SietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang M? Samstag, den 2d. Januar Nummer 8 Brrrbara Allsn, Von Theodor Fontane. Es war im Herbst, im bunten Herbst, wenn die rotgelben Blätter fallen. da wurde John Graham vor Liebe krank, vor Liebe zu Barbara Allen. Seine Läufer liefen hinab in die Stadi und suchten, bis sie gesunden: „Ach, unser Herr ist krank nach dir, komm, Lady, mach ihn gesunden." Die Lady schritt zum Schloß hinan, schritt über die marmornen Stufen, sie trat ans Bett, sie sah ihn an: „John Graham, du ließest mich rufen." „Ich ließ dich rufen, ich bin im Herbst und die rotgelben Blätter fallen. Hast du kein letztes Wort für mich? Ich sterbe, Barbara Allen." „John Graham, ich hab ein letztes Wort, du warst mein All und Eines; du teiltest Pfänder und Bänder aus, mir aber gönntest du keines. John Graham, und ob du mich lieben magst, ich weiß, ich hatte dich lieber, ich sah nach dir, du lachtest mich an und gingest lächelnd vorüber. Wir haben gewechselt, ich und du, die Sprossen der Liebesleiter, du hist nun unten, du hast es gewollt, ich aber bin oben und heiter." Sie ging zurück. Eine Mell' oder zwei, da hörte sie Glocken schallen; sie sprach: „Die Glocken klingen für ihn, für ihn und für — Barbara Allen. Lieb Mutier, mach ein Bett für mich, unter Weiden und Eschen geborgen; John Graham ist heute gestorben um mich. Und ich sterbe um ihn morgen." Winterlsben im Vogelsberg. Georg E n g e l b a ch (1823—1884) war von 1855—1865 Pfarrer in Stumpertenrod. In einem 1881 erschienenen Büchlein „Pfar r- leben in einem Gebirgsdorfe" hat er anziehende Bilder aus seiner Vogelsberger Pfarrei entworfen. Prof. Ur. jur. et phil. Karl Esselborn hat vor kurzem diese volkskundlich wertvolle Schrift in Nr. 5 der „Hessischen Volksbücherei" im Verlage der C. F. Winterschen Buchdruckerei in Darmstadt neu herausgegeben (Preis ungeb. 2,50 Mk., geb. 3,50 Mk.). Wir geben hier einen Abschnitt des Büchleins wieder. — 872. Haft du, lieber Leser, schon einmal den Ausdruck vernommen: „es wustert"? Ich vermute, schwerlich. Bist du ober je in der Lage gewesen, in winterlicher Zeit, wenn der Tag zur Rüste ging und der Abend dunkel- wolkig heraufzog, auf hochgelegener, kahler Heide und sturmumsausten Höhen ein „Wusterwetter" auszuhalten, dann vergissest du es nimmer. Wenn es dir einmal bestimmt ist, einsam und nichts Schlimmes ahnend „hoch da droben" einherzuschreiten, wenn dann auf einmal nach einigen kurzen Stößen wie ein schnaubendes Untier der Südost, Schneegestöber vor sich her werfend, über die Heide fegt, wenn in kürzester Frist alles, was dich umgibt, Himmel und Erde, Hohes und Tiefes, ein einziges millionenfach zerstäubtes, alle Aussicht zerstörendes Schneegeflimmer zu jein scheint, wenn du vergebens dich bemühst, deine Augen gegen die yJttjriabeir der andringenden kleinen Eisgeschosse offen zu halten, wenn der Pfad, der nach vor zehn Minuten festgetreten vor dir lag, ver- ichwunden und der Wald, den du auf Schußweite schautest, wie von Geisterhand entrückt ist, wenn du genötigt bist, im Zickzack zu schreiten, bald nicht mehr weißt, woher du kamst und wohin du sollst, wenn Angst- jchweiß aus deinen Poren quillt und die Frage deine Seele stürmt: $ T?in Heim erreichen?" — dann meist du, was ein „Wüster- A?,.er ist. Töricht der Mann, der winters — wofern nicht stiller, ver- ragttcher Frost eingetreten und die klaren Sterne an Dem Himmel stehen — 6er Abendzeit allein durch das Gebirge wandert. Tückisch ist der alte, menschenmordende Geist der Berge, und mancher ist schon seinem gewal- tigen Griffe erlegen. Es stellt sich oft ein, dieses unholdeste aller unholden Wetter. Manch- mal dauert es zwei bis drei Tage, fast ohne Unterbrechung. Kann man von warmer Stube aus dem grausen und tollen Spiele Zusehen, ruft die Pflicht nicht hinaus und kann man's abwarten, dann ist's nicht ohne Reiz, die entfesselten Naturkräfte zu beobachten, zu sehen, wie ost in doppelter Mannshöhe die Schneewehen sich auf türmen, oder mit Lachen wahrzunehmen, wie der Nachbar, der über den Hof geht, um beim nahen Krämer etwas zu holen, nach wenigen Augenblicken, die er im Freien weilt, von Haupt zu Füßen schon überpudert ist. — Eines Tages kam es vor, daß der „blonde Martin", der im oberen Dorfende in einem medrigeu Häuschen wohnte, gegen Mittag aus der Schneeblockade form, lich herausgeschaufelt wurde. Das Fensterlein seiner Schlafkammer war gänzlich zugeschneit, kein Morgenlicht war in diese gedrungen, und er, den Schlaf des Gerechten schlummernd, hatte, als schon die Els-Uhr-Glocke das nahe Mittagsmahl verkündigte, noch fänftiglich weiter geruht, in der Meinung, der Morgen fei noch nicht angebrochen. In Berücksichtigung der großen Gefahr, die dem nächtlich Verirrten droht, Hai man in jener Gegend die Einrichtung geteroffen, daß während der Wintermonate jeden Abend von acht bis halb neun Uhr ununter, brachen geläutet wird. Mancher, der draußen umherirrte bange Stunden lang, ist durch den trauten, in solcher Sage wie Himmelston erklingenden Schall zu den ersehnten Wohnungen der Menschen geleitet worden. Eigentümliche Gefühle erfüllen die Seele, wenn man im wohnlichen und warmen Heim, im Kreise der ©einigen, dieses nächtliche Geläute vernimmt und an die Möglichkeit denkt, daß draußen ein Mensch umherirre und die