharrlich. — Dafür war meine Geduld bald verloren, denn ich hatte dazu wohl mehr Grund als er; eine Woche war allmählich verstrichen, ohne daß ich meinen Zweck erreichte, und die Einkünfte meiner Galopps erlaubten mir durchaus keinen langen Aufenthalt in Wien. Nach und nach begann ich zu verzweifeln. Ich teilte meine Leiden dem Wirte des Gasthofes mit. Dieser lächelte unb versprach mit den Grund meines Unglücks anzugeben, wenn ich gelobte, ihn nicht dem Engländer zu verraten. Meinen Unstern ahnend, tat ich das verlangte Gelübde. „Sehen Sie wohl", — jagte nun der ehrliche Wirt — „es kommen bter sehr viele Engländer her, um Herrn van Beethoven zu sehen und kennenzulernen. Dies verdrießt aber Herrn van Beethoven sehr und er hat eine solche Wut gegen die Zudringlichkeiten dieser Herren, daß er es jedem Fremden rein unmöglich macht, vor ihn zu gelangen. Er ist ein sonderlicher Herr und man muß ihm dies verzeihen. Meinem Gasthofe ist dies aber recht zuträglich, denn er ist gewöhnlich stark von Engländern besetzt, die durch die Schwierigkeit, Herrn Beethoven zu sprechen, genötigt sind, länger, als es sonst der Fall sein würde, meine Gäste zu sein. Da Sie jedoch versprechen, mir diese Herren nicht zu verscheuchen, so hoffe ich ein Mittel ausfindig zu machen, wie Sie an Herrn van Beethoven herankommen können." Das war sehr erbaulich; ich kam also nicht zum Ziele, weil ich armer Teufel als Engländer passierte! O, meine Ahnung war gerechtfertigt; der Engländer war mein Verderben! — Augenblicklich wollte ich aus dem Gasthose ziehen, denn jedenfalls wurde in Beethovens Hause jeder für einen Engländer gehalten, der hier logierte und schon deshalb war ich also im Bann. Dennoch hielt mich aber das Versprechen des Wirtes, daß er mir eine Gelegenheit verschaffen wollte, Beethoven zu sehen und zu sprechen, zurück. Der Engländer, den ich nun im Innersten verabscheute, hatte währenddem allerhand Intrigen und Bestechungen angefangen, jedoch immer ohne Resultat. So verstrichen wiederum mehrere fruchtlose Tage, während welcher der Ertrag meiner Galopps sichtlich abnahm, als mir endlich der Wirt vertraute, daß ich Beethoven nicht verfehlen könnte, wenn ich mich in einen gewissen Biergarten begeben wollte, wo dieser sich fast täglich zu einer bestimmten Stunde einzufinden pflege. Zugleich erhielt ich von meinem Ratgeber unfehlbare Nachweisungen über die Persönlichkeit des großen Meisters, die es mir möglich machen sollten, ihn zu erkennen. Ich lebte auf und beschloß, mein Glück nicht auf morgen zu verschieben. Es war mir unmöglich, Beethoven beim Ausgehen cinzuireffen, da er fein Hous stets durch eine Hintertür verließ; somit blieb mir nichts übrig, als der Biergarten. Leider suchte ich den Meister aber sowohl an diesem, als an den nächstfolgenden zwei Tagen dort vergebens auf. Endlich am vierten, als ich wiederum zur bestimmten Stunde meine Schritte dem verhängnisvollen Biergarten zuwandte, mußte ich zu meiner Verzweiflung gewahr werden, daß mich der Engländer vorsichtig und bedächtig von fern verfolgte. Der Unglückliche, fortwährend an fein Fenster postiert, hatte es sich nicht entgehen lassen, daß ich täglich zu einer gewissen Zeit nach derselben Richtung hin ausging; dies hatte ihn frappiert und sogleich öennutenb, daß ich eine Spur entdeckt habe, Beethoven aufzusuchen, hatte er beschlossen, aus dieser meiner vermutlichen Entdeckung Vorteil zu ziehen. Er erzählte mir alles dies mit der größten Unbefangenheit und erklärte zugleich, daß er mir überallhin folgen wollte. Vergebens war mein Bemühen, ihn zu hintergehen und glauben zu machen, daß ich einzig vorhabe, zu meiner Erholung einen gemeinen Biergarten zu besuchen, der viel zu nnfashionabel sei, um von Gentlemans seines Gleichen beachtet z» werden, er blieb unerschütterlich bei feinem Entschlüsse, und ich hatte mein Geschick zu verfluchen. Endlich versuchte ich Unhöflichkeit und suchte ihn durch Grobheit von mir zu entfernen; weit davon aber, sich dadurch aufbringen zu lassen, begnügte er sich mit einem sanften Lächeln. Seine fixe Idee war: Beethoven zu sehen, — alles übrige kümmerte ihn nicht. Und in Wahrheit, diesen Tag sollte es geschehen, daß ich endlich zum ersten Male den großen Beethoven zu Gesicht bekam. Nichts vermag meine Hingerissenheit, zugleich aber auch meine Wut zu schildern, als'ich, an der Seite meines Gentlemans sitzend,^den Mami sich nähern sah, dessen Haltung und Aussehen vollständig der Schilderung entsprachen, die mir mein Wirt von dem Aeußern des Meisters entworfen hatte. Der lange, blaue Ueberrock, das verworrene, struppige graue Haar, dazu aber die Mjenen, der Ausdruck des Gesichts, wie sie nach einem guten Porträt lange meiner Einblidungskraft vorgeschwebt hatten. Hier war ein Irrtum unmöglich: im ersten Augenblicke hatte ich ihn erkannt! Mit schnellen, kurzen Schritten kam er an uns vorbei; Ueberraschung unb Ehrfurcht fesselten meine Sinne. Der Engländer verlor keine meiner Bewegungen; mit neugierigem Blicke beobachtete er den Ankömmling, der sich in die entfernteste Ecke des um diese Stunde noch unbesuchten Gartens zu- rückzog, Wein bringen ließ und dann einige Zeit in einer nachdenkenden Stellung verblieb. Mein laut schlagendes Herz sagte mir: Er ist es! Ich vergaß für einige Augenblicke meinen Nachbar und betrachtete mit gierigem Auge und mit unsäglicher Bewegung den Mann, dessen Genius ausschließlich all meine Gedanken und Gefühle beherrschte, seit ich gelernt zu denken und zu fühlen. Unwillkürlich begann ich leise vor mich hinzusprechen und verfiel in eine Art von Monolog, der mit den nur zu bedeutsamen Worten schloß: „Beethoven, du bist es also, den ich sehe?" Nichts entging meinem heillosen Nachbar, der, nahe zu mir herab- gebeugt, mit verhaltenem Atem mein Flüstern belauscht hatte. Aus meiner tiefen Ekstase ward ich aufgeschreckt durch die Worte: „Des! dieser Gentleman ist Beethoven! Kommen Sie und stellen wir uns ihm sogleich vor!" Boll Angst und Verdruß hielt ich den verwünschten Engländer beim Arme zurück. „Was wollen Sie tun?" rief ich, — „wollen Sie uns kompromittieren — hier an diesem Orte — so ganz ohne alle Beobachtung der Schicklichkeit?" „O" — entgegnete er — „dies ist eine vortreffliche Gelegenheit, wir werden nicht leicht eine bessere finden." Damit zog er eine Art von Notenheft aus der Tasche und wollte direkt auf den Mann im blauen Ueberrock losgehen. Außer mir erfaßte ich den Unsinnigen bei den Rockschößen und rief ihm mit Heftigkeit zu: „Sind Sie des Teufels?" (Schluß folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriok. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitalö-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.