Glockenklänge vielleicht eher verstummen, als er die rettende Behausung erreicht habe. „Auch kann es ja geschehen" — so sagt man zu sich selbst —, „daß die Kraft schon erschöpft und der Todmatte nieder- gesunken ist, so daß ihm auch der klarste und aus der Nähe kommend« Glockenruf nicht mehr helfen kann." Wehmütig gedenke ich heute noch Elchen Falles. Ein Helpershainer schon älterer Mann hatte in abendlicher Stunde dem nach Ulrichstein heimkehrenden Landgerichts, diener Amend auf dessen Bitte das Geleite gegeben. Di« Entfernung von Helpershain nach Ulrichstein betrug drei Viertelstunden. „Bis halbwegs" — hatte der Gerichtsdiener gesagt — „gehst du mit, bann kann ich nicht mehr irren, und du gehst zurück." Guten Muts waren sie hinausgewan- dert in die schneebedeckte nächtliche Landschaft. Sie Nacht rückte vor, aber der Mann kam nicht zurück nach Helpershain. Die Angehörigen be» ruhigien sich und meinten: „er wird mit nach Ulrichstein gegangen fein und dort übernachtend Der andere Tag brachte erschütternde Aufklärung. Im nahen Wiesengrunde, kaum fünf Minuten von [einem Dorfe war öer von der Richtung Abgekommene und, wie die Spuren zeigten be- ftanbig tm Kreise Herumgegangene nach Verbrauch seiner letzten Kräfte zusammengesunken und erfroren. Die Schuhe hatte er ausgezogen, um Dichter zu schreiten, den Schnee um sich hemm hatte er zerwühlt tm Todeskampfe. Vielleicht hatte er noch das Glöcktein vernommen, das ihm fein „Komm, komm!" jurief. Aber was half ihm die Glocke, so nah und doch fo fern!? Sie sollte ihm zum Eingang in die kalte Behausung des Todes tauten. Wie selbst der Ortskundigste durch das winterliche Ausschen der Gegend unsicher und verwirrt gemacht wird, davon noch ein Beispiel. H-er handelte cs sich gottlob nicht um den Verlust eines Menschenlebens, aber doch um arge Schmerzen, tödliche Angst eines bekümmerten Frauen, herzens. Etwa drei Viertelstunden aufwärts von Stumpertenrod, weithin in der Umgegend sichtbar, tag kahl, nur von einem einzigen, nicht hohen Baum flankiert, ein kleiner bäuerlicher Hof, der Wannhof genannt, be« tefjenb aus einem geringen Wohnhaus« und einem größeren Oekonomie- gebaube. Der Eigentümer wohnte zwei Stunden entfernt in dem wohl- labenden Dorfe Windhausen und hielt sich auf jenem Hose einen Schäfer, der dort jahraus, jahrein mit seinem Weibe und seinen Kinderchen häufte. Um ihn mit Milch zu versorgen, waren ihm eine Kuh und eine Ziege überwiesen worden. Alles sonst zum Beben Erforderliche, Brot, Mehl, Fleisch, Del usw., holte sich der Mann regelmäßig alle vierzehn Tage beim Eigentümer des Hofes ab. Ein gar idyllisches, friedlich stilles Leben führte er des Sommers. Den ganzen Tag aber weidete seine Schafherde ost ohne Aufsicht, deren sie kaum bedurfte, auf der großen, ausgedehnten Vergkuppe, an die der Hof sich anlehnte. Köstlich rein war die Luft in dieser Höhe, summende Bienen schwärmten durchs Heidekraut, und wenn es abends in den Tälern schon dunkelte und die blaue Färbung dort unten intensiver wurde, warf noch die scheidende Sanne, milde Glut aus- gießend, ihren feurigroten Schein aus die Höhe. Manchmal stand ich um diese Stunde noch neben dem guten Schäfer, der dem Pfarrer in Ansehung seines Taufmandats ein regelmäßiger Kunde war. Denn so ziemlich alle sieben Vierteljahre wurde er durch einen Familienzuwachs erfreut und kam dann noch Stumpertenrod, um mich in feiner stets heiteren und herzlichen Weise für den nächsten Sonntag zu sich hinaufzubitten. Eine gar gemütliche Stunde verlebte ich dann droben, wenn nach dem heiligen Kühen in Osterfest. mutzten. Kam aber erst der südwestliche Wind einher auf feuchten und lauen Fittichen, dann war kein Aufhalten mehr, dann gab es lahlmgs und energischer als je in einem Staatswesen einen „Brucy mit der Ver- gangenheit", und in unglaublich kurzer Zeit waren, brodelnde, rau* schende, schäumende Ström« verwandelt, die nwchtigen Schneema en, die uns belagert hatten, zu Tal« gegangen. Frisch wie Myrtenftrauß« der bräutlich gewordenen Erde sprießte schon in ben fettesten der Wiesen handhoch das junge Gras, und ehe noch drei Wochen ms Land gegangen, konnte man de--' Jahres Erftlinqsfpende, das ersehnte Grunfutter, den konnte u!n$) Hrühlingsbutter stoßen, eine Gabe fürs Sind die Menschen größer geroorden? Bon Dr. Franz Schütz, Professor an der Universität Berlin. Bon jeher hat es als einen Vorzug gegolten, von hohem, kräftigem Gfirm-rmucbs xu kein' seit alters sind die Menschen gewohnt, in eln.m SÄ ÄS'ÄÄSTK . MWHWWW DMZSLMW Menschen - wendens aröfeer fleworben sind, und die ”ds‘*r «<»■»1« «aU'ttüS ÄS»“" für die Tatsache, daß die Menschen im Lause g_ »id)t 6ie gemein an ®.r°6em5“n9C"“’n^ie I °hrh!ln^rtwende in jedem der letzten Erscheinung, daß man um b J 9 9 y.^ifientimeter rechnen konnte. Jahrzehnte «inen Zuwachs von je 1in dem Hier spielt nun ganz^sicher «tni wetteretgesicherteren Ernährung, der =» u»b N. pgtf -ÄÄ beeinflußt, ist lange bekannt un jung-» Tiere bei ungenügender wieder bstätigt werden. So- bleiben }• & PW» a a. So Ernährung ^^rie^dteNülerund Schülerinnen höherer Schulen durchschnittlich etwas länger als S^i^Mige^olk^chul», was mch^^ trote der beobachteten Wachstums-Hemmung sich mch- verrmgert yarw, Lestr Umstand weist baraif hin, daß auch «°ch °ni»re Faktoren ftr « Entwicklung eines kräftigen Körperbau-> e,ne Rolle spielen. Fest i£.( nun in der Beschäftigung, im Beruf des Menschen zu ervnaen. Kinder der Kriegszeit hatten in recht vielen Sg« "JJ* Öein^S mäßigen Schulunterricht wie vor dem Kriege. Sie hatten nickt lo viele Stunden des Tages in den Banken still zu Wen, v viel mehr Gelegenheit zum Herumtummeln im Freien, Tausende vo 6 anwachsenden Knaben und Mödckstn wurden angehalten, w H und Hof, im ©arten und der Landwirtschaft, Sommers und^ gehörig mit Hand anzulegen und ihre jungen Kräfte zu uv . svjesr ßas Breitenwachstum gefördert, während die Lä^e die auch im Kri^ bei der Geburt noch durchaus normal war, .infolge ungenügenber u rung in den weiteren Lebensjahren zuruckblieb. Uebertragt man d>ej obachtungen auf die Verhältnisse vor dem Kriege und die Bemss^ rung der Menschen, so zeigt sich dasselbe Ergebnis. Die «roßen am- n:n bescheidene Hausfrau den Kasfeetisch deckte und, nachdem wir ■ Geistesgaben ihrer Kleinen, über Freuden 1 und^ Sorgen ihres abgeschiedenen Lebens freundliche Auskunft erteilte. ,,„r’s droben in Sommertagen, wenn im nahen Fichten» wä'ldchen die Fnken schlugen und bis Schwarzamsel durch di« Gesträuche huschte' aber welch ein sibirischer Aufenthalt war das ^Schaserhauschen an wüsten' Wintertagen! Da kam es nicht selten vor, daß der Lebensmittel- waaen der ihm während einiger Monate ge endet werden mußte, tage- lana auf sich warten ließ, weil er durch die Schneemassen.mcht durch, drinaen kannte, und daß mittlerweile die Insassen des Häubchens d.e Daterunserbitte „Unser täglich Brot gib uns heute nicht buchstäblich fassen dursten, weil sie mit Kartoffeln und Milch sich begnügen mußten. ‘ In ähnlicher Zeit nun geschah es, daß eines Wenbs der ^m.sarzt von Ulrichstein, begleitet von zwei Manern aus Windhausen, an bcm ktckäkerbaule vorivrach, um nach anstrengendem Marsche eine Stunö- ku msten und an Wm Glase Milch 'sich zu erlaben. Der Arzt hatte m ^Zindhausen einer Wöchnerin seine Hilfe angedeihen lassen und wa,, weil er sich nicht getraute, allein zurückzugchen, m Begleitung stner Zwei aus dem Heimweg begriffen. Nicht weiter als eine starke Viertelstunde war e« vom Hole nach Ulrichstein. Weil nun unser Schäfer jeben Schritt und Tritt, jeden Busch und Fels dort oben kenne, so möge er — bmen bte Drei —'eine Strecke mit ihnen gehen, bis sie die mit Baumen besetzte Landstraße und damit sicheren Eingang ins Stabilem erreicht hatten. Gern« war der freundliche Schäfer bereit und ging mit. Ws man sich an geeigneter Stelle orientiert hatte, verabschiedete er sich von ben freien und «in« zurück. Aber noch nicht so lange, als man hundert zahlt, allein gelassen, erkannte er, bah er die Richtung nach feinem Hose oerloren habe, baß vollständige Verwirrung ihn umnachte. Noch war es Zeit, die andern anzurufen, sich mit ihnen zu vereinigen und nun, das Sichere mit dem Gefährlichen vertauschend, nach Ulrichstein zu gehen und dort zu übernachten. Aber — lieber Himmel! — wie stand's nun daheim im Schäferhaufe?! Das arme Weib, dem der Mann zusagt, in einer halben Stund« wieder da zu fein, welche Nacht mußte sie durchleben! Noch sehe ich sie vor mir, wie sie, das Geschehene noch einmal empfindend, die Geschichte mir erzählte. Hundertmal ans Fenster, in der Hoffnung, des Mannes Rufen zu hören, und hundertmal wieder zurück, weit des Windes Saufen sie getäuscht hatte. „Selbst wäre ich hinaus, aber wie konnte, wie durfte ich meine armen Kinder verlassen?" Endlich, als der Morgen graute, hatte sie, weil sie's nicht mehr aushalten konnte, vom treuen Hunde begleitet, das Häuschen eben verlassen, da war der Totgeglaubte, der feines Weibes Schmerzen geahnt und keine Ruhe mehr gehabt hatte, trotz der Winterkälte in Schweiß gebadet, bahergekommen. „Ach, daß mir unser Herrgott so was nicht mehr auflegen wolle!“ so schloß die gute Frau Haben^wii'^im Vorstehenden auf die Schrecknisse eines mitteldeutschen Gebirgswinters hingewiesen, so sordert es die Gerechtigkeit, daß mir auch dessen bessere Eigenschaften nicht verschweigen. Nicht an jedem Tage ist er ein jo rauher, polternder und griesgrämiger Geselle, gar häufig lacht er dich auch an mit sonnig glänzendem und menschenfreunblichem Antlitz. Wenn, wie man sich ausdrückt, bas Weiter „sich gestellt" hat, wenn wochenlang bas Quecksilber im Thermometer nicht tiefer sinkt als fünf bis sechs Grad unter Null, wenn über die Schneefelder hin breite, festgetretene Pfade sich gebildet haben und kein Lüftchen sich regt in der weiten, beim Sonnenglanz wie mit Diamanten bedeckten Landschaft, bann wandelt stch's gar schön hinaus ins Freie, und der ganze Mensch wirb gestärkt und belebt durch solchen Gang. Besonders ergötzlich ist's, wenn nach einigem Tauwetter die oben wässerig gewesene und durchsickerte Schnee,chicht wieder fest gefroren ist. Dann trägt sie, ohne einzubrechen, schwere Lasten, und man kann über sie hinschreiten, nach Belieben rechts ober links, tal» auf ober tatab, fo säuberlich, so sicher, so ohne Gefahr des Ausgleitens, daß netteres Lustwandeln kaum zu denken ist. Wie parademäßig steht er da, der weihnachtlich überzuckerte Wald. Und wie feierlich prächtig nimmt fich's aus, wenn abends die Sonne sinkt und nun — ein Alpenglühen im kleinern Stil — die schneebedeckten Höhen, rosenrot angeglänzt wie erglühende Wäre und Gedenkstätten des Hüters, der nicht schlaft noch schlummert, vor dir stehen. Höher und höher steigt bann die mählich erblassende (Blut, bis der letzte Strahl wie ein sich aushauchendes Leben erlischt und bas reine jungfräuliche Weiß zurückbleibt. Es war üblich, daß während des Winters der Geistliche Sonntags von einem Boten abgeholt und nach Köddingen begleitet wurde. Oft war dieser Bote ein bringendes Bedürfnis. Wenn frisch gefallener Schnee alle Pfade zugebeckt hatte, wenn kein Weg noch Steg zu erkennen war, dann ging der Bote voran und brach die Bahn. Manchmal gerieten wir bis an den halben Leid in ben Schnee, so daß wir Mich« hatten, herauszukommen. Doch versicherten mir die Boten, daß es mit mir viel besser gehe als mit meinem Amtsvorgänger Heinemann, der ein schon älterer und dicker Herr gewesen und mit dem man oft gar „grausam viele" Müh« gehabt habe, ihn durch die Fährlichkeiten des Weges glücklich hindurchzulotsen. Diese Botengänge hatten das Gut« für mich, daß sie mir mannigfaltige und oft überraschende Blicke in des Volkes Art, Denk- und Sprechweise er- öffneten. Denn wenn fo zwei, und noch dazu Pfarrer unb_ Psarrnnd, ganz allein beisammen sind, sich gegenseitig helfend und fördernd, da schließen sich auch die Seelen auf, da gibt es neben dem leichten Geplauder des Tages auch Reden, die Herzen und Nieren prüfen. Manch Samentörnlein des Guten glaube ich dort nicht in die schneeumhullte Erd«, sondern in warme und empfängliche Menschenherzen gestreut zu haben, und hoffentlich ist's aufgegangen und bis heute noch nicht verdorrt. Sang und oft unerbittlich hart regierte in unseren Bergen der gestrenge Herr. Winter. Mit einem Anfluge von Neid fchauteu wir am Petritage und auch, wenn es schon März geworben, von unseren noch weißen Höhen in die längst schon braunen und gelblich-grünen Niederungen, in denen der Bauer schon pflügte und Hafer säte, während bei uns noch alle Feldarbeit ruhen mußte. Aber „warte nur, balde!", so riefst du dir zu, lenzbedürftiges Herz. Schon stieg die Sonne höher und höher, und hier und da lugte schon die dunkle Ackerscholle verheißungsvoll über ben Schnee Soor. Leise s chon riefelten um die Mittagszeit kleine murmelnde sserlein und füllten die Gräben, wenn sie auch nachts wieder erstarren nehmen immer mehr zu uns damit diejenigen Berufe, die den Menschen an das Haus, an geschlossene Räume fesseln. Die Zahl der „Stubenhocker" wird dadurch gegen früher stark vermehrt, und die Beobachtungen Li den letzten Rekrutenaushebungen, daß di« Größe der jungen Soldaten in engem Zusammenhang mit der Größe der Geburtsgemeinde steht wird hierdurch plausibel. So bringt die Großstadt im Durchschnitt mehr hochgewachsene, aber schmächtige Menschen hervor, während das Land mehr die breiten, aber kleineren aufweist. Vielleicht ist diAr Vorgang auch als Teil einer allgemeinen „Domestikation" des Menschen anfzusassen. Infolge immer weiter fortschreitender Kultur, Verallgemeinerung der Hygiene, Besserung der Ernährung, daher eine allgemeine Tendenz zur Langenzunahme. Durch das Hocken in der Stube aber hält die Breitenzunahme damit nicht Schritt. Diese wird vielmehr erst wieder angeregt, wenn für die notwendige körperliche Ausarbeitung Sorge getragen wird. Bei der Großstadtbeoölkerung erhält hierdurch das Turnen, der spart und das Spiel seine ungeheure, nicht zu unterschätzende Bedeutung. Moderne Erfindungen im allen China. Don Dr. E. Eckes, Prioatdozenten an der Universität Leipzig. Es ist eins merkwürdig« Tatsache, daß China, dessen technische Entwicklung bis in die letzte Zeit so weit hinter der des Westens zurückgeblieben war, eine Menge Erfindungen Jahrhunderte früher, als das Abendland, gemacht, ja diesem sogar mehrere seiner wichtigsten Errungenschaften übermittelt hat. Eine solche Erfindung ist z. B. das Papier, das in China im Jahr« 105 n. Ehr. erfunden wurde. Im Jahre 751 gelangte es durch chinesische Papierarbeiter, die in der Schlacht von Samarkand gefangen wurden, zu den Arabern und damit nach Europa. Chinesischen Ursprungs ist ferner der Buchdruck, der auf die Abklaschr zurückgeht, di« man schon feit 175 n. Ehr. von in Stein gemeißelten Inschriften nahm. Im 4. und 5. Jahrhundert lernte man solche Abklatsche auch von Holzplatten zu nehmen, und aus dem Jahre 594 stammt die erste Nachricht vom Druck eines größeren Werkes. Im 9. oder 10. Jahrhundert gelangte der Druck, wie in Aegypten gefundene, nach chinesischem Muster gearbeitete arabische Plattendrucke beweisen, durch Vermittlung der Araber nach dem Westen. Die sog. Erfindung der Buchdruckerkunst durch Gutenberg bestand nur darin, daß er die Blockdrucke in einzelne Lettern zerschnitt, aber auch diese Verbesserung war in China schon früher gemacht worden. 1041 stellte ein Schmied, namens Pi Scheng, zuerst bewegliche Lettern aus Ton, dann auch aus Metall her; aber in China fanden diese wenig Anklang und kamen erst in neuester Zeit mit dem Aufschwung des Zeitungswesens allgemein in Gebrauch. Aus China stammt ferner der Kompaß, der angeblich schon im 12. vorchristlichen Jahrhundert bekannt war, doch aber schon im 4. vorchristlichen Jahrhundert als alte Erfindung galt. Er wurde ursprünglich nur auf Landreisen mitgeführt; erst 342 ist von einem Schiffskompaß die Rede, und erst im 9. oder 10. Jahrhundert scheint sein Gebrauch bei der Seeschiffahrt allgemein geworden zu fein. Um dieselbe Zeit müssen auch die Araber den Kompaß kennengelernt und ihn nicht viel fpäter auch nach Europa gebracht haben, wo er um 1190 zuerst in der Provence erwähnt wird. Sehr alt ist in China auch das Schießpulver, dessen Entdeckung wohl den Alchimisten des Altertums zu danken ist. Schon zu Anfang unserer Zeitrechnung kannte man Raketen und Sprengstoffe, und bereits im 4. und 5. Jahrhundert führten die chinesischen Handelsschiffe Feuerwaffen. Die erste Feuerwaffe der Chinesen scheint die Handgranate gewesen zu sein, die aus Bambustuben hervorgegangen ist, mit denen man seit alters Krieg gegen wilde Stämme führte. Sie bestanden in frischen Bambusstücken, die, angezündet, mit entsetzlichem Krachen zerplatzten und durch die scharfen Splitter sehr gefährlich wurden. Später wurden sie mit Explosivstoffen gefüllt, was ihre Wirkung noch bedeutend steigerte, und endlich durch eiserne Tuben ersetzt. Ein Regiment Handgranatenwerfer wird in einer chinesischen Armee schon im 12. Jahrhundert genannt. 1232 finden sich zum ersten Male Kanonen, 1252 Gewehre erwähnt, und auch betäubende Gase fanden in der chinesischen Kriegsführung damals schon Verwendung; so vernichteten die Mongolen 1241 in der Schlacht bei Liegnitz die deutsche Armee durch einen Gasangriff, den ihre chinesischen Ingenieure vorbereitet hatten. Die Araber haben zusammen mit dem Bengalischen Feuer und einer anderen Menge Feuerwerkskörper, die sie aus China übernahmen, sicherlich auch das Pulver kennengelernt und nach Europa gebracht; auch den Torpedo haben sie im 13. Jahrhundert von den Chinesen kennengelernt. Wie dieser, sind auch einige andere Erfindungen moderner Seekriegstechnik den Chinesen nicht tmbegannt gewesen, so das Unterseeboot, das schon zu Ende des 3. vorchristlichen Jahrhunderts erfunden wurde, aus Mangel an Verwendung aber bald in Vergessenheit geriet, und das Panzerschiff, mit dem man 1595 gegen die japanische Flotte kämpfte. Eine merkwürdige mechanische Erfindung muß auch der Flugapparat gewesen fein, den der Philosoph und Ingenieur Moh Tih im 5. vorchristlichen Jahrhundert konstruierte, bann der Taxameter des 3. vorchristlichen Jahrhunderts und die Proviantautomobile des 3. nachchristlichen Jahrhunderts, das Fernrohr, das im 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung erwähnt wird, und der schon in vorchristlicher Zeit genannte Seismograph, der nach der erhaltenen Beschreibung genau so konstruiert war, wie um 1860 die ersten europäischen Erdbebenmesser. Wahrscheinlich ist auch die Stellungs- arithmetik, dieses fundamentale Hilfsmittel unserer ganzen Mathematik und Naturerkenntnis, über Indien aus China gekommen, denn sie wurde schon in China um 542 v. Ehr. erwähnt, während sie in Indien erst in nachchristlicher Zeit auftritt Daß das Porzellan und die Lacktechnik aus China stammen, ist allgemein bekannt, weniger bekannt ist dagegen, daß einige medizinische Erfindungen, wie die Impfung und die Akupunktur, von dort entlehnt sind. Chinesischen Ursprungs sind endlich noch die Briketts, die Ende des 18. Jahrhunderts von dort gekommen sind, ferner die Klappfächer, der zusammenklappbare Schirm und vielleicht sogar der Zylinderhut, der in seinen alteuropäischen Formen eine merkwürdige Aehnlichkeit mit einer in Korea noch heute gebräuchlichen Beamtenmütze besitzt. Das europäische Harmonium ist die Nachbildung des Prinzips der chinesischen Zungenflöte; eine solche gelangte zu Anfang des 18. Jahr- Hunderts in die Hände eines Petersburger Orgelbauers, der ihr Prinzip auf die Orgel übertrug. Auch das Diabolo-Spiel ist zu Anfang des 19. Jahrhunderts von China nach Europa gekommen. Wohin geht die Weltreise? Von Profesior Dr. Kü st ermann. >f beinahe 273 Grad unter Null, abkühlt. Wir würden her Grenzschicht aufhalten müssen. ichst unsere beiden Nach- Himmelskörper, der uns unten an. Nicht ganz so fremdarttg wären die Verhältnisse auf dem Mars ober der Venus; auf beiden würden wir wenigstens eine Lufthülle an- treffen. Beim Mars freilich, der uns günstigenfalls auf 55 Millionen Kilometer nahekommeu kann, ist sie nur sehr dünn, denn infolge derge- rinaen Schwerkraft, die nur etwa em Drittel der irdischen betragt, kann der Planet nicht o viel Luft feschalten wie die Erde. Hingegen wurden wir auf der Sknus überhaupt keine beträchtliche Verschiedenheit in der Schwere gegen die gewohnte irdisch« Schwere empfinden, denn der Unterschied beträgt nur etwa ein Achtel. Eine trübe Aussicht für dl« Besucher der Venus ist aber die Dichte ihrer Lust, die das Sonnenlicht gar nicht bis zur Venusoberfläche Vordringen läßt; es herrscht dort also Finsternis, mindestens aber ewiger Nebel. Es ist also doch vielleicht besser, wir geben die Weltreise auf und fahren nach Tirol, zumal ja bekanntlich Mars, Eros und Venus auch fönst nicht ganz ungefährlich sind, besonders bi« beiden letzten! Sicher ist sicher! Der ergötzlichste, leichteste und billigste Teil aller Reifen ist bekannMch das Pläneichmieden an der Hand des Lübeckers oder eines anderen geeigneten Führers, denn dabei kann man unbeschwert durch schlechtes Wetter und hohe Gasthausrechnungen alle Reisesreuden nach Belieben auskosten. In neuerer Zeit werden nun Betrachtungen über Reisen In den Weltenraum immer üblicher, und so ist es höchste Zeit, mit dem Plänemachen zu beginnen und die Frage aufzuwerfen: „Wohin fall denn nun eigentlich die Weltreise gehen?" Das nächste Reiseziel wäre natürlich der Mond. Er kann uns bis auf 357 000 Kilometer nahekommen und selbst im Höchstfall betragt seine Entfernung nur lumpige 407 000 Kilometer. Der Unterschied ist also fo gering, daß wir auf ihn feine besondere Rücksicht zu nehmen brauchen, und abreifen können, wenn es uns aus anderen Gnmden am besten paßt, beispielsweise bei günstiger Jahreszeit. Ob uns freilich der Mond besonders wohnlich erscheinen würde, mag fraglich sein, denn vor allem hat er keine Lufthülle, ober ihre Dichte kann nur den zweltausendsten Teil der irdischen betragen. Wir mußten also die zum,Einatmen notige Luft oder mindestens den Sauerstoff als notwendigen Teil unseres Reisegepäcks betrachten und sie in einer Stahlslasche witfuhren. Diese wurde uns freilich nicht übermäßig drücken, da die Schwere auf dem Mond nur etwa' den sechsten Teil der Erdschwer« betragt. Unangenehmer wäre es schon, daß das Fehlen der Luft auch jeglichen Temperaturausgleich vermissen läßt. Man nimmt an, daß sich der von der Sonne bestrahlt« Teil des Mondes bis auf 100 Grad erwärmt, wahrend sich der in vier- zehntägiger Nacht liegende Teil der Oberfläche bis W «'if Weltraumtemperatur, also auf beinahe 273 Grad unter Null, abkuhlt. Wir wurden uns also schon an der Grenzschicht aufhalten müssen. Don anderen Himmelskörpern kämen demnächst unsere beiden Nachbarplaneten Venus und Mars in Frage. Der Himmelskorper üer uns von allen außer dem Mond am nächsten kommen kann, ist aber der im Sabre 1898 von Witt In Berlin entdeckte kleine Planet Eros, dessen Entfernung von uns im günstigsten Fall 21,7 Millionen Kilometer beträgt, also immerhin fünfzigmal fo groß ift wie die Entfernung zum Monde. Zur Zeit der größten Entfernung ist ber Jßlanet freilich nicht weniger als etwa 419 Millionen Kilometer entfernt Wir mußten unst. reu Reiseantritt also ganz genau nach den verhaltmsmaßig seltenen Zeiten feiner größten Annäherung richten. Dafür gäbe es dort aber auch toon allerlei zu sehen. Das ganze Sternchen soll nur einen Durchmesser von etwa 16 Kilometer haben, so daß man also ohne Anstrengung in einem Tag zu Fuß rundherum spazieren könnte. Von einer Lufthülle ist natürlich dort feine Rede, denn ein so kleiner Himmelskörper kann keine Lust festhalten. Auch die Schwer« ist dort bis auf «men ganz geringfügigen Bruchteil verschwunden, fo daß wir uns vor zu großen Cuff« fpriingen hüten müßten, denn wir tarnen sonst am Ende nicht mehr Uhlan. Bon Otto Mittler. 1 Armer „Uhlan"! Wenn er heute noch lebt, ist er wahrscheinlich Makkaroni-Transportschiff der, ach, so siegreichen italienischen Kriegsmarine . . . Damals war er frisch aus der Werst gekommen und noch nicht einmal fertig gestrichen. Mit grauem Rumpf und mennigrot grundierten Kaminen wurden wir an di« Boje hinausgeschleppt. Wir nahmen Kohlen, Proviant, Munition, Handwaffen, Hängematten, Decken, sonstigen Schisssbedarf. Alles kam gleichzeitig und türmte sich in heillosem Durcheinander auf dem engen Deck. Flaschenzüge kreischten, Luken schluckten den Wust. Lastprähme, di« uns zugedeckt hatten, wurden von Schleppern beiseite gerissen: Platz für „Uhlan"! Schlote rumorten und spuckten schwarz. Der stählerne Rumpf vibrierte klingend über den Grundinter- vallen der Kolbenstötz«. Als bunte Tragrakeien schossen die vier Flaggen des Grfennungsfignals den Mast hinan und entbreiteten sich flatternd im blauen Himmel. Aufheulte die Sirene. Die rot-weih-rote Kriegsflagge als majestätische Schleppe von Purpur und Hennelin im Wasser gespiegelt hinter uns, glitten wir aus dem Hafen, durch die Hafensperre, umkreisten das Fort Musil, das unser Ausfahrtssignal mit gleichen Farben zuruckgab. „Ganze Kraft vorwärts!" befahl der Maschinentelegraph. Sechstausend Pserdefräfte drängten sich aus den Parrowkesfein durch die Ueberhitzer, warfen sich in die Zylinder, auf die Kolben und in stählernen, Galopp mit stampfenden! Gestänge auf die Schraubenwellea. Zwei weißgekrönte , Wasserberge hoben sich beiderseits des scharfen Vorderstevens schräg ab- ' fette vom tieferliegenden Achterschiff, steuerbord allmählich ausschwingend in offene See, backbord Brandung werfend in laues Geplätscher ausgewaschener Uferhöhlen. Im Schatten der weit nachwehenden Rauchfahne tropfte die Flut milchig zurück vom zernagten Kalk der Karstrippen. Das war zur Zeit der Annexionskrise im Frühling 1909. Erste Wetterleuchten des aufziehenden Weltorkans zuckten .über den europäischen Himmel. Bei uns unten in der Südostecke roch es verdächtig nach Balkanschwefel. Plötzlich hatte es in Pola geheißen, es gebe Krieg. Ehe ich mich's versah, hatte ich den gelben Propeller am linken Bermel meines Bordhemdes, vier weiße Sterne hinten am blauen Kragen, das Unteroffiziersportepee am Seitengewehr gehabt, und auf dem Buckel, prismatisch gepackt, meinen höchst gewichtigen Kleidersack aus braunem Segeltuch. darauf in weißer Oelfarbe mein Name und Assentjahr prangte. Beladen wie Müllers Esel, Dienstbuch und Berpflegungspapiere in der Tasche, war ich frisch ausgemusterter k. u. k. Einjährig-Freiwilliger-Ma- schinengast zum Arsenalsmolo getrabt und hatte mich zum Dienste auf S.M.S. „Uhlan" gemeldet, einem Zerstörer des damals neuesten Typs. hundertachtundachtzig Stunden, davon hundertvierundvierzig Dienst — da mußte sich einer schon die Zeit abstehlen, um seekrank zu werden. Das frisch« Brot war am zweiten Tag zu Ende, das frische Fleisch am. dritten. Acht Tage lang gab es Konservengulasch und Schiffszwieback zu jeder Mahlzeit. Alle Räume rochen nach Konserosngulasch. Es war eine Erholung, in die Maschine zu gehen. Dort roch es wenigstens nach Schmieröl und dem durcheinandergeschüttelten Sod. Am zehnten Tage war auch das Konservengulasch zu Ende. Ratlos rutschte der Koch zwischen zer- schlagenen Konservenkisten in der Proviantkammer umher. Dann raffte er sich auf, ging zum Bootsmann und schrie ihm die Frage ins Ohr, was er kochen solle. Der Bootsmann ging zum zweiten Leutnant, der zweite zum ersten, der erste zum Kommandanten, immer hübsch auf dem Dienstweg. Der Kommandant zuckte die Achseln. „Können wir den Leuten nicht, aus der Offiziersmesse abgeben?" „Wir haben noch zwei Dosen Kondensmilch, ein kleines Säckchen Kaffee, eine halbe Schachtel Zucker, drei Dosen Sardinen, eine gepökelte Zunge, ein paar Kilo Kartoffeln und eine Kiste Bier", meldete der erste Leutnant. „Das reicht nicht für eine einzige Mahlzeit für die Leute." „Haben wir keine Bohnen an Bord, keinen Speck, keinen Reis?" Run ging es mit dreißig Knoten gegen Süden. Sonnenaufgänge aus offener See, funkelndes Entbrennen! Weihe Orgelküste, aufgebäumt aus ' tiefblauem Meer! Sonnenuntergänge in offener See, zischendes Erlöschen der goldenen, glitzernden, dreimal rotglühenden Wunderherrlich- leit! In der Abenddämmerung gingen wir in einem engen Kanal zwischen , mattgrünen Inseln vor Anker. Eine Fischerbarke kam längsseits. Wir i erhandelten etliche Bottiche voll des frischen Fanges, silberglänzende Fische, die mir auf der Kohlenschaufel im Kesselfeuer brieten und freihändig ver- ! zehrten. Luftiges Piratenleben! Die Kehrseite? Hol' der Henker alle Kehr- | feiten! Ich war damals neunzehn Jahre alt und mit Leib und Seele dabei. ; Am nächsten Tage bei sinkender Sonne liefen wir in den blauen, lang- s gestreckten Fjord von Cattaro ein. Aus schmalem Uferstreifen blühten s Orangen- und Mandelbäume, breiteten Pinien die weitschattenden Kronen, < wiesen Zypressen wie dunkle Zeiger hinauf zu den schneebedeckten Hängen : wilder Gebirgszüge. Mit geballter Faust drohte der Lovcen, das Bollwerk der Schwarzen Berge. Aus verkommenen Fischerdörfern, nahe dem Ufer, traten hier und dort Warmorfassaden altvenezianischer Billen. In Teodo legten wir an und ergänzten noch in der Nacht die Kohlenvorrüte. Was die Bunker faßten, wurde hineingestopft: schwarze Briketts, die von Hand i zu Ha»d geflogen kamen, Stück für Stück zehn Kilogramm schwer, geworfen, twfgefangen. Weitergeworfen — da spürst du deine Muskeln, Junge! Kohlengeschwärzt, mit roten Zungen über rote Mäuler leckend, schwarz bis in den Schlund hinab wie die leibhaftigen Teufel, mit roten Augen, weihe Schweißbahnen über Stirn und Brust, tränten wir gierig , aus den Blechkannen lauwarmes Wasser, spülten den Dreck hinunter, schassten weiter, brüllend, singend, lachend, immer schwärzer. Nachher gibt es Süß wasser und Seife, aber in den Augenwimpern, da bleibt es tagelang hängen. Du kriegst einen interessanten Blick, wie in Pola dort oben aus dem Etwa Capitolino die Mädchen, die an Landgangstagen mit den Seeleuten schäkern. Nur nicht drängen, je>der kommt dran! Das ist auch Dienst, mein Lieber! Dagegen ist Kohlenschleppen das reine Kinderspiel, sagt der Bootsmann, sagt der Maschinenmeister, sagt der zweite Leutnant, sagt der erste Leutnant, sagt der Kommandant, und alle fünf lachen, weil wir's nun geschafft haben. Am Hydranten auf dem Molo unter der - Bogenlampe stehen wir nackt und reiben einander gegenseitig mit Sand und Seife. Armdicke Strahlen Seewassers speit die Dampfpumpe über Deck. Barfuß, die Hosenbeine bis über die Knie hinaufgerollt, watet dort der Bootsmann umher und jagt nach Kohlenspuren. Ja, der Bootsmann! Seiler hieß er und war aus Baden bei Wie». Sie hatten ihn, den Tunichtgut, seinerzeit als Schiffsjungen in die Marine gesteckt. Noch auf Segelschiffen hatte er den Dienst gelernt. Jetzt verstand er ihn. Wenn er nüchtern war, sprach er die derbste niederösterreichische Mundart; war er aber besoffen, so konnte er nur italienisch. Außer ihm und mir bewohnten die winzige Maatsmesse im Achterschiff noch der Torpedomeister Horvath und Bukovic, der Geschützmeister. Der Ungar war ein schmucker Bursche, der sich darauf verstand, in jedem Hasenplatz spätestens eine Stunde nach der Landung eine Bekanntschaft zu haben. Ernst und bedächtig war der Kroate, tüchtig, verläßlich, im Dienst ergraut. Er besaß drei schöne Töchter, schwor auf die Tugend feiner Kinder und war auf der Suche nach Ehemännern für sie unter den längerdienenden Unteroffizieren mit guter Konduiie. Als wir sauber waren, war es schon Morgen. Graue Nebelschwaden krochen die Berge herab, und es begann zu regnen. Wir hatten Order, sofort wieder auszulaufen und auf Hoher See vor der montenegrinischen und albanischen Küste zu kreuzen. Warum, weiß ich nicht. Wahrscheinlich als Blockadsdrohung. Während wir durch die Bucht hinausfuhren, war noch alles ruhig. Als wir aber Punta d'Ostro passiert hatten, merkten wir die Bescherung. Mit flatterndem Wolkenburnus tarn er dahergejagt, Afrikas Samum, Sirokko, der Wüstenwind. Wie eine Kavalkade heranbrausender Araberhengste stoben die Wellen in seinem Gefolge. Wie Blitz und Rauch von Schüssen stäubte es aus windzerfetzten Wellenkämmen. Die bewimpelte Lanze des Mastes hochgereckt, stürzte sich „Uhlan" in das Reitergefecht. Wie Sand der Wüste prasselten die Regentropfen an des : Renners stählerne Flanken. Rechts oder links tief ans dem Sattel sich * beugend, hieb der graue Reitersmann mit der Schneide des Vorderstevens ■ die Feinde mitten auseinander ober rannte sie durch und durch, daß ihm der Gischt von den Kaminen troff. Dem ersten aufgeregten Ansturm der leichten Streitkräfte folgten die schweren, langen, tiefausgreifenden Wogen. Nun ging's hinauf und hinab, immerzu hinauf und hinab, zwölf Tage lang. Dabei immer sechs Stunden Dienst unb sechs Stunden frei, abwechselnd, Tag und Nacht, zwölfmal vierundzwanzig Stunden, zwei- Dem ersten Leutnant war nichts davon bekannt. Bermutlich schwammen diese Nahrungsmittel, wenn sie uns zugedacht gewesen waren, noch in Pola auf einer Lastschute umher. Man holte den Lieferschein des Prooiantmagazins. Darauf stand nichts von Speck, Bohnen ober Reis, Aber zehn große Laibe Edamer Käse muhten an Bord sein. „Na also," sagte der Kommandant, „müssen die Leute halt einen Dag von Käse leben. Morgen ist ohnedies Karfreitag, und am Samstag dürfen wir wieder einlaufen. Meinetwegen können sie unser Bier und unsere Kartoffeln dazu haben." Das war in doppelter Hinsicht christlich gesprochen und einfach gesagt. Wo aber waren die Käse? In der Proviantkammer waren sie nicht, dar griff ein Blinder. In den Mannschaftsräumen und in den Messen waren sie auch nicht, dort wurde von der halben Bemannung eifrig gesucht. In der Maschine ober in den Kesselräumen? Unmöglich! Nun war guter Rat teuer. Nacheinander verschwanden der Geschützmeister in der Munitionskammer, der Bootsmann im Bootsmannsdepot, der Torpedomeister in seinem Revier, der Maschinenmeister sogar in den stark gelichteten Kohlenbunkern. Mit roten Köpfen erschienen sie nach einer Weile wieder. Keiner hatte Käse gefunden. Der Bootsmann meldete den Mißerfolg dem zweiten Leutnant, der zweite dem ersten, der erste dem Kommandanten. Der fluchte nur deshalb nicht das Blaue vom Himmel herunter, weil nichts Blaues am Himmel war. Er sagte, jetzt gehe er selber suchen, und ließ sich von der Brücke ablösen. Im triefenden Oelzeug kletterte er zuerst ins Bootsmannsdepot hinab. Kaum war er unten, rief er schon: „Seiler!" „Befehlen, Herr Kommandant!" antwortete der Bootsmann und kletterte ihm nach. „Da liegen doch die Käse!" „Das — das sind Käse?" „Na, was denn sonst?" x „Das sind doch Bojen!" „Seiler, Sie sind ein Rindvieh. Wenn es Ihnen nicht recht ist, daß ich Sie so genannt habe, dann beschreiten Sie den Beschwerdeweg! Das sind Käse. Aber wie sehen denn die aus? Nehmen Sie Ihre Bojen einmal auf Deck hinauf!" Schnaufend vor Aerger und Verlegenheit erschien der Bootsmann und hißte in einer Hängematte die zehn Kugeln empor, die in unwahrscheinlicher, funkelnder Röte glänzten, gleißten und spiegelten, als wären au» der Lucks zehn rote Sonnen aufgegangen. „Rindvieh," murmelte Seiler sehr gekränkt vor sich hin, „Rindvieh hat er gesagt — Bojen — Käse — Rindvieh — Käse — Bojen —" „Ostereier," sagte der Kommandant, der lachend den Kopf aus der Luke streckte. „Glauben Sie, daß der Osterhase die im Galopp in Ihrem Depot verloren hak, oder geht Ihnen endlich eine Gasfabrik auf? Zeit wäre es allmählich!" „Formaggio, formaggio! Ecco il formaggio!11 schrie der Koch und kam aus der Kombüse geschossen. Das lange Messer über dem Kops schwingend, führte er aus dem hin- und herrollenden Deck einen wilden Kriegstanz um die Gruppe aus. „Pittura, pittura!“ jubelte er, als er den glänzend gefirnißten roten velfarbeanstrich erkannte, mit dem der Bootsmann die vermeintlichen Korkschwimmer hatte versehen lassen, weil sie ihm vorher so unansehnlich erschienen waren. Wie ein Blitz fuhr die Waffe nieder und spaltete eine von Seilers Bojen mitten durch. Noch zwei Schnitte, und mit graziöser Verbeugung überreichte der Koch dem Kommandanten »nd dem Bootsmann je eine Kostprobe. Lachend und kauend erstieg jener wieder die Brücke. Es lachte der erste Leutnant, der zweite Leutnant, der Maschinenmeister, der Geschützmeister, der Torpedomeister, die ganze Bemannung nach Rang und Dienstweg. Der Koch bemächtigte sich der Beute und verlangte zwei Mann Hilfe zum Farbeabkratzen. Seiler war „ftuff". Grollend saß er allein in der Ecke der Messe, wo wir das Fäßchen Lissaner seefest belegt hallen. „Bojen — Rindvieh — Ostereier — Käse — Himmelkreuzbombenetement Fixiaudonhallelujah — Corpo di Bacco — Crepa bestia! — Guai! Va in malora! — Formaggio — Boje — Formaggio —" Nachdem er also die Sprachgrenze überschritten hatte, beruhigte er sich allmählich. Aus Kohlenmangel lief „Uhlan" in der folgenden Nacht in Teodo ein, und am Karfreitag kriegten wir doch noch Stockfische mit Kartoffeln, wie das in der k. u. k. Kriegsmarine am Karfreitag immer der Brauch gewesen ist von ihren Anfängen bis zu ihrem Ende. Verantwortlich: Ur. Hans Thyriot. — Truck und Verlag: Drühl's^> iluiversllStL-Buch- und 6teinbtudetei, 2L Lange, Gießen